Aurelia, oder, Der Traum und das Leben
Part 2
EINES Abends glaubte ich ganz bestimmt, an die Ufer des Rheins versetzt zu sein. Gegenüber von mir befanden sich finstere Felsen, deren Perspektive sich im Schatten andeutete. Ich trat in ein freundliches Haus, durch dessen weinumwachsene grüne Läden ein Strahl der untergehenden Sonne fiel. Es schien mir, als kehrte ich in eine bekannte Wohnung zurück, nämlich in die eines Onkels mütterlicherseits, eines flämischen Malers, der seit mehr als einem Jahrhundert tot war. Entwürfe zu Bildern waren hie und da aufgehängt, einer davon stellte die berühmte Fee dieses Gestades dar. Eine alte Magd, die ich Margarete nannte und die ich seit der Kindheit zu kennen wähnte, sagte zu mir: »Wollen Sie sich nicht auf das Bett legen? Denn Sie kommen von weit her, und Ihr Onkel wird spät zurückkommen; man wird Sie zum Abendessen wecken.« Ich streckte mich auf einem Bett mit Säulen aus, das mit blauem, groß und rotgeblumtem Tuch drapiert war. Gegenüber von mir hing an der Wand eine bäurische Uhr und darauf saß ein Vogel, der mit mir wie ein Mensch zu reden anhub. Und ich hatte den Gedanken, daß die Seele meines Ahnen in diesem Vogel sei; aber ich war ebensowenig erstaunt über seine Sprache und seine Gestalt als darüber, daß ich mich ein Jahrhundert zurückversetzt sah. Der Vogel sprach zu mir von lebenden oder zu verschiedenen Zeiten verstorbenen Familienmitgliedern, wie wenn sie gleichzeitig existierten und sagte zu mir: »Sie sehen, Ihr Onkel hat Sorge getragen, SEIN Bildnis im voraus zu machen . . . jetzt lebt SIE mit uns.« Ich richtete die Augen auf eine Leinwand, die eine Frau in altdeutscher Tracht darstellte, die sich über das Flußufer beugte und den Blick auf einen Busch Vergißmeinnicht heftete.
-- Indessen wurde die Nacht immer dichter, und das Aussehen, die Laute und die Stimmung der Orte verwischten sich in meinem schläfrigen Geist; ich glaubte in einen Abgrund zu stürzen, der die Erdkugel durchschnitt. Ich fühlte mich schmerzlos von einem Strom geschmolzenen Metalls fortgetrieben und tausend ähnliche Flüsse, deren Färbungen die chemischen Verschiedenheiten anzeigten, durchfurchten den Schoß der Erde wie die Gefäße und Adern, die sich zwischen den Gehirnlappen schlängeln. Alle strömten, kreisten und zitterten so, und ich hatte das Gefühl, daß diese Flüsse aus lebenden Seelen im Molekularzustand beständen, und daß die Geschwindigkeit dieser Reise allein mich verhinderte ihn zu erkennen. Eine bleiche Helligkeit zog allmählich in diese Kanäle ein und ich sah endlich einen neuen Horizont sich wie eine gewaltige Kuppel erweitern, wo sich Inseln abzeichneten, die von leuchtenden Fluten umgeben waren. Ich befand mich auf einer von diesem sonnelosen Tag erleuchteten Küste, und sah einen Greis, der das Land bestellte. Ich erkannte in ihm denselben, der mit der Stimme des Vogels zu mir geredet hatte, und sei es, daß er mit mir sprach, sei es, daß ich ihn in meinem Innern verstand, es wurde mir klar, daß die Vorfahren die Gestalt gewisser Tiere annehmen, um uns auf der Erde zu besuchen, und daß sie so als stumme Beobachter den Phasen unserer Existenz beiwohnen.
Der Greis verließ seine Arbeit und begleitete mich bis zu seinem Haus, das sich in der Nähe erhob. Die Landschaft, die uns umgab, erinnerte mich an einen Teil von Französisch-Flandern, wo meine Eltern gelebt haben und wo sich ihre Gräber befinden; das von Gebüschen umgebene Feld am Waldrand, der benachbarte See, der Fluß und der Waschplatz, das Dorf mit seiner ansteigenden Straße, der Hügel aus dunkelm Sandstein und die Büschel aus Ginster und Heidekraut, -- alles das war ein verjüngtes Bild der Orte, die ich geliebt habe. Nur das Haus, in das ich trat, war mir unbekannt. Ich begriff, daß es in ich weiß nicht welcher Zeit bestanden hat und daß in der Welt, die ich eben besuchte, das Gespenst der Dinge das des Körpers begleitete.
Ich trat in einen geräumigen Saal, wo viele Menschen versammelt waren. Überall entdeckte ich bekannte Gesichter. Die Züge der toten Verwandten, die ich beweint hatte, fanden sich in anderen wieder, die mir, in altmodischen Kleidern, denselben väterlichen Empfang bereiteten. Sie schienen zu einer Familientafel vereinigt zu sein. Einer dieser Verwandten kam auf mich zu und umarmte mich zärtlich. Er trug ein altertümliches Gewand, dessen Farben verblichen schienen, und sein lächelndes Antlitz unter den gepuderten Haaren hatte einige Ähnlichkeit mit dem meinen. Er schien mir ausgesprochener lebendig zu sein als die andern und sozusagen in freiwilligerem Rapport mit meinem Geist. -- Es war mein Onkel. Er hieß mich neben sich sitzen, und eine Art Verbindung stellte sich zwischen uns her; denn ich kann nicht sagen, daß ich seine Stimme gehört hätte; nur in dem Maße, als ich meine Gedanken auf einen Punkt richtete, wurde mir sogleich seine Bedeutung klar, und die Bilder wurden vor meinen Augen so bestimmt wie belebte Gemälde.
»Es ist also wahr,« sagte ich mit Entzücken, »wir sind unsterblich und behalten hier die Bilder der Welt, die wir bewohnt haben. Welch ein Glück zu denken, daß alles was wir geliebt haben, immer um uns herum bestehen wird! Ich war des Lebens recht müde!« . . .
»Freue dich nicht zu früh,« sagte er, »denn du gehörst noch der oberen Welt an, und du hast noch rauhe Prüfungsjahre zu bestehen. Der Aufenthalt, der dich entzückt, hat selbst seine Schmerzen, Kämpfe und Gefahren! Die Erde, die wir bewohnt haben, ist stets der Schauplatz, wo sich unsere Geschicke knüpfen und lösen; wir sind die Strahlen des zentralen Feuers, das sie belebt und das sich schon abgeschwächt hat« . . . . -- »Ach was!« sagte ich, »die Erde könnte sterben und wir würden von dem Nichts verschlungen?« -- »Das Nichts«, sagte er, »besteht nicht in dem Sinn wie man es meint; aber die Erde ist selbst ein materieller Körper, dessen geistiger Extrakt die Seele ist. Die Materie kann nicht mehr zugrund gehen als der Geist, aber sie kann sich verändern nach dem Guten und nach dem Bösen. Unsre Vergangenheit und unsre Zukunft sind eins. Wir leben in unsrer Rasse und unsre Rasse lebt in uns.«
Dieser Gedanke leuchtete mir sogleich ein, und wie wenn sich die Mauern des Saales auf unendliche Perspektiven geöffnet hätten, schien es mir als sähe ich eine ununterbrochene Kette von Männern und Frauen, in denen ich enthalten war und die ich selbst waren. Die Trachten aller Völker, die Bilder aller Länder erschienen gleichzeitig deutlich, wie wenn sich meine Beobachtungsfähigkeiten vervielfacht hätten, ohne sich zu verwirren; dies geschah durch ein Wunder des Raums gleich dem der Zeit, das ein Jahrhundert voll Taten in eine Traumminute zusammenpreßt. Mein Befremden wuchs als ich sah, daß diese ungeheure Menge nur aus Personen bestand, die sich im Saal befanden und deren Bilder sich vor meinen Augen in tausend flüchtigen Erscheinungen getrennt und verbunden hatten.
»Wir sind sieben«, sagte ich zu meinem Onkel.
»Das ist tatsächlich«, sagte er, »die typische Zahl jeder menschlichen Familie und im Falle der Ausdehnung sieben mal sieben oder mehr.«
Ich kann nicht hoffen, diese Antwort verständlich zu machen, die für mich selbst sehr dunkel geblieben ist. Die Metaphysik versorgte mich nicht mit Ausdrücken für die Beobachtung, die von den Beziehungen dieser Personenzahl zur allgemeinen Harmonie herrührte. Man begreift wohl im Vater und der Mutter die Analogie der elektrischen Naturkräfte, aber wie soll man die individuellen Zentren feststellen, die sie ausströmen, wovon sie ausströmen wie eine animische Gesamtfigur, deren Zusammensetzung gleichzeitig mannigfaltig und begrenzt wäre? Geradesogut könnte man von der Blume Rechenschaft fordern für die Zahl ihrer Blütenblätter oder für die Einteilung ihrer Krone, . . . . von der Erde für die Formen, die sie bildet, von der Sonne für die Farben, die sie schafft.
V.
ALLES um mich herum wechselte seine Gestalt. Der Geist, mit dem ich mich unterhielt, hatte nicht mehr dasselbe Aussehen. Es war ein junger Mann, der von nun an mehr von mir die Gedanken erhielt, als daß er sie mir mitteilte . . . War ich zu weit in jene Höhen gestiegen, wo einen der Schwindel erfaßt? Ich glaubte zu verstehen, daß solche Fragen dunkel oder gefährlich seien selbst für die Geister der Welt, die ich damals wahrnahm. Vielleicht untersagte mir auch eine höhere Macht die Nachforschungen. Ich sah mich in den Straßen einer stark bevölkerten, unbekannten Stadt umherirren. Ich bemerkte, daß sie von hügeligen Rücken durchzogen und von einem ganz mit Wohnstätten bedeckten Berg beherrscht war. Zwischen dem Volk dieser Hauptstadt unterschied ich gewisse Menschen, die einer besonderen Nation anzugehören schienen; ihre lebhaften, entschlossenen Mienen, der energische Ausdruck ihrer Züge veranlaßten mich, an die unabhängigen und kriegerischen Gebirgs- oder Inselvölker zu denken, die wenig von Fremden besucht werden; indessen war es mitten in einer großen Stadt, mit einer gemischten und gewöhnlichen Bevölkerung, wo sie ihre wilde Eigenart aufrecht zu erhalten wußten. Wer waren denn diese Menschen? Mein Führer ließ mich abschüssige und lärmvolle Straßen erklimmen, die von den verschiedenartigen Geräuschen der Tätigkeit widerhallten. Wir stiegen noch lange Reihen von Treppen empor, hinter welchen sich die Aussicht erschloß.
Hie und da sah man mit Gitterwerk bekleidete Terrassen, kleine, in geebneten Zwischenräumen angelegte Gärtchen, Dächer, leicht gebaute Pavillons, die mit launiger Geduld bemalt und ausgehauen waren; Fernsichten, die durch lange Streifen von kletterndem Grün miteinander verbunden waren, verführten das Auge und erfreuten den Geist wie der Anblick einer köstlichen Oase einer unbekannten Einsamkeit oberhalb der Wirrnis jener von unten kommenden Geräusche, die hier nur mehr ein Gemurmel waren. Man hat oft von geächteten Völkern gesprochen, die im Schatten der Totenstädte und der Grüfte leben. Hier war zweifellos das Gegenteil der Fall. Ein glückliches Geschlecht hatte sich diesen Zufluchtsort geschaffen, den Vögel, Blumen, reine Luft und Helle liebten. »Das sind«, sagte mir mein Führer, »die alten Bewohner dieser Berge, die die Stadt beherrschen, in der wir eben weilen. Lange haben sie hier gelebt, hatten einfache Sitten, liebten sich und waren gerecht und behielten die natürlichen Tugenden der ersten Erdentage. Das benachbarte Volk ehrte sie und richtete sich nach ihnen.«
Von dem Punkt, wo ich mich eben befand, stieg ich meinem Führer folgend hinunter und gelangte in eine dieser hohen Behausungen, deren vereinte Dächer einen so sonderbaren Anblick boten. Es schien mir, als ob meine Füße sich in die aufeinanderfolgenden Schichten der Gebäude verschiedener Zeitalter eingrüben. Diese Gespenster der Bauten deckten immer wieder andere auf, wo sich der eigentümliche Geschmack jedes Jahrhunderts zeigte und das war wie der Anblick von Nachgrabungen, die man in den antiken Städten vornimmt, außer daß alles luftig, lebendig und von tausend Lichtern durchspielt war.
Endlich befand ich mich in einem geräumigen Zimmer, wo ich einen Greis vor einem Tisch mit ich weiß nicht was für einem Handwerk beschäftigt sah. Im Augenblick, als ich die Tür durchschritt, bedrohte mich ein weißgekleideter Mann, dessen Gesicht ich schlecht unterschied, mit einer Waffe, die er in der Hand hielt; aber der, welcher mich geleitete, machte ihm ein Zeichen sich zu entfernen. Es schien, als wolle man mich verhindern, das Geheimnis dieser Abgeschiedenheit zu durchdringen. Ohne meinen Führer zu fragen, begriff ich intuitiv, daß diese Höhen und gleichzeitig diese Tiefen der Zufluchtsort der primitiven Bergbewohner waren. Sie trotzten stets der überschwemmenden Flut der Rassenanhäufung und lebten hier einfach von Sitten, liebend und gerecht, geschickt, stark und erfinderisch, -- und als friedfertige Besieger der blinden Massen, die so oft ihr Erbteil überfallen hatten.
Wie? weder verderbt, noch vernichtet, noch Sklaven, rein, obwohl sie die Unwissenheit besiegt haben, im Wohlstand von den Tugenden der Armut erfüllt! -- Ein Kind ergötzte sich am Boden mit Kristallen, Muscheln und gravierten Steinen und machte zweifellos aus dem Studium ein Spiel. Eine bejahrte aber noch schöne Frau beschäftigte sich mit den Sorgen des Haushalts. In diesem Augenblick traten mehrere junge Leute lärmend ein, als ob sie von ihren Arbeiten heimkehrten. Ich war erstaunt, sie alle in Weiß gekleidet zu sehen; aber das war, wie es scheint, nur eine Täuschung meiner Augen. Um mir das klar zu machen, begann mein Führer ihre Kleidung als lebhaft farbig zu beschreiben, wobei er mir zu verstehen gab, daß sie in Wirklichkeit so wäre. Das Weiß, das mich befremdete, kam vielleicht von einem besonderen Glanz, von einem Lichterspiel, wobei sich die gewöhnlichen Farben des Prismas vermischten.
Ich ging aus dem Zimmer und befand mich auf einer in einen Ziergarten verwandelten Terrasse. Hier gingen junge Mädchen und Kinder spazieren und spielten. Ihre Kleider erschienen mir weiß wie die andern, aber sie waren mit rosa Stickereien verziert. Diese Geschöpfe waren so schön, ihre Züge so lieblich und der Glanz ihrer Seele leuchtete so lebhaft durch ihre zarten Formen, daß sie alle eine Art Liebe ohne Bevorzugung und ohne Begierde einflößten, die den ganzen Taumel der grenzenlosen Jugendleidenschaften zusammenfaßte.
Ich kann das Gefühl nicht wiedergeben, das ich inmitten dieser entzückenden Wesen empfand, die mir teuer waren, ohne daß ich sie kannte. Es war wie eine primitive und himmlische Familie, deren lächelnde Augen die meinen mit sanfter Teilnahme suchten; ich fing an heiße Tränen zu weinen, wie in Erinnerung an ein verlorenes Paradies. Da fühlte ich bitter, daß ich nur Reisender in dieser zugleich fremden und geliebten Welt war, und ich zitterte bei dem Gedanken, daß ich ins Leben zurückkehren müsse. Umsonst drängten sich die Frauen und Kinder um mich wie um mich zurückzuhalten. Schon verschmolzen ihre hinreißenden Formen in wirren Nebeln; diese schönen Gesichter erbleichten, diese bestimmten Züge, diese schimmernden Augen verloren sich in einem Schatten, wo noch der letzte Strahl des Lächelns leuchtete . . . . . .
So war diese Vision oder so waren wenigstens die Haupteinzelheiten, die ich in Erinnerung behalten habe. Der kataleptische Zustand, in dem ich mich mehrere Tage lang befunden hatte, wurde mir wissenschaftlich erklärt und die Berichte derer, die mich so gesehen hatten, versetzten mich in eine Art Gereiztheit als ich sah, daß man der Geistesverirrung die Bewegungen und Worte zuschrieb, die für mich mit den verschiedenen Phasen einer logischen Kette von Ereignissen zusammenfielen. Ich liebte mehr die meiner Freunde, die aus geduldiger Gefälligkeit oder in Folge ähnlicher Gedanken mich zu langen Erzählungen der Dinge veranlaßten, die ich im Geist gesehen hatte. Einer von ihnen sagte weinend zu mir: »Nicht wahr, es gibt einen Gott?« -- »Ja«, sagte ich voll Begeisterung zu ihm. Und wir umarmten uns wie zwei Brüder dieses mystischen Vaterlandes, das ich geschaut hatte. -- Welches Glück fand ich zuerst in dieser Überzeugung! So war der ewige Zweifel an der Unsterblichkeit der Seele, der die besten Geister angreift, für mich entschieden. Kein Tod mehr, keine Traurigkeit, keine Unruhe! Die, welche ich liebte, Eltern, Freunde gaben mir sichere Zeichen ihres ewigen Lebens, und ich war von ihnen nur noch durch die Stunden des Tages getrennt. Die der Nacht erwartete ich in einer sanften Schwermut.
VI.
EIN Traum, den ich außerdem hatte, bestärkte mich in diesem Gedanken. Ich befand mich plötzlich in einem Saal, der zu der Wohnung meines Ahnen gehörte. Der Raum schien sich nur vergrößert zu haben. Die alten Möbel strahlten in wunderbarem Glanz, die Teppiche und die Vorhänge waren wie neu hergestellt, ein Tageslicht, dreimal leuchtender als der natürliche Tag, drang durch Fenster und Tür und in der Luft lag eine Frische und ein Duft wie an einem ersten lauen Frühlingsmorgen. Drei Frauen arbeiteten in diesem Zimmer und stellten ohne ihnen genau zu gleichen Verwandte und Freundinnen meiner Jugend vor. Es schien mir, als wenn jede von ihnen die Züge von mehreren dieser Personen in sich vereinte. Die Umrisse ihrer Gestalten wechselten wie die Flamme einer Lampe und jeden Augenblick ging etwas von der einen in die andere über; das Lächeln, die Stimme, die Farbe der Augen, des Haars, die Gestalt, die vertrauten Bewegungen vertauschten sich wie wenn sie dasselbe Leben gelebt hätten, und jede war so eine Zusammensetzung von allen, gleich jenen Typen, die die Maler nach mehreren Modellen bilden, um eine vollendete Schönheit darzustellen.
Die älteste sprach zu mir mit zitternder, melodischer Stimme, die mir aus meiner Jugend bekannt vorkam, und ich weiß nicht, was sie zu mir sagte, was mich durch seine tiefe Richtigkeit verblüffte. Aber sie lenkte meine Gedanken auf mich selbst, und ich sah mich in einen kleinen, braunen Anzug von altertümlichem Schnitt gekleidet, der ganz mit der Nadel gewirkt war und dessen Fäden so fein waren wie Spinneweben. Er war gefällig, zierlich und mit süßen Düften getränkt. Ich fühlte mich ganz verjüngt und ganz geputzt in diesem Kleidungsstück, das aus ihren Feenhänden hervorging und ich dankte ihnen errötend, wie wenn ich noch ein kleines Kind gewesen wäre, das vor großen, schönen Damen steht. Da stand eine von ihnen auf und wand sich nach dem Garten.
Jeder weiß, daß man in Träumen nie die Sonne sieht, obwohl man oft die Überzeugung einer viel intensiveren Helligkeit hat. Die Gegenstände und die Körper leuchten aus sich selbst. Ich sah mich in einem kleinen Park, wo sich die Spaliere zu Bogenlauben formten, die mit schweren schwarzen und weißen Weintrauben behängt waren; in dem Maße, als die Dame, welche mich führte, unter diesem Laubengang vorwärts ging, veränderte der Schatten der gekreuzten Gitter für meine Augen seine Formen und seine Umhüllung. Sie kam endlich darunter hervor und wir befanden uns in einem offenen Raum. Darin bemerkte man kaum noch die Spur alter Wandelgänge, die ihn früher kreuzweise durchschnitten hatten. Die Pflege war seit langen Jahren vernachlässigt und verstreute Setzlinge von Klematis, Hopfen, Geißblatt, Jasmin, Efeu und Osterluzei verbreiteten zwischen den kräftig gewachsenen Bäumen ihre langen lianenartigen Schlingen. Zweige neigten sich mit Früchten beladen bis zur Erde und zwischen schmarotzerhaft wuchernden Grasbündeln waren einige Gartenblumen aufgeblüht, die in den Zustand der Verwilderung zurückgefallen waren. Hie und da erhoben sich dichte Gruppen von Pappeln, Akazien und Fichten, aus deren Innern man altersgeschwärzte Statuen hervorschauen sah. Ich bemerkte vor mir eine Anhäufung von Felsen, die mit Efeu bewachsen waren, aus denen ein lebhafter Quell entsprang, dessen harmonisches Geplätscher in einem Bassin von stehendem Wasser widerhallte, das mit breiten Seerosenblättern halb verschleiert war.
Die Dame, der ich folgte, enthüllte ihre schlanke Gestalt mit einer Bewegung, welche die Falten ihres schillernden Taftkleides schimmern ließ, und umfaßte graziös mit ihrem nackten Arm den langen Stengel einer Stockrose; dann fing sie unter einem klaren Lichtschein zu wachsen an, so daß nach und nach der Garten ihre Gestalt annahm, und die Blumenbeete und Bäume, die Rosetten und Girlanden ihre Kleider wurden, während ihre Gestalt und ihre Arme ihre Umrisse den purpurnen Himmelswolken ausprägten. So verlor ich sie in dem Maß, wie sie sich verwandelte, aus den Augen, denn sie schien sich in ihrer eigenen Größe zu verflüchtigen. »O, fliehe nicht,« rief ich aus, »denn die Natur stirbt mit dir!«
Als ich diese Worte sprach, schritt ich mühselig zwischen den Dornen, wie um den vergrößerten Schatten, der mir entschlüpft war, zu ergreifen; aber ich stieß an eine beschädigte Mauerecke, an deren Fuß die Büste einer Frau lag; als ich sie aufhob, hatte ich die Überzeugung, daß es die ihre sei . . . Ich erkannte die geliebten Züge wieder und als ich die Augen herumschweifen ließ, merkte ich, daß der Garten jetzt wie ein Friedhof aussah. Stimmen sagten: »Das Weltall ist in der Nacht!«
VII.
NACH diesem Traum, der anfangs so glücklich war, bemächtigte sich meiner eine große Bestürzung. Was bedeutete er? Ich wußte es erst später, Aurelia war tot.
Zuerst bekam ich nur die Nachricht von ihrer Krankheit. Als Folge meines Geisteszustands empfand ich nur einen unbestimmten, mit Hoffnung gemischten Kummer. Ich glaubte, daß ich selbst nur noch kurze Zeit zu leben hätte und war von nun an des Vorhandenseins einer Welt sicher, wo die liebenden Herzen sich wiederfinden. Übrigens gehörte sie mir im Tode viel mehr als im Leben . . . ein selbstsüchtiger Gedanke, den mein Verstand später mit bitterer Reue bezahlen mußte.
Ich möchte nicht zu sehr auf Ahnungen bauen; der Zufall macht sonderbare Sachen; aber ich war damals stark von einer Erinnerung an unsre so rasche Vereinigung beschäftigt. Ich hatte ihr einen Ring von alter Arbeit gegeben, dessen Stein ein herzförmig geschnittener Opal bildete. Da dieser Ring für ihren Finger zu groß war, hatte ich die verhängnisvolle Idee gehabt, ihn durchschneiden zu lassen, um den Reif zu verkleinern. Ich verstand meinen Fehler erst, als ich das Geräusch der Säge hörte. Es schien mir, als sähe ich Blut fließen . . . . .
Sorgfalt und Kunst hatten mir die Gesundheit wiedergegeben, ohne noch in meinen Geist den regelmäßigen Gang der menschlichen Vernunft zurückgeführt zu haben. Das Haus, in dem ich mich befand, lag auf einer Anhöhe und hatte einen weitläufigen mit kostbaren Bäumen bepflanzten Garten. Die reine Luft des Hügels, auf dem es lag, der erste Hauch des Frühlings, die Annehmlichkeit einer durchaus sympathischen Gesellschaft verschafften mir lange Tage der Ruhe.
Die ersten Blätter der Sykomoren entzückten mich durch die Lebhaftigkeit ihrer Farben, die dem Federbusch eines Pharaohahns glichen. Die Aussicht, die sich über die Ebene erstreckte, zeigte vom Morgen bis zum Abend entzückende Horizonte, deren abgestufte Farbentöne meine Einbildungskraft erfreuten. Ich bevölkerte die Abhänge und die Wolken mit göttlichen Gestalten, deren Umrisse ich deutlich zu sehen meinte. -- Ich wollte meine Lieblingsgedanken besser festhalten und bedeckte bald mit Hilfe von Kohle- und Ziegelstückchen, die ich auflas, die Mauern mit einer Serie von Fresken, wo sich meine Eindrücke verwirklichten. Eine Gestalt herrschte immer vor: die Aurelias, die mit den Zügen einer Göttlichkeit gemalt war, so wie sie mir im Traum erschienen war. Unter ihren Füßen drehte sich ein Rad und die Götter bildeten ihren Zug. Es gelang mir, diese Gruppe zu kolorieren, indem ich den Saft der Gräser und Blumen auspreßte. -- Wie oft habe ich vor diesem geliebten Idol geträumt. Ich tat noch mehr; ich versuchte den Körper derer, die ich liebte, aus Erde nachzubilden; jeden Morgen mußte ich meine Arbeit wieder machen, denn die Verrückten, die eifersüchtig auf mein Glück waren, gefielen sich darin, sein Bild zu zerstören.
Man gab mir Papier und lange Zeit hindurch befleißigte ich mich durch tausend Figuren, die von Erzählungen, von Versen und Inschriften in allen bekannten Sprachen begleitet waren, eine Art Weltgeschichte darzustellen, die mit Erinnerungen an Studien und mit Bruchstücken von Träumen vermischt war, die durch meinen Geisteszustand intensiver oder verlängert erschienen. Ich blieb nicht bei den modernen Überlieferungen der Schöpfung stehen. Mein Gedanke stieg darüber hinaus. Ich sah wie in einer Erinnerung den ersten Bund, der von Genien mit Hilfe von Talismanen geschlossen wurde. Ich hatte versucht, die Steine der heiligen Tafelrunde zusammenzustellen, und um sie herum die sieben ersten Elohim darzustellen, die sich in die Welt geteilt haben.