Auf Schneeschuhen durch Grönland. Zweiter Band
Part 32
+Pearys+ Angaben in Bezug auf Entfernungen und Höhen sind leider mangelhaft; so weit man aber nach seinen und +Maigaards+ Berichten schließen kann, scheint die Steigung während des größten Theils ihrer Wanderung (sie wurde ungefähr auf dem 69½° Nördl. Br. unternommen) merkwürdig genau mit der Zirkelperipherie zusammenzufallen, welche von +Nordenskjölds+ Expedition angegeben wird. Während der ersten 40 ~km~ der Wanderung ist indessen die Steigung bedeutend steiler als die Zirkelperipherie; dies kann aber seinen Grund darin haben, daß sie an einem Arm der Disko-Bucht aufstiegen, der tief in das Inlandseis einschneidet, so daß der Anfang ihrer Wanderung dessen Herzen bedeutend näher lag als der Ort, von dem +Nordenskjöld+ seine Expedition antrat.
Das Resultat dieser Zusammenstellung unserer Kenntniß von den Höhenverhältnissen des Inlandseises ist also folgendes: Das Inlandseis wölbt sich in merkwürdig regelmäßiger Weise wie eine Cylinderfläche von der einen Küste bis zur anderen. Der Radius des Cylinders ist indessen bedeutend verschieden auf den verschiedenen Breitengraden des Landes, indem er stark von Süden nach Norden zunimmt, so daß die Cylinderfläche selber flacher werden muß, je weiter nördlich man kommt.
Außer diesen Eigenthümlichkeiten in der Form der Oberfläche des Inlandseises verdient noch eine andere unsere Aufmerksamkeit, nämlich die bereits oben erwähnte schwache Wellenform. Bei Betrachtung des Querschnittes wird man zwei Arten von Wellen bemerken können, einige größere, die hauptsächlich in der Nähe der Küsten, besonders der Ostküste vorkommen, und die nach innen zu länger und flacher werden, und viele kleinere, die man den ganzen Weg entlang verfolgen kann, die aber ebenfalls weiter nach innen hinein länger und weniger bemerkbar werden. Aehnliche Wellen haben die meisten Expeditionen, die in das Inlandseis eingedrungen sind, bemerkt, sie erstrecken sich scheinbar stets in der Richtung von Norden nach Süden. Ich bin nicht der Ansicht, daß das darunterliegende Land im wesentlichen die Bildung dieser Wellen bedingt, jedenfalls nicht die der kleineren, ich glaube vielmehr, daß der Wind in genetischer Verbindung damit steht.
+Was kann nun im großen und ganzen die Form der Schnee- und Eisdecke bedingen?+ Daß sie jedenfalls bis zu einem gewissen Grade von dem unterliegenden Gebirge unabhängig ist, darüber sind wir uns gar bald klar; denn Niemand wird behaupten wollen, daß dies Gebirge eine so regelmäßig ausgedehnte Ebene bilden kann, wie sie die Oberfläche des Inlandseises aufweist. Da Grönlands zerklüftete, felsige Küsten in hohem Grade an die norwegische Westküste erinnern, so liegt die Annahme sehr nahe, daß Grönlands Inneres, falls die Eisdecke entfernt würde, dem Norwegens gliche, ja, es würde wahrscheinlich noch zerklüfteter sein, da sowohl seine Ost- wie seine Westküste dies in hohem Grade ist. Mit anderen Worten, man müßte hohe Berge und tiefe Thäler antreffen, -- und dies alles ist von der Eisdecke ausgeglichen und unter ihr verschwunden!
Um uns desto leichter einen Begriff davon machen zu können, was die Form der Eisdecke bedingt, wollen wir uns einen Augenblick vergegenwärtigen, wie dieselbe von Anfang an gebildet sein muß. Als die Temperatur sank, vielleicht gleichzeitig mit einem Steigen der Niederschläge, wurden die Schneemassen, die im Sommer nicht fortgeschmolzen werden konnten, von Jahr zu Jahr größer, besonders in den höheren Gebirgsgegenden. Der Schnee sammelte sich an und gestaltete sich zu Gletschern. Wie diese Ansammlung des Schnees vor sich gegangen sein muß, können wir an den norwegischen Hochgebirgen im Winter beobachten. Der Wind fegt allen trockenen, leichten Schnee, der fällt, von den Bergen in die Thäler hinab, die ersteren liegen fast kahl da, während sich die letzteren allmählich anfüllen. Wenn sich dann die Verhältnisse so gestaltet haben, daß diese Schneeanhäufung in den höchsten Gebirgsthälern größer gewesen ist als die Verminderung durch Abschmelzen im Sommer, so steigen folglich die Schneemengen in diesen Thälern von Jahr zu Jahr. So lange aber der Schnee in den Thälern noch niedriger liegt als die Berggipfel, setzt der Wind getreulich seine nivellirende Wirksamkeit fort.
Allmählich haben sich aber die Thäler ganz gefüllt, und die Oberfläche der Gletscher konnte jetzt über die Gipfel steigen und sie ganz verhüllen. Da die Gletscher in den höheren Regionen Wandergletscher in die niederen entsandt haben, und da die Temperatur gefallen ist, sind alle Bedingungen vorhanden, um denselben Prozeß auch hier zu wiederholen, und allmählich ist das ganze Land mit Schnee bedeckt worden, der regelmäßig von dem Winde geebnet und glatt gehalten wird, und der dann schließlich bis über die höchsten Gipfel hinaufgestiegen ist und alles mit einem einzigen Schneemeer überschwemmt hat.
Man kann natürlich nicht erwarten, daß dies Schneemeer überall gleich hoch ist. Es ist ganz natürlich, daß dort, wo die Niederschläge im Verhältniß zu den Kräften, welche dem Wachsen des Schnees ein Hinderniß in den Weg legen, am größten sind, sich auch die stärkste Schnee- und Eisschicht bildet. Ferner liegt es nahe, daß die Eisdecke nach den Küsten zu am dicksten wird, denn hier muß die feuchte Luft, die vom Meere herkommt, die meiste Feuchtigkeit absetzen. Schon die regelmäßig gewölbte Oberfläche der Schneedecke muß indessen den Verdacht aufkommen lassen, daß ein anderer Faktor von einfacherer mathematischer Natur bestimmend auf die Form einwirkt. Dieser Faktor ist der +Druck+.
Man darf nicht vergessen, daß die Eisdecke eine plastische Masse ist, die sich in Bewegung nach den Seiten zu befindet. Dort, wo der Widerstand gegen die Bewegung am größten ist, muß man erwarten, daß sich die Massen am höchsten anhäufen. Der Widerstand, auf den die Bewegung stößt, muß aber naturgemäß irgendwo in dem mittleren Theil des Landes am größten sein. Die Lage dieses Punktes muß zum Theil von den größeren Unebenheiten der Unterlage bedingt sein, indem diese den Widerstand vermehren oder verringern können. Von diesem Punkt ausgehend, nimmt der Widerstand nach beiden Seiten zu ab, und wir müssen folglich erwarten, eine regelmäßig gewölbte Eisdecke vorzufinden, sowie dies auch faktisch der Fall war.
Das weiter unten näher besprochene Schmelzen an der Unterseite der Gletscher muß auch dazu beitragen, daß sich die Schneefläche nach innen zu hebt, indem die Eisdecke dort am dicksten wird, wo die Temperatur am niedrigsten ist (siehe hierüber weiter unten).
Aus dem hier Angeführten muß erstens hervorgehen, daß die geringeren Unebenheiten der Unterlage keinen Einfluß auf die Formen der Oberfläche der Gletscher haben können, und zweitens, daß die größeren Unebenheiten der Unterlage ebenfalls nicht bestimmend einwirken können, da hier andere Faktoren von außen hinzutreten. So ist es z. B. durchaus nicht nachgewiesen, daß der Höhenrücken des Gletschers oder die Gletscherscheide, wenn wir uns so ausdrücken können, gerade über dem Höhenrücken oder der Wasserscheide der Unterlage liegt. Dies hängt ganz davon ab, ob es sich mit den Niederschlags-, Druck- und Schmelzverhältnissen vereinigen läßt. Daß die Unterlage in dieser Beziehung allerdings nicht ganz ohne Einfluß ist, haben wir bereits erwähnt. Der Beweis, daß der Höhenrücken der skandinavischen Gletscher nicht über der Wasserscheide des Landes liegt, ist jedenfalls zur Genüge geliefert. Er muß, wenigstens in der spätesten Eisperiode 160 km weiter nach Südosten zu gelegen haben.
Wie dick ist das grönländische Inlandseis?
Dies ist eine Frage, deren Beantwortung von höchstem Interesse sein würde, leider ist dies jedoch nicht leicht zu bewerkstelligen, denn eine solche Messung würde mit ungeheuren Schwierigkeiten verknüpft sein.
Ich habe bereits früher erwähnt, daß Grönland in Bezug auf seine Gebirgs- und Höhenverhältnisse wahrscheinlich große Aehnlichkeit mit Norwegen hat. Gehen wir von diesem Gesichtspunkt aus, und denken wir uns Norwegen mit einer ähnlichen Eisschicht bedeckt wie Grönland, so werden wir sehen, daß selbst unser höchster Berg, der Galhöpiggen (2560 ~m~), unter Schnee kommen würde, wenn er dem Höhenrücken so nahe läge. Ueber Stellen wie Fillefjield und Hardangervidden würde der Gletscher 1300-1600 ~m~ dick sein, über dem Boden von Valders, Haldingdal, Guldbrandsdalen u. s. w. würde er wenigstens 1900-2200 ~m~ dick sein. An einigen Stellen wie über Njösen, Randsfjorden u. a. würde die Schicht noch dünner werden, während sie an anderen Stellen wie über den Gebirgsrücken zwischen den Thälern dünner werden würde, doch nur um 1000 bis 2000 Fuß.
In Grönland muß ja ein ähnliches Verhältniß herrschen, und wenn wir uns auch vorstellen können, daß das feste Land dort zum Theil ein wenig höher als in Norwegen sein kann, so wird doch der Boden der Thäler dort in der Regel kaum mehr als 700-1000 ~m~ über dem Meeresspiegel liegen, und über diesen Thälern haben folglich die Gletscher eine Dicke von ungefähr 1700-2000 ~m~, während sie ja an anderen Stellen dünner sein können. Der Druck, den ein Gletscher von 2000 ~m~ Dicke ausübt, ist jedenfalls nicht geringer als 160 Atmosphären, und wenn sich eine solche Masse über ihre Unterlage hinbewegt, wird man leicht verstehen können, daß sie eine mächtige Kraft besitzen muß, mit der sie scheuert und losreißt und alle hervorragenden Unebenheiten mit sich fortführt. Auf diese Weise müssen die sich stets der Küste zu bewegenden Gletscher sehr wohl im stande sein, im Laufe der Zeit die Thäler zu vertiefen und zu vergrößern, durch die sie sich bewegen, und je tiefer die Thäler werden, desto dicker werden auch die Gletscher und desto größer wird ihr Druck und ihre aushöhlende Fähigkeit. Auf die Weise wird es leicht verständlich sein, weshalb die Gletscher die ganze Unterlage nicht gleichmäßig ausgraben können, ihre Wirksamkeit muß sich mehr und mehr auf die Stellen konzentriren, wo sich Unebenheiten und Thäler befanden, ehe sich die Gletscher bildeten. Die grabende Fähigkeit ist natürlich nicht allein von der Dicke des Gletschers abhängig, sondern auch von der Schnelligkeit der Bewegung. Diese muß naturgemäß an dem äußern Rand des Gletschers größer sein als im Innern, da der Widerstand dort am geringsten und die Niederschläge am größten sind. Auf der andern Seite aber ist die Kraft am Rande geringer als weiter nach innen zu. Infolgedessen befindet sich die größte grabende Fähigkeit dort, wo das Produkt dieser beiden Faktoren am größten ist, nämlich eine Strecke von dem Rand des Gletschers entfernt. Das Eis hat sicher zu dieser seiner Arbeit auf dem unterliegenden Grunde eine bedeutende Hülfe in dem Wasser und den Bächen, welche durch Schmelzen der Eisdecke nach unten zu entstehen und auf die wir später zurückkommen werden.
Als vorzügliches Beispiel für die Gewalt, mit welcher die Wandergletscher ihre Ausgrabungen vorzunehmen vermögen, kann das Vaigat in Nordgrönland angeführt werden, jener wohl 20 Meilen lange und 2 Meilen breite Sund, der von der Disko-Bucht in nordwestlicher Richtung zwischen die Disko-Insel und die Halbinsel Nugsuak nach dem Meere zu einschneidet. Wie Prof. +Amund Helland+ bereits angeführt hat, kann kein Geologe, der sich der Mühe unterzieht, die Verhältnisse zu untersuchen, in Zweifel darüber sein, daß die merkwürdigen Schichten aus der Kreidezeit und der Tertiärzeit (siehe den Anfang dieser Beilage) sowie die darüberliegenden jüngeren basaltischen Gebilde, die ungefähr in gleicher Höhe zu beiden Seiten dieses mächtigen Sundes auftreten, einmal ein zusammenhängendes Ganze gebildet haben. Der Sund kann unmöglich älter sein als die Bergarten, welche seine beiden Seiten bilden. Da einzelne der Tertiärbildungen sehr späten Ursprunges sind (sie gehören jedenfalls dem spätesten Theil der miocenen Zeit an), und da diese Schichten außerdem mit mächtigen Basaltschichten bedeckt sind, so muß die Bildung des Vaigats ganz neueren Datums sein, und wir kennen keine anderen Kräfte, die es gebildet haben können als eben die Wandergletscher. Es ist allerdings eine gewaltige Arbeit, die sie hier vollführt haben. Da die Basaltschichten zu beiden Seiten des Sundes in einer Höhe von tausend bis tausendfünfhundert Metern und mehr emporragen, und da der Sund selber tief ist, so muß die Steinmasse mindestens eine Dicke von zweitausend Metern, eine Breite von zwei Meilen und eine Länge von mehr als zwanzig Meilen gehabt haben, welche den Sund ausfüllte und die durch die Thätigkeit des Eises fortgeführt wurde.
Einen Einfluß anderer Art muß eine so mächtige Eisdecke dadurch auf die Unterlage haben, daß sie dieselbe niederdrückt. Hierdurch hat man auch die +nach+ der Eiszeit eingetretene Senkung des Landes, die man an verschiedenen Stellen zu bemerken glaubte, zu erklären gesucht. Da die Gebirgsunterlage jedenfalls bis zu einem gewissen Grade elastisch ist, so ist es nicht unwahrscheinlich, daß eine Steigung des Landes, die nach der Eiszeit in Europa und in Amerika, sowie auch nach der früheren größeren Verbreitung des Eises in Grönland vor sich gegangen ist, sich dadurch erklären läßt, daß sich das Land gehoben hat, nachdem sich das Eis zurück zog und der Druck geringer wurde. Daß sich dies wirklich so verhalten muß, scheinen Kand. +Andr. M. Hansens+ Untersuchungen der Strandlinien in Norwegen[102] zu bestätigen; diese beweisen nämlich ganz deutlich, daß das Land sich nach innen zu -- wo also die Eisdecke am dicksten und der Druck am größten war -- mehr gehoben hat als nach dem Meeresrande zu; es scheint sogar ein fast konstantes Verhältniß zwischen dem Steigen und dem Abstande von der äußeren Küstenlinie zu bestehen.
Dies kann, wie +Hansen+ meint, möglicherweise auch die Bildung der Terrassen erklären. Da man nämlich kaum annehmen kann, daß die Abnahme des Eises ganz gleichmäßig vor sich gegangen ist, so kann sich auch das Land nicht gleichmäßig gehoben haben. Es hat Perioden in den klimatischen Veränderungen gegeben und wahrscheinlich auch Zeiten, in denen sich die Gletschermassen sehr wenig verringerten oder gar wieder wuchsen. Infolgedessen hat sich das Land in einem einigermaßen konstanten Niveau erhalten. Während solcher Zeiten sind die Terrassen entstanden und je nach der Dauer der Perioden größer oder kleiner geworden. Dann sind Perioden mit einer Abnahme der Gletschermassen und einer entsprechend stärkeren Steigung des Landes gekommen, während dieser Perioden ist die Bildung der Terrassen wenigstens theilweise unterbrochen worden.
Um einen richtigen Eindruck von dem Einfluß des Inlandseises in dieser Beziehung wie von seinen grabenden Fähigkeiten zu bekommen, muß man bedenken, daß das grönländische Inlandseis im Verhältniß zu dem, welches Europa und Amerika bedeckte, nur klein ist, es ist auch jetzt längst nicht mehr so groß wie damals, als es Grönlands äußerstes Küstenland vollständig bedeckte.
Was ferner mit dazu beigetragen haben muß, daß das Land gestiegen ist, nachdem es mit Eis bedeckt war, ist die Verringerung des Druckes, die dadurch entstanden ist, daß die Decke an der Unterlage gezehrt und Material mit sich fortgeführt hat. Daß die dadurch entstandene Verringerung des Druckes nicht ganz unbedeutend ist, kann man an den Unmengen von Kies und Steinen erkennen, die von Skandinavien nach Rußland, Dänemark und den norddeutschen Ebenen übergeführt sind. Man darf jedoch nicht außer acht lassen, daß eine solche Steigung ja theilweise auch nur scheinbar sein kann, indem nicht das Land gestiegen, sondern das Meer gefallen ist. Man hat nämlich nachgewiesen, daß das Land eine Anziehungskraft auf die See ausübt, so daß der Meeresspiegel in der Nähe von steilen, hohen Gebirgsländern höher liegt als anderswo; etwas Aehnliches würde auch der Fall sein, wenn das Land aus Eis bestände. Es ist klar, daß je größer die Masse des Landes (oder auch des Eises) ist, desto stärker wird die Anziehungskraft, desto höher die Lage des Meeresspiegels. Wenn nun, sowie dies nach der Eiszeit der Fall war, die Masse des Landes durch das fortgegrabene Material und das Verschwinden des Eises verringert worden ist, so ist auch die Anziehungskraft kleiner geworden und der Meeresspiegel tiefer gesunken; daß dies jedoch nicht hinreicht, um die beobachteten Veränderungen zu erklären, geht deutlich aus +Hansens+ früher erwähnten Strandlinie-Untersuchungen hervor; denn nach diesen müßte nämlich das Sinken der See regelmäßig zwischen den Fjorden und in einem dem Abstande von der Außenküste entsprechenden Verhältniß zugenommen haben. Allerdings muß die Anziehungskraft in den Fjorden etwas stärker sein, aber der Unterschied genügt keineswegs, um die vorliegenden Beobachtungen zu erklären, wie auch die ganze Verringerung der Anziehungskraft durchaus nicht im stande sein kann, ein Sinken zu verursachen, das groß genug ist, um ein scheinbares Steigen bis zu 700 Fuß zu erklären.
Von den Einwendungen, die dagegen erhoben sind, daß das Verschwinden des Eises die Ursache zu dem Steigen des Landes sein kann, will ich diejenige erwähnen, daß man in Schweden postglaciale Hebungen des Landes nachgewiesen hat. Diese scheinen sich meiner Ansicht nach sehr gut dadurch erklären zu lassen, daß sich, lange nachdem das Eis sich aus dem südlichen Schweden zurückgezogen hatte, noch größere Ueberreste desselben in Norwegen und Nord-Schweden fanden, und das Verschwinden dieser Ueberreste hat die schwedischen postglacialen Hebungen hervorgebracht.
Schwieriger zu erklären sind die in Asien nachweisbaren Landhebungen, denn hier hat ja keine Eisperiode stattgefunden. Man kann sich indessen denken, daß das Regenwasser und die Bäche an dem Lande gezehrt und seine Masse so verringert haben, daß ein merkbares Steigen dadurch hervorgerufen wurde; dies muß hauptsächlich in nördlichen Ländern der Fall sein, wo die Wirksamkeit des Wassers infolge der Kälte am größten ist. Daß das Zehren des Meeres an den Küsten von Island und den Faröern, wie bereits früher (Bd. I., S. 135) erwähnt ist, das Steigen derselben und dadurch die schräge Lage der Basaltschichten auf diesen Inseln verursacht haben kann, scheint ebenfalls darauf hinzudeuten, welchen Einfluß die Erosion in dieser Beziehung haben kann.
Daß Grönlands Steigung in der Regel bedeutend geringer ist als Skandinaviens, stimmt auch durchaus mit der hier besprochenen Erklärung überein, denn Grönlands Inlandseis ist gewiß selbst in seiner größten Ausbreitung nicht so mächtig gewesen wie das skandinavische und nordeuropäische, außerdem hat sich das grönländische Inlandseis bisher nur theilweise zurückgezogen, und es ist noch eine große Aussicht auf eine Steigung des Landes bis zum völligen Schmelzen des Eises vorhanden. Mag sich nun das Land auch augenblicklich im Sinken befinden, wie einzelne Gelehrte anzunehmen geneigt sind, oder im Stillstand, so ist das hier von nur geringem Interesse; denn in diesem Falle hätten wir nur einen Beweis dafür, daß sich das Inlandseis augenblicklich in einer Periode befindet, in der es wächst oder seine gleiche Höhe behält. Daß es jedenfalls jetzt nicht sonderlich in der Abnahme begriffen ist, darüber werde ich mich später noch auslassen.
Die Oberfläche des Inlandseises.
Wir stießen während unserer Expedition auf auffallend wenig +Spalten+. An der Ostseite begegneten wir ihnen nur bis zu 15 ~km~ von der Küste entfernt. In der Nähe der Westküste trafen wir die erste Spalte ungefähr 40-45 ~km~ vom Rande des Inlandseises entfernt. Im ganzen Innern trafen wir keine Spur davon. Bäche sahen wir so gut wie gar nicht auf dem Inlandseise, was nach Ansicht Mancher seinen Grund in der späten Jahreszeit haben kann. Auf der einen Seite ist die Mitte des August, zu welcher Zeit wir uns an der Ostküste befanden, keine späte Jahreszeit in Bezug auf das Schmelzen des Schnees, und auf der anderen Seite hätten wir ja, wenn auch die Bäche selber verschwunden wären, doch ihre Rinnen antreffen müssen. Davon sahen wir im Innern jedoch nicht das Geringste, in einer Höhe von 20-30 ~km~ vom westlichen Rande des Inlandseises wurden solche Bäche bemerkt. Ebenso können möglicherweise bis zu einer Entfernung von 15 ~km~ von der Ostküste kleinere Bäche über das Eis hinlaufen. Außer auf diesen kleinen Strecken in der Nähe der Küsten +giebt es zu keiner Zeit des Jahres Bäche auf dem bisher bekannten Theil des Inlandseises+.
Von der Beschaffenheit der Oberfläche des Inlandseises im Innern wird man hoffentlich ein einigermaßen klares Bild durch die in Kapitel XVIII. enthaltene Schilderung bekommen. Wie man daraus ersieht (Bd. II., S. 117) besteht die Oberfläche bereits in nicht weiter Entfernung von der Ostküste aus trocknem Schnee, auf dem die Sonne nur dünne Eiskrusten zu bilden vermag. Aus solchem trocknen Schnee besteht die ganze Oberfläche der inneren Eiswüste. Wie tief wir eindringen müssen, um diesen Schnee in Eis verwandelt zu sehen, wissen wir nicht. Dies muß irgendwo durch Druck vor sich gehen. Das Merkwürdigste bei diesem trocknen Schnee ist der Umstand, daß die Masse des Schnees und Eises mitten im Lande sich nicht durch Schmelzen verringert; doch davon später mehr.
In Bezug auf die Oberfläche des Inlandseises will ich nur noch erwähnen, daß wir nur wenig oder nichts von fremden Gegenständen bemerkten.
Von +Nordenskjölds Eisstaub+ oder +Kryokonit+ sahen wir fast nichts an der Ostküste oder in der Nähe derselben. In der Nähe der Westküste dagegen fand ich ihn an mehreren Stellen bis zu 30 ~km~ vom Rande des Eises, es waren freilich stets nur geringe Mengen, was zum Theil der späten Jahreszeit zuzuschreiben ist, da die Wasserlöcher, in denen man den Kryokonit hauptsächlich zu finden pflegt, zugefroren waren. Von Moränenschlamm oder Steinen (erratischen Blöcken) bemerkten wir nirgendswo das Geringste auf dem Eise,[103] ausgenommen an der letzten kleinen Abschrägung an der Westküste, wo wir aufs Land hinabstiegen oder vielmehr an dem ersten kleinen Gewässer, also nur etwa hundert Ellen von dem alleräußersten Rand entfernt. Dies stimmt vollkommen mit den früher auf dem grönländischen Inlandseis gemachten Beobachtungen überein, widerspricht aber den Behauptungen, welche viele Geologen in Bezug auf die Gletscher der größeren Eisperioden aufstellen. Sie sind nämlich der Ansicht, daß diese großen Moränen auch Kies und Steinen auf ihrem Rücken mit sich fortgeführt haben, eine meiner Anschauung nach ganz absurde Behauptung, die kaum einer anderen Widerlegung bedarf als des Hinweises auf das grönländische Inlandseis. Die Auffassung, daß dies in Bezug hierauf nichts beweisen kann, da Grönland zu lange dem Scheuern des Eises ausgesetzt war, um noch erratisches Material von irgend welcher Bedeutung zu besitzen, ist ganz werthlos; denn selbst wenn man auch nicht wüßte, daß stets Wanderblöcke in die grönländischen Eisfjorde hinausgeschoben werden (was faktisch der Fall ist), so hat doch Niemand leugnen wollen, daß unablässig große Mengen Moränenschlamm mit den Bächen unter den Gletschern hervorkommen, und dies müßte doch jedenfalls an die Oberfläche der Gletscher hinaufgeführt werden, falls sich in ihrer Masse eine starke aufwärtssteigende Bewegung geltend machte wie man dies behauptet hat. -- --
Meteorologische Beobachtungen.
In meteorologischer Beziehung hat die Expedition überraschende Resultate erzielt. +Temperatur.+ Wie bereits erwähnt, fiel nach Prof. +Mohns+ Berechnungen die Temperatur in einzelnen Nächten (12.-14. Sept.) vermuthlich bis auf -45° C., und die Durchschnittstemperatur der Tage vom 11.-16. Sept., als wir uns ungefähr mitten im Lande oder ein wenig westlich von dem Höhenrücken befanden, betrug -30° bis -34° C. Dies sind mindestens +20° weniger als man+ infolge der allgemein angenommenen Gesetze für des Fallen der Temperatur mit steigender Höhe annehmen sollte, indem man von der Durchschnittstemperatur an den nahegelegenen Küsten ausgeht.