Chapter 21
"Ich habe über das nachgedacht, was Du vorhin sagtest." Er lag auf dem Sofa und rauchte, erhob sich aber, um Platz zu machen. Es tat ihm wohl, daß sie zu ihm hereinkam. Aber sie blieb stehen. "Soll etwas, das Du dem Jungen einmal gesagt hast, für ihn eine Wahrheit sein, auch wenn es nicht wahr ist?" -- "Nein. Aber Du könntest es mir überlassen, es zu berichtigen!" -- "Und wer sagt mir, daß Du es berichtigen willst?" --"Was soll das heißen?" -- "Das soll heißen, daß Du dem Jungen fortwährend Dinge beibringst, an die Du selber unmöglich glauben kannst." -- "Was für Dinge?" --Er wurde rot; denn er begriff, jetzt kam es zu einer Abrechnung. -- "Ich habe in der letzten Zeit oft daran gedacht, mit Dir darüber zu reden," sagte sie, "und nun soll es einmal geschehen. Du selbst glaubst nicht daran, daß die Welt vor etwa sechstausend Jahren in sechs Tagen geschaffen worden ist, oder daß die Sagen von den ersten Menschen und den Patriarchen etwas anderes seien als Sagen, nicht wahr? Ebenso die ganze Geschichte vom Paradies. Erde und Menschen können nicht gleich von Anfang an vollkommen gewesen sein. Aber die Kinder lehrst Du das, und in der letzten Zeit auch Edvard." --
Er schritt im Zimmer auf und ab; sie stand zwischen den beiden Türen, die zum Flur und zum Wohnzimmer führten. So oft er sich ihr näherte, schaute er sie mit einem starken, ja mächtigen Blick an; so sieht ein schlechtes Gewissen nicht aus; das fühlte sie. Und um ihr zu zeigen, in welchem Geist hier verhandelt werden mußte, blieb er stehen und sagte ruhig: "Wollen wir uns nicht setzen, Josefine?" -- "Nein", erwiderte sie. "Ich würde ja doch gleich wieder aufstehen!"
"Das, was Du Sage nennst," sagte er, "trägt in sich die ewige Wahrheit, daß Gott alles und alle geschaffen hat, und daß die Sünde ein Abfall von ihm ist." --"Weshalb es nicht so lehren, anstatt in unwahren Bildern?" -- "Kinder fassen es am besten in Bildern, Josefine." -- "Dann sage ihnen, daß es nur Märchen sind." -- "Darauf kommt es nicht an." -- "Gewiß kommt es darauf an, daß die Kinder ewige Wahrheiten nicht in unwahren Bildern lernen, meine ich!" -- Er sah, wie leidenschaftlich sie die Sache nahm, und warnte sie; sie müßten ohne Leidenschaft darüber reden können. "Nein", sagte sie, "das kann ich nicht. Denn Du mußt wissen -- es geht um die Zukunft unseres Kindes --und um Deine und meine!" Und sie trat an den Schreibtisch, wie um ihm näher zu kommen, vielleicht auch, um sich zu stützen.
Aber er ließ sich nicht beirren. "Wärst Du selber so durchdrungen von jener ewigen Wahrheit, die Du im Munde führst, Josefine, -- kämpftest Du nur um sie, so wäre all dies für Dich etwas ganz Untergeordnetes. Das, was wir an Stelle des Alten setzen könnten, ist ja auch nichts Sicheres; wir wissen, so, wie das ehrwürdige Buch es berichtet, kann es schwerlich zugegangen sein; aber wir wissen auch nicht, wie es in Wirklichkeit gewesen ist. Bloß das wissen wir: von Gott stammt unser Leben, in Gott sind wir glücklich -- im übrigen laß Kinder und Erwachsene die ersten Vorgänge auffassen nach der Väter Weise -- bis auf weiteres." Die ehrliche Kraft der Überzeugung lag in seinen Worten, und sie verfehlten ihre Wirkung nicht. Darum schwieg sie lange. Dann aber brach plötzlich etwas anderes hervor. "Weißt Du, daß -- ohne die grenzenlose Verschandelung meines Verstandes und Willens in meiner Kindheit auch ich anders geworden wäre, als ich jetzt bin?" -- "Ja," sagte er kalt, "wie ich höre, hast Du es in der letzten Zeit so weit gebracht, den Glauben für das Unglück Deines Lebens zu halten!" -- "Das hab' ich nie gesagt!" fuhr sie auf und wurde sehr blaß. "Und auch niemals gemeint!" Ruhiger fügte sie hinzu: "Den Glauben an Gott und die Erlösung durch Jesus hab' ich niemals als Zwang an meinem Verstand empfunden. Niemals!" -- "Wirklich? Das ist ja schön!" sagte er, seufzte aber gleich darauf tief. -- "Gut! Wenn Du mich nicht anhören willst," sagte sie, "so will ich mich kurz fassen. Entweder Du hörst auf, dem Jungen Märchen zu erzählen, die nicht unschuldig sind, wenn sie seinen Kinderverstand einengen können; oder ich halte Dich nicht mehr für vollkommen gewissenhaft, Ole!"
Es war nicht das erste Mal, daß sie harte Worte brauchte; sie hatten lange und schwere Kämpfe miteinander gehabt. Aber nie hatte sie so hart gesprochen, niemals seinen Glauben angegriffen. Sie hatte ihr Recht verteidigt, so zu sein, wie sie war, wenn auch mit heftigen Ausfällen gegen die Art, wie er war; sie war seinen Herausforderungen mit schneidiger Waffe begegnet; aber niemals, bis zu diesem Augenblick, hatte sie etwas derartiges gesagt oder Bedingungen gestellt. Er hatte schon ziemlich lange das drückende Gefühl gehabt, daß sich in ihr etwas zusammenzog; aber ihr fest gewappneter Vorsatz -- von solchem Zorn, solchem Willen getragen --! So standen sie sich gegenüber, Aug' in Auge; und wollten die Tiefe ihres Willens aneinander messen. Auch in ihm kochte es auf zu gewaltigem Zorn, und um von vornherein jede falsche Hoffnung abzuschneiden, sagte er: "Der Junge bleibt bei mir!" -- "Bei Dir?" -- Sie wurde aschfahl. "Hast _Du_ ein größeres Anrecht an ihn als ich? Bist _Du_ seine Mutter?" -- "Ich bin sein Vater. Bibel und Gesetz machen den Vater zum Eigentümer des Kindes."
Jetzt begann sie auf- und abzugehen; aber nur zwischen Fenster und Tür, wie zwischen den Stäben eines Käfigs. Ihre Brust wogte; ihr Atem ging hörbar; ihre Gesichtsfarbe, ihre Augen, ihre Stimme verrieten, in welch furchtbarer Aufregung sie war. Sie hatte nie geglaubt, daß er zu so etwas imstande sei. -- "Schämst Du Dich nicht? Du wolltest den Jungen behalten?" -- "Das will ich, so wahr Gott es mir gebietet! Du sollst unsern Jungen nicht verderben." -- "Ihn verderben? Ich? Das ist zu viel! Jetzt sollst Du die Wahrheit hören! Von Kindheit an hast Du Macht über mich gewonnen -- _dadurch_! Hast Macht gewonnen über meinen Verstand durch Deinen unerschütterlichen Glauben, ohne daß ich es merkte, weil Du gut warst und Dich hingabst. Und damit hast Du meine Natur verpfuscht -- ja, das hast Du! -- denn ich war anders geartet. Du hast meinem Leben Bahn und Ziel gewiesen, ich merkte es selber nicht. Ich sag' es, wie es ist; ich messe Dir keine Schuld bei. Aber Du sollst wissen, weshalb Du nicht auch Macht gewinnen darfst über mein Kind! Das darfst Du nicht -- solange noch ein Funken Leben in mir ist -- trotz Gesetz und Bibel! Jetzt weißt Du's --und Du wirst es sehen!"
Hätte sie geahnt, daß er schon lange, lange darauf gewartet hatte, sie möge ihm einmal so gegenüberstehen, sie hätte es sich erspart, mit solch sprühender Leidenschaftlichkeit zu reden. Er selber war vollkommen Herr seiner Gefühle. "Ja, Deine göttlichen Gefühle hab' ich auf Abwege geleitet -- das weiß ich längst. Ich hab' es getan durch den Glauben, der nicht der Deine wurde. Das hab' ich gewußt, mein Kind, noch ehe Du wegreistest!" Er sagte es breit und sicher. -- "Nun, also dann weißt Du es!" schrie sie mit derselben funkelnden Leidenschaft. "So weißt Du es! Dein Glaube ist niemals der meine geworden! Er paßte mir nicht! Aber auch zu keinem andern Glauben bin ich gekommen. Immer dachte ich, es sei Sünde, daß ich nicht glauben konnte wie Du! Es lag wie ein Stein auf mir, daß ich nicht alle meine Kräfte aufwenden konnte für etwas, das mein war! Darum bin ich nicht geworden wie andere. Alles war verpfuscht!" -- "Und was hätte denn aus Dir werden sollen, wie?" -- "Oh -- wenn Du gleich das Tollste wissen willst -- Kunstreiterin!" antwortete sie, ohne mit der Wimper zu zucken. Er blieb stehen; er traute seinen Ohren und Augen nicht. "Kunstreiterin!" Er lachte höhnisch. "Wahrlich -- ein großer Verlust für die Welt und für Dich, daß Du das nicht geworden bist, Josefine!" -- "Das wußt' ich, daß Du so denken würdest. Aber wenn es mein Los gewesen wäre, einen Zirkus zu leiten, so hätt' ich Hunderten Brot und Tausenden ein gesundes Vergnügen verschafft. Das ist gar nicht so wenig, Du -- das ist mehr, als die meisten Menschen leisten! Und was hab' ich so geleistet? Mit was für Kleinkram hab' ich mich beschäftigt? Was hab' ich erreicht? Daß ich nahe daran bin, Dich und mich zu verachten! Was ist aus unserm Leben, was ist aus unserer Ehe geworden? Kannst Du ehrlich behaupten, Du fühltest noch Liebe zu mir? Kann ich behaupten, ich hätte Dich noch lieb?" -- "Nein, Josefine -- wen Du lieb hast, das wissen wir beide!"--Wenn er sie geschlagen hätte, wie ihr Bruder, sie hätte nicht rasender sein können; erstens weil es überhaupt ausgesprochen wurde -- sie wußte ja kaum, daß man wagen konnte, es zu denken -- und dann, weil der Mann es aussprach, der ihrem Bruder und ihr alles verdankte, was er war, und der trotzdem Schuld daran trug, daß die Geschwister entzweit waren. "Allerdings -- _er_ hat, was Du nicht hast!" antwortete sie, um ihn so recht empfindlich zu verletzen. "Im übrigen ist es erbärmlich von Dir, so etwas zu sagen." -- "So? Glaubst Du, ich wüßte nicht, daß es seine Schuld ist, wenn ich Dich verloren habe, Dich und meinen häuslichen Frieden und dadurch die Freudigkeit für meinen Beruf, und daß mir nun auch noch die Gefahr droht, mein Kind zu verlieren?"
Seine Stimme zitterte; er hatte anfangs im Zorn gesprochen, doch der Zorn ging über in tiefes Leid, und der gleiche Vorgang war in ihr. Sie hätte am liebsten laut geweint. Doch keines wollte einem weicheren Gefühl nachgeben. Sie stand am Fenster und blickte hinaus. Er ging im Zimmer auf und ab. Ein langes, langes Schweigen. Und währenddessen gewann in ihr der Zorn wieder die Oberhand. Seine schweren Schritte klangen ihr voll Trotz; auch in dem Schweigen lag Trotz. Und das, was er vorhin gesagt hatte, war schändlich.
"Also," sagte sie, ohne ihn anzusehen, "Du kennst nun die Bedingung. Solche Märchen, wie die Spukgeschichte von Kristen Larssen ... erzählst Du, und hast sie dabei nicht einmal untersucht. Und genau so ist es mit den Märchen vom Paradiese, an die glaubst Du nicht einmal und erzählst sie doch. Kann ich Achtung haben vor so etwas? Da ist mein Bruder doch ein anderer Mensch! Der ist doch aufrichtig. Kommst Du meinem Jungen noch weiterhin mit solchen Märchen, ohne ihm zu sagen, daß es Märchen sind," -- und jetzt wandte sie sich um -- "so ist es aus mit uns beiden, Ole! Bei Gott, es ist aus! Niemals wird es Dir gelingen, ihn mir wegzunehmen durch so etwas!" Sie trat auf ihn zu. "Darin gebe ich nie und nimmer nach, Ole!" Sie ging.
* * * * *
Am selben Sonntag und zur selben Zeit kam Kallem nach Hause zum Mittagessen, das bei ihm etwas später lag als bei seinem Schwager.
Schon durch die Küchentür sah er Ragni in einer großen Schürze, die bis unters Kinn reichte, am Küchentisch stehen und Gemüse putzen. Er legte im Flur ab und ging zu ihr hinein; in letzter Zeit war in ihm eine stetig wachsende Angst, die er ihr jedoch verbarg. War es die weiße Schürze, die einen so bleichen Schein über sie warf, oder der Dampf von Sigrids Braten -- Ragni sah entsetzlich schlecht aus. Und sie hatte sicher geweint! Das schnitt ihm ins Herz. Sie sah nicht von ihrer Arbeit auf, sondern sagte: "Wir haben einen Gast zu Tisch." --"So?" -- "Ja, Otto Meek, Karls Vater, ist heut Vormittag dagewesen und kommt zum Essen." -- "Wie geht's denn Karl?" -- "Nicht gut. Da kommt ja Herr Meek." Der große Kopf in der Pelzmütze tauchte jenseits des Zaunes auf; jetzt trat Meek in den Garten; und Kallem ging ihm entgegen. Früher, als Meek noch praktizierte, hatte auch er sich besonders mit Brustkrankheiten befaßt, die in dieser Gegend des Landes nur allzu verbreitet waren, und er verfolgte Kallems Arbeit am Krankenhaus und seine Schriften mit reger Teilnahme; Kallem freute sich über sein Kommen. Während er ihm half, den Überzieher abzulegen, sagte er, Ragni habe ihm erzählt, es ginge Karl nicht gut. "Nein, es geht ihm nicht gut." -- "Was ist es denn?" --"Ja, deshalb bin ich gerade gekommen," erwiderte Meek. -- "Haben Sie mit meiner Frau darüber gesprochen?" -- "Ja." Sie gingen beide ins Zimmer. Es war warm und gemütlich drin; der Flügel stand offen. Hatte sie gespielt, als Meek gekommen war? Dann konnte es ihr nicht so schlecht gehen, wie es aussah; er brannte darauf, sie zu untersuchen.
Meek war heute noch schwerfälliger und schweigsamer als gewöhnlich. "Na," sagte Kallem, "haben Sie sich über Karl geeinigt, Sie und meine Frau?" -- Meek sah ein bißchen verwundert auf. "Sie meinen, daß man ihm schreiben soll?" -- "Na ja, das auch. Es hat natürlich -- wie schon oft -- eine kleine Reiberei gegeben?" -- "Ja", antwortete Meek und schwieg dann wieder. --"Sie denken wohl, ich wüßte etwas davon? Nein, mein Bester, keinen Schimmer!" Meek schien immer nachdenklicher zu werden. "Ich habe Ihrer Frau gesagt, sie müsse es Ihnen sagen. Es ist ja schön von ihr, daß sie es nicht getan hat. Aber die Sache fängt an, eine gefährliche Wendung zu nehmen." Seine schwermütigen Augen blickten in Kallems Augen. -- "Gefährlich, sagen Sie?" -- "Ja. Ich muß ihn nach Hause kommen lassen." -- Kallem sprang von seinem Stuhl auf; Meek fuhr fort: "Es hat gar keinen Zweck, daß er dort ist." --"Aber, mein Gott, was ist denn los? Wollen Sie, daß wir es wieder mit ihm versuchen?" -- Kallem dachte, der Junge habe möglicherweise einen Rückfall gehabt. Meek sah ihn forschend, beinah erschrocken an. "Wie geht es eigentlich Ihrer Frau?" Kallem wurde rot; das traf wie ein Schuß mitten in seine heimliche Angst. "Sie hat sich eine häßliche Erkältung zugezogen, die nicht weichen will; ich habe eine Zeitlang geglaubt, ... Wissen Sie was? Könnten Sie sie nicht einmal untersuchen?" Sein Zweifel war zur Gewißheit geworden; sein Herz schlug so, daß er selber sie nicht hätte untersuchen können. Meek sah ihn noch immer an; und Kallems Angst wurde immer größer. "Ich bitte Sie, wollen Sie sie nicht untersuchen?" -- "Doch, natürlich. Sie haben es in der letzten Zeit nicht getan?" --"In der allerletzten Zeit nicht. Ich wollte sie nicht ängstigen. Ihre Phantasie bemächtigt sich gleich der Sache, und das ist bei ihr furchtbar gefährlich. Außerdem war da noch etwas anderes ... Aber jetzt werd' ich --" Er wollte hinausgehen und sie holen. "Haben Sie ihren Vater gekannt?" fragte Meek. Kallem überlief es kalt. "Haben _Sie_ ...?" -- "Ja. Ich war Fischerarzt dort oben." -- "_War er_ --?" fragte Kallem atemlos, und verschluckte den Schluß. Meek nickte bloß. Kallem griff sich mit beiden Händen an den Kopf, eilte nach der Tür, und kam wieder zurück: "Wollen Sie jetzt gleich, auf der Stelle, sie untersuchen, ja?" -- "Wie Sie wünschen." -- Kallem führte sie behutsam herein, ohne daß sie erst hatte die Schürze abbinden können; sanft zog er sie ans Fenster. Ja, sie hatte geweint. Und diese Ringe um die Augen, die Magerkeit, die Farbe --! Sie sah sein Entsetzen und deutete es falsch. Draußen in der Küche hatte sie gedacht: jetzt sprechen sie von Karl. Jetzt erfährt Kallem, was geschehen ist, und warum ich keine Briefe mehr von ihm haben will. Als sie nun Kallems Aufregung sah, dachte sie: ist er böse, weil ich nichts gesagt habe? Das konnte sie nicht ertragen; ihr wurde kalt und heiß. -- "Liebe, liebste Ragni, darf Doktor Meek nicht mal Deine Brust untersuchen?" Also das war es --! Sie erschrak aufs heftigste und sah ihn wie ein wundes Tier an, das um Schonung fleht. Aber er bat wieder und begann behutsam ihr die große Schürze abzubinden; und gehorsam wie sie war, fügte sie sich.
Gleich an der ganzen Art, wie und wo Meek innehielt und wieder horchte, merkte Kallem, daß da etwas Entsetzliches über sie beide hereingebrochen war. Ihre verängstigten Blicke suchten die Augen des Gatten und vermehrten seinen eigenen Schmerz -- ahnte sie es selbst? Oder war es ein Vorwurf, daß er einen andern das tun ließ?
Jetzt lag der große Kopf an ihrem Rücken. An der rechten Seite -- da ... Verdichtung in der Lungenspitze? Kavernen im Gewebe? Er dachte sich das Schlimmste -- und sie auch; das sah er. Wußte sie vielleicht mehr, als sie hatte sagen wollen? Verheimlichte sie ihm etwas, ebenso wie er seine Furcht verheimlichte? O Gott, so kummervoll fragend sucht kein Auge das andere, es sei denn in Todesangst! Auch ihn packte sie.
"Haben Sie in der letzten Zeit außergewöhnlich viel gehustet?" Sie schien unsicher, was sie antworten solle, und blickte flehend auf Kallem. Ihre Hände zitterten, und sie wollte es verbergen; Meek sah es. "Fühlen Sie sich sehr matt, wenn Sie spazieren gehen?" fragte er. Wieder blickte sie verzweifelt auf Kallem, als wolle sie ihn dafür um Verzeihung bitten. "Kommen Sie leicht außer Atem?" fuhr der andere fort. -- "Ja." -- "Fühlen Sie sich manchmal sehr entkräftet, -- fast als ob Sie ohnmächtig werden wollten?" In schrecklicher Angst sah sie jetzt Kallem an. -- "Sind Sie etwa schon in Ohnmacht gefallen?" -- "Ja." -- "Ist das wahr?" rief Kallem. -- "Ja, heute", sagte sie hastig, mit zitternder Stimme. -- "Nachdem ich mit Ihnen gesprochen hatte?" -- "Ja. Ich wollte gern ein bißchen frische Luft schöpfen, und ..." Bei diesen Worten brachen die Tränen hervor.
Meek wartete eine Weile. "Wenn Sie husten, --haben Sie dann Schmerzen hier?" er zeigte auf das rechte Schlüsselbein. Sie nickte. "Haben Sie jemals Ihren Auswurf angesehen?" Sie antwortete nicht. "Haben Sie ihn nie angesehen?" -- "Doch, gestern Abend." -- "Nun, und -- ?" Sie schwieg und starrte zu Boden. -- "War Blut darin?" -- Sie nickte; die Tränen liefen ihr über die Wangen; sie wagte nicht mehr aufzusehen.
Kallem stand da, unfähig zu sprechen. Meek fragte nicht weiter. Ragni ordnete ihre Toilette. Meek reichte ihr stillschweigend ein Tuch, das sie abgenommen hatte, als die Untersuchung begann. Und während sie hilflos dasaß und es wieder umzubinden versuchte, schien Kallem etwas einzufallen, was er im Arbeitszimmer holen mußte. Er kam nicht wieder. Sie wußte weshalb; und eine Weile zweifelte sie, ob sie überhaupt aufstehen könne, und hatte ein Gefühl, als würde sie wieder ohnmächtig werden; aber der Gedanke an ihn, der da drin in seinem Studierzimmer saß, überwand die Ohnmachtsanwandlung; sie wollte zu ihm. Sie bat Meek um Entschuldigung, stand auf, ging auf die Eßzimmertür zu und verschwand. Auch sie kam nicht wieder.
Meek wartete eine Weile, wartete lang und länger. Dann ging er auf den Flur, zog seinen Mantel an, rief zur Küchentür hinein, er müsse gehen, und bat, die Herrschaften zu grüßen.
Sigrid suchte sie in der Wohnstube, klopfte an die Tür des Arbeitszimmers, -- keine Antwort. Sie horchte und öffnete schließlich. Kallem lag auf dem Sofa; Ragni kniete, an ihn gelehnt, vor ihm. Leise meldete Sigrid, das Essen sei fertig, und Doktor Meek sei fortgegangen. Keines antwortete; keines blickte auf.
Edvard und Ragni hatten bis jetzt geglaubt, der Tag, an dem Ragni nach Amerika gereist, sei der schwerste ihres Lebens gewesen; brieflich und mündlich hatten sie einander gesagt, das sei ein Gefühl gewesen, als müßten sie sterben. Aber der Tod ist noch anders; er gleicht nichts sonst auf der Welt. Das erfuhren sie jetzt. --
Auf diesen Tag folgte eine lange Zeit voll Kampf ohne Hoffnung, voll Verzweiflung ohne Worte, voll innigster Liebe ohne Freude. Ragni hatte allerlei zu "ordnen", womit sie in der Stille anfing. Sie hatte auch verschiedenes zu schreiben, und so oft sie nur irgend konnte, machte sie sich daran, schrieb, strich aus, -- nach langer Arbeit wurde das Ganze nur kurz. Aber so lange sie mit dem beschäftigt war, was sie sich zu erledigen vorgenommen hatte, ging es ihr leidlich. Kallem war ganz erstaunt.
Er selbst hatte allen Mut verloren. Er sah das Schlimmste kommen. Am längsten sträubte er sich, ihren Auswurf zu untersuchen; ... er wußte im voraus, daß er den Tuberkelbazillus darin finden würde, den Feind, zu dessen Bekämpfung er Vermögen und Leben eingesetzt hatte. Nun war er vom Feind in seinem eigenen Hause besiegt worden. Aber eines Tages mußte er doch darangehen; und er fand ihn. Er rannte nicht im Laboratorium auf und ab, er weinte nicht, er rang nicht die Hände. Er versuchte nur, ob er ohne sie denken könne; aber immer dachte er nur an sie. Von der ersten Stunde ihrer Begegnung an -- all die kleinen Züge, die unbedeutendsten Beweise ihrer Anmut und Begabung, ihre Schwächen ebenso wie ihre schweigende, poetische Liebe -- alles durchlebte er noch einmal mit der gleichen Wonne, dem gleichen Schmerz; alles war ihm gleich lieb, gleich unentbehrlich; unzählige Begebenheiten voll Humor, Wärme, Furcht, Schönheitssinn, Hingebung an den Augenblick -- alle sahen sie ihn an wie Augen. Wo sollte er hin? Was sollte er weiter? Sie war ja auch in all seinen Arbeiten. Ihr Bild aus dem dritten Jahr in Amerika stand drüben auf dem Kaminsims; es war seinerzeit gekommen als erster Abdruck dessen, was ihr geistiges Entwicklungsleben in Gesicht und Augen hineinmodelliert hatte, eine wundervolle Bestätigung dessen, was er geahnt hatte, als er sie hinüberschickte. Aus dem Bild heraus suchten ihre Augen wie immer die seinen; dieses Lächeln ihrer Augen war ihm in der Wartezeit wie eine Verheißung alles Guten gewesen! Und was war es ihm eben dadurch nicht alles gewesen! Jetzt strömten wieder die Erinnerungen herbei an ihr erstes Wiedersehen, an die ersten Worte, die erste Verlegenheit über das Fremde, das hinzugekommen war, das erste ganze, volle Wiedererkennen, die erste Umarmung ...
Und das nur, um zu sagen, daß nun alles zu Ende gehe! Auch alles, was er im Zusammenleben mit ihr gedacht und getan hatte, seine Freude daran, seine Kraft, sein Glaube. Was in aller Welt war nur geschehen? Er mußte wirklich einmal mit ihr darüber sprechen. Da war etwas, was sie ihm verheimlichte. Eine Unvorsichtigkeit, die sie nicht einzugestehen wagte? Was konnte es sein? Aber in sie dringen mochte er nicht.
Dann, eines Tages, als er nach Hause kam, fand er sie nicht unten. Und als er hinaufkam, lag sie im Bett! Sie streckte ihre Hand aus -- wie mager die geworden war! -- und richtete die großen Augen mit einem matten, halbverschleierten Ausdruck auf ihn: "Ich hab' mich ein bißchen hingelegt", flüsterte sie; "bloß auf einen Augenblick!" Sie sah nicht einmal so schlecht aus, vielleicht weil sie lag. Er setzte sich an ihr Bett und hielt ihre lange, magere Hand zwischen seinen beiden Händen.
"Hinter all dem", begann er vorsichtig, "steckt etwas, in das ich nicht eingeweiht bin. Einmal war ich auf vollständig falscher Fährte; aber auch später ist es schneller gegangen, als ich begreife -- einfach, weil ich nicht wachsam genug gewesen bin. Da steckt etwas dahinter, irgendeine große, vielleicht wiederholte Unvorsichtigkeit, die ich nicht mit in Rechnung gezogen habe. Schatz, sag' es mir jetzt; sonst hab' ich keine Ruhe."
"Ich will es Dir sagen. Ich habe es mir eben überlegt. Drunten in meinem Schreibtisch sind ein paar Papiere, im ersten Fach links; die sind alle für Dich. Die sollst Du lesen, wenn --" sie unterbrach sich selbst. "Später!" fügte sie hinzu und drückte schwach seine Hand. --"Also jetzt soll ich es nicht erfahren:" -- "Doch, das, wonach Du fragst, gewiß. Ich kam nur nicht so weit." Sie bat ihn, sie etwas anders zu legen, und er half ihr. --"Doch, Du sollst es wissen. Nur Dir zuliebe habe ich es verheimlicht," -- ihre Augen füllten sich mit Tränen, -- "Du, mein ..." Wieder ein leiser Händedruck und ein Lächeln. Er trocknete ihre Tränen mit seinem Taschentuch ab und wischte sich heimlich die Augen hinter der Brille. Sie lag und sah ihn an, ohne zu sprechen; hatte sie es vergessen oder überlegte sie? Er beugte sich über sie: "Nun --?" fragte er; "willst Du es mir nicht sagen?" -- "Doch! Das, was zu oberst liegt, von Karls Hand, das kannst Du gleich lesen. Das andere nicht." -- "Steht es denn in Karls Brief?" Sie nickte. "Der Schlüssel?" flüsterte er. "Der steckt", antwortete sie, ohne die Augen zu öffnen, und ließ seine Hand los.
Er ging hinunter, öffnete das Fach und nahm den Brief heraus, den wir kennen; dann setzte er sich hin, um ihn gründlich zu lesen.