Auf Schneeschuhen durch Grönland. Zweiter Band
Part 25
[65] Diese und viele ähnliche Berichte sind von den Grönländern selbst in ihrer eigenen Sprache geschrieben und in dem grönländischen früher erwähnten „~Atuagagdliutit~“ in Godthaab veröffentlicht. Die hier mitgetheilten Züge sind später von ~Dr.~ +Rink+ in seinem Buch: „Ueber die Grönländer, ihre Zukunft u. s. w., Kopenhagen 1882“ veröffentlicht.
[66] In einer ganzen Anzahl von Häusern, namentlich in der Nähe der Kolonien, findet man jetzt jedoch häufig Oefen, die von der grönländischen Handelscompagnie gekauft sind und die mit Torf und Mövenhaufen (Guano) geheizt werden. Gleichzeitig brennen freilich auch stets Thranlampen.
[67] Der Inhalt dieser Rennthiermägen ist, wie bereits früher in diesem Buche erwähnt wurde, eine große Delikatesse für die Grönländer.
[68] Es kann uns nicht wundern, daß die Eskimos, besonders im Anfang, eine sehr schlechte Meinung von den Europäern erhielten, denn viele von den Leuten, die ausgesandt wurden, waren zum Theil Verbrecher, die durch ihr Benehmen den guten Grönländern ein Aergerniß gaben. Dies war u. a. der Fall mit den Männern und Frauen, die im Jahre 1728 mit Major +Paars+ ausgesandt wurden. Die Heiden fragten oft, woher es käme, daß die Europäerinnen so frech wären und jeglichen weiblichen Anstandes ermangelten. Ob das Benehmen der Europäer nach jener Zeit stets danach angethan gewesen ist, ihnen eine bessere Ansicht beizubringen, ist wohl sehr zweifelhaft.
[69] +Dalagers+ „Grönlands Relationer“ 1752, Kopenhagen, S. 15-16.
[70] Für die nördlicher wohnenden Grönländer kommen noch Hunde und Hundeschlitten dazu.
[71] Wenn Mehrere zusammen auf Jagd gegangen sind, so giebt es auch da bestimmte Regeln. Schießen zwei oder mehrere Personen auf ein Rennthier, so gehört es Demjenigen, der es zuerst getroffen, selbst wenn er es nur ganz leicht verwundet hat. Ueber die bei der Seehundsjagd geltenden Regeln sagt +Dalager+: „Trifft ein Grönländer mit seinen leichten Pfeilen einen Seehund oder ein anderes Seethier, so daß es nicht stirbt, sondern mit dem Pfeil davonläuft, so gehört es, falls auch ein Anderer kommt und es mit seinem Pfeil trifft, doch dem Ersten, hat er aber die gewöhnliche Harpune benutzt und ist die Leine zerrissen, und kommt dann ein Anderer, der trifft, so hat der Erste sein Recht verloren, -- schießen sie dagegen gleichzeitig und treffen Beide, so wird das Thier der Länge nach mit Haut und Haar getheilt. Treffen Beide gleichzeitig einen Vogel, so theilen sie ihn der Quere nach. Wird ein todter Seehund mit einer Harpune im Leibe gefunden, so erhält der Besitzer, falls er bekannt und in der Nähe ansässig ist, seine Harpune wieder, der Finder aber behält den Seehund.“ Ganz ähnliche Regeln scheinen auch an der Ostküste zu herrschen.
[72] +Holm+ erzählt nämlich von der einen, daß sie die Tochter eines Zwerges bei +Imarsivik+ gewesen, und dieser wird gewiß mit dem kleinen buckeligen Manne identisch sein, den wir dort trafen. Daß wir auch seine Tochter gesehen haben, falls sie zu Hause war, ist sehr wahrscheinlich.
[73] Es kam auch wohl vor, daß man Andre bat, dies für sich zu besorgen, doch mußte es stets in Form eines Ueberfalles oder Raubes geschehen.
[74] +Graahs+ Entdeckungsreise an die Ostküste von Grönland, Kopenhagen 1832, S. 145-148.
[75] Siehe +Holm+, Mittheilungen über Grönland, Bd. 10, S. 96.
[76] Siehe +Holm+, Mittheilungen über Grönland, Bd. 10, S. 103.
[77] Siehe ebendaselbst S. 94.
[78] +Dalager+ erwähnt, daß zu seinen Lebzeiten an der Westküste kaum der zwanzigste Theil der Grönländer zwei Frauen hatte, sehr selten hatten sie drei und ganz ausnahmsweise vier, doch hat er einen Mann gekannt, der deren elf hatte. Grönl. Rel. S. 9.
[79] +Dalager+, Grönl. Relat. S. 9.
[80] Die Bewohner des Grädefjords gehören der Herrnhuter Gemeinde an.
[81] Dies ist eine Art von Thing oder Versammlung, die im wesentlichen aus Abgesandten der verschiedenen Wohnorte des Distrikts besteht. Die Europäer der Kolonien nehmen auch theil daran, und Einer von ihnen pflegt den Vorsitz zu führen. Die grönländischen Abgesandten heißen +Partisok+.
[82] +Holm+, Mittheilungen über Grönland, Bd. 10, S. 96.
[83] +Holm+, Mittheilungen über Grönland, Bd. 10, S. 102.
[84] Wie bereits erwähnt wurde, wird ein grünes Haarband von solchen Frauen getragen, die in unverehelichtem Stande Kinder geboren haben.
[85] Ein weiterer Grund hierzu ist auch die natürliche Wahl der Geschlechter, indem die Abkommen solcher Mischlinge gewöhnlich schöner sind als die reinen Eskimos und deswegen bei Eheschließungen häufig vorgezogen werden.
[86] Siehe +Holm+, Mittheilungen über Grönland, Bd. 10, S. 100.
[87] +Graah+, Entdeckungsreise, S. 141.
[88] Siehe +Holm+, Mittheilungen über Grönland, Bd. 10, S. 91.
[89] +H. Rink+, Eskimoische Sagen und Märchen. Ueber ostgrönländische Sagen, siehe ebenfalls +Holm+, Mitth. über Grönland, Bd. 10.
[90] Frau +Rink+ ist +H. Rinks+ Gattin. Sie ist in Grönland geboren und hat fast ihr ganzes Leben dort verbracht. Wir besitzen von ihrer Hand mehrere in Novellenform abgefaßte Schilderungen über das Leben der Grönländer.
[91] Hat ein Mann ein Frauenboot, so wird das als Zeichen des Reichthums angesehen, denn er muß viele Seehunde fangen, um genügend Felle dafür zu erhalten, und indem es ihn in den Stand setzt, im Sommer verschiedene Fangstellen zu besuchen, trägt es in nicht geringem Grad dazu bei, den Wohlstand und das Wohlsein seiner Familie und Genossen zu vermehren.
Kapitel XXVII.
Ein Jagdausflug nach dem Ameralik-Fjord.
Wir hatten uns lange mit dem Gedanken getragen, einmal am Ameralikfjord auf Rennthierjagd zu gehen, doch hatte uns bis dahin stets die geeignete Schneeschuhbahn gefehlt. Endlich, am Freitag, den 23. November, saßen wir im Boot, das nach vielem Hin- und Herreden mit den mancherlei für einen solchen Ausflug in dieser nicht sehr milden Jahreszeit erforderlichen oder doch wünschenswerthen Gegenständen beladen war.
Am Strande standen mehrere der in der Kolonie ansässigen Europäer und die meisten der grönländischen Schönheiten versammelt, um uns ihr Lebewohl zuzuwehen, ja es sollen sogar nasse Augen vorhanden gewesen und Thränen geflossen sein, weil die norwegischen Freunde sie auf so lange Zeit verlassen wollten.
Das Boot stieß vom Ufer ab, die Segel wurden gehißt und wir nahmen unter einer frischen, nördlichen Brise unsern Kurs südwärts, ein anderes Boot und einen Kajak im Schlepptau mit uns führend, sechs herzensfrohe Menschen im Boot. Unter diesen Sechsen befanden sich fünf Mitglieder der Expedition. +Ravna+ wollte nicht mit, er sagte nur: „Ich alter Lappe, mir allzu kalt!“ An seiner Statt hatten wir +Joel+ mitgenommen, der ein köstlicher Typus eines Eskimo ist. Von Natur ist +Joel+ klein, er hat einen kräftigen starken Oberkörper, sein Gesicht ist breit und rundlich mit einem gutmüthigen, schalkhaften Ausdruck, einem breiten, lächelnden Mund, zwei kleinen, schwarzen, stets feuchten Augen, ein wenig Bartwuchs auf Kinn und Oberlippe, struppiges rabenschwarzes Haar, das ihm in Büscheln an den Seiten des Kopfes und in den Nacken hineinhängt. Er ist ein tüchtiger Kajakruderer, aber kein Fänger -- man beschuldigt ihn der Trägheit -- und infolgedessen ist er arm. Zum Fischen, ein Handwerk, auf das die Großfänger mit Verachtung herabsehen, zur Rennthierjagd und jeglichem anderen zufälligen Sport ist er gut zu gebrauchen. Er ist grundfaul, böse Zungen sagen ihm auch nach, daß er keine ganz klaren Begriffe über das „Mein“ und „Dein“ hat. Er ist mit einer Dame seines eigenen Kalibers, Namens +Anne Kornelia+ verehelicht.
Wir erreichten an jenem Nachmittage die Mündung des Ameralikfjords, wo wir durch widrige Winde am Vordringen gehindert wurden. Nachdem wir uns eine ganze Weile im Dunkeln abgemüht haben -- das Tageslicht ist dort oben um diese Zeit von sehr kurzer Dauer, -- und nachdem wir mehrere Stunden damit zugebracht hatten, für einen Zeltplatz den Schnee hinweg zu schaffen und Zeltsteine das steile Ufer hinauf zu schleppen, ist endlich alles in Ordnung, der Ofen ist aufgestellt, ein lustiges Feuer knattert darin und der Theekessel summt ganz lustig, in unser kleines, gemüthliches Zelt sein lebhaftes Aroma aus dem fernen Osten entsendend, das uns, während draußen Sturm und Schnee tosen, an die Heimath und die Freuden des Familienlebens erinnert.
Die Abendmahlzeit wird verzehrt, wir zünden unsere Cigarren an, und eine behagliche Gemüthlichkeit verbreitet sich in dieser norwegisch-lappisch-grönländischen Versammlung, wir überlassen uns einem angenehmen ~Dolce far niente~, zufrieden in dem Bewußtsein, daß wir jetzt keine solche Eile mehr haben wie damals, als wir früher auf dem Inlandseis in unserm Zelt kampirten.
Am nächsten Tage war +Joel+ der Ansicht, daß es nicht gerathen sei, weiter zu reisen, da ein ziemlich heftiger Sturm in widriger Richtung wehte. Wir gingen deswegen auf Schneehühnerjagd. Am andern Tage war es besser, freilich war der Wind noch immer widrig, aber es war doch möglich, vorzudringen; so ruderten wir denn weiter, von +Joel+ in seinem Kajak geleitet.
Als wir uns am Nachmittage in der Dämmerung +Kasigiangiut+, der Stelle an der Südseite des Fjords, wo wir landen sollten, näherten, führte uns +Joel+ auf die unerklärlichste Weise herum, ehe wir unsern bleibenden Zeltplatz erreichten. Erst kamen wir bis an das Ende einer tiefen Bucht, wo +Joel+ in einen Fluß hinaufruderte, um Wasser zu trinken und sich gütlich zu thun, während er uns ruhig warten ließ, dann ging er aus der Bucht heraus, am andern Ufer entlang, darauf lag er eine Viertelstunde vor einer Landzunge still, mit einer räthselhaften Arbeit beschäftigt, die, soweit ich es begriff, hauptsächlich darin bestand, daß er eigentlich nichts that. Dann ging es weiter bis an das Ende einer andern Bucht und abermals an dem andern Ufer entlang. Was in aller Welt das zu bedeuten hatte, war uns ganz unmöglich zu verstehen. Die Antwort hierauf lag möglicherweise in dem Vortrag, mit dem uns +Joel+ unausgesetzt unterhielt, da wir aber nicht so glücklich waren, ihn zu verstehen, ist es mir bis auf den heutigen Tag ein Räthsel geblieben. Hungrig, müde und ärgerlich wie wir waren, gaben wir uns keine weitere Mühe, +Joels+ Streiche zu ergründen, sondern beschlossen, uns nicht länger von ihm zum Narren halten zu lassen. Sobald wir eine Strecke aus dieser Bucht herausgekommen waren, landeten wir. Da aber vernahmen wir +Joels+ Stimme draußen im Dunkeln, -- wir sollten dorthin kommen. Wir hatten jedoch durchaus nicht die Absicht, uns vom Fleck zu rühren, ehe wir sicher waren, deshalb fragten wir zum letztenmal, und vernahmen denn auch endlich das langersehnte „Ajungilak“. (Hier ist es gut).
Es war übrigens ein vorzüglicher Zeltplatz, Wasser gerade vor der Thür, ein guter Hafen für die Kajaks, gutes Wildterrain ringsumher, -- wenn +Joel+ uns nur sofort hierher geführt hätte, so wäre alles gut gewesen.
Das Zelt wurde aufgeschlagen und der Ofen aufgestellt. +Joel+ machte Feuer an, holte Wasser und brachte den Theekessel „in Schwung“. Er war jetzt der personifizierte Diensteifer, was er wohl kaum gewesen wäre, wenn er die vielen Flüche verstanden hätte, die an jenem Nachmittage über sein sündiges Haupt ergossen waren.
Hier verbrachten wir neun gemüthliche Tage, theils auf der Rennthier- und Schneehühnerjagd, theils im Kajak. Dann zogen wir ein wenig weiter bis Iterdtlak.
Es würde zu weitläufig und zu einförmig sein, eine Beschreibung von dieser ganzen Zeit zu geben. Um aber doch einen Begriff von dem Jägerleben dort oben in Grönland zu bekommen, kann man uns ja, falls man nicht bereits genug bekommen hat, noch ein paar Tage auf der Jagd begleiten.
Den 27. November. Die Sonne war schon aufgegangen, die Berggipfel auf der andern Seite des Fjords errötheten gerade in ihren ersten Strahlen, als +Joel+ und ich in unseren Kajaks an das Ende der westlich von unserm Zeltplatz gelegenen Bucht kamen, wo uns +Joel+ an dem Abend unserer Ankunft auf so unbegreifliche Weise umhergezerrt hatte.
Hier wurden die Kajaks auf das Ufer gezogen, die Schneeschuhe angeschnallt, und dahin ging es, das Thal entlang. Heute haben wir es auf das Rennthier abgesehen.
Wir waren noch nicht sehr weit gelaufen, als wir schon die Spuren zweier Thiere im Schnee fanden, die den vorhergehenden Tag das Thal passirt haben mußten. Wir folgten der Spur, die Augen schweiften unablässig von dem einen Gebirgsabhang bis zum andern, aber kein Thier war zu erblicken.
Wir gelangten an einen See, hier gingen die Spuren zurück, aber wir setzten trotzdem unsern Weg thaleinwärts fort, kamen über den See, tranken aus dem Bach unter Gefahr, kopfüber hineinzustürzen, während wir auf der morschen Eisdecke lagen, setzten unsern Weg dann aufwärts fort und waren gerade im Begriff, einen kleinen Hügel zu erklimmen, als ich plötzlich +Joel+, wie vom Blitz getroffen, den Kopf herabbeugen und auf die Ostseite des Thals zeigen sah, wobei er mit leiser Stimme „Tugtut“ (Rennthier) rief.
Mit Blitzesgeschwindigkeit senkte sich jetzt auch mein Kopf dem Erdboden zu, -- dort, in nicht weiter Entfernung von uns, standen sechs Thiere! Schnell zogen wir uns zurück, so daß wir Deckung durch einen Hügel erhielten. Ich zog mein weißes leinenes Ueberziehhemd und die dazu gehörigen Beinkleider heraus, die eigens zu dem Zweck angefertigt waren. +Joels+ Antlitz, als er mich in dieser Kleidung erblickte, drückte das unverhohlenste Staunen aus, und er rief ein einziges „Jupinnekaok“ (du gerechter Schöpfer) aus.
Der Zweck dieser Schneekleidung war ihm jedoch sofort klar, weshalb er mich aufforderte, voranzugehen, und sich selber hinter meinem Rücken verkroch. Als wir nähergekommen waren, mußten unsere Waffen nachgesehen, von Schnee und Eis befreit werden etc. Um zu einem neuen Schuß mit seiner Mundladebüchse bereit zu sein, nahm +Joel+ eine Kugel in den Mund. Da ich fand, daß dies ein sehr praktischer Aufbewahrungsort war, und ohne an die Kälte zu denken, wollte ich dasselbe mit einer Büchsenpatrone thun, kaum aber berührte das Metall die Zunge, als es auch schon festhing. Ich riß die Patrone heraus, es blieb aber ein Stück von der Zunge daran hängen.
Vermuthlich habe ich ein furchtbares Gesicht geschnitten, denn +Joel+ bekam einen krampfhaften Lachanfall. Die Patrone wurde nun mit einigen anderen in dem einen Fausthandschuh angebracht, und wir krochen vorsichtig weiter. Es war gerade keine leichte Arbeit, still und unbemerkt zu gehen, wenn man bei jedem zweiten Schritt bis an den Magen in den Schnee versinkt -- die Schneeschuhe hatten wir natürlich wieder abnehmen müssen, da wir auf ihnen nicht kriechen konnten -- und noch dazu zwischen den großen Kieselsteinen in einem grönländischen Flußbett! Mein weißer Ueberrock bildete indessen einen vorzüglichen Schutz, was den Anblick betraf, der Schnee dämpfte den Laut, und der kleine +Joel+ verbarg sich, so gut er vermochte, hinter meinem breiten Rücken oder vielmehr hinter dem Körpertheil der, wenn man auf allen Vieren kriecht, davorliegt.
Endlich kamen wir an den Rand eines Hügels und hatten nun die ganze Rennthierherde auf einer Ebene vor uns, sie befand sich aber außer Schußweite. Da war nichts, was uns hätte Deckung gewähren können, deswegen mußten wir abermals zurückgehen und versuchen, weiter ostwärts vorzudringen.
Hier kamen wir in dem Schutz einiger hoher Hügel gut vorwärts, spürten gleichsam einen schwachen Luftzug hinter uns im Nacken, und +Joel+ mußte mit einer Wollflocke ausprobiren, aus welcher Richtung der Wind kam. Da erblickte ich plötzlich einen jungen Rennochsen, der allein stand und uns ansah, und den wir noch nicht bemerkt hatten. Wir bückten uns Beide, er aber kam plötzlich auf uns zugesprungen. Ein Höhenrücken entzog ihn unserm Blick -- wir hielten die Büchsen bereit --, da kam er in guter Schußweite oben auf einem Hügel zum Vorschein, ich legte an und zielte, aber der Schuß ging nicht los.
In größter Hast spannte ich den Hahn von dem zweiten Lauf, der inzwischen mit einer Rundkugel glattgebohrt war, und legte abermals an. Jetzt knallte mein Schuß gleichzeitig mit +Joels+. Das Thier zuckte zusammen, es war offenbar in den Rücken getroffen, das rechte Vorderbein schleppte. In wilden Sprüngen entfernte es sich von uns. Ich versuchte nochmals meinen Büchsenlauf, aber er versagte wieder. Schnell steckte ich eine neue Patrone hinein, diesmal knallte es und von der Expreßkugel hinten getroffen, fiel das Thier todt um. Ich sprang nun vor, um nach den andern Rennthieren zu sehen, die waren aber nirgends zu erblicken. Da es bereits über die Mittagsstunde war und die Tage nur kurz waren, hielt ich es für zu spät, um sie zu verfolgen, und wir kehrten nach unserer Hütte zurück, unsere Beute hinter uns herschleppend.
Das Erste, was ich that, war jedoch, daß ich niederkniete und einen tüchtigen Trunk warmen Blutes aus der Schußwunde sog. Das schmeckt an so einem kalten Tage! +Joel+ stand da und sah mir verwundert zu. Ich fragte ihn, ob er nicht auch einen Schluck haben wolle, da aber lächelte er verschmitzt über das ganze Gesicht, schüttelte den Kopf und zeigte auf die Schnauze und den Magen des Thieres, was so viel heißen sollte, als „aus dem Blute macht der Eskimo sich nichts, die Schnauze und der Inhalt des Magens sind aber für ihn eine Delikatesse, die er dem ganzen übrigen Rennthier vorzieht“.
Es handelte sich nun darum, unsere Beute an den Fjord hinunter zu schleppen, wo unsere Kajaks lagen, aber dies war keine leichte Arbeit. Wir holten unsere Schneeschuhe, verfertigten eine Art Schlitten, indem wir sie alle nebeneinander legten, und packten das Rennthier darauf. Dann spannten wir uns vor das Gefährt und zogen es. Es war aber kein leichtes Stück Arbeit, um so weniger, als wir keine Schneeschuhe mehr an den Füßen hatten und oft bis an die Hüften in den Schnee versanken. Am schlimmsten war es, wenn wir auf Geröll kamen, wo wir unablässig zwischen die großen Steine fielen, die der Schnee verrätherisch bedeckte.
Aber es ist alles nur ein Uebergang, wie der Fuchs sagte, als er geschunden wurde!
Gegen Nachmittag erreichten wir den Fjord. Es war eigentlich unsere Absicht gewesen, unsere Kajaks zusammenzubinden, das Rennthier hinten quer darüber zu legen und es so auf gewöhnliche Eskimomanier bis an unser Zelt zu schaffen; aber wir fanden, daß es zu spät und zu dunkel geworden war, deshalb zogen wir es vor, unsere Beute einstweilen liegen zu lassen.
Nachdem wir den Bauch geöffnet, das Herz und die Leber herausgenommen und von der letzteren einen Theil verzehrt hatten, sammelten wir Steine, um das Thier damit zu bedecken, warfen Schnee darüber, steckten einen Skistab daneben und banden einige Lappen daran fest, um Füchse, Raben und Raubvögel fernzuhalten.
Dann bestiegen wir unsere Kajaks und zogen fröhlich heimwärts. Wir waren nicht gar weit gekommen, als +Joel+ die Melodie zu dem „ewig munteren Kupferschmied“ anstimmte, die damals in Grönland in der Mode war, und der man grönländische Worte untergelegt hatte. Unter Gesang glitten die Kajaks durch die Dunkelheit dahin, und die Kameraden konnten uns schon aus der Ferne hören.
+Sverdrup+ und +Balto+, die ebenfalls auf Rennthierjagd gewesen waren, erzählten, daß sie vier Thiere in einem hochgelegenen Thal gesehen hätten, aber nicht bis auf Schußweite an sie herangekommen wären.
Am folgenden Tage war das Wetter schlecht, wir schafften das Rennthier mit dem Boot bis an unser Zelt, zogen die Haut ab und zerlegten es. Das Blut war nicht ganz rein. Unvorsichtigerweise hatte ich nämlich ein Loch in einen Darm geschnitten, als ich am vorhergehenden Abend den Bauch öffnete. Es war aber doch schade, dies gute Blut fortzuschütten, deswegen versetzten wir es mit Mehl und kochten trotzdem eine Blutspeise davon in unserem Kaffeekessel, der so leck war wie ein Sieb. Er mußte mit Grütze und Fleisch und allem, was wir finden konnten, dicht gemacht werden. Den Ausguß banden wir mit Stroh, Mehl und Tauwerk zu. Es war wirklich ein schöner Anblick!
Und dann speisten wir unser Schwarzsauer! Die ersten Löffel voll hatten eine große Neigung, wieder zurückzukommen, aber die Gewohnheit ist ein guter Lehrmeister, wir gingen mit Todesverachtung darauf los, und bald schmeckte es auch besser. +Joel+ sah dieser Zubereitung mißvergnügt zu, und als er aufgefordert wurde, an der Speise theilzunehmen, schüttelte er den Kopf und sagte: „~Ajorpok~“, was auf Deutsch heißt „das ist Dreck“. Um sich zu trösten, holte er ein ungekochtes Schneehuhn hervor, öffnete den Bauch, zog den Magen und die Gedärme heraus und verschlang sie auf einmal, als sei ihm in unserer Blutspeise nicht genügend Darminhalt. Dieser Anblick war +Balto+ denn doch zu viel, er rief: „Nein, nein!“ steckte den Kopf zur Zeltthür hinaus, und dann folgten einige unartikulirte Laute, wie von einem Menschen, welcher seekrank ist. +Joel+ setzte indessen ruhig seine Mahlzeit fort, rupfte das Schneehuhn und verzehrte es mit Haut und Haaren. Das Einzige, was zurückblieb, war ein Federbüschel. Dies war in +Baltos+ Augen sehr heidnisch und er sagte: „Das sieht gerade so aus wie ein Adler.“
Später kochten wir einen Theil des Rennthieres, aber es schmeckte leider fast ebensosehr nach dem Inhalt des Darmes, wie die Blutspeise. Dies schien jedoch +Balto+ und +Joel+ zu behagen, die Beiden aßen ganz gehörig, ja, sie tranken sogar die Brühe dazu, an deren Geruch wir Anderen mehr als genug hatten.
Ueberhaupt war unsere Zubereitung des Essens nicht gerade ausgesucht. Wenn wir Mehlbrei kochten, wurde er fast immer halbgar verzehrt und schmeckte wie Kleister, denn wir ließen uns niemals Zeit, zu warten, bis er ganz gar war. Brieten wir Rennthierfleisch, so geschah es auf die Weise, daß wir die gefrorenen Stücke auf den Ofen legten und die äußere Rinde abschälten, sobald sie warm wurde. +Balto+ behauptete, daß wir es nicht in Godthaab hätten aushalten können, weil es dort zu reinlich herginge und wir unser Leben auf dem Inlandseise nicht vergessen könnten, deswegen seien wir nach „Ameralik“ gezogen, um „Schweinerei“ zu machen. Das sei der einzige Grund gewesen!
+Balto+ war übrigens unser steter Spaßmacher. Sobald wir unsere Abendmahlzeit im Zelt eingenommen und Cigarren und Pfeifen angezündet hatten, holte er die Karten hervor, die bald so schmutzig waren, daß wir Mühe hatten, sie zu unterscheiden; die eifrigsten Kartenspieler holten sofort eine Kiste herbei, die als Tisch dienen mußte, und dann fing das Spielen an, das bis tief in die Nacht hinein währte und von diesen pelzgekleideten Männern bei einer Temperatur von -15° ebenso lebhaft betrieben wurde, als säße man in dem wärmsten Zimmer jenseits des Meeres. Wenn die Finger gar zu steif wurden, so machte man einige schlagende Armbewegungen, um das Blut wieder in Cirkulation zu bringen, und dann begann das Spiel wieder mit erneuter Kraft.
Durch seine Bemerkungen in seinem oft höchst wunderlichen Norwegisch verschaffte uns +Balto+ viel Amusement. Wenn er z. B. sagte: „Morgen will ich auf die Jagd gehen und Rennthiere schießen, wenn ich aber nichts bekomme, dann gehe ich nie wieder auf Rennthierjagd, sondern nehme meine Bürschte (Büchse) und schieße Schneehühner,“ da konnten wir uns vor Lachen kaum halten. Oder wenn er uns erzählte: „Tod und Teufel! Ueber Nacht will ich einen Fuchs sitzen!“ so wirkte auch das unwiderstehlich komisch; er meinte damit, er wollte Füchsen auflauern, die in der Nacht an den Strand hinab zu kommen pflegten.