Auf Schneeschuhen durch Grönland. Erster Band

Part 17

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„Endlich ist unser Mittagessen fertig; es wird in die wenigen Tassen, die wir haben, und in hermetische Blechbüchsen, die wir als Tassen benützen, gefüllt. Wir fangen an zu essen und finden Alle, -- ja sogar die Lappen -- daß es vorzüglich schmeckt. Da entdeckt +Ravna+ zu seinem Schreck und Entsetzen, daß das Fleisch in der Suppe nicht ganz durchgekocht ist, er kann infolgedessen nichts mehr herunterbringen, sondern sitzt da und setzt eine klägliche Miene auf, die unsere allgemeine Heiterkeit erregt. Sein kleines, scheckiges Gesicht ist unter solchen Umständen ganz unbezahlbar komisch. +Balto+ ergeht es nicht viel besser, er kann freilich die Suppe trinken, die er „vorzüglich“ findet, das Fleisch aber schüttet er heimlich in eine Wasserlache in der stillen Hoffnung, daß ich es nicht bemerken soll. Er behauptet, daß er mit dem Propheten Elias sagen kann: „Herr, was ich nicht gegessen habe, das kann ich auch nicht essen.“ Ich suchte ihm begreiflich zu machen, daß Elias sicher so etwas nicht gesagt habe, denn er aß, was Gott ihm sandte, daß aber ein Mann, den man den Apostel Petrus nennt, allerdings so etwas Ähnliches gesagt haben solle, daß dieser Ausspruch aber mit einem Gesicht, das er hatte, in Zusammenhang stand und figürlich zu verstehen sei. Er schüttelte den Kopf ungläubig und beharrte bei seiner Meinung, daß nur Heiden und Thiere rohes Fleisch äßen. Zum Trost erhalten die Lappen jeder einen Fleischbiskuit. Es kann nicht nützen, alte Hunde das Bellen lehren zu wollen.

„+Dietrichson+ und +Kristiansen+ fühlen heute Stechen in den Augen, ich ermahne nun meine sämtlichen Gefährten, sorgfältig im Gebrauch der Schneebrillen zu sein.

„Am Nachmittage ist der Zustand des Eises noch immer unverändert, wir treiben mit schneller Fahrt südwärts. Während der letzten Nacht hatten wir uns mehr vom Lande entfernt, jetzt nähern wir uns scheinbar wieder mehr.

„Am Nachmittage befinden wir uns dem von +Graahs+ Reise bekannten +Skjoldungen+ gegenüber. Von +Igdloluarsuk+ an haben wir wieder eine herrliche Alpenlandschaft vor uns mit hohen, scharfen Zinnen und zerrissenen Formen, die besonders am Abend bei glühendem Sonnenuntergang von zauberhafter Schönheit sind.

„Die Bewegung wird auffallend stärker, obwohl wir ziemlich weit von dem offenen Eisrande entfernt sind. Da draußen muß ein sehr heftiger Seegang sein.

„Die Nächte fangen an, kalt zu werden, -- deshalb legen wir so viel wie möglich von den Persenningen, Regenkleidern etc. unter die Schlafsäcke. Man muß sich eben das Leben so angenehm wie möglich machen.

„Als die Anderen sich schlafen legen, übernehme ich die erste Nachtwache, um meine Skizzen vom Lande zu vollenden, was mit großen Schwierigkeiten verknüpft ist, da die Nächte hier weiter nach Süden zu schon anfangen, dunkel zu werden.

„Ringsumher herrscht tiefe Stille, kein Windhauch rührt sich, selbst die wachsende Bewegung vermag den tiefen Frieden nicht zu brechen. Groß und rund mit eigenartig röthlichem Glanz ist der Mond über die Eisfläche im Osten aufgegangen, am nördlichen Horizont ist noch ein schmaler, goldigglühender Abendstreifen sichtbar. Unter dem Mond am äußersten Rande des Eises schimmert wie ein glänzendes Band das rollende Meer, sonst erblickt man ringsumher, wohin das Auge reicht, nichts als Eis und Schnee, und im Hintergrunde hebt sich die grönländische Alpenlandschaft mit ihren feenhaft schönen Berggipfeln von dem halbdunklen, träumerischen Himmel ab. Welch wunderbare Sommernacht, wie weit entfernt aber von allem, was man mit Mondschein und Sommerträumen zu verbinden pflegt.

„Dort vor mir auf dem Eise stehen die Böte, die Schlitten und das Zelt, in dem jetzt die müden Gefährten in tiefem Schlummer liegen. Dort in der Süßwasserlache neben mir spiegelt sich der Mond still und friedlich. Die Gegenwart und alles, was uns umgiebt, schwindet, das ganze Leben liegt gleichsam aus einer Perspektive gesehen vor uns, die Größe der Natur läßt es so klein erscheinen. Und was für ein Unglück ist denn geschehen, wenn man alles recht bedenkt? Sechs Menschen treiben in südlicher Richtung auf einer Eisscholle. -- --

„Den 26. Juli. Keine Veränderung, außer daß wir dem Rande des Eises und dem offenen Meer näher gekommen sind. Die Bewegung scheint merklich abgenommen zu haben, trotz der Nähe des Meeres macht sie sich weniger bemerkbar als gestern.

„Wir treiben südwärts an der Küste entlang, scheinbar mit großer Schnelligkeit.

„Es ist vorläufig nichts zu machen, das Eis ist nicht fest genug, um die Böte und Schlitten darüber hinzuziehen, liegt aber zu dicht, als daß wir uns hindurch rudern oder stängeln können.

„Regenwetter hält uns im Zelt zurück.

„Wir müssen alles thun, um die Lappen zu ermuntern, die ihren Muth mehr und mehr sinken lassen, sie glauben, daß wir schließlich in den Atlantischen Ocean hinaustreiben. Eines Tages sprechen wir davon, wann wir wohl an Land gehen werden, und einigen uns darüber, daß es uns jedenfalls am Kap Farvel gelingen muß. Wir rechnen aus, wann dies spätestens geschehen kann, und kommen zu dem Resultat, daß uns dann noch Zeit genug bleibt, um uns an der Küste entlang nördlich emporzuarbeiten, um über das Eis zu gehen. Einige meinen, daß es, selbst wenn es dies Jahr zu spät werden sollte, doch am besten sei, gleich so weit wie möglich in nördlicher Richtung an der Ostküste vorzudringen, dort zu überwintern und das Leben so gut es geht zu fristen, um dann im Frühling die Reise nach der Westküste anzutreten. Ich bin der Ansicht, daß dies kein vernünftiger Plan ist, da es sehr schwer sein wird, den mitgebrachten Proviant, den wir während der Wanderung über das Eis nothwendigerweise haben müssen, unberührt zu lassen, aber +Dietrichson+ meint, daß dies doch unser einziger Ausweg sei, und -- wie er sich ausdrückt -- „wir riskiren ja nichts weiter als das Leben dabei“. Während wir so verhandeln, sagt +Balto+: „Redet doch nicht über so etwas, +Nansen+, wir kommen doch niemals an Land, wir treiben in den Atlantischen Ocean hinaus; ich bitte meinen Gott nur, daß er mich als bußfertigen Sünder sterben läßt, so daß ich in den Himmel kommen kann. Ich habe so viel Böses im Leben gethan, aber jetzt bereue ich es bitterlich, denn ich habe eine solche Angst, daß ich nicht selig werde.“ Ich fragte +Balto+, ob er es nicht für nothwendig halte, seine Sünden zu bereuen, selbst wenn er nicht so bald sterben müsse. Ja, das könne wohl nicht schaden, meinte er, aber es habe dann nicht so große Eile damit. Doch wolle er, wenn er diesmal mit heiler Haut davon käme, versuchen, ein besseres Leben zu führen. Wahrlich, ein naives Bekenntniß, das von einem eigenthümlichen Christenthum zeugt, einem Christenthum, wie man es aber leider wohl nur zu oft treffen kann. Ich fragte ihn, ob er denn, wenn er gerettet würde, das Branntweintrinken unterlassen wolle. Ja, er glaube wohl, wenigstens würde er nur ganz wenig trinken. Der verdammte Branntwein wäre schuld daran, daß er auf diese Reise gegangen sei. Ich fragte, wie das zu verstehen wäre. Er sei betrunken gewesen, als er N. N. begegnete, der ihn fragte, ob er mit nach Grönland wolle. Er wäre damals so muthig gewesen und habe gemeint, das sei etwas Rechtes für ihn. Aber am nächsten Morgen, als er seinen Rausch ausgeschlafen hatte und sich erinnerte, worauf er eingegangen sei, bereute er es bitterlich, meinte aber, es sei zu spät, um die Sache zu ändern, jetzt würde er gern viel Geld geben, wenn er nie mitgekommen wäre.

„Im übrigen ist die Stimmung im Zelt ganz vorzüglich; -- wir fühlen uns dort, wo wir sind, sehr gemüthlich. Einige lesen, Andere führen ihr Tagebuch, +Balto+ flickt Schuhe und +Ravna+ thut am liebsten -- wie gewöhnlich -- nichts. Nur die Aussicht, vielleicht wieder ins Meer hinausgetrieben zu werden, ist nicht geradezu erbaulich.

„Gegen Nachmittag klärt es sich ein wenig auf, der Regen läßt nach, und wir können Land sehen, das jetzt ebenso nahe wie früher vor uns liegt.

„Eine Stunde später fassen wir den Beschluß, uns durch das Schlampeis hindurch zu arbeiten. Es ist gefährlich, aber es muß versucht werden; wir nähern uns noch immer mit reißender Fahrt dem offenen Meere. Unter steter Gefahr für unsere Böte kommen wir eine ansehnliche Strecke vorwärts. Es gilt acht zu geben und die Böte glücklich in einen Hafen zu bugsiren, sobald sich das Eis zusammenschiebt. Einmal retten wir uns gerade im letzten Augenblick auf eine kleine niedrige Scholle, die später unter dem Druck des Eises in mehrere Stücke zerberstet, auf der wir aber doch sicher liegen.

„Als das Eis andauernd fest bleibt, fangen wir an, die Böte darüber hinweg zu ziehen, was keineswegs eine leichte Arbeit ist, da die Eisschollen infolge der Bewegung im Wasser bald getrennt, bald gegeneinander getrieben werden und bald zerschellen. Am schwierigsten ist es, die Schlitten von einer Eisscholle auf die andere überzuführen, ohne sie in die See fallen zu lassen. Oft müssen wir lange warten, ehe wir zurückkommen können, um den Rest der Schlitten oder die Böte von der Scholle abzuholen, auf der wir sie verließen. Bei angestrengter Aufmerksamkeit kommen wir doch einigermaßen schnell vorwärts. Aber was nützt das alles? Freilich machen wir uns eine gute Bewegung damit, und das ist eine wichtige Sache, einen andern Nutzen hat es aber nicht. Die See arbeitet schneller als wir, und es hat den Anschein, als sollten wir wieder in die Brandung hinausgetrieben werden. Wohlan, sei es, dann wollen wir uns aber bei Zeiten einen sichern „Segler“ aussuchen. Wir nehmen eine förmliche Inspektion aller Eisschollen in der Nähe vor, wir haben jetzt ein gutes Verständniß davon, wie eine solche Eisscholle beschaffen sein muß. Schließlich bestimmen wir uns für eine, die aus bläulichem, festem Eis besteht, dick, aber nicht groß ist und ungefähr die Form eines Fahrzeuges hat, so daß sie sich leicht auf den Wellen wiegen kann, ohne zu zerschellen. Sie hat einen so hohen Rand, daß die See nicht so leicht darüber hinwegspülen kann, auf einer Stelle aber ist eine Lücke, durch welche wir die Böte mit Leichtigkeit von dem Wasser aus heraufziehen können. Dies ist ohne Zweifel die beste Eisscholle, die wir gehabt haben, und auf dieser gedenken wir -- falls wir gezwungen werden, sie zu benutzen -- so lange zu bleiben, wie wir uns halten können, mag auch die Brandung toben und brausen.

„Natürlich hatten wir uns auch diesmal vergewissert, daß sich genügend Wasser auf der Scholle befand, ehe wir uns bestimmten, sie zu wählen. Wasser findet man übrigens fast auf allen Schollen, indem der auf denselben liegende Schnee schmilzt und das beste Trinkwasser liefert, das sich in kleineren und größeren Lachen ansammelt. Da machten wir denn lange Gesichter, als wir einmal Wasser in unseren Kochapparat gefüllt hatten und sich nun beim Probiren herausstellte, daß es salzhaltig war. Wir hatten nicht daran gedacht, daß fast aller Schnee hier abgeschmolzen war. Wir fanden endlich auf den höchsten Punkten der Scholle, wo noch Schnee lag, gutes Trinkwasser.

„Am Abend wurde ein vorzüglicher Kaffee servirt. Die Stimmung war sehr animirt. Hätte Jemand den Kopf durch die Thür unseres gemüthlichen Zeltes gesteckt und uns um unsere brodelnde Kaffeemaschine sitzen sehen, so würde es kaum den Eindruck gehabt haben, daß dies Menschen waren, die voraussichtlich binnen kurzem hinaus sollten, um einen Kampf mit Treibeis, Meer und Brandung aufzunehmen, dem es wohl nicht an Ernst fehlen konnte.

„Wir befinden uns nun gerade vor dem +Tingmiarmiuts+-Alpenland. Eine schöne Felspartie immer schöner als die andere wechselt an Grönlands großartiger Küste ab. Im Grunde ist es gar nicht so übel, hier durch das Eis zu treiben, wir bekommen mehr von der Küste zu sehen, als dies sonst der Fall gewesen wäre.

„Ueber Nacht ist das Wetter schön, still, kalt und heller Mondschein, -- ganz so wie gestern.

„Es muß die Wirkung des Kaffees sein, daß ich Gefallen daran finde, hier draußen zu sitzen und zu schwatzen, anstatt in den Sack zu kriechen, um frische Kräfte für die Anstrengungen des morgenden Tages zu sammeln. Gute Nacht!

„Den 27. Juli. Ich ging über Nacht doch nicht zu Bett. Das machte der Kaffee, -- eine reine Kaffeevergiftung!

„Ich ging auf und nieder und schwatzte mit +Sverdrup+, während er Wache hielt. Wir tauschten Erinnerungen aus unsern Knabenjahren aus. Die ganze Menschheit und das Leben nehmen sich von hier oben im Treibeise gesehen so wunderlich fern aus. Erst gegen Morgen krochen wir in unsern Sack und fielen in einen unruhigen Schlummer.

„28. Juli. Gestern lagen wir still, ebenso heute. Unsere Furcht, am äußeren Rande des Eises wieder in die Brandung zu gerathen, war nicht ganz unbegründet. Wir näherten uns ihr gestern auf kaum 300 ~m~. Wir sehnten uns jetzt fast darnach, hinaus zu kommen, da dies Leben im Treibeis doch ein Ende haben mußte, sobald wir in das offene Meer gelangten. Der Seegang war nicht stark und der Wind günstig, wir mußten in 24 Stunden bei Kap Farvel sein, und dort konnten wir sicher durch das Eis dringen und die Küste erreichen.

„Aber wir sollten nicht dahin gelangen. Als wir eine Weile an der Eiskante entlang getrieben waren, geriethen wir abermals an eine Zunge aus Treibeis, die sich südlich von uns zu erstrecken schien. Das Eis ist hier sehr schmal. Durch Peilung verschiedener Punkte der Küste entdeckten wir, daß wir -- die wir uns hart am Rande des Eises befanden -- ungefähr 3¾ Meilen vom Lande bei Mogens Heinesensfjord befanden.

„Gestern hatten wir regnerisches, kaltes Winterwetter mit bedecktem Himmel, heute lacht die Sonne warm und sehnsuchtweckend auf uns herab. Das Inlandseis nördlich und südlich von +Karra Akungnak+ liegt rein und weiß wie eine ebene, scheinbar leicht befahrbare Fläche da; im Innern wird es durch Reihen von Nunataks unterbrochen, -- und zwar durch weit mehr als auf Holms Karte verzeichnet sind. Es lockt und zieht uns weit, weit hin nach dem unbekannten Innern. Nun wohl, einmal wird unsere Zeit schon kommen!“ --

Mit diesem hoffnungsvollen Ausruf, der vielleicht wunderbar erscheinen mag, wenn man so häufig getäuscht worden ist, schließen meine Tagebuchsaufzeichnungen aus dem Treibeis. Die nächsten Aufzeichnungen kommen vom 31. Juli und lauten folgendermaßen:

„Welch ein Unterschied zwischen der Scenerie, die mich jetzt umgiebt, und der, inmitten welcher ich zuletzt schrieb: Damals Eis, Einsamkeit und das Brausen des Meeres, jetzt heulende Hunde, Heiden in Unmassen, niedergerissene Zelte, kurz -- Leben, Wirksamkeit und Sommer, vor allem aber Grönlands Felsengrund unter unsern Füßen.“

Diese Worte schrieb ich beim Aufbruch von dem ersten Eskimolager, auf das wir stießen, ehe ich aber mit den Mittheilungen aus meinem Tagebuche fortfahren kann, muß ich erst erzählen, wie wir hierher gelangten.

Am Abend des 28. Juli, nachdem ich meine obenangeführten Aufzeichnungen beendet hatte, trat ein starker Nebel ein, der das Land vor unsern Blicken verbarg. Im Laufe des Vormittages hatte sich das Eis mehrmals ein wenig zertheilt, was um so bemerkenswerther war, da wir uns ganz nahe an dem äußeren Eisrande befanden, wo der Seegang am stärksten war; man durfte wohl erwarten, daß er das Eis zusammenhalten würde. Die Veränderung im Zustand des Eises war jedoch nicht bedeutend genug gewesen, als daß wir uns bei dem starken Seegang mit unsern Böten hätten durcharbeiten können. Als aber Einige von uns den gewöhnlichen Abendspaziergang vor dem Schlafengehen machen, fällt es uns auf, in wie hohem Grade das Eis mehr und mehr nachläßt. Es hat den Anschein, als ob das Eis nach der See zu sich mehr und mehr zertheilt, und das sieht ganz sonderbar aus. Aber wir sind müde und haben keine rechte Lust, -- aufrichtig gesprochen, sind wir der ewigen Enttäuschungen überdrüssig; ich ging mit dem Gedanken um, in See zu gehen. So krochen wir denn in unsere Säcke. Eine Wache hatten wir aber wie gewöhnlich ausgestellt, und der Wächter erhielt die Ordre, uns zu wecken, falls das Eis noch mehr nachlassen sollte. In der Nacht verdichtete sich der Nebel, so daß wir nichts von unserer Umgebung sehen konnten.

Gegen Morgen hielt +Sverdrup+ Wache. Er ging im Nebel auf und nieder, -- erzählte er später, -- sah nach dem Kompaß und dachte, ob er denn wirklich verrückt geworden sei. Entweder mußte er oder der Kompaß es sein, denn er hörte die Brandung in der Richtung, wo nach seiner Berechnung Westen sein mußte und wo folglich das Land lag, während wir sie bis dahin stets von Osten her, wo sich das Meer gegen das Eis brach, gehört hatten. Dies konnte nicht mit rechten Dingen zusammenhängen. Später erklärte sich die Sache, wie wir sehen werden, auf andere Weise. -- Er hatte die Brandung an der Küste gehört.

Am Morgen lag ich eine Weile wach im Schlafsack, Ravna hatte die Wache gehabt und seine zwei Stunden wie gewöhnlich auf vier ausgedehnt. Ich lag lange da und amüsirte mich über sein kleines rundes bärtiges Gesicht, das durch die Thürspalte ins Zelt hineinguckte. Ich dachte, er grübele wie gewöhnlich darüber nach, ob jetzt wohl seine zwei Stunden abgelaufen seien, so daß er Kristiansen wecken könne, der nach ihm die Wache übernehmen sollte. Allmählich fiel mir aber der eigenthümlich unruhige Ausdruck seines sonderbaren Gesichtes auf. Ich fragte schließlich: „Nun, Ravna, kannst Du Land sehen?“ Nie werde ich den Ton vergessen, in welchem er auf seine naive Art erwiderte: „Ja, ja, Land, allzu nahe!“ (Beide Lappen bedienten sich der Verstärkung „allzu“ statt sehr oder viel.) Ich fragte, ob das Eis lose sei. „Ja, Eis lose.“ Diese Worte trafen mich wie ein Blitz. Ich sprang aus dem Sack und eilte an die Zeltthür. Vor uns lag das Land, näher als es jemals gewesen war. Das Eis war ziemlich lose und an der Küste gewahrte ich offenes Wasser. Ravna hatte wahrlich recht, das Land war „allzu“ nah, als daß wir müßig in unseren Säcken liegen konnten. Ich weckte die Gefährten, und wir fuhren in unsere Kleider und verzehrten unser Frühstück in fliegender Eile. Die Böte wurden ins Wasser gesetzt und beladen. Es währte nicht lange, bis wir fertig waren. Ehe wir die Eisscholle verließen, die uns so wohl geführt hatte und die aller Wahrscheinlichkeit nach unsere letzte sein sollte, begab ich mich auf den höchsten Punkt derselben, um zu sehen, welchen Weg wir einzuschlagen hatten. Im Eise war eine ganz merkwürdige Veränderung vor sich gegangen. Die ganze Treibeismasse schien vom Lande ab in südwestlicher Richtung getrieben zu sein. Ich konnte nur nach der Seite hin Eis entdecken, und die Luft über uns war ganz weiß, wie über großen Eismassen. In südlicher Richtung an der Küste entlang schien dagegen ganz offenes Wasser zu sein. Wir befanden uns nicht sehr weit davon entfernt, es erstreckte sich in einem langen Keil an der Küste und endete ein wenig nördlich von uns, wo das Eis hart bis an das Land hinan zu liegen schien. Wir befanden uns auf der inneren Seite der Eismasse, das Meer an der Außenseite konnte ich nicht mit Gewißheit erkennen.

Wunderbar, wie schnell sich das Rad des Schicksals dreht! Es war ganz klar, daß wir das Land in kurzer Frist erreichen mußten; hätte uns jemand das gestern gesagt, so würde niemand von uns an eine solche Möglichkeit geglaubt haben.

Wir stießen von unserer Eisscholle ab, und so schnell wie acht starke Arme uns vorwärts zu führen vermochten, ging es durch das offene Wasser zwischen den Eisschollen hindurch. Wir konnten fast den ganzen Weg rudern, nur an einzelnen Stellen mußten wir uns Bahn brechen.

Nach Verlauf von wenigen Stunden waren wir aus dem Eise heraus. Das Gefühl, das uns beseelte, als wir unsere Böte an der letzten Eisscholle vorübersteuerten und das offene, blanke Wasser sich bis an die Küste erstrecken sahen, läßt sich kaum mit Worten beschreiben. Wohl niemals hat ein Arm mit größerem Entzücken das Steuerruder geführt, als der meine in jenen Stunden. Es war, als seien wir aus einer langen, traurigen Gefangenschaft erlöst, als breite sich die Zukunft plötzlich hell und lockend vor uns aus. Und das Leben war jetzt auch licht. Kann es je lichter vor uns liegen, als wenn man Aussicht hat, das Ziel seiner Sehnsucht zu erreichen, als wenn man nach langer, langer Ungewißheit wieder in eine sichere Spur gleitet? Das ist die zitternde Freude des hereinbrechenden Tages, und ist der Tagesanbruch nicht stets schöner, wonniger als der klare Tag?

Fußnote:

[34] Ist die Luft am Horizont über dem Eise dunkel, so ist dies ein Zeichen, daß sich an der Stelle Schlampeis oder helleres Eis befindet; die dunklere Wasserfläche giebt in der Luft oder in den Wolken einen dunklen Widerschein. Solche Luft pflegt man Wasserhimmel zu nennen.

Kapitel X.

Historische Uebersicht über frühere Versuche, den Eisgürtel auf Grönlands Ostküste zu durchdringen etc.

So hatten wir denn endlich die erste Schwierigkeit unserer Reise überwunden. Wir hatten, wenn auch spät und auf einem südlicheren Breitengrad als wir beabsichtigten, den Treibeisgürtel an der Ostküste von Grönland durchdrungen und dies Ufer erreicht, was so Viele vor uns vergebens versucht hatten.

Es ist nicht mehr als unsere Schuldigkeit, daß wir, bevor wir weiter gehen, einen Rückblick auf diese Vielen werfen, die mit mehr oder weniger Glück oder Unglück uns den Weg bahnten, wenn auch unser Angreifen der Aufgabe sehr weit verschieden von der ihren war.

Die grönländische Ostküste wird bekanntlich nur von Wenigen besucht. Der Grund hierzu ist wohl hauptsächlich der, daß alle Diejenigen, welche eine Landung versucht haben, im Vordringen von dem Treibeis gehemmt wurden, das der Polarstrom südwärts führt, und das den größten Theil des Jahres in einem breiteren oder schmäleren Gürtel zusammengedrängt an der Küste entlang liegt.

Diese schwierigen Eisverhältnisse waren den alten Norwegern sehr wohl bekannt, was deutlich aus den vielen Berichten von Grönlandsreisen und Schiffsunglücken im Treibeis an dieser Küste, von welchen die Sagen berichten, hervorgeht.[35]

Einzelne Norweger müssen indessen die Küste erreicht haben.

So enthält die Floamanna-Sage (die in einer Handschrift aus dem Anfange des fünfzehnten Jahrhunderts erhalten ist) einen Bericht, daß der norwegische Isländer +Thorgils Orrabeinsfostre+ schon vor 900 Jahren (998) auf einer Reise nach der Westküste Grönlands (zu +Erik Raude+ in Østerbygden) von widrigen Winden zurückgehalten wurde und nach vielen Drangsalen Schiffbruch an der Ostküste von Grönland unterhalb der Eisgletscher in einer Bucht an einem sandigen Ufer erlitt, zu deren beiden Seiten große Eisgletscher ins Meer hinausragten.[36] Sehr bezeichnend ist es, daß sich dies im Herbst, Mitte Oktober zugetragen haben soll, in einer Jahreszeit, in der die Küste nach unseren jetzigen Erfahrungen am leichtesten zugänglich ist.

Die hier ans Land Geworfenen sollen aus +Thorgils+ samt Frau und ganzem Hausstand, sowie einem anderen Mann, +Jostein+, ebenfalls mit Frau und Hausstand, bestanden haben. Die Sage beschreibt sehr eingehend, wie +Thorgils+ vier Winter und vier Sommer hindurch sein Leben an dieser ungastlichen Küste fristet, vermittelst der spärlichen Hülfsmittel, die er sich dort verschaffen konnte und dem Wenigen, was aus dem Schiff geborgen war -- ein Boot, ein paar Stück Kleinvieh und etwas Mehl.

Zwei Winter und den dazwischen liegenden Sommer hielt sich +Thorgils+ an dem Orte auf, wo er gestrandet war, indem er des Eises wegen nicht fortkommen konnte.[37]