Chapter 8
Sofort engagierte er Frau Kule und sagte ihr ganz erstaunt, sie sei ja seine Wirtin? Ob sie das wisse? Ob sie ihn darum vorhin geholt habe? Sie sah aus, als fühle sie sich auf einer Sünde ertappt und wußte nichts zu ihrer Entschuldigung vorzubringen. "Aber warum haben Sie mir denn das nicht gesagt?" fragte er eifrig und eindringlich. Über diese neue Sünde -- daß sie es verschwiegen hatte -- wurde sie noch viel zerknirschter; sie wußte keine Silbe zu erwidern. Da sagte er -- übermütig und ungeduldig: "Das Sprechen fällt Ihnen wohl schwer, gnädige Frau?" Sie wurde sehr blaß. In ihr Gesicht trat zu dem Schrecken etwas herzzerreißend Unglückliches. Seine ganze Ungezogenheit kam natürlich daher, daß er von vornherein wegwerfend von einem Geschöpf dachte, das sich dazu hergegeben hatte, solch einen Klumpen verdorbenen Fleisches zu heiraten. Aber ihre blasse Hilflosigkeit erweckte so unmittelbar sein Mitgefühl, daß er rasch hinzufügte: "Ich weiß ja, Sie verfügen über eine Sprache, die Ihnen leichter fällt, als den meisten andern." Und nun ging er ganz natürlich auf ihre Musik über, führte sie zu einem Platz, erzählte, er habe sie spielen hören, und erwähnte Rendalens kompetentes Urteil. Dann lenkte er die Unterhaltung auf allerhand berühmte Virtuosen, die er selber gehört hatte und fesselte sie auf diese Art; denn auch sie hatte viele von ihnen gehört. Nach und nach faßte sie soviel Zutrauen, daß sie nach Rendalen zu fragen wagte; sie habe ihn nicht wiedergesehen, seitdem er ausgezogen sei. -- Es gehe ihm recht gut. --Und nun schilderte er Rendalens Eigenheiten so, daß sie lachen mußte. Sie sah nicht dumm aus, wenn sie lachte; ganz und gar nicht. Einen Augenblick konnte dann auch das "Vielstrahlige" in ihre Augen kommen. "Weshalb ist Herr Rendalen ausgezogen?" fragte sie. Es klang ebenfalls ein bißchen singend nordländisch; aber weniger als bei der Schwester. Die Stimme war in all dem Lärm ziemlich schwach, aber sehr süß. Er antwortete mit einer Gegenfrage. Nein; sie wisse nichts; und dabei sah sie ihn an. Waren das Augen! "Ob es wegen des Zimmers war?" -- "Des Zimmers?" fragte er zurück. -- "Ja -- daß er vielleicht gehört hat, die Tante möchte es gern -- die Tante meines Mannes!" berichtigte sie und war schon wieder ganz verlegen. -- Ob sie ihm denn gekündigt hätten? -- Keineswegs! -- "Na, dann konnte er sich doch auch nicht gekränkt fühlen!" -- Nein, das meinte sie auch. Aber Rendalen sei nicht einmal gekommen, um sich zu verabschieden. Die Verlegenheit verließ sie nie ganz; sie stand ihr gut, wie ein Schleier bisweilen kleiden kann. "Waren Sie oft mit seiner Mutter zusammen?" -- "Ja!" sagte sie und lächelte. -- "Weshalb lächeln Sie?" --"Ach -- es ist vielleicht nicht ganz recht -- aber sie war wie ein Mann." -- Kaum hatte sie das gesagt, so wurde sie verlegen und wollte es zurücknehmen; sie habe bloß gemeint, Frau Rendalen sei so tüchtig. Kallem hielt sie aber dabei fest und trieb Ulk damit; sie mußte wieder lachen, und wie gesagt, wenn sie lachte, war sie süß. "Aber Sie können ja sprechen?" Sie sah ihn verstohlen an; machte er sich lustig über sie? Dann erinnerte er sich, daß Rendalen ihr gesagt hatte, sie solle die Stirn frei tragen; und heute abend trug sie die Stirn frei. Schau', schau'!
Wie schön sie tatsächlich war! Daß er das nicht gleich gesehen hatte! Daß andere es nicht sahen und davon sprachen! Das Gesicht freilich kindlich, unentwickelt, und die schlanke Figur ein bißchen schmächtig. Ihre Stirn war entzückend; die Brauen waren fein gebogen, aber hell und nicht stark. Die Augen bekam man auch jetzt nur schwer zu sehen; aber er wußte nun, daß sie in ihrer graublauen Scheuheit treuherzig und daß sie reich waren. Weich und unbestimmt waren Wange, Kinn und Mund; -- der Mund stand ein bißchen offen; er war klein, und wirkte dadurch ganz besonders "süß". Die Nase war unbedeutend, und auch etwas schief. Das Haar nicht stark, jedoch mit einem rötlichen Schimmer über dem Blond. Aber die Hautfarbe! Vom reinsten zartesten Weiß. -- Man konnte den Blick nicht mehr davon wenden, wenn man es einmal entdeckt hatte! Man sah es freilich nicht gleich, wenn die Farbe des Kleides sie nicht hob und die Beleuchtung schlecht war. Sie trug keinen Schmuck, nicht einmal ein Armband. Die Handgelenke ließen eine lange, schmale Hand ahnen, die er gern gesehen hätte. "Sie lieben also die Musik über alles?" -- "Ja," erwiderte sie; "es ist ja das einzige, was ich kann!" Sie blickte vor sich nieder. Er überlegte, ob er eigentlich nichts fragen könne, was sie nicht als Schande empfinden konnte. Aber vor allem mußte er sich selber in acht nehmen; war er nicht auf dem besten Weg, sich zu verlieben? Leider müsse er jetzt weiter, um mit andern zu tanzen und sich zu unterhalten. Sobald er sie verlassen hatte, war ihm, als finde er sie nicht wieder; aus der Entfernung wurde sie gewissermaßen unsichtbar. Sobald es der Anstand erlaubte, war er wieder bei ihr. Sie hatte augenscheinlich nichts dagegen. Diesmal war sie ein bißchen zutraulicher, ja, sie sah ihn sogar ein paarmal an und lächelte ihm gerade in die Augen. Ei, ei! Das war mehr, als Rendalen erreicht hatte! Seine Verliebtheit hatte begonnen durch ihre Verlegenheit und wuchs durch ihre Zutraulichkeit. Er fragte, ob er die Damen nach Hause begleiten dürfe. Er habe doch ein größeres Anrecht darauf als andere, weil sie seine Wirtin sei. Das wurde sofort angenommen; sie überlegte gar nicht. Allerdings, sagte sie, ihr Neffe, der vorhin Kallem zwischen "Nußkern" und "Heckenrose" hatte wählen lassen, würde sie begleiten; aber sie könnten ja beide mitkommen. -- "Natürlich!" sagte er munter; heimlich dachte er: "der Neffe" kann dann den "Nußkern" nehmen!
Eine feuchte Nacht mit leisem Schneefall. Die Schneesterne sanken vereinzelt und bedächtig, als wähle jeder sich seinen Platz und habe jeder sein Geschäft. Kein Windhauch mischte sich darein. Die beiden Damen erschienen, wohl eingemummt, mit Finnen-Schuhen[1] an den Füßen. Drinnen waren Musik und Tanz noch in vollem Gang; im Vorsaal und auf der Treppe klang helles, junges Lachen und von draußen das Schellengeläut der zum Abholen bestellten Schlitten. Der "Neffe" konnte so früh nicht fort, da er Wirt war; aber er schaffte einen Stellvertreter herbei, der auch sofort seine Dame unter den Arm nahm und in großen Sätzen mit ihr den Hügel hinabjagte. Als jedoch Kallem es mit der seinen ebenso machen wollte, wurde sie ängstlich, klammerte sich fest an ihn, während sie mitrennen mußte, rannte atemlos und bat, er möge das doch lassen. Sie benahm sich, als wenn sie nicht gut sähe. Er blieb stehen und fragte, ob das der Fall sei. Nein, aber sie habe eine Todesangst, sie könne fallen. "Sie sind wohl überhaupt sehr ängstlicher Natur, wie?" -- "Ja, das bin ich", sagte sie treuherzig. Süß war sie ja; aber im Grunde doch eine rechte Zimperliese. Sie gingen nun ein Stück weit, ohne zu sprechen; die beiden andern waren nicht zu sehen. Bah, dachte er, es ist nicht der Mühe wert, sich darüber zu ärgern; sie wird eben nicht anders können. "Es ist noch nicht einmal ein Uhr", sagte er. -- "Nein, aber das jüngere von den Kindern ist nicht wohl; das Mädchen wacht bei ihm, und die muß morgen wieder früh heraus." Der nordländische Singsang ihrer Stimme versetzte ihn ans Meer. "Ich vermisse jetzt im Winter das offene Meer so", sagte er. "Hier ist nichts als Eis. Es wird wohl allen Westländern so gehen!" Sie antwortete, in Berlin habe sie oft, besonders beim Spielen, das Meer geradezu gehört. "Aber ist es nicht wunderbar, daß das Meer einen immer frisch macht, wenn man in seiner Nähe ist, und schwermütig, wenn man daran denkt?" -- -- Ein paar Schlitten kamen rasch von oben herunter; die beiden mußten ausweichen, und sie zog ihn mit sich bis an den äußersten Rand des Wegs, während es vorübersauste, drei Schlitten hintereinander, in rasendem Tempo.
Sie gingen weiter und lauschten dem Schellengeläut, bis es sich verlor; wieder trat die Stille ein, deren die Schneeflocken bedurften, um sich bemerkbar zu machen.
"Man sollte eigentlich nicht reden, wenn Schnee fällt", sagte sie.
Jetzt warteten die beiden andern auf sie, und das Gespräch ging eine Zeitlang zwischen dem "Nußkern" und den Herren hin und her, bis wieder ein Hügel kam, den das erste Paar im Sturm nahm. Die andern sahen sie nur noch durch den Schneeschleier, ohne sie zu hören. Aber sobald die Straße dichter bebaut war und der Verkehr lebhafter wurde, schlossen sich die Paare wieder zusammen, und damit war auch der angenehmere Teil der Wanderung zu Ende.
Hinterher verwuchsen die Eindrücke mit dem Naturbild: sie -- mitten unter den Schneesternen -- das Weißeste, Feinste, was er je gesehen hatte. Was sie vom Meer und vom Schneefall gesagt hatte, war voll musikalischer Phantasie; zuletzt schwebte die ganze Gestalt in weicher Unbestimmtheit. Allmählich, während alle diese Eindrucksperlen vom Grunde seiner Seele aufstiegen, gerieten seine Sinne in wirren Liebestaumel. Sie war in diesen Zimmern; so oft eine Tür zum Vorsaal sich öffnete, gab es einen Widerhall in ihm; ging ein leichter Schritt über den Gang, so war sie es; er hatte fast ein Gefühl, als ginge es über ihn selber hinweg. Im Grunde fürchtete er sich davor, ihr wieder zu begegnen; da schwand wohl alles wieder in nichts zusammen. Jetzt war das Bild so schön. Und wirklich, so geschah es auch ... Als er fünf oder sechs Tage später von der Universität kam, begegnete er ihr und ihrer Schwester mit zwei kleinen Kindern. Es gingen viele Menschen auf dem Fußsteig zwischen ihnen, so daß er sie erst erkannte, als sie einander gegenüberstanden. Er grüßte; der "Nußkern" lächelte und grüßte auch; aber die andere wurde rot und vergaß zu grüßen, und jetzt sah sie nichts weniger als talentvoll aus. Er hielt sie an, erkundigte sich, wie ihnen der Abend bekommen sei, und begann ein Gespräch mit der Schwester. Die andere beugte sich über die Kinder, -- zwei reizende kleine Mädchen, angezogen wie Puppen, das eine drei, das andere etwa vier Jahre alt. Er lud die Gesellschaft in die Konditorei ein, was nach einigem Schwanken angenommen wurde. Aber die junge Frau blickte nicht mehr auf, und im Lokal konnte er sie kaum dazu bewegen, sich zu setzen. In ihrer Verlegenheit und vor lauter Unruhe begann sie an den Kindern herumzubasteln, bis die Kleinen ungeduldig wurden. Er bot ihnen Wein und Kuchen an, aber sie wußte nicht, was sie nehmen sollte; zuletzt überließ sie die Wahl der Schwester. Ihr Gesicht war heute von einer Mütze mit Ohrenklappen eingerahmt, unter der die Stirn völlig verschwand, wodurch das Gesicht rund und nichtssagend wurde. Ihre Figur steckte in Kleidern, die ihr alle zu weit waren -- später hörte er, daß sie von ihrer verstorbenen Schwester sie geerbt habe. Erst als er selber sich mit den Kindern beschäftigte, wozu er -- als großer Kinderfreund -- ein auffallendes Geschick hatte, kamen sie sich wieder näher; noch dazu unten auf dem Fußboden. Das Kleinste hatte sich mit dem Schlagsahnekuchen beschmiert, den die Frau in ihrer Ungeschicklichkeit für das Kind gewählt hatte, und als sie es, jedes mit seinem Taschentuch, abwischten, zerfloß sie im demütigen Gefühl ihres Vergehens und konnte nicht aufhören zu danken. Nun wollte die Kleine, die sich so wundervoll beschweint hatte, noch einen Kuchen von derselben Sorte, beileibe keinen andern, und Kallem war -- obgleich er wußte, daß allzuviel nicht gut war für das Kind -- natürlich völlig damit einverstanden. Aber er nahm es auf den Schoß, ließ sich eine Serviette geben und paßte auf, bis der letzte Bissen verspeist war. Die junge Frau stand daneben und ließ sich voll Demut belehren. Jetzt wollte die Kleine noch einen dritten Kuchen, und auch damit war Kallem einverstanden. Die Ältere, die bis dahin geduldig zugesehen hatte, wie ihre Schwester aß, wagte nun auch zu bitten; da nahm er sie auf sein zweites Knie und fütterte alle beide. Alle Teile amüsierten sich während dieser wichtigen Handlung, sogar Frau Ragni fand den Mut, zu lachen. Und wie gesagt, wenn sie lachte, war sie "süß". Die Erwachsenen tranken noch ein Glas Wein. Auf dem Heimweg trug Kallem das kleinste Mädelchen auf dem Arm. Sie waren bald dicke Freunde, er und die Kleine; ihre Stiefmutter war auf den Wein hin mutiger geworden und sagte: "Ist sie nicht süß, die kleine Juanita?" Sie reichte ihre Hand hinauf, und die Kleine patschte mit ihrem Fausthandschuh hinein; die junge Frau hielt ihn im Gehen eine Weile fest.
Kallem trug das Kind die Treppe hinauf und versäumte nicht, ihm sein Zimmer zu zeigen und beide einzuladen, ihn am nächsten Vormittag zu besuchen. Es war ein Sonntag. Gleich nach Tisch kaufte er Apfelsinen, Äpfel, Feigen und kandierte Früchte, um etwas zu haben, wenn sie kämen.
"Ist sie nicht süß, die kleine Juanita?" -- mit ihrem leisen nordländischen Tonfall! Er setzte es in Musik und summte es vor sich hin, so oft er an sie dachte. Dann hörte er die Stimme, sah die Augen, wie sie zu dem Kind aufblickte, die ausgestreckte Hand. "Ist sie nicht süß, die kleine Juanita?" wurde eine Lieblingsstrophe, die er auch Rendalen lehrte; sie begrüßten sich damit abends beim Turnen. Aber daß sie verlegen geworden war, als sie ihn wiedersah -- vielleicht, weil es heller Tag war --, das behielt Kallem für sich. Er erzählte, wie putzig sie gewesen war in ihren zu großen Kleidern, die aussahen, als seien sie für einen Backfisch gemacht, der noch wächst. Aber daß sie in der Konditorei unruhig geworden war, als er sie ansah, davon sagte er keinen Ton.
Die Kinder waren oft bei ihm. Er schenkte ihnen Apfelsinen und süße Früchte, lief vor ihnen auf den Händen und sprang über die Stühle, und sie waren unbändig vergnügt! Bloß das Mädchen verdarb ihm allen Spaß; er las in ihrem Lächeln nur zu deutlich: "Du bist ein Schelm! Du tust ja doch alles nur der Mutter wegen!"
Er war feig genug, ihr zu sagen, die Kinder dürften jetzt eine Zeitlang nicht mehr kommen. Es schnitt ihm ins Herz, als er am nächsten Abend hörte, wie die Ältere die Tür aufmachte und schon auf dem Korridor war, um zu ihm herüberzulaufen, und dann zu weinen anfing, als man sie zurückholte. Er klingelte nach dem Mädchen und befahl ihr, den Kindern den Rest von dem, was er für sie gekauft hatte, zu bringen. Sie nahm es. "Das ist aber zu viel!" sagte sie und sah ihn verschmitzt lächelnd an; prügeln hätte er sie können. Aber dann dachte er: "Zum Kuckuck auch, wenn sie doch Verdacht hat bei allem, was ich tue, dann können auch die Kinder wiederkommen!" Und am nächsten Abend holte er sie selber aus der Küche zu sich herein.
Eines Tags begegnete er der Schwester, die eben ausgehen wollte. Sie grüßte fröhlich und sagte: "Gut bekommen neulich?" "Denken Sie nur," fügte sie hinzu, "in ein paar Tagen reise ich nach Hause." Er meinte, da gehöre es sich doch, daß sie Abschied feierten, etwa in der Konditorei. Das fand sie auch, und sie verabredeten, sie wollten sich am nächsten Tag treffen, ganz wie neulich, auch die Kinder mit dabei, und alles sollte wiederholt werden. So geschah es auch. Frau Ragni war nicht ganz so verlegen wie das letzte Mal, er noch munterer, die Kinder ausgelassen. Die ganze Tollheit des Verliebten war über ihm, als sie voll Fröhlichkeit nach Hause zurückkehrten. Er tanzte, Juanita auf dem Kopf, voraus und lehrte die Schwestern singen: "Ist sie nicht süß, die kleine Juanita?"
Als die Schwester abreiste, kam er auf den Bahnhof. Eine Menge Verwandte und andere Menschen waren da, um Abschied zu nehmen. Beide Schwestern waren tief unglücklich, am unglücklichsten wohl die zurückbleibende. Sie weinte unaufhörlich, auch nachdem der Zug schon fort war. Einen Augenblick dachte er daran, sich zurückzuziehen und sie mit den Verwandten allein zu lassen; aber sie sagte: "Ach bitte, gehen Sie nicht!" Dabei wollte sie eigentlich gar nichts von ihm; sie ging neben ihm her wie neben den andern und weinte den ganzen Weg über; auch als die andern gegangen waren, und er und sie vor der Haustür standen, wußte sie nichts zu sagen, sondern ging ohne weiteres hinauf. Auf der Treppe fragte er, ob sie und die Kinder nicht ein bißchen mit ihm spazieren fahren wollten; das würde sie zerstreuen. Sie schüttelte nur den Kopf. "Aber morgen vielleicht?" fragte er ehrerbietig, während er ihr die Tür öffnete. Sie ging hinein, kam jedoch wieder zurück. "Danke, morgen vielleicht!" sagte sie, gab ihm die Hand und sah ihn mit ihren guten, tränenvollen Augen an.
Aus diesem tiefen Schmerz glaubte er schließen zu können, daß sie sich verlassen fühlte. Im Alltagsleben vielleicht nicht; denn da füllte sie die Zeit mit ihrer Phantasie aus; wenn aber etwas geschah, das sie aus dem Traum herausriß, so wachte sie auf, blickte um sich und fand sich einsam.
Am nächsten Tag saß sie mit den Kindern in einem Schlitten, den er selber fuhr. Nach der Fahrt ging er mit hinein zu Kule, der sich auf seine schwerfällige Art dafür bedankte, daß er so freundlich gegen die Kinder sei. Kallem ließ sich alle ihre Spielsachen zeigen, und Kule bat seine Frau, etwas Musik zu machen. Die Kinder wurden hinausgeschickt; er selber saß dabei und paffte aus einer langen Pfeife, die ihm seine Frau hatte stopfen sollen, was Kallem ihr jedoch abgenommen hatte. Heute sah Kallem auch zum erstenmal die Köchin, ein derbes, ältliches Mannsweib, deren nordländischer Singsang wie Vogelgeschrei über der Meeresbrandung klang. Sie war in der Küche und hatte zugleich Kule zu bedienen. Die Frau des Hauses widmete sich augenscheinlich nur ihren eigenen Angelegenheiten, d. h. den Kindern und ihrer Musik. Sie spielte in diesem Augenblick dasselbe russische Stück, das Kallem von seinem Zimmer aus gehört hatte; vielleicht noch besser. Nicht, daß er besonders aufmerksam zugehört hätte; er sah nur sie selbst an. Die obere Partie des Gesichts, das jetzt über Notenblatt und Tasten leuchtete, war eine ganz andere, als die, die er kannte. Das war wohl, was Rendalen gesehen hatte. Welche Entwicklung müßte sie erst durchmachen, damit auch die untere Hälfte dazu stimmte! Vor einigen Tagen hatte er einen Brief von einem Vetter aus Madison in Wiskonsin erhalten, der zum Professor an der dortigen Universität ernannt worden war; seine Frau, eine Norwegerin, studierte bei ihm. So etwas war nötig, um diese matte Wange und dieses schlaffe Kinn, den willenlosen Mund mit der spröden Haut auf den Lippen zu wecken und zu formen. Aber wie rührend war dabei diese ganze kindliche Unmündigkeit! Dicht daneben sah er die ungeheure Faust des Mannes auf der Stuhllehne -- der ganze Kerl lag im Stuhl wie ein toter Flußgott in Hosen! Während des Spiels öffnete sich die Tür rechts, und herein trat ein drittes überlebensgroßes Nordlandwesen, eine alte Dame mit weißen Haaren, einem großen vollen Gesicht und einer Hornbrille. Das war die Tante. Sie war größer als Kallem und entsprechend stark. Die junge Frau kreuzte zwischen ihnen wie eine Lustjacht zwischen schwerbefrachteten Ozeandampfern. Eben blickte sie zu Kallem hin wie zu einem Vertrauten. Sie hatte ihm freilich nichts anvertraut; aber ihre gemeinsame Jugend fand sich zusammen gegen all das, was so unbegreiflich schwerfällig und hinderlich war. Seine Liebe verlangte ungeduldig, sie frei zu machen; daß er es nicht konnte, lastete wie eine Schwüle in der ganzen Stube. Es quälte ihn, dieses unfaßbare Verhältnis.
Der Eindruck, den er von dem Besuch mitnahm, störte ihn bei den Vorarbeiten zum Examen, die er bis zu diesem Tag regelmäßig betrieben hatte. Er entwarf die wildesten Pläne, ja, er schrieb sogar an seinen Vetter in Amerika und fragte an, ob sie geneigt seien, eine junge Dame bei sich aufzunehmen. Er vertraute sich Rendalen an, der anfänglich voll Ingrimm dagegen protestierte, sich aber später doch gewinnen ließ. Das Gefühl ihrer Verantwortung sich selbst gegenüber mußte geweckt werden; sie mußte die Gefahren eines fortgesetzten Zusammenlebens kennen lernen; vor allem mußte sie fort, weit fort, damit sie geistige Freiheit zu ihrer Entwicklung habe. Kallem wurde kraft dieser selbst übernommenen Fürsorge immer sicherer und seine Liebe immer mächtiger. Jede Begegnung mit ihr, wie kurz sie auch war, ja, nur ein Gruß auf der Straße oder im Korridor bestärkte ihn in dem Gefühl, daß sie ihm und keinem andern gehöre, und daß sie befreit werden müsse!
Und das alles, eh' er ein einziges Wort zu ihr selbst gesagt hatte.
Er war schon oft verliebt gewesen, hatte sich schon oft hingegeben, auch ohne es zu sein. Aber dieses zarte und unvollkommene, dieses begabte und verlassene Wesen begehrte er zu retten und zu formen; das lag in seiner Natur, und darum gab er sich mit ganzer Seele hin. Sie ihrerseits verlor mit jeder Begegnung ein bißchen von ihrer Scheu; es war, als vermöge er sie zu trösten über die Abreise der Schwester, ja, wenn er sich nicht täuschte, so war er ihr mehr als ein Ersatz. Ein untrügliches Zeichen hatte er jedenfalls. Er hatte ihr gesagt, daß er abends zu Hause bleibe, hauptsächlich, um sie spielen zu hören, und daß er immer einen Spalt seiner Tür öffne; und seitdem spielte sie jeden Abend, oft lange.
Wenn er ihr mit den Kindern begegnete und sie mit in die Konditorei nahm, hatte er die größte Lust, sich auszusprechen; aber ihr Wesen war nicht darnach. Besonders ihre Treuherzigkeit war im Wege; er durfte sie nicht erschrecken. Seine eigene Energie drängte zu einer Lösung; aber seine Liebe beugte sich vor ihrem Bedürfnis nach poetischem Spiel, bei dem die Liebe nicht bei Namen genannt wurde, und doch alles zu ihrer Bilderschrift wurde. Das gab dem Verhältnis eine Süßigkeit, der nichts, was er bisher kennen gelernt hatte, gleich kam.
Einen Abend in der Woche nahm sie teil an einer Art Privatkonzert, oder wie man es nennen wollte, das bei Verwandten ihres Mannes stattfand, denselben Leuten, wo sie damals getanzt hatte. Dazu verschaffte sich Kallem durch seinen Studiengenossen, ihren Neffen, Zutritt. Natürlich bloß, um sie nach Hause begleiten zu können. Es war um die Zeit der Schneeschmelze, und die Straßen waren voll Eis. Als er ihr sagte, daß er auch hinkäme, und bat, sie nach Hause bringen zu dürfen, -- worüber sie sehr erfreut war -- nahm sie als selbstverständlich an, daß er im Schlitten oder Wagen kommen werde.
Nach einem langen Abend mit zuviel Musik in zu engen Räumen brachen sie endlich auf. Sie zog rasch ihren Mantel an und eilte mit ihm hinaus. Draußen nahm er ihren Arm. "Das trifft sich gut," sagte er --"eben geht der Mond auf." Sie dachte, sie würden einen von den Schlitten nehmen, die da standen, oder den Wagen, der eben kam. Es war Glatteis gleich vor der Haustür, und sie stieß einen kleinen Schrei aus, schritt aber tapfer aus. Inzwischen fuhr ein Schlitten nach dem andern davon und zuletzt auch der Wagen. "Fahren wir nicht?" fragte sie. Der Schelm lachte; er habe es sich gerade so hübsch gedacht, zu gehen. Sie versuchte ihre Enttäuschung zu verbergen; aber nach einigen verzweifelten Versuchen bat sie ganz rührend, sie wollten doch fahren. Ihm fiel ein, wie ängstlich sie das erste Mal gewesen war, und unter Gewissensbissen versicherte er, sie würden nur bis zum nächsten Halteplatz gehen, der nicht weit entfernt war. Der Weg war nicht so besonders glatt, aber abschüssig; sie klammerte sich an seinen Arm, starrte geradeaus und stieß leise Schreie aus; etwas weiter wurde es schlimmer; die ganze Breite des Wegs war manchmal von Eis bedeckt, trotzdem auch hier einzelne sichere Stellen waren. Jetzt verlor er ein bißchen den Mut, besonders, da er sie nicht dazu bewegen konnte, zu schlittern. Etwas so Furchtsames war ihm doch noch nie vorgekommen. Natürlich ging es nur Schritt für Schritt vorwärts, mit vielen langen Pausen.