Chapter 25
Die Zurückweisung war ihm ein neuer Ansporn, weiter auf dem Wege vorzudringen, der einzig die Geschwister wieder zusammenführen konnte. Und das war die Bedingung für alles andere. Er gestand sich ehrlich ein, daß er war auf seinen Schwager eifersüchtig gewesen. Dies rein persönliche Gefühl hatte großen Einfluß auf die Beschränktheit seiner Lehre gehabt.
Da kam ihm von außen her Hilfe. Zuerst verwunderte Fragen, zurückhaltendes Wesen, was ihm wehtat, ihn zuweilen schwankend machte; bald aber offener Kampf mit seinen treusten Anhängern. Und das trieb ihn vorwärts. Sein alter Freund, der ehemalige Krankenhausverwalter, schien nur auf die Gelegenheit gewartet zu haben, um sich von einem Dankbarkeitsverhältnis, das ihm lästig war, freizumachen; er schlug gewaltig Lärm und zog Hilfstruppen sogar aus der Hauptstadt herbei. Seminarlehrer, Schulmeister, Wanderprediger und verschiedene Pastoren gingen Pastor Tuft in der Betstunde mit allen möglichen theologischen Instrumenten zuleibe. Vor allem lernte er, sich deutlich ausdrücken; denn die meisten Punkte, in denen sie ihn angriffen, beruhten auf Mißverständnissen. Er lernte aber auch den Gebrauch von Kräften und Kenntnissen, die er bis jetzt nicht geübt hatte.
Im ersten Monat war Josefine nur müde und stumpf; sie war mehr heruntergekommen, als sie wußte. Aber nach einiger Zeit fing sie an, dem Bauernjungen, der einst ihr Herz mit seinem lichten Glauben gefangen hatte, zu folgen.... Ob er wiederkam?
Ein Ereignis, das sie ihrem Mann verheimlichte, hatte sie wieder so zurückgebracht, daß sie nur langsam zu Kräften kam. Auch sie war nämlich in aller Stille bei ihrem Bruder gewesen, sobald sie wieder ausgehen konnte; auch sie war von Sigrid auf der Treppe empfangen worden mit dem Bescheid, er sei nicht zu Hause; aber sie hatte ihn, als sie kam, auf der Veranda stehen sehen! Mit knapper Not hatte sie sich heimgeschleppt.
Sie hatte ja das tiefste Mitgefühl mit ihm gehabt und war zu jedem Zugeständnis bereit gewesen; seine Unerbittlichkeit jedoch weckte ihren Trotz. Von ihrer eigenen Eifersucht auf Ragni hatte Josefine selbst keine Ahnung, also auch nicht davon, wie dadurch ihr eigenes Wesen beeinflußt worden war. Sie sah ihre Schuld darin, daß sie unverträglich gegen eine Frau gewesen war, die im Grunde eben doch eine Sünderin war. Wenn Sissel Aune oben bei dem Jungen saß und ihm von Ragni erzählte, wie liebevoll sie bis zum letzten Augenblick gewesen sei, dann empfand sie das Unmenschliche ihres Betragens, daß sie Ragnis Herzensgüte, daß sie Kallems Liebe hatte übersehen können. Aber abgesehen von dieser Unversöhnlichkeit fühlte sie sich nicht schuldig.
Die Enttäuschung war um so größer und hätte schwere Folgen gehabt, wenn nicht gerade jetzt ihres Mannes Kampf sie mitgerissen hätte. Ein unklarer Mensch, der wesentlich nur in Trotz gelebt hat, kann nur durch eine große Begebenheit erlöst werden. Und zu einer solchen wurde ihr der Tag, als Tuft zu ihr sagte: "Josefine -- hierfür müssen wir Amt und Vermögen einsetzen!"
Drei Monate waren vergangen, da fühlte sie sich, neubelebt vom Kampf, stark genug, es mit ihrem Bruder aufzunehmen. Sie schrieb ihm, was sie auch verbrochen hätten -- es müsse Klarheit sein zwischen ihnen; einer Anklage wenigstens müßten sie gewürdigt werden. Ihre Dankbarkeit gegen ihn sei groß, ebenso groß aber ihr Bedürfnis, mit ihm zusammenzuarbeiten, nun, da sie ihre frühere Unverträglichkeit bereuten und dem Geist der Liebe und der Gerechtigkeit, den sie verkannt hätten, jedes nur mögliche Opfer zu bringen bereit seien.
Ein sehr geschickter Brief; das sagte auch ihr Mann.
Aber Tag auf Tag verging ohne Antwort. Es war ein wahres Glück, daß gerade diese Tage die schwersten Kampftage für Tuft waren. In der Betstunde und nachher auch in der Kirche hatte er die Worte angewendet, mit denen Josefines Brief schloß: "Gerechtigkeit und Liebe" ohne Unterschied des Glaubens (wie in der Erzählung vom barmherzigen Samariter) sei der Kern des Christentums; deshalb müsse alles mit diesem Maß gemessen werden, in erster Linie die Lehre selbst, bis jedes Körnlein, das sich nicht daran messen ließe, vor der Offenbarungsmacht der Gerechtigkeit unserer Zeit fallen müsse als eine Gotteslehre ferner und harter Zeiten.
Dafür wurde er noch am selben Tage zur Disputation geladen.
Zwei Versammlungen wurden abgehalten im Verlauf der Woche, alle drei stark besucht. Sein Hauptgegner war ein Pastor und Redakteur einer theologischen Zeitschrift aus der Hauptstadt. Die Lehre von der Hölle war fast ausschließlich der Gegenstand, um den es sich drehte, und Tuft hielt daran fest: alles, was Paulus darüber gesagt habe, sei völlig verschieden z. B. von der Offenbarung Johannis. Nach Paulus sei das Leben hier und im Jenseits ein stetiges Fortschreiten, das damit ende, daß Gott "Alles in Allem" werde. Diese Lehre halte das Maß der Gerechtigkeit und der Liebe, -- und es machte Eindruck, als er mit seiner metallreichen Stimme in der lebhaften, westländischen Tonart über die dichtgedrängte Versammlung hinrief, ob sie denn glaubten, Krieg und Unterdrückung durch den Stärkeren würden ein Ende nehmen, solange die Lehre von der Hölle mit ihrer grausamen Rachsucht und Roheit in allen Schulen und Kirchen als Gottes Gerechtigkeit und Liebe gelehrt würde!
Die Gegner waren ganz im "Stil der Höllenlehre", indem sie alles taten, ihn zu verketzern und zu verdammen. Unter den Zuhörern herrschte nur eine Meinung: in Klarheit und Überzeugungstreue war Tuft den andern allen über.
Das letzte Mal war auch Doktor Kallem zugegen; er sah auch Josefine mit flammenden Augen dasitzen; und am nächsten Tag gegen Abend kam seine Antwort.
Sie stand gerade vor dem Haus und sah ihrem Jungen zu, wie er mit der Gartenspritze spielte, als der Brief kam; sofort erkannte sie die Handschrift, und zitterte so, daß sie ihn gar nicht öffnen konnte. Es erschreckte sie, wie wenig kräftig sie im Grunde doch noch war. Sollte sie die Gesundheit ihrer Jugend nie wieder erlangen?
Sie ging also auf ihr Zimmer und riegelte hinter sich ab. Ein dicker Brief! Sie drehte und wendete ihn, setzte sich und überlegte, ob sie ihn vielleicht nicht doch Tuft zuerst lesen lassen sollte. Aber möglicherweise stand etwas über ihn darin, was er nicht sehen durfte.
Sie öffnete.
Kein Wort von ihrem Bruder, kein Wort an sie! Das erste, was sie sah, war von fremder Hand geschrieben; das nächste ebenfalls, das übernächste auch, zwei verschiedene Handschriften. Ein paar zusammengeheftete Bogen, einige Briefe, ein paar lose Zettel ... von Edvard kein Wort.
Was bedeutete das? Aus all den Papieren zog Josefine unwillkürlich das kleinste hervor, ein Zettelchen mit drei Zeilen darauf:
"Sie haben meinen guten Namen getötet und ich hab' es nicht gewußt. Denn ich wußte nicht, daß ich einen hatte, bis er getötet war."
Auf einem andern Zettel bloß die feingeschriebenen Worte: "Vergib ihnen; sie wissen nicht, was sie tun."
Diese zarte, leichtschwingende Handschrift war natürlich Ragnis. Josefine begann zu zittern, und wußte doch nicht warum.
Da lag ein Brief von einer andern Hand geschrieben, die ersten Worte in roter Tinte. Keine Unterschrift. Aber als sie las, daß Kallem dies nicht sehen dürfe, vermutete sie einen Liebesbrief von Karl Meek, den Kallem nach ihrem Tode gefunden hatte. Was sollte sie damit? Flüchtig las sie die ersten Worte, hielt aber inne, als es "Sie" hieß -- als er von einem Schmerz sprach, den er hatte allein tragen wollen, der nun aber auch sie betroffen hätte, eine Verleumdung...? War es Verleumdung gewesen?
Überall die allerehrerbietigsten Ausdrücke! -- Wann war der Brief geschrieben? Es war kein Datum angegeben; aber der Schreiber war im Ausland; also nach ihrem Zusammenleben hier. Der Brief war ein einziger großer Schrei, ein Schmerz, so echt, wie sie einen größeren nie gelesen hatte.
Josefines Hand zitterte; sie mußte den Brief auf den Tisch legen.
Sie las, wie Karl infolge dieser grausamen Verleumdung an niemand anders und an nichts anderes zu denken vermochte; sie las, wie dadurch seine Liebe zu Ragni erwacht war; Josefine sah diese Liebe, aus Kummer, Dankbarkeit, Anbetung geboren, ihr entgegenatmen, -- in den reinsten, rührendsten Ausdrücken.
Ragni unschuldig? Gott im Himmel, war sie wirklich unschuldig? Dann waren die ergreifenden Szenen zwischen Edvard und ihr, während der Tod sie Zoll für Zoll auseinanderriß (Sissel Aune hatte sie ihr geschildert) ja nicht zu ertragen gewesen! Ja, dann begriff sie, weshalb er mit ihrer Leiche von hier weggezogen war und Karl Meek mitgenommen hatte. Sie begriff nur das eine nicht: daß er es überlebt hatte.
Es klopfte an die Tür; sie sprang auf; es war bloß das Mädchen, das sie zum Abendessen holen wollte. Sie vermochte nicht zu antworten. Es klopfte wieder. "Nein, nein!" würgte sie endlich heraus, während sie sich wand vor Scham und Schmerz. Sie mußte zu ihrem Bruder! Sie mußte zu ihm! und sollte sie auf den Knien zu ihm rutschen!
Aber da waren noch mehr Papiere; und sie hatte ein Gefühl, als ob ihr Bruder neben ihr stehe und ihr gebiete zu lesen. Zitternd las sie:
"Ich will jetzt abschreiben, was ich nach vielen Versuchen und Ausstreichen über meine Kindheit und meine erste Ehe zustande gebracht habe; aber ich fühle mich auf einmal so müde und so fertig. Immer hatte ich mir ausgedacht, ich wolle ein paar Worte als Einleitung schreiben, und hatte mich darauf gefreut. Jetzt ist es zu spät. Jetzt kann ich Dir bloß noch sagen, Du 'weißer Pascha' meines Lebens, wie das alles so mit mir gekommen ist. Ganz kurz hab' ich's gesagt, weil es mir eine Qual war. Ich hab' es auch nur gesagt, damit Du mich verteidigen kannst, sollte irgend jemand es noch der Mühe wert finden, von mir zu sprechen, wenn ich fort bin. Liebster Freund, ich klage nicht. Ich habe das Schönste erlebt, was ich erleben konnte; nur daß es so kurz war! Du mußt Dir bloß vorstellen -- ich hatte mich selber aus bloßer Furcht vor noch etwas Schlimmerem weggeworfen; und da hast Du mich emporgetragen aus der Tiefe des Meeres zum Frieden, zu allem Guten in guter Menschen Obhut -- bis Du dann zum zweitenmal kamst und mich noch weitergetragen hast -- zu Dir selbst. Und hier, in Deinem Heim, alles zu eigen zu haben, Dich, und alles, was Dir gehört -- ohne es zu verdienen; ich hab' es oft schwer empfunden; aber glücklich war ich doch."
"Ich weiß, ich füllte meinen Platz nicht aus; aber nun, da es zu Ende geht, ist mir, als schade auch das nichts mehr. Du hättest Nachsicht gehabt mit mir, wie lang es auch gedauert hätte; das weiß ich ja gewiß."
"Liebster, wenn ich Dir auch alles sagen wollte, was von Dank und Bewunderung für Dich in mir ist --Du würdest es nicht begreifen; so selbstverständlich war es Dir, daß alles Frohe in Deinem Leben von mir kam. Und das ist auch in meinem Leben das Schönste gewesen."
"Aber Du liest das ja erst, wenn ich nicht mehr im Sessel neben Dir sitze, und da ist nichts, was die Erinnerung an mich besser in Dir wachhalten könnte, so wie ich sie in Dir lebendig wissen möchte, als ein großes unendliches
ich danke Dir!"
Das war die Ehe, der sie den Namen Ehe hatte absprechen wollen! Sie, Josefine, im Vergleich mit ihrer eigenen!
Sie glitt hernieder vom Stuhl, auf die Knie. Sie schluchzte, schluchzte -- und zwang sich, still zu sein, damit niemand sie hier finden solle, zusammengekauert, zusammengebrochen unter der Schmach ihres Verbrechens. Ihre Hände tasteten um Ragnis Handschrift, ihr Kopf sank auf die Hände: "Vergib! Vergib!" flüsterte sie, und sie wußte, daß niemand, niemand sie höre, und daß niemand, niemand ihr vergeben könne.
Und blitzschnell erfaßte sie, daß Ragni auch in ihrer ersten Ehe rein gewesen, daß sie auch in ihr verleumdet worden war. Die Schriftstücke über diese Ehe, wie sie zustande gekommen war, -- sie brauchte sie nicht, sie konnte sie nicht lesen. Mit fiebernden Händen packte sie alles zusammen -- Ole sollte es lesen. Jetzt mußte _er_ ihr helfen; es galt ja ihr Leben. Sie war mitschuldig des Mordes, des Mordes an einer ganz Unschuldigen! Nicht durch Worte oder Hetzereien; gesagt hatte sie nichts; aber gerade durch ihr Schweigen, gerade dadurch, daß sie Ragni vom ersten Tag an von sich gestoßen hatte -- gerade dadurch war die Ärmste rettungslos verloren gewesen; das hatte sie getroffen wie der Blitz; das hatte sie betäubt, schreckerstarrt zu Boden geschlagen. Das Urteil, das sie in ihres Bruders Augen gelesen hatte, das Todesurteil, -- sie hatte nicht falsch gelesen! -- nur galt es nicht ihrem Sohn, ihr selber galt es. _Sie_ verdiente den Tod!
Entsetzen packte sie; der Schweiß brach ihr aus wie nach einem betäubenden Schlag.... _Jetzt war es da_!
Ja, jetzt war es da, wovor sie Jahr um Jahr erschauernd gebangt hatte, -- etwas über alle Maßen Grauenhaftes, das sie zu Staub zermalmen würde. Nichts war sie gewesen; nichts hatte sie gewollt, nichts geleistet; und dabei hatte sie getrotzt und verurteilt und das höchste Spiel gespielt!
Jetzt war es da! Sie hatte geglaubt, die Sache mit dem Jungen sei das Äußerste gewesen; nein, erst jetzt war es da, jetzt, seit sie wieder ein frohes Zusammenleben mit ihrem Mann und festen Boden unter den Füßen gewonnen hatte.... _Jetzt_ traf es sie -- und traf sie tödlich.
Sie eilte hinunter ins Studierzimmer, während Tuft noch aß, und legte den Brief auf seinen Tisch; Hut und Tuch hatte sie schon an; und nun lief sie mehr als sie ging zum Haus des Bruders. Nun galt es biegen oder brechen.
An einem Fußweg bog sie nach der Kirche ab; dabei dachte sie an Oles letzte Predigt. Wenn ihr Zusammenleben von Anfang an so freie Wahl, auf solche Ziele eingestellt gewesen wäre! Sie weinte und lief auf das fürchterliche Haus zu. Links hinter dem Laub erblickte sie auch die weiße Hauswand des andern, in dem Kule wohnte -- das Mordinstrument! Nein, nein, nein! Sie hatte ihn nicht kommen heißen; sie hatte keinen Teil daran! Doch -- sie hatte gehört, wie man davon sprach, und es für ganz gerecht gehalten. Einige hatten es als guten Witz aufgefaßt, andere wieder ernst, ja, religiös. Josefine erinnerte sich jedes Wortes, zu dem sie geschwiegen, jedes Gedankens, den sie im Stillen gehabt hatte.
Mord, Mord! Da gab es keine Vergebung, das wußte sie. Was wollte sie bei dem Bruder? Er hatte ihr Kind gerettet; darüber hinaus wollte er nichts mit ihr zu schaffen haben. Und dennoch -- ihr Leben hing von jetzt an diesem Fleck Erde; sie mußte hin, und wenn es ihr Tod war! Und sie hastete weiter.
Ihr Leben war geschändet; sie konnte keinem ehrlichen Menschen mehr ins Auge sehen. Mit Kälte und Bosheit hatte sie ein völlig, völlig unschuldiges Menschenkind getötet -- hatte ihres Bruders Heim zerstört! Wie sollte sie darnach noch weiter leben? Was wollte sie jetzt? Ihre gerechte Strafe suchen? Aber die konnte nur sie selbst sich auferlegen. Zuerst mußte sie ihn gesehen, ihn gehört, selber mit ihm gesprochen haben -- ja -- -- denn sie hatte auch etwas zu sagen, -- -- er wußte ja gar nicht, wie sie ihn liebe, wie sie ihn immer geliebt hatte; -- er kannte sie überhaupt nicht. Und sie weinte und hastete weiter.
Sie sah ihn im Garten zwischen dem Haus und den Nebengebäuden stehen, über irgend etwas gebückt, was er eben in der Hand hielt. Sie sah ihn -- über die Johannisbeer- und Stachelbeerhecke weg, wo die höheren Obstbäume ein bißchen weiter auseinanderstanden. Ein Frösteln durchrann sie; aber sie schritt weiter. Bald war sie unter den Bäumen des Parks, und bog dann nach dem Hof ab; nur die Mauer der Stallgebäude war noch dazwischen; jetzt trat Josefine hervor.
In einem hellgelben, rohseidenen Rock, demselben vielleicht, in dem er vor zwei Jahren gekommen war, stand er da -- die Ärmel aufgestreift, die Manschetten abgelegt -- und wusch unter der Pumpe einen Reisekoffer; die vielen Zettel, die die verschiedenen Eisenbahnen übereinander daraufgeklebt hatten, mußten aufgeweicht werden. Wollte er verreisen? Er war sonnverbrannt und mager; im Profil erschien sein Gesicht noch schärfer. Jetzt hörte er ihre Schritte und blickte auf.
Blickte ihr in das verweinte, flehende Gesicht. Von ihrer einstigen farbenfrohen Kleidung keine Spur mehr; ein dunkles Sommerkleid; um die Taille einen Gürtel; auf dem Kopf ein breitrandiger Strohhut mit braunem Band; über dem Arm lose ein Tuch. Ihre Tränen brachen hervor. "Edvard!" rief sie verzweifelt; weiter kam sie nicht....
... Denn er hatte den Koffer fallen lassen und sich hoch emporgerichtet; eine Stimme, die in zwei Oktaven zu klingen schien, sagte: "Nie verzeihe ich Dir, Josefine!" "Edvard -- so laß mich doch erklären ... --" Sie wandte sich dem Haus zu, voll Angst und Verzweiflung, so streng sah er aus. Er glaubte, sie wolle hineingehen.
"... Nie kommst Du über diese Schwelle!" Und er stemmte die Hände in die Seiten, als wolle er Wache halten.
13
Tuft ging vom Abendbrot in sein Studierzimmer, sah aber die Briefe nicht liegen, weil er gar nicht auf den Schreibtisch blickte. Wie so häufig abends machte er einen kleinen Spaziergang; wäre Josefine dagewesen, so hätte sie ihn wohl begleitet, dachte er. Wohl eine Stunde ging er auf und ab; es war Sonnabend, und er überdachte seine Predigt für morgen. Als er nach Hause kam, setzte er sich mit einem Buch ans Fenster und las, wanderte dazwischen auf und ab, las wieder, bis es zehn Uhr war.
Er ging nach oben, um sich zu legen; Josefine war nicht da; nicht in ihrem eigenen Zimmer, nicht im ganzen Haus. So stieg er wieder hinunter ins Arbeitszimmer, um auf sie zu warten; wo konnte sie nur sein? Bei einem Kranken? Er wußte von keinem. Gedankenlos griff er nach dem Brief, während er am Schreibtisch vorüberging; sein Name stand darauf -- von Josefines Hand! Heiß stieg es in ihm auf; er ging ans Fenster, um besser sehen zu können. Kein Siegel; bloß verschiedene Papiere; und obendrauf ein Zettel mit folgenden, von Josefine geschriebenen Worten: "Ich bin zu ihm gegangen -- es gilt mein Leben." Was war das?
Eine Viertelstunde später war auch Tuft auf dem Weg zur Kirche; auch er lief mehr als er ging. Er war der allein Schuldige; er hatte seinerzeit Josefine den Gedanken eingegeben, Ragni sei ihrem ersten Mann untreu gewesen, und damit alles ins Rollen gebracht, was seitdem geschehen war! Und wenn er nicht auf seinen Schwager eifersüchtig gewesen wäre, so hätte er kaum dessen Bruch mit der Kirche, den Verkehr mit Spöttern zum Vorwand genommen, sich von den beiden zurückzuziehen. Und wenn der Schwager antworten würde: Josefine sei ja überhaupt gar nicht Christin genug, um aus diesem Grund Ragni zu verdammen, oder darum gleich das Schlimmste von einem Freidenker anzunehmen -- er, Tuft, würde antworten, daß solche, die so etwas tun, eben keine Christen sind, sondern Halbchristen. Der, dem die Liebe zu Gott Lebensgesetz geworden ist, urteilt überhaupt nicht; aber die anderen tun das um so eifriger. Josefine hatte nach ihrem ganzen Lebensgang eine Halbchristin werden müssen, und das war wiederum seine Schuld. Das theologische Studium unterbindet alles Wachstum des Mannes.
Wie klar er das alles jetzt überschaute! Und darum war es ihm auch so unerträglich, sie in dieser Seelennot zu wissen. Er rannte so, daß er ganz außer Atem in den Park, ans Tor, über den Hof und auf die Treppe kam. Die Haustür war verschlossen, -- es war doch kaum über zehn! Er klingelte wieder und wieder, und bald hörte er im Korridor Schritte, Männerschritte. Kallem war es, der öffnete.
"Ist Josefine nicht hier?" -- "Nein." -- "Ist sie nicht hier gewesen?" -- "Doch, vor anderthalb Stunden." --"Und -- --?" -- "Ich habe ihr mein Haus verboten." -- "Du hast nicht mit ihr gesprochen?" -- "Nein." -- Da streckte Tuft die rechte Hand aus: "Jetzt bist auch Du dogmenbesessen!" wandte ihm den Rücken und stürzte fort. Sein breiter Hut über den breiten Schultern war wie ein vierkantiger Nachdruck auf seine letzten Worte.
Es war schon über elf Uhr -- da klingelte es wieder. Genau auf dieselbe Art. Kallem erschien sofort. Er war also nicht zu Bett gewesen.
Wieder war es Tuft, der dastand; aber, soweit Kallem zu unterscheiden vermochte, noch ehe er ihn näher sah, ein ganz anderer, ein verstörter, verzweifelter Mann. "Wo, denkst Du, könnte sie hingegangen sein, Edvard?" -- "Ich denke, zu Ragnis Grab wird sie gegangen sein!"
Ein wunder Laut aus der Kehle, ein fast sichtbares Aufwallen von Schmerz. Und wieder war er auf und davon. Seine schweren Schritte klangen noch lange herauf durch die Stille der Nacht.
Gegen ein Uhr wieder das Klingeln; aber nur einmal, zaghaft -- angstvoll. Kallem kam sofort aus dem Wohnzimmer; er war also noch immer auf.
Eine Frau stand vor der Tür. Der kurzsichtige Kallem ging hastig auf sie zu und erkannte Sissel Aunes Stimme. "Liebster, bester Herr Doktor, seien Sie doch gut und barmherzig!" fing sie an zu jammern. "Liebster, bester Herr Doktor!" -- Kallem glaubte, sie komme seiner Schwester wegen; ihr sei etwas geschehen. Es überlief ihn kalt. Aber Sissel fuhr fort: "Niemand kann ihn mehr bändigen; jede Nacht ist er wie verrückt." --"Aune?" fragte Kallem. "Ja. Er glaubt, Kristen Larssen sei hinter ihm her, und da rennt er davon, immerzu, wer weiß, wie weit, in den Wald und auf die Landstraße; heut ist's die dritte Nacht; und ich _kann_ nicht mehr! Liebster, bester Herr Doktor -- ich hab' ja sonst niemand, zu dem ich gehen könnte!" -- sie fing zu weinen an -- "und niemand kann ihn ja bändigen, außer Ihnen!"
Der muntere Buchbinder und Spielmann verrückt geworden? Also hatte er sich seiner Macht entzogen? Oder trank er wieder? War es Delirium? Nein, es war einfache "Verrücktheit" aus Angst vor Kristen Larssens Geist. Kallem ging sofort mit.
Der Himmel war bewölkt; eine dunkle Nacht. Aber ein frischer Nordwind begann die Wolken auseinanderzufegen. Er rüttelte auch die Bäume am Weg; das laubdichte Rauschen fragte und spürte so manches auf, während sie vorübergingen. War es nicht auch seltsam und wunderlich, daß Aune, der unter den Leuten den Glauben an Kristen Larssens Spukerei aufgebracht hatte, jetzt selber davonrannte, in sinnlosem Entsetzen -- vor seiner eigenen Luggeschichte? Jeden Abend, sobald es dunkel würde, versicherte Sissel, erschiene ihm Kristen Larssen und wolle ihn in die Hölle mit sich nehmen! -- "Aber liebe Sissel, es gibt ja gar keine Hölle!" -- Im selben Augenblick hörten sie aus weiter Ferne einen Schrei, einen einzigen, endlosen, schneidenden Hilferuf. Wie ein Gespenst stieg er auf durch die Nacht -- man sah ihn beinahe. "Das ist er!" rief Sissel und faltete die Hände. "Jesus Christus! Hilf!" schrie sie und fing zu laufen an. Kallem eilte ihr nach. "Ruhig, Sissel! So kommst Du bloß langsamer vorwärts. Ruhig gehen, ruhig! Hörst Du?" Sie gehorchte sofort, wandte sich aber leidenschaftlich zu ihm: "Wer anders als der Satan kann einen Menschen so hetzen?" fragte sie schweratmend. Da schlug in der Nähe ein Hofhund an; der Schrei hatte ihn aufgeschreckt; er kläffte unaufhörlich. Kallems Stimme überschrie den Hund: "Aune ist so wenig vom Satan besessen als der wütige Köter dort! Weißt Du, wie überhaupt die Leute den Satan erfunden haben? Sie glaubten, alles sei vollkommen erschaffen auf Erden; und da hatten sie niemand, dem sie Schuld dafür geben konnten, daß die Sünde in die Welt gekommen war."