Aus Berg und Tal: Charakterbilder aus dem schweizer. Bauernleben

Part 2

Chapter 23,711 wordsPublic domain

Das war mein erstes Lehrjahr als Bauernknecht, und wenn ich es etwas ausführlich geschildert habe, so bitte ich das zu entschuldigen; denn dieses erste Jahr war grundlegend für mein ganzes späteres Leben. Nicht alle, welche von unsern Hochtälern hinauszogen über den Bodensee, waren so glücklich wie mein Kamerad und ich; denn gar viele Bauern waren nur darauf bedacht, die armen Schweizerknaben so gut als möglich auszunützen, nicht im entferntesten kam es ihnen in den Sinn, auch erzieherisch auf die jungen Herzen einzuwirken und dazu beizutragen, sie zu nützlichen Gliedern der menschlichen Gesellschaft heranzubilden. Heute noch preise ich die Vorsehung, daß sie mich in den Dienst des Schachenhofbauers geführt hatte; denn daß ich ein rechter Mensch und brauchbarer Bauernknecht geworden bin, das habe ich fast einzig jenem Manne zu verdanken.

Meine Eltern waren natürlich sehr erfreut, daß es mir so gut ergangen im Schwabenland, und sie hatten nichts dagegen einzuwenden, daß ich mich zum zweitenmal auf den Schachenhof verdinge; auch war es ihnen recht, daß ich im Winter dort bleibe und die Schule besuche. Mein Genosse vom letzten Jahre war unterdessen mit seinen Eltern nach Amerika ausgewandert und lebt heute noch als glücklicher Besitzer einer Farm in Kansas. So schloß ich mich denn im Frühjahr allein der ausziehenden Schar der Schwabengänger an und kam glücklich wieder im Schachenhof an, wo man über mein Kommen sehr erfreut war.

Es würde mich nun viel zu weit führen, wenn ich alle meine ferneren Erlebnisse auf diesem Hof schildern wollte. Wenn ich mitteile, daß ich volle 16 Jahre dort blieb und mich vom Küherbub nach und nach zum Oberknecht aufschwang, so mag das genügen. Hingegen kann ich nicht unterlassen, etwas näher einzugehen auf das Leben und Treiben, das auf diesem Bauernhofe herrschte, und auf das Verhältnis zwischen der Herrschaft und den Dienstboten.

Wer auf den Hof kam, dem mußte vor allen Dingen die peinliche Ordnung und Sauberkeit auffallen, die allenthalben, selbst in dem entlegensten Winkel, sich bemerkbar machte. Die Gebäude und alle Einrichtungen waren zwar sehr einfach, von behäbigem Luxus oder gar protziger Zurschaustellung des Reichtums war da nichts zu bemerken. Der Schachenhofbauer hatte das Gut von seinem Vater übernommen und war bestrebt, nicht nur alles gut zu erhalten, sondern auch zeitgemäße Verbesserungen vorzunehmen. Dabei aber hütete er sich, irgendwelche Einrichtungen zu treffen, die sich nicht rentierten oder nur totes Kapital darstellten. Während er auch die kleinste Ausgabe vermied, die ihm nicht gerechtfertigt erschien, geizte er nicht, wo es galt, irgend etwas einzuführen oder anzuschaffen, das den Betrieb zu vereinfachen oder zu erleichtern geeignet war oder höheren Ertrag sicherte. Obwohl er sich nicht leicht in Sachen einließ, die praktisch nicht durch und durch erprobt waren, so war er doch ein echter Fortschrittsbauer, der nicht zäh am Alten festhielt, sobald er sich überzeugt hatte, daß Neues vorteilhafter sei.

Auf dem Schachenhof wurde großer Wert auf richtige Zeiteinteilung gelegt und der ganze Betrieb wurde nach einem bestimmten Plan geregelt. So kam es, daß man alles zur rechten Zeit fertig brachte, und wenn bei uns eine Arbeit angefangen wurde, so konnte jeder Bauer der Umgegend sicher darauf rechnen, daß er weder zu früh noch zu spät komme, wenn er auch damit beginne. Weil alles so gut eingeteilt wurde, so gab es auch keine Hasterei und keine Uebereilung, und das hatte den weiteren Vorteil im Gefolge, daß alle Arbeiten auch recht und gründlich getan wurden und nicht nur oberflächlich, wie man das leider so oft in unserer heutigen Zeit wahrnehmen muß.

Wenn unsere Kulturen auch manchmal selbst in schlechten Jahrgängen verhältnismäßig schön standen, so hörte man die andern Bauern oft sagen: »Was doch der Schachenhofer für ein heidenmäßiges Glück hat!« Ich aber lernte hier die Wahrheit des Sprichworts kennen: »Jeder ist seines Glückes Schmied.« Und wenn ich dazu berufen wäre, unsern Bauern gute Lehren zu erteilen, so würde ich ihnen vor allen Dingen zurufen: »Haltet gute Ordnung in allen Dingen; denn das ist das Fundament, auf dem sich ein guter Wirtschaftsbetrieb aufbauen muß!«

Unser Bauer aber hatte nicht nur schöne, ertragreiche Aecker und Wiesen und leistungsfähiges Vieh, sondern er hatte auch weit und breit die besten Dienstboten und meistens solche, die schon eine Reihe von Jahren in seinen Diensten standen. Das kam hauptsächlich daher, weil er es nicht nur verstand, Knechte und Mägde richtig zu behandeln und sie als Menschen zu achten, sondern ihnen auch einen rechten Lohn bezahlte und es ihnen gönnte, wenn sie in seinem Dienst etwas fürs Alter ersparen konnten.

Es wäre indessen weit gefehlt, wollte man glauben, daß bei uns nicht tüchtig und streng gearbeitet wurde von früh bis spät, und hätte sich etwa ein Knecht auf den Schachenhof verdingen wollen in der Meinung, da ein Schlaraffenleben führen zu können, so wäre er jedenfalls von der Wirklichkeit stark enttäuscht gewesen. Mancher neu eingestandene Dienstbote hat es denn auch einsehen müssen, daß es auf dem Schachenhof noch manches zu lernen gebe, bevor man imstande sei, den Bauer vollauf zu befriedigen.

Manchem, der noch nicht an stramme Ordnung gewöhnt war, kam es in den ersten Wochen hart an, sich dem strengen Regiment zu fügen, aber da half kein Murren. Der Schachenhofer wußte seinen Willen durchzusetzen, zwar nicht mit Fluchen oder groben Worten, aber mit klaren und deutlichen Befehlen, die nicht so leicht einer zu übertreten wagte. Jeder merkte denn auch bald, daß die Arbeit so viel leichter von statten gehe, als da, wo Unordnung einem ungestörten Arbeitsverlauf jeden Augenblick im Wege steht. Weil alles Arbeitsgeschirr an seinem bestimmten Orte aufbewahrt war, so mußte man nie etwas suchen, und weil jedes Gerät nach dem Gebrauche gereinigt wurde und jede notwendig gewordene Reparatur sofort ausgeführt werden mußte, so war auch immer alles gebrauchsfähig. Nur dieser einzige Umstand bewahrte uns vor vielen Zeitverlusten und Ausgaben, die mancher nur als Kleinigkeit betrachtet, die aber in ihrer Summierung allein schon hinreichen können, einen Bauer dem Ruin entgegen zu führen.

Auf dem Schachenhof wurden alle Mahlzeiten gemeinschaftlich eingenommen; der Bauer und die Bäuerin verschmähten es nicht, mit den Dienstboten am gleichen Tische zu sitzen. Das brachte zwei große Vorteile mit sich. Erstens war damit allen Reklamationen über die Beköstigung die Spitze abgebrochen; denn was der Herrschaft recht war, das mußte auch den Dienstboten gut genug sein. Zweitens war es da notwendig geboten, daß alle ordentlich und reinlich am Tisch erschienen, sich dort auch anständig benahmen und daß eine regelmäßige Essenszeit eingehalten wurde, alles Punkte, die meistens dort vermißt werden, wo das Gesinde abgesondert von der Herrschaft ihr Essen erhält.

Der Bauer hielt überhaupt darauf, daß sich seine Leute auch an ihrer Person der Reinlichkeit und Sauberkeit beflissen. Er meinte, wenn der Bauer oft so gering geachtet werde, so rühre das vielfach nur daher, weil er denke, es vertrage sich mit seinem Stande nicht, daß er auch sauber gekleidet sei und sich anständig benehme. Die landwirtschaftlichen Arbeiten bringen es ja gewiß mit sich, daß man nicht immer wie aus dem Kasten heraus daherkommen kann, aber es ist durchaus nicht notwendig, das, was von rechtswegen auf den Miststock gehört, an den Kleidern und Schuhen mit sich herumzutragen, oder zu glauben, daß die Unsauberkeit des Stalles auch auf das Wohnhaus übertragen werden müsse.

In dieser Angelegenheit tat dann freilich auch die Bäuerin das ihrige zur Sache. Sie trug Sorge dafür, daß jedem Dienstboten alles gewaschen und geflickt wurde, verlangte aber auch, daß die Leute selbst sich daran gewöhnten, ihre Kleider gut zu halten. In den Kammern duldete sie keine Unordnung, und ich habe da oft bemerken können, daß es eigentlich gar nicht so schwer ist, auch den gröbsten Knecht zur Reinlichkeit und guten Sitte anzuhalten, wenn man es nur richtig anfaßt. Freilich, wo es dem Bauer höchstens darauf ankommt, daß die Ställe in Ordnung sind, er es aber unter seiner Würde hält, einmal eine Knechtenkammer zu betreten, wo nur das Vieh geputzt wird, der Knecht aber wie eine wandelnde Düngerstätte herumlaufen darf, da muß es einen nicht Wunder nehmen, wenn es mit der Reinlichkeit schlecht bestellt ist.

Unser Bauer liebte es, wenn die Sonntage möglichst eingehalten wurden. Am Samstag mußten alle Reinigungsarbeiten vorgenommen werden und nur wenn man in der Erntezeit bei zweifelhaften Witterungsaussichten mit ganz dringenden Arbeiten überhäuft war, durfte man so etwas auf den Sonntag verschieben. Er liebte es, wenn an Sonn- und Festtagen eine feierliche Ruhe auf dem Hofe herrschte, die Leute die Kirche besuchten oder einen Spaziergang durch die Felder machten. Häufig unternahm er selbst einen solchen Gang und meinte, man werde da auf manches aufmerksam, an dem man am Werktag, wo der Kopf mit den Sorgen der Arbeit erfüllt sei, achtlos vorübergehe. Ging etwa einer der Knechte am Sonntag nachmittag ins Wirtshaus, so hatte der Bauer nichts dagegen. Hingegen duldete er keine Ausschreitungen und Trunkenbolde behielt er nicht in seinem Dienst.

Es war eine Freude, zu sehen, wie auf dem Schachenhofe selbst der geringste Hirtenknabe mit eigenem Interesse an der Arbeit beteiligt war. Das kam daher, weil der Bauer nicht nur trockene Befehle austeilte, sondern eine wirkliche Besprechung der Arbeit miteinflocht; er achtete auch die Ansichten anderer und regte so jeden zu selbständigem Denken an. Es läßt sich leicht begreifen, daß die Arbeit so ganz andere Resultate zeitigte, als wenn nur mechanisch gearbeitet worden wäre.

Wo der Bauer eine Belehrung bei uns Dienstboten anbringen konnte, da unterließ er es nie, und namentlich die langen Winterabende benützte er dazu, uns mit den Neuerungen auf dem Gebiete der Landwirtschaft bekannt zu machen. Damals gab es noch nicht die Flut landwirtschaftlicher Literatur, wie heute, dafür wurde alles gründlicher gelesen und studiert, und auch wir Knechte erhielten die Bücher zu lesen, welche der Bauer besaß. Allfällige neue Anregungen wurden besprochen und beraten, in welcher Weise sie ungefähr für unsere Verhältnisse passen und wie sie verwendet werden könnten.

Man kann leicht begreifen, daß ich auf dem Schachenhof unter den geschilderten Verhältnissen alle Arbeiten gründlich gelernt habe. Ich lernte nicht nur, wie und wann die verschiedenen Beschäftigungen vorzunehmen sind, sondern, weil ich mich auch mit dem Kopf an der Arbeit beteiligte, über alles nachdachte und den Erfolg beobachtete, lernte ich einigermaßen auch das »Warum« einer Hantierung kennen, soweit das nach den damaligen Verhältnissen und ohne Fachschulen möglich war. Unleugbar war es für mich ein großer Vorteil, daß ich auf der untersten Stufe, nämlich als Hirtenknabe, meine Tätigkeit auf dem Hof begonnen hatte. So kannte ich den ganzen Betrieb durch und durch und konnte dem Bauer kräftig an die Hand gehen.

Ohne etwa mich selbst rühmen zu wollen, darf ich doch sagen, daß ich nicht mit größerem Eifer und Interesse hätte arbeiten können, wenn ich der leibliche Sohn von Schachenhofers gewesen wäre. Hingegen darf ich auch nicht verschweigen, daß ich fast wie ein Sohn gehalten wurde. Man räumte mir mehr Rechte ein, als ich je benützen wollte. Auch der Lohn war ein recht guter für einen Bauernknecht; fast jedes Jahr gab man mir Aufbesserung, und ich konnte meinen Eltern nette Sümmchen nach Hause senden. Zweimal kam ich während meines Aufenthaltes auf dem Schachenhof zu einem kurzen Besuch nach Hause und fand zu meiner Freude immer geordnetere Zustände vor. Aus meinen kleinen Geschwistern wurden mit der Zeit große Leute; die beiden Schwestern verheirateten sich, mein jüngerer Bruder wurde ein Schmied und hat jetzt ein gutgehendes Geschäft drunten im Dorfe.

Sie sehen, daß ich nicht nur über nichts zu klagen hatte, sondern es ging mir so gut, wie ich es mir eigentlich nie zu wünschen getraut hatte. Doch es sollte anders kommen, und wenn ich bisher nur die Lichtseiten meines Standes kennen gelernt hatte, so sollten mir nun auch die Schattenseiten im Leben eines Bauernknechtes bekannt werden.

Eines Tages -- es war gerade in der Zeit der Heuernte -- wurde der Bauer, der sonst immer ein Bild der Gesundheit gewesen war, auf einmal krank, und ich mußte schnell einen Arzt aus der Stadt holen. Als dieser den Kranken untersucht hatte, schüttelte er bedenklich den Kopf und bedeutete der Bäuerin, daß sie sich auf das Schlimmste gefaßt machen müsse, indem eine heftige Lungenentzündung zu konstatieren sei. Alle ärztliche Kunst war denn auch vergebens, und nach vier Tagen standen wir tiefbetrübt an der Bahre unseres Brotherrn, den wir alle wie einen Vater verehrt hatten.

Nun kamen trübe Zeiten. Der ganze Gutsbetrieb ruhte auf meinen Schultern. Die Schachenhoferin, die den Verlust ihres Gatten kaum überwinden konnte, wollte sich um nichts mehr annehmen. Ihre Ehe war kinderlos geblieben, und somit hatte sie niemanden, dem sie den Hof übergeben konnte. So entschloß sie sich, denselben zu verkaufen und in die Stadt zu ziehen. Die Sache wurde einem Notar übergeben und bald stellten sich Kaufliebhaber zur Besichtigung des Hofes ein.

Ein junger Herr, der eben seine Studien in Hohenheim beendigt hatte und im Begriffe stand, sich zu verheiraten, wurde Besitzer des Schachenhofes, und weil er auch die Dienstboten mit übernommen hatte, unser neuer Herr.

Nun begannen Umwälzungen im großen Stil. Zunächst rückte ein Heer der verschiedensten Handwerker ein; denn es galt nun, das Wohnhaus für den Empfang der jungen Frau würdig herauszuputzen. Es wurde auch jetzt noch der Betrieb fast vollständig mir überlassen. Herr Rasch -- so hieß der neue Hofbesitzer -- kündete mir zwar vorläufig an, daß da vieles anders werden müsse; vorerst freilich habe er nicht Zeit dazu. Meistens war er denn auch abwesend, entweder in der Stadt, oder auf Besuch bei seiner Braut in Stuttgart, und wir konnten alle Arbeiten wie gewohnt verrichten. Eine Haushälterin besorgte das Hauswesen, zwar nicht in der Weise, wie unsere Bäuerin es getan, aber wir hatten auch nicht gerade Anlaß zu Klagen.

Gegen den Herbst kam die Ausstattung der zukünftigen Herrin, alles ganz städtisch, sogar ein Klavier wurde im »Salon« aufgestellt. Bald kam auch das neuvermählte Paar selbst an, und Herr und Frau Rasch begannen nun, die Zügel der Regierung selbst in die Hand zu nehmen.

Sehr bald mußte ich bemerken, daß unser Herr zwar sehr viel wisse -- er hatte jedenfalls die Schule mit sehr gutem Erfolge absolviert -- aber daß ihm die notwendige Praxis und die nötige Energie, das Gelernte auch richtig zu verwerten, fehlte. Dabei nahm er auch zu wenig Rücksicht auf die örtlichen Verhältnisse. So konnte es nicht ausbleiben, daß falsche Maßnahmen Mißerfolge zeitigten. Zu stolz nun, den Fehler bei sich selbst zu suchen, glaubte Herr Rasch, die Ursachen wo anders suchen zu müssen. Bald mußten die schlechten Einrichtungen schuld sein, bald suchte er die Dienstboten verantwortlich zu machen. Das zeitigte natürlich Unzufriedenheiten auf beiden Seiten, und als Lichtmeß heranrückte, kündigten schon einige derjenigen Dienstboten, die mehrere Jahre unter dem verstorbenen Schachenhofer gedient hatten.

Von den Mägden blieb keine einzige, denn bei der jungen Frau war es gar nicht zum Aushalten. Sie wollte regieren, während sie doch weder von der Führung des Hauswesens, noch von der Landwirtschaft viel verstand. Um das Wohl oder Wehe der Dienstboten kümmerte sie sich nichts, dazu hatte sie eine Haushälterin, die aber auch, wie die Mägde, den Dienst gekündet hatte aufs erste Ziel.

Nach und nach riß überall Unordnung ein, besonders auch deswegen, weil planlos bald dieses, bald jenes in Angriff genommen wurde, ohne etwas zu beenden. Da war es unausbleiblich, daß hier ein Gerät liegen gelassen wurde, dort etwas anderes verloren ging. Aber auch ungemein viel Zeit ging bei dem unsichern Hinundherlaufen verloren. Weil alles am Sonntag aufgeräumt und geputzt werden sollte, so geschah es nur oberflächlich und mit Unlust. Weil unser Herr nie gründlich nachschaute, so merkte er nicht, daß unter dem äußerlichen Schein der Sauberkeit das schlimmste Krebsübel eines Bauernwesens, die Unordnung, an seinem schönen Gute zu zehren begann.

Herr Rasch hatte auch einen andern Fehler, der schon manchen Landwirt zu grunde gerichtet hat. Er war prunksüchtig und wollte um jeden Preis den andern Bauern der Umgebung imponieren. Hätte er die nötige Energie und Schaffenslust besessen, seine Kenntnisse in richtiger Weise zu verwerten, so wäre ihm das vielleicht auch gelungen; denn ich glaube bestimmt, daß es ihm geglückt wäre, den Ertrag des Hofes bedeutend zu erhöhen, trotzdem der frühere Besitzer nach seiner Art mustergiltig gewirtschaftet hatte. Ich merkte z. B. gar bald, daß mit den neueren Geräten eine ganz andere Arbeit geliefert werden konnte. Aber was nützte uns der beste Hohenheimer Pflug, wenn er zu spät in Anwendung kam, und was frommte das bessere Saatgut, wenn es zur unrichtigen Zeit in den Boden kam, oder wenn die aufgehende Saat im Unkraut halb erstickte. Weil es nun in diesem Punkte nicht ging, sich hervorzutun, und er dabei nur erzielte, daß die Nachbarn im Stillen über den »studierten Bauer« lachten, so wurde es auf andere Weise versucht. Die schlichten, aber zweckmäßigen Wirtschaftsgebäude wurden niedergerissen und durch massive Prachtbauten ersetzt. Diese neuen Stallungen und Scheunen erfüllten den Zweck nicht viel besser als die alten. Sie gewährten nur den Vorteil, daß sie schöner aussahen, hatten aber den sehr schwerwiegenden Nachteil, daß in ihnen ein unproduktives Kapital angelegt war.

Es wird Ihnen aufgefallen sein, daß ich noch gar nichts erzählte über das Verhältnis zwischen Herrn Rasch und mir, doch werden Sie sich, nach meiner Beschreibung der allgemeinen Zustände, schon ein Bild machen können, wie wir zu einander gestanden haben. Bei diesem Punkte angelangt, muß ich jedoch gestehen, daß mein Herr die Schuld nicht allein trug, wenn die Kluft zwischen uns immer größer und unüberbrückbar wurde; auch ich selbst trug sehr viel dazu bei. Herr Rasch überragte mich natürlich an Bildung und theoretischem Wissen himmelweit, wogegen ich im praktischen Können und im Bekanntsein mit den örtlichen Verhältnissen im Vorteil war. Beide aber hatten wir den gleich großen Fehler, daß wir dem eigenen Wissen die größte Wichtigkeit beimaßen und mit Geringschätzung auf die Fähigkeiten des andern blickten. Ich glaube heute bestimmt, daß wenn wir darnach getrachtet hätten, uns gegenseitig zu ergänzen, alles ins richtige Geleise gekommen wäre. Ich war der Untergebene, und an mir wäre es also gelegen, damit den Anfang zu machen. Statt dessen verspürte ich eine stille Freude, wenn ich sah, daß etwas schief ging. Ich befolgte willig die verkehrten Anordnungen meines Herrn, auch dann, wenn es in meiner Macht gelegen hätte, die daraus resultierenden Mißerfolge abzuwenden. Erhielt ich dann Vorwürfe, so meinte ich, das sei ungerecht, und beklagte mich über schnöde Behandlung. So kamen wir denn beide zur Einsicht, daß wir nicht weiter mit einander arbeiten können, und als ich schließlich den Dienst kündigte, kam ich damit nur Herrn Rasch zuvor, der mich sicherlich nicht mehr auf dem Hof geduldet hätte.

Was nun meinen ferneren Aufenthalt im Schwabenlande anbetrifft, so gibt es davon nicht mehr viel zu erzählen. An zwei andern Plätzen hatte ich auch mehr schlechte als gute Erfahrungen zu machen und zwar hauptsächlich deswegen, weil ich noch eines nicht gelernt hatte, nämlich mich, wie es einem Dienstboten geziemt, dem Arbeitgeber unterzuordnen und mich den verschiedenen Verhältnissen anzupassen. Ich hielt mich für eine viel zu wichtige Persönlichkeit und hatte geglaubt, gleich überall eine wichtige Rolle spielen zu können. Der verstorbene Schachenhofer schwebte mir als das Ideal eines Bauern vor, und weil ich dieses Ideal nicht gleich wieder fand, so hielt ich alle andern Bauern für dumm und meinte, sie seien nicht wert, einen Knecht in ihrem Dienst zu haben, wie ich einer sei. So wurde ich immer unduldsamer und mancher Bauer ließ mich gerne aus seinem Dienste scheiden, trotzdem er mich vielleicht als tüchtigen Arbeiter und soliden Menschen schätzen gelernt hatte. Dabei wurde bei mir die Sehnsucht nach der Heimat immer größer, und als mich die Trauerkunde ereilte, daß mein Vater plötzlich gestorben sei, hielt ich es für meine Pflicht, mich meiner alten Mutter anzunehmen und mich mit meinen Geschwistern in die Sorge um dieselbe zu teilen.

So sagte ich dem Schwabenlande adieu, zog in mein heimatliches Tal zurück und suchte hier einen passenden Platz. Weil man mich für einen ordentlichen Burschen hielt, so brauchte ich auch nicht lange Umschau zu halten, und es tat mir wohl, in eine ganz veränderte Umgebung zu kommen.

Die Betriebsrichtung in der Landwirtschaft war und ist eine ganz andere hier in unserer Berggegend, als draußen im oberschwäbischen Flachlande, und das brachte mit sich, daß es zunächst für mich wieder vieles zu lernen gab. Das sah ich glücklicherweise auch ein, und ich warf mich mit wahrem Feuereifer auf meine Ausbildung in der Viehzucht, in der Milchwirtschaft und im Alp- und Weidewesen.

Es begann damals gerade ein frischer Zug durch unsere schweizerische Landwirtschaft zu wehen, der auch bis herauf in unsere Berge bemerkbar wurde. Der schweizerische Landwirtschaftliche Verein entwickelte eine segensreiche Wirksamkeit. Zu einigen Ackerbauschulen gesellte sich die landwirtschaftliche Abteilung am Polytechnikum in Zürich, und bei uns war es besonders Schatzmann, der sich ein großes Verdienst um unsere Milchwirtschaft erwarb. Bücher und Zeitschriften wurden jedem zugänglich, und erst jetzt empfand ich es als ein Glück, daß ich draußen in der schwäbischen Dorfschule deutsch lesen und schreiben gelernt hatte.

Ich habe von jeher Freude an den Büchern gehabt, und manchen Franken habe ich ausgegeben, um dieses oder jenes kleinere landwirtschaftliche Werk anzuschaffen. So gelangte ich nach und nach zu einer kleinen Bibliothek, die heute noch mein Stolz ist.

Weil es mir an Geld fehlte und ich mich vor dem Schuldenmachen fürchtete, so konnte ich meine Erfahrungen nie für mich selbst verwerten, aber es gab Leute genug, die gerne eine Anregung und einen guten Rat auch von einem Knecht annahmen, und mancher Bauer ist mir heute noch dankbar für diesen oder jenen praktischen Wink, den er von mir erhalten, und der ihm von Nutzen war.

Immer mehr lernte ich erkennen, was für einen eminenten Vorteil unsere Alpen und Weiden für unsere Viehzucht und Viehhaltung bedeuten; leider mußte ich auch sehen, wie gerade auf diesem Gebiete eine schreckliche Mißwirtschaft herrschte, die zum Teil heute noch nicht ganz beseitigt ist. Ich mußte sehen, wie in unsern Wäldern und namentlich in den Hochwäldern eine wahre Raubwirtschaft getrieben wurde, wie die besten Alpen verunkrauteten und vergandeten, wie das Vieh bei denkbar schlechtesten Einrichtungen ohne Schutz und Futter den stärksten Unbilden der Witterung ausgesetzt blieb, wie die Milch schlecht verarbeitet wurde, wie man die Tiere den gewissenlosesten Leuten zur Hut anvertraute u. s. w. Namentlich dieser letzte Punkt gab mir viel zu denken, und ich konnte je länger je weniger begreifen, daß Bauern, die sonst das Herz auf dem rechten Fleck hatten und bei Aufzucht und Pflege des Viehes im Stall sehr exakt waren, ihre wertvolle Viehhabe auf der Alp Leuten anvertrauten, von denen jedermann wußte, daß sie faul, leichtsinnig und in allen Teilen unfähig seien, ihren Dienst pflichtgetreu zu versehen, und das alles nur, weil solche Hirten ein paar Franken weniger kosteten, als gewissenhafte Personen, denen aber auch etwas daran lag, ihre Pflicht voll und ganz zu erfüllen.