Auf Gottes Wegen

Chapter 22

Chapter 223,839 wordsPublic domain

Sein Entsetzen! Und seine Empörung, -- und seine Ohnmacht! Und davon hatte er nichts erfahren, als es noch Zeit war! Er lief wie ein Rasender auf und ab; dann setzte er sich aufs neue hin, wie gelähmt. Er faßte Entschlüsse und verwarf sie wieder! Vor alle Welt wollte er hintreten und ihnen zurufen, es sei eine Lüge! In den Betsaal wollte er einbrechen, wenn er gesteckt voll war, auf die Kanzel steigen und sie des feigsten, erbärmlichsten Mordes anklagen! ... Und dann wieder fiel ihm ein, daß Ragni, selbst wenn sie ganz gesund gewesen, an so etwas gestorben wäre.

Er selbst lebte nur dafür, den Menschen so viel Gutes zu erweisen, wie er nur konnte; und nicht ein einziger unter ihnen war ehrlich genug, war dankbar genug oder auch nur empört genug, ihm zu sagen, daß er wachen müsse über seinem und seiner Frau guten Namen, über der Ehre seiner Ehe! So viel träge Verantwortungslosigkeit! So viel Raum für Splitterrichterei und Bosheit in dieser "christlichen" Gesellschaft! Jetzt verstand er seine Schwester! Diese Verleumdung hatte sie geglaubt! Das also war es, worüber sie mit ihm hatte reden wollen an jenem Abend, als sie auf ihn gewartet! Und aus Empörung über das, was sie so steif und fest glaubte -- was trauen die Menschen einem Freidenker nicht alles zu? -- hatte sie ihnen den "Walfisch" auf den Hals geschickt! Alle, die nicht fünfe gerade sein ließen, glaubten daran, alle verurteilten, niemand erhob Einspruch, niemand kam!

Das also hatte nun Ragni von ihrer Herzensgüte gegen Karl! Sie war um so uneigennütziger gewesen, als sie anfangs und auch später noch oft nur mit Überwindung ihrer eigensten Natur darangegangen war; erst jetzt, hinterher, hatte er das erfahren. Er kannte kein lieberes Geschöpf als sie! Und ihr großes, warmes Gemüt, das sollten diese ...! Diese Schurken, diese gewissenlosen Zionswächter, diese psalmodierenden Egoisten und herzenskalten Gebetmacher! Er las Karls Brief noch einmal; Karl tat ihm so herzlich leid. Armer, armer Junge! Natürlich hatte die Liebe in ihm erwachen müssen! Welcher brave Kerl würde nicht ein Wesen anbeten, dem die Menschen um seinetwillen so schweres Unrecht antaten? Da mußte ja die Dankbarkeit und Bewunderung des Jungen zuletzt zu Liebe werden! Sowie Karl zurückkehrte, sollte er zu ihnen kommen! Ganz sicher! Und hier sollte er bleiben, bis sie ihren letzten Atemzug getan hatte! Und _seinen_ Arm wollte er nehmen, seinen und keinen andern ... an jenem furchtbaren Tag ... hinter ihrem Sarg ...! Er warf sich aufs Sofa und schrie laut auf.

Vielleicht war er zu sehr von seinen eigenen Interessen eingenommen gewesen; er hätte mehr mit Menschen umgehen, hätte sie unter Menschen bringen sollen; dann wäre das nie geschehen. Keiner, der einen tieferen Eindruck von ihrer reinen Seelengüte empfangen hätte, würde gewagt haben ... obgleich -- wer weiß? Dogmenblinde Gewohnheitstiere sehen nicht.

Sigrid kam gerannt: der Frau Doktor sei wieder schlecht geworden; ein Hustenanfall. In neun, zehn Sätzen nahm er Zimmer, Flur und Treppen; der Anfall war vorüber, als er kam; sie lag da, in Schweiß wie gebadet, so matt, so hinfällig, daß sie jeden Augenblick ohnmächtig werden konnte. Ihr Auswurf war grünlich, mit ziemlich viel Blut darin; er kannte das. Er erklärte es sich damit, daß er zu lange weggeblieben war; ihre Spannung hatte sich gesteigert, sie war heiß geworden, hatte sich aufgedeckt ... Sie lag mit geschlossenen Augen da und er verhalf ihr zum Schlafen. Fortan verließ sie das Zimmer nicht mehr.

Von ihrem Bett ging er sogleich an seinen Schreibtisch, um Doktor Meek mitzuteilen, was geschehen war, und ohne sich auf weiteres einzulassen, schloß er: "Wenn Karl zurück ist, so sehen wir ihn wohl bald? Ich weiß jetzt alles."

Dann ging er aus, um eine Pflegerin zu besorgen, und sowie er zurückkam, wieder zu ihr hinauf. Sie schien sich leichter zu fühlen und schlief; und als sie endlich aufwachte, war er das erste, was ihre Augen trafen. Er gab ihr zu trinken, liebkoste sie, und die Fragen in ihren Blicken erwiderte er mit Küssen auf ihre magere Hand, während es um seinen Mund zuckte und Tränen die Brillengläser benetzten.

Aber sie redeten von ganz anderen Dingen: daß ihre Schwester nicht kommen könne, und daß er Sissel Aune zu Ragnis Pflege geholt habe; sie eigne sich von allen, die er kenne, am besten dazu und sei ihnen treu ergeben. Ragni nickte zustimmend. Und dabei sahen sie einander an, wie Menschen, die sich nicht satt aneinander sehen können. Und beide dachten an das, was sie nun beide wußten -- an die Ursache, weshalb sie jetzt so dalag. "Der arme Karl!" flüsterte sie. "Der arme Karl!" wiederholte er.

Er mußte aufstehen und tat, als habe er unten etwas vergessen; irgendein Vorwand fand sich ja immer.

Hätte er nur wenigstens mit ihr reden können! Aber er wagte es nicht. Er hatte auch keine Zeit, mit sich selber allein zu sein. Er machte nur die notwendigsten Besuche im Krankenhaus und schränkte seine Sprechstunden möglichst ein; von allem andern machte er sich völlig frei, um bei ihr sitzen zu können.

Er hatte den Menschen sein Vermögen und seine Arbeit geopfert, und nun lohnten sie ihm damit, daß sie sein Lebensglück mordeten -- wie grausam fand er das! Was ist das für ein Maß, mit dem die Menschen messen, wenn nicht ein Blick auf Ragni ihnen sagt, daß sie das feinste, reinste kleine Wesen unter der Sonne ist? Das war und blieb ihm unfaßlich! Diese Blindheit empörte ihn immer wieder! Von denen, die er kannte, schloß er auf die andern: nichts als Mittelware, für gewöhnlich nicht uneben, aber selbstverständlich nie über die Grenzen hinaus! Alle gingen sie in die Kirche, viele noch obendrein in die Betstunde -- Pastor Tufts Leibgarde. Unter ihr hatte er auch mehrere ganz anständige, vorsichtige Menschen getroffen. Und trotzdem -- ebenso gewissenlos in ihrem Urteil, so liebevoll-grausam -- lauter makellose Mörder!

Nicht einer, den er an der Gurgel packen konnte: "Du bist es! Du sollst mir Rede stehen!" Alle -- und keiner. Sanfte Mitwisser, liebenswürdige Mitschuldige. Eine war da -- die stand abseiten -- Josefine. Josefine hatte die Geschichte nicht aufgebracht; das war nicht ihre Art. Aber glauben, was einmal im Umlauf war, wenn es jemand galt, gegen den sie eingenommen war, --ja. Mit eisigem Schweigen ließ sie dann die andern bei ihrem häßlichen Glauben beharren -- oder schürte ihn noch gar. Wie sein Herz sich mit Erbitterung gegen sie füllte! Trotzdem sie sicher nicht der Urheber war --das wiederholte er sich wieder und wieder; sie hätte die Verleumdung gar nicht über ihre Lippen gebracht, dazu war sie zu vornehm, -- aber Josefine trug die Hauptverantwortung für diesen Mord! Er war überzeugt -- so wenig sie selbst Christin war -- die christliche Dogmensucht hatte sich auch in ihr beleidigt gefühlt durch die Ungläubigkeit eines kleinen Menschenwesens, -- sich beleidigt gefühlt, weil ein so schuldbeladenes Geschöpf es wagte, _ihren_ Glauben zu verwerfen. Daher jene merkwürdig peinliche "Gerechtigkeit", die so sicher und so wohlmeinend tötete.

Aber so weit war er ihr verwandt, daß auch ihn jetzt die tiefsten Schauer der Rachsucht durchtobten. Auch er nannte sie "Gerechtigkeit"; und auch er hatte keine Ahnung, daß er sich selbst belog. Wenn er bei Ragni saß, fühlte er nichts davon; ihre Nähe allein machte ihn gut. Bei ihr wurde er, wenn ihm solche Gedanken kamen, furchtbar aufgeregt, streichelte ihre Hand, strich ihr über die Stirn, sah ihr ins Auge, rückte ihr die Kissen zurecht -- bis er gehen mußte; denn sonst wäre er niedergekniet und hätte alle Selbstbeherrschung verloren.

Da saß nun die stattliche Sissel Aune. Ihre dunkeln Augen wachten mit verständiger Ruhe und wandten sich zuweilen teilnahmsvoll ihm zu. In ihr hatte er alle die Menschen um sich, denen er etwas gewesen war, die ihm gern geholfen hätten, jetzt, wenn sie's nur gekonnt hätten. Aase und Sören Pedersen kamen jeden Morgen an die Küchentür geschlichen, um nachzufragen, wie es gehe; und je mehr die Kunde sich verbreitete, desto mehr Menschen kamen -- alle still und voll Teilnahme. Sigrid selber fiel es schwer, zu Ragni hinaufzugehen; sie mußte dann immer gleich weinen. Aber manchmal kam sie doch -- z. B. wenn Frau Oberst Bajer eine schöne Topfblume abgab, die sie den Winter über mit Liebe großgezogen hatte und der strengen Kälte wegen unter dem Mantel daherbrachte. Die mußte Sigrid doch ins Krankenzimmer hinauftragen und so stellen, daß Ragni sie sehen konnte. Ein Mädchen, deren Kind Kallem von schwerer Krankheit geheilt hatte -- dieselbe, die Kristen Larssen hatte spuken sehen -- und die ebenfalls einen Blumentopf besaß, einen einzigen, brachte ihn auch an, als sie von der Gabe der Oberstfrau hörte. Der Topf, in dem die Pflanze stand, war mehr als einfach; aber was tat's?

Kallem hätte es ja sonst nicht ausgehalten.

Eines Tags, als er vom Krankenhaus zurückkam, wo etwas Besonderes vorlag, und gedankenvoll durch den Flur ging, sah er fremde Reisekleider dort hängen. Bevor er selber ablegte, öffnete er die Wohnzimmertür. Am Verandafenster standen Otto und Karl Meek. Karl wandte sich zuerst um, ging auf Kallem zu und fiel ihm um den Hals. Er sah schlecht aus und hatte etwas Unruhiges, fast Verwirrtes. Sein langes Haar war ungepflegt, sein ovales Gesicht, schon an sich groß, schien noch größer geworden zu sein. Die Augen darin brannten schmachtend, mit einer Leidenschaft, wie sie Kallem nicht an ihm kannte. Und diese Augen ließen die seinen nicht los. Ein Flehen um Nachsicht war in ihnen, die Geschichte eines großen Schmerzes, der ihn verfolgte, wo er ging und stand. Karl konnte seine Bewegung nicht meistern, vermochte nicht ruhig zu sein; und als Kallem nun auch mit dem Vater reden mußte, fing er an, sich umzusehen, ging zum Flügel hin, strich mit der Hand über die Tische, betastete die Blumen, blätterte in den Noten, ging dann ins Eßzimmer, in die Studierstube. Dort blieb er lange -- allein. Dann ging er hinaus in die Küche, zu Sigrid, und blieb draußen. Kallem sah sich wiederholt nach ihm um; Doktor Meek bemerkte es und sagte: "Wir Meeks haben alle starke Gefühle. Wir haben versucht, sie zu zügeln; aber der dort kann seine nicht zügeln; sie werden bloß eingezwängt auf der einen Seite, um auf der andern wieder hervorzubrechen." Karl trat wieder ein; ganz verweint. Kallem wollte nicht, daß er so zu Ragni hinaufgehe; jedenfalls müsse er erst warten, bis er ruhiger geworden sei. Karl beteuerte, oben würde er sogleich ruhig werden; er bat inständig, man solle ihn hinauf lassen; umsonst. Er sollte sie heute überhaupt nicht mehr sehen. Der Abend war immer ihre schlimmste Zeit; sie durfte gar nicht einmal wissen, daß er überhaupt da sei.

Am andern Vormittag, als sie zurecht gemacht war, teilte Kallem ihr mit, daß Doktor Meek in der Stadt und gestern Abend dagewesen sei, um sich nach ihr zu erkundigen. -- "Und Karl?" fragte sie. -- Ja, Karl sei auch mitgekommen. -- Eine Weile lag sie da, ohne etwas zu sagen. "Wenn unten gespielt wird, muß ich es hier hören!" -- "Ja, wenn die Tür offen ist; aber meinst Du wirklich ...?" Der Flur war warm und abgeschlossen; durch ihn wurden alle Räume oben gelüftet; also in der Beziehung stand nichts im Wege. "Glaubst Du wirklich, Du könntest Musik vertragen?" -- "Ich sehne mich nach Musik!" erwiderte sie. Sissel Aune sah den Doktor an; sie war augenscheinlich nicht dafür. "Karl darf Dich wohl nicht begrüßen, wie?" Ragni faltete den Zipfel des Leintuchs mit der einen Hand zusammen; in der andern hielt sie das Taschentuch. Sie antwortete nicht; es war ihr offenbar peinlich. "Aber Doktor Meek darf Dir doch guten Tag sagen?" -- "Muß es sein?" --Kallem wäre es lieb gewesen, wenn er sie gesehen hätte. Später kam Doktor Meek, und Kallem erzählte ihm alles. Karl bat voller Demut, ob er nicht -- hinter den andern -- an der Tür stehen dürfe. Er wolle kein Wort reden, sich nicht rühren, gleich wieder gehen. Kallem fühlte Mitleid mit ihm und mochte es ihm nicht abschlagen. Er ging erst zu Ragni hinein und meldete Doktor Meek; dann kam dieser; und sein breiter Rücken verdeckte Karl, der sich an der Tür aufstellte. Ragni lag mit dem Antlitz dem Licht abgekehrt, also nach der Tür zu. Sie sah Karl nicht, er aber sah einen flüchtigen Augenblick lang ihr abgemagertes, hohlwangiges Antlitz, die Fieberrosen, die trockenen Lippen; die Augen mit ihrem Glanz glichen einem langen Notschrei. Um den zehrenden Durst zu löschen, der sie Tag und Nacht quälte, trat auch Sissel ans Bett, halb vor sie hin und stützte und erquickte sie.

Meek fragte nach diesem und jenem; sie antwortete zerstreut und spähte furchtsam nach beiden Seiten an ihm vorüber; ahnte sie, daß Karl da war? Nachher veränderte sie ihre Lage etwas und Sissel glitt wieder zur Seite; jetzt hätte sie Karl sehen müssen; aber er war schon fort.

Sie fanden ihn nachher im Wohnzimmer, in sich verkrochen, verzweifelt. Aber er bat, man möge ihn dalassen, ihm sein altes Zimmer wieder geben; auch wenn er sie nicht wieder sehen dürfe -- er könne nicht fort von hier. Kallem wagte nicht, es ihm abzuschlagen; auch sein Vater schien es zu wünschen. Etwas an seinem ganzen Zustand ängstigte sie beide.

Am nächsten Vormittag spielte Karl. Die Tür unten stand offen; Ragnis Tür war angelehnt; es klang gedämpft und schön. Er hatte im Spielen Fortschritte gemacht; das Stück kannte sie nicht, aber es ergriff sie. Sie bat, ihn zu grüßen und ihm ihren Dank zu bestellen. Später spielte er noch einmal, am nächsten Vormittag wieder. Schließlich erlaubte sie ihm, heraufzukommen und sie zu begrüßen. Karl versprach, ganz, ganz still zu sein und nur einen Augenblick zu bleiben. Schon im Flur ging er auf den Zehen und glitt wie ein Schatten ins Zimmer. Trotzdem kostete es ihn die größte Mühe, sich zu beherrschen. Aber sobald er unter der Gewalt ihrer Augen stand, wie in alten Tagen, empfand er, daß sie bang war vor ihm und es am liebsten gesehen hätte, wenn er gleich wieder gegangen wäre. Das drückte ihn nieder; er stand da wie eine zaghafte Bitte, bleiben zu dürfen. Sie fühlte die Veränderung, die in ihm vorging; Kallem nahm ihre Hand, und sie beruhigte sich. Je länger er so dastand, desto größeres Mitleid empfand sie mit ihm. Er hatte gelitten, er war ein guter Junge; sie versuchte zu lächeln, ja, sie streckte sogar ihre magere Hand aus. Karl sah Kallem an und nahm die Hand nicht, kam auch nicht näher; aber eine heiße Bewegung stieg in ihm auf, und wie um sie zu dämpfen flüsterte sie: "Guter Karl!" Da ging er.

Nach dieser Begegnung war er still und in sich gekehrt, als grüble er über einen Entschluß. Er sprach seltener mit Kallem, mit anderen gar nicht. Jeden Vormittag durfte er einen kurzen Augenblick zu ihr hinein; unten spielte er für sie und hielt sich im übrigen den ganzen Tag abseiten.

Eines Vormittags, als er wieder spielte, hörte sie gleich am ersten Anschlag, daß das etwas von ihm selber war. Schon ein paarmal hatte er kleine Bruchstücke gespielt, die augenscheinlich von ihm waren; diesmal aber folgte er neuen Vorbildern; das Eigenartige seiner Begabung litt darunter. Dieses neue Stück war der Anlauf zu etwas Größerem, eine wilde Einleitung, aufgewühlte Leidenschaft -- mein Gott, gewiß soll das er selber sein! dachte sie. Zuletzt, mitten in den Braus hinein, kam eine Stille, und eine Melodie löste sich daraus, treuherzig und zart; ob _ich_ das wohl sein soll? Dann fing es an zu schreien und zu heulen um diese friedvolle, kleine Melodie herum -- ein paar Takte Melodie, darauf Takte voll Jammer und Geschrei -- das erste Thema schmetterte und sprudelte über das andere hinweg -- -- äußerst natürlich gemacht -- zu natürlich, denn es wirkte unwiderstehlich komisch. Sie mußte sich zusammennehmen, um nicht zu lachen; so etwas vertrug sie gar nicht. Sie sah Sissel Aune an, um sie zu bitten, doch schnell hinunterzugehen und dem Spiel ein Ende zu bereiten; aber auch auf Sissel Aunes klugem Gesicht lag ein solches Erstaunen über dies natürliche Geschrei -- ja, können denn die Leute auch in der Musik schreien? Der letzte vergessene Rest von Ragnis alter Lustigkeit brach sich in einem hellen Lachen Bahn -- und noch einem -- und dann Husten! Wieder Husten, und wieder und wieder -- ein Anfall, schlimmer, als sie ihn je gehabt hatte.

Karl hörte mitten im Spiele, daß es in der Küche klingelte und klingelte; er hörte Sigrid die Treppe hinaufstürmen und gleich darauf wieder zurückkommen und nach dem Doktor rufen. Er wußte, daß der Doktor soeben ins Krankenhaus gegangen war, und lief selber, ohne Mantel und Hut, ihm nach, fand ihn aber nicht gleich, so daß beide erst kamen, als der Anfall schon vorbei war. Mehr Blut als gewöhnlich im Auswurf. Kallem war sehr erschrocken; Karl, der ihm, ohne es selber zu wissen, ins Krankenzimmer gefolgt war, sah es und zog sich augenblicklich zurück.

Später wurde das Zimmer gelüftet; Kallem war noch immer bei Ragni. Da kam Karl an die Tür und hörte ihn sprechen; er wagte, hineinzublicken. Ragni lag matt in ihrem Bett; Kallem hatte sie eben gefragt, ob sie nicht ein bißchen Erleichterung spüre. Undeutlich sah sie Karl, sein großes, erschrockenes Gesicht. Sie dachte daran, daß sie ihn ausgelacht hatte; sie hatte durch Kallem gehört, wie er in seiner Angst ohne Hut und Mantel davongestürmt war. Und sie gab Kallem ein Zeichen, Karl hereinzulassen. Sie lächelte ihm zu, hob sogar ein wenig -- ein ganz klein wenig -- die Hand. War es, um zu danken? Er wagte sich näher heran; heute wollte er ihre Hand fassen; noch mehr wollte er -- er wollte sich über sie beugen; in seinen Augen glomm es auf. Kallem, der rechts von Ragni stand, sah es, sah zugleich, daß die Hand, über die Karl sich beugen, die er vielleicht küssen wollte, das Taschentuch hielt; hastig sagte er: "Laß, Karl!" Karl richtete sich auch wieder auf und sah sie beide an; aber wieder glomm es wunderlich in seinen Augen auf, und wie der Blitz hatte er sich über Hand und Taschentuch gebeugt und beide geküßt. Eh noch Zeit war, ein Wort zu sprechen, stand er wieder aufrecht, -- stand da, wie einer, der zum Kampf gerüstet ist oder eine große Tat vollbracht hat. Ragni lag da, mit Augen ohne Hoffnung, ohne Verständnis; sie verstand seine kriegerische Haltung, seinen erhabenen Vorsatz nicht; desto besser aber seine erschreckende Unberechenbarkeit. Und Karl war schon zur Tür hinaus.

Wenn es seine Absicht war, mit ihr zu sterben, so hatte er die Rechnung ohne den Wirt gemacht, und unter andern Umständen hätte es komisch wirken müssen, besonders wenn man bedachte, daß sie nach ihrem Anfall eben wieder frisch zurecht gemacht worden, und daß das Taschentuch ganz frisch war. Aber Kallem dachte bloß daran, wie törichte Menschen doch die beste Absicht ins Schlechteste verkehren können: für sie war es ein Schreck gewesen.

Sobald er konnte, suchte er Karl auf. Der hatte sich gerade zum Ausgehen angezogen. "Wo willst Du hin?" sagte Kallem. Karl antwortete nicht; er war im Innersten aufgewühlt; er wollte einfach hinaus! Kallem zog ihn mit sich ins Zimmer, stellte sich vor ihn hin und blickte ihm fest ins Auge; dann legte er den Arm um seinen Hals. Da brach Karl in Tränen aus. Er sei ein unmöglicher Mensch, klagte er, überflüssig, fertig, bevor er überhaupt angefangen habe, untauglich zu allem. Lange gelang es Kallem nicht, ein Wort dazwischen zu werfen, geschweige denn, ihn zu trösten; seine Erbärmlichkeit, seine Unwürdigkeit seien zu groß; er habe auch gar kein Talent. Seine letzte Komposition, seinem eigensten Leben entsprungen, wie keine andere, das wahrste, was er zu schaffen imstande war, habe er heut Vormittag gespielt; und da sei sie ihm einfach komisch, furchtbar komisch vorgekommen! -- Aha! dachte Kallem. Da liegt der Hase im Pfeffer!

Und so war's. In ihrer Gegenwart fühlte er auch unwillkürlich ihr Urteil.

Kallem merkte, was für ein Mißgriff es gewesen war, ihn hierherkommen zu lassen. Mit Schrecken dachte er daran, was Ragni seinerzeit mit ihm hatte ausstehen müssen. Ihm selber machte es jetzt nicht geringe Mühe, ihn im Gleichgewicht zu halten.

Eines Tages -- sie hatte eben nach Karl gefragt -- sagte er zu ihr: "Sicher hast Du mehr Schererei mit ihm gehabt, als ich gewußt habe?" Sie schloß die Augen, öffnete sie wieder und lächelte.

Karl ging nicht mehr zu ihr hinauf, bat auch nicht mehr darum. Spielen konnte er in all seiner Selbstquälerei nicht; Kallem mußte ihn geradezu zwingen, ihm ein paar von seinen kleinen Stücken vorzuspielen. Er tat es nur bei geschlossenen Türen; aber Ragni hörte es doch und sagte zu Kallem, sie seien gut, was auch er fand. Dieses Lob machte Karl wieder froh; und so leise gewann er wieder ein bißchen Selbstvertrauen; nach und nach wurde er umgänglicher.

Sobald Kallem um sich her ein bißchen Ruhe geschaffen hatte, kam er selber an die Reihe. Sein mannhaftes Kämpfen hielt nicht immer stand, und Karl gingen endlich doch auch die Augen dafür auf, daß es noch andere Menschen gab, die litten, und daß man sich auch um andere kümmern konnte. Und nun schlug er vollständig um, lebte nur noch für Kallem, war voller Aufmerksamkeit, voller Sorgfalt. Ein Trostmittel, das nie fehlschlug, wandte er am häufigsten an: von Ragni sprechen, sie bis ins einzelne schildern. Er konnte ein feines Bild von der Eigenart ihres Wesens, ihres Talentes geben, eine Handlungsweise, ein Wort von ihr künstlerisch darstellen; und die Vergötterung, mit der er das tat, war gerade, was Kallem brauchte; er _brauchte_ die leuchtende Wärme des Mitgefühls; denn mit ihrer zunehmenden Entkräftung brach auch er zusammen. Sie konnte nicht einmal mehr den Kopf auf dem Kissen halten; bald glitt er zur einen, bald zur andern Seite; ihre Augen hatten etwas Übersinnliches, das alles verklärte, was sie ansah; ihre schmalen, stimmlosen Lippen waren offen vor Atemnot; wie sie so dalag, in dem weißen Zimmer, dem weißen Bett, in dem weißen Nachtgewand, glich sie einem federlosen Vögelchen, das in einem verlassenen Daunennest nach Luft schnappt. Oft, wenn Kallem ihr Zimmer verließ, weil er seinen Schmerz nicht mehr beherrschen konnte, oder weil er am Rande seiner Kraft, war es Karl, der ihn zur Ruhe brachte, der das rechte Wort fand, oder auch ganz allmählich ihn in einen endlosen Lobgesang auf sie hinüberleitete.

Sie vermochte nur wenig zu sprechen, hatte auch keine Lust dazu; aber aus allem, was sie sagte, ging hervor, daß sie sich nicht einen Augenblick lang über ihren Zustand täuschte, wie etwa andere Lungenkranke es tun. Eines Tags machte sie Kallem ein Zeichen, er möge sich tiefer herabbeugen. "Kristen Larssen!" flüsterte sie. "Dort, in der Ecke." Dann lächelte sie und fügte nach einem Weilchen hinzu: "Jetzt fürcht' ich mich nicht mehr vor ihm." Ein andermal schickte sie nach Kallem, bloß um ihm zu sagen: "Du sollst niemand gram sein -- meinetwegen!" Sie nannte keinen Namen. Kallem drückte ihre durchsichtige Hand; ihr Blick umfloß sie wie ein ganzer Himmel von Güte. Zuweilen versuchte sie, noch ein Lächeln hinzuzufügen, das sie doch nicht mehr besaß. Wenn sie seine Tränen sah, winkte sie ihm, er solle sich bücken, und fuhr ihm mit den Fingern durchs Haar. Einmal, als er ihr in dieser Stellung dankte für alles, was sie ihm gewesen war, von der ersten Begegnung an bis jetzt, versuchte sie ihn an den Haaren zu zupfen; so etwas solle er bleiben lassen.

Fortan wurde zwischen ihnen kaum noch ein Wort gesprochen. Nur noch ihre Augen und Hände sprachen. Sie waren eins in ihrem Schmerz und besaßen nichts mehr, was unausgesprochen war. Für die Dankbarkeit, die sie empfanden, für das Grauen, das sie vor dem Scheiden hatten, gab es ja auch keine Worte. Die Stunde nahte.