Aus Berg und Tal: Charakterbilder aus dem schweizer. Bauernleben

Part 7

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Wenn heute die blankgeputzten Fensterscheiben, das nett in Ordnung gehaltene Gärtchen und die ganze reinliche Umgebung des Gehöftes auf geordnete Zustände des Besitzers schließen lassen, so war das noch vor wenigen Jahren ganz und gar nicht der Fall. Damals gehörte der Lindenbühl einem Manne, der sich zwar auch Bauer nannte, sich aber in Wahrheit um den Stand seiner Wiesen und Aecker wenig kümmerte. Um der Arbeit besser ausweichen zu können, und um für sein Herumtreiben in den Wirtshäusern und auf den Märkten eine Ausrede zu haben, betrieb er den Viehhandel, der ihm aber häufiger Verlust als Gewinn einbrachte; denn auch beim Handel ist es mit hohlen Redensarten und prahlerischem Wirtshausgeschwätz nicht getan. Gewandtheit und Energie aber gingen ihm ab. So kam er immer mehr zurück, die Schuldenlast, welche auf seinem Heimwesen ruhte, wurde immer größer, und zuletzt kam es so weit, daß ihm alles versteigert wurde, und er mit seiner Familie im Hauszinse wohnen und als Taglöhner seinen Unterhalt verdienen mußte.

Den Lindenbühl erwarb nun ein junger Landwirt, der bisher auf einem größeren Gute eine Verwalterstelle innegehabt hatte, aber schon lange darnach trachtete, ein eigenes Heimwesen zu kaufen, auf dem er nach eigenem Gutdünken schalten und walten könne.

Johannes Wachter, so heißt der jetzige Bauer auf dem Lindenbühl, ist der jüngste Sohn eines sehr vermöglichen Bauern, der einen großen Hof im Kanton Thurgau besitzt.

Weil Johannes sich schon in der Schule durch große Intelligenz und emsigen Fleiß im Lernen auszeichnete, so hätte es sein Vater gerne gesehen, wenn er sich hätte zum Studieren entschließen können. Es hätte dem alten Wachter geschmeichelt, wenn sein Jüngster dereinst Pfarrer, Arzt oder gar Advokat geworden wäre. Johannes wollte indessen davon nichts wissen, und er bat den Vater, ihn nicht in einen Beruf hineinzwingen zu wollen, zu dem er keine Neigung verspüre. »Ich bin bei der Landwirtschaft aufgewachsen,« sagte er, »und möchte auch beim Bauernstand verbleiben. Du hast ja schon oft selbst behauptet, daß ein rechter Bauer auch ein heller Kopf sein müsse; es widerspricht also Deinen eigenen Ansichten, wenn Du mich der Landwirtschaft entfremden willst, nur weil ich zufällig in der Schule etwas weiter voran bin als mancher andere. Schau, solche, die sich dem Studium zuwenden, gibt es schon genug; hingegen wird allenthalben geklagt, daß sich niemand mehr mit der Landwirtschaft abgeben will. Zeige deshalb, daß Du Deinen Beruf hoch hälst, und Deine Söhne das werden lässest, was Du selber bist, nämlich richtige, schlichte Bauern, die zeigen wollen, daß auch heute noch die Scholle ihren Besitzer nährt.«

Vater Wachter war wirklich ein Bauer, der, wie man sagt, mit Leib und Seele an seinem schönen Berufe hing. So konnte er nicht anders als Freude haben an solchen Aeußerungen seines Sohnes, und gerne gab er ihm die Einwilligung, ein Landwirt werden zu dürfen, obwohl er anfänglich der Meinung war, daß es genüge, wenn einer seiner Söhne sich dem Bauernstande widme, um dereinst den Hof übernehmen zu können. Es erfüllte ihn auch stets mit Stolz, daß Franz, sein Aeltester, in dieser Beziehung ganz seinen Wünschen entsprach. Zu Johannes aber sprach er: »Es fällt mir nicht ein, Dich zum Studieren zwingen zu wollen, wenn Du nicht Lust dazu hast, und daß Du gerade so große Neigung verspürst, ein Bauer zu werden, obwohl Dir im ganzen auch die Leiden und Unannehmlichkeiten, die dieser Stand mit sich bringt, bekannt sind, das freut mich; denn es gibt mir den Beweis, daß es Dir ernst ist mit Deiner Wahl. Wenn ich nun endgiltig Deiner Bitte Gehör schenke, so mußt Du mir auch versprechen, daß Du alles daran setzen willst, in allen Teilen ein rechter Bauer zu werden. Die heutige Zeit erfordert für unsern Beruf ganze Männer, die über ein vollgerütteltes Maß von Kenntnissen verfügen und dieselben mit Fleiß und Energie stets am rechten Orte anzuwenden wissen. Werde aber nicht nur ein rechter Bauer, sondern im ganzen ein guter, rechtschaffener Mensch; erfülle stets getreulich Deine Pflichten in der Familie, in der Gemeinde und im Staate. Es ist ein schwerer Irrtum, wenn mancher Bauer glaubt, er habe nur auf sich selbst zu schauen, die Interessen anderer aber gehen ihn nichts an. Manche schöne Ziele der Landwirtschaft lassen sich eben nur gemeinsam erreichen. Zeige deshalb stets einen gemeinnützigen und genossenschaftlichen Sinn und bedenke, daß Du, indem Du andern hilfst, Dir selbst auch Hilfe sicherst. Halte nie mit Erfahrungen und Beobachtungen hinter dem Berg; denn indem Du andere belehrst, arbeitest Du an der Hebung des bäuerlichen Berufes und kommst so selbst auf eine höhere Stufe. Auf politischem Gebiete verfechte stets die Sache der Landwirtschaft und halte treu zu ihrer Fahne; vertraue unsern Führern, sie meinen es gut und wissen, wo die Bauern der Schuh drückt. Mehr will ich Dir heute nicht sagen; es wird noch oft genug Gelegenheit geben, wo Dir meine väterlichen Ermahnungen und Winke nützlich sein können.«

Es wurde nun einstweilen nicht mehr viel über die Sache gesprochen, und Vater und Sohn betrachteten die Angelegenheit als endgiltig beschlossen.

Als Johannes die Realschule seines Heimatortes absolviert hatte, verblieb er vorerst im väterlichen Hause, um unter Anleitung seines Vaters die wichtigsten landwirtschaftlichen Arbeiten gründlich kennen zu lernen. Diese grundlegende Praxis -- so meinte Vater Wachter -- sei notwendig, um mit Erfolg eine landwirtschaftliche Winterschule besuchen zu können.

»Ich halte nicht viel davon,« sagte er zu Johannes, »wenn Bürschchen, welche den Ernst der Arbeit noch nicht kennen, in solche Schulen eintreten. Auch den eifrigsten und fleißigsten dieser jungen Schüler wird es an dem notwendigen Verständnis für die theoretischen Wissenschaften fehlen, und sie werden nur zu oft geneigt sein, manches für nebensächlich und weniger notwendig zu halten, was doch für eine der heutigen Zeit entsprechende Praxis von großer Wichtigkeit ist. Die theoretische Bildung eines Landwirtes ist heutzutage von so großer Bedeutung, daß man sich ihr mit vollem Eifer widmen muß, und das kann nach meiner Ansicht nur dann geschehen, wenn man den Ernst des Lebens schon kennt. Lerne deshalb erst praktisch arbeiten, und Du wirst sehen, daß Du dann Deine Lehrer viel besser verstehen kannst, weil Du einsiehst, wie wichtig ihre Lehren für Deine spätere Praxis sind.«

Johannes sah ein, daß sein Vater recht hatte. Er gab sich Mühe, alle Arbeiten, die man ihm auftrug, richtig auszuführen und sich Uebung zu verschaffen. Oft genug kam es freilich vor, daß ihm selbst einfache Hantierungen nicht gelingen wollten. Da hieß es dann probieren, bis es ging. Bei solchen Gelegenheiten trat dann oft der Vater hinzu und machte ihn auf diesen oder jenen Vorteil aufmerksam, mit dem die Sache angefaßt werden mußte, und auf dessen Anwendung oft genug das Gelingen beruhte. Der alte Wachter bestand überhaupt darauf, daß alles gründlich gemacht wurde, und duldete auch bei seinen Söhnen nicht, daß sie über Ungenauigkeiten einfach hinweggingen. So sprach er einmal ermahnend zu Johannes:

»Schau, Du mußt Dich von Anfang an schon daran gewöhnen, alles recht zu machen. Halbe Arbeit ist keine Arbeit. Weil Du dieses oder jenes erst lernen mußt, wirst Du längere Zeit dazu gebrauchen; das schadet jedoch nichts, wenn's nur schließlich recht herauskommt. Ein großer Fehler aber wäre es, wenn Du schnell über eine Arbeit hinweg hasten würdest, nur um sie so schnell zu Ende zu führen wie ein geübter Knecht. Der Wert der Arbeit eines Lernenden liegt nicht in der Quantität, sondern in der Qualität. Wer sich das Pfuschen einmal angewöhnt, der bleibt sein Leben lang ein Pfuscher; ein solcher aber taugt in der Landwirtschaft so wenig als in jedem andern Beruf.«

Solche und ähnliche Ermahnungen und Lehren erteilte der Vater seinem Sohne stets, wenn sie miteinander arbeiteten oder am Sonntag einen Spaziergang durch Wald und Flur machten, und der Samen solcher Unterweisungen fiel bei Johannes auf einen fruchtbaren Boden. Er gewöhnte sich unter der väterlichen Leitung daran, über jede Arbeit nachzudenken und nicht nur mechanisch in den Tag hinein zu arbeiten. Wer ihm bei der Arbeit zusah, der merkte gleich, daß er mit Lust und Liebe dabei war, und mußte sich sagen, daß er das Zeug habe, um dereinst ein tüchtiger Bauer zu werden.

So waren denn zwei Jahre verstrichen und Johannes hatte in dieser Zeit in den meisten landwirtschaftlichen Arbeiten eine derartige Fertigkeit erlangt, daß er es bald mit einem tüchtigen Knecht aufnehmen konnte. Der Vater meinte, es wäre jetzt an der Zeit, daß sein Sohn eine landwirtschaftliche Winterschule besuche, und Johannes war mit Freuden dazu bereit.

Weil sein älterer Bruder schon früher die gleiche Schule besucht hatte, in die auch er nun eintreten sollte, so wußte er im großen und ganzen schon, wie es in einer solchen Anstalt zugeht; trotzdem aber fand er sich bei seinem Eintritt wie in einer fremden Welt. In gar vielen Sachen, in denen er zu Haus seine Eltern hatte sorgen lassen, fand er sich jetzt auf sich selbst angewiesen. Das Internat, die strenge Disziplin und Hausordnung, die pünktlich nach Minuten abgemessene Zeiteinteilung, die ganz andere Kost u. s. w. waren alles Dinge, die ihm ganz ungewohnt vorkamen. Johannes hatte sich indessen von Anfang an vorgenommen, sich in alles zu fügen, eingedenk des Sprichwortes: »Lehrjahre sind keine Herrenjahre«. Er war sich wohl bewußt, daß er noch vieles über sich ergehen lassen müsse, bis er ein rechter Bauer sei und selbständig nach eigenem Gutdünken schalten und walten könne.

So hatten denn der Direktor und die Lehrer an dem jungen Wachter einen willigen und gehorsamen Schüler, der sich ohne Murren in alles fügte und bald als Muster und Vorbild für die andern Schüler gelten konnte. Weil er einer der ältesten Schüler seiner Klasse war, sich durch seine großen Fähigkeiten und ein männliches Auftreten auszeichnete, so errang er sich, ohne daß er es eigentlich wollte, eine gewisse Autorität über seine Mitschüler und übte einen vorteilhaften Einfluß auf dieselben aus.

Johannes wollte die Zeit, die er in der Schule zu verbringen hatte, so gut als möglich ausnützen; er betrachtete deshalb das Lernen nicht als eine Last, sondern als ein wichtiges Mittel, sich zum brauchbaren Landwirt auszubilden.

Schon durch das, was im ersten Winterhalbjahr im Unterricht geboten wurde, lernte er die Landwirtschaft von einer neuen Seite kennen, und als er nach wohlbestandenem Examen zunächst wieder auf das väterliche Gut zurückkehrte, schaute er alles mit ganz andern Augen an.

Unter fleißiger Arbeit verstrich der Sommer rasch, und Johannes freute sich, bald wieder in die Schule zurückkehren und das Studium von neuem aufnehmen zu können.

Der zweite Lehrkursus wurde mit dem gleichen Eifer absolviert wie der erste, und ausgerüstet mit einem guten Zeugnis und dem Abgangsdiplom der Schule, begleitet von den Glückwünschen des Direktors und der Lehrer, konnte der junge Wachter hinaustreten ins praktische Leben, um seine erworbenen Kenntnisse zu seinem Lebensunterhalte zu verwerten.

Sein Vater und auch der Direktor waren der Ansicht, daß es Johannes bei seiner Tüchtigkeit wohl wagen dürfe, irgend eine Stelle als Oberknecht oder Werkführer anzunehmen; doch Johannes wollte davon nichts wissen. Er meinte, es sei besser als einfacher Knecht anzufangen; denn um dereinst Dienstboten richtig behandeln und befehligen zu können, müsse er selbst ein solcher gewesen sein. Er habe sich vorgenommen, in allen Teilen ein richtiger Bauer zu werden, und da sei es notwendig, unten anzufangen. Seine Kenntnisse könne er als Knecht auch wohl gebrauchen, man klage ja immer über großen Mangel an tüchtigen Dienstboten.

So arbeitete denn der energische junge Landwirt in verschiedenen größeren und kleineren Betrieben mehrere Jahre als Knecht und lernte gar mancherlei Verhältnisse kennen. Mit eisernem Fleiß tat er überall seine Pflicht, freute sich am Angenehmen und fügte sich dem unabweisbaren Unangenehmen, das er sehr oft auch zu kosten bekam. Er merkte gar bald, daß wenn die Dienstbotenfrage in günstigem Sinne gelöst werden solle, auch von seiten der Arbeitgeber manche Reformen durchgeführt werden müssen, und nahm sich vor, darnach zu handeln, wenn er erst sein eigener Herr geworden sei.

Zuletzt diente Johannes auf einem großen Gute, dem ein Verwalter vorstand, der ein sehr tüchtiger Mann, aber etwas kränklich war und oft Mühe hatte, seinen Pflichten in vollem Umfange nachzukommen. Der Besitzer, der nur kurze Zeit des Jahres auf dem Gute anwesend war, wollte seinen treuen Beamten schonen und bevollmächtigte ihn, eine tüchtige Kraft zu seiner Unterstützung anzustellen. Als daher der Verwalter auf die Fähigkeiten seines Knechtes Wachter aufmerksam wurde, erhob er denselben zum Unterverwalter und stellte namentlich die ganze Feldwirtschaft unter seine Aufsicht.

Jetzt zeigte es sich, daß Johannes nicht nur gelernt hatte zu gehorchen, sondern wenn es sein mußte, auch zu befehlen verstand. Die Knechte und Taglöhner stellten sich willig unter seinen Befehl, weil er nicht mit Stolz und Ueberhebung auf sie herabsah und nicht nur Pflichten von ihnen verlangte, sondern ihnen auch diejenigen Rechte einräumte, die jeder Arbeiter von seite seines Arbeitgebers verlangen darf. Weil jeder das Gefühl hatte, daß das was man ihnen befahl, auch wirklich das Richtige sei, so wurde es auch ausgeführt ohne Widerrede und Murren.

Der Zustand des Verwalters verschlimmerte sich immer mehr und bald ruhte die ganze Gutsverwaltung auf den Schultern des Unterverwalters. Zeitweilig besorgte Johannes sogar die sämtlichen Bureauarbeiten, und es zeigte sich, daß er überall gleich tüchtig war. Man bemerkte an ihm nichts von jenem unsicheren Umherhasten. Zielbewußt wurden die verschiedenen Arbeiten in richtiger Reihenfolge durchgeführt, so daß stets alles zur rechten Zeit fertig wurde.

Es war eine Freude zu sehen, wie Johannes sich selbst durch die schwierigsten Verwaltungsgeschäfte verhältnismäßig leicht hindurcharbeitete und sich vollste Autorität zu verschaffen wußte, was jedenfalls nicht leicht war, wenn man bedenkt, daß er vorher einfacher Knecht gewesen und mit denen auf gleicher Stufe stand, die jetzt seinen Befehlen zu gehorchen hatten. Man sah da wieder deutlich, was sich durch richtigen Takt erreichen läßt.

Johannes war nicht nur bemüht, das Gut unter seiner Leitung auf gleicher Höhe zu erhalten, sondern er bestrebte sich auch, durch geeignete Verbesserungen den Ertrag zu steigern und den Wert der Besitzung zu erhöhen. Jetzt konnte er endlich seine praktischen und theoretischen Kenntnisse selbständig verwerten und seiner Freude am landwirtschaftlichen Berufe Genüge leisten.

Der Gutseigentümer sah denn auch gar bald ein, daß er in dem jungen Wachter eine sehr brauchbare Persönlichkeit gewonnen habe, und als der Verwalter seinen Leiden erlegen war, bat er Johannes, die Stelle, der er ja schon einige Zeit mit dem besten Erfolge aushilfsweise vorgestanden, nun definitiv zu übernehmen.

Dieser hatte zwar von Anfang den Plan gefaßt, einmal ein eigenes Gut zu erwerben, um unumschränkt nach seinem alleinigen Gutdünken schalten und walten zu können. Er dachte aber, als ihm sein Herr ein so vorteilhaftes Anerbieten machte, daß es bei seiner Jugend noch immer Zeit sei, sich selbständig zu machen. Dann sah er auch ein, daß er in seiner jetzigen Stelle noch manche wertvollen Erfahrungen sammeln könne, die ihm später im eigenen Betrieb von großem Nutzen sein könnten. So teilte er denn seinem Herrn ganz offen seine Absichten mit und sagte ihm, daß er seine Offerte dankbar annehme, wenn er sich einverstanden erkläre, ihn nach einigen Jahren ziehen zu lassen.

Der Gutsbesitzer mochte denken, es werde ihm im Laufe der Zeit noch gelingen, den jungen Wachter ganz an sich zu fesseln. Dieser willigte ein und wurde nun Verwalter des schönen Gutes, auf das er vor etwas mehr als einem Jahr als einfacher Knecht gekommen war.

Es ist hier nun nicht der Platz, die Laufbahn Wachters als Verwalter weiter zu schildern; nur eine Begebenheit, die in diese Zeit fällt, soll erwähnt werden, nämlich die Verehelichung Johannes und die Umstände, welche dieselbe vorbereiteten.

Seine Stellung brachte es mit sich, daß er häufig mit den benachbarten Bauern zusammenkam, sie auf ihren Höfen dieses oder jenes Geschäftes wegen besuchte, und weil der junge Verwalter bald überall als ein tüchtiger Landwirt bekannt war, der gerne von seinem Wissen auch andern mitteilte und stets mit gutem Rat zur Hand war, wo solcher gewünscht wurde, niemals aber sich wichtig zu machen suchte, oder gleich alles heruntermachte was ihm gerade nicht gefiel, so sah man seine Besuche gerne und trachtete, davon so viel als möglich zu profitieren.

Namentlich eines der Nachbargüter schien das Interesse Johannes in hohem Grade erweckt zu haben, wenigstens hatte er auffallend oft dort Geschäfte und bald wollten einige, welche gewohnt waren, ihre Nasen besonders tief in die Angelegenheiten anderer zu stecken, wissen, daß nicht allein der musterhafte Betrieb des Gutes und der leutselige Charakter der dort hausenden Bauersleute den Anziehungspunkt ausmache, und die Folge bewies, daß sie im Grunde nicht so unrecht hatten.

Gleich das erste Mal, als er wegen eines Ochsenhandels auf den besprochenen Nachbarhof kam, fiel ihm dort eine Magd auf, die zwar nicht gerade das darstellte, was man eine besondere Schönheit zu nennen pflegt, aber durch ihr munteres Wesen, durch die Art und Weise wie sie ihre Arbeit verrichtete und durch ihre bei aller Aermlichkeit doch sauberer Kleidung einen äußerst vorteilhaften Eindruck machte. Auf Johannes wirkte dieser Eindruck derart, daß er beschloß, dieses Mädchen möglichst zu beobachten und soweit das unauffällig geschehen konnte, auch Erkundigungen über sie einzuziehen. So erfuhr er denn, daß Marie -- so hieß die Magd -- die Tochter armer Taglöhnersleute aus einem benachbarten Dorfe sei. Die Eltern seien vor mehreren Jahren gestorben und infolgedessen sei die Tochter schon sehr früh darauf angewiesen gewesen, auf eigenen Füßen stehen zu müssen. So kam sie in den Dienst der Bäuerin und fand in ihr eine gute Lehrmeisterin, die sie in alles einführte, was eine Bäuerin wissen und kennen muß. Marie war eine gelehrige Schülerin und hatte sich nach und nach zur rechten Hand und wirksamen Stütze der Meisterin aufgeschwungen. Diese sowohl, als auch der Bauer waren voll Anerkennung über ihre Magd, und sie hielten auch nicht mit ihrem Lobe hinter dem Berge; denn sie glaubten nicht Angst haben zu müssen, daß der Herr Verwalter etwa dadurch bewogen werden könnte, Marie für seinen Dienst zu gewinnen; sie kannten ihn zu gut, als daß sie ihn zu einer solch eigennützigen Handlung für fähig hielten, und außerdem würde ja das Mädchen nie in ein solches Anerbieten eingewilligt haben. Daß es ihm gar einfallen würde, ihre Magd zu seiner Frau zu machen, das kam ihnen gar nicht in den Sinn; denn ein Mann in solcher Stellung, der zugleich der Sohn eines vermöglichen Großbauern sei, würde ja nach ihrer Meinung gewiß nicht die Torheit begehen, ein blutarmes Mädchen zu ehelichen.

Johannes indessen war von ganz andern Anschauungen beseelt; er fand durch seine Beobachtungen und Erkundigungen gar bald heraus, daß Marie in reichem Maße gerade diejenigen Eigenschaften besaß, die nach seiner Ansicht eine gute Bäuerin haben müsse. Daß sie arm sei, war in seinen Augen kein Grund, der ihn bewegen konnte, vor einer Heirat mit ihr zurückzuschrecken.

Der geneigte Leser hat unsern Johannes bereits als einen Mann kennen gelernt, der zwar alles reiflich überlegte, aber das als gut und richtig erkannte dann auch mit zäher Energie in Angriff nahm und durchführte. So handelte er auch in dieser Heiratsangelegenheit. Sobald er mit sich darüber im reinen war, daß er das Mädchen liebe und sie für ihn passe, so suchte er zu erfahren, wie es selbst in dieser wichtigen Angelegenheit denke; denn alles hing ja schließlich doch davon ab, ob Marie auch wirklich einwilligte, seine Frau zu werden. Er nahm sich also vor, bei nächster Gelegenheit mit ihr zu reden und ihr seine Hand anzubieten.

Eine solche Gelegenheit fand sich bald. Als er an einem der nächsten Tage bei seinem Nachbar vorbeiging, fand er Marie allein im Garten beschäftigt. Er trat zu ihr hinein und teilte ihr ohne Umschweife den Zweck seines Kommens mit. Er sagte ihr, wie sie schon bei der ersten Begegnung Eindruck auf ihn gemacht habe, und was er seither von ihr erfahren und an ihr beobachtet habe, sei dazu angetan gewesen, ihm Liebe und Achtung zu ihr einzuflößen. Er hoffe, daß auch sie ihn lieben lerne, und wenn sich diese Hoffnung erfülle, so wäre es sein sehnlichster Wunsch, daß sie seine Frau werde.

Man kann sich denken, daß Marie erstaunt war ob diesem unvermittelten Antrag. Sie sagte denn auch weder ja noch nein, sondern gab einfach zur Antwort, daß sie sich geehrt fühle durch das Anerbieten des Herrn Verwalters, aber sie habe bis jetzt noch gar nicht ans Heiraten gedacht, und eine solch hochwichtige Sache wolle gehörig überlegt sein. Auch müsse sie mit ihren Meistersleuten sprechen; denn weil sie ja keine Eltern und nahe Verwandte mehr habe, so seien das ihre einzigen Berater.

Johannes mußte einsehen, daß das Mädchen recht habe, er versprach, geduldig warten zu wollen und sich in einigen Tagen den Entscheid zu holen.

Als Marie wieder allein war, wollte es mit der Arbeit nicht mehr recht vorwärts; immer mußte sie an das Ereignis denken, das sie so unerwartet traf, und je mehr sie darüber nachgrübelte, wie sie sich nun verhalten solle, desto verwirrter wurde sie. Zwei Stimmen in ihrem Innern stritten um den Entscheid. Die eine sagte ihr, es sei ein großes Glück, daß sie als arme Waise für würdig befunden werde, einem so tüchtigen Manne, wie Herr Wachter, die Hand zur ehelichen Verbindung zu reichen, und daß es eine große Torheit genannt werden müßte, wollte sie ein solches Anerbieten von der Hand weisen, das anzunehmen manche reiche Bauerntochter sich keinen Augenblick besinnen würde. Die andere Stimme hingegen riet ihr, die Sache von der andern Seite zu betrachten und zu untersuchen, ob vielleicht nicht doch -- trotzdem sie arm sei -- Johannes bei seinem Antrag von eigennützigen Bestrebungen geleitet worden sei. Könnte er nicht am Ende auf ihre Arbeitskraft spekuliert haben, denkend, daß sie ihm eine Magd ersparen würde? Und könnte nicht gerade ihre Armut später der Anstoß zu allerlei Unzufriedenheiten werden? Alles dieses und noch mehr des Unangenehmen könne ja sehr leicht hervorgehen, wo so ungleiche Verhältnisse sich zusammenfinden, wie das ja tatsächlich bei ihr und Johannes der Fall sei. Ungetrübtes Eheglück könne jedenfalls aus einer solchen Verbindung nur dann hervorgehen, wenn die Ungleichheiten ausgeebnet werden durch eine wahre, uneigennützige Liebe. Aber liebte sie denn Johannes? Bis jetzt hatte sie ihn ja kaum gekannt, also konnte vorerst noch von Liebe nicht die Rede sein. Sie glaubte zwar, daß sie ihn lieben lernen könne, den schönen stattlichen Mann mit dem ernsten und doch sanften Blick, den sie schon so oft als das Muster eines tüchtigen Landwirtes hatte erwähnen hören. Wenigstens hatte sie eine hohe Achtung vor demselben, und das konnte immerhin der Anfang von der Liebe sein.

So von streitenden Gefühlen erfüllt, in tiefes Nachsinnen versunken auf die Hacke gelehnt, sah sie sich auf einmal von der Bäuerin ertappt, die unvermerkt zu ihr in den Garten getreten war.

Diese merkte gleich an der Verwirrung und an dem tiefen Erröten der Magd, daß etwas besonderes vorgefallen sein müsse, und auf ihre Frage erzählte denn auch Marie die ganze Begebenheit, sie zugleich um ihren Rat bittend in der für ihre Zukunft so wichtigen Angelegenheit.