Aus Berg und Tal: Charakterbilder aus dem schweizer. Bauernleben

Part 8

Chapter 83,660 wordsPublic domain

Nun war das Erstaunen auf seite der Meisterin, und das erste, was ihr bei der Erzählung Maries durch den Kopf fuhr, war der egoistische Gedanke, ihre treue Magd verlieren zu müssen. Doch sprach sie diesen Gedanken nicht aus; denn die angeborene Gutmütigkeit und ihr Wohlwollen gegen Marie siegten schnell über den anfangs sich regenden Eigennutz. Ein wenig machte sich auch der Stolz bei ihr geltend in dem Gedanken, selbst am meisten dazu beigetragen zu haben, daß Marie das geworden war, was sie heute so begehrenswert erscheinen ließ.

»Liebes Kind,« sprach sie, »Du weißt, daß ich stets wie eine Mutter an Dir gehandelt und auch in dieser Sache gewiß nur Dein Bestes im Auge habe. So wirst Du es also auch nicht als eine leere Redensart betrachten, wenn ich Dir sage, daß Dir durch den Antrag des Herrn Verwalters ein Glück widerfahren ist, das Du nicht von der Hand weisen solltest. Deine Zweifel, die Du mir gegenüber geäußert hast, kann ich nicht gelten lassen. Es freut mich zwar, daß Du Dich nicht kopfüber, ohne zu überlegen, in die Ehe stürzen willst, aber gar zu bescheiden brauchst Du auch nicht zu sein. Wenn Du auch kein Barvermögen besitzest, so fallen dagegen andere Deiner Eigenschaften umso mehr in die Wagschale. Deine Treue, Deine Arbeitslust, Dein Sinn für Ordnung und Reinlichkeit und Dein munteres Wesen gelten in den Augen des Herrn Verwalters mehr als Geld und Gut und gerade das Vorhandensein dieser Wertschätzung solcher Eigenschaften bietet die beste Gewähr für Euer zukünftiges Glück. Mein Rat geht also dahin, Deine Zweifel niederzuschlagen und den Antrag anzunehmen, und ich glaube bestimmt, daß es Euch beiden so gut gehen wird, wie Ihr es in der Tat verdient. Mit meinem Glückwunsch will ich aber gleich eine Mahnung für Dich verbinden, die Du nicht vergessen darfst, sie lautet: Werde nicht stolz. Die Bescheidenheit, die als Magd Dich zierte, behalte bei auch als Frau Verwalter; nichts steht einer Bauersfrau, ob sie so oder anders tituliert werde, weniger gut an als der Stolz. Schaue nie mit Ueberhebung auf Deine Untergebenen herab, dann wirst Du von ihnen gerade so geachtet werden, wie der Herr Verwalter heute geliebt und geschätzt wird von seinen Dienstboten, in deren Mitte er einst selbst gedient hatte. Bedenke auch, daß es Deine Pflicht sei, namentlich auf jüngere Leute erzieherisch einzuwirken, ihnen mit dem guten Beispiel voranzugehen und sie so zu brauchbaren, braven Dienstboten zu machen. Es ist meine feste Ueberzeugung, daß der Mangel an guten landwirtschaftlichen Arbeitskräften nicht zum wenigsten daher rührt, daß keine solchen erzogen werden. Das, liebe Marie, sind einstweilen diejenigen Ratschläge, die ich Dir geben möchte, falls Du das Anerbieten annimmst und Frau Verwalterin wirst.«

Auch der Bauer, als er von dem Vorfall Kunde erhielt, war der gleichen Meinung wie seine Frau; auch er sagte, daß das Zurückweisen eines solchen Antrages gleichbedeutend wäre mit einem leichtsinnigen Verscherzen seines Glückes.

So gab denn Marie dem Johannes ihr Jawort und knüpfte nur daran noch die Bedingung, daß auch seine Eltern mit seiner Wahl zufrieden seien; denn nie solle es auch nur den Anschein haben, als hätte sie sich in eine wohlhabende Familie hineindrängen wollen.

Johannes konnte ihr über diesen Punkt sofort zufriedenstellende Auskunft geben; denn schon bevor er bei Marie seine Werbung angebracht, hatte er seinen Eltern geschrieben und ihren Rat eingeholt.

Der alte Wachter, der mit Johannes von Anfang an etwas höher hinaus wollte, war mit dessen Wahl zuerst nicht ganz einverstanden, zuletzt mußte er aber selbst zugeben, daß Reichtum nicht diejenige Eigenschaft einer Frau ausmache, auf die zuerst gesehen werden müsse. Auch er schätzte die Tugenden, die Marie nach den Angaben seines Sohnes hatte, und namentlich für einen Bauer, als bedeutend wertvoller denn eine reiche Mitgift, und so meinte er selbst, daß sein Johannes glücklich werden könne mit der von ihm erwählten Braut, und gegen das Glück seiner Kinder wolle er nichts unternehmen.

So waren denn alle Hindernisse beseitigt, die Verlobung konnte gefeiert werden, und als Marie noch einen Kurs an einer Haushaltungsschule durchgemacht hatte, zog sie als Frau Verwalter auf dem Gutshofe ein.

II.

Johannes hatte mit seiner jungen Frau bereits mehrere Jahre das ihm unterstellte Gut verwaltet, und war in dieser Zeit so mit seinem Wirkungskreise verwachsen, daß er gar nicht mehr daran dachte, einen eigenen Hof zu erwerben. Das Verhältnis zwischen ihm und seinem Herrn war ein so schönes, daß es ihn nicht sonderlich drängte, seine gesicherte Existenz mit einer andern zu vertauschen.

Da trat auf einmal ganz unverhofft ein Ereignis ein, das seinem friedlichen Wirken einen argen Stoß versetzte.

Bei einem Unfall, den der Gutsherr erlitt, büßte dieser sein Leben ein. Seine drei Söhne beschlossen, das Gut weder zu verteilen noch zu veräußern, sondern es gelegentlich als Landaufenthalt zu benützen und sich in den Ertrag, den es abwarf, zu teilen.

So bekam Johannes nun statt eines Herrn deren drei, und zwar solche, deren Beruf weit ab von dem des Landwirtes lag. Wenn nun zwar auch keiner direkt in den Gutsbetrieb hineinregieren wollte, so hatte doch jeder Wünsche, die sich manchmal nicht mit der rationellen Bewirtschaftung in Einklang bringen ließen.

Es ist begreiflich, daß dieser Besitzwechsel manche Verdrießlichkeit für den Verwalter im Gefolge hatte, und Frau Marie bemerkte öfters, daß sich eine Wolke auf der sonst so heiteren Stirne ihres Mannes lagerte, die zu zerstreuen ihr mit all ihrem Liebreiz nicht immer gelang.

Als deshalb Johannes nach und nach wieder auf seinen alten Plan zurückkam, ein eigenes Gut erwerben zu wollen, unterstützte sie denselben lebhaft, und die Suche nach einem geeigneten Kaufobjekt begann.

An Angeboten fehlte es nicht. In allen Landesgegenden waren große und kleine Bauerngüter feil, und gar bald begann für Johannes die Qual der Wahl. Als Verwalter hatte er sich an große Verhältnisse gewöhnt, und es wäre deshalb nur zu natürlich gewesen, wenn er sich für einen größeren Betrieb entschieden hätte. Seine praktischen Erfahrungen und die Lehren, die er in der Schule erhalten hatte, waren indessen bei ihm zu tief gewurzelt, als daß er die Klugheit seinen persönlichen Liebhabereien geopfert hätte. Er sagte sich, daß der Grundsatz, die verfügbaren Mittel allein über die Größe des zu erwerbenden Gutes entscheiden zu lassen, der allein richtige sei.

So entschied er sich denn für den Lindenbühl. Johannes mußte zwar zugeben, daß dieser Besitz seine Vorteile und Nachteile hatte, aber er sagte sich, daß es ihm schwerlich gelingen könnte, ein Gut zu finden, an welchem es nicht das oder jenes auszusetzen gebe. Für den Erwerb des Lindenbühls sprachen hauptsächlich die geeignete Größe, die günstige Lage, der gute Boden und der verhältnismäßig billige Kaufpreis. Bei sofortiger Barzahlung behielt Johannes noch genügend Kapital, um das sehr vernachlässigte Anwesen wieder einigermaßen in den Stand zu setzen, die mangelhaften Einrichtungen zu ergänzen und den Betrieb rationell zu regeln.

Das alles hatte er genau überlegt und berechnet, und erst nachdem alles, was für und gegen den Kauf sprach, genau abgewogen war und sein Vater den Hof besichtigt und ebenfalls für den Erwerb eintrat, wurde die Angelegenheit perfekt.

Nach erfolgter Kündigung verließ er seine Stelle und siedelte nach Haldenburg über, um vom Lindenbühl Besitz zu ergreifen, und dort als selbständiger Bauer ein neues Arbeitsfeld zu eröffnen.

Vorerst kümmerte sich Wachter um nichts anders, als um sein Heimwesen, und da gab es wahrlich genug zu tun; denn, wie wir schon wissen, hatte der frühere Besitzer sehr schlecht gewirtschaftet, zuletzt alles, was irgend anging, zu Geld gemacht, das übrige aber verlottern lassen. Zum Glück waren die Gebäude ziemlich gut im Stande; sie waren zwar äußerst schlicht und einfach, und mancher Landwirt, der in so guten Verhältnissen sich befunden hätte wie Johannes, hätte sich gewiß mit dem Gedanken getragen, wenigstens einen Teil der alten Bauten abzutragen und etwas schöneres, der Neuzeit entsprechenderes an ihre Stelle zu setzen. Unser Wachter aber begnügte sich, die notwendigen Reparaturen durchzuführen. Er wußte, daß das Gebäudekapital bei der Landwirtschaft das allerunproduktivste sei. Die alten Ställe und Scheunen erlaubten ihm, das Vieh und die Produkte gut unterzubringen, und das genügte ihm vollständig. Daß das ganze von außen nicht gerade luxuriös aussah, kümmerte ihn nicht so viel. Lieber als für Neubauten, wollte er sein Betriebskapital dazu verwenden, den Boden produktiver zu machen, und dadurch dafür zu sorgen, daß er die alten Ställe und Vorratsräume wenigstens füllen konnte.

Einigen Aufwand leistete er sich einzig bei der Instandstellung seiner Wohnung. Da ließ er seiner Frau freien Spielraum, wohl wissend, daß sie die richtige Grenze einhalten werde zwischen unnötigem Luxus und unangebrachter Sparsamkeit.

Nach dem gleichen Prinzip wie bei der Renovation der Gebäude verfuhr Johannes bei der Einrichtung seines ganzen Betriebes. Praktisch und gut unter Verpönung jeden Luxus, das war auch hier sein Grundsatz.

Dem jetzigen Ertrag des Gutes entsprechend, füllte er seinen Stall mit leistungsfähigem Vieh, bei dessen Ankauf er nicht knauserte. Später gedachte er durch Anlegung von Kunstwiesen und durch eine rationelle Düngerwirtschaft den Futterertrag bedeutend zu steigern und dementsprechend den Viehstand zu vermehren. Die vorhandenen Geräte und Betriebseinrichtungen waren größtenteils sehr mangelhaft und unzureichend. Da wurde denn alles so ergänzt, daß nicht unnötige Arbeitskraft verschwendet werden mußte, und zugleich eine Arbeit geleistet werden konnte, die einen vollen Erfolg erhoffen ließ. Großes Gewicht wurde auch darauf gelegt, Einrichtungen zu treffen, um die erzielten Produkte bestmöglich verwerten und alles gut ausnützen zu können.

So stellte denn das Gehöft unseres Wachter bald, trotz aller Einfachheit und Schlichtheit, ein Bauerngut dar, das ganz den Anforderungen der Neuzeit entsprach, das bei der herrschenden Ordnung und Sauberkeit einen wohltuenden Eindruck machte und vorteilhaft abstach von der im Dorfe herrschenden Unordnung und Nachlässigkeit.

Die Haldenburger verfolgten alles, was auf dem Lindenbühl vorging, mit Mißtrauen, und wo man von Wachters redete, geschah es mit Spott und unter Anwendung fauler Witze. Daß es dieser Herrenbauer, trotz all seiner Studiertheit, nicht lange treiben werde mit seinen neumodischen Ideen, wenn er nicht ein steinreicher Mann sei, darüber schienen alle einig zu sein. Johannes machte im Anfang auch einige Mißgriffe, welche aus der ungenügenden Kenntnis der örtlichen Verhältnisse hervorgingen. Das war dann Wasser auf die Mühle der Spötter, und es hieß dann gleich allgemein, da sehe man es, wie weit man komme mit solch gelehrten Firlefanzereien.

Zuerst kümmerte sich Johannes gar nicht um das, was man im Dorfe über ihn dachte oder redete; er lebte nur für sich und tat, als ob niemand weiter für ihn existiere. Bald aber mußte er einsehen, daß er da einen falschen Weg eingeschlagen habe, auf dem man nur sehr mühsam und auf großen Umwegen ans Ziel gelangen könne. Er sah sich bald vor Aufgaben gestellt, die allein zu erfüllen ihm nicht möglich war. Auch merkte er gar bald heraus, wie schädigend eine schlechte Gemeindeverwaltung in den einzelnen Landwirtschaftsbetrieb hineingreifen könne, und zur rechten Zeit erinnerte er sich daran, daß sein Vater ihn einst gelehrt habe, nicht nur an sich selbst zu denken, und auf den eigenen Vorteil bedacht zu sein, sondern auch das Allgemeine im Auge zu haben, und zu arbeiten an der Hebung des gesamten Bauernstandes.

Er schämte sich jetzt, daß er in seinem Stolze sich hoch erhaben geglaubt habe über seine Nachbarn, die doch auch seinesgleichen waren, und die gewiß auch zum Fortschritt zu bekehren seien, wenn man nur den richtigen Weg einschlage. Er dachte daran, was sich alles erreichen ließe bei solch günstigen klimatischen Boden- und Absatzverhältnissen, wie sie Haldenburg aufwies, und es schien ihm jetzt unerklärlich, wie er nur einen Augenblick hatte von seiner Pflicht abweichen können. Freilich durfte er sich nicht verhehlen, daß es unsägliche Mühe kosten werde, gegen den tiefeingewurzelten Schlendrian, der sich seit altersher in Haldenburg breitmachte, anzukämpfen und einem gesunden Fortschritt zum Siege zu verhelfen. Am meisten würden sich wohl die Reichen und die Dorfmagnaten dagegen wehren, und weil die Aermeren von den Wohlhabenden mit der Zeit stark abhängig geworden seien, so werde er auch bei diesen einen schweren Stand haben. Der Nutzen aber, der für ihn und das ganze Dorf aus einem Umschwung zum Besseren resultieren müßte, dünkte ihm eines Kampfes wohl wert, und so beschloß er denn, das große Werk zu beginnen.

Ueberstürzen durfte man die Sache nicht, wenn man ans Ziel gelangen wollte, das merkte Johannes gleich. Er tat deshalb einstweilen auch nichts weiter, als daß er sich hie und da mit dem einen oder dem andern seiner Nachbarn in ein Gespräch über allgemeine landwirtschaftliche Zustände einließ. Dabei vermied er es ernstlich, sich als Besserwisser aufzuspielen oder die Verhältnisse und Maßnahmen anderer zu kritisieren. Hauptsächlich aber gedachte er, das gute Beispiel wirken zu lassen und durch die eigenen Erfolge den Neid der andern zu erwecken, sie so zur Nachahmung zu veranlassen und also gleichsam aus einem Laster eine Tugend zu machen.

Gar bald zeigte es sich auch, wie richtig diese Voraussetzung gewesen war. Hatten die Haldenburger Bauern z. B. nur spöttisch zugesehen, als Johannes Kunstdünger auf einer Wiese ausstreute, so standen sie nachher, als der Erfolg sich zeigte, um so verblüffter an derselben Wiese, und meinten, die Sache sei doch nicht ganz so dumm. Keiner hätte sich aber herbeigelassen, bei Johannes anzufragen, wie es sich eigentlich mit dem Kunstdünger verhalte, ob es verschiedene Qualitäten gebe, wie er am besten angewendet werde u. s. w. Wohl aber probierte es einer auf eigene Faust; er wußte sich die Adresse eines Händlers zu verschaffen, verlangte von demselben einfach Kunstdünger, ohne nähere Bezeichnung der Qualität, und erhielt so eine ganz unpassende Marke, und dazu noch geringwertige Ware. Der Kaufmann mochte denken: Für einen Haldenburger sei es gut genug, die verständen es doch nicht besser. Der Bauer, der diesen Versuch machte, hatte den gleichen Erfolg erhofft, den Johannes mit seinem Kunstdünger erzielte, sah sich aber bitter enttäuscht, und schwur hoch und teuer, nie mehr etwas von diesem neumodischen Hokuspokus wissen zu wollen.

Unserm Johannes war die so klug eingeleitete Düngerprobe nicht verborgen geblieben, und er beschloß, dieselbe für seine Zwecke auszunützen. Als er deshalb einmal mit dem betreffenden Bauer im Wirtshaus zusammentraf, fragte er ihn möglichst unbefangen, was er für einen Erfolg erzielt habe mit dem angewendeten Kunstdünger. Der Mann, der glauben mochte, Johannes wolle ihn foppen, geriet in Zorn und warf ihm vor, daß er jedenfalls darauf spekuliert habe, daß man ihm seine Narrheiten nachmache und Spott und Schaden davontrage; leider sei einer so dumm gewesen, auf den Leim zu gehen, aber er brauche keine Sorge zu haben, daß es zum zweiten Male geschehe. Ruhig ließ Johannes die Vorwürfe über sich ergehen, suchte dieselben aber zu entkräften durch eine einfache, klare Belehrung über das Wesen, den Ankauf, die Anwendung und die Wirkung der Handelsdünger. Er schloß damit, daß er gerne von Anfang an bereit gewesen wäre, jedem, der sich um die Sache interessiert hätte, genauen Aufschluß zu geben; niemand aber habe eine Frage an ihn gestellt. »Es tut mir leid,« sagte er zu dem betreffenden Bauer, »daß Sie durch Ihre Unkenntnis der Sache zu Schaden gekommen sind. Ein noch größerer Schaden entsteht aber dadurch, daß jetzt ganz Haldenburg den Kunstdünger für Schwindel hält, trotz den augenfällig günstigen Resultaten, die ich mit demselben erzielte. So liegt aber die Gefahr nahe, daß bei uns ein sehr wichtiges Hilfsmittel zur Steigerung der Bodenerträge geraume Zeit nicht zur Anwendung kommen wird. Diese Gefahr muß abgewendet werden, und dazu ist es notwendig, daß Sie eine zweite Probe machen. Ich begreife zwar, daß Sie nicht noch einmal Geld für einen solchen Versuch auswerfen wollen; aber ich werde Ihnen die Sache erleichtern, und Ihnen ein Quantum geeigneten Kunstdüngers zur Verfügung stellen, den Sie dann unter meiner Anleitung anwenden. Damit hoffe ich, nicht nur das untergrabene Ansehen des Kunstdüngers wieder herzustellen, sondern auch eine günstigere Gesinnung gegen mich bei Ihnen zu erwecken.«

Diese Ausführungen hatten nicht nur den vorher so aufgebrachten Kunstdüngerfeind wieder besänftigt, sondern auch auf die andern im Wirtshause anwesenden Bauern einen guten Eindruck gemacht. Johannes beschloß, diese günstige Stimmung auszunützen, begann von allerlei Verbesserungen zu reden, die in Haldenburg durchgeführt werden könnten und führte an, wie wichtig es wäre, daß solche Sachen unter den Bauern besprochen und erörtert würden. Gerade die Angelegenheit mit dem Kunstdünger habe gezeigt, wie oft man nur zu geneigt sei, eine sehr wichtige Neuerung einfach als Schwindel zu erklären, bloß deswegen, weil man nichts davon verstehe. Eine einfache Aufklärung aber könne oft die Sache verständlich machen und die Zweifel zerstreuen. Er erzählte, wie segensreich gerade in dieser Hinsicht die landwirtschaftlichen Lokalvereine zu wirken imstande seien, hinzufügend, für wie nützlich er es halten würde, wenn auch in Haldenburg ein solcher Verein ins Leben gerufen würde. Alle Anwesenden nahmen diesen Vorschlag begeistert auf und baten Johannes, die Angelegenheit vorzubereiten und eine Versammlung einzuberufen zur Gründung eines Bauernvereins.

Eine solche Zusammenkunft wurde denn auch in den nächsten Tagen einberufen und Wachter, der sich von dem am Sonntag errungenen Erfolg blenden ließ, setzte große Hoffnungen auf diese Versammlung. Er hatte einen Statutenentwurf ausgearbeitet und gedachte eine zündende Rede zu halten, um, wie er meinte, das Eisen zu schmieden so lange es warm sei. Groß war daher seine Enttäuschung, als nur sechs Mann erschienen. Die »Großen« des Dorfes hatten von der Sache gehört und befürchteten, daß Johannes zu viel Einfluß erhalten könnte, wenn der Verein zustande käme. Es gelang ihnen noch rechtzeitig, die Sache zu vereiteln und dem »Fremden« ein Schnippchen zu schlagen.

Jeder andere hätte nun auf eine solche Niederlage hin den Mut sinken lassen, nicht so unser Johannes. Nachdem es ihm gelungen war, den Aerger zu unterdrücken, kehrte die gewohnte Energie wieder und er sprach zu den sechs anwesenden Männern, daß unter solchen Verhältnissen natürlich von der Gründung eines Vereins vorläufig keine Rede sein könne, daß aber auch ohne einen solchen ein halbes Dutzend Bauern mehr ausrichten können, als ein einzelner, wenn es ihnen nur nicht an gutem Willen fehle. Daß sie aber trotz aller Machinationen anders gesinnter hiehergekommen seien, halte er für den besten Beweis, daß es ihnen mit ihrem Streben nach Fortschritt auch wirklich ernst sei. Der herannahende Winter mit den langen Abenden biete Gelegenheit genug, zu überlegen und zu beraten, wie sie sich gegenseitig am besten in ihren Bestrebungen unterstützen können. Gelinge es ihnen, Vorteile zu erringen, so sei es sicher, daß sie bald Anhang erhalten werden, und daß in kurzem, trotz aller Anfeindungen, der Verein doch zustande kommen werde. Er lade sie ein, jede Woche an einem bestimmten Tag zu ihm auf den Lindenbühl zu kommen, um zu beraten, was getan werden könne, um eine Besserung sowohl ihrer eigenen, als auch der allgemeinen Haldenburger Verhältnisse anzubahnen. Das wurde beschlossen und zuversichtlich ging man nach Hause.

Johannes hatte in seinen neuen Anhängern Leute gefunden, die von ernstlichem Streben beseelt waren. Es waren durchwegs kleinere Bauern, aber vollständig unabhängig, so daß sie es nicht nötig hatten, sich am Gängelbande der Großen führen zu lassen. Sie erkannten gar bald, daß Wachter ein Mann sei, dem man vertrauen könne und der es gut mit ihnen meine. Die Diskussionsabende auf dem Lindenbühl wurden fleißig besucht und es begann ein ruhiges, aber zielbewußtes Arbeiten, dessen Früchte nicht ausblieben.

Die Hauptaufgabe des kleinen Klubs mußte vorerst darin bestehen, in ihren eigenen Betrieben Verbesserungen durchzuführen. An große öffentliche Fragen durften sie ja nicht herantreten. Mit kluger Berechnung blieben sie überhaupt allen großen Projekten fern. Sie sagten sich, daß sie nicht zu viel wollen dürfen; denn Mißerfolge könnten auch sie entmutigen und dann wäre alles verloren. Johannes belehrte bei den Zusammenkünften die Leute, wie sie durch eine rationelle Düngerwirtschaft ihre Güter ertragreicher machen können, wie sie auch mit dem kleinsten haushalten sollen und wie sie selbst noch aus allen Abfallstoffen, die sie bis jetzt nicht zu beachten gewohnt waren, noch Nutzen zu ziehen vermögen. Er zeigte ihnen, wie sie durch richtige Zeiteinteilung und strenge Ordnung in allen Dingen den Betrieb vereinfachen und müheloser gestalten können. Durch gemeinsamen Bezug von Kunstdünger, Sämereien, Futtermitteln u. s. w. verringerten sie ihre Auslagen, schützten sich vor Betrug und sicherten sich bessere Qualitäten. Zufällig hatte man gerade ein sehr gesegnetes Obstjahr, da legten sie die auf rationelle Art geernteten und sortierten Früchte zu gemeinschaftlichem Verkauf zusammen und erzielten, dank der guten Verbindungen, die Johannes hatte, viel höhere Preise, als die andern Bauern. Auf diese Weise ist es erklärlich, daß jeder schon im ersten Jahr einen großen Nutzen aus der zwanglosen Vereinigung davontrug. Das merkten jetzt natürlich auch die andern Bauern und manchen reute es, daß er an jenem Abend der Versammlung ferngeblieben war.

Wachter mußte sich sagen, daß er sehr viel erreicht habe, vielleicht sogar mehr, als wenn vor einem Jahr der Verein wirklich zustande gekommen wäre; denn »viel' Köpf', viel' Sinn'«. Bei einem größeren Verein hätte es gewiß auch solche gegeben, die der Sache zum mindesten nicht förderlich gewesen wären, oder gar als Radschuh am Fortschrittswagen figuriert hätten.

Es darf nun hier nicht verschwiegen werden, daß unterdessen auch Frau Marie nicht untätig geblieben war. Als treue Bundesgenossin ihres Mannes hatte sie seine Bestrebungen zu den ihrigen gemacht, und hatte jener bei den Männern Erfolge aufzuweisen gehabt, so konnte sie sich rühmen, dasselbe bei den Frauen erreicht zu haben.

War der Lindenbühl für die sechs Männer der Versammlungsort und der Mittelpunkt ihres Wirkens geworden, so ist es fast selbstverständlich, daß auch ihre Frauen hie und da dort verkehrten. Auch sie wollten etwas lernen, und Marie erteilte gerne Rat, wo sie konnte. Bald hatte sie Fragen zu beantworten die Küche betreffend, bald bildete die Milchwirtschaft den Mittelpunkt der Besprechung, oder es kam das Kapitel Hühnerzucht zur Erörterung, und als der Frühling herankam, trat die Gartenwirtschaft in den Vordergrund. Auf allen diesen Gebieten war ja Frau Wachter vollständig zu Hause und in aller Bescheidenheit erteilte sie Auskunft, ohne mit ihren Kenntnissen zu prahlen.

Bald genug wußte man im Dorfe auch noch von einer andern Tätigkeit Mariens zu erzählen, die sich ganz im stillen abspielte. Ihr gutes Herz und ihr Wohltätigkeitssinn trieben sie, die Not und das Elend zu mindern, wo sie es antraf. Hier sah man sie mit wohlgefüllter Schürze in die Hütte einer armen Wöchnerin eintreten, dort stand sie am Bette eines Schwerkranken, tröstend und helfend, wo sie konnte. Der Arzt und der Pfarrer wußten ihre Dienste und aufopfernde Mitarbeit dankbar zu schätzen, und manche genesende Person segnete das stille Walten, das vom Lindenbühl ausging. Lange bevor Johannes mit seinen Fortschrittsideen bei den Männern durchgedrungen war, zollte man seiner Frau allgemeine Achtung und Verehrung.