Aurelia, oder, Der Traum und das Leben

Part 5

Chapter 53,668 wordsPublic domain

Die Visionen, die einander während meines Schlummers gefolgt waren, hatten mich einer solchen Verzweiflung preisgegeben, daß ich kaum reden konnte; die Gesellschaft meiner Freunde verhalf mir nur zu einer ungewissen Zerstreuung; mein Geist, der vollauf mit seinen Einbildungen beschäftigt war, versagte bei der geringsten abweichenden Vorstellung; ich konnte keine zehn Zeilen hintereinander lesen und verstehen. Ich sagte mir die schönsten Dinge: was liegt daran, das gibt es nicht für mich. Einer meiner Freunde namens Georg unternahm es, diese Entmutigung zu besiegen. Er führte mich in verschiedene Gegenden der Umgebung von Paris und nahm es auf sich, allein zu sprechen, während ich mit einigen unzusammenhängenden Phrasen antwortete. Sein ausdrucksvolles und fast mönchisches Gesicht machte eines Tages seine sehr beredten Einwände besonders wirkungsvoll, die er gegen jene Jahre des Zweifels und der politischen und sozialen Entmutigung fand, die der Juli-Revolution folgten. Ich war einer der Jungen dieser Epoche gewesen und ich hatte ihre Glut und ihre Bitterkeiten geschmeckt. Eine Bewegung vollzog sich in mir: ich sagte mir, daß solche Lehren von der Vorsehung nicht ohne Absicht gegeben werden konnten, und daß ein Geist ohne Zweifel aus ihm sprach. Eines Tages aßen wir unter einer Laube in einem kleinen Dorf in der Umgebung von Paris zu Abend; eine Frau kam und sang an unserm Tisch und ich weiß nicht was in ihrer abgenutzten aber sympathischen Stimme mich an die Aureliens erinnerte. Ich betrachtete sie: selbst ihre Züge waren nicht ohne Ähnlichkeit mit denen, die ich geliebt hatte; man schickte sie weg und ich wagte nicht sie zurückzuhalten, aber ich sagte mir: Wer weiß ob ihr »Geist« nicht in dieser Frau ist! Und ich fühlte mich glücklich, daß ich ihr ein Almosen gegeben hatte.

Ich sagte mir: Ich habe das Leben recht schlecht ausgenutzt, aber wenn die Toten vergeben, so geschieht es sicher unter der Bedingung, daß man für immer dem Bösen entsagt, und daß man alles, was man getan hat, wieder gut macht. Ist das möglich? . . . . Von diesem Augenblick an wollen wir versuchen, nichts Böses mehr zu tun und Ersatz zu geben für alles, was wir schuldig sein könnten. -- Ich hatte ein frisches Unrecht gegen eine Person; es war nur eine Nachlässigkeit, aber ich fing damit an, daß ich mich entschuldigen ging. Die Freude, die ich empfand, als ich dies wieder gut gemacht hatte, tat mir ungemein wohl. Ich hatte von jetzt an einen Grund zum Leben und zum Handeln und gewann wieder Interesse an der Welt.

Schwierigkeiten tauchten auf; für mich unaussprechliche Ereignisse schienen sich zu vereinigen, um meinen guten Entschluß zu durchkreuzen. Der Zustand meines Geistes machte mir die Ausführung ausgemachter Arbeiten unmöglich. Da man mich seither gesund glaubte, verlangte man mehr, und da ich auf die Lüge verzichtet hatte, wurde ich von Leuten eines Vergehens geziehen, die sich nicht scheuten, es auszunutzen. Die Masse von Entschuldigungen, die ich zu machen hatte, erdrückte mich im Hinblick auf meine Ohnmacht. Politische Ereignisse wirkten indirekt, sowohl um mich zu betrüben wie um mich zu hindern, Ordnung in meine Angelegenheit zu bringen. Der Tod eines meiner Freunde vervollständigte diese Gründe zur Mutlosigkeit. Ich sah mit Schmerzen seine Wohnung, seine Bilder wieder, die er mir einen Monat vorher mit Freuden gezeigt hatte; ich ging an seinem Sarg vorüber im Augenblick, wo man ihn vernagelte. Da er von meinem Alter und aus meiner Zeit war, sagte ich mir: Was würde geschehen, wenn ICH so plötzlich stürbe?

Am folgenden Sonntag erhob ich mich mit einem dumpfen Schmerz. Ich ging meinen Vater besuchen, dessen Magd krank war, und der Launen zu haben schien. Er wollte allein Holz von seinem Speicher holen und ich konnte ihm nur den Dienst leisten, ihm ein Holzscheit, das er brauchte, zu reichen. Ich ging niedergeschlagen weg. Auf der Straße begegnete ich einem Freund, der mich zum Essen mit sich nach Hause nehmen wollte, um mich ein bißchen zu zerstreuen. Ich lehnte ab und richtete meine Schritte ohne gegessen zu haben nach Montmartre. Der Friedhof war geschlossen, was ich als üble Vorbedeutung auffaßte. Ein deutscher Dichter hatte mir einige Seiten zu übersetzen gegeben und mir auf diese Arbeit eine Summe vorgestreckt. Ich nahm den Weg zu seinem Haus, um ihm das Geld zurückzugeben.

Als ich um das Clichytor bog, war ich Zeuge eines Streites. Ich versuchte die Streitenden zu trennen, aber es wollte mir nicht gelingen. In diesem Augenblick ging ein Arbeiter von großem Wuchs über denselben Platz, wo der Kampf sich abgespielt hatte. Er trug auf der linken Schulter ein Kind in hyazinthfarbenem Kleid. Ich stellte mir vor, es wäre der heilige Christophorus, der den Heiland trägt, und ich wäre verdammt, weil es mir bei der eben stattgehabten Szene an Kraft gefehlt hatte. Von diesem Augenblicke an irrte ich als Beute der Verzweiflung in dem unbegrenzten Gelände umher, das die Vorstadt von dem Tor trennt. Es war zu spät, um den Besuch zu machen, den ich vorgehabt hatte. Ich ging also kreuz und quer durch die Straßen nach dem Zentrum von Paris zurück. In der Nähe der Rue de la Victoire begegnete ich einem Priester und wollte ihm in der Verwirrung, in der ich mich befand, beichten. Er sagte mir, daß er nicht zu der Pfarre gehöre, und daß er zu irgendjemand in eine Abendgesellschaft ginge, aber daß ich, wenn ich ihn am folgenden Tage in Notre-Dame um Rat fragen wolle, nur nach dem Abbé Dubois fragen solle.

Verzweifelt und weinend lenkte ich meine Schritte nach der Kirche Notre-Dame de Lorette, wo ich mich zu Füßen des Altars der heiligen Jungfrau niederwarf und um Vergebung für meine Fehler bat. Etwas in mir sagte sich: Die Jungfrau ist tot und deine Gebete sind unnütz. Ich ging nach den hintersten Plätzen des Chors, um mich dort auf die Knie zu werfen, und streifte einen silbernen Ring vom Finger, in dessen Stein die drei arabischen Worte graviert waren: Allah! Mohammed! Ali! Sofort entzündeten sich mehrere Kerzen im Chor, und es begann ein Gottesdienst, mit dem ich mich im Geist zu vereinigen versuchte. Als man beim Ave Maria angelangt war, unterbrach sich der Priester mitten beim Gebet und fing siebenmal von vorne an, ohne daß ich in meinem Gedächtnis die folgenden Worte hätte wiederfinden können. Dann beschloß man das Gebet und der Priester hielt eine Rede, die auf mich allein anzuspielen schien. Als alles ausgelöscht war, erhob ich mich und ging hinaus, wobei ich die Richtung nach den Champs-Elysées einschlug.

Als ich bei der Place de la Concorde angelangt war, hatte ich den Gedanken mich zu vernichten. Verschiedene Male ging ich zur Seine, aber etwas hinderte mich meinen Entschluß auszuführen. Die Sterne leuchteten am Firmament. Plötzlich schien es mir, wie wenn sie mit einemmal verlöschten wie die Kerzen, die ich in der Kirche gesehen hatte. Ich glaubte, daß die Zeiten erfüllt seien und daß wir dem Ende der Welt nahe seien, die der heilige Johannes in der Apokalypse verkündigt hat. Ich glaubte, eine schwarze Sonne an dem verödeten Himmel und eine blutrote Kugel über den Tuilerien zu erblicken. Ich sagte mir: Die ewige Nacht beginnt und sie wird fürchterlich sein. Was wird geschehen, wenn die Menschen gewahren werden, daß es keine Sonne mehr gibt? Ich ging durch die Rue St. Honoré zurück und beklagte die verspäteten Bauern, denen ich begegnete. Am Louvre angekommen ging ich bis zum Platz und da wartete meiner ein seltsames Schauspiel. Zwischen den rasch vom Wind gejagten Wolken sah ich mehrere Monde, die mit großer Schnelligkeit vorüberglitten. Ich dachte, die Erde sei aus ihrer Bahn getreten und irre am Firmament wie ein entmastetes Schiff umher, wobei sie sich den Sternen, die abwechselnd wuchsen und wieder abnahmen, näherte und wieder von ihnen entfernte. Zwei oder drei Stunden lang betrachtete ich diese Unordnung und ging schließlich nach der Gegend der Hallen. Die Bauern brachten ihre Waren und ich sagte mir: Wie werden sie erstaunt sein, wenn sie merken, daß die Nacht sich verlängert? Indessen bellten hie und da Hunde und die Hähne krähten. Von Müdigkeit zerschlagen ging ich nach Hause und warf mich auf mein Bett. Als ich aufwachte war ich erstaunt das Licht wiederzusehen. Eine Art geheimnisvollen Chors drang an mein Ohr: »CHRISTUS, CHRISTUS! CHRISTUS!« Ich dachte, daß man in einer benachbarten Kirche, Notre-Dame-des-Victories, eine große Zahl Kinder vereint habe, um den Heiland anzurufen. -- Aber Christus ist nicht mehr! sagte ich mir, sie wissen es noch nicht! Die Anrufung dauerte ungefähr eine Stunde. Ich stand endlich auf und ging unter die Galerien des Palais Royal. Ich sagte mir, daß die Sonne wahrscheinlich noch genügend Licht aufgespeichert hätte, aber daß sie dazu ihre eigene Substanz abnützen müsse, und ich fand sie wirklich kalt und farblos. Ich beschwichtigte meinen Hunger mit einem kleinen Kuchen, um die Kraft zu gewinnen, das Haus des deutschen Dichters zu erreichen. Als ich eintrat sagte ich zu ihm, daß alles aus sei, und daß wir uns zum Sterben vorbereiten müßten. Er rief seiner Frau, die zu mir sagte: »Was fehlt Ihnen!« -- »Ich weiß es nicht,« sagte ich zu ihr, »ich bin verloren!« Sie schickte nach einer Droschke und ein junges Mädchen führte mich nach der Maison Dubois.

V.

MEIN Übel begann wieder mit wechselnden Anfällen. Nach einem Monat war ich wieder hergestellt. Während der zwei Monate, die nun folgten, nahm ich meine Pilgerfahrten rund um Paris wieder auf. Die längste Reise, die ich gemacht habe, war der Besuch des Doms von Reims. Nach und nach fing ich wieder an zu schreiben und verfaßte eine meiner besten Novellen. Ich schrieb sie allerdings mühsam fast immer mit Bleistift auf lose Blätter, geleitet von dem Zufall meiner Träumereien und Spaziergänge. Die Korrekturen regten mich sehr auf. Wenige Tage nach Veröffentlichung der Novelle fühlte ich mich von hartnäckiger Schlaflosigkeit befallen. Die ganze Nacht ging ich auf dem Hügel von Montmartre spazieren und sah von dort den Sonnenaufgang. Ich plauderte lange mit Bauern und Arbeitern. In andern Augenblicken wand ich mich den Hallen zu. Eine Nacht ging ich zum Essen in ein Café am Boulevard und vergnügte mich damit, Gold- und Silberstücke in die Luft zu werfen. Dann ging ich zu den Hallen und stritt mit einem Unbekannten, dem ich eine grobe Ohrfeige gab. Ich weiß nicht, wieso das gar keine Folgen hatte. Zu einer gewissen Stunde, als ich die Turmuhr von St. Eustache schlagen hörte, begann ich an die Kämpfe der Herzöge von Burgund und der Armagnacs zu denken, und ich glaubte, daß sich die Schatten der Kämpfenden jener Epoche um mich herum erhoben. Ich kam in Streit mit einem Dienstmann, der auf seiner Brust ein silbernes Täfelchen trug und zu dem ich sagte, daß er der Herzog Johann von Burgund sei. Ich wollte ihn verhindern, in eine Schenke zu treten. Durch eine Eigentümlichkeit, die ich mir nicht erkläre, bedeckte sich sein Gesicht mit Tränen als er sah, daß ich ihm mit Tod drohte. Das rührte mich, und ich hieß ihn vorbeigehen.

Ich wendete mich gegen die Tuilerien, die geschlossen waren, und ging den Quais entlang; dann begab ich mich zum Luxembourg und ging dann mit einem Freund frühstücken. Dann betrat ich St. Eustache, wo ich fromm am Altar der heiligen Jungfrau niederkniete und an meine Mutter dachte. Die Tränen, die ich vergoß, erleichterten meine Seele und als ich aus der Kirche kam, kaufte ich einen silbernen Ring. Darauf stattete ich meinem Vater einen Besuch ab, bei dem ich einen Strauß Margueriten zurückließ, da er abwesend war. Von da ging ich zum Jardin des Plantes. Es waren viele Menschen dort und ich verweilte einige Zeit und sah mir das Nilpferd an, das gerade in einem Bassin badete. -- Darauf begab ich mich in die osteologischen Sammlungen. Der Anblick der Ungetüme, die sie enthalten, ließ mich an die Sintflut denken und als ich hinausging, fiel ein schrecklicher Platzregen im Garten nieder. Ich sagte mir: Was für ein Unglück! All diese Frauen, all diese Kinder werden durchnäßt! . . . Dann sagte ich mir: Aber es ist noch mehr! Die wirkliche Sintflut beginnt! Das Wasser stieg in den Nachbarstraßen an; ich lief die Straße Saint-Victor hinunter und im Gedanken das aufzuhalten, was ich für die Weltüberschwemmung hielt, warf ich an der tiefsten Stelle den Ring, den ich bei Saint-Eustache gekauft hatte, ins Wasser. Ungefähr in demselben Augenblick beruhigte sich das Gewitter und ein Sonnenstrahl begann zu glitzern.

Hoffnung kehrte in meine Seele zurück. Um vier Uhr hatte ich eine Verabredung bei meinem Freunde Georg; ich ging nach seiner Wohnung. Als ich bei einem Kuriositätenhändler vorüberging, kaufte ich zwei Ofenschirme aus Samt, die mit hieroglyphischen Figuren bedeckt waren. Das schien mir die Weihe für die himmlische Verzeihung zu sein. Ich kam zur bestimmten Zeit zu Georg und vertraute ihm meine Hoffnung an. Ich war durchnäßt und müde. Ich wechselte meine Kleider und legte mich auf sein Bett. Während meines Schlummers hatte ich eine wunderbare Vision. Es kam mir vor, als ob die Göttin mir erschiene und zu mir sagte: »Ich bin dieselbe wie Maria, dieselbe wie deine Mutter, dieselbe auch, die du stets unter allen Formen geliebt hast. Bei jeder deiner Prüfungen habe ich eine meiner Masken aufgegeben, mit denen ich meine Züge verschleiere und bald wirst du mich sehen so wie ich bin . . .« Ein köstlicher Weinberg wuchs aus dem Gewölk hinter ihr hervor, ein sanftes und durchdringendes Licht erhellte dieses Paradies; indessen hörte ich nur ihre Stimme, aber ich fühlte mich in eine entzückende Trunkenheit getaucht. -- Kurze Zeit darauf erwachte ich und sagte zu Georg: »Laß uns ausgehen!« Während wir den Pont des Arts überschritten, erklärte ich ihm die Seelenwanderung und sagte zu ihm: »Es kommt mir vor, als hätte ich heute abend die Seele Napoleons in mir, die mich begeistert und mir große Dinge befiehlt.« --In der Rue du Coq kaufte ich einen Hut und während Georg das Kleingeld erhielt auf das Goldstück, das ich auf den Ladentisch geworfen hatte, setzte ich meinen Weg fort und gelangte nach den Galerien des Palais Royal.

Da schien es mir, als ob jedermann mich ansähe. Eine beharrliche Idee hatte sich in meinem Geiste festgesetzt, nämlich, daß es keine Toten mehr gebe; ich durchlief die Galerie de Foy und sagte: »Ich habe einen Fehler begangen«; und als ich mein Gedächtnis, welches ich für das Napoleons hielt, frug, konnte ich nicht dahinter kommen, was für einen. »Irgend etwas habe ich hier nicht bezahlt!« in diesem Gedanken betrat ich das Café de Foy und glaubte in einem der Stammgäste den Vater Bertin von den »Débats« zu erkennen. Dann durchschritt ich den Garten, wobei ich den Rundtänzen der kleinen Mädchen einiges Interesse schenkte. Von da verließ ich die Galerien und richtete meine Schritte nach der Rue St. Honoré. Ich trat in einen Laden, um eine Zigarre zu kaufen, und als ich hinaustrat, war die Menge so dicht, daß ich fast erdrückt worden wäre. Zwei meiner Freunde befreiten mich, indem sie für mich bürgten, und ließen mich in ein Kaffeehaus eintreten, während einer von ihnen eine Droschke holte. Man brachte mich zum Charitéhospital.

Während der Nacht nahm das Delirium zu, besonders am Morgen, als ich bemerkte, daß ich angebunden war. Es gelang mir, mich von der Zwangsjacke zu befreien, und gegen Morgen ging ich in den Sälen herum. Der Gedanke, daß ich einem Gott gleich geworden sei, und die Kraft zu heilen besäße, ließ mich einigen Kranken die Hände auflegen; dann trat ich auf ein Standbild der heiligen Jungfrau zu, der ich den Kranz von künstlichen Blumen abnahm, um die Macht, die ich zu besitzen glaubte, noch zu unterstützen. Ich ging mit großen Schritten, wobei ich mit Lebhaftigkeit über die Unwissenheit der Menschen sprach, die glaubten, mit der Wissenschaft allein heilen zu können, und als ich auf dem Tische ein Fläschchen mit Äther sah, verschlang ich seinen Inhalt mit einem Schluck. Ein Assistenzarzt, dessen Gesicht ich mit dem der Engel verglich, wollte mich aufhalten, aber die nervöse Kraft unterstützte mich und bereit ihn niederzuwerfen blieb ich stehen und sagte ihm, er verstehe nicht was meine Mission sei. Dann kamen Ärzte und ich setzte meine Rede über die Ohnmacht ihrer Kunst fort. Hierauf ging ich die Treppe hinunter, obwohl ich keine Fußbekleidung hatte. Als ich an einem Blumengarten angelangt war, ging ich hinein und pflückte Blumen, wobei ich auf dem Rasen herumging.

Einer meiner Freunde war zurückgekommen, um mich zu holen. Da verließ ich den Blumengarten und während ich mit ihm sprach, warf man mir eine Zwangsjacke über die Schultern, dann ließ man mich in eine Droschke steigen und brachte mich in eine Irrenanstalt außerhalb von Paris. Ich verstand als ich mich unter den Irrsinnigen sah, daß alles bisher für mich nur Einbildung gewesen war. Übrigens schien es mir, daß die Versprechungen, die ich der Göttin Isis zuschrieb, sich durch eine Reihe von Prüfungen verwirklichten, die ich zu ertragen bestimmt war. Ich nahm sie also mit Ergebung hin.

Der Teil des Gebäudes, in dem ich mich befand, ging auf eine weite, von Nußbäumen beschattete Wandelbahn. In einer Ecke befand sich ein kleiner Erdhügel, wo einer der Gefangenen den ganzen Tag im Kreis herumging. Andere beschränkten sich wie ich, auf dem Erdwall oder der Terrasse auf und ab zu gehen, die von einer Rasenböschung begrenzt wurde. Auf einer Mauer, die nach Sonnenuntergang lag, waren Figuren gezeichnet, deren eine die Form des Mondes mit geometrisch gezeichneten Augen und Mund darstellte; über dieses Gesicht hatte man eine Art Maske gemalt; die Mauer zur Linken stellte verschiedene Profilzeichnungen vor, worunter eine einer Art japanischer Gottheit glich. Etwas weiter war ein Totenkopf in den Gips modelliert. An der gegenüberliegenden Seite waren zwei Quadersteine von einem der Gäste des Gartens behauen worden und stellten kleine, ganz gut getroffene Fratzen dar. Zwei Türen führten in die Keller und ich bildete mir ein, daß das unterirdische Gänge seien, die denen gleichen, die ich am Eingang der Pyramiden gesehen hatte.

VI.

ZUERST stellte ich mir vor, daß die in diesem Garten versammelten Personen alle irgend einen Einfluß auf die Gestirne hätten, und daß der, welcher sich unaufhörlich in demselben Kreise drehte, dadurch den Gang der Sonne regulierte. Ein Greis, den man zu gewissen Tageszeiten herführte und der Knoten machte, wenn er seine Taschenuhr konsultierte, schien mir damit betraut zu sein, den Gang der Stunden festzustellen. Mir selbst schrieb ich einen Einfluß auf den Lauf des Mondes zu und ich glaubte, dieses Gestirn habe einen Blitzstrahl des Allmächtigen empfangen, der auf sein Antlitz die Maske geprägt habe, die ich bemerkt hatte.

Ich legte den Unterhaltungen der Wärter und denen meiner Genossen einen mystischen Sinn unter. Sie schienen mir die Repräsentanten aller Rassen der Erde zu sein und ich glaubte, daß wir dazu da seien, die Bahnen der Gestirne aufs neue festzusetzen und dem System eine größere Entwicklung zu geben. Meiner Meinung nach hatte sich ein Irrtum bei der Hauptzusammenstellung der Zahlen eingeschlichen, und davon leitete ich alle Übel der Menschheit ab. Ich glaubte noch, daß die himmlischen Geister menschliche Formen angenommen hätten und dieser Generalversammlung beiwohnten, obwohl sie von gemeinen Sorgen eingenommen schienen. Meine Rolle schien mir zu sein, die Harmonie des Weltalls durch kabbalistische Kunst wiederherzustellen und eine Lösung zu suchen, indem ich die okkulten Kräfte der verschiedenen Religionen heraufbeschwor. Außer der Wandelbahn hatten wir noch einen Saal, dessen senkrecht vergitterte Fenster ins Grüne hinausgingen. Wenn ich hinter diesen Scheiben die Linie der äußern Baulichkeiten ansah, gewahrte ich, wie sich die Fassade und die Fenster in tausend mit Arabesken geschmückte Pavillons zerteilten; darüber erhoben sich Ausschnitte und Spitzen, die mir die kaiserlichen Kioske, die den Bosporus umgeben, ins Gedächtnis riefen. Das führte natürlich meinen Geist zur Beschäftigung mit dem Orient. Gegen zwei Uhr brachte man mich ins Bad und ich glaubte mich von den Walküren, den Töchtern Odins bedient, die mich zur Unsterblichkeit erheben wollten, indem sie nach und nach meinen Körper von allem Unreinen befreiten.

Abends ging ich heiter im Mondschein spazieren, und wenn ich meine Augen zu den Bäumen erhob, schienen sich die Blätter eigenartig zu rollen, so daß sie Bilder von Kavalieren und Damen bildeten, die von aufgeputzten Pferden getragen wurden. Das waren für mich die triumphierenden Gestalten der Ahnen. Dieser Gedanke leitete mich zu dem andern, daß eine ausgedehnte Verschwörung unter allen Lebewesen bestand, um die Welt in ihrer ersten Harmonie wieder herzustellen, daß die Verbindungen durch den Magnetismus der Gestirne stattfanden, daß eine ununterbrochene Kette die mit jener allgemeinen Verbindung beschäftigten Intelligenzen rings um die Erde verband und daß die magnetisierten Gesänge, Tänze und Blicke nach und nach dasselbe Streben übertrugen. Der Mond war für mich der Zufluchtsort der verbrüderten Seelen, die von ihren sterblichen Körpern befreit freier an der Wieederherstellung des Weltalls arbeiteten.

Für mich schien die Zeit eines jeden Tages schon um zwei Stunden zugenommen zu haben, so daß ich, wenn ich zu den durch die Uhren des Hauses festgesetzten Stunden aufstand, mich nur im Reich der Schatten bewegte. Die Genossen, die mich umgaben, schienen mir eingeschlafen und dem Anblick des Tartarus zu gleichen bis zur Stunde, wo für mich die Sonne aufging. Dann begrüßte ich dieses Gestirn durch ein Gebet und mein wirkliches Leben begann.

Von dem Augenblick an, wo ich mich soweit vergewissert hatte, daß ich den Prüfungen der heiligen Einweihung unterworfen war, empfing mein Geist eine unbezwingliche Kraft. Ich hielt mich für einen Helden, der unter dem Blick der Götter lebt; alles in der Natur gewann ein neues Ansehen und geheime Stimmen kamen aus der Pflanze, dem Baum, den Tieren, den geringsten Insekten, um mich zu benachrichtigen und zu ermutigen. Die Sprache meiner Gefährten hatte geheimnisvolle Wendungen, deren Sinn ich verstand, Gegenstände ohne Form und ohne Leben fügten sich von selbst den Berechnungen meines Geistes ein; -- aus der Zusammenstellung von Kieselsteinen, den Figuren von Winkeln, Spalten und Öffnungen, den Schnittlinien von Blättern, aus Farben, Düften und Tönen sah ich bis dahin unbekannte Harmonien hervorgehen. »Wie«, sagte ich mir, »habe ich nur so lange außerhalb der Natur bestehen können und ohne mich mit ihr zu identifizieren? Alles lebt, alles handelt, alles steht in Beziehung; die magnetischen Strahlen, die von mir oder von andern ausgehen, überschreiten ohne Hindernis die unendliche Kette der geschaffenen Dinge; ein durchsichtiges Netz bedeckt die Welt, dessen gelockerte Fäden sich von Ort zu Ort den Planeten und den Sternen mitteilen. Ich bin für den Augenblick an die Erde gefesselt und unterhalte mich mit dem Chor der Gestirne, die an meinen Freuden und Schmerzen teilnehmen!«