Aurelia, oder, Der Traum und das Leben

Part 3

Chapter 33,678 wordsPublic domain

Dieses System der Geschichte, die ich den orientalischen Überlieferungen entnahm, fing mit der glücklichen Einigung der »Naturmächte« an, die das Weltall gestalteten und organisierten. -- Während der Nacht, die meiner Arbeit voranging, glaubte ich mich auf einen dunkeln Planeten versetzt, wo die ersten Keime der Schöpfung umherschwirrten. Aus dem Schoß des noch weichen Tons erhoben sich riesenhafte Palmbäume, giftige Euphorbien und um Kakteen gewundene Akanthusstauden; die ausgetrockneten Formen der Felsen stürzten hervor wie Skelette dieses Schöpfungsentwurfs und scheußliche Reptilien schlängelten sich, machten sich breit oder rundeten sich mitten in diesem unentwirrbaren Netz einer wilden Vegetation. Das bleiche Sternenlicht erhellte allein die bläulichen Perspektiven dieses seltsamen Horizonts; in dem Maß jedoch, als diese Schöpfungen Form gewannen, zog ein hellerer Stern aus ihnen die Keime des Lichts.

VIII.

DANN veränderten die Ungeheuer ihre Gestalt, streiften ihre erste Haut ab und richteten sich mit ihren riesenhaften Tatzen mächtiger auf; die ungeheure Masse ihrer Körper zerbrach die Zweige und zerstörte das Gras und in der Unordnung der Natur lieferten sie Schlachten, an denen ich selbst teilnahm, denn ich hatte einen ebenso sonderbaren Körper wie sie selbst. Plötzlich tönte eine seltsame Harmonie in unsere Einsamkeit und es schien als ob das verwirrte Schreien, Heulen und Pfeifen der primitiven Wesen hinfort in diese göttliche Weise überginge. Die Variationen folgten einander ins Unendliche, der Planet erhellte sich allmählich, göttliche Formen zeichneten sich auf dem Grün und in den Tiefen der Gebüsche ab, und die nun zahmen Ungeheuer, die ich gesehen hatte, warfen ihre sonderbaren Formen von sich und wurden Männer und Frauen; andere bekleideten sich in ihren Verwandlungen wieder mit den Gestalten von wilden Tieren, Fischen und Vögeln.

Wer hatte wohl dieses Wunder vollbracht? Eine strahlende Göttin führte in diese neuen »Avatars« die rasche Entwicklung der Menschheit. Es wurde jetzt eine Unterscheidung der Rassen eingeführt, die von der Ordnung der Vögel ausging und auch die Vierfüßler, die Fische und die Reptilien mitinbegriff: das waren die Devas, die Peris, die Undinen und die Salamander; jedesmal wenn eines dieser Wesen starb erstand es sogleich wieder unter schönerer Form und sang den Ruhm der Götter. -- Indessen hatte einer der Elohim den Gedanken, ein fünftes Geschlecht zu gründen, das sich aus den Elementen der Erde zusammensetzen sollte, das man Afriten nannte. -- Das war das Zeichen zu einer vollständigen Umwälzung unter den Geistern, die die neuen Weltbesitzer nicht anerkennen wollten. Ich weiß nicht, wieviel tausend Jahre diese Kämpfe dauerten, die den Erdball mit Blut überschwemmten. Drei der Elohim wurden schließlich mit den Geistern ihrer Geschlechter nach dem Süden der Erde verbannt, wo sie ungeheure Reiche gründeten. Sie hatten die Geheimnisse der göttlichen Kabbala, die die Welten verbindet, mit sich genommen und nahmen ihre Kraft aus der Anbetung gewisser Gestirne, mit denen sie stets in Verbindung stehen. Diese Nekromanten, die an die äußersten Grenzen der Erde verbannt wurden, hatten sich verständigt, um einander die Macht zu übertragen. Jeder ihrer Herrscher war von Frauen und Sklaven umgeben und hatte sich der Macht versichert, unter der Gestalt seiner Kinder wiedergeboren zu werden. Ihr Leben währte tausend Jahre. Mächtige Kabbalisten schlossen sie beim Herannahen ihres Todes in wohlbewachte Grabstätten ein, wo sie mit Elixieren und lebenerhaltenden Stoffen ernährt wurden. Lange noch behielten sie den Anschein des Lebens, dann schliefen sie vierzig Tage wie die Schmetterlingspuppe, die ihren Kokon spinnt, und dann erstanden sie wieder unter der Gestalt eines kleinen Kindes, das später in das Reich berufen wurde. Indessen erschöpften sich die lebenspendenden Kräfte der Erde beim Ernähren dieser Familien, deren immer gleiches Blut neue Nachkommen gebar. In weiten unterirdischen Gewölben, die unter Totengrüften und Pyramiden ausgehöhlt waren, hatten sie alle Schätze der vergangenen Geschlechter aufgehäuft und gewisse Talismane, die sie gegen den Zorn der Götter schützten, versteckt.

Im Innern Afrikas, jenseits des Mondgebirges und des alten Äthiopien fanden diese seltsamen Mysterien statt. Lange hatte ich mit einem Teil des Menschengeschlechts in der Gefangenschaft geseufzt. Die Gesträuche, die ich so grün gesehen, trugen nur mehr bleiche Blüten und welke Blätter. Eine unerbittliche Sonne fraß diese Gegenden, und die schwächlichen Kinder dieser ewigen Dynastien schienen von der Bürde des Lebens niedergedrückt zu sein. Diese erhabene und einförmige Größe, die durch die Etikette und hieratische Gebräuche geregelt war, drückte alle, ohne daß jemand gewagt hätte, sich ihr zu entziehen. Die Greise schmachteten unter dem Gewicht ihrer Kronen und ihrer kaiserlichen Schmuckstücke zwischen Ärzten und Priestern, deren Willen ihnen die Unsterblichkeit sicherte. Was das Volk betrifft, das für immer in Kasten eingezwängt war, so konnte es weder auf das Leben noch auf die Freiheit zählen. Am Fuße der vom Tod getroffenen, unfruchtbaren Bäume, an den versiegten Quellen, sah man auf dem verbrannten Gras Kinder und junge, entnervte und farblose Frauen dahinsiechen. Die Pracht der königlichen Gemächer, die Majestät der Säulenhallen, der Glanz der Kleider und des Schmucks waren nur ein schwacher Trost für die ewige Langweile dieser Einsamkeit. Bald wurden die Völker durch Krankheiten dezimiert, die Tiere und Pflanzen starben, und die Unsterblichen selbst verfielen unter ihren prächtigen Gewändern. Eine Geißel, die größer war als alle andern, kam plötzlich und verjüngte und rettete die Welt. Das Sternbild des Orion eröffnete am Himmel die Katarakte der Gewässer; die Erde, die vom Eise des entgegengesetzten Pols zu stark belastet war, machte eine halbe Drehung um sich selbst, und die Meere, die die Gestade überstiegen, überfluteten die Hochebenen Afrikas und Asiens; die Überschwemmung durchdrang den Sand, erfüllte die Gräber und die Pyramiden und vierzig Tage lang schwamm eine geheimnisvolle Arche auf den Meeren und trug die Hoffnung einer neuen Schöpfung.

Drei der Elohim hatten sich auf den höchsten Gipfel der afrikanischen Berge geflüchtet. Unter ihnen wurde ein Kampf ausgefochten. Hier verwirrt sich mein Gedächtnis und ich weiß nicht, was das Ergebnis dieses erhabenen Streites war. Nur sehe ich noch aufrecht auf einem von Wasser umspülten Gipfel ein von ihnen verlassenes Weib, das mit aufgelöstem Haar schreit und sich gegen den Tod wehrt. Ihre Klagerufe übertönten den Lärm der Wasser . . . . Wurde sie gerettet? Ich weiß es nicht. Die Götter, ihre Brüder, hatten sie verdammt, aber über ihrem Haupt glänzte der Abendstern, der seine Flammenstrahlen über ihre Stirn ergoß.

Die unterbrochene Hymne der Erde und der Himmel hallte harmonisch wieder, um die Eintracht der neuen Geschlechter zu weihen. Und während die Söhne Noahs mühsam unter den Strahlen einer neuen Sonne arbeiteten, bewachten die in ihren unterirdischen Gewölben kauernden Nekromanten immer noch ihre Schätze und gefielen sich in dem Schweigen der Nacht. Hie und da kamen sie schüchtern aus ihren Zufluchtsstätten und erschreckten die Lebenden oder verbreiteten unter den Bösen die verderblichen Lehren ihres Wissens.

Das sind die Erinnerungen, die ich in einer Art unklarer Intuition der Vergangenheit schilderte: ich schauderte, indem ich die scheußlichen Züge dieser verfluchten Geschlechter darstellte. Überall starb, weinte oder seufzte das Leidensbild der »Ewigen Mutter«. Quer durch die wirren Zivilisationen Asiens und Afrikas sah man eine blutige Szene von Orgien und Gemetzel sich stets wiederholen, die von denselben Geistern in immer neuen Formen hervorgebracht wurden.

Die letzte fand in Granada statt, wo der geheiligte Talisman unter den feindlichen Körpern der Christen und der Mauren zertrümmert wurde. Wieviel Jahre wird die Welt noch zu leiden haben, denn die Rache dieser ewigen Feinde muß sich unter andern Himmeln erneuern! Das sind die abgeteilten Stücke der Schlange, die den Erdkreis umgibt . . . . . Das Eisen hat sie getrennt und sie vereinigen sich in einem scheußlichen, mit Menschenblut verklebten Kuß. --

IX.

SO waren die Bilder, die sich der Reihe nach vor meinen Augen zeigten. Nach und nach war wieder Ruhe über meinen Geist gekommen und ich verließ diese Wohnstätte, die für mich ein Paradies war; verhängnisvolle Umstände bereiteten lange nachher einen Rückfall vor, der an die unterbrochene Reihenfolge dieser seltsamen Träume wieder anknüpfte. --

Ich ging auf dem Land spazieren mit einer Arbeit beschäftigt, die sich auf religiöse Gedanken bezog. Als ich an einem Haus vorüberging, hörte ich einen Vogel, der einige Worte nachsprach, die man ihn gelehrt hatte, aber sein verwirrtes Geschwätz schien mir einen Sinn zu haben; er erinnerte mich an den Vogel der Vision, die ich weiter oben erzählt habe, und ich fühlte einen Schauder von übler Vorbedeutung. Einige Schritte weiter begegnete ich einem Freund, den ich lange nicht gesehen hatte, und der in einem Nachbarhause wohnte. Er wollte mich sein Besitztum sehen lassen und bei diesem Besuch führte er mich auf eine erhöhte Terrasse, von wo aus sich ein weiter Ausblick eröffnete. Es war bei Sonnenuntergang. Als ich eine ländliche Treppe hinunterstieg, machte ich einen Fehltritt und stieß mit der Brust an die Kante eines Möbels. Ich hatte Kraft genug aufzustehen und bis in die Mitte des Gartens zu stürzen; ich glaubte ich sei zu Tode getroffen und wollte vor dem Sterben einen letzten Blick auf die untergehende Sonne werfen. Mitten in dem Bedauern, das ein solcher Augenblick mit sich bringt, fühlte ich mich glücklich so zu sterben, zu dieser Stunde, inmitten der Bäume, der Traubengeländer und der Herbstblumen. Es war indessen nur eine Ohnmacht, nach welcher ich noch die Kraft fand meine Wohnung zu erreichen und zu Bett zu gehen. Fieber ergriff mich; als ich mich besonnen hatte, von welcher Stelle ich gefallen war, erinnerte ich mich, daß die Aussicht, die ich bewundert hatte, auf einen Friedhof ging und zwar auf denselben, auf dem sich das Grab Aurelias befand. Ich dachte wirklich erst jetzt daran, sonst könnte ich meinen Fall dem Eindruck zuschreiben, den dieser Anblick in mir hätte hervorrufen können. Gerade das brachte mich auf den Gedanken an ein bestimmteres Verhängnis. Um so mehr bedauerte ich, daß der Tod mich nicht mit ihr vereint hatte. Dann, als ich darüber nachdachte, sagte ich mir, daß ich dessen nicht würdig sei. Ich stellte mir verbittert das Leben vor, das ich seit ihrem Tod geführt hatte, und warf mir vor, nicht etwa sie vergessen zu haben, was nicht geschehen war, sondern daß ich durch leichte Liebschaften ihr Andenken geschändet hatte. Mir kam der Gedanke, den Schlaf zu befragen. Aber IHR Bild, das mir oft erschienen war, kehrte in meinen Träumen nicht wieder. Ich hatte zuerst nur verwirrte, mit blutigen Szenen vermischte Träume. Es schien als ob ein ganzes unglückseliges Geschlecht inmitten der idealen Welt entfesselt wäre, die ich früher erblickt hatte und deren Königin sie war.

Derselbe Geist, der mich bedroht hatte, als ich in die Wohnung dieser reinen Familie trat, die die Höhen der »geheimnisvollen Stadt« bewohnten, -- glitt vor mir her und zwar nicht mehr in dem weißen Gewand, das er ehemals so wie die andern seiner Rasse trug, sondern gekleidet wie ein orientalischer Prinz. Ich stürzte auf ihn zu und bedrohte ihn, aber er wand sich ruhig zu mir. Welches Entsetzen! Welche Wut! es war MEIN Gesicht, es war meine ganze idealisierte und vergrößerte Gestalt . . . Da erinnerte ich mich des Menschen, der in derselben Nacht wie ich arretiert worden war und den man wie ich dachte unter meinem Namen von der Wache fortgeführt hatte, als meine zwei Freunde gekommen waren, um mich zu holen. Er trug in der Hand eine Waffe, deren Form ich schlecht unterschied, und einer von denen, die ihn begleiteten, sagte: »Damit hat er ihn getroffen!«

Ich weiß nicht, wie ich auseinandersetzen soll, daß in meinen Gedanken die irdischen Ereignisse mit denen der übernatürlichen Welt zusammenfallen konnten; das ist leichter zu fühlen als klar auszudrücken.[*] Aber wer war wohl dieser Geist, der ICH war und der auch AUSSER MIR war? War er der Doppelgänger der Legenden oder der mystische Bruder, den die Orientalen »Ferwer« nennen?

War ich nicht überrascht gewesen von der Geschichte jenes Ritters, der eine ganze Nacht in einem Wald gegen einen Unbekannten kämpfte, der er selbst war? Wie dem auch sei, ich glaube, daß die menschliche Einbildungskraft nichts erfunden hat, was nicht in dieser oder einer andern Welt wahr ist, und ich konnte nicht an dem zweifeln, was ich deutlich GESEHEN hatte.

Ein schrecklicher Gedanke überkam mich: »der Mensch ist doppelt«, sagte ich mir. »Ich fühle zwei Menschen in mir«, hat ein Kirchenvater geschrieben. Das Zusammentreffen zweier Seelen hat diesen gemischten Keim in einen Körper gelegt, der selbst dem Blick zwei ähnliche Teile darbietet, die in allen Organen seines Aufbaues wiederkehren. In jedem Menschen steckt ein Beobachter und ein Handelnder, der, welcher spricht und der, welcher antwortet. Die Orientalen haben darin zwei Feinde gesehen: den guten und den bösen Geist. »Bin ich der gute, bin ich der böse?« sagte ich mir. Auf jeden Fall ist der »ANDERE« mir feindlich . . . Wer weiß, ob es nicht Umstände oder irgendein Alter gibt, wo diese beiden Geister sich trennen. Beide sind durch eine mütterliche Verwandtschaft an denselben Körper gefesselt, vielleicht ist einer zu Ruhm und Glück, der andere zu Vernichtung und ewigem Leiden bestimmt?« -- Ein verhängnisvoller Blitz durchschnitt plötzlich diese Dunkelheit . . . Aurelia gehörte mir nicht mehr! . . . Ich glaubte von einer Zeremonie, die sich irgendwo anders vollzog, sprechen zu hören und von den Zurüstungen zu einer mystischen Hochzeit, welche die MEINE war, und wo der ANDERE im Begriff war, den Irrtum meiner Freunde und Aurelias selbst zu benutzen. Die teuersten Personen, die mich besuchten und trösteten, schienen mir eine Beute der Ungewißheit, das heißt, die beiden Teile ihrer Seele trennten sich auch in bezug auf mich; die eine war liebevoll und vertrauend, die andere wie zu Tod erschrocken über mich. In dem, was diese Leute zu mir sagten, lebte ein doppelter Sinn, wenn sie sich auch oft davon keine Rechenschaft ablegten, da sie ja nicht so »im Geist« waren wie ich. Einen Augenblick kam mir dieser Gedanke sogar komisch vor, wenn ich an Amphitrion und an Sofias dachte. Wenn aber dieses groteske Symbol auch etwas anderes war, -- wenn es wie in andern Sagen des Altertums die unglückselige Wahrheit unter der Maske der Tollheit war? »Wohlan«, sagte ich mir, »kämpfen wir gegen den verhängnisvollen Geist, kämpfen wir gegen den Gott selbst mit den Waffen der Überlieferung und der Wissenschaft. Was er auch im Schatten der Nacht tun mag, ich existiere -- und ich habe um ihn zu besiegen die ganze Zeit, die mir zum Leben auf der Erde noch gegeben ist.

[Fußnote *: Für mich war das eine Anspielung auf den Stoß, den ich beim Fallen erhalten habe.]

X.

WIE soll ich die seltsame Verzweiflung ausmalen, in die solche Ideen mich nach und nach brachten? Ein böser Geist hatte meinen Platz in der Welt der Seelen eingenommen, -- für Aurelia war ich es selbst, und der trostlose Geist, der meinen Körper belebte, und der geschwächt, verkannt und von ihr verachtet war, sah sich für immer der Verzweiflung oder dem Nichts verfallen. Ich entfaltete meine ganze Willenskraft, um das Rätsel, von dem ich einige Schleier gehoben hatte, besser zu durchdringen. Der Traum machte sich manchmal lustig über meine Anstrengungen und führte mir nur verzerrte und flüchtige Gestalten zu. Ich kann hier nur eine ziemlich bizarre Idee wiedergeben von dem, was sich aus dieser Anspannung des Geistes ergab. Ich fühlte mich gleiten wie auf einem ausgespannten Faden, dessen Länge unendlich war. Die Erde, die von farbigen Adern geschmolzenen Metalls durchzogen war, wie ich es schon gesehen hatte, erhellte sich nach und nach durch das Aufglühen des zentralen Feuers, dessen Weiße mit den kirschroten Tönen verschmolz, die die Seiten des innern Kreises färbten. Ich wunderte mich, zeitweilig großen Wasserpfützen zu begegnen, die wie Wolken in der Luft hingen und die dennoch eine solche Dichtigkeit aufwiesen, daß man Flocken davon loslösen konnte; aber es ist klar, daß es sich da um eine von dem irdischen Wasser verschiedene Flüssigkeit handelte, die ohne Zweifel die Verdunstung dessen war, was für die Welt der Geister das Meer und die Flüsse darstellte.

Mein Auge entdeckte eine weite, bergige Küste; sie war ganz mit einer Art grünlichen Schilfrohres bedeckt, das an der Spitze gelblich war, wie wenn der Brand der Sonne es teilweise ausgetrocknet hätte; aber ich habe nicht mehr von der Sonne gesehen als die andern Male. -- Ein Schloß beherrschte den Abhang, den ich zu erklimmen begann. Auf der andern Abdachung sah ich eine ungeheure Stadt sich ausbreiten. Während ich das Gebirg überschritten hatte, war die Nacht gekommen und ich beobachtete die Lichter der Behausungen und der Straßen. Als ich hinunterstieg, befand ich mich auf einem Markt, wo man Früchte und Gemüse verkaufte, ähnlich denen im Süden.

Ich stieg auf einer dunkeln Treppe hinunter und befand mich in den Straßen. Man verkündete durch Zettelanschlag die Eröffnung eines Kasinos und die Einzelheiten seiner Einteilung wurden in Artikeln beschrieben. Die typographische Umrahmung war aus Blumenkränzen gebildet, die so gut dargestellt und gefärbt waren, daß sie natürlich zu sein schienen. -- Ein Teil des Gebäudes war noch im Entstehen. Ich trat in eine Werkstatt, wo ich Arbeiter sah, die aus Ton ein ungeheures Tier in der Gestalt eines Lamas modellierten, das aber offenbar mit großen Flügeln versehen werden sollte. Dieses Ungetüm war wie durchzogen von einem Feuerstrahl, der es allmählich belebte, so daß es sich wand; es war von tausend purpurnen Fasern durchzogen. Diese bildeten Venen und Arterien und befruchteten sozusagen die träge Materie, die sich mit einer augenblicklichen Vegetation von faserigen Anhängseln, Flügelchen und wolligen Büscheln bedeckte. Ich blieb stehen, um dieses Meisterwerk zu betrachten, wo man der göttlichen Schöpfung ihre Geheimnisse abgesehen zu haben schien. »Das kommt daher, daß wir hier das Urfeuer haben, das die ersten Wesen belebte«, -- sagte man mir. -- »Ehemals ist es bis zur Erdoberfläche gedrungen, aber die Quellen sind versiegt.« Ich sah auch die Goldschmiedearbeiten, bei denen man zwei auf der Erde unbekannte Metalle benutzte: ein rotes, das dem Zinnober zu entsprechen schien und ein anderes azurblaues. Die Ornamente waren weder getrieben noch ziseliert, aber sie formten, färbten und erschlossen sich wie metallische Pflanzen, die man aus gewissen chemischen Mischungen entstehen läßt. »Könnte man nicht auch Menschen schaffen?« sagte ich zu einem der Arbeiter, aber er versetzte: »Die Menschen kommen aus der Höhe und nicht aus der Tiefe. Können wir uns selbst schaffen? Hier formt man nur mit Hilfe der allmählichen Fortschritte unsrer Fähigkeit eine Materie, die feiner ist als die, aus welcher die Erdrinde besteht. Diese Blumen, die euch natürlich vorkommen, dieses Tier, das scheinbar leben wird, werden nur Produkte unsrer bis zum höchsten Punkt unsrer Kenntnisse entwickelten Kunst sein und jeder wird sie so beurteilen.«

Dies sind ungefähr die Worte, die mir entweder gesagt wurden oder deren Bedeutung ich zu erfassen glaubte. Ich begann die Säle des Kasinos zu durcheilen, und ich sah eine große Menge, in welcher ich einige mir bekannte Personen unterschied: die einen lebten, die andern waren zu verschiedenen Zeiten gestorben. Die ersten schienen mich nicht zu sehen, während die andern mir antworteten, ohne mich anscheinend zu erkennen. Ich war im größten Saal angekommen, der ganz mit mohnrotem Samt bespannt war, in den goldene Bänder eingewebt waren, die reiche Muster bildeten. In der Mitte befand sich ein Ruhebett in der Form eines Throns. Einige Vorübergehende setzten sich nieder um seine Elastizität zu prüfen; aber da die Vorbereitungen noch nicht beendet waren, wandten sie sich andern Sälen zu. Man sprach von einer Hochzeit und von dem Gatten, der, wie man sagte, kommen müsse um den Augenblick des Festes zu verkünden. Sogleich bemächtigte sich meiner eine unsinnige Wahnvorstellung. Ich bildete mir ein, daß der, welchen man erwartete, mein Doppelgänger sei, der Aurelia heiraten müsse und ich machte einen Lärm, der die Versammlung zu verblüffen schien. Ich fing mit Heftigkeit zu sprechen an, schilderte meinen Kummer und rief die Hilfe derer an, die mich kannten. Ein Greis sagte zu mir: »Aber so führt man sich nicht auf, Sie erschrecken ja jedermann!« Da rief ich aus: »Ich weiß wohl, daß er mich schon mit seinen Waffen getroffen hat, aber ich erwarte ihn furchtlos und ich kenne das Zeichen, das ihn besiegen muß.«

In diesem Augenblick erschien ein Arbeiter aus der Werkstatt, die ich beim Hereinkommen besucht hatte; er trug eine lange Stange, deren Ende aus einer im Feuer geröteten Kugel bestand. Ich wollte mich auf ihn stürzen, aber die Kugel, die er in die Höhe hielt, bedrohte stets meinen Kopf. Man schien sich um mich herum über meine Ohnmacht lustig zu machen . . . Da zog ich mich bis zum Thron zurück, die Seele voll namenlosen Stolzes, und ich hob den Arm auf, um ein Zeichen zu machen, das mir eine Zauberkraft zu haben schien. Der deutliche und zitternde Schrei einer Frau, der nach herzzerreißendem Schmerz klang, weckte mich plötzlich auf! Die Silben eines unbekannten Wortes, das ich im Begriff stand auszusprechen, erstarben auf meinen Lippen . . . Ich stürzte mich zur Erde und fing inbrünstig und unter heißen Tränen zu beten an. -- Aber was war das nur für eine Stimme, die soeben so schmerzlich durch die Nacht gehallt war?!

Sie gehörte nicht dem Traum an; es war die Stimme einer lebendigen Person, und doch war es für mich die Stimme und der Tonfall Aurelias . . . .

Ich öffnete mein Fenster; alles war ruhig und der Schrei wiederholte sich nicht. -- Ich erkundigte mich draußen -- niemand hatte etwas gehört. -- Und trotzdem bin ich noch sicher, daß der Schrei wirklich war und daß der Ton Lebender darin erklungen war. Ohne Zweifel wird man mir sagen, daß der Zufall veranlassen konnte, daß eine leidende Frau in der Umgebung meiner Wohnung geschrieen habe. -- Aber meinem Gedanken nach waren die irdischen Ereignisse mit denen der unsichtbaren Welt verbunden. Das ist eine jener seltsamen Beziehungen, über die ich mir selbst keine Rechenschaft ablege, und die man leichter andeuten als erklären kann . . . .

Was hatte ich getan? Ich hatte die Harmonie des magischen Weltalls gestört, aus der meine Seele die Sicherheit einer unsterblichen Existenz schöpfte. Ich war vielleicht verflucht, weil ich in ein schauerliches Mysterium dringen wollte, indem ich das göttliche Gesetz beleidigte; ich hatte nur noch Zorn und Verachtung zu erwarten! Die aufgebrachten Schatten entflohen schreiend und zogen in der Luft verhängnisvolle Kreise wie die Vögel beim Herannahen eines Gewitters.

Zweiter Teil

Eurydice! Eurydice!

I.

ZUM zweitenmal verloren! Alles ist zu Ende, alles ist vorbei! Jetzt bin ich es, der sterben, ohne Hoffnung sterben muß! -- Was ist denn der Tod? -- Wenn er das Nichts wäre! -- Wollte es Gott! Aber Gott selbst kann es nicht machen, daß der Tod das Nichts sei.

Warum ist es denn seit so langer Zeit das erstemal, daß ich an »ihn« denke? Das unglückliche System, das in meinem Geist entstanden war, ließ dieses einsame Königtum nicht zu . . . . oder vielmehr es verlor sich in die Fülle der Wesen; das war der Gott des Lucretius, machtlos und in seine Unendlichkeit verloren.