Aus Berg und Tal: Charakterbilder aus dem schweizer. Bauernleben
Part 6
Auch Martin war in seiner freien Zeit für das Gartengeschäft tätig. Im Herbst schon hatte er an einer geschützten Stelle im Garten einen Frühbeetkasten angebracht, denselben mit guter Erde gefüllt und gegen Frost gut bedeckt. Nun arbeitete er an den Fenstern und bald gingen sie ihrer Vollendung entgegen. Aus Gipslättchen wurden Schattengitter hergestellt, welche bei Aussaaten ins Frühbeet die grellen Sonnenstrahlen fernhalten sollten. Selbst einige Dutzend Ansteckhölzer zum Bezeichnen der verschiedenen Sorten hatte er an einigen der langen Winterabende angefertigt. So lag denn alles bereit, um beim ersten Frühlingszeichen mit dem Aussäen beginnen zu können.
Der Winter war dieses Mal ungewöhnlich streng und schneereich gewesen; als aber Ende Februar die Sonne schon ziemliche Kraft entfaltete, glaubte Liese nicht mehr länger warten zu dürfen. Sie deckte den Kasten ab, lockerte die Erde und legte die Fenster auf. Als dann nach einigen Tagen die Erde abgetrocknet war, säete sie Sellerie, Lauch, Salat, Blumenkohl, Wirsing und überhaupt allerlei Setzlinge, welche sie früh haben wollte. So folgten dann in kurzen Abständen mehrere Aussaaten aufeinander, und als im März die Sonne und der Föhn den Schnee hinweggeschmolzen hatten, konnten die Arbeiten auch im freien Lande beginnen. Die Setzlinge im Frühbeet waren schnell auch zum Auspflanzen groß genug, und bald prangte der Garten wieder im schönsten Grün. Aber nicht nur im Garten, sondern auch auf dem Acker, wo Liese namentlich solche Gemüse gepflanzt und gesät hatte, welche einer weniger sorgfältigen Kultur bedurften, versprach es einen guten Ertrag zu geben. War also in Bezug auf die Gemüse alles in bester Ordnung, so berechtigten die Blumen nicht weniger zu den besten Hoffnungen.
Weil Liese im Herbst ihre Nelken so stark als nur möglich durch Stecklinge und Ableger vermehrt hatte, so besaß sie jetzt über hundert Stück, die mehr oder weniger Blütenstengel getrieben hatten. Da an den Fenstern natürlich nicht für so viele Pflanzen Platz war, so hatte Martin an einer halbschattigen Hauswand ein Gestell angebracht, auf welchem nun die in größere und kleinere Holzkistchen gepflanzten Nelken Aufstellung fanden. Im Garten befanden sich noch einige hundert Nelkenpflanzen, die Liese aus Samen gezogen hatte, und die nun hauptsächlich billigere Schnittblumen liefern sollten. Liese hatte einstweilen davon abgesehen, andere Blumen zum Verkauf zu ziehen; denn erstens wollte sie nicht zu viel auf einmal beginnen, und zweitens hatte ihr der Blumenhändler keine sehr verlockenden Preise in Aussicht gestellt.
Als Ende Juni die Fremdensaison allmählich in Gang kam, konnte endlich der Versand der Gemüse beginnen, und bald gingen auch die ersten Kistchen mit abgeschnittenen Nelken nach F. ab.
Es ist natürlich, daß sich das ganze Geschäft nur in sehr kleinem Rahmen bewegte; waren es ja nur zwei Kunden, an welche Liese ihre Produkte lieferte, nämlich der Hotelbesitzer, welcher voriges Jahr die erste Aufmunterung zum Gemüseversand gegeben, und der Blumenhändler, welchem der deutsche Kurgast Liese empfohlen hatte. Aber selbst diesen beiden konnte nicht genug geliefert werden. Die Art und Weise, wie sich der Versand vollzog war sehr einfach. Liese machte wöchentlich zwei Sendungen, bald größere, bald kleinere, je nachdem, was sie gerade abzugeben hatte. Sie brauchte also nicht auf Bestellungen zu warten, weil ihre Abnehmer alles verwenden konnten, sobald es nur schöne, vollwertige Ware war. Daran ließ es nun Liese freilich nicht fehlen; denn sie handelte nach dem Grundsatz, für ihre Kundschaft sei das Beste gerade gut genug. Für alles, was nicht von erster Qualität war, hatte sie im eigenen Haushalt ja gute Verwendung, und sie kam schon deswegen nicht in Versuchung, ihr Absatzgebiet durch unreelle Lieferung zu verscherzen.
Gerade der gewissenhaften und pünktlichen Bedienung war es zuzuschreiben, daß Liese für ihre Produkte einen schönen Preis erzielte. Trotz des verhältnismäßig kleinen Quantums, das sie absetzen konnte, hatte sie doch bis zum Herbst eine ganz hübsche Einnahme erzielt -- die Nelkenblumen allein brachten ihr einen Erlös von über hundert Franken.
Nun lachte auch niemand mehr in D. über Lieses Liebhaberei für den Gartenbau; alles mußte vielmehr lobend anerkennen, daß sie es verstanden hatte, nicht nur notwendige Lebensmittel für den eigenen Haushalt zu pflanzen und mit ihren Blumen ihr Heim zu verschönern, sondern Gemüse- und Blumenzucht auch zu einer ergiebigen Einnahmsquelle zu gestalten.
Weil man Liese fast nie anders sah als im Garten oder mit ihren Blumen beschäftigt, so nannte man sie jetzt nur die »Blumenliese«, und diesen Namen behielt sie fortan, weshalb auch wir sie nur noch so nennen wollen.
Hatten schon im vorigen Sommer einige Frauen den Wunsch gehegt, gleich wie die Blumenliese ein Gärtchen zu haben, so nahmen jetzt solche Wünsche eine bestimmtere Gestalt an. Man hoffte jetzt eher auf die Einwilligung der Männer, wo man ihnen nun doch schlagend beweisen konnte, daß ein Garten nicht einfach als ein Luxus zu bezeichnen sei, wie man bisher angenommen habe. Einige der Männer kamen denn wirklich auch den Frauen schon auf halbem Wege entgegen; denn auch sie waren hingerissen von den Erfolgen der Blumenliese.
Wenn die Anlage von verschiedenen Gärten nicht sofort an die Hand genommen wurde, so hatte das seinen Grund nur darin, daß niemand etwas von der Sache verstand. Man bestürmte deshalb die Blumenliese von allen Seiten mit den verschiedensten Fragen und Auskunftsbegehren. Diese freute sich natürlich, daß es ihr so schnell gelungen, die Leute für den Gartenbau zu begeistern, und ließ es an gutem Rat nie fehlen, wo solcher verlangt wurde. Indessen sah sie ein und äußerte sich gelegentlich darüber, daß es gewiß nicht gut werde, wenn jetzt alles über Hals und Kopf planlos sich auf den Gartenbau stürze, in der Meinung, damit in einigen Jahren reich zu werden; man sollte sich doch vorerst die allernötigsten Kenntnisse verschaffen und erst auf Grund derselben zielbewußt vorgehen.
Der Pfarrer war auch der gleichen Ansicht; er dachte, es müsse etwas geschehen, um einerseits die gegenwärtige Begeisterung nicht unbenützt vorübergehen zu lassen, anderseits aber die Leute vor einem Mißerfolg zu bewahren. Er beriet sich zu diesem Zweck mit einem der Lehrer, von dem er wußte, daß er ebenfalls ein Gartenfreund sei, und dieser meinte, es wäre am besten, in D. einen Gemüsebaukurs abhalten zu lassen, an welchem dann die Leute Gelegenheit hätten, sich über die verschiedenen Fragen klar zu werden und sich grundlegende Kenntnisse zu erwerben, auf denen sie dann ihre Praxis aufzubauen imstande wären. Er selbst wolle sich der Sache annehmen, eine Versammlung im Schulhause einberufen und sehen, was sich dann weiter tun lasse.
Eine solche Versammlung fand dann auch richtig statt, und es ergab sich, daß eine genügende Anzahl von Frauen und Töchtern -- sogar einige Männer hatten sich angemeldet -- bereit waren, an einem Gartenbaukurs teilzunehmen. Der betreffende Lehrer stellte dann im Namen der Angemeldeten bei der Regierung das Gesuch um Bewilligung eines solchen Kurses, welchem Ansuchen auch gerne entsprochen wurde. Damit war die Angelegenheit einstweilen geregelt und in die richtige Bahn geleitet.
Als im Frühjahr die günstige Zeit herangerückt war, erschien der von der Regierung bestimmte Kursleiter und begann seine Unterweisungen. Er zeigte den Teilnehmern nicht nur, wie man einen Garten anlegen solle, wie man den Boden bearbeite, ihn verbessere und dünge, wie man säen und pflanzen solle, sondern wies auch auf die eigenartigen Verhältnisse in D. hin, Belehrungen anknüpfend, wie man dieselben am geeignetsten ausnützen könne. Er hob besonders hervor, daß es in erster Linie gelte, für die eigenen Bedürfnisse zu sorgen. An den Verkauf könne man erst denken, wenn man durch die Praxis die notwendige Routine erworben habe, welche erforderlich sei, um Gemüse erster Qualität zu ziehen; denn nur mit solchen könne der Verkauf andauernden Erfolg haben. Die Aussichten, daß D. Hauptproduktionsgebiet von Gemüsen für die benachbarten Kurorte werden könne, seien vorhanden. Indessen dürfe man nicht meinen, daß es sofort alle der Blumenliese gleichtun können. Sobald eben mehrere die Sache einander nachmachen, gebe es Konkurrenz; die Preise werden heruntergetrieben, und in einigen Jahren finde alles, daß sich in hiesiger Gegend der Gemüsebau nicht rentiere. Der Gemüsebau zum Verkauf könne, so wie die Verhältnisse liegen, nur dann ein befriedigendes Resultat zeitigen, wenn der Handel richtig organisiert werde, d. h. wenn man ihn genossenschaftlich betreibe. Diese Einrichtung ermögliche es allein, erstens hohe Preise zu erzielen, zweitens große Quantitäten liefern zu können und drittens auch dem kleinsten Gartenbesitzer die Möglichkeit zu bieten, sich am Verkaufe zu beteiligen.
Solche und ähnliche Belehrungen waren geeignet, die Teilnehmer für die Sache zu begeistern. Mit ganz andern Begriffen konnten sie jetzt, als der Kurs beendigt war, die Anlage ihrer Gärten an die Hand nehmen.
Soweit war nun alles so ziemlich im richtigen Geleise. In den neuen Gärtchen keimte und grünte es, daß es eine Freude war. Da und dort war schon der Spinat zum Schneiden groß genug, hie und da sah man schon ziemlich entwickelte Salatköpfe, und in einem Garten streckten schon die Erbsen ihre jungen Schötchen aus den abwelkenden Blüten hervor. Bald kam also der Zeitpunkt, wo man neben Fleisch und Kartoffeln auch etwas »Grünes« auf den Tisch stellen konnte. Die meisten der glücklichen Gartenbesitzerinnen sahen mit einiger Sorge diesem Ereignis entgegen; denn erstens beschlich manche ein banges Gefühl, wenn sie an die Zubereitung der Gemüse dachte. Andere aber fragten sich: »Was werden wohl die Männer dazu sagen?« Diese Sorgen waren berechtigt; denn weil Gemüse in den meisten Haushaltungen in D. etwas neues waren, so hatten die Hausfrauen und Töchter bis jetzt auch keine Gelegenheit gehabt, sich im Kochen der Gemüse zu üben. Den Männern aber steckte der Erfolg im Kopfe, den die Blumenliese mit dem Verkauf ihrer Gemüse erzielte. Als es aber hieß, man müsse vorläufig im eigenen Haushalt den Genuß der Gemüse einführen, da waren sie unzufrieden, und gerade die älteren Männer, welche im Sommer daheim geblieben, waren sehr hartnäckig; denn sie wollten sich in ihren alten Tagen nicht mehr an das »Grünfutter« gewöhnen, wie sie das Gemüse verächtlich nannten.
Es ging indessen alles viel besser als man meinte. Die Blumenliese mußte mit ihren Ratschlägen und Rezepten den mangelnden Kenntnissen in der Kochkunst nachhelfen, und als dann Erbsen, Spinat, Kohlrabi u. s. w. richtig zubereitet auf dem Tisch erschienen, da probierten aus purer Neugierde auch die Männer die bisher unbekannten Speisen, fanden sie zuerst leidlich, dann gut, und hatten bald nichts mehr dagegen einzuwenden, ein Zeichen, daß sie sich schnell daran gewöhnt hatten.
Indessen konnte schon wider Erwarten in diesem ersten Jahre von mancher der neugebackenen Gärtnerinnen ziemlich viel verkauft werden. Die Blumenliese wurde nämlich mit Bestellungen überhäuft und um manchmal einen guten Auftrag nicht zurückweisen zu müssen, kaufte sie da und dort schöne Gemüse zusammen und leitete so einen allgemeinen Gemüseexport aus D. ein.
Der Gemüsebau, den die Blumenliese unter so kleinen Verhältnissen begonnen hatte, nahm nun einen raschen Aufschwung. Schon im folgenden Jahre wurde eine Genossenschaft zum Zwecke des Gemüseversandes in größerem Maßstabe gegründet. Diese Gründung wurde besonders dadurch ermöglicht, daß ein junger, unternehmender Mann, der schon mehrere Jahre die Stelle eines Kontrolleurs in einem Hotel versehen hatte und also genaue Kenntnis, von dem was in einem Hotel gebraucht wird, besaß, die Leitung und den Verkauf der von den Genossenschaftern erzielten Produkte übernahm. Auch die Blumenliese trat dieser Vereinigung bei, und so geht denn in D. bis auf den heutigen Tag der Verkauf sämtlicher Gemüse nur durch eine Hand, nämlich durch die Genossenschaftsleitung. Es kann sich auch die ärmste Frau, die nur ein kleines Gärtchen hat, an dem Versand beteiligen; die einzelne Gartenbesitzerin braucht sich nicht um Absatzgebiete zu kümmern und der Preis wird nicht durch zu große Konkurrenz herabgedrückt.
Als man den großen Erfolg mit dem Gemüsebau sah, blieb man selbstverständlich dabei nicht stehen. Einige Frauen versuchten sich mit Glück in der Nelkenzucht. Ein denkender Bauer dachte, der Obstbau könnte jedenfalls auch noch viel einträglicher gemacht werden, wenn er etwas intensiver betrieben würde. Er bezog aus einer landwirtschaftlichen Bibliothek Bücher, holte sich auch persönlich von Fachleuten Belehrung, verbesserte seinen Baumbestand durch Neupflanzungen und Umpfropfen und brachte dann durch rationelle Düngung und gute Pflege seinen Baumgarten zu so reichen Erträgen, daß ihm viele nachzuahmen begannen.
Jetzt sah man auf einmal ein, daß in D. auf landwirtschaftlichem Gebiet viel mehr zu machen war, als man früher annahm. Mancher, der vielleicht schon seit mehreren Jahren gewöhnt war, seinen Verdienst auswärts zu suchen und noch vor kurzer Zeit gewiß steif und fest behauptet hatte, daß es in D. einfach unmöglich sei, so viel zu verdienen, um anständig leben zu können, fing an ernstlich zu erwägen, ob es vielleicht nicht besser sei, zu Hause zu bleiben und nach irgend einer Richtung hin sich mit der Landwirtschaft abzugeben.
Weil man jetzt anfing, intensiver zu wirtschaften, den alten Schlendrian beiseite zu lassen und nach vollständig neuen Gesichtspunkten zu handeln, so mußten allerlei Verbesserungen die notwendige Folge sein. Die Feldwege wurden verbessert und neue angelegt, durch Kauf und Austausch suchte man die Güter zu arrondieren, und der allgemeine Weidgang wurde abgeschafft.
Freilich lief das alles nicht so glatt ab, und gegen manche Neuerung wurde heftig Opposition gemacht; aber als dann alles glücklich durchgeführt war, sah man allgemein den Nutzen ein. Man fühlte auch das Bedürfnis nach Belehrung in den verschiedenen landwirtschaftlichen Fragen. Es wurde deshalb ein landwirtschaftlicher Lokalverein gegründet, der namentlich im Winter eine regsame Tätigkeit entwickelte. Vorträge und Kurse über die verschiedensten Zweige der Landwirtschaft wurden abgehalten und die Wanderlehrer waren häufige Gäste in D. Zwei Jünglinge besuchten die landwirtschaftliche Schule. Einer war der jüngere Sohn Martins -- der ältere war wie sein Vater Zimmermann geworden.
Alle die Veränderungen, die in den letzten Jahren in D. vor sich gegangen waren, wirkten auch günstig auf die moralischen Verhältnisse ein, und wer heute durch die Ortschaft wandert, erhält einen ganz andern Eindruck als früher. Die sauber gehaltenen Gärten, die gesunden, kraftstrotzenden Obstbäume, die blühenden Topfgewächse geben dem Dorf ein freundlicheres Ansehen. Die Männer haben die schweren Arbeiten längst den Frauen abgenommen. Infolgedessen sind sie so beschäftigt, daß sie nicht mehr Zeit haben, alle Tage ins Wirtshaus zu gehen, und geschieht es hie und da, so haben sie auch dort besseres zu tun als Karten zu spielen; denn es gibt öffentliche Angelegenheiten zu besprechen, über wichtige Projekte und Tagesfragen zu verhandeln etc. Die häuslichen Verhältnisse sind angenehmere geworden, und der veredelnde Einfluß eines glücklichen Familienverbandes macht sich immer mehr geltend. Die Auswanderung hat zwar nicht ganz aufgehört, aber sie beschränkt sich auf das richtige Maß. Dafür hat sich ein Stand von tüchtigen Professionisten am Orte gebildet, und die verschiedensten Handwerker aus D. sind auch in den benachbarten Dörfern geschätzt und geachtet.
Der alte Pfarrer, der noch immer in der Gemeinde amtiert, hat seine helle Freude an den Veränderungen, die in seiner Pfarrei vorgehen, und er behauptet steif und fest, daß man das alles nur dem gutem Beispiel der Müllerschen Familie zu verdanken habe, und namentlich die Blumenliese habe den deutlichen Beweis geleistet, wie sehr es auch heutzutage noch auf die Tüchtigkeit einer Frau ankomme. Man dürfe daher nicht außer acht lassen, die heranwachsenden Mädchen auf ihren zukünftigen Beruf vorzubereiten und sie vor allem zu guten Hausfrauen und pflichtgetreuen Müttern zu erziehen.
Martin meint zwar, der Pfarrer übertreibe mit seinem Lob, er und seine Frau hätten sich nicht besonders hervorgetan, sie seien vielmehr stets nur bestrebt gewesen, dafür zu sorgen, daß sie für ihre Verhältnisse möglichst zufrieden und sorgenlos haben leben können. Als ihnen das gelungen, haben es zwar andere nachzumachen gesucht; aber das sei noch lange nicht der Grund zu dem allgemeinen Umschwung gewesen; dieser sei vielmehr bedingt worden durch das Unhaltbare der Zustände, die man gehabt habe. Es habe einsichtige Leute genug gegeben, die Verbesserungen für unabweisbar hielten und sie auch durchführten.
Sei dem nun wie ihm wolle; Tatsache ist, daß die Bewohner von D. mit großer Achtung von der Blumenliese sprechen. Sie ist immer noch die gleiche bescheidene, tüchtige Hausfrau. Auch ihre Liebhaberei für Gartenbau und Blumenzucht hat sie bewahrt, wenigstens kann man sie häufig im Garten hantieren sehen, wenn man durch D. geht.
Auf dem Lindenbühl.
I.
In einem fruchtbaren Tale, durch welches sich ein breiter Fluß windet und dessen beide Flanken hohe Berge bilden, liegt auf einem Schuttkegel sehr malerisch gruppiert das Dörfchen Haldenburg.
Wer von der Landstraße, welche sich mitten durch das Tal, dem Flusse entlang dahinzieht, nach Haldenburg gelangen will, muß in ein Seitensträßchen einbiegen, das in einigen Windungen sich durch üppige Wiesen und wohlgepflegte Baumgärten den Hügel hinaufschlängelt, auf welchem das Dorf liegt.
Noch vor 10 Jahren führte dieser Weg in gerader Richtung, den sogenannten »Haldenburgerstutz« bildend, den Berg hinauf. Rechts und links waren halb zerfallene Mauern, in deren Trümmern hie und da Holunder- und Spitzbeerensträucher wucherten. Der Fußgänger, der die steile Straße hinaufkeuchte, mußte unwillkürlich daran denken, wie beschwerlich es sein müsse, das Heu und andere Produkte, aus den Gütern, die da unten in der Ebene liegen, ins Dorf hinauf zu schaffen. Die Haldenburger aber waren daran gewöhnt; denn seit Menschengedenken war es nicht anders gewesen. Wenn es je einem einfiel, ihnen den Rat zu erteilen, sich durch den Bau einer neuen Straße bequemere Verhältnisse zu schaffen, so wurde er ausgelacht und gefragt, wer da wohl die Kosten zu übernehmen hätte? Ob vielleicht die Gemeinde es tun solle? Die habe sonst schon Schulden übergenug. Die reichen Bauern werden sicher auch nicht in die Tasche greifen wollen; denn wenn eine Last zu schwer sei für ein Pferd, so spannen sie eben zwei an. Die armen Kuhbauern aber würden sich schon gar nicht an einem Straßenbau beteiligen wollen, der andern größeren Nutzen bringen müßte, als ihnen. Man sieht, die guten Haldenburger waren nicht so leicht für Neuerungen zu haben, sie meinten, was von alters her gut gewesen sei, müsse es auch ferner sein.
Dieses starre Festhalten am Althergebrachten machte sich denn in Haldenburg allenthalben geltend, und wer den steilen Stutz überwunden und sich, nachdem er den Schweiß abgetrocknet und ein wenig atemholend einen Blick auf das schöne Landschaftsbild, das sich hier einem darbietet, geworfen, dem Innern des Dorfes zuwandte, fand nicht gerade die einladendsten Zustände.
Die Dorfstraßen waren löcherig und kotig oder staubig, je nach der Jahreszeit oder der Witterung, und namentlich die Umgebung der großen Brunnen, wo das Vieh zur Tränke geführt wurde, war derart, daß man sie in weitem Bogen umgehen mußte, wollte man nicht riskieren, im Moraste stecken zu bleiben. Es fehlten in Haldenburg zwar nicht einige massiv gebaute Bauernhäuser, mit allerlei unnützem Zierrat ausgeschmückt, welche den Reichtum der Besitzer protzig zur Schau stellten; aber auch da vermißte man die saubere Umgebung, welche auf den Fremden so einladend wirkt. Einen geradezu kläglichen Eindruck aber machten die Behausungen und Ställe der ärmeren Bauern. Schiefe Dächer, graue verwitterte Mauern, wackelige Fensterläden und trübe Scheiben, durch welche trübe Gesichter schauten, gaben Zeugnis von der wenig beneidenswerten Lage der Leute, die da hausten.
Gärten sah man wenig und gutgepflegte schon gar keine, statt dessen aber hart an den Straßen verschiedene größere und kleinere Miststöcke, umgeben von den obligaten braunen Pfützen, aus denen sich ganze Schwärme von Mücken und Fliegen erhoben, wenn man sich im Sommer ihnen näherte.
Rümpfte etwa ein Fremder über die Zustände in Haldenburg die Nase, so machte sich niemand etwas daraus; man war überhaupt nicht gut auf die Fremden zu sprechen, und man meinte, es sei das beste, wenn sie wegblieben. Nach diesem Grundsatz behandelte man auch die wenigen ortsansässigen Nichtbürger, die sogenannten Beisässe, denen man zwar großmütig einen guten Teil der Steuern aufbürdete, es ihnen aber furchtbar übel nahm, wenn sie auch einmal in die Gemeindeangelegenheiten hineinreden wollten.
Daraus sieht man schon, daß auch in der Gemeindeverwaltung verschiedenes faul war. Es hatte sich mit der Zeit in Haldenburg ein eigentliches Dorfmagnatentum herausgebildet. Weil die ärmeren Bauern von den reichen abhängig waren, so wurden selbstverständlich nur die letzteren in den Vorstand gewählt, und diese wußten es stets so einzurichten, daß sie dabei in erster Linie auf ihre Rechnung kamen; ein System, das, wenn auch langsam, so doch sicher zum Ruin der Gemeinde führen mußte, wenn nicht eine Aenderung eintrat. Eine solche Aenderung kam und sie war notwendig; denn der allgemeine Kredit hatte schon stark gelitten.
Wer heute Haldenburg betritt, dem bietet sich ein ganz anderes Bild als ehedem. Die Straßen sind sauber und gut im Stande gehalten; die Düngerstätten sind größtenteils hinter die Häuser verlegt worden oder, wo das nicht anging, doch wenigstens mit Mauern umgeben, und die Bauern haben jedenfalls indessen gelernt, die Düngemittel besser zu verwerten, als sie nutzlos auf der Straße zu Grunde gehen zu lassen. Hie und da sind kleinere und größere Hausgärten entstanden, die dem Ort zur Zierde gereichen. An vorher kahlen Wänden sieht man jetzt gut gezogene Spalierbäume, und an manchen Fenstern prangen schön blühende Topfpflanzen. Auch an der kleinsten Hütte sieht man, daß der Wohlstand gestiegen ist. Haldenburg wird jetzt von den Sommergästen als Ausflugspunkt geschätzt, und aus dem gut eingerichteten Gasthaus und dem reichhaltigen Ansichtspostkarten-Sortiment im Schaufenster des Krämerladens schließen wir, daß man heute das Geld sehr zu schätzen weiß, welches diese Fremden ins Dorf bringen.
Woher nun dieser auffallende Umschwung? Die nachfolgende Schilderung soll die verehrten Leser darüber aufklären.
Etwas abseits vom Dorfe liegt auf einem terrassenartigen Vorsprunge des Geländes ein kleineres Bauerngut. Zwischen dem zweistöckigen Wohnhaus, dessen Bauart ein schon hohes Alter verrät, und der gegenüberliegenden Scheune befindet sich ein geräumiger Hof, welcher von den mächtigen Kronen zweier Linden beschattet wird. Diesen majestätischen Bäumen hat das Anwesen seinen Namen »Lindenbühl« zu verdanken.