Aus Berg und Tal: Charakterbilder aus dem schweizer. Bauernleben
Part 5
»Du denkst wahrscheinlich nicht daran,« hub Martin seine Entgegnung an, »daß Du da meiner Liese die größte Lobrede gehalten hast; denn ich bin ihr z. B. sehr dankbar, daß sie auf Reinlichkeit bei den Kindern hält; ist es doch mein Stolz, daß sie so gut geraten; nichts trägt mehr zum Verderbnis von Leib und Seele bei, als Schmutz und Unreinlichkeit. Gerade so ist es mit dem Schmutz auf den Böden und an den Fenstern; denn wo derselbe auf den Geräten liegen bleibt, bleibt er auch gerne im Herzen und in den Gedanken liegen; und Du so wenig wie ich, hast je durch eine schmutzige Scheibe ein fröhliches Gesicht schauen sehen. Daß mein Weib vollends keine Lumpen aufkommen läßt, däucht mir gerade das schönste an ihr; denn ich weiß nicht, ob lumpige Menschen lumpige Kleider machen oder lumpige Kleider lumpige Menschen; eines aber ist gewiß, daß sie stets bei einander sind. Deine Kathrine ist eine fleißige und brave Frau, der man gewiß nichts nachsagen kann; aber bedauert habe ich sie schon oft, wenn ich sie schon am morgen in aller Frühe im Stall und auf dem Miststock hantieren sah, während Du gemütlich drüben in der Post Deinen Schnaps trankst. Und dann, was meinst Du? Wie viel Seife und Bürsten ließen sich bezahlen aus dem Gelde, das Du abends und Sonntags bei Spiel und Wein verbrauchst? das würde noch so weit reichen, daß Du Dir eine Häuslichkeit schaffen könntest, in der es Dir weit besser als in der dumpfen Wirtsstube gefallen würde. Schau! wenn ich an den Feierabend denke, da geht mir meine oft schwere Arbeit nochmal so gut aus den Händen. Komme ich heim, so wartet meiner ein, wenn auch einfaches, so doch kräftiges und schmackhaftes Essen. Während mir mein kleiner Hans die Pantoffeln bringt, holt der Franz Pfeife und Tabak, die Zeitung liegt schon parat, und wenn ich so rauchend, plaudernd oder lesend im gut durchlüfteten und erwärmten Zimmer, im Kreise meiner Familie, von des Tages Mühen ausruhe, so danke ich jedesmal im Stillen meiner Liese, daß sie es versteht, mir ein Heim zu bieten, mit dem kein Wirtshaus der Welt den Vergleich aushalten kann.«
Der auf diese Weise von Martin Zurechtgewiesene wagte nichts mehr zu entgegnen und schlich sich wie ein begossener Pudel von dannen, innerlich denkend, daß der Zimmermann eigentlich recht habe, und daß es einen Versuch wert sei, die erhaltenen Ermahnungen sich nicht nur zu Herzen zu nehmen, sondern sie auch zu befolgen.
Mit den Arbeiten, die Martin ausführte, war man allgemein zufrieden. Es konnte eben leicht wahrgenommen werden, daß er wußte, als Handwerker nicht nur das Anrecht auf den Taglohn zu haben, sondern daß ihm auch die Pflicht zukam, etwas vollwertiges dafür zu leisten. Alle Arbeit ging ihm rasch aus den Fingern, wobei aber auch beim Kleinsten auf Genauigkeit und Dauerhaftigkeit gesehen wurde. So wurde Martin mit Aufträgen überhäuft, trotzdem er einen höheren Lohn verlangte, als mancher der andern Zimmerleute, mit denen man sich bis jetzt hatte behelfen müssen.
Weil Martin sich nur selten einmal im Wirtshaus blicken ließ, so waren diejenigen, welche einen Auftrag für ihn hatten oder in irgend einer Angelegenheit etwas mit ihm besprechen sollten, genötigt, ihn zu Hause aufzusuchen. So kam es nun immer mehr vor, daß am Abend oder an Sonntagen Leute im Müllerschen Hause vorsprachen. Merkwürdig war es dabei, zu beobachten, wie mancher, der nur das Geschäftliche schnell abtun wollte, um sich dann gleich wieder zu entfernen und vor Eile kaum die Türklinke aus der Hand ließ, der freundlichen Einladung zum Sitzen nicht widerstehen konnte und dann oft für mehrere Stunden nicht ans Fortgehen dachte. Das bewirkte der eigenartige Zauber, der von der Häuslichkeit Martins ausging, das freundliche Wesen Elisens und die ernsten und heiteren Gespräche Martins, der ein guter Gesellschafter war und mancherlei zu erzählen wußte.
Es läßt sich leicht begreifen, daß da mancher sozusagen gezwungen wurde, einen Vergleich anzustellen zwischen den anheimelnden, traulichen Verhältnissen in der Familie und in dem Heim Martins und denjenigen, die in seinem Hause herrschten. Andere konnten es zuerst absolut nicht begreifen, wie sie es, ohne die mindeste Langeweile empfunden zu haben, einen ganzen Abend oder Sonntag-Nachmittag haben aushalten können, in Martins Stube zu sitzen, ohne Karten und ohne Bier und Wein. Der eine oder andere merkte es dann vielleicht, daß er das auch in seiner Stube könnte, wenn es dort so behaglich wäre, wie bei Martin, und nahm sich dann wohl vor, einmal zu probieren, ob sich nicht in seinem Haushalt hie und da etwas ändern ließe. Sei dem wie ihm wolle; Tatsache ist, daß nach und nach mancher gestrenge Eheherr, der noch vor wenigen Wochen seiner Frau Vorwürfe machen wollte, wenn sie der Unterländerliese etwas nachmachen wollte, geradezu befahl, künftig mehr im Hause zu arbeiten und nachzusehen, daß es dort eine bessere Ordnung gebe, dabei aus freien Stücken von der Stallarbeit etwas mehr übernahm und manchmal sogar am Abend zu Hause blieb und mit der Frau einen Jaß machte, statt mit den alten Freunden drüben im Wirtshaus.
So begann sich ganz langsam, ohne daß es eigentlich jemand gewahr wurde, ein Umschwung in D. anzubahnen, ausgehend von dem Müllerschen Hause, wo Reinlichkeit und Ordnung waltete, und wo das schönste Familienleben jene Zufriedenheit schuf, welche Eltern und Kindern aus den Augen leuchtete.
III.
Der Winter, der diesmal seine strenge Herrschaft auch in D. geltend gemacht hatte, begann dem Frühling zu weichen. Ein lauer Föhn, im Bunde mit den kräftigen Strahlen der Märzsonne, hatte die mächtigen Schneemassen schon ein gutes Stück den Hang hinauf zum Schmelzen gebracht. Die Wiesen ob dem Dorfe begannen sich mit zartem Grün zu bedecken, in den Baumgärten blühten die Maßliebchen, und hie und da begann schon eine vorwitzige Primel ihre gelben Blüten zu entfalten. Die Zeit rückte allgemach heran, wo die Landwirte wieder ihre Arbeit draußen in Feld und Wiese aufnehmen konnten.
Unsere Liese freute sich, daß auch sie bald wieder hie und da das Haus verlassen und ihre Gartenarbeit aufnehmen könne. Schon im Herbst hatte Martin neben dem Haus zwei große, aber altersschwache Birnbäume gefällt und so einen freien und sehr günstig gelegenen Platz für einen kleinen Hausgarten gewonnen. Ebenfalls schon vor Anbruch des Winters wurde die Erde gut umgearbeitet und mit Dünger durchsetzt. Es hatte dann auch Tage gegeben, an welchen Martin seiner gewohnten Arbeit nicht nachgehen konnte; da wurde dann Holz vorbereitet für einen Gartenzaun und ein Gartenhäuschen, welche jetzt beide beinahe vollständig erstellt waren. Liese hatte an einer Geröllhalde unweit vom Dorfe geeignete Steine entdeckt, die für die Wegeinfassungen paßten; diese wurden jetzt mit dem Handwagen unter Beihilfe der Kinder herbeigefahren und den Wegen entlang so aufrecht eingegraben, daß die Erde nicht in die Wege hinausfallen konnte. Dann holte Elise auch noch Sand, den der Bergbach hie und da an seinen Ufern ablagerte, um die Wege etwa fünf Centimeter hoch damit zu bedecken. Die Einteilung des Gartens war höchst einfach ausgeführt. Rings um den Garten herum, sowohl dem Zaune, als dem Hause entlang wurde eine Rabatte angelegt, die 80 Centimeter breit war; auf dieser sollten gegen den Zaun hin allerlei Beerensträucher Platz finden. Die am Hause gelegene Rabatte, welche sehr geschützt und sonnig gelegen war, wollte Elise im Frühjahr teils als Anzuchtsbeet für frühe Setzlinge, teils zur zeitigen Aussaat von Schnittsalat, Kresse, Radieschen u. s. w. benützen. Ein Mittelweg, der von der hintern Haustüre zum Gartenhäuschen führte, teilte den Garten in zwei Hälften, während ein anderer, etwas schmälerer, rings herum führte und die Rabatte von den beiden Quartieren trennte.
Die notwendigen Sämereien hatte Liese schon beizeiten aus einer größeren Samenhandlung kommen lassen, und als nun die Erde etwas abgetrocknet und sonst alles vorbereitet war, ging es an das Umgraben und Ausebnen des Bodens; es wurden Beete abgeteilt und solche Gemüse ausgesät, die von der Kälte nicht so schnell leiden. Die Kinder mußten bei dieser Arbeit helfen, und bald lag der Garten in schönster Ordnung da. Die Sicherheit, mit welcher unserer Liese diese Verrichtungen durch die Hand gingen, ließ leicht erkennen, daß sie mit den Gartenarbeiten vertraut war. Sie hatte auch in der Tat schon als kleines Mädchen von der Mutter Anregung zu allerlei leichten Beschäftigungen im Garten erhalten, und als sie dann später an einem Gemüsebaukurs teilgenommen hatte, wurde ihr der Garten sozusagen ganz allein zur Besorgung übertragen. Auch nach ihrer Verheiratung verfügte sie über einen kleinen Hausgarten, wo sie dann erst recht nach ihrem eigenen Willen schalten und walten konnte. Ihr Gärtchen war denn auch immer ein wahres Schmuckstück gewesen; denn sie hatte nicht nur immer die schönsten Gemüse gehabt, sondern auch ihre Blumenrabatten hatten manchen der Vorübergehenden gezwungen, stehen zu bleiben und einen bewundernden Blick über den Zaun zu werfen. Hier in D. hoffte sie nun, noch bessere Erfolge mit dem Garten zu erzielen; hatte sie ja doch schon bei der Anlage auf alles ihr Wünschenswerte Rücksicht nehmen können; auch war der Garten ihr Eigentum und sie brauchte also nicht zu befürchten, denselben nach einiger Zeit wieder andern Händen übergeben zu müssen.
Freilich wußte Liese wohl, daß nicht alles, was sie aus ihrem Garten zu machen gedachte, gleich im ersten Jahre möglich war. Sie wollte sich auch gerne mit manchem gedulden und zufrieden sein, wenn sie es nur soweit brachte, daß der Garten so viel Gemüse hervorbrachte, als sie für ihre Familie das ganze Jahr über notwendig hatte.
Martin und seine Familie waren so an den Genuß von Gemüse gewöhnt, daß sie kaum erwarten konnten, bis die erste Kresse geschnitten werden konnte, und als Liese an einem Sonntag die ersten Radieschen auf den Tisch brachte, da gab es besonders bei den Kindern großen Jubel.
Der neue Garten und besonders das Gartenhäuschen beim Müllerschen Hause hatte in D. wieder viel zu reden gegeben. Daß sich der Pfarrer mit solchen Sachen abgab, das war weiter nicht aufgefallen. Immer konnte er doch nicht innerhalb seiner vier Wände sitzen, und wenn er also zum Zeitvertreib sich im Garten beschäftigte, so konnte man ihm diese Liebhaberei wohl verzeihen. Er müsse ja auch nicht streng arbeiten -- hieß es -- und da schade es ihm nichts, wenn er zur Abwechslung von seinem Grünzeug esse. Spare er damit etwas an seiner Lebenshaltung, so sei das für alle gut, weil es ihm dann viel weniger in den Sinn komme, auf eine Gehaltserhöhung bei der Gemeinde zu dringen.
Mit ganz andern Augen verfolgte man hingegen die Bestrebungen von Martin und Liese. Daß ein einfacher Zimmermann, von dem man wußte, daß er nicht reich war, sich den Luxus erlaubte, einen Garten anzulegen und sogar eine Laube zu erstellen, das konnte niemand recht begreifen. Man glaubte in D. allgemein, daß Martin weit über seine Mittel hinausgehe. Wenn er bis jetzt auch einen guten Verdienst gehabt habe und Anzeichen vorhanden seien, daß derselbe nicht so bald nachlasse, so dürfe er doch nicht gleich daran denken, es den Herrenleuten nachmachen zu wollen und alles aufs feinste einzurichten.
»Wenn das sein Vater selig wüßte, wie jetzt mit dem ererbten Heimwesen umgegangen wird!« meinte einer. »Was war doch der Weibelhannes für ein einfacher Mann! Nie hat er einen Rappen umsonst ausgegeben, und kaum hat nun der Martin sich ins warme Nest gesetzt, so ist ihm auch nichts mehr gut genug; er tut gerade, als wenn er in der Fremde Wunder was verdient oder erheiratet hätte, während man doch gesehen hat, daß es mitunter auch recht alter Plunder war, den er mitbrachte, so daß er recht froh sein konnte, daß der größte Teil der Möbel vom Vater auch noch da war.«
»Ich wette,« meinte ein anderer, »daß Martin auch anders wäre, wenn ihm die Unterländerliese nicht ganz den Kopf verdreht hätte. Sie will jetzt einmal ihren Garten haben und dabei bleibt's! Aber, was gilt's, dem Martin werden schon die Augen aufgehen, wenn ihm erst einmal all das Kraut aufgetischt wird, das die Liese in ihrem Garten großzieht! Grünfutter ist gut fürs liebe Vieh; aber um die Arbeit eines Zimmermanns verrichten zu können, muß einer etwas anderes als Salat und Spinat im Magen haben.«
Wie es immer in der Welt zu gehen pflegt, daß man das Alte ob dem Neuen vergißt, so ging es auch hier. Als die Gartenangelegenheit und die vermeintliche Verschwendungssucht Martins genügend breitgeschlagen und durchgeklatscht war, begann man sich allmählich zu beruhigen. Die Arbeiten in Feld und Wiese wurden auch immer dringender, und bald ging jedermann an dem neuen Zaune vorüber, ohne etwas besonderes zu denken, ja einige Frauen begannen sich schon hie und da für die so regelmäßig aufgehenden Saaten zu interessieren.
Bald rückte wieder die Zeit des allgemeinen Auszuges heran; der größte Teil der jungen Männer, der Jünglinge und erwachsenen Töchter traten ihre gewohnten Saisonstellen an, und es wurde sehr ruhig in D.
Martin hatte für zwei Neubauten die Zimmerarbeit übernommen, und es fehlte ihm deshalb nicht an Beschäftigung. Neben den Hausarbeiten besorgte Liese die zwei kleinen Aecker, die sie mit Kartoffeln bepflanzt hatte, oder sie hatte im Garten irgend eine Verrichtung; war sie aber mit allem fertig, so saß sie in der Laube bei irgend einer Näharbeit. Die Kinder, welche jetzt im Sommer nicht mehr den ganzen Tag in der Schule zubringen mußten, halfen, wo sie konnten, nach Kräften mit. Die beiden Knaben zogen wohl auch mit einem leichten Wagen auf die Landstraße hinaus, um Mist zu sammeln, der dann an geeigneter Stelle zusammen mit allerlei Abfällen auf einen Haufen geschüttet wurde und Kompost für den Garten liefern sollte. Das gab den Leuten wieder frischen Stoff zu allerlei Gerede, und männiglich bemitleidete die »armen Buben«, welche stets barfüßig waren, und wie es schien, mit dem größten Vergnügen dem Geschäfte des Düngersammelns nachgingen. In D. war es nie der Brauch gewesen, barfuß zu gehen, und selbst die kleinen Kinder trugen auch im Hochsommer Schuhe und Strümpfe; deshalb fiel es auf, daß Liese ihre Kinder barfuß laufen ließ, und gleich hieß es: »Da sieht man es. Zu Hause ein solcher Luxus, und dabei haben die Kinder nicht einmal Schuhe, und sogar Mist müssen sie zusammenlesen. Es ist also bei Müllers doch nicht alles Gold, was glänzt, sonst müßten sie nicht am Notwendigsten sparen.«
Elise, der wohl hie und da von solchen abfälligen Redensarten etwas zu Ohren kam, kehrte sich nicht im mindesten daran. Sie merkte es an den roten Backen der Kinder, daß ihnen das Barfußgehen nicht schade. Mit Freuden sah sie auch ihren Komposthaufen zu immer größeren Dimensionen anwachsen. Sie betrachtete ihn als eine Sparbüchse, gespeist mit Kapitalien, die sonst nutzlos auf der Straße zugrunde gehen würden.
Die Gemüse in Lieses Garten standen prachtvoll, und als erst die verschiedenen Sommerblumen auf den Rabatten zu blühen begannen, da dachten sogar einige der Nachbarinnen, daß so ein Gärtchen doch unter Umständen eine angenehme Sache sei. Die eine oder andere der Frauen blieb hie und da am Zaune stehen, wenn Elise im Garten arbeitete, und hatte bald dieses, bald jenes zu fragen. Besonders suchten sie in Erfahrung zu bringen, wie dem Martin die Gemüsekost munde, und erstaunten nicht wenig, als sie hörten, daß er sich ja längst daran gewöhnt habe, und ohne Gemüse gar nicht mehr sein könnte. Freilich, erklärte ihnen Elise, müssen alle Gemüse auch gut und schmackhaft zubereitet werden, das sei gerade so notwendig als die richtige Kultur im Garten selbst. Sie rief auch manchmal diese oder jene der Frauen in die Küche, machte sie mit der Art und Weise des Kochens der Gartengewächse bekannt oder ließ sie die fertigen Gerichte probieren. Sie zeigte ihnen auch, wie sie Gemüse in Gläser einmache, um auch Vorräte für den Winter zu haben. Bald sahen denn auch die Nachbarinnen die Gartenkunst Elisens mit ganz andern Augen an, und manche begann, sich auch einen kleinen Garten zu wünschen.
Indessen waren es nicht nur Lieses Nachbarinnen, welche der Sache Interesse abgewannen, sondern auch in weiteren Kreisen wurde man auf das schmucke Gärtchen und seine Produkte aufmerksam.
Als einst ein Hotelbesitzer aus dem benachbarten Kurort F. mit seinem Wagen durch D. fuhr und in der Post einkehrte, bewunderte er die gut entwickelten Gemüse in dem Müllerschen Hausgarten und fragte gleich bei Elise an, ob sie nicht gewillt sei, ihm von ihren Gartenerzeugnissen etwas zu verkaufen; er sei bereit, gute Preise zu bezahlen, da es stets an frischen Gemüsen mangle. Er sehe sich genötigt, seinen ganzen Bedarf kommen zu lassen, und müsse da oft mit ganz minderwertiger Ware vorlieb nehmen. Sie bedeutete ihm, daß sie leider zum Verkauf nicht eingerichtet sei; daß sie aber ein anderes Jahr leicht auf einem Acker Gemüse bauen könne, und wenn er ihr Aussichten auf Absatz eröffne, so werde sie das auch ausführen. Der Herr war damit ganz einverstanden, und nachdem ihn Liese noch mit einem hübschen Blumenstrauße beschenkt hatte, fuhr er von dannen.
Es braucht wohl nicht besonders bemerkt zu werden, daß Elise ob den andern Arbeiten ihre Topfpflanzen nicht vergaß. Als sie im Frühjahr einmal in der Stadt war, hatte sie beim Gärtner noch einige junge Pflanzen von leicht zu kultivierenden Arten gekauft; diese gediehen jetzt prächtig und blühten zum Teil schon. Der Pfarrer hatte ihr einige Ableger von jenen großblumigen Nelken geschenkt, die man im Kanton Graubünden in einigen Talschaften in oft prachtvollen Exemplaren bewundern kann. Diese bildeten nun ihren besondern Stolz, da sie schon im Unterland von diesen Riesennelken gehört, nie aber welche gesehen hatte. Elise besaß schon vorher einige hübsche, wenn auch kleinblumige Topfnelkenarten, und so konnte sie jetzt zwei Fenster gegen die Straße, wo die Sonne nicht so heiß hinbrannte, mit ihren Nelkenstöcken dekorieren. Diese Nelken bildeten nun einen besonderen Gegenstand ihrer Pflege; denn sie hatte von jeher eine große Liebhaberei für diese Blumen gehabt. Als dann aber die Blütezeit herannahte, sah sie sich auch reichlich für alle Mühe entschädigt. Die Pflanzen waren in Laub und Blüte wunderbar gut entwickelt, und weit herum waren keine solchen Nelken zu sehen.
Da geschah es eines Tages, daß eine reiche Familie aus Deutschland nach D. kam. Sie wollte nach F. reisen, es war aber unterwegs etwas an dem Wagen gebrochen, und somit gab es hier einen unfreiwilligen Aufenthalt, bis der Schaden wieder gut gemacht war. Nachdem die Fremden im Gasthaus eine Erfrischung genommen hatten, machten sie einen Spaziergang durch das Dorf und entdeckten dabei gar bald Elisens Nelkenstöcke. Ganz verwundert blieben sie unter den Fenstern stehen; denn solche Nelken hatten sie noch nie gesehen. Die junge Frau äußerte denn auch sofort den Wunsch, eine solche Pflanze zu kaufen, um sie mit nach Deutschland zu nehmen.
Elise war gerade in der Küche mit Konservieren von Gemüse beschäftigt und erstaunte nicht wenig, als die Herrschaft bei ihr eintrat; fast noch mehr erstaunt aber war sie, als sie hörte, daß sie einen ihrer Nelkenstöcke verkaufen sollte. Ganz unumwunden erklärte sie denn auch, daß sie diese Nelken nicht zum Verkaufen, sondern aus eigener Liebhaberei gezogen habe. Das half indessen nicht viel, der Herr, welcher den Wunsch seiner Frau zu dem seinigen gemacht hatte, fuhr fort zu bitten; er versprach, gerne jeden verlangten Preis zu bezahlen und offerierte, als Liese noch zögerte, 15 Fr. für eine der großblumigen Pflanzen. Als Elise diesen Preis nennen hörte, meinte sie doch, es wäre eine Sünde, eine solche Einnahme von der Hand zu weisen. Sie willigte also in den Handel ein und erlaubte der Dame, unter sämtlichen Pflanzen diejenige auszuwählen, welche ihr am besten gefalle. So war denn die Sache zur allgemeinen Zufriedenheit geregelt, und während der Nelkenstock verpackt wurde, ermunterte die fremde Dame Elise, nur möglichst viele solcher Nelkenpflanzen zu ziehen, an Absatz werde es ihr gewiß nicht fehlen. Der Herr war der gleichen Meinung und versprach, einen ihm bekannten Blumenhändler in F. auf diese prachtvollen Blumen aufmerksam zu machen. Es sei ja gar nicht ausgeschlossen, daß dieser dann auch allerlei andere Blumen in D. ziehen lasse, sobald sich Elise nur entschließen könne, einen solchen Auftrag zu übernehmen. Diese dankte ihren Gönnern für das bewiesene Wohlwollen und versprach, die Sache überlegen zu wollen; es sei ihr selbst auch schon durch den Sinn gefahren, ob sie vielleicht nicht imstande wäre, mit Gemüse- und Blumenzucht ein hübsches Stück Geld zu verdienen. Sie erzählte dann von dem Besuch des fremden Hotelbesitzers und wie sie darauf den Vorsatz gefaßt habe, nächstes Frühjahr mit der Zucht von Gemüsen zum Verkauf beginnen zu wollen. Nun ihr auch Aussicht gemacht sei, Blumen und namentlich Nelken gut verkaufen zu können, so würde es vielleicht nicht schaden, auch damit einen Versuch zu wagen. Nachdem die Fremden versprochen hatten, Elise im nächsten Sommer wieder zu besuchen, nahmen sie Abschied, und der kleine Hans trug ihnen den gekauften Nelkenstock noch bis zum Wagen.
Martin war nicht recht einverstanden, als Elise ihm ihren Plan mitteilte, im kommenden Jahr einen kleinen Gemüseversand einrichten zu wollen. Er meinte, das verursache im Verhältnis zur Einnahme viel zu viel Arbeit, und es sei ja nicht notwendig, daß sich Liese über Gebühr anstrenge wegen einigen Franken, die vielleicht damit zu verdienen seien. Im Geheimen mochte er wohl Angst haben, daß Elise die Hausgeschäfte vernachlässige, wenn die vermehrte Gartenarbeit auf sie einstürme, und denken, daß es dann um die Gemütlichkeit in seinem Hause geschehen sei. Sobald deshalb Elise auf diesen Gegenstand zu sprechen kam, gab er ausweichende Antworten und suchte das Gespräch auf etwas anderes zu bringen.
Als ihm nun aber Elise die 15 Fr. für die Topfnelke aufzählte, da meinte er nun doch: »Ja, wenn solche Preise die Regel wären, würde ich Dir selbst raten, die Sache in etwas größerem Maßstabe zu probieren. Ueberhaupt glaube ich, daß bei der Blumenzucht mehr herausschauen dürfte, als beim Gemüsebau.« »Aber schau Martin,« entgegnete Elise, »ich kann ganz gut das eine tun und das andere nicht lassen. Manche Flickerei und andere Handarbeiten kann ich ganz gut auf den Winter versparen. Dann mußt Du bedenken, daß die Kinder größer werden und manches zu helfen imstande sind. Auch wirst Du verstehen, daß ich mich mit keinem Gedanken mit der ganzen Angelegenheit befassen würde, wenn ich denken müßte, deswegen auch nur das Kleinste der notwendigen Hausgeschäfte vernachlässigen zu müssen.« So ward denn der Widerstand Martins gebrochen, und es wurde endgültig der Beschluß gefaßt, nächstes Jahr regelrechten Gartenbau zu treiben und den Verkauf der erzielten Produkte an die Hand zu nehmen.
IV.
Der zweite Winter war für die Familie Müller wieder so ruhig verlaufen wie der erste. Liese hatte in verschiedener Beziehung aufs kommende Jahr vorgearbeitet. Fürs erste hatte sie sich mit allerlei Näharbeiten, mit Strümpfestricken und dergleichen derart beflissen, daß sie sich damit im Sommer -- von etwa nötig werdenden Ausbesserungen abgesehen -- nicht zu befassen brauchte. Dann hatte sie auch schon für das notwendige Packmaterial gesorgt. Ein Korbmacher erbot sich, allerlei größere und kleinere Körbe jetzt billiger zu liefern als im Sommer. Im Laden hatte sie passende Kistchen für den Blumenversand erstanden, und auch gebrauchte Packleinwand zum Uebernähen der Gemüsekörbe erhielt sie dort für billiges Geld.