Auf Schneeschuhen durch Grönland. Zweiter Band

Part 2

Chapter 23,637 wordsPublic domain

Nachdem die Abendmahlzeit eingenommen war, galt es an den Rückweg zu denken. Wir sind wenigstens 2 Meilen vom Zelt entfernt. Es war wenig Grund vorhanden, denselben Weg einzuschlagen, den wir gekommen waren, -- wir befanden uns ja auf einer Rekognoscirung und mußten deshalb untersuchen, ob ein Vordringen von einer anderen Seite nicht leichter für die Expedition sein werde. Wir hielten es für sehr leicht möglich, daß wir von dem Berge, der jetzt südlich vor uns lag, (auf +Jensens Land+) gut auf das Eis gelangen müßten. Man konnte hier hoch emporsteigen, hatte festen Grund und vermied dadurch einen Theil des schwierigsten Eises. Es war freilich ein wenig spät, um neue Wege auszuprobiren, aber das half nichts, Klarheit mußten wir haben, da mußte die Nacht mit zur Hülfe genommen werden.

Da der Schnee hier oben loser und höher denn je lag, schnallten wir unsere Truger unter die Füße und versuchten, ob das nicht helfen könne, und wirklich, es ging bedeutend leichter. Mit erneuten Kräften traten wir den Rückweg an, uns in südlicher Richtung auf den Berg zu haltend. Es dunkelte jedoch schnell, und wir waren noch nicht weit gekommen, als es unheimlich schwer wurde, die Risse im Eis in der Entfernung zu erkennen. Es waren deren allerdings noch nicht viele, aber wir mußten darauf vorbereitet sein, sie bald in Unmenge zu treffen. Da galt es denn, sich längs dem Gipfel des Höhenrückens zu halten, der die Senkungen trennt, die zu beiden Seiten liegen. Hier kann man darauf rechnen, einigermaßen sicher zu gehen. Eine ganze Strecke geht alles gut, der Weg wird auch besser, ja so gut, daß +Sverdrup+ die Truger abschnallt. In nicht allzu weiter Entfernung sehen wir schon den Berg, wo wir Wasser zu finden hoffen und wo wir Rast machen wollen, um unsere müden Glieder auf dem kahlen Fels auszustrecken. Wir sehnten uns unsagbar danach, festen Boden unter den Füßen zu verspüren, und das konnte nicht so übermäßig lange mehr währen. Aber wie oft täuscht man sich nicht in seinen Berechnungen, wenn man es mit Eis zu thun hat, es mag nun Treibeis oder Inlandseis sein. Wir waren noch nicht weit gegangen, als wir anfingen zu ahnen, daß unser Ziel zu erreichen dennoch „übermäßig lange“ und mehr als das währen würde. Wir kamen nämlich an ein Terrain mit so langen und so schlimmen Spalten, wie wir sie noch nicht getroffen hatten. Im Anfang ging es noch einigermaßen, und auf unsern Trugern konnten wir mit größerer Sicherheit hinüberspringen als vorhin ohne dieselben, mit größerer Kühnheit konnte ich mich nun über die Schneebrücken wagen, da ich nicht so leicht durchfiel. Wo die Brücken zu unsicher waren, um betreten zu werden, wählten wir eine andere, vorsichtigere Art und Weise, indem wir uns auf den Bauch legten und auf allen Vieren hinüberkrochen. Dadurch erhielt der Körper eine weit größere Fläche, auf der er ruhen konnte, und die Gefahr durchzufallen wurde bedeutend verringert.

Bald wurden indessen die Risse so breit, daß wir die Unmöglichkeit, hinüberzukommen, einsahen, -- wir mußten sie umgehen. Und das thaten wir denn auch im wahren Sinne des Wortes. Halbestundenlang gingen wir neben den Schluchten her, bald unterhalb, bald oberhalb derselben, aber sie wurden länger und länger. Schließlich kamen wir an eine Spalte, die breiter war als alle bisherigen; daß sie ebenfalls länger war, sollten wir auch gar bald erfahren. Wir wollten oberhalb des Risses entlang gehen, da wir der Meinung waren, daß er sich wahrscheinlich hier am ersten schließen würde, aber diesmal hatten wir uns gründlich geirrt. Wir gingen weiter und weiter und entfernten uns immer mehr von unserem Ziel, der Gipfel des Berges verschwand allmählich im Dunkel, aber die Spalte war und blieb gleich breit. Da waren keine Brücken, und in der Finsterniß konnten wir keine Veränderung gewahren. „Alles hat ein Ende,“ sagte der Knabe, als er Prügel bekam! Wir gingen weiter und kamen denn schließlich auch diesmal ans Ende. Wir gelobten uns, daß es das letzte Mal sein sollte, daß wir oberhalb der Risse herum gingen; der andere Weg brachte uns jedenfalls dem Berge näher, und dort mußte sicher Wasser für unsere brennenden Kehlen zu finden sein. Auf diese Weise kamen wir schneller vorwärts, und wir hatten nun wirklich die Freude, unser Ziel im Dunkeln wachsen zu sehen. Wir hatten nur noch wenige Schritte zurückzulegen, als wir vor uns einen dunklen Streifen oder eine dunkle Fläche auf dem Schnee entdeckten. Anfänglich glaubten wir, daß es eine neue Spalte sei, die uns von unserem Ziele trennte, wer aber beschreibt unsere Freude, als es sich herausstellte, daß es Wasser war, herrliches, fließendes Wasser! In größter Eile holten wir unsere hölzernen Becher heraus und tranken mit einer Wonne, wie nur der sie kennt, der einen ganzen Tag bis über die Waden in nassem Schnee herumgestampft hat, ohne einen Tropfen Feuchtigkeit zu genießen. Ich glaube kaum, daß es einen höheren Genuß im Leben giebt, als einen Trunk guten, frischen Wassers, wenn man dem Verschmachten nahe ist. Ist es Eiswasser wie hier, so trinkt man so lange, bis die eisige Kälte in den Zähnen und in der Stirn halt! sagt, dann macht man eine kleine Pause und trinkt von neuem. Still und andächtig saugt man das erquickliche Naß in sich hinein, damit die eisige Kälte nicht zu bald wiederkehren soll. Als wir so viel getrunken hatten, wie wir vorläufig vermochten, füllten wir unsere hölzernen Becher und unsere Feldflasche, legten die wenigen Schritte zurück, die uns noch bis zur Felswand übrig blieben, fanden einen guten Sitz auf einem vorspringenden Felsblock, und hieben aus allen Kräften in unser Pemikan, in unsere Biskuits und die Fleischpulverschokolade ein.

Aber da fing es an zu regnen, und das war weniger angenehm, auch nahm die Finsterniß in dem Maße zu, daß wir kaum mehr als zwei Schritte weit vor uns sehen konnten. Wir hatten noch ein gutes Stück bis zum Zelte zurückzulegen, also abermals vorwärts! Wir nahmen unsern Kurs in südlicher Richtung über das Eis und dem Felsen entlang. Die Oberfläche war hier einigermaßen eben, was an festem Lande entlang oft der Fall ist, weil das Eis dort still zu liegen pflegt und an den Boden und die Felsseite fest gefroren ist. Eine Weile ging es einigermaßen leicht, aber dann wurde der Abhang so steil und so glatt, daß wir uns nur mit genauer Noth festhalten konnten. Um die Situation recht angenehm zu machen, traten nun auch unter uns große Risse im Eise auf. In der Finsterniß konnten wir gerade noch die dunklen Abgründe erkennen, die bereit waren, uns, sobald wir einen Fehltritt thaten oder ausglitten, in ihren Schoß aufzunehmen. Die Felswand über uns war so steil, daß wir nicht daran denken konnten, dort vorwärts zu kommen, wir mußten bleiben, wo wir waren. Schließlich gelangten wir unversehrt an einen Ort, wo sich ein Bergabsatz in die Eismassen hinausschob. Zwischen der Bergwand und dem Eise befand sich eine mehr als 20 ~m~ breite, schwindelnd tiefe Schlucht, im Eise schimmerten verschiedene Risse durch das Dunkel; wie groß diese waren, konnten wir nicht entscheiden, das aber wußten wir, -- unserem Vorwärtskommen setzten sie ein Ziel. Uns blieb nichts übrig, als über den Berg zu gehen und ein Thal, das ganz in der Nähe lag, zu passiren, um hinter den Bergabsatz zu gelangen und zu sehen, ob wir dort nicht vorwärts kommen könnten. Es war ein wahrer Genuß, wieder festen Grund unter den Füßen zu haben und tüchtig ausschreiten zu können. Trotz des Sturzregens, der uns bis auf die Haut durchnäßte, machten wir eine längere Rast auf den Steinen. Wir wollten bis zum Tagesanbruch warten und dann erst auf das Eis zurückkehren.

Endlich brach der Tag roth und glühend an, einen warmen Schimmer über Himmel und Landschaft verbreitend. Unter uns lag das Eis, das scheinbar leichter zu passiren war, als wir erwartet hatten. Wir untersuchten, wo wir am besten vorwärts kommen könnten, und dann machten wir uns wieder auf den Weg. Obwohl unsere Wanderung über den Gletscher nicht weit von der Stelle entfernt war, wo er in die See fällt, war das Eis hier nicht so zerklüftet und unwegsam wie weiter nach oben hinauf. Uneben und holperig war es, voller in die Höhe stehender Eiszacken und scharfer Kämme mit Schluchten dazwischen, die oft recht schwer zu passiren, aber nicht tief waren; so lange, bodenlose Spalten, wie wir sie dort oben angetroffen hatten, fanden wir hier jedoch nur ausnahmsweise und nur an einzelnen Stellen. Der Grund hierzu muß in dem Umstand zu suchen sein, daß sie sich mit Wasser füllen, das gefriert, und so nur Unebenheiten im Eise bilden.

Bald waren wir glücklich hinübergelangt, und nach einem zweistündigen Marsch konnten wir uns endlich um fünf Uhr des Morgens an dem Anblick unseres Zeltes erlaben. Hier lagen, wie wir es erwartet hatten, Alle im tiefsten Schlummer. Das erste, was wir thaten, war, daß wir uns etwas Essen hervorholten und uns an dem gütlich thaten, was das Haus zu bieten vermochte. Wir glaubten das nach unserem Spaziergang von 4 bis 5 Meilen redlich verdient zu haben. Dann krochen wir in unsere Säcke, streckten unsere Glieder aus und zogen bald in das schöne Land der Träume hinüber, höchlich befriedigt von dem Ausfall dieser unserer ersten Wanderung über das so viel besprochene und so gefürchtete grönländische Inlandseis, das so schwer zu besteigen und noch schwerer zu überschreiten sein sollte.

Ehe wir weiter zogen, hatten wir noch allerlei Vorbereitungen zu treffen, besonders bedurfte unser Schuhzeug der Ausbesserung und Versohlung, denn wir hatten bei unserer ersten Wanderung die Erfahrung gemacht, daß das Inlandseis starke Sohlen erforderte. Die Schlitten und Schneeschuhe mußten noch unter dem Stahl abgeschabt werden, um leicht zu gleiten, unsere Sachen mußten umgestaut und das, was wir zurücklassen wollten, hervorgesucht werden. Dies alles erforderte Zeit, und während der folgenden Tage konnte man die Mitglieder der Expedition auf dem Berge vor dem Zelte sitzen sehen, von verschiedenen friedlichen Beschäftigungen in Anspruch genommen, worunter das Schusterhandwerk den hervorragendsten Platz einnahm. Es war ein höchst eigenthümlicher Anblick, uns in diesen Umgebungen sitzen zu sehen, die Stiefel zwischen den Knien, Pechdraht und Pfriem mit einer Fertigkeit handhabend, als hätten wir uns unser Lebelang mit nichts anderem beschäftigt.

Aber wir wollen diese fleißigen Gestalten nicht bei ihrer wichtigen Arbeit stören, sondern lieber einen Blick auf die Versuche werfen, die früher gemacht sind, um in das mystische Innere Grönlands vorzudringen, und untersuchen, welche Bedeutung es haben kann, sich Klarheit zu verschaffen.

Fußnote:

[1] Wenn nun die Eismassen, nachdem sie solche Erhöhungen passirt haben, an eine Thalsenkung oder einen Thalkessel gelangen, wo die Krümmung des Terrains also anstatt konvex zu sein, konkav wird, so schließen sich diese Risse wieder, füllen sich mit Schnee und Wasser, frieren zu und verschwinden allmählich ganz wieder.

Kapitel XVI.

Die Entwickelung unserer Kenntnisse von Grönlands Inlandseis und die früheren Versuche, in dasselbe einzudringen.

Nicht so sehr durch seine wildzerklüfteten Küsten wie durch seine mit Eis angefüllten Fjorde und sein mit Schnee und Eis bedecktes Inland nimmt Grönland eine Sonderstellung zwischen den Ländern auf der Oberfläche unserer Erdkugel ein. Dringt man in den von Menschen bewohnten Theil, vom Außenlande nach innen zu, an den Fjorden entlang, so stößt man bald ein paar Kilometer von der Küste entfernt auf ein unabsehbares Schnee- und Eisfeld, unter welchem alles Land verschwindet, und das den Gesichtskreis nach Osten zu, von Norden bis nach Süden beherrscht. Dies ist das +Inlandseis+, der größte Eisgletscher der nördlichen Halbkugel. Wie groß es ist, können wir noch nicht mit Bestimmtheit sagen; daß die Ausdehnung aber mindestens eine Million Quadratkilometer beträgt, wissen wir.

Sowohl Eskimos wie Nordländer, Alle machten an dem äußeren Rand desselben Halt, und zu allen Zeiten hat über dem Inlande ein Schleier gelegen, den Niemand ganz zu lüften vermochte, und hinter dem die wildesten Phantasien ihr Spiel treiben konnten, denn gleich wie alles, das in Finsterniß gehüllt ist, hat auch Grönlands Inland eine eigenartige Anziehungskraft auf den Geist des Menschen ausgeübt.

Die Eskimos sind, so viel wir wissen, die ersten Menschen, die nach Grönland gekommen sind, folglich sind sie auch die Ersten, welche eine Bekanntschaft mit dem grönländischen Inlandseis gemacht haben. Wie lange dies her sein mag, ahnen wir nicht, wir wissen es nicht einmal ungefähr, denn die Annahme, daß die Eskimos erst vor 1000 Jahren nach Grönland gekommen sein sollen, ist -- wie in einem späteren Kapitel nachgewiesen werden wird -- meiner Ansicht nach sehr unwahrscheinlich.

Die Eskimos kamen aus Ländern, die an der westliche Seite der Baffinsbucht und der Davisstraße gelegen und die nicht mit Inlandseis bedeckt, sondern theilweise bis ins Innere bewohnt waren. In Grönland entdeckten sie gar bald, daß überall nach innen zu das Eis ihnen hemmend entgegentrat. Dies hat sie sicher von allen Versuchen, weiter in das Land einzudringen, abgehalten, es hinderte sie jedoch nicht, den Schauplatz für die vielen Erzählungen über das Zusammentreffen und den Verkehr mit Völkern, welche im Innern der früher von ihnen bewohnten Länder hausten, dorthin zu verlegen. Diese Völker sind wahrscheinlich zum größten Theil Indianer von den nördlichen Küsten des nordamerikanischen Festlandes gewesen, und in der Sagenwelt der grönländischen Eskimos haben sie dann das Innere Grönlands als Inlandsmenschen bevölkert, denen gewisse übernatürliche Kräfte zuertheilt waren. In gleicher Weise sind wahrscheinlich auch die Sagen von den Wanderungen quer über das Inlandseis entstanden, falls man denselben überhaupt einen historischen Ausgangspunkt geben will. Es sind dies Wanderungen, die in kleineren, westlich gelegenen, von den Eskimos bewohnten Ländern ausgeführt worden sind. Eine bestimmte Vorstellung von dem Innern scheinen die Eskimos sich nicht gebildet zu haben. In den Gegenden, in denen es Rennthiere giebt, kamen sie auf ihren Rennthierjagden häufig mit dem äußeren Rand des Inlandseises in Berührung und wagten sich wohl zuweilen auch eine Strecke über denselben hinaus bis zu den Nunataks, auf denen die Rennthiere ihre Zuflucht zu suchen pflegen. Sie erblickten hier überall nach innen zu, soweit das Auge reichte, Eis und Schnee; da ist es denn nicht unwahrscheinlich, daß sie sich das Ganze auf gleiche Weise bedeckt vorgestellt haben.

Die Norweger, die vor ungefähr 900 Jahren nach Grönland kamen und die die West- und die Südküste wahrscheinlich bis zum 15. Jahrhundert bewohnten, scheinen sich sehr bald eine verhältnißmäßig richtige Auffassung von dem Lande und dem Inlandseise gebildet zu haben, wie man aus der Erwähnung desselben im „Königsspiegel“ ersehen kann. Die Stelle lautet in der Uebersetzung folgendermaßen:

„Wenn du aber fragst, ob das Land frei von Eis ist oder nicht, oder ob es mit Eis bedeckt ist wie das Meer, so sollst du wissen, daß es einen kleinen Theil des Landes giebt, der frei von Eis ist, daß aber all das Uebrige mit Eis bedeckt ist, weswegen man auch nicht weiß, ob das Land groß ist oder klein, sintemalen alle Gebirgsstrecken und alle Thäler mit Eis bedeckt sind, so daß man nirgends eine Oeffnung findet, aber es ist doch anzunehmen, daß es Oeffnungen geben muß, entweder in den Thälern, die zwischen Bergen liegen, oder am Strande entlang, durch welche Oeffnungen die Thiere sich hindurchfinden können, denn die Thiere könnten nicht aus anderen Ländern dorthin laufen, ohne eine Oeffnung im Eise oder freies Land zu finden. Aber oft haben Leute es versucht, auf das Land zu gehen, auf die Berge, welche die höchsten sind, an verschiedene Stellen, um sich umzusehen und um zu erfahren, ob sie Land finden könnten, das frei von Eis und das bewohnbar sei, und haben sie es nirgends gefunden, ausgenommmen dort, wo jetzt Leute wohnen, und das ist sehr wenig vom Rande des Meeres entfernt.“

Diese Beschreibung giebt ein so richtiges Bild, daß wir bis in die allerneueste Zeit kaum ein besseres zu geben vermochten.

Aber die alten norwegischen Kolonien in Grönland verfielen (siehe Kapitel 10) und starben aus, der Seeweg dorthin gerieth in Vergessenheit, und damit verlor man auch die Kenntnisse, die bis dahin gesammelt waren. So läßt es sich denn erklären, daß wir im 17. Jahrhundert wieder auf die vollständigste Unwissenheit in Bezug auf das Land stoßen. Man legte Sunde, „Frobishersträdet“ und den „Beare-Sund“, quer durch dasselbe; ja auf einer Karte des Kartographen +Meier+ aus der Mitte des Jahrhunderts wurde es sogar in eine Unmenge von Inseln zerstückelt, die dicht mit Wald bewachsen sein sollten, „wie in der Gegend von Bergen in Norwegen“.

Nachdem +Hans Egede+, wie bereits erwähnt, im Jahre 1721 nach Grönland kam und die neuere Kolonisation ihren Anfang nahm, erweiterte sich die Kenntniß der äußeren, nahe am Meer gelegenen Theile des Landes bald wieder, über das Innere scheinen jedoch, wenigstens in Europa, noch lange Zeit hindurch höchst merkwürdige Begriffe geherrscht zu haben.

Es währte indessen nicht lange, bis man sich mit dem Gedanken beschäftigte, die östlichen Kolonien (Oesterbygden), die man an der Ostküste vermuthete (siehe Kapitel 10) quer durch das Land zu erreichen. Schon im Jahre 1723 erhielt +Egede+ von dem Direktor der in Bergen ansässigen Compagnie, die an der Spitze des grönländischen Unternehmens stand, ein Schreiben, in welchem es u. a. heißt:

„Falls es nicht bereits geschehen ist, erscheint es uns rathsam, daß 8 Mann kommandirt werden, die über das Land marschiren können, denn nach der Karte scheint es, daß die Breite nur 12-16 Meilen beträgt, dort, wo es am schmalsten ist, um wenn möglich auf die andere Seite zu gelangen, wo die alten Kolonien gewesen sind, und unterwegs nach Wäldern zu inquiriren. Geschiehet nun aber dies, so da wir gerne sehen würden, da müßte dieser Vorschlag zur ersten Sommerszeit ausgeführt werden, demnächst müßte die Mannschaft jeder mit seinem Ränzel mit Proviant sowie mit einem Gewehr ausgerüstet werden, desgleichen mit einem Kompaß, auf daß sie ihren Weg wieder nach Hause finden können, und drittens hat sich die auskommandirte Mannschaft der größten Vorsicht zu befleißigen, sowohl in Bezug auf die Ueberfälle der Wilden, falls sie solche unterwegs antreffen sollten, wie auch in Bezug auf das Observiren aller Dinge; ja, wo sie passiren, müssen sie an den höchsten Stellen Merkzeichen errichten, die ihnen jetzt und später als Wegweiser dienen können“.[2]

Dies ist ein ganz amüsantes Beispiel, wozu eine Kolonialpolitik führen kann, die von einem Geographen im Lehnstuhl betrieben wird!

+Egede+[3] besaß indessen Verstand genug, um zu erwidern, daß er in Bezug auf diese Untersuchung keine Möglichkeit sähe, „solche mit Erfolg auszuführen“. Auf die Karten sei kein Verlaß, „sintemalen ich,“ fährt er fort, „in der Circumferenz, in der ich bis dahin gereist habe, so viele Unrichtigkeiten darin finde“. Auch, meint er, würde „der beabsichtigte Marsch wegen der hohen Felsen und der anzutreffenden Schnee- und Eisberge und anderer unwegsamer Strecken ganz beschwerlich fallen“. --

Allmählich, als man mehr umherreiste und mehr von der Natur sah, gleichzeitig auch besser verstehen lernte, was die Eingeborenen zu berichten hatten, eigneten die Europäer, die in Grönland wohnten, sich bald eine richtige Auffassung von dem Innern des Landes an. Bereits wenige Jahre später (1727), ersieht man aus einem Brief aus Godthaab[4], daß man die Auffassung hatte, „daß sich von dem Rücken oder der Mitte des Landes aus nach Süden und Norden zu eine schreckliche Eisfläche oder ein mit Eis bedecktes Gebirge erstreckt“.

Als höchst eigenthümlich kann hervorgehoben werden, daß schon im darauffolgenden Jahr (1728) der Gedanke auftauchte, der erst im Jahre 1888 zur Wirklichkeit werden sollte, nämlich, „daß einige junge, kräftige Norweger, die gewöhnt waren, im Winter in den Bergen auf Schneeschuhen zu laufen, einen guten Theil des Landes nach allen Seiten rekognosciren sollten“.

Wenn man hieraus ersieht, welch’ eine verhältnißmäßig vernünftige Auffassung man stellenweise von dem Lande hatte, so muß es im höchsten Grade überraschend erscheinen, daß im Jahre 1728 an den ersten und einzigen Gouverneur von Grönland, Major +Claus Enevold Paars+, der Befehl erging, „daß er keinen Fleiß und keine Mühe sparen, sich auch weder durch Gefahren noch Beschwerden abschrecken lassen solle, auf alle erdenkliche Weise und auf irgend einem Wege in die erwähnte östliche Kolonie Oesterbygden zu gelangen, um zu erfahren, ob sich dort noch Nachkommen der alten Norweger befänden, welche Sprache selbige redeten, ob sie noch Christen seien, oder ob sie Heiden geworden, sowie welche Obrigkeit und Lebensweise unter ihnen herrsche. Ferner solle +Paars+ „richtig vermerken,“ u. a. „wie das Land beschaffen sei, ob sich dort Wald, Wiesen, Steinkohlen, Mineralien oder dergl. befänden, ob es dort Pferde, Vieh oder andere, dem Menschen dienliche Kreaturen gäbe“.[5]

Zum Nutzen und Frommen dieser Expedition wurden von Dänemark ausgesandt: 11 Pferde, ein Kapitän, ein Lieutenant; als Gemeine sollte +Paars+ die „Entrepidesten der Godthaaber Garnison“ auswählen.

Daß diese Expedition, welche die erste und in ihrer Anlage gleichzeitig die großartigste aller derjenigen ist, die ausgegangen sind, um das Innere Grönlands zu erforschen, in der Form, in der sie ursprünglich geplant wurde, zu keinem Resultat gelangen konnte, liegt auf der Hand. Die Pferde[6] starben theils unterwegs, theils in Godthaab, und man wird gar bald zu der Einsicht gelangt sein, daß es keine so ganz einfache Sache sei, quer durch das Land zu reiten.

Nichtsdestoweniger unternahm +Paars+ im darauffolgenden Jahr eine Entdeckungsreise bis an das Inlandseis. „Am 25. April 1729 um 12 Uhr ging der Kommandeur mit Lieutenant +Richart+ und Assistent +Jens Hjort+ sowie 5 Gemeinen im Namen des Herrn zu See und hißte die Segel unter Sturm und Schneegestöber.“[7]

Sie segelten weit in den Ameralikfjord hinein, ungefähr 10 Meilen, „worauf ich,“ schreibt +Paars+,[8] „gegen Bezahlung zwei der dort ansässigen Landsleute mitnahm, um uns den Weg zu zeigen.“

Es ist ein ganz eigenthümliches Zusammentreffen, daß diese erste Expedition den Versuch machte, durch genau dieselbe Gegend auf das Inlandseis zu gelangen, wo die letzte Expedition herauskam. -- Ueber diese Eiswanderung berichtet +Paars+ in seinem Rapport an den König mit folgenden Worten:

„Nachdem wir zwei Tage marschirt hatten, gelangten wir am dritten gegen Mittag unter den Eisberg, als wir aber einige Stunden mit großer Lebensgefahr bergan vorgerückt waren, wurden wir im weiteren Vordringen durch die vorhandenen großen Klüfte gehemmt.“ (Hier folgt eine Beschreibung derselben.)

„-- -- Da wir sahen, daß jegliches Vorwärtsdringen unmöglich war, setzten wir uns auf das Eis nieder, feuerten nach dänischer Weise 9 Schüsse aus unseren Gewehren ab und tranken mit einem Glase Branntwein auf das Wohl unseres allergnädigsten Königs an einem Ort, an welchem dasselbe noch niemals getrunken wurde, welche Ehre auch dem Eisberg bis dahin niemals widerfahren ist; nachdem wir eine Stunde gesessen und uns ausgeruht hatten, kehrten wir wieder zurück.“