Auf Schneeschuhen durch Grönland. Zweiter Band

Part 15

Chapter 153,577 wordsPublic domain

Es war ein merkwürdiges Gefühl, in ein ordentliches Bett zu kommen, nachdem wir ein ganzes halbes Jahr hindurch diese Einrichtung hatten entbehren müssen. Ich reckte und streckte mich auf der weichen Unterlage und ein prickelndes Gefühl des Wohlseins durchzuckte alle meine Glieder, vielleicht zum Theil durch das Bewußtsein hervorgerufen, daß unser heißersehntes Ziel jetzt endlich erreicht war. Der Schlaf fiel jedoch nicht so gut aus, wie ich erwartet hatte; ich lag zu weich, war zu sehr an den Schlafsack und das Eis oder den Felsboden als Unterlage gewöhnt und empfand möglicherweise doch eine leise Sehnsucht darnach.

Am Morgen des 4. Oktober erwachte ich aus meinen unruhigen Träumen dadurch, daß eine junge Grönländerin mir Thee und Butterbrot ans Bett brachte -- ein neuer Genuß. Nach dieser frühen Mahlzeit stand ich auf und ging hinaus, um mich ein wenig im Orte umzusehen.

Am Strande herrschte Leben und Bewegung, denn eine Ladung Seehunde, die an einem Fangplatz in der Nähe erbeutet waren, wurden ans Land gebracht und zerlegt. Ich begab mich mit +Baumann+ dorthin, -- es war ein ganz neuer Anblick für mich, dies Leben hier am Strande. Eine ganze Anzahl von Grönländerinnen lag mit aufgestreiften Aermeln vor den aufgeschlitzten Seehunden. Von einigen wurde das Blut in Eimern aufgefangen, von anderen wurden die Gedärme ausgelöst oder der Speck und das Fleisch zerschnitten. Alles wurde beachtet und benutzt.

Nachdem wir uns an diesem blutigen Schauspiel sattgesehen und die Gewandtheit, die Anmuth und die theilweise sehr hübschen Gesichter der Grönländerinnen zur Genüge bewundert hatten, gingen wir zu +Sverdrup+ hinüber, um zu sehen, ob er aufgestanden sei, und ihn in dem Falle zum Frühstück beim Direktor abzuholen.

Als wir ankamen, saß jedoch +Sverdrup+ bereits mit Herrn +Frederiksen+ an einem opulenten Frühstückstisch mit frischgebratenen Schneehühnern, Schweinefleisch und anderen Delikatessen. Ich bedauerte, daß Sverdrup schon frühstückte, da ich gehofft hatte, wir könnten zusammen essen. Dem sei ja nichts im Wege, meinte +Sverdrup+. Dies sei sein erstes Frühstück, etwas so Angenehmes könne man ja aber immer wiederholen; er esse erst bei +Frederiksen+ und nachher nochmals beim Direktor, auf diese Weise bekäme er alle Mahlzeiten doppelt. Drei Tage lang ging auch alles gut, dann aber hielt der Magen es nicht mehr aus, und +Sverdrup+ mußte einen halben Tag das Bett hüten. Uebrigens währte es lange, ehe wir uns so richtig satt fühlten und wieder wie gewöhnliche Menschen aßen.

Am Vormittag des 4. Oktober wurden wir endlich eines Menschen habhaft, der sich zum Kajakboten eignete und der bereit war, meinen Auftrag auszuführen. Er hieß +Daniel+ und war aus Neu-Herrnhut. Er sollte sich nach dem ungefähr zwanzig Meilen südwärts gelegenen Wohnplatz Fiskernäs begeben und hier Kajakleute miethen, die mit der Post weiter nach Süden gingen. Ich versprach ihm, daß, wenn die Nachricht den „Fox“ rechtzeitig erreichte, er sowie die anderen beiden Kajakmänner auf der südlichen Station eine Extrabelohnung haben sollten.

In aller Eile schrieb ich nun einen Brief an Herrn +Smith+, den Betriebsdirektor des Kryolithbruches in Ivigtut. Der „Fox“ gehört nämlich der Kryolithcompagnie. Außerdem schrieb ich an den Kapitän des Schiffes. In diesen zwei Briefen bat ich, daß das Schiff uns aus Godthaab abholen möge, um uns nach Hause zu bringen, falls dies irgend möglich sei. Der Grund, weshalb ich bat, uns abzuholen, statt das Schiff in Ivigtut warten zu lassen, bis es uns möglich war, dort hinabzukommen, war, daß wir bei den schlechten Witterungsverhältnissen nicht berechnen konnten, wie viele Zeit wir gebrauchen würden, um die Andern vom Ameralikfjord zu holen und dann mit einem Boot die 70 Meilen bis Ivigtut zurückzulegen. Ich hielt es für weit einfacher für das Schiff, selbst zu kommen, es wurde dadurch Zeit erspart.

Für den Fall, daß die Kajakpost das Schiff erreichte und dies doch abgehen sollte, ohne uns zu holen, schrieb ich in fliegender Eile einige Zeilen an Etatsrath +Gamél+, in welchen ich ihm von unserer glücklichen Ankunft an der Westküste in Kenntniß setzte und ihm in kurzen Zügen über den Verlauf der Expedition berichtete.

Außer diesem Schreiben erhielt der Kajakmann noch einen Brief von +Sverdrup+ an dessen Vater.

Der Kajakmann versprach, sofort am Nachmittag abzureisen. Er machte freilich auch, wie man uns sagte, einen Versuch, mußte aber wegen des drohenden Wetters wieder umwenden.

Als das Wetter am Abend noch immer schlecht war, machte der Pfarrer den Vorschlag, vorläufig ein paar Kajakmänner mit etwas Proviant und der Nachricht hinüberzuschicken, daß wir glücklich angelangt seien. Ueber diesen Vorschlag war ich natürlich sehr erfreut, und während der Pfarrer zwei Kajakmänner, die Brüder +Terkel+ und +Hoseas+, zwei kecke Bursche aus Sardlok, für die Fahrt warb, machte man sich in der Kolonie daran, eine Sendung der ausgesuchtesten Leckerbissen für die armen Verlassenen fertig zu machen. Dieser Proviant wurde in die Kajaks verstaut, nachdem ich noch einige etwas konsistentere Nahrungsmittel wie Butter, Schweinefleisch und Brot, sowie ~last not least~ etwas Tabak und einige Pfeifen hinzugefügt hatte. Bei dieser Sendung befand sich eine große dänische Porzellanpfeife mit langem Rohr und ein Pfund Tabak speciell für +Balto+. Ich hatte es ihm bei irgend einer Gelegenheit im Inlandseise versprochen, als er sich besonders gut gemacht hatte. Als die Kajaks reisefertig waren, gab ich mit Hülfe des Pfarrers, der als Dolmetscher fungirte, dem ältesten der Brüder, +Terkel+, eine genaue Beschreibung, wo die Gefährten zu finden seien, auch zeigte ich es ihm auf der Karte, aus der er sich sehr gut vernehmen konnte.

Am folgenden Morgen, den 5. Oktober, verließen die Kajakmänner Godthaab, und schon am nächsten Vormittag erreichten sie ihren Bestimmungsort.

Am Vormittag des 5. Oktober machte auch ein Boot den Versuch, nach dem Ameralikfjord hinzurudern, nach wenigen Stunden kehrte es jedoch schon wieder zurück. Die Grönländer sind, wie gesagt, keine Helden, wenn es sich ums Rudern handelt. Gegen Nachmmittag machte das Boot einen zweiten Versuch und kehrte jetzt merkwürdigerweise nicht wieder um; wie wir später erfuhren, waren sie nicht weiter als bis an eine südlich von Godthaab gelegene Insel gelangt, wo die Besatzung in einem Zelt viele Tage liegen blieb, ohne umzuwenden, obwohl die Entfernung so gering war, daß sie in einer Stunde hätten nach der Kolonie zurückrudern können. Dies hat seinen ganz einfachen Grund darin, daß sie in dem Falle keinen Tagelohn erhalten haben würden, und daß sie sich lange nicht so schön hätten amüsiren können wie jetzt im Zelt. Deswegen blieben sie ruhig dort, bis sie ihren Proviant verzehrt hatten.

Am folgenden Tage, den 6. Oktober, kam der Koloniedirektor an in Begleitung des deutschen Missionars +Heincke+ aus Umanak, einer Herrnhuter Missionsstation am Fjorde, etwa neun Meilen von Godthaab entfernt. Der Koloniedirektor war in Umanak gewesen, als einer der Kajakmänner, die von der Kolonie ausgesandt waren, ihn erreichte und ihm einen Brief mit der Nachricht von unserer Ankunft überbrachte. Er und Herr +Heincke+ hatten sofort zwei Kajakmänner zu den vier Leuten geschickt, die sich noch am Ameralikfjord befinden sollten. Diese Kajakmänner überbrachten den Gefährten ebenfalls Speisen von ihm sowie von Herrn und Frau +Heincke+, und hatten den Befehl, bei ihnen zu bleiben und ihnen auf alle Weise behülflich zu sein.

Am 7. Oktober kehrten +Terkel+ und +Hoseas+ bereits vom Ameralikfjord zurück mit einem Brief von +Dietrichson+, der uns mittheilte, daß sie sich jetzt, wo sie Ueberfluß an Essen und Trinken hätten und +Sverdrup+ und mich in Sicherheit wüßten, ausgezeichnet wohl fühlten.

Am 9. Oktober wurde das Wetter endlich so gut, daß ein Frauenboot, das ich vom Missionar Voged geliehen hatte, mit einer im wesentlichen aus Grönländerinnen bestehenden Besatzung nach dem Ameralikfjord abgehen konnte. An diesem Tage verließ endlich auch das andere Boot die Insel, wo es sich die ganze Zeit über aufgehalten hatte.

Mehrere Tage lang hörten wir nichts von den Kameraden, die wir jetzt nachgerade erwarten konnte. Besonders die Grönländer waren sehr gespannt, die zwei Lappen zu sehen; denn solche Menschen hatten sie früher nie gesehen.

Die beiden Kajakmänner, die vom Fjord zurückkamen, hatten übrigens ihre Begegnung mit den Gefährten ganz genau beschrieben: „Da waren zwei von dem Volk, das lange Bärte trägt (Norweger), außerdem waren da aber zwei, die ungefähr so waren wie wir, und die trugen eine ganz seltsame Kleidung etc.“ Sie hatten also eine klare Auffassung, daß die Lappen -- trotz aller Verschiedenheit -- doch einem Volk angehörten, das auf einer Kulturstufe stand, die der ihren sehr nahe kam und völlig verschieden von derjenigen der Dänen oder Norweger war.

Endlich am 12. Oktober kamen sie; die ganze Kolonie kam jetzt auf die Beine, sowohl Europäer wie Grönländer gingen ihnen auf dem Strande entgegen.

Besonders große Aufmerksamkeit erregten die Lappen. Die Grönländer nannten sie Weibspersonen, weil sie lange Gewänder trugen, die an die Röcke der europäischen Damen erinnerten, sowie Beinkleider aus Rennthierfell, was in Grönland nur Sitte für die Frauen ist. +Balto+ schien die Aufmerksamkeit, deren Gegenstand er war, sehr ruhig hinzunehmen. Er schwatzte und erzählte und stand bald auf dem besten Fuße mit der ganzen Bevölkerung. +Ravna+ ging wie gewöhnlich seinen eigenen, ruhigen Gang, er kam zu mir heran, verneigte sich tief, ergriff meine Hand, sagte nicht viel, strahlte aber vor Freude und Zufriedenheit über das ganze Gesicht.

Fußnote:

[42] So heißt der innerste Arm des Ameralik-Fjords.

Kapitel XXIII.

Die vier Zurückgelassenen im Austmannathal und deren Erlebnisse.

In diesem Kapitel will ich +Dietrichson+ selbst erzählen lassen, wie es ihm und seinen Kameraden ergangen ist, auch +Balto+ wird wiederholt Gelegenheit haben, zu Wort zu kommen.

„Alle die Sachen, die wir vorläufig am Rande des Inlandseises hatten zurücklassen müssen,“ schreibt +Dietrichson+, „mußten an den Ameralikfjord hinuntergeschafft werden, deswegen kehrten +Kristiansen+, +Ravna+ und ich schon am 27. September zurück, um dies zu beschaffen, während die übrigen drei Mitglieder der Expedition mit dem Bau des Segeltuchbootes beschäftigt waren, in welchem +Nansen+ und +Sverdrup+ nach Godthaab rudern wollten.

Die Entfernung bis zu dem Ort, an welchem sich die Sachen befanden, betrug ungefähr 4 Meilen. Obwohl wir unsere Kameraden erst um 8 Uhr des Morgens verließen, hofften wir doch vor Einbruch der Dämmerung am Ziel zu sein, wir rechneten nämlich darauf, eine bedeutende Strecke abschneiden zu können, indem wir die mit Eis bedeckten Gewässer überschritten, wie wir dies auf dem Wege bergab gethan hatten.

Auf den höher gelegenen Gewässern fanden wir auch noch eine Eisdecke vor, diese war aber jetzt so dünn, daß wir, sobald wir sie betraten, einbrachen. Deswegen blieb uns nichts anderes übrig, als die steilen Felsabhänge und unebenen Moränen zu erklimmen, wobei uns die angeschwollenen Bäche das Vorwärtsdringen sehr erschwerten. Deswegen gelangten wir erst um 7½ Uhr an das Endziel unserer Wanderung, nachdem die Sonne längst untergegangen und die ganze Landschaft in Dämmerung gehüllt war.

Wenngleich eine Dose Leberpastete, eine Portion Fleisch, Schokolade und Fleischbiskuits, woraus unser Proviant während des Bergsteigens bestand, ein ziemliches Quantum Nahrungsstoff enthält, so reichte es trotzdem nicht hin, um den Magen zu füllen und uns zu sättigen. Infolgedessen hatten wir, wie gewöhnlich, einen wahren Heißhunger, als wir am Abend unsern Kessel, der aus einer leeren Blechdose bestand, aufs Feuer setzten. Das Gericht, das wir bereiten wollten, war sehr zusammengesetzter Art, denn es bestand aus den Ueberresten der verschiedenen Proviantsorten, wie Pemikan, Erbswurst, Fleischpepton, Fleischbiskuits, Knäckebrot und Schnitzkohl. Wenn eine Blechdose leer war, hatten wir die zurückbleibenden Krumen in den Sack geschüttet, in welchem sich der Schnitzkohl befand, so daß der Inhalt dieses Sackes allmählich aus allen möglichen Speiseresten bestand. Diese sollten jetzt verwerthet werden. Das Gericht schmeckte indessen ganz vorzüglich, und nachdem wir unsere Mahlzeit eingenommen hatten, krochen wir in den Rennthiersack und schliefen unter freiem Himmel, da das Zelt bereits an den Fjord hinabgeschafft war.

Der nächste Vormittag wurde mit dem Zusammenstauen der verschiedenen Sachen verbracht, die wir auf den Schultern hinabtragen mußten. Erst gegen Mittag konnten wir damit beginnen, einen Theil der Bagage ins Thal hinabzuschaffen. Da wir entschlossen waren, unser sämtliches Hab und Gut in mehreren Wanderungen Stück für Stück hinabzutragen, so kehrten wir wieder um, nachdem wir unsere erste Last an die nördliche Bucht des Langvandet geschafft hatten, und fanden zu unserm Staunen +Balto+ bereits am Lagerplatz. Er berichtete, daß sie nach eintägiger Arbeit mit dem Bau des Bootes bereits soweit vorgeschritten seien, daß er gut hatte entbehrt werden können, deswegen sei er gekommen, um uns zu helfen. Nach seiner Berechnung mußten +Nansen+ und +Sverdrup+ bereits am Mittag desselben Tages ihre Bootsfahrt angetreten haben. +Balto+ hatte denselben Weg eingeschlagen, auf welchem wir hinuntergekommen waren, nur die eisbedeckten Gewässer hatte er umgehen müssen, bis er an das Langvandet gelangte. Da er seinen Weg bedeutend abkürzen konnte, wenn er dies Wasser überschritt, so wagte er den Versuch. Auf der Stelle, von der er ausgegangen, war die Beschaffenheit des Eises ziemlich gut, allmählich aber, je weiter er kam, desto schwächer wurde die Eisdecke, bis ihm, in der Mitte des Gewässers angelangt, nichts übrig blieb, als auf allen Vieren vorsichtig weiterzukriechen; auf diese Weise erreichte er dann mit Noth und Mühe das jenseitige Ufer.

Am nächsten Morgen langten wir mit unserer letzten Last am Ufer des Langvandet an. +Balto+ wollte abermals den Versuch machen, über einen kleinen Arm des Gewässers zu gehen, er schnallte seine Schneeschuhe an und zog den Schlitten hinter sich her. Da ich eine Karte über das Terrain aufzunehmen hatte und infolgedessen oft zurückbleiben und eine Menge Abstecher machen mußte, so beschloß ich, um die Kameraden schneller einzuholen, denselben Richtweg einzuschlagen, dessen sich +Balto+ bedient hatte. Ich schnallte deswegen meine Schneeschuhe an und begab mich auf das Eis, meinen Schlitten hinter mir herziehend. Als ich bereits die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte, bemerkte ich, daß das Eis ein wenig nachgab, da sich aber eine zweite Eisschicht darunter befand, so ging ich getrost weiter. Die Eisdecke wurde jedoch schwächer und schwächer und bestand schließlich nur noch aus losen, dünnen Schollen. Ich sah mich gezwungen, den kürzesten Weg ans Ufer einzuschlagen. Bald vermochten die Eisschollen mich jedoch nicht mehr zu tragen und ich sank, auf meinen Skiern stehend, durch das Eis. Im Handumdrehen hatte ich die Skier, die nicht an den Beinen festgebunden waren, abgestreift, und mußte nun die 15 bis 20 Ellen, die ich noch vom Ufer entfernt war, schwimmend zurücklegen.

+Balto+, der auch nahe daran gewesen war, ins Wasser zu fallen, und der gehört hatte, daß ich übers Eis gehen wollte, war, während sich dies zutrug, herbeigekommen. Er macht die folgende Beschreibung davon: „Da ich fürchtete, daß +Dietrichson+ über das schlechte Eis gehen würde, ergriff ich eine Flöte (so nannte er einige kleine Signalhörner, deren wir uns bedienten), lief auf einen Felsgipfel und blies, +Dietrichson+ antwortete sofort und ich lief dahin, um zu sehen, wie die Sache ablaufen würde. Gerade als ich anlangte, war +Dietrichson+ auf das Eis hinausgegangen. Ich sah, daß das Eis sehr schwach war und rief ihm zu, an das Ufer zu mir zu kommen. Aber er kam nicht, er machte noch einige Schritte mit seinen Schneeschuhen und verschwand dann zwischen den Eisstücken. Da rief ich: „Laß den Schlitten fahren und schwimme an den Strand!“ Er that das und schwamm an den Strand. Wir nahmen die Instrumente aus seinen Taschen, damit sie nicht allzu naß werden sollten. Wir wußten aber keinen Rath, wie wir den Schlitten ans Land bringen sollten. +Dietrichson+ meinte, er wollte wieder zurückschwimmen, ihn holen und ans Land bringen. Da sagte ich: „Thue das nicht, du frierst todt.“ Dann rief ich +Kristiansen+ zu, daß er eine lange Stange, nämlich ein Bambusrohr, bringen solle und ein Tau, um den Schlitten damit ans Land zu bringen; aber +Dietrichson+ kehrte sich nicht an meine Worte, sondern ging wieder auf den See hinaus. Sobald er auf eins der Eisstücke gekommen war, fing dies an umzukippen, und er verschwand kopfüber in dem See. Darauf schwamm er wieder an den Strand. Ich lief auf einen Felsgipfel hinauf und pfiff aus Leibeskräften. Da lief +Kristiansen+ auf einen Felsgipfel hinauf und schrie: „Was ist da los?“ Ich rief: „Bringt ein Bambusrohr und ein Tau, +Dietrichson+ ist in den See gefallen, und der Schlitten steht auf dem Eise.“ +Kristiansen+ erschrak sehr, denn er glaubte, daß +Dietrichson+ umgekommen sei und daß nur der Schlitten auf dem Eise stehe. Da lief +Kristiansen+ mit diesen Dingen so schnell er konnte, und dann zogen wir den Schlitten und die Büchse an den Strand und begaben uns nach der Feuerstelle, wo die Andern Kaffee kochten, und dort blieben wir die Nacht, denn +Dietrichson+ war durch und durch naß geworden.“

„Nachdem wir die Bagage aufs Land geschafft hatten,“ fährt +Dietrichson+ fort, „wanderten wir weiter bis zu dem Ort, wo die Mahlzeit zubereitet war und wohin die Uebrigen die Sachen geschafft hatten, die am vorhergehenden Tage ans Wasser hinabgetragen waren. Eine Tasse Kaffee schmeckte vorzüglich und erwärmte im Verein mit einem theilweisen Wechsel der Kleidungsstücke meine erfrorenen Glieder gar bald wieder.

So hatten wir denn unsere Bagage wieder vollzählig beisammen. Wir merkten aber bald, daß wir nicht mehr im stande waren, so große Bürden wie bisher zu tragen. Wenn wir dieselben in der Weise verminderten, daß wir statt zwei Wanderungen drei unternahmen, so würden wir damit zu viel Zeit hinbringen, um rechtzeitig unten am Fjord sein zu können, wo uns der Verabredung gemäß die Böte abholen sollten. Ich beschloß deshalb, einen Schlitten und ein Paar Schneeschuhe zurückzulassen. Um sicher zu sein, daß die Lasten gleichmäßig vertheilt waren, machten wir aus Schneeschuhen, Bambusrohren und Tauen eine Wage, und während die Uebrigen damit beschäftigt waren, die acht Lasten abzuwägen, zog ich thalabwärts weiter, um meine Croquis aufzunehmen. Als ich am Abend zurückkehrte, waren sämtliche Sachen derartig vertheilt, daß alle Lasten gleich schwer waren. Wir krochen darauf in unsere Schlafsäcke, um am nächsten Morgen unsere Wanderung in aller Frühe wieder antreten zu können.

Um 6 Uhr waren wir Alle auf den Beinen, und nach einem strammen Marsch, auf dem wir u. a. durch einen kleinen Bach waten mußten, kamen wir gegen Abend am Gänseteich an, wo wir uns wieder in unseren Schlafsäcken zur Ruhe begaben.

Am nächsten Morgen (2. Oktober), nachdem wir einige Stunden marschirt hatten, kamen wir an einen langen, steilen, aber ziemlich ebenen grasbewachsenen Abhang. Hier setzten wir die Schlitten nieder, beluden sie mit unserem Gepäck, und nun ging es leicht und schnell bis an den unten fließenden Bach hinab. Hier sah es aber durchaus nicht verlockend für uns aus! Der Bach war nicht wiederzukennen, -- in den vier Tagen, welche verflossen waren, seit wir ihn zuletzt gesehen hatten, war das Wasser ungefähr um das Vierfache gestiegen. Hinüber mußten wir indessen, denn weiter unten an der Seite, an welcher wir uns befanden, drängte der Bach sich bis hart an die lothrechte Felswand, so daß keine Rede von einem Vordringen sein konnte. Außerdem befanden sich unser Zelt und die übrigen am Fjord zurückgelassenen Sachen auf dem jenseitigen Ufer. An der zum Waten günstigsten Stelle betrug die Breite des Baches reichlich 100 Ellen; diese Strecke mußte also dreimal zurückgelegt werden, erst mit der einen Last, dann zurück, um die zweite zu holen, und abermals mit dieser hinüber. Während die beiden Lappen ihre Kleidungsstücke anbehielten, um sich dadurch gegen das eiskalte Wasser zu schützen, zogen +Kristiansen+ und ich es vor, uns der Beinkleider und Strümpfe zu entledigen, um dieselben nach vollbrachtem Werk trocken wieder anziehen zu können. Die Schuhe behielten wir dagegen an, um unsere Füße nicht an den scharfen Steinen zu verletzen. Die Strömung war sehr reißend, wir mußten deshalb unsere Bambusstöcke in die Hand nehmen, um uns darauf zu stützen und unsern Weg tastend über den unebenen Boden zu finden. Denn wenn die Strömung uns die Füße unter dem Leibe weggerissen hätte, wären wir wohl kaum im stande gewesen, uns wieder aufzurichten, da das schwere Gewicht, das wir auf dem Rücken trugen, unfehlbar unsere Köpfe unter Wasser gehalten haben würde. Es war ein kaltes Vergnügen, diese drei- bis vierhundert Ellen durch das Eiswasser zu waten, das uns bis an den Magen reichte. +Kristiansen+ und ich waren völlig blau an den Beinen, als wir endlich mit unserer zweiten Last das jenseitige Ufer glücklich erreicht hatten, nachdem wir aber die abgefrorenen Körpertheile tüchtig gerieben und unsere trockenen Kleidungsstücke wieder angezogen hatten, wurden wir gar bald warm, während die beiden Lappen das nasse, kalte Zeug anbehalten mußten und nichts weiter thun konnten, als es auszuwringen, so gut es eben gehen wollte. Falls der Bach im selben Maße fortfuhr anzuschwellen, wie er es in diesen vier Tagen gethan hatte, würde es zwei, ja selbst nur einen Tag später völlig unmöglich für uns gewesen sein, hinüber zu gelangen.

Es war noch nicht 12 Uhr, da wir hier aber Brennmaterial zur Hand hatten, beschlossen wir, eine Erbsensuppe zu kochen und unser Mittagessen ein wenig früher als gewöhnlich einzunehmen. Eine warme Mahlzeit war uns Allen nach dem kalten Bade äußerst erwünscht.

Um 2 Uhr des Nachmittags (den 2. Oktober) langten wir mit unserer ersten Last am Ufer des Fjordes an. Hiermit ließen wir uns vorläufig genügen und den übrigen Theil der Bagage einstweilen eine Strecke thalaufwärts liegen, denn wir wollten den Rest des Tages zum Instandsetzen unseres Zeltes benutzen. Dieses sowie den einen Schlafsack und die übrigen Sachen, die wir mitgebracht hatten, als wir die Küste zum erstenmal erreichten, und die von unseren Kameraden zurückgelassen waren, fanden wir wohlbehalten unter einigen Büschen vor. Die Zeltstangen waren jedoch verschwunden, sie waren zum Bau des Bootes verwendet worden, deswegen mußten wir sie durch andere Bambusrohre ersetzen. Nachdem dies geschehen war, wurde das Zelt errichtet.

Sechs Tage waren jetzt vergangen, seit wir zuletzt hier gewesen waren. Während dieser ganzen Zeit waren wir ungewöhnlich vom Wetter begünstigt worden, des Tags hatten wir herrlichen Sonnenschein gehabt, ohne daß uns die Hitze lästig gewesen wäre, und des Nachts einen sternenklaren Himmel bei verhältnißmäßig milder Luft. Es konnte deswegen nur als eine Annehmlichkeit bezeichnet werden, die Nacht unter freiem Himmel zu verbringen.

Der Umstand, daß wir nur einen Schlafsack hatten und infolgedessen genöthigt waren, uns zu Vieren hineinzuzwängen, trug freilich sehr wesentlich dazu bei, daß wir nichts von der Nachtkälte verspürten.