Aurelia, oder, Der Traum und das Leben

Part 1

Chapter 13,600 wordsPublic domain

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Gérard de Nerval

Aurelia

oder

Der Traum und das Leben

Deutsch von Hedwig Kubin

Mit siebenundfünfzig Zeichnungen von Alfred Kubin

M·C·M·X

München und Leipzig / bei Georg Müller

»Seit seiner letzten Reise nach Deutschland vergaß Gérard, der mehr wie je von einem rätselhaften Sehnen nach der Unendlichkeit geplagt wurde, oft, daß er auf der Erde war. Er fühlte, daß er den Boden verlor und ins Leere trat; er wand sich der Vergangenheit zu, um das Leben wieder zu erfassen und sich noch lebendig zu glauben. Seine letzten Seiten zeugen von dieser Vorliebe für die Vergangenheit; er hatte alle Bücher geschlossen, ausgenommen das Buch seiner Seele; er las keine Gedichte mehr außer denen auf seine eigenen Liebeserlebnisse. Er ahnte, daß derTod ihn holen würde; und wie ein Wanderer, der die Nacht hereinbrechen sieht, kehrte er um und warf noch einen Blick auf die zurückgelegten Strecken. Von allen zertrümmerten Denkmälern seines Herzens pflückte er ehrfurchtsvoll das Mauerkraut.«

Arsène Houssaye.

Vorwort

Gérard de Nerval wurde am 22. Mai 1809 als Sohn eines Militärarztes in Paris geboren. Er wurde nicht ganz 46 Jahre alt, -- er starb am 25. Januar 1855. Sein eigentlicher Name war Gérard Labrunie.

Da seine Mutter ihrem Gatten zum Heere folgte und sehr früh starb, was der Dichter in der hier übersetzten Novelle »Aurelia« auch erwähnt, wurde der Knabe im Valois bei einem seiner Oheime erzogen. Er besuchte das Gymnasium und obwohl er hie und da lieber in Wald und Feld herumstreifte, als auf der Schulbank zu sitzen, war er doch der Stolz der Schule und der Gegenstand der Bewunderung seiner Kameraden, denn er dichtete kaum achtzehn Jahre alt seine »Elégies nationales«. Auch seine Faust-Übersetzung, die heute noch zu den besten gezählt wird, erschien schon zu dieser Zeit, und Goethe hat dem jungen Nerval in einem eigenhändigen Schreiben dafür gedankt. Nerval hat diesen Brief aufbewahrt, und obwohl er sonst wegen seiner Bescheidenheit bekannt war, zeigte er ihn gern seinen Freunden und versicherte, daß die Anerkennung des großen deutschen Dichters ihn mit Stolz erfülle.

Zu diesen Freunden gehörten in erster Linie Théophile Gautier, Arsène Houssaye und viele andere. Nerval hatte das Glück, schon von seinen Zeitgenossen gewürdigt zu werden. Die Freunde ertrugen seine bizarren Launen geduldig und bemühten sich, ihm alle Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Wie oft hielt er seine Verabredungen nicht! Wie häufig kam es vor, daß sein Vater, bei dem er regelmäßig Donnerstags und Sonntags speiste, ihn vergeblich erwartete! Erst nach längerer Zeit erfuhr man in solchen Fällen, daß der Dichter eine seiner großen Reisen angetreten hatte!

Nerval hat viel von der Welt gesehen. Er bereiste Deutschland, Ägypten, Syrien, die Türkei. Diese Reisen regten ihn zu seinen Hauptwerken an, vor allem zu dem großen Drama: »Die Königin von Saba«, das schon wegen seiner ungeheuren Dimensionen nicht auf das Theater gebracht werden konnte. Am meisten Interesse zeigte der Dichter für die Sitten und Gebräuche der Völkerschaften, die er auf seinen Reisen kennen lernte. Er neigte stark zur Mystik und als von seinem dreißigsten Lebensjahr an sein Geist anfing, gewissen krankhaften Anfällen zu unterliegen, verstärkte sich dieser Hang.

Das Werk, welches wir hier veröffentlichen, steht wohl in der Literatur einzigartig da, denn in »Aurelia« erzählt und beschreibt der Kranke selbst seine Zustände und Visionen. Er berichtet, daß er in der Irrenanstalt angefangen habe, die Geschichte seiner Krankheit zu schreiben, die ihn bis zu seinem Lebensende nur vorübergehend verließ. Die letzten, hier veröffentlichten Seiten fanden die Freunde in der Tasche des Toten; er hat sich noch bis in die letzten Tage, vielleicht Stunden, mit diesem Manuskript beschäftigt. Viele glauben, daß sein Tod kein natürlicher gewesen ist, sondern daß er seinem Leben gewaltsam ein Ende gemacht hat. Bei seinem Geisteszustand ist es nicht unwahrscheinlich, aber Gewißheit hat man darüber nicht.

Gérard de Nerval hat auch schon in seinen gesunden Tagen ein sonderbares Leben geführt. Nirgends blieb er lange und vor allem war es ihm zuwider in seiner Wohnung zu schlafen. Er streifte Tage und Nächte lang rastlos in den Straßen von Paris umher, machte sich Notizen über seine Beobachtungen und besuchte seine Freunde, wenn er gerade an ihren Haustüren vorüberkam. Er konnte es nicht ertragen, durch ein Versprechen an einen Besuch zu bestimmter Stunde gebunden zu sein.

Er war von Haus aus nicht unvermögend, auch fiel ihm einmal eine kleine Erbschaft zu. Da außerdem die Zeitungen und Zeitschriften über jede Zeile von seiner Hand froh waren, hätte er leicht ein behagliches Leben im Wohlstand führen können. Aber das widerstrebte seiner Natur. Hatte er Geld, so kaufte er oft auf Auktionen Kunstgegenstände, die er dann bisweilen bei irgendeinem Freund einstellte, um sie nach kurzer Zeit zu vergessen. Nur wenn er eine Auslandreise vorhatte, vermochte er zu sparen.

Gérard de Nerval war als Schriftsteller nicht gerade fleißig. Er hat sich oft wiederholt und unter seinen dramatischen Versuchen ist nicht viel Wertvolles zu finden. Die Gestalt des »Faust«, dessen Einführung in Frankreich ihm so frühen Ruhm verschaffte, soll seinen Geist so ausgefüllt haben, daß eigene Gestaltungsversuche stets Züge des großen Vorbildes annahmen.

Lesenswert sind noch einige seiner Novellen, besonders aber die anschaulich geschriebene, sehr eigenartige Erlebnisse schildernde »Orientreise«.

HEDWIG KUBIN.

Erster Teil

I.

DER Traum ist ein zweites Leben. Ich habe nie ohne zu schaudern durch die Elfenbein- oder Horntore dringen können, die uns von der unsichtbaren Welt scheiden. Die ersten Augenblicke des Schlafes sind das Bild des Todes. Eine nebelhafte Erstarrung ergreift unsern Gedanken, und wir können den genauen Augenblick nicht feststellen, wo das Ich in einer andern Form die Tätigkeit des Daseins fortsetzt. Ein ungewisses unterirdisches Gewölbe erhellt sich allmählich und aus dem Schatten der Nacht lösen sich in ernster Unbeweglichkeit die bleichen Figuren, welche den Vorhof der Ewigkeit bewohnen. Dann nimmt das Bild Form an, eine neue Helligkeit erleuchtet diese Erscheinungen in wunderlichem Spiel: -- es öffnet sich uns die Welt der Geister.

Swedenborg nannte diese Visionen »Memorabilia«; er verdankte sie öfter der Träumerei als dem Schlaf; der »goldene Esel« des Apulejus, die »göttliche Komödie« Dantes, sind die dichterischen Vorbilder dieser Studien über die menschliche Seele. Ich will nach ihrem Beispiel versuchen, die Eindrücke einer langen Krankheit niederzuschreiben, die sich ganz in den Mysterien meines Geistes abgespielt hat; -- und ich weiß nicht, warum ich mich des Ausdrucks »Krankheit« bediene, denn niemals habe ich mich, was mich selbst betrifft, wohler gefühlt. Mitunter hielt ich meine Kraft und meine Fähigkeit für verdoppelt. Es schien mir, als wüßte und verstände ich alles, die Einbildungskraft brachte mir unendliche Wonnen. Soll man bedauern sie verloren zu haben, wenn man das, was die Menschen Vernunft nennen, wiedererlangt hat?

Jene »vita nuova« hat für mich zwei Phasen gehabt. Diese Aufzeichnungen beziehen sich auf die erste. -- Eine Dame, die ich lange geliebt hatte, und die ich Aurelia nennen werde, war für mich verloren. Die Umstände dieses Ereignisses, das einen so großen Einfluß auf mein Leben haben sollte, sind unwichtig. Jeder kann aus seinen Erinnerungen die herzzerreißendste Gemütsbewegung, den fürchterlichsten Schicksalsschlag der Seele hervorsuchen; man muß sich da entschließen zu sterben oder zu leben; -- ich werde später sagen, warum ich nicht den Tod gewählt habe. Die ich liebte, hatte mich verurteilt, ich war eines Vergehens schuldig, für das ich keine Verzeihung mehr erhoffen konnte; so blieb mir nichts übrig, als mich den niedrigen Betäubungen zu ergeben; ich heuchelte Freude und Sorglosigkeit, ich durchkreuzte die Welt und jagte unsinnig hinter Wechsel und Laune her; vor allem gefielen mir die Trachten und absonderlichen Sitten entfernter Völkerschaften. Es war mir, als ob ich so die Vorbedingungen von Gut und Böse verschob, die Ausdrücke sozusagen für das was wir Franzosen »Gefühl« nennen.

»Welche Verrücktheit,« sagte ich mir, »eine Frau, die dich nicht mehr liebt, so platonisch zu lieben! Daran ist meine Lektüre schuld; ich habe die Erfindungen der Dichter ernst genommen, und ich habe mir aus einer gewöhnlichen Persönlichkeit unseres Jahrhunderts eine Laura oder Beatrice gemacht . . . . . . Auf zu andern Abenteuern und dieses wird bald vergessen sein!« -- Der Taumel eines fröhlichen Karnevals in einer Stadt Italiens verjagte all meine melancholischen Gedanken. Ich war so glücklich über die Erleichterung, die ich empfand, daß ich all meinen Freunden meine Freude mitteilte, und in meinen Briefen gab ich das als beständigen Geisteszustand aus, was nur fieberhafte Überreizung war.

Eines Tages kam in die Stadt eine Frau von großem Ruf, die mit mir Freundschaft schloß, und da sie gewohnt war zu gefallen und zu blenden, zog sie mich mühelos in den Kreis ihrer Bewunderer. Nach einer Abendgesellschaft, wo sie gleichzeitig natürlich und von einem Reiz erfüllt gewesen war, dessen Einwirkung alle spürten, fühlte ich mich in einer Weise in sie verliebt, daß ich keinen Augenblick zögern wollte an sie zu schreiben. Ich war so glücklich, mein Herz einer neuen Liebe fähig zu fühlen! . . . . . . Ich borgte in dieser künstlichen Begeisterung dieselben Ausdrücke, die so kurze Zeit vorher mir gedient hatten, um eine wahrhafte und lang empfundene Liebe zu schildern. Als der Brief abgesandt war, hätte ich ihn zurückhalten mögen, und ich begann in der Einsamkeit von dem zu träumen, was ich eine Entweihung meiner Erinnerungen nannte. --

Der Abend gab meiner neuen Liebe den ganzen Zauber des vorhergehenden Tages wieder. Die Dame zeigte sich empfänglich für das, was ich ihr geschrieben hatte, wobei sie einiges Erstaunen über meine plötzliche Glut erkennen ließ. Ich hatte an einem Tage mehrere Grade der Gefühle übersprungen, die man für eine Frau mit dem Schein der Aufrichtigkeit fassen kann. Sie gestand mir, daß es sie erstaune und zugleich mit Stolz erfülle. Ich versuchte sie zu überzeugen; aber was ich ihr auch immer sagen wollte, ich konnte in der Folge in unsern Unterhaltungen den rechten Ton meines Briefstils nicht mehr wiederfinden, so daß ich gezwungen war ihr mit Tränen zu gestehen, daß ich mich geirrt hätte, indem ich sie täuschte. Meine rührenden Geständnisse hatten immerhin einigen Reiz, und eine in ihrer Milde viel stärkere Freundschaft folgte auf vergebliche Zärtlichkeitsversicherungen.

II.

SPÄTER begegnete ich ihr in einer anderen Stadt, wo sich die Dame befand, die ich immer noch ohne Hoffnung liebte. Ein Zufall machte sie miteinander bekannt, und die erste hatte zweifellos Gelegenheit, die, welche mich aus ihrem Herzen verbannt hatte, in Hinsicht auf mich zu rühren, so daß ich sie eines Tages, als ich mich in einer Gesellschaft befand, an der auch sie teilnahm, auf mich zukommen und mir die Hand entgegenstrecken sah. Wie soll ich diesen Schritt und den tiefen traurigen Blick beschreiben, mit dem sie ihren Gruß begleitete? Ich glaubte darin die Verzeihung für die Vergangenheit zu lesen. Der göttliche Ausdruck des Mitleids gab den einfachen Worten, die sie an mich richtete, einen unaussprechlichen Wert, wie wenn sich etwas Religiöses in die Süßigkeiten einer bis dahin profanen Liebe gemischt hätte und ihr den Stempel der Ewigkeit aufdrückte.

Eine gebieterische Pflicht zwang mich nach Paris zurückzukehren, aber ich faßte sogleich den Entschluß, nur wenige Tage dort zu bleiben und zu meinen beiden Freundinnen zurückzueilen. Die Freude und die Ungeduld versetzten mich in eine Art Betäubung, die sich mit der Sorge für die Geschäfte verwickelte, die ich zu beenden hatte. Eines Abends, gegen Mitternacht, ging ich wieder die Vorstadtstraße entlang, wo sich meine Wohnung befand. Als ich zufällig die Augen aufhob, erkannte ich die Nummer des Hauses, die durch einen Gasarm erleuchtet war. Diese Zahl war die meines Alters. Gleich darauf sah ich, als ich den Blick wieder senkte, vor mir eine Frau von fahler Gesichtsfarbe mit hohlen Augen, die mir die Züge von Aurelia zu haben schien. Ich sagte mir: »Ihr, oder mein Tod wird mir angekündigt!« Aber ich weiß nicht, warum ich bei der letzten Annahme stehen blieb und ich erschreckte mich mit der Idee, daß es am folgenden Tag um dieselbe Stunde sein würde.

In dieser Nacht hatte ich einen Traum, der diesen Gedanken in mir befestigte. Ich irrte in einem weitläufigen Gebäude, das aus mehreren Sälen bestand, von denen die einen dem Studium gewidmet waren, während die andern der Unterhaltung oder philosophischen Diskussionen dienten. Ich blieb voll Interesse in einem der ersten stehen, wo ich meine alten Lehrer und Mitschüler zu erkennen glaubte. Die Stunden über die lateinischen und griechischen Schriftsteller nahmen ihren Fortgang mit diesem eintönigen Gemurmel, das ein Gebet zur Göttin Mnemosyne zu sein scheint. -- Ich ging in einen andern Saal, wo philosophische Vorträge stattfanden. Ich nahm einige Zeit teil daran, dann ging ich hinaus, um mein Zimmer in einer Art Gasthaus mit ungeheuren Treppen zu suchen, das voll war von geschäftigen Reisenden.

Ich verirrte mich mehrere Male in den langen Gängen und als ich eine der Mittelgalerien kreuzte, wurde ich von einem seltsamen Schauspiel überrascht. Ein Wesen von unermeßlicher Größe -- ob Mann oder Frau weiß ich nicht -- hielt sich mühsam über dem Raum in der Schwebe und schien sich zwischen dem dichten Gewölk zu überschlagen. Da es ihm an Atem und Kraft gebrach, fiel es endlich mitten in den dunkeln Hof, wobei es mit seinen Flügeln am Dach und an den Balustraden bald hängen blieb und bald sich stieß.

Ich konnte es einen Augenblick betrachten. Es war in hochroten Tönen gefärbt und seine Flügel schillerten in tausendfach wechselndem Widerschein. In seinem langen Kleid mit antikem Faltenwurf glich es dem Engel der Melancholie von Albrecht Dürer. Ich konnte mich nicht enthalten, Schreie des Entsetzens auszustoßen, die mich plötzlich aufweckten.

Am folgenden Tag beeilte ich mich, alle meine Freunde aufzusuchen. Ich sagte ihnen in Gedanken Lebewohl und ohne ihnen etwas von dem zu verraten, was meinen Geist beschäftigte, erörterte ich mit Wärme mystische Gegenstände; ich erstaunte sie durch eine besondere Beredsamkeit; es kam mir vor, als wüßte ich alles und als enthüllten sich mir die Geheimnisse der Welt in diesen erhabenen Stunden.

Am Abend als die verhängnisvolle Stunde sich zu nähern schien, sprach ich mit zwei Freunden am Tisch eines Klubs über Malerei und Musik und erklärte von meinem Standpunkt aus die Entstehung der Farben und den Sinn der Zahlen. Einer von ihnen, namens Paul ***, wollte mich nach Hause begleiten, aber ich sagte ihm, daß ich nicht heim ginge. »Wo gehst du hin?« frug er mich. »NACH DEM ORIENT.« Und während er mich begleitete, suchte ich am Himmel nach einem Stern, den ich zu kennen glaubte, wie wenn er einigen Einfluß auf mein Geschick hätte. Nachdem ich ihn gefunden, setzte ich meinen Weg fort und folgte den Straßen, in deren Richtung er sichtbar war. Ich ging sozusagen meinem Geschick entgegen und wollte den Stern beobachten bis zu dem Augenblick, wo der Tod mich treffen würde. Als ich indessen an eine Kreuzung von drei Straßen gelangt war, wollte ich nicht mehr weiter gehen. Es schien mir, als wenn mein Freund eine übermenschliche Kraft entfalte, um mich zu veranlassen, den Platz zu wechseln; er wuchs vor meinen Augen und bekam die Züge eines Apostels. Ich glaubte zu sehen, wie der Ort, wo wir uns befanden, sich erhob und die Form seines städtischen Aussehens verlor. Die Szene verwandelte sich in einen Hügel, den ungeheure Einsamkeit umgab; sie zeigte den Kampf zweier Geister wie eine biblische Versuchung.

»Nein!« sagte ich, »ich gehöre nicht deinem Himmel an. Auf diesem Stern sind die, welche mich erwarten. Sie waren schon vor der Offenbarung, die du angekündigt hast. Laß mich zu ihnen, denn die ich liebe weilt an jenem Ort und dort sollen wir uns wiederfinden.«

III.

HIER hat für mich das begonnen, was ich das Hineinwachsen des Traums in das wirkliche Leben nennen will. Von diesem Moment gewann alles mitunter ein doppeltes Aussehen -- und zwar ohne daß das Denken jeder Logik entbehrt und das Gedächtnis die geringsten Einzelheiten dessen, was mir widerfuhr, verloren hätte. Nur meine scheinbar sinnlosen Handlungen waren dem unterworfen, was man nach der menschlichen Vernunft »Illusion« nennt.

Der Gedanke ist mir sehr häufig gekommen, daß sich in gewissen ernsten Augenblicken des Lebens ein solcher Geist der äußern Welt plötzlich in der Gestalt einer alltäglichen Person verkörperte und auf uns wirkte oder zu wirken versuchte, ohne daß diese Person Kenntnis davon hatte oder eine Erinnerung daran bewahrte.

Mein Freund hatte mich verlassen als er sah, daß seine Anstrengungen nutzlos waren und hielt mich zweifellos für die Beute irgendeiner fixen Idee, die das Gehen beruhigen würde. Als ich allein war, erhob ich mich mit Anstrengung und machte mich wieder auf den Weg, wobei ich der Richtung des Sternes folgte, auf den ich den Blick unaufhörlich heftete. Ich sang im Gehen eine geheimnisvolle Hymne, deren ich mich aus einem früheren Leben zu entsinnen glaubte und die mich mit unsäglicher Freude erfüllte. Gleichzeitig legte ich meine irdischen Kleider ab und streute sie um mich aus. Der Weg schien stets anzusteigen und der Stern größer zu werden. Dann blieb ich mit ausgebreiteten Armen stehen und erwartete den Augenblick, wo die magnetisch in den Strahl des Sterns gezogene Seele sich vom Körper trennen würde. Da fühlte ich einen Schauer; die Sehnsucht nach der Erde und denen, die ich dort liebte, griff mir ans Herz; ich beschwor innerlich den GEIST, der mich anzog, so inbrünstig, daß es mir schien als sänke ich wieder zu den Menschen zurück; -- ich geriet unter Soldaten, die die Nachtrunde machten. Da hatte ich die Idee, daß ich sehr groß geworden sei, und daß ich durch eine Flut von elektrischen Kräften alles niederwerfen würde, was sich mir näherte. Es war etwas Komisches in der Sorgfalt, mit der ich meine Kräfte im Zaum hielt und das Leben der Soldaten, die mich aufgehoben hatten, verschonte.

Wenn ich nicht überzeugt wäre, daß es die Aufgabe eines Schriftstellers ist, aufrichtig zu schildern, was er in den ernsten Lebensumständen empfindet, und wenn ich mir nicht ein Ziel steckte, das ich für nützlich halte, würde ich hier aufhören und nicht versuchen das zu beschreiben, was ich dann in einer Reihe von vielleicht sinnlosen oder gewöhnlichen, krankhaften Visionen empfand.

Ich lag ausgestreckt auf einem Feldbett und glaubte zu sehen, wie der Himmel sich entschleierte und sich in tausend Ausblicken von unerhörten Herrlichkeiten öffnete. Das Schicksal der befreiten Seele schien sich mir zu enthüllen, wie um mir Bedauern darüber einzuflößen, daß ich wieder mit allen Kräften meines Geistes auf der Erde Fuß fassen wollte, die ich zu verlassen im Begriff war. Ungeheure Kreise zeichneten sich in die Unendlichkeit ab wie die Ringe auf dem Wasser, das der Fall eines Körpers beunruhigt; jede Region war von strahlenden Gestalten bevölkert und färbte, bewegte und löste sich abwechselnd auf, und eine sich immer gleiche Gottheit warf lächelnd die heimlichen Masken ihrer verschiedenen Inkarnationen von sich ab und floh endlich unergreifbar in die mystische Helle des Himmels Asiens.

Dieses himmlische Gesicht machte mich durch eines jener Phänomene, die jedermann in gewissen Träumen gefühlt hat, nicht gleichgültig gegen das, was um mich herum vorging. Ich lag auf einem Feldbett und hörte, wie die Soldaten sich um mich herum von einem Unbekannten unterhielten, den man wie mich aufgegriffen hatte, und dessen Stimme in dem gleichen Saal widerhallte. Durch eine sonderbare Vibrationswirkung schien es mir, als ob diese Stimme in meiner Brust mitklänge, und daß meine Seele sich sozusagen verdoppelte, wobei sie sich deutlich zwischen der Vision und der Wirklichkeit teilte. Einen Augenblick hatte ich den Gedanken mich mit Anstrengung nach dem herumzudrehen, von dem die Rede war; dann zitterte ich bei der Erinnerung an eine in Deutschland wohlbekannte Überlieferung, wonach jeder Mensch einen DOPPELGÄNGER hat, und daß, wenn er ihn sieht, sein Tod nahe sei. -- Ich schloß die Augen und kam in einen verwirrten Geisteszustand, wo die eingebildeten oder wirklichen Gestalten, die mich umgaben, in tausend flüchtige Erscheinungen zerbarsten. Einen Augenblick sah ich nahe bei mir zwei meiner Freunde, die nach mir fragten. Die Soldaten wiesen auf mich; dann öffnete sich die Tür und jemand von meiner Gestalt, dessen Gesicht ich nicht sah, ging mit meinen Freunden hinaus, die ich vergeblich zurückrief: »Aber man irrt sich«! schrie ich, »sie sind gekommen, um mich zu holen und ein anderer geht mit ihnen fort!« -- Ich lärmte so, daß man mich in Arrest brachte. Dort blieb ich mehrere Stunden in einer Art Stumpfheit; endlich kamen die beiden Freunde, die ich schon ZU SEHEN GEGLAUBT HATTE und holten mich mit einem Wagen ab. Ich erzählte ihnen alles, was sich ereignet hatte, aber sie leugneten, in der Nacht gekommen zu sein. Ich aß ziemlich ruhig mit ihnen zu Abend, aber je näher die Nacht herankam, desto deutlicher schien es mir, daß ich dieselbe Stunde zu fürchten hätte, die mir am Abend vorher fast verhängnisvoll geworden wäre. Ich verlangte von einem von ihnen einen orientalischen Ring, den er am Finger trug und den ich für einen alten Talisman hielt. Ich knüpfte ihn mit einem seidenen Tuch um den Hals und bemühte mich den Stein, einen Türkisen, auf den Punkt meines Nackens zu drehen, wo ich Schmerzen fühlte. Meiner Ansicht nach war es dieser Punkt, bei dem die Seele zu entfliehen in Gefahr war und zwar in dem Augenblick, wo ein gewisser Strahl des Sterns, den ich am Vorabend gesehen hatte, in Beziehung zu mir mit dem Zenith zusammentreffen würde. Sei es Zufall, sei es die Wirkung meiner starken Voreingenommenheit, ich stürzte zur selben Stunde wie am Vorabend wie vom Blitz getroffen nieder. Man legte mich auf ein Bett und während langer Zeit verlor ich den Sinn und den Zusammenhang der Bilder, die sich vor mir abrollten. Dieser Zustand dauerte mehrere Tage. Ich wurde in eine Heilanstalt verbracht. Viele Verwandte und Freunde besuchten mich, ohne daß ich Kenntnis davon gehabt hätte. Der einzige Unterschied, der für mich zwischen Wachen und Schlafen bestand, war, daß sich während des Wachens alles vor meinen Augen umformte; jede Person, die sich mir näherte, schien verändert, die materiellen Dinge hatten etwas wie einen Halbschatten, der ihre Form umgestaltete, und die Spiele des Lichts, die Verbindungen der Farben lösten sich auf, so daß sie mich in einer beharrlichen Folge von miteinander verbundenen Eindrücken hielten. Dadurch, daß ich träumte, waren sie mehr von den äußeren Elementen befreit und verloren nicht an Wahrscheinlichkeit.

IV.