Aurelia, oder, Der Traum und das Leben

Part 6

Chapter 63,561 wordsPublic domain

Sofort zitterte ich, wenn ich bedachte, daß selbst dieses Mysterium belauert werden könnte. -- »Wenn die Elektrizität,« sagte ich mir, »die der Magnetismus der physischen Körper ist, einer Leitung unterworfen sein kann, die ihr Gesetze auferlegt, so können noch viel mehr die feindlichen und tyrannischen Geister die Intelligenzen unterjochen und sich ihrer geteilten Kräfte zum Zweck der Herrschaft bedienen. So sind die alten Götter besiegt und durch die neuen Götter geknechtet worden. So«, sagte ich mir weiter indem ich meine Erinnerungen an die alte Welt zu Rate zog, »haben die Nekromanten ganze Völker beherrscht, deren unter ihrem ewigen Zepter gefesselte Geschlechter einander folgten. O Unglück! Selbst der Tod kann sie nicht befreien, denn wir leben wieder in unsern Söhnen, wie wir in unsern Vätern gelebt haben, -- und die unerbittliche Wissenschaft unsrer Feinde weiß uns überall zu erkennen. Die Stunde unsrer Geburt, der Punkt der Erde an dem wir erscheinen, die erste Bewegung, der Name, das Zimmer, -- und all jene Weihen und all jene Gebräuche, die man uns auferlegt, alles das stellt eine glückliche oder verhängnisvolle Reihenfolge dar, von der die ganze Zukunft abhängt. Aber wenn das schon nach menschlicher Berechnung fürchterlich ist, verstehe man was das sein muß, wenn es an die geheimnisvollen Formeln anknüpft, auf denen die Ordnung der Welten beruht! Man hat richtig gesagt: Nichts ist gleichgültig, nichts ist ohnmächtig im Weltall; ein Atom kann alles auflösen, ein Atom kann alles retten!

O Entsetzen! Das ist der ewige Unterschied zwischen Gut und Böse! Ist meine Seele das unzerstörbare Molekül, die Blase, die ein bißchen Luft aufbläht, aber die ihren Platz in der Natur wiederfindet, oder die Leere selbst, ein Bild des Nichts, das in der Unendlichkeit verschwindet? Wäre sie ferner das unglückselige Teilchen, das bestimmt ist unter all seinen Verwandlungen der Rache der mächtigen Wesen zu unterliegen? So sah ich mich dahin gebracht, von mir Rechenschaft für mein Leben und selbst für meine früheren Existenzen zu fordern. Indem ich mir bewies, daß ich gut sei, bewies ich mir, daß ich es stets gewesen sein müsse. Und wenn ich schlecht gewesen bin, sollte da nicht mein gegenwärtiges Leben eine genügende Sühne sein? Dieser Gedanke beruhigte mich, aber nahm mir nicht die Angst, für immer unter die Unglücklichen eingereiht zu werden. Ich fühlte mich in kaltes Wasser getaucht, und ein noch kälteres Wasser rieselte über meine Stirn. Ich lenkte meinen Gedanken wieder zur ewigen Isis, zur Mutter und heiligen Gattin. All mein Streben, all meine Gebete vereinigten sich in diesem zauberhaften Namen, ich fühlte mich in ihr wieder aufleben und bisweilen erschien sie mir unter der Gestalt der antiken Venus, bald auch unter den Zügen der christlichen Jungfrau. Die Nacht brachte mir diese geliebte Erscheinung deutlicher und trotzdem sagte ich mir: Was kann sie, die besiegt und vielleicht unterdrückt ist, für ihre armen Kinder tun? Die bleiche und zerrissene Mondsichel wurde jeden Abend schmäler und würde bald verschwinden; vielleicht sollten wir sie nicht am Himmel wiedersehen! Indessen schien es mir, als sei dieses Gestirn die Zuflucht aller meiner Schwesterseelen und ich sah es von klagenden Schatten bewohnt, die bestimmt waren, dereinst auf der Erde wiedergeboren zu werden . . . . Mein Zimmer ist am äußersten Ende eines Ganges, der auf der einen Seite von den Verrückten bewohnt ist, auf der andern von den Bediensteten des Hauses. Es hat allein den Vorteil eines Fensters, das auf der Hofseite durchgebrochen ist; der Hof ist mit Bäumen bepflanzt und dient tagsüber als Spazierplatz. Meine Blicke heften sich mit Vergnügen auf einen buschigen Nußbaum und auf zwei chinesische Maulbeerbäume. Darüber gewahrt man undeutlich zwischen den grün bemalten Gittern eine ziemlich belebte Straße. Gegen Sonnenuntergang erweitert sich der Horizont; es ist wie ein Dorf mit Fenstern, die mit Grün bekleidet oder mit Vogelkäfigen oder Lumpen zum Trocknen behängt sind, und wo man von Zeit zu Zeit das Profil einer jungen oder alten Hausfrau oder irgendeinen rosigen Kinderkopf hervorlugen sieht. Man schreit, singt, bricht in Lachen aus; es ist froh oder traurig zum Anhören, je nach den Stunden und den Eindrücken.

Ich habe hier alle Trümmer meiner verschiedenen Vermögen gefunden, die verworrenen Reste mehrerer verstreuten oder seit zwanzig Jahren wiederverkauften Mobiliare. Es ist eine Trödlerstube wie die des Doktor Faust. Ein antiker dreifüßiger Tisch mit Adlerköpfen, eine von einer geflügelten Sphynx gehaltene Konsole, eine Kommode aus dem siebzehnten Jahrhundert, eine Bibliothek des achtzehnten, ein Bett aus derselben Zeit, dessen ovaler Himmel, den man aber nicht aufrichten kann, mit blauen und roten Stoffen bekleidet ist; ein bäurisches Gestell, auf dem meist ziemlich stark beschädigte Fayencen und Gegenstände aus Sèvresporzellan stehen; eine aus Konstantinopel mitgebrachte Wasserpfeife, einen großen Becher aus Alabaster, ein Kristallgefäß; Wandfüllungen aus Holz, die vom Abbruch eines alten Hauses herrührten, das ich auf dem Louvreplatz bewohnt hatte und die mit mythologischen Malereien von der Hand heute berühmter Freunde bedeckt waren; zwei große Gemälde im Geschmacke Prudhons, die die Musen der Geschichte und der Schauspielkunst darstellten. Mehrere Tage lang hat es mir Spaß gemacht, all das zu ordnen und in der engen Mansarde eine bizarre Zusammenstellung zu schaffen, die etwas vom Palast und etwas von der Hütte hat und einen ziemlich guten Auszug meines unsteten Lebens gibt. Über meinem Bett habe ich meine arabischen Kleider aufgehängt, meine zwei sorgsam ausgebesserten Kaschmirschals, eine Pilgerflasche, einen ungeheuren Plan von Kairo; eine Konsole aus Bambus steht zu Kopfende meines Bettes und trägt eine indische Lackplatte, auf der ich meine Toilettegegenstände ordnen kann. Ich habe mit Freude diese bescheidenen Reste meiner abwechselnd im Wohlleben und im Elend verbrachten Jahre wiedergefunden, an die sich alle Erinnerungen meines Lebens knüpften. Man hatte nur ein kleines Gemälde auf Kupfer im Geschmack Correggios auf die Seite gelegt, das Venus und Amor darstellte, Wandspiegel mit Jägerinnen und Satyrn und einen Pfeil, den ich zum Andenken an die Gesellschaften beim Valoisbogen aufbewahrt hatte; die Waffen waren nach den neuen Gesetzen verkauft worden. Im ganzen fand ich alles wieder, was ich zuletzt besessen hatte. Meine Bücher bildeten eine bizarre Anhäufung der Wissenschaft aller Zeiten, Geschichte, Reisen, Religion, Kabbala, Astrologie; sie hätten den Schatten Picos de la Mirandola, des weisen Meursius und Nikolas' de Cusa Freude gemacht, -- der Turm zu Babel in zweihundert Bänden; -- alles das hatte man mir gelassen! Es war genug, um einen Weisen närrisch zu machen; hoffentlich auch genug, um einen Narren weise zu machen!

Mit welchem Entzücken habe ich in meinen Schubladen den Haufen meiner Aufzeichnungen und intimen und öffentlichen, alltäglichen und glänzenden Briefwechsel ordnen können; sie waren gewöhnlich oder bedeutend, wie es der Zufall der Begegnungen oder der entfernten Länder, die ich bereist habe, mit sich brachte. In Rollen, die besser verwahrt sind als die andern, finde ich arabische Briefe, Reliquien aus Kairo und Stambul wieder.

O Glück! O tödliche Traurigkeit! Diese vergilbten Buchstaben, diese verwischten Entwürfe, diese halbzerknitterten Briefe, das ist der Schatz meiner einzigen Liebe. Lesen wir sie wieder! Viele Briefe fehlen, viele andere sind zerrissen oder unleserlich gemacht! -- -- --

VII.

EINES Nachts sprach und sang ich in einer Art Ekstase. Einer der Bediensteten des Hauses holte mich in meiner Zelle und ließ mich in ein Parterrezimmer hinuntergehen, wo er mich einschloß. Ich setzte meinen Traum fort und obwohl ich aufrecht stand, glaubte ich mich in einer Art orientalischen Kiosks eingeschlossen. Ich untersuchte alle Winkel und erkannte, daß er achteckig war. Ein Diwan beherrschte die ganzen Wände; diese schienen mir aus dickem Spiegelglas geformt, jenseits deren ich Schätze, Schals und Stickereien glänzen sah. Eine vom Mond erhellte Landschaft erschien mir durch das Türgitter und ich glaubte die Formen von Baumstümpfen und Felsen zu erkennen. Ich hatte dort schon in irgendeiner andern Existenz geweilt und glaubte die tiefen Grotten von Ellorah zu erkennen. Nach und nach drang bläuliches Tageslicht in den Kiosk und ließ bizarre Bilder zutage treten. Ich glaubte mich nun mitten in einem ungeheuren Fleischhaufen zu befinden, wo die Weltgeschichte in blutigen Zügen niedergeschrieben war. Der Körper einer riesenhaften Frau war mir gegenüber gemalt, nur waren ihre verschiedenen Teile wie von einem Säbel zerschnitten. Andre Frauen verschiedener Rassen, deren Körper nacheinander vorherrschten, stellten auf den andern Mauern eine blutigen Wirrwarr von Gliedern und Köpfen dar, von den Kaiserinnen und Königinnen bis herab zur bescheidenen Bäuerin. Das war die Geschichte aller Verbrechen und es genügte, die Augen auf diesen oder jenen Punkt zu heften, um dort einen tragischen Vorgang sich abspielen zu sehen. -- Das ist es nun, sagte ich mir, was die den Menschen verliehene Gewalt hervorgebracht hat. Sie haben den ewigen Typus der Schönheit nach und nach so gut zerstört und in tausend Stücke geschnitten, daß die Rassen immer mehr an Kraft und Vollkommenheit verlieren. Und ich sah wirklich auf einer Schattenlinie, die sich durch eine der Spalten der Tür einschlich, die absteigenden Generationen der Zukunftsrassen.

Endlich wurde ich dieser düstern Betrachtung entrissen. Das gute und mitfühlende Gesicht meines vortrefflichen Arztes gab mich der Welt des Lebendigen zurück. Er ließ mich einem Schauspiel beiwohnen, das mich lebhaft interessierte. Unter den Kranken befand sich ein junger Mann, ein alter Soldat aus Afrika, der sich seit sechs Wochen weigerte Nahrung aufzunehmen. Vermittels eines langen Kautschukschlauchs, den man in ein Nasenloch einführte, ließ man ihm eine genügende Menge Gries und Schokolade in den Magen rinnen.

Dieses Schauspiel machte mir lebhaften Eindruck. Bis dahin war ich dem einförmigen Kreislauf meiner Erregungen und meiner moralischen Leiden überlassen gewesen, da begegnete mir ein unbeschreibliches, schweigsames und geduldiges Wesen, das wie eine Sphynx an den äußersten Toren des Lebens saß. Ich fing an, es wegen seines Unglücks und seiner Verlassenheit zu lieben, und ich fühlte mich durch diese Zuneigung und dieses Mitleid gehoben. Es schien mir so zwischen das Leben und den Tod gestellt wie ein erhabener Dolmetscher, wie ein Beichtvater, der dazu bestimmt ist jene Geheimnisse der Seele zu hören, die das Wort nicht zu übermitteln wagte noch vermöchte. Es war das Ohr Gottes ohne die Beimischung des Gedankens eines andern. Ich verbrachte ganze Stunden damit, mich im Geist zu prüfen, wobei ich mein Haupt auf das seine neigte und ihn bei der Hand hielt. Es kam mir vor als vereinte ein gewisser Magnetismus unsre beiden Geister und ich war entzückt, als zum erstenmal ein Wort aus seinem Mund kam. Man wollte nichts davon glauben und ich schrieb meinem glühenden Wunsch diesen Beginn der Heilung zu. In dieser Nacht hatte ich einen köstlichen Traum, den ersten seit recht langer Zeit.

Ich war in einem Turm, der so tief in der Erde steckte und so hoch in den Himmel ragte, daß mein ganzes Leben mit Hinauf- und Hinabsteigen ausgefüllt schien. Schon waren meine Kräfte erschöpft und der Mut begann mich zu verlassen, als sich eine Seitentür öffnet. Ein Geist tritt hervor und sagt zu mir: »Komm, Bruder! . . . .« Ich weiß nicht, wie es mir in den Sinn kam, daß er Saturnin hieß. Er hatte die Züge des armen Kranken, aber verklärt und wissend. Wir waren auf einem sternerhellten Felde; wir blieben stehen und betrachteten das himmlische Schauspiel und der Geist legte seine Hand auf meine Stirn, wie ich es am Abend vorher gemacht hatte, als ich meinen Gefährten zu magnetisieren versuchte; sogleich fing einer der Sterne des Himmels zu wachsen an, und die Gottheit meiner Träume erschien mir lächelnd in einem fast indischen Gewand, so wie ich sie früher gesehen hatte. Sie schritt zwischen uns beiden und die Wiesen ergrünten, die Blüten und Blätter erhoben sich von der Erde auf der Spur ihrer Schritte . . . . Sie sprach zu mir: »Die Prüfung, der du unterworfen warst, ist zu Ende; diese zahllosen Stufen, bei deren Erklimmen und Hinabsteigen du dich ermüdetest, waren die Bande der alten Einbildungen selbst, die deine Gedanken verwirrten und jetzt erinnere dich des Tags, wo du die heilige Jungfrau angefleht hast und da du sie tot glaubtest, sich das Delirium deines Geistes bemächtigt hat. Es war nötig, daß ihr dein Wunsch von einer einfachen von der Erde losgelösten Seele überbracht wurde. Diese hat sich in deiner Nähe gefunden und darum ist es mir selbst erlaubt zu kommen und dir Mut zuzusprechen.« Die Freude, die dieser Traum in meinem Geist verbreitete, verschaffte mir ein köstliches Erwachen. Der Tag begann anzubrechen. Ich wollte ein greifbares Zeichen der Erscheinung haben, die mich getröstet hatte und ich schrieb diese Worte auf die Mauer: »Du hast mich in dieser Nacht besucht.« Ich verzeichne hier unter dem Titel

DENKWÜRDIGKEITEN

die Eindrücke mehrerer Träume, die dem folgten, den ich eben mitgeteilt habe. -- -- --

Auf einer schlanken Bergspitze der Auvergne ist der Hirtengesang verklungen: ARME MARIA! Königin der Himmel! An dich wendet sich ihre Frömmigkeit. Diese ländliche Melodie ist zum Ohr der Korybanten gedrungen. Sie treten selbst singend aus den geheimen Grotten, wo die Liebe ihnen Obdach gewährte. -- Hosianna! Friede auf Erden und Ruhm in den Himmeln! -- Auf den Bergen des Hymalaia ist eine kleine Blume erblüht. -- Vergiß mein nicht! -- Der kosende Blick eines Sternes hat einen Augenblick auf ihr geruht und eine Stimme ließ sich in einer süßen, fremden Sprache vernehmen: MYOSOTIS! --

Eine silberne Perle leuchtete im Sand; eine goldene Perle strahlte am Himmel . . . . Die Welt war geschaffen. Keusche Liebe, göttliche Seufzer! Entflammt den heiligen Berg! . . . Denn ihr habt Brüder in den Tälern und schüchterne Schwestern, die sich im Schoß der Wälder verbergen!

Duftende Gebüsche von Paphos! Was seid ihr gegen diese Zufluchtsorte, wo man mit vollen Lungen die belebende Luft des Vaterlandes atmet? -- Da oben auf den Bergen lebt die Welt zufrieden; die wilde Nachtigall verbreitet Zufriedenheit.

O wie schön ist doch meine große Freundin! Sie ist so groß, daß sie der Welt verzeiht und so gut, daß sie mir verziehen hat. Neulich nachts schlief sie in irgendeinem Palast und ich konnte sie nicht erreichen. Mein Schweißfuchs entwand sich meinem Befehl. Die zerrissenen Zügel hingen über der in Schweiß gebadeten Kruppe und es bedurfte großer Anstrengungen, um ihn zu verhindern, daß er sich zu Boden legte.

Heute nacht ist mir der gute Saturnin zu Hilfe gekommen und meine große Freundin hat an meiner Seite auf ihrer weißen, silbern aufgezäumten Stute Platz genommen. Sie sagte zu mir: »Mut, Bruder, denn das ist die letzte Stufe!« Und ihre großen Augen verschlangen den Raum und sie ließ in der Luft ihr langes Haar wehen, das mit den Düften Jemens getränkt war.

Ich erkannte die göttlichen Züge von ***. Wir flogen im Triumph und die Feinde waren zu unsern Füßen. Der Wiedehopf geleitete uns als Bote bis in den höchsten Himmel und der Bogen des Lichts barst in den göttlichen Händen Apolls. Adonis Zauberhorn klang durch die Wälder.

O Tod, wo ist dein Sieg? Da doch der triumphierende Messias zwischen uns beiden ritt? Ihr Kleid war aus schwefligem Hyazinth und ihre Handgelenke sowie die Knöchel ihrer Füße blitzten von Diamanten und Rubinen. Wenn ihre leichte Reitgerte das Perlmuttertor des Neuen Jerusalem berührte, waren wir alle drei in Licht getaucht. Dann bin ich unter die Menschen gegangen, um ihnen die frohe Botschaft zu verkünden.

Ich erwache aus einem süßen Traum. Ich habe die gesehen, die ich verklärt und strahlend geliebt habe. Der Himmel hat sich in all seiner Pracht geöffnet und ich habe darin das Wort VERGEBUNG gelesen, das mit dem Blute Jesu Christi geschrieben war.

Ein Stern erglänzte plötzlich und enthüllte mir das Geheimnis der Welt der Welten. Hosianna! Friede auf Erden und Ehre den Himmeln!

Aus dem Schoß der stummen Finsternis sind zwei Töne erklungen, ein getragener und ein schriller, und sogleich begann der ewige Kreislauf. Sei gesegnet, o erste Oktave, mit der die göttliche Hymne anhub. Von Sonntag zu Sonntag flichst du alle Tage in dein Zaubernetz! Die Berge lobpreisen dich den Tälern, die Quellen den Bächen, die Bäche den Strömen; die Ströme dem Ozean. Die Luft zittert und das Licht küßt wohlklingend die sprießenden Blumen.

Ein Seufzer, ein Liebesschauer steigt aus dem geschwellten Schoß der Erde und der Chor der Gestirne entfaltet sich in die Unendlichkeit; er entfernt sich und kommt wiederum zurück, verdichtet sich und entfaltet sich wieder und sät die Keime zu neuen Schöpfungen ins Weite.

Auf dem Gipfel eines bläulichen Berges ist eine kleine Blume erblüht. -- Vergiß mein nicht! -- Der kosende Blick eines Sternes hat sich einen Augenblick darauf geheftet und eine Antwort ließ sich in einer süßen, fremden Sprache vernehmen: MYOSOTIS!

Unheil über dich, Gott des Nordens! Der du mit einem Hammerschlag die aus den sieben köstlichsten Metallen gefügte heilige Tafel zertrümmertest! Denn du hast die »ROSENFARBENE PERLE«, die in ihrer Mitte ruhte, nicht zerbrechen können. Sie ist unter dem Eisen wieder aufgesprungen, -- und wir haben uns für sie bewaffnet . . . . Hosianna!

Der Makrokosmos, oder die große Welt, ist durch kabbalistische Kunst erbaut worden; der Mikrokosmos, oder die kleine Welt, ist sein in aller Welt zurückgestrahltes Bild. Die »ROSENFARBENE PERLE« ist mit dem königlichen Blut der Walküren gefärbt worden. Unheil über dich, schmiedender Gott, der eine Welt zertrümmern wollte! Indessen ist die Vergebung Christi auch für dich verkündet worden!

Sei also selbst du gesegnet, o Thor, du Riese -- du mächtigster unter Odins Söhnen! Sei gesegnet in Hela, deiner Mutter, denn oft ist der Tod süß, -- und in deinem Bruder Loki und in deinem Hund Garnur.

Selbst die Schlange, welche die Welt umgibt, ist gesegnet, denn ihre Ringe erschlaffen und ihr gähnender Rachen atmet die Blume Anxoka, die Schwefelblume, die strahlende Blume der Sonne!

Gott schütze den göttlichen Baldur, den Sohn Odins und Freya, die schöne!

VIII.

ICH befand mich IM GEIST in Saardam, das ich im vergangenen Jahr besucht habe. Schnee bedeckt die Erde. Ein ganz kleines Mädchen ging schleifend über die harte Erde und richtete seine Schritte glaube ich nach dem Haus Peters des Großen. Ihr majestätisches Profil hatte etwas Bourbonisches. Ihr Hals von strahlender Weiße ragte zur Hälfte aus einem Schwanenpelzkragen. Mit ihrer kleinen rosigen Hand schützte sie eine angezündete Lampe vor dem Wind und wollte an der grünen Haustür klopfen, als eine magere Katze daraus hervorkam, sich in ihre Beine verwickelte und sie zum Fallen brachte. -- »Schau, es ist nur eine Katze!« sagte das kleine Mädchen und stand wieder auf. -- »Eine Katze, das ist auch etwas!« antwortete eine sanfte Stimme. Ich wohnte dieser Szene bei und trug auf meinem Arm eine kleine graue Katze, die zu miauen anfing. »Sie ist das Kind dieser alten Fee!« sagte das kleine Mädchen. Und sie trat in das Haus.

In dieser Nacht flog mein Traum zuerst nach Wien. Bekanntlich erheben sich auf jedem Platz dieser Stadt große Säulen, die man Gnadensäulen nennt. Wolken aus Marmor sammeln sich, die die salomonische Ordnung darstellen und tragen Erdkugeln, auf denen sitzende Gottheiten thronen. Plötzlich mußte ich, o Wunder, an diese berühmte Schwester des Kaisers von Rußland denken, deren kaiserliches Palais ich in Weimar gesehen habe. -- Eine von Süßigkeit erfüllte Melancholie ließ mich die farbigen Nebel einer norwegischen Landschaft in grauem, sanftem Licht sehen. Die Wolken wurden durchsichtig und ich sah, wie sich vor mir ein tiefer Abgrund auftat, in den sich tobend die Fluten der eisigen Ostsee stürzten. Es schien, daß sich die ganze Newa mit ihren blauen Wassern in diese Erdspalte ergießen müsse. Die Schiffe von Kronstadt und St. Petersburg zerrten an ihren Ankern und schienen bereit zu sein, sich loszureißen und in diesem Schlund zu verschwinden, als ein göttliches Licht von oben diesen trostlosen Vorgang erhellte.

Unter dem lebhaften Strahl, der durch den Nebel drang, sah ich sogleich den Felsen erscheinen, der das Standbild Peters des Großen trägt. Über diesem festen Sockel gruppierten sich die bis zum Zenith reichenden Wolken. Sie waren beladen mit strahlenden und göttlichen Gestalten, unter denen man die beiden Katharinen und die heilige Kaiserin Helene unterschied, die von den schönsten Fürstinnen Rußlands und Polens begleitet waren. Ihre sanften Blicke waren nach Frankreich gerichtet und überwanden den Raum mit Hilfe von langen Ferngläsern aus Kristall. Ich sah dadurch, daß unser Vaterland der Schiedsrichter im orientalischen Streit sein würde, und daß sie seine Lösung erwarteten. Mein Traum schloß mit der süßen Hoffnung, daß uns endlich Friede gegeben würde.

So ermutigte ich mich zu einem kühnen Versuch; ich beschloß, den Traum festzuhalten und sein Geheimnis zu erfahren. Warum, so sagte ich mir, soll ich nicht mit meinem ganzen Willen gewappnet endlich diese mystischen Tore bezwingen und meine Sensationen beherrschen, anstatt ihnen zu unterliegen? Ist es nicht möglich, diese anziehende und furchtbare Chimäre zu bändigen, diesen Geistern der Nächte, die mit unsrer Vernunft spielen, eine Regel aufzuerlegen? Der Schlaf nimmt ein Drittel unseres Lebens ein. Er ist der Trost für die Mühen unsrer Tage oder die Buße für ihr Vergnügen; aber ich habe nie empfunden, daß der Schlaf Ruhe sei. Nach einer Betäubung von einigen Minuten beginnt ein neues Leben, losgelöst von Zeit und Raum und zweifellos dem ähnlich, das uns nach dem Tod erwartet. Wer weiß, ob zwischen diesen beiden Existenzen nicht ein Band besteht, und ob es für die Seele nicht möglich ist, es schon hier unten zu knüpfen?

Von diesem Augenblick an bemühte ich mich, den Sinn meiner Träume zu suchen, und diese Unruhe beeinflußte meine Gedanken im wachen Zustand. Ich glaubte zu verstehen, daß zwischen der innern und der äußern Welt ein Band besteht; daß die Unaufmerksamkeit oder die Unordnung des Geistes allein die augenscheinlichen Beziehungen fälschen -- und daß sich so die Bizarrerie gewisser Gemälde erklärt, die dem fratzenhaften Widerschein wirklicher Gegenstände auf bewegter Wasserfläche gleichen. --

So waren die Eingebungen meiner Nächte. Meine Tage vergingen ruhig in Gesellschaft der armen Kranken, die ich mir zu Freunden gewonnen hatte. Das Gewissen, das ich nun von den Fehlern meines vergangenen Lebens gereinigt hatte, gab mir unendliche moralische Freuden. Die Sicherheit der Unsterblichkeit und der gleichzeitigen Existenz aller Personen, die ich geliebt hatte, war mir sozusagen zur greifbaren Klarheit geworden, und ich segnete die Bruderseele, die mich aus dem Schoß der Verzweiflung in die leuchtenden Bahnen der Religion zurückgeführt hatte.