Aus Berg und Tal: Charakterbilder aus dem schweizer. Bauernleben

Part 3

Chapter 33,624 wordsPublic domain

Um nun selbst hier mit gutem Beispiel voranzugehen und um zu zeigen, was ein richtiger Aelpler zu leisten im stande sei, entschloß ich mich, nachdem ich mehrere Jahre am gleichen Platze Knecht gewesen, selbst Senn zu werden. Ich bot mich der Gemeinde als solchen um geringen Lohn an, aber mit der Bedingung, das übrige Alppersonal selbst auswählen zu dürfen. Wider Erwarten ging man auf meine Forderung ein, und zur gegebenen Zeit trat ich mein neues Amt an.

Da gab es wieder ein reiches Arbeitsfeld für mich; denn mit den denkbar schlechtesten Einrichtungen mußte ich beginnen. Dazu kam noch der Umstand erschwerend hinzu, daß es Leute gab, die zäh am Alten festhingen und jeder Neuerung abhold waren, besonders solchen, welche etwelche Ausgaben erforderten, und wären sie auch noch so klein gewesen. Diese hatten schon meine Wahl bekämpft und arbeiteten mir jetzt direkt entgegen. Doch ich hatte schon im ersten Jahre Glück. Durch einen richtigen Weidewechsel, durch Verbesserung der Tränkstätten und andere kleine Maßnahmen, die ich mit meinen Leuten ohne weitere Kosten durchführen konnte, behielt ich die Kühe gesund und leistungsfähig. So steigerte ich den Ertrag und verbesserte zugleich durch bessere Verarbeitung der Milch die Produkte. Mit zäher Energie steuerte ich auf das mir vorgesteckte Ziel los, und ich habe es erreicht, wenn es auch manchen harten Kampf kostete. Dreißig Jahre lang war ich Senn auf unserer Gemeindealp, und wer dieselbe heute betritt, muß sagen, daß es eine Musteralp geworden ist. Sie wirft heute mit den verbesserten Einrichtungen und bei der rationellen Bewirtschaftung den dreifachen Nutzen ab von damals, als ich zum erstenmal ihr als Senn vorstand. Es ist zwar richtig, daß die Gemeinde sich etwas hat kosten lassen müssen, aber sie erhielt auch ansehnliche Subventionen von Bund und Kanton, und selbst wenn sie alles hätte allein bezahlen müssen, so hätte die Ausgabe dennoch gut rentiert.

Sehen Sie, so war es mir doch vergönnt, etwas wirken zu können, und wenn ich auch bis heute nichts anderes als ein Knecht geblieben bin, so darf ich doch sagen, daß ich meinen Platz in Ehren ausgefüllt habe.

Auch heute bin ich mit meinem Streben noch nicht zu Ende. Als ich als Senn das erreicht hatte, was ich erreichen wollte, und ich getrost mein Amt einer jüngeren Kraft abtreten konnte, da bin ich mit ganz bestimmten Absichten Schafhirt geworden. Ich war längst überzeugt, daß die Schafzucht für unsere Gegend einen sehr einträglichen Landwirtschaftszweig ausmache und besonders dann, wenn sie so betrieben würde, wie es die Neuzeit erfordert. Ich erkannte, daß man durch richtige Zucht die Rasse verbessern müsse, daß eine bessere Haltung und Pflege platzzugreifen habe und daß der Weidebetrieb anders zu regeln sei. Ueber die ersten beiden Punkte suche ich stets unsere Bauern aufzuklären, und, wie mir scheint, mit Erfolg. Die Hirtschaft übernahm ich selbst und besorge dieselbe seit drei Jahren.

Wie ich Ihnen bereits anfangs mitteilte, betrachte ich mein jetziges Amt als eine Art Ruheposten. Im Winter, wenn die Schafe im Stall gehalten werden, pflege auch ich der Ruhe. Ich habe mir so viel erspart, daß ich während dieser Zeit nicht auf Verdienst ausgehen muß; da bleibe ich ruhig in meinem Häuschen, das mir als Erbteil von meinen Eltern zugefallen ist. Da lebe ich meinen Büchern, und gar nicht selten werde ich von den Bauern unseres Dorfes um diesen oder jenen Rat angegangen, den ich stets, wo ich kann, gerne erteile. Im Herbst und Frühjahr besorge ich die Heimweide, und im Sommer ziehe ich herauf in diese Hütte, die ich mir wohnlicher eingerichtet habe. Jede Woche bringt man mir meinen Proviant herauf und damit ich nicht ohne Nachrichten bleibe von dem, was draußen in der Welt vorgeht, auch die Zeitungen. Am meisten freue ich mich dabei immer auf die »Grüne«, deren langjähriger Abonnent ich bin.

So, da haben Sie nun meine Geschichte, und wenn ich Sie damit gelangweilt habe, so bitte ich um Entschuldigung. Sie haben es übrigens ja selbst so haben wollen.«

Ich drückte dem alten Schäfer die Hand zum Danke für seine sehr interessante Erzählung und sagte ihm, daß mein Herz viel zu sehr an allem Anteil nehme, was die Landwirtschaft betreffe, als daß ich seine Mitteilungen langweilig finden könnte. Nur eine Frage müsse ich noch an ihn richten, nämlich die, wie es gekommen sei, daß er nie daran gedacht habe, sich eine eigene Familie zu gründen.

»Ja, lieber Herr,« entgegnete er, »das war bei mir so eine eigene Sache. Zuerst fehlten mir die Mittel zum Heiraten; ich mußte meine Eltern und Geschwister unterstützen. Dann war mein Lohn überhaupt nicht so groß, daß ich hätte Frau und Kinder ernähren können, und als ich später etwas besser gestellt war, war ich zu alt und mußte dafür sorgen, daß aufs Alter auch noch etwas bleibe. Sehen Sie, das ist überhaupt ein dunkler Punkt in unserem Stand. Ein armer Bauernknecht darf, wenn er nicht leichtsinnig ist, überhaupt nicht so leicht ans Heiraten denken, und das mag auch sehr viel dazu beitragen, daß gar mancher seinen Verdienst anderswo sucht als bei der Landwirtschaft. Es wird ja heutzutage sehr viel über die Dienstbotenfrage geschrieben, und allenthalben führt man Klage darüber, daß niemand mehr gerne Bauernknecht sein wolle, und daß alles nur den Städten und den Kurorten zulaufe. Diese Klage ist ja berechtigt, aber auf der anderen Seite muß man auch bedenken, daß das Los eines Knechtes oft kein beneidenswertes ist. Die Hauptarbeiten bei der Landwirtschaft wickeln sich draußen unter freiem Himmel ab; da geht es nicht anders, als daß man mit Wind und Regen, mit Schnee und Kälte in Berührung kommen muß. Das würde man gerne noch in den Kauf nehmen, obwohl es sicher ist, daß bei richtiger Arbeitseinteilung auch in dieser Hinsicht die Dienstboten etwas mehr geschont werden könnten. Das Schlimmste aber ist, daß bei gar vielen Bauern der arme Knecht, nachdem er den ganzen Tag bei schlimmster Witterung draußen gewesen und bis auf die Haut durchnäßt heimgekommen ist, oft nicht einmal Gelegenheit findet, seine Kleider zu trocknen; es wird ihm für die Winterabende kein warmes Zimmer geboten, und nur zu oft ist ihm für seine müden Glieder ein gar schlechtes Lager bereitet. Ich mußte mich oft überzeugen, daß mancher Bauer viel mehr für sein Vieh besorgt ist als für seine Knechte. Wenn man in dieser Beziehung Besserung schaffen wollte, würde mancher auch lieber Bauernknecht sein.«

Ich konnte natürlich nicht anders, als auch dieser Ansicht des Alten beipflichten. Unterdessen war es ziemlich spät geworden. Ueber dem Talgrund lagerte sich bereits die Dämmerung; auf den schneebedeckten Zacken und Kuppeln der Berge erlosch der letzte Hauch des Abendrotes, und schon erglänzte hie und da ein Stern in mattem Licht. Die Luft war wunderbar rein und würzig, aber es begann sich eine empfindliche Kühle bemerkbar zu machen, und wir verließen die Bank und wandten uns dem Innern der Hütte zu, um unsere Schlafstätten aufzusuchen.

Als ich am andern Morgen erwachte, hatte mein Wirt schon das Frühstück in Bereitschaft. Er meinte, es sei ein ordentlicher Marsch bis hinüber ins Glarnerland, und da sei es gut, wenn ich mich nicht mehr lange aufhalten müsse.

Es ging denn auch nicht gar zu lange, bis ich zum Aufbruche bereit war. Der Alte begleitete mich ein Stück, um mir den Weg zu zeigen bis zu einer Stelle, von der aus es dann nicht so leicht war, irre zu gehen.

Auf dieser Wanderung kamen wir nochmals auf die Erlebnisse meines Begleiters zu sprechen, und ich gab meinem Bedauern Ausdruck, daß in unserer Fachliteratur die Dienstbotenfrage zu einseitig vom Standpunkte der Arbeitgeber behandelt werde. »Es würde gewiß nichts schaden,« äußerte ich, »wenn sich auch die Dienstboten selbst hie und da hören ließen, und gerade so eine schlichte Erzählung aus dem Leben, wie sie mir gestern abend aus Ihrem Munde geboten wurde, dürfte viel nützlicher sein, als manche theoretische Abhandlung über die landwirtschaftliche Arbeiterfrage. Könnten Sie nicht einmal Ihre Winterferien dazu benützen, um Ihre Lebensgeschichte so zu Papier zu bringen, wie Sie mir dieselbe erzählten?«

Lächelnd antwortete mir mein Führer: »Um in meinen alten Tagen noch Schafhirt zu werden, dazu hatte ich Lust und Energie genug, aber zum Schriftstellern langt's nicht mehr. Meine Hand ist steif geworden, und ich würde die Gedanken nicht mehr aneinander reihen können, wie es sich gehört; hingegen erlaube ich Ihnen gerne, meine Erlebnisse zu veröffentlichen, wenn Sie glauben, daß das jemand von Nutzen sein könnte.«

Von dieser Erlaubnis habe ich nun Gebrauch gemacht und wenn Du, lieber Leser, ein Bauer bist, so denke daran, daß Du selbst sehr viel dazu beitragen kannst, um die Dienstboten an Dich zu fesseln, sie brauchbarer, treuer und fleißiger zu machen. Du brauchst Dir nur stets zu vergegenwärtigen, daß Deine Knechte, Mägde und Taglöhner Menschen sind, die einen Anspruch haben auf eine gute Behandlung, und die dankbar sind, wenn ihnen ihre keineswegs leichten Aufgaben erleichtert werden durch möglichste Bessergestaltung ihrer Lage.

Bist Du aber ein Knecht, so bedenke, daß Du bei treuer Pflichterfüllung in Deinem sehr ehrenhaften Stand es so gut zu einem Erfolge bringen kannst als in jedem andern. Trachte darnach, daß Du im Alter auch so zufrieden auf Dein Wirken zurückblicken kannst wie der alte Schäfer, von dem ich Dir erzählt habe.

Die Blumenliese.

I.

Es war an einem jener warmen, sonnenklaren Herbsttage, an welchen man so recht den eigenartigen Zauber der langsam zum Winterschlafe sich vorbereitenden Natur herausfühlt, als ein mit allerlei Hausrat beladener Wagen, von zwei kräftigen Pferden gezogen, sich langsam die in mehreren Windungen nach dem Bergdorfe D. führende Bergstraße hinaufbewegte.

Den Möbelstücken sah man es an, daß ihr Besitzer nicht gerade ein reicher Mann sei; indessen deutete auch nichts darauf hin, daß er sich in Verhältnissen befinde, die ihn zwängen, notwendige Haushaltungsgegenstände entbehren zu müssen. Der sofort auffallende Unterschied der Mobilien in Bezug auf Alter, Herstellungsweise und Material, ließ darauf schließen, daß viele der einzelnen Stücke nach und nach, je nach Gelegenheit und Bedarf angeschafft wurden. Es war deutlich zu erkennen, daß einige Schränke und Kommoden schon mehreren Generationen gedient hatten. Wie vorteilhaft nehmen sich doch diese schweren, harthölzernen, von ihren Erstellern scheinbar für die Ewigkeit bestimmten Möbel gegen manche Erzeugnisse der heutigen Möbelfabrikation aus, wo alles für das Auge berechnet ist und beim ersten rechtschaffenen Putsch aus dem Leim geht.

Verschiedene Anzeichen deuteten darauf hin, daß das hier seinen Wohnsitz wechselnde Ehepaar oder wenigstens die eine Hälfte davon Liebhabereien für Blumenzucht hege. Ein ziemlich geräumiger Waschzuber, der zu oberst auf dem hochgeladenen Fuder tronte, schien ganz mit Topfpflanzen gefüllt zu sein, wenigstens schauten die Blütendolden verschiedener Geranien wie verwundert in die Welt hinaus, und die schwellenden Knospen einer Monatrose hingen nickend über den Rand des Zubers hinunter. Hinten an dem Fuder aufgehängt, baumelte ein Blumentisch aus einfachem Weidengeflecht und mit Föhrenzapfen verziert -- wohl von eigener Hand des Besitzers gefertigt.

Der Hausrat gehörte dem aus D. gebürtigen Zimmermann Martin Müller, der gleich nach beendigter Lehre ins Unterland gezogen war, wo er an verschiedenen Orten gearbeitet und sich zu einem tüchtigen Arbeiter ausgebildet hatte. Der lebenslustige, dabei sehr fleißige und sparsame Zimmergeselle wurde überall, wo er hinkam, gerne gesehen. Als er bei einer größern Baufirma einen gutbezahlten Palierposten erhielt, verheiratete er sich mit der Tochter eines Kleinbauern, die freilich keine große Mitgift in die Ehe brachte, ihren Mann aber wahrhaft liebte und über zwei gesunde Arme und einen häuslichen Sinn verfügte. Zwölf glückliche Jahre hatten sie nun schon mit einander verlebt; sie waren zufrieden in ihren einfachen Verhältnissen und dankten Gott, daß er sie bis jetzt vor herben Prüfungen verschont hatte.

Martin hatte seine Mutter schon früh verloren, und nun war vor einem halben Jahre auch sein Vater gestorben. Dieser war Maurer gewesen, der seit Jahren für die Bewohner von D. die etwa notwendigen Reparaturen an ihren Häusern ausführte und hie und da auch kleinere Bauten übernahm. Daneben versah er die Stelle eines Gemeindeweibels und galt überall als ein äußerst fleißiger und rechtschaffener Mann. Eine alte Verwandte, die dem Weibelhannes (so wurde der alte Müller allgemein genannt) nach dem Tode seiner Frau die kleine Haushaltung geführt hatte, zog jetzt zu einer im Oberland wohnenden Schwester, und unser Martin erbte das kleine, mitten im Dorfe stehende Haus samt angrenzendem Baumgarten und einigen andern kleineren Grundstücken. Dieser Umstand hatte ihn bewogen, in die Heimat zurückzukehren und auf eigene Rechnung ein kleines Geschäft zu gründen. Wir finden ihn heute mit seiner Familie auf dem Wege dahin.

Martin ging neben dem Fuhrmann her; sie beide waren Schulkameraden und hatten einander natürlich vieles zu erzählen, besonders Martin hatte manches zu fragen über die heimatlichen Verhältnisse, in denen sich so manches in den vielen Jahren seiner Abwesenheit geändert hatte.

Die an der Seite des Wagens dahinschreitende Mutter hatte vollauf zu tun, all die Fragen zu beantworten, die zwei Knaben im Alter von sechs und acht Jahren immerfort an sie richteten. Sie saßen auf dem Kanapee, das vorn auf dem Wagen Platz gefunden, und schienen ein großes Wohlgefallen an der Fahrt zu haben. Ein zehnjähriges Töchterchen, das an der Seite der Mutter den Weg zu Fuß machte, war ganz in das Anschauen der ihm fremdartig erscheinenden Berglandschaft versunken. Bald entlockte ihr der in den verschiedensten Färbungen prangende Wald, bald die den Hintergrund des Tales bildenden Bergriesen, die schon mit frischem Schnee bedeckt waren, laute Ausrufe des Entzückens; bald machte sie die Mutter auf eine sich aus dem Gebüsch erhebende Ruine oder auf die oben am Bergeshang zerstreut liegenden Hütten aufmerksam.

Wir überlassen die vier Personen ihren Betrachtungen und wenden uns den beiden Männern zu, um zu lauschen, über was sie so angelegentlich miteinander verhandeln.

»Ja, Ja, Martin,« hub der Fuhrmann eben wieder an, »Du wirst sehen, daß wir jetzt ganz andere Verhältnisse in D. haben als früher, und namentlich Dir, der Du so lange abwesend warst, wird es erst recht auffallen, daß die Zustände leider nicht besser, sondern schlimmer geworden sind.«

»Aber,« erwiderte Martin, »es ist mir doch, als ich beim Begräbnis meines Vaters war, aufgefallen, daß viele Häuser ein vorteilhafteres Aussehen haben als früher, daß auch einige neue freundliche Behausungen entstanden sind, ein neues Schulhaus ist ja auch gebaut worden, und es schien mir, als ob viele Leute am Sonntag viel besser gekleidet wären als früher. Alles das deutet doch auf einen vermehrten Wohlstand hin, und der kann nicht aus so mißlichen Zuständen entspringen, wie Du sie mir darstellst. Freund, ich glaube, Du siehst die Sache mit einer zu schwarzen Brille an!«

»Wenn Du aus den eben angeführten Veränderungen, die bei uns stattgefunden haben, den Schluß ziehst, daß mehr Geld vorhanden, also der Verdienst ein größerer geworden sei, so ist das im ganzen genommen richtig, obwohl damit noch lange nicht bewiesen ist, daß das für unsere Leute ohne weiteres einen Vorteil bedeute. Du weißt, wie einfach es früher in unserm Dorfe zuging. Die Leute bebauten ihre Wiesen und Aecker, hatten keine andere Erwerbsquelle als die Landwirtschaft und waren gesund und zufrieden dabei. Verdiente man weniger, so brauchte man auch weniger. Man kleidete sich in selbstgesponnene und gewobene Stoffe, die freilich nicht so schön waren als die heutige Fabrikware, sich dafür aber durch viel größere Haltbarkeit auszeichneten. Nachdem man die ganze Woche tüchtig geschafft hatte, freute man sich, den Sonntag als wirklichen Ruhetag feiern zu dürfen. Die einzige Wirtschaft, die es damals bei uns gab, hätte als solche für sich allein gewiß nicht rentiert, wenn nicht noch ein Kramladen damit verbunden gewesen wäre. Am Werktag ging -- von einigen gewohnheitsmäßigen Schnapsern abgesehen -- niemand ins Wirtshaus, und auch an gewöhnlichen Sonntagen war der Zulauf kein großer; nur an der Bsatzig*), in der Fastnacht und bei ähnlichen Anlässen ging es etwas höher her. Seit nun aber auch bei uns alles darnach trachtet, in der Hotelerie und bei der Fremdenindustrie Stellung und Verdienst zu finden, ist alles anders geworden. Du wirst staunen, wenn Du im Frühling die Völkerwanderung siehst. Die jungen ledigen Leute gehen sozusagen alle fort, und es gilt schon bald für eine Schande, im Sommer hier bleiben zu müssen. Aber auch genug verheiratete Männer sind den ganzen Sommer abwesend. Frauen, Kinder und Greise bilden der Hauptsache nach im Sommer die Bevölkerung unseres Dorfes. Da werden im Frühjahr vor dem Auszug die Aecker bestellt, die Wiesen gedüngt, überhaupt das Notwendigste gemacht, und alle Sommerarbeit -- manchmal auch ein großer Teil der Herbstarbeiten -- den Frauen und alten Leuten überlassen. Auch die Kinder, die den ganzen Sommer keine Schule haben, müssen tüchtig mit anfassen. Du kannst Dir denken, daß unter solchen Verhältnissen die Landwirtschaft nicht sonderlich gehoben werden kann, weil alle Arbeiten nur notdürftig und oberflächlich gemacht werden. Aber auch die Familienbande lockern sich, und die Kindererziehung läßt vieles zu wünschen übrig.«

*) Wahl des Kreisgerichtes.

Martin, der ohne Unterbrechung den Worten des Fuhrmanns zugehört hatte, war etwas nachdenklich geworden und sagte dann: »Ich weiß, daß Du es gut meinst, und daß Deine Worte aus einem für die Heimat besorgten Herzen kommen; aber es nützt nun einmal alles nichts, die Zeiten lassen sich nicht ändern, was vergangen ist, kehrt nicht mehr. Das einzig Richtige ist, sich den einem ewigen Wechsel unterworfenen Verhältnissen so gut als möglich anzupassen; wer das am besten versteht, bleibt über Wasser und wird nicht Heimweh haben nach der guten alten Zeit. Wenn es der Fremdenindustrie gelungen ist, sich emporzuschwingen, oder wenn sie wenigstens das Bestreben hat, es zu tun, so soll man sie unterstützen; denn wo diese Industrie blüht, da bietet sie vielen Leuten Lebensunterhalt und Verdienst und stellt eine vortreffliche Absatzquelle für alle landwirtschaftlichen Produkte dar. Ich glaube, daß die besten Zustände da herrschen, wo die verschiedenen Erwerbsgruppen sich gegenseitig unterstützen und ergänzen. Freilich gehe ich mit Dir einig, daß es für unsere Verhältnisse nicht zum Nutzen ist, wenn fast unsere gesamte Jungmannschaft und natürlich gerade der intelligentere Teil derselben, ganz oder zeitweise auswandert, und wenn dadurch das Bebauen der heimatlichen Scholle mangelhaft ist und überhaupt fast jeder gesunde Fortschritt gehemmt wird. Doch ich denke, daß die Auswüchse dieser Art von Auswanderung von selbst eingehen werden. Die gesunden Elemente unserer Bevölkerung werden einsehen, daß auch manchmal das Los eines Hotelangestellten nicht ein sehr beneidenswertes ist, und daß man daheim im Kreise der Familie und bei landwirtschaftlicher Betätigung ein Leben führen kann, das weit mehr Befriedigung verschafft, als die abhängige und oft sehr aufreibende Tätigkeit in einem Hotel. Zu wünschen wäre es, daß einige Männer sich unserer Landwirtschaft annehmen und an deren Hebung arbeiten würden; das gute Beispiel würde andere hinreißen, und der Erfolg müßte ein bedeutender sein.«

»Ich sehe schon,« fiel der Fuhrmann wieder ein, »Du fassest alles von der leichten Seite auf, indessen möchte ich selbst nur wünschen, daß Du recht behalten möchtest und alles wieder von selbst ins richtige Geleise käme. Einstweilen sind viele unserer engern Landsleute zu bedauern, hauptsächlich auch deswegen, weil sie moralisch allmählich auf abschüssige Bahnen kommen. Das beweist schon das sich immer mehr entwickelnde Wirtshausleben unserer Dorfbewohner. Wo früher eine Wirtschaft kaum bestehen konnte, rentieren jetzt deren drei, wie es scheint, sehr gut. Nicht nur Wein und Branntwein wie früher, sondern auch Bier und allerlei fremde Liqueure, die man früher nicht einmal dem Namen nach kannte, werden jetzt ausgeschenkt. Das ganze gesellschaftliche Leben spielt sich jetzt im Wirtshause ab. Unsere jungen Männer, die im Sommer abwesend sind, finden es zu langweilig, die Winterabende im Kreise ihrer Eltern und Geschwister zuzubringen; sie glauben, es fehle ihnen etwas, wenn sie einmal abends nicht im Wirtshaus gewesen sind. Sollte es einmal den Eltern einfallen, einen halberwachsenen Jungen an Sparsamkeit und Häuslichkeit zu ermahnen, dann heißt es gleich: »Ich verdiene ja das Geld, und wenn es Euch nicht gefällt, kann ich im Winter auch fortgehen, denn ich bin mein eigener Herr und Meister und brauche mich nicht wegen jedem Glas Bier, das ich trinke, auszanken zu lassen.« Aber auch viele Familienväter fühlen sich zu Hause nicht wohl; Kneipen und Spielen ist auch bei ihnen an der Tagesordnung, und wohin das alles führen mag, kannst Du Dir leicht selbst vorstellen. Viele, die Jahresstellen haben, oder den Winter in südlichen Gegenden verbringen, kommen etwa einmal im Jahr, oder alle drei bis vier Jahre für einige Wochen in die Heimat, um sich zu »erholen«; diese drehen dann erst recht alles auf den Kopf, sie bestimmen gewöhnlich schon vorher eine gewisse Summe, die während der »Ferien« verklopft werden soll. Wenn man so lange Zeit, ohne sich einmal Ruhe zu gönnen, gearbeitet und dabei viel Geld verdient habe, dürfe man sich schon etwas zu gute tun, denken solche Leute; etwas müsse man vom Leben doch auch haben. Da werden denn allerlei Festlichkeiten arrangiert, es gibt Bälle, Ausflüge, Kneipgelage und dergleichen mehr. Teils weil jeder Genuß ohne passende Gesellschaft zuletzt langweilig wird, teils aus verwandtschaftlichen Rücksichten oder aus alter Freundschaft, teils aber auch aus purer Prahlerei oder Mitleid mit den »armen Schluckern«, die immer zu Hause bleiben und die heimatliche Scholle bebauen müssen, ergehen Einladungen an die nicht ausgewanderten oder sonst zufällig ortsanwesenden Bekannten, denen dann meistens, um nicht zu verletzen, oder um die willkommene Gelegenheit, auch einmal etwas mitmachen zu können, nicht unbenutzt vorüber gehen zu lassen, Folge geleistet wird. Es kommt sogar häufig genug vor, daß Jünglinge und Männer von der Arbeit weg ins Wirtshaus geholt werden. Da braucht man sich nun gewiß nicht zu verwundern, wenn bei den zum Hierbleiben verurteilten Handwerkern und Landwirten die Unzufriedenheit mit ihrem Geschick immer mehr sich ausbreitet, wenn bei ihnen gewisse Lüste und Leidenschaften wach werden, und wenn sich viele eine Lebensweise angewöhnen, die mit ihrem Beruf und ihrem Verdienst keineswegs in Einklang stehen.« So hatte sich der Fuhrmann in einen wahren Eifer hineingeredet, und die Debatte zwischen den beiden Freunden wäre jedenfalls noch lange nicht zu Ende gewesen, hätte man sich jetzt nicht dem Dorfe genähert, welcher Umstand natürlich dem Gespräch ein Ende machte. Martin wendete sich seiner Frau und den Kindern zu, während der Fuhrmann vollständig von seinem Fuhrwerk in Anspruch genommen wurde.

Weil es gerade um die Mittagszeit war, als der Wagen über die holprige Dorfstraße fuhr, hatten die Leute Gelegenheit, sich den Einzug der Müllerschen Familie mit Muße anzusehen, und diese Gelegenheit wurde auch reichlich ausgenützt.