Auf Gottes Wegen

Chapter 9

Chapter 93,915 wordsPublic domain

Die umliegenden Gärten und Felder waren teils nackt, teils mit Schnee oder Eis bedeckt; dorthinaus wollte sie. Aber er zeigte ihr, daß bald ein Haus, bald ein geschlossener Garten den Weg versperrte; es war nicht wie auf dem Lande. Die Felder sahen zerrissen aus, ebenso der Himmel. Lange Wolkenherden zogen durch das schwarze Blau dort oben, genau wie das Eis zwischen den kahlen Stellen hier unten lag. Der Mond schien in rasender Hast hinter den Wolken herzujagen, sie einzuholen, durch sie hindurch und weiter zu fahren. Da droben mußte ein Orkan toben; hier unten war es still. Kallem fühlte sich unglücklich und unsicher seines Fehlgriffs wegen. Das unstäte Licht über der Landschaft mit ihren zerrissenen Farben erhöhte diese Stimmung noch; ganz gewiß würde etwas Schlimmes geschehen. Und wie immer, wenn dieses Gefühl über ihn kam, zog jene Schreckensnacht aus seiner Kindheit mit allen Konsequenzen an seiner Seele vorüber. Sollte denn dies angstvolle Vorgefühl eigener Fehlgriffe sein ganzes Leben verfolgen? Er spannte alle seine Sinne an: sie durfte nicht hinfallen. Ohne ihre Hasenherzigkeit wären die Hügel eine einzige lustige Schlitterbahn gewesen; nun machte sie auch ihn ängstlich. Jede glatte Stelle wurde zu einer wirklichen Gefahr, und die Errettung aus der einen brachte nur eine neue Gefahr, in die sie gerieten. Sie sprachen nicht, sahen sich nicht an, beide ängstlich und ungeduldig. Minuten brauchten sie, wo Sekunden genügt hätten; der eine schob im Stillen die Schuld auf den andern, während sie kämpften, als gelte es das Leben. Nur ein atemloses: "O Gott!" oder "Nehmen Sie sich ja in acht hier!" oder ein hoffnungsloses: "Nein, es geht ja nicht!" und ein "Versuchen Sie's noch einmal! Kommen Sie!" Zuletzt nicht einmal mehr das. Sie mochte jammern, verzweifeln, beinahe weinen -- er antwortete nicht mehr. Und so sehr war sie von ihrer Angst erfüllt, daß sie den Übergang nicht einmal merkte.

Da sahen sie in der Ferne die Rettung, nämlich zu beiden Seiten hohe Häuser, die Schutz boten gegen die Sonne, so daß der Schnee nicht geschmolzen war. Dorthin galt es zu kommen, dort war auch ganz in der Nähe ein Schlittenhalteplatz. Endlich war es geglückt. Sie blieb stehen, holte tief Atem und versuchte zu lachen; aber es ging nicht. "Wir wollen einen Augenblick stehen bleiben!" bat sie aufs neue tief aufatmend. Sie ließen einander los; weiter unten hörte man Schellengeklingel; beide lauschten. "Wenn nur nicht der letzte. Schlitten gerade wegfährt!" sagte sie. "Es ist spät." Sie nahm seinen Arm und sie gingen weiter. Ganz leicht war es auch hier nicht, der Schnee war festgetreten, aber auf dem Fußweg war gestreut. Sie gingen jetzt schneller und allmählich sicherer. "Gott sei Dank!" sagte sie erleichtert, als komme sie vom Eismeer zurück. Aber kaum hatte sie es gesagt, so lag sie auch schon am Boden. Sie waren an eine tückische Stelle geraten, wo ausgegossenes Wasser gefroren war und sich später mit einer Reifschicht überzogen hatte. Sie glitt aus und zwar gerade über einen seiner Füße, so daß auch er ausglitt und fiel -- der eine über den andern. Er machte seinem übervollen Herzen in einem Fluch Luft und war sofort wieder auf den Beinen, um ihr zu helfen. Aber sie lag regungslos, mit geschlossenen Augen da.

Es überlief ihn eisig. Eine Gehirnerschütterung? Er hob sie auf und legte sie über sein Knie, zog mit den Zähnen seinen rechten Handschuh aus und machte ihr den Kragen auf. Ihr Arm hing herunter, ihr Gesicht war totenblaß. Er öffnete ihren Mantel, um ihr Luft zu schaffen. Jetzt rührte sie sich. "Ragni!" flüsterte er. "Ragni!" und beugte sich tiefer auf sie herab, "süße, süße Ragni! Verzeih mir!" Sie schlug die Augen auf. "Verzeih mir, hörst Du!" In ihren Wangen stieg die Röte auf, ihre Hand griff nach dem Mantel, der offen war; sie hatte es also gefühlt, nur in der Betäubung des Schreckens gelegen. Er konnte seine Freude nicht mehr zügeln, -- er zog ihren Kopf zu sich empor und küßte sie ein-, zwei-, dreimal. "O Du -- wie ich Dich liebe!" flüsterte er und küßte sie wieder. Sie wollte sich aufrichten; er merkte es, stand sofort auf und zog sie mit empor. Aber sie konnte nicht allein stehen, sondern taumelte, so daß er sie an den Gartenzaun gerade vor dem Hause lehnen mußte. Daran hielt sie sich und neigte sich darüber, als könne sie allein sich nicht tragen. Er ließ sie los, um zu sehen, ob sie sich aufrecht halten konnte; ja, es ging. "Ich laufe nach einem Wagen!" sagte er, und fort war er. Im Laufen fiel ihm ein, daß er das von Anfang an hätte tun können, dann hätte sich alles das vermeiden lassen. Ob noch ein Wagen zu haben war? Wenn nicht, so rannte er eben weiter. Wenn sie nur stehen konnte! Wenn nur niemand kam ... Er sprang, er glitschte, und als er einen Schlitten stehen sah, sprang er hinein und befahl dem Kutscher, draufloszufahren, was das Pferd nur laufen könne, ohne ihm zu sagen, wohin. Erst als dies erledigt war und der Schlitten davonsauste, kam ihm zum Bewußtsein, was er gesagt und getan hatte, während er sie in seinen Armen hielt. Es hatte wohl in ihm fortgetönt, aber jetzt erst brach es in voller Melodie hervor.

"Fahren Sie zu! Dort steht sie, dort rechts! Wir sind gefallen, und sie hat sich wehgetan. Ja, dort!" Er sprang heraus und eilte zu ihr hin, während der Kutscher umwendete und dicht heranfuhr. Sie lehnte noch immer am Zaun, aber jetzt halb mit dem Rücken und halb von der Seite. Den Mantel hatte sie wieder zugeknöpft und den Schleier herabgezogen. Als er kam, streckte sie die Hand aus, um sich zu stützen; er nahm sie, legte aber seinen andern Arm um ihren Leib, um sie vor sich herzuführen; er wollte nicht noch einmal riskieren, daß sie ihm ein Bein stelle. Es ging gut, er hob sie in den Schlitten, packte sie ein, bezahlte den Kutscher und nannte die Adresse. Sie bat ihn, nicht mitzufahren. Sie sagte nicht gute Nacht, sie blickte nicht auf. Und der Schlitten fuhr ab.

Er fühlte sofort -- jetzt ging sie von ihm. -- -- --

Nichts macht einem wackern Burschen soviel zu schaffen wie seine eigene Dummheit und Ungebärdigkeit. Stundenlang strich er diese Nacht durch die Straßen und schlich dann nach Hause wie ein geprügelter Hund. Am nächsten Morgen wagte er nicht, das Mädchen zu fragen. Aber abends erzählte sie ungefragt, die gnädige Frau sei nicht wohl gewesen; sie habe Erbrechen gehabt und liege zu Bett; immerhin gehe es besser. Maries mitwissendes Lächeln versetzte ihn in ohnmächtige Wut. Sie hatte noch obendrein die Unverschämtheit, in seinem Gesicht zu forschen. Trotzdem mußte er sich den Tag darauf bequemen, zu fragen. Ja, die gnädige Frau sei auf, und es gehe ihr ganz gut. Aber weder diesen, noch den nächsten Tag bekam er einen Schimmer von ihr zu sehen; auch von den Kindern hörte er keinen Ton. Sie spielte auch nicht am Abend; er blieb eigens zu Hause, um zu horchen. Weder sie selbst, noch die Kinder kamen den gewohnten Weg an seiner Tür vorbei, wenn sie ausgingen; sie gingen die Hintertreppe hinunter. Nie traf er sie mehr. Sie wählte neue Wege.

Bisher war seine Liebe ein heimliches Glück voll von Plänen gewesen. Jetzt war er gewaltsam ins Heiligtum eingebrochen, und ein endloser Traum, ein fruchtloses Grübeln löste seine klaren Tage und seine gesunden Nächte ab. Er ging alles durch, was geschehen war, jedesmal mit brennender Selbstquälerei. Er verachtete sich selbst, ließ sich zu Kneipereien mitschleppen und verachtete sich noch mehr. Seitdem er ihre Lippen berührt, ihr Ohr beleidigt hatte, war ihr Bild wie mit einem Schleier überzogen; er sah nicht das reine Taubenweiße, das von Musik Getragene in all seiner Anmut und Hilflosigkeit; er sah ein Weib, das er begehrte. Aber er hatte Sinn für Humor und eine gesunde Natur; er wollte sich nicht in Selbstquälerei und törichter Begierde verzehren. Er wollte sogleich ausziehen, und zwar unter dem Vorwand einer Reise. Damit glaubte er über alle Schwierigkeiten hinwegzukommen wie über einen Zaun. Er hielt es nicht aus, daß ihm das Haus verschlossen war; er hielt nicht einmal das unverschämte Lächeln des Mädchens mehr aus.

Auf einmal frappierte ihn die Ähnlichkeit, die sein Umzug mit dem Aufbruch Rendalens hatte. Auch Rendalen hatte kurzen Prozeß gemacht. Es war doch nicht etwa aus demselben Grund gewesen -- --? Er schlug eine Lache auf. Natürlich -- genau dasselbe war auch dem widerfahren!

Rendalens Mutter war in der Stadt gewesen und hatte hier gewohnt; während der Zeit war Ragni viel mit den beiden zusammen gewesen; Rendalen und sie hatten vierhändig gespielt. Das hatten sie auch nach der Abreise der Mutter fortgesetzt -- und immer auf seinem Flügel, das wußte er ... Er empfand dieses Zusammentreffen wie eine Demütigung.

Eine feinere, edlere Natur als Rendalen kannte Kallem überhaupt nicht; der hatte sich auch nicht das Geringste erlaubt. Aber daß sie auch ihn so unruhig machte, daß er auszog! Sie mußte also etwas derartiges an sich haben? Das redete er sich zu seiner Entschuldigung ein. Ja, noch mehr, er empfand es als eine gesteigerte Versuchung. Am selben Abend noch sagte er Marie, er müsse verreisen, entweder morgen oder den Tag darauf, das wisse er noch nicht; jedenfalls solle sie um die Rechnung bitten; selbstverständlich bezahle er das volle Quartal. Das Mädchen sah ihn an; sie erriet sofort den tieferen Zusammenhang. Weidete sie sich daran, -- hatte sie etwas zu erzählen? Sie fragte in ihrer bescheidenen Art, ob er die Rechnung sogleich wünsche. Nein.

Am nächsten Tag kam es nicht zum Umzug; aber am folgenden sollte er vor sich gehen. Er wollte ein paar Tage verreisen, sich aber zuerst eine neue Wohnung suchen und seine Sachen hinbringen lassen. Nachmittags ging er aus und mietete -- und zwar in einem ganz andern Teil der Stadt. Dann überlegte er eine Weile, was er als Grund angeben solle, namentlich Rendalen gegenüber. Er beschloß, ihm die volle Wahrheit zu sagen, den andern einfach, er sei in seiner jetzigen Wohnung mehrfach gestört worden; es war ja auch wahr. Gegen fünf Uhr kam er wieder nach Hause, ging ins Schlafzimmer, zog Schlafrock und Pantoffel an, ging dann wieder ins Nebenzimmer und legte sich aufs Sofa, wo er in einen tiefen Schlaf fiel; den hatte er auch nötig. Gegen sieben kam das Mädchen und heizte ein, ohne daß er es merkte. Etwas später erwachte er, hörte das Prasseln und sah die Helle und schloß daraus, daß es über sieben sein müsse. Seine Gedanken waren sofort drüben bei ihr. Er hoffte ganz heimlich, wenn sie erführe, daß er fortziehe, so würde er sie noch einmal spielen hören. Bisher hatte er sich hierin getäuscht; aber trotzdem konnte er den Glauben, daß seine Abreise ihr naheging, nicht aufgeben. Er lag auf dem Bett und lauschte. Sollte er ohne weiteres zu ihr hineingehen und Abschied nehmen? Sollte er Licht anzünden? Sollte er wieder ausgehen? Er stand auf und starrte ins Ofenfeuer. Da hörte er im Vorsaal eine Tür gehen und mehrere Stimmen -- ein paar Damenstimmen mit stark nordländischem Tonfall. Er dachte, es seien wohl neu angekommene Verwandte, die zum Besuch dagewesen waren. Die Damen wurden bis zur Tür begleitet; er hörte die langsame Sprechweise der Tante, auch eine Männerstimme hörte er -- war das Ole Tuft? Nur die, nach der er lauschte, hörte er nicht. Allgemeines Abschiednehmen, die Tür wurde zugemacht. Dann die Stimme der Tante und Ole Tufts -- wirklich, es war seine Stimme. Er mußte also eben gekommen sein, als die andern gingen. Beide verschwanden im Zimmer der Tante, die Tür schloß sich hinter ihnen, gleichzeitig wurde weiter hinten eine Tür geschlossen. Wieder klingelt es, wieder geht eine Tür auf und herausstürmen jubelnd die zwei Kinder; sie wollen die Gelegenheit benützen und zu Kallem hinein; aber sie dürfen nicht. Unter Gelächter wird im Korridor Jagd auf sie gemacht; sie werden eingefangen, und eine Tür wird hinter ihnen zugeschlagen; gleichzeitig öffnet sich die Entreetür; eine der Damen hatte ihre Überschuhe vergessen. Und jetzt hörte er Ragnis Stimme: sie wolle Licht holen, es sei ja ganz dunkel hier. Im Singsang der nordländischen Schifferlieder wurde das abgelehnt. Hier waren die Gummischuhe, gleich an der Tür; sie seien nur nicht leicht anzuziehen -- es seien ganz "neue"! So! Nun saßen sie. Wieder ein zärtliches "Adieu, adieu!" und als Antwort ein "Auf Wiedersehen am Freitag!" Das letzte sagte Ragni. Täuschte er sich --oder klang es wirklich wie die Stimme eines Menschen, der sich in der Nähe einer Gefahr glaubt? Nicht so recht ihre gewohnte Stimme? Sprach sie, ohne es zu wollen, von ihm? Er schnellte auf und war an der Tür, noch ehe sie draußen zugemacht hatte. Wenn er öffnete, standen sie sich Auge in Auge gegenüber. Sollte er --? Er lauschte wie auf ein Zeichen. Er hörte sie nicht gehen; vielleicht stand sie draußen? Sein Herz schlug Sturm, während die Hand leise, leise auf die Türklinke drückte und lautlos öffnete. Vor seinen Augen, die in das Ofenfeuer gestarrt hatten, lag der Gang draußen im Stockfinstern. Er tastete sich nach der Entreetür, fühlte das Schloß, tastete sich weiter vor; aber es war niemand da. Sollte sie mit hinausgegangen sein? Nein, sie hatte sich ja verabschiedet und von Wiederkommen am Freitag gesprochen. Weshalb hatte er sie dann nicht gehen, keine Tür hinten öffnen hören? Sie mußte hier im Flur sein. -- Er hörte sein eigenes Herz schlagen; aber vorwärts mußte er. Jetzt fühlte er Kleider zwischen den Fingern; eisig durchrieselte es ihn; aber gleich kam ihm die Besinnung wieder -- die Kleider waren kalt und leer. Dann räusperte sich drinnen jemand -- das war Kule. Von der Küche oder vom Eßzimmer her tönte Geplauder -- das waren die Kinder. Bei diesen freundlichen Lauten aus einer Welt des Guten stand er still wie ein Verbrecher. Er hätte das nicht tun sollen. Nun hörte er die langgezogenen Fragen der Tante und Oles klare Antworten, d. h. die Töne, nicht die Worte. War Ragni im Korridor? Sie konnte ja etwas gesucht haben und, erschrocken über sein Auftauchen, stehen geblieben sein. Wenn er weiter ging, konnte er sie erschrecken, so daß sie geradenwegs auf eine Tür zustürzte und sie öffnete. Dann stand er im vollen Lichte da! -- -- --

Nein, dazu war sie zu furchtsam. Wieder ein paar Schritte vorwärts. Er hatte Pantoffel an; man hörte ihn kaum; aber er wünschte, sie möchte nicht da sein. Die Kinder plauderten gerade am andern Ende des Korridors; je näher er kam, desto deutlicher hörte er es; er sah sie im Geist auf ihren Stühlchen knien und Häuser auf dem Tisch bauen. Er schämte sich. Was wollte er eigentlich? Aber während er sich das fragte, ging er weiter; er tastete von einer Seite zur andern, von einem Mantel zu einem Schal, vom Rahmen einer Tür nach den Vorsaalfenstern, von denen er einen Schimmer sah. Ein Wagen rumpelte vorbei, gleich darauf erklang gedämpftes, ungleiches Schellengeläut; bei diesem Übergangswetter benützte man beides, Wagen und Schlitten. In der Küche fiel etwas zu Boden; Kule räusperte sich wieder; die Zeit mußte ihm lang werden; vielleicht brauchte er Licht? Zwischen dem Kinderzimmer und der Küche stand anscheinend die Tür offen, denn auf einmal waren die Kinder draußen und fragten, was hinuntergefallen sei. Das Nordlandmädchen antwortete schwerfällig, in langgezogener, süßlicher Freundlichkeit, eine Un-ter-tas-se wäre hinuntergefallen, sie sei vom Bo-rt heruntergerutscht. Weiter! War Ragni überhaupt hier, so stand sie in der hintersten Ecke. Wie sie sich ängstigen mußte! Was mochte sie von ihm denken! Und wenn er umkehrte, nahm er sich aus wie ein ertappter Dieb. Jetzt vermochte er am Fenster ein klein wenig zu sehen; aber weiter hinten wieder nichts, kein Lichtschimmer unten oder oben an den Türen, auch aus den Schlüssellöchern nicht; nicht einmal geradeaus vor dem Kinderzimmer. Ob sie vielleicht dort stand? Er bildete sich ein, daß er sie dann sehen müsse.

War sie vielleicht zur Tante hineingegangen -- dicht neben seiner Tür? Oder hatte sie ganz einfach die Tür zur Stube der Kinder oder zum Zimmer Kules hinter sich offen stehen lassen, als sie herauskam, und sie im selben Moment geschlossen, als er seine öffnete? Und saß nun drinnen und träumte? Das nahm er jetzt als ganz sicher an; denn er wünschte, es möchte so sein. Dennoch ging er weiter. Endlich stand er ganz hinten an der Tür; er hörte die Kinder und links die Köchin, die in ihrer Küche rumorte und ab- und zuging. Jetzt kehrte er um und fühlte sich gleich freier. Mit ausgestreckten Händen ging er zurück, diesmal schneller. Da faßte er einen warmen, festen Arm. Er erbebte, erschauerte, Funken sprühten vor seinen Augen; er blieb stehen. Aber der Arm regte sich kaum, und er faßte wieder Mut. Langsam ließ er die Hand vom Arm um ihren Leib gleiten und umschlang sie behutsam. Warm und weich fühlte es sich an; sie stand ganz still, aber ein Zittern ging durch ihren Körper. Er zog sie leise an sich. Mit der andern Hand faßte er die ihre und drückte sie; auch diese zitterte. Er drückte sie wieder -- und nun glitten sie langsam, Schritt für Schritt vorwärts -- sie ohne Widerstreben, aber auch nicht freiwillig. Er hörte kaum seine eigenen Schritte, die ihrigen gar nicht. Die Kinder plauderten leise. Aus den Zimmern Kules und der Tante kam jetzt kein Laut; vor ihnen ein schwacher Schimmer aus seiner eigenen Tür. Jetzt waren sie dort; er stieß die Tür behutsam auf und wollte sie hineinführen. Aber nun blieb sie stehen und wollte ihm ihre Hand entziehen. Er hörte ihr Atmen, fühlte ihren Hauch, sah das blasse Gesicht, während er sie sachte bis zur Schwelle schob --dann hinüber -- und die Tür hinter ihnen anlehnte. Drinnen ließ er sie los, um so leise wie möglich ganz zuzumachen. Sie blieb stehen, wie er sie verlassen hatte, mit dem Rücken gegen ihn, beide Hände vors Gesicht gepreßt. Als er kam, fing sie zu weinen an. Er umschlang sie, um sie an sich zu drücken, und jetzt ging ihr Weinen in Schluchzen über. Sie schluchzte so schmerzlich, so unglücklich, daß sein Blut nüchtern wurde, und er auf ganz andere Gedanken kam. Willenlos ließ sie sich nach dem Sofa führen; sie weinte so verzweifelt, daß ihn plötzlich nach Licht verlangte, wie wenn jemand krank wird. Darum machte er hastig die Lampe zurecht; dann fiel ihm ein, daß er erst die Gardinen zuziehen mußte; und nun erst zündete er an.

Nur ein Mensch, der sein Leid Tage und Nächte lang in seinem Innern verschlossen hat, kann so weinen. Der Tisch zitterte, an den sie sich lehnte.

Hundertmal hatte er über Liebhaber in Romanen und Theaterstücken gespottet, die auf die Knie sinken. Jetzt schob er das eine Tischende beiseite und ließ sich vor ihr aufs Knie gleiten wie der demütigste Sünder. Er suchte ihr Gesicht; aber sie hielt mit beiden Händen ihr Taschentuch vor. Kopf, Brust, Schultern bewegten sich stoßweise unter ihrem heftigen Schluchzen. Er fühlte jeden Ruck und bat und bat, sie möge ihm doch vergeben! Er sei nicht Herr seiner selbst gewesen, als er damals, auf dem Eis, so zu ihr gesprochen habe. Er liebe sie, sie gehörten zusammen. "So weine doch nicht so!" bat er, "das halt' ich nicht aus!" Er nahm sie bei den Händen, zog sie neben sich aufs Sofa, lehnte ihren Kopf an seine Brust und schlang die Arme um sie; er küßte ihr Haar, er lehnte ihre feuchte Wange an seine. Was er auch begann -- sie weinte. Er wollte ihr Wein zu trinken geben. Nein, nein! Aber dieses Schluchzen war zu entsetzlich! War der Grund, weil er sie mit zu sich hereingenommen hatte? Er habe sich so nach ihr gesehnt, daß er nicht habe widerstehen können, als er sie draußen im Gang gehört habe. Sie könne doch nicht wollen, daß er ohne Abschied weggehen solle? Und sie nie wieder sehen? Sie schüttelte den Kopf, machte sich von ihm los, legte das Gesicht auf den Tisch und weinte in ihr Taschentuch hinein, noch heftiger als zuvor. "Soll ich _nicht_ fort?" fragte er. Doch sie hörte es gar nicht. Da ließ er sie ruhig weinen; erst nach einer langen Pause beugte er sich zu ihr nieder und sagte: "Ich tue alles, was Du willst." Da hob sie sich und all ihr Weinen vom Tisch und schmiegte sich an seine Brust. Er umschlang sie mit beiden Armen, und während er sie so hielt, fühlte er --sie faßte es schöner und tiefer auf als er.

Ein Geräusch wurde an der Tür hörbar und gleich darauf wurde sie geöffnet. Das Mädchen kam mit dem Abendessen. Erschrocken ließ er die Frau los und stand auf. Ragni aber legte sich einfach wieder über den Tisch und schluchzte. Das Mädchen setzte das Brett behutsam auf die Ecke des Tisches, die frei war, stellte ebenso behutsam die Lampe weg und schob das Brett nach. Sie war rot und sah keins von den beiden an; aber das Lächeln war da und sagte deutlich: "Das hab' ich schon längst erwartet!" So wunderbar verschieden kann man eine und dieselbe Sache sehen, daß Kallem jetzt fand, es liege eine verschwiegene, schalkhafte Freude darin. Still war das Mädchen gekommen, still ging es wieder hinaus und schloß die Tür hinter sich, so leise wie er selber vorhin.

"Gott im Himmel, Ragni!" rief er. Sie antwortete nicht; ihr schien das alles viel zu klein; das Leid, das sie bedrückte, überwog alles. Er kam zurück und preßte sie wieder an sich; da sagte sie: "O Gott, was bin ich unglücklich!" -- und das war eigentlich das einzige, was sie sagte, solange sie da war. Er konnte nichts erwidern; alles was ihm einfiel, kam ihm dumm vor. Er machte wohl einen leisen Versuch, und half mit Liebkosungen nach; aber sie wehrte das eine wie das andere ab; sie stand auf -- sie wollte fort. Er fühlte sich außerstande, sie zurückzuhalten, sondern geleitete sie zur Tür. Ehe sie öffnete, wandte sie sich nach ihm um, voll schmerzlicher Hingebung, wie in der Todesstunde. Er löschte die Lampe, und sie glitt hinaus.

Aber im selben Augenblick, als sie die Tür hinter sich schloß, fiel ein schwacher Lichtschein auf sie; er kam aus der Vertiefung, die zum Zimmer der Tante führte; dort wurde eben die Tür geöffnet, und sie selbst stand davor -- in Ragnis aufgescheuchter Phantasie groß wie ein aufgerichteter Walfisch. Natürlich -- die Tante hatte Ragni im Zimmer des Mieters schluchzen hören und sofort erfaßt, was Ragnis seltsames Wesen in all den Tagen zu bedeuten hatte. Nun stand sie vor ihrer Tür Wache, und im selben Moment, als Ragni aus Kallems Zimmer kam, stieß die Tante ihre Tür auf, so daß der Lichtschein auf die Kommende fiel. Die Tante streckte die Hand aus; das hieß so viel als: "Hier herein, mein Kind!" Und Ragni kam. Die Tante ließ sie an sich vorüber. Sie war nicht allein. An der Wand gegen das Zimmer hin, das Ragni eben verlassen hatte, stand ein Sofa, und aus der Sofaecke erhob sich ein hochgewachsener blonder Mann mit mildem Antlitz -- Ole Tuft. Er war zuerst auf ihr Weinen aufmerksam geworden und war sogar an Kallems Tür gewesen. Ragni sank auf einen Stuhl zwischen Sofa und Tür.

* * * * *

Tags darauf lag sie zu Bett. Aber bevor Kallem ausging, schickte sie ihm einen Zettel, auf dem sie schrieb, die Tante habe gehört, wie sie bei ihm geweint habe, ebenso Herr Tuft; er sei sogar an der Tür gewesen. Weiter kein Wort; doch -- ganz unten, fast unleserlich: "Nie wieder!"

Mitten in der Angst, die auch ihn jetzt befiel, fand Kallem diese beiden armen Wörtchen: "Nie wieder!" doch so beredt, daß sich seine Augen mit Tränen füllten; aber auch sein Herz mit Mut. Jetzt mußte etwas geschehen! Die Tante und Ole Tuft hatten sie ins Gebet genommen! Er hatte nichts gehört; es mußte sehr still zugegangen sein, oder sie waren nicht im anstoßenden Zimmer gewesen. Arme, arme Ragni!

Tiefstes Mitleid ergriff ihn und heftigster Ingrimm, Furcht, Rachelust, grenzenlose Liebe, Enttäuschung, Wut!