Chapter 20
Einer der angesehensten Männer der Umgegend, Oberst Bajer, litt seit etwa einem Monat an Magenhautentzündung mit Anzeichen von Septichämie. Doktor Arentz war sein Hausarzt und behandelte ihn in der üblichen Weise mit Wasserumschlägen und Opium. Aber die Krankheit wurde bedenklich und Arentz riet, Kallem zu Rate zu ziehen. Die Frau des Obersten widersetzte sich -- nicht gerade, weil sie eine eifrige Christin war, sondern weil ihr Kallem an sich unsympathisch war. Sie war ein gutes, warmherziges Wesen, aber hysterisch, und solche Menschen ergreifen leicht Partei für oder wider. Pastor Tuft hatte sie einmal gerettet; sie war krank gewesen an Schwäche, nichts wollte helfen, bis er gekommen war und ihren Willen durch den Glauben gestärkt hatte -- eine Tatsache, die niemand bestreiten konnte; seitdem schwärmte sie für ihn.
Der Arzt des Nachbarbezirks und Doktor Kent wurden zugezogen; aber beide waren ehrlich genug, einzugestehen, daß nichts mehr zu machen sei; der Oberst sei ein Todeskandidat und eine Operation unmöglich.
Jetzt siegte die Liebe zum Gatten über allen Widerwillen; sie ließ anspannen und fuhr selbst zu Kallem, der sich sofort und unbedingt bereit erklärte, die Operation vorzunehmen. Ohne sich von den Einwendungen der andern abhalten zu lassen, öffnete er die Bauchhöhle und fand Eiter; dann öffnete er den Dickdarm. Besonders da die andern abgeraten hatten, erforderte dies Ereignis seine ganze Charakterstärke. Der Oberst war als Ehrenmann bekannt, in Stadt und Land nahm man Anteil, und der Zustand der Frau war derartig, daß sie wahnsinnig werden mußte, wenn der Mann starb. Ihre Abneigung gegen Kallem schlug in unbegrenztes Vertrauen um; es war, als habe seine Nähe sie magnetisiert. Alles das erfüllte Kallem mit tiefer Besorgnis.
Nun hatte Ragni an anderes zu denken als an sich selbst; denn sie sah, welche Seelenqual das Gefühl der Verantwortung unmittelbar vor der Operation und mehr noch in den Tagen nachher in ihm erregte. In solchen Zeiten hielt sie mit seltener Kunst alles Kleinliche von ihm fern, ermutigte ihn, heiterte ihn auf, lebte überhaupt ausschließlich für ihn. Einem solchen Mann etwas sein zu können -- das war "Wärme" genug!
Der Oberst erholte sich; Kallem war bei übersprudelnder Laune. Ragni spielte wieder, nahm ihre übrigen Arbeiten wieder auf, ja, sie wagte sich sogar in den Garten und ließ die Augen zu dem Haus oben hinüberschweifen. Sie hörte den Wagen vorbeirollen, ohne mehr als höchstens ein ganz klein bißchen zu zittern; sie wurde von der Nordlandsköchin, die mit ihrem Korb auf den Markt ging, angesprochen, und obgleich sie dabei ein Gefühl hatte, als werde sie von einer Schlange gebissen, starb sie doch nicht daran. Es kam sogar der Tag, da sie mit ihr plaudern konnte, zuletzt konnte sie sogar jeden Morgen ihr Kommen abwarten, ohne davonzulaufen. Das geschah nicht etwa aus Mut -- beileibe nicht -- aber es geschah; und sie fühlte sich wohl dabei.
Das Wetter schlug um und kehrte seine allerrauhste Seite hervor. Die Blätter stoben im Nordwind, die Erde war festgefroren und jeden Morgen mit Reif bedeckt. Die Öfen zogen, daß es nur so krachte, und ihr Prasseln wetteiferte mit dem Wagengerassel, das draußen über den hohlen Boden zog. Jeden Tag fragte man sich, ob man nicht die Doppelfenster einsetzen und die Verandatür schließen solle. Und jeden Tag schob man es wieder auf; wer weiß -- vielleicht kamen noch schöne Tage!
Eines Tages brachte die Post Ragni Briefe aus Amerika, aus Nordland und aus Berlin; einer war von Karl. Sie hatte alle geöffnet, aber keinen gelesen; es war zu vielerlei zu tun, damit das Haus für den Winter in Ordnung komme. Den Brief der Schwester las sie aber doch am Nachmittag; und er machte sie betrübt; der Schwester ging es nicht gut. Ragni dachte daran, sie zu sich zu nehmen. Die letzten zwei oder drei Briefe von Karl hatten stark nach Heimweh geschmeckt; er war schwermütig, und sie hatte deshalb nicht sonderliche Lust, seinen neuesten Brief zu lesen. Sie war gerade mitten in einem amerikanischen Roman, einem der besten von Howell; es war ein tiefeindringendes, spannendes Seelengemälde; und so nahm sie zuerst ihr Buch vor, als sie sich gegen Abend ins Studierzimmer setzte. Aber etwas in der Erzählung erinnerte sie an Karl; sie legte das Buch weg und nahm seinen Brief vor. Wie immer, ganze Bogen, auch recht interessant, aber der Ton geradezu seelisch krank. Als sie an den letzten Bogen kam, sah sie darüber in roter Tinte die Worte: "_Bitte allein lesen_!"
Er schrieb: "Seit ich Ihren Brief über die 'Kälte der Schlechtigkeit' erhalten habe, war ich in Zweifel, ob ich Ihnen sagen solle, daß ich es sogleich verstanden habe. Ich habe schon längst gewußt, was man von uns gesagt hat. Solch eine rohe Verleumdung! Das war es, was mich diesen Sommer beinahe zum Wahnsinn getrieben hat, als ich es -- kurz vor unserer Trennung --erfuhr. Ist es nicht furchtbar? Damals dachte ich, es könne überhaupt nichts mehr kommen, was mich noch tiefer treffen könnte; aber nun ist doch noch etwas gekommen: auch _Sie_ haben es erfahren! Denn natürlich ist das der Sinn ihres Briefes.
Wochenlang habe ich hin- und hergesonnen. Aber um meinet- und um Ihretwillen ist es besser, wenn wir davon sprechen. Lassen Sie Kallem nichts davon erfahren! Ich schäme mich so entsetzlich -- ich bin so unglücklich -- ach, wenn Sie wüßten, wie unglücklich ich bin! -- Aber ihm wollen wir es ersparen!
Darum schreib' ich das auf einen besonderen Bogen; ich werd' es fortan immer so machen. Auch des andern wegen, das nun kommt, Sie Liebe, Liebste!
Von der ersten Zeit an, als Sie so gut zu mir waren, hab' ich Sie unendlich lieb gehabt. Ich hätte nie gedacht, daß ich Sie oder überhaupt einen Menschen noch lieber haben könnte. Jetzt aber sind wir in dieser Schmach und diesem Schmerz gleichsam miteinander verschmolzen; wir beide sind die einzigen, die darum wissen; und jetzt, -- Gott ist mein Zeuge! -- lebe und leide und arbeite ich nur noch in Gedanken an Sie! Immer sind Sie um mich -- vom Morgen bis zum Abend und bis in den Traum meiner Nächte!
Ich liebe, liebe, liebe Sie! Ich schreib' es -- unter Tränen. Ich liebe Sie -- ich liebe Sie -- ich liebe Sie!
Vielleicht erschreckt Sie das Wort, erschreckt Sie mehr als das andere, das es heraufbeschworen hat! Aber wenn Sie wüßten, welch eine Wonne es für mich ist, es bloß niederschreiben zu dürfen, bloß zu wissen, daß Sie es lesen! Sie sind so gut -- Sie wissen, welch grenzenlose Ehrfurcht ich vor Ihnen habe -- -- --"
Als Kallem um acht Uhr nach Hause kam, stand der Abendtisch im Eßzimmer gedeckt; im Studierzimmer war geheizt und die Lampe angezündet; aber beide Zimmer waren leer; in der Wohnstube war es dunkel. Sigrid brachte den Tee und berichtete, Frau Doktor seien zu Bett gegangen. -- "Zu Bett? Fehlt ihr etwas?" -- "Ich glaube, sie war nur müde."
Kallem eilte sofort hinauf. Es war dunkel; doch im Mondschein sah er einen Arm im weißen Nachthemd sich ihm entgegenstrecken. "Verzeih!" sagte sie. "Ich war so müde; und dann hatte ich auch einen Brief von meiner Schwester, der mich traurig gemacht hat. Nein, mach' kein Licht, bitte! Es ist so schön so!" -- Was für ein frischer, gesunder Duft von ihm ausströmte! Wie voll Kraft seine Stimme klang, während er antwortete: "Von Deiner Schwester?" -- "Ja, sie fühlt sich unglücklich da oben." -- "Wie wär's, wenn wir sie zu uns nähmen?" -- "Ich wollte Dich eben darum bitten. Wie gut Du bist!" -- Sie weinte. -- "Aber Schatz, warum weinst Du denn? Glaub' mir, der einzige Grund, weshalb ich das nicht schon lange vorgeschlagen habe, war Dein Wunsch, wir sollten allein sein miteinander." --"Ja, das ist ja auch das Allerschönste! Aber wenn nun eins von uns krank wird?" -- "Dummes Zeug! Wir werden nicht krank! Du bist doch so wohl jetzt! Die Stirn ist ein bißchen warm! Laß mal Deinen Puls fühlen! Na ja, ein bißchen Ruhe hast Du nötig, weiter nichts. Es war ganz richtig, daß Du zu Bett gegangen bist. Ich gehe jetzt hinunter und esse; ich habe einen Bärenhunger. Dann hast Du Ruhe. Karl hat geschrieben?" -- "Ja. Der Brief liegt auf Deinem Schreibtisch." -- "Schön! Ich werd' ihn beim Essen lesen. Nachher hab' ich noch viel zu tun. Gutnacht, Kleines!" -- Er küßte sie; Ragni schlang beide Arme um seinen Hals, zog seinen Kopf dichter zu sich heran und küßte ihn. "Du herrlicher Mensch!"
Er ging. Sie hörte seine raschen Schritte auf der Treppe und unten im Korridor, hörte, wie er die Tür öffnete und hinter sich schloß.
Wieder dieser Schmerz in der Brust, den sein Kommen gemildert, sein Schritt verscheucht hatte! Etwas Schweres, Entsetzliches -- nie wieder würde sie es los werden -- und dabei fror sie so. Die Kälte, die Kälte, die Kälte -- jetzt war sie ihr bis ins Innerste gedrungen. Jetzt begriff sie -- zu Eis erstarrend -- weshalb der "Walfisch" gekommen war und sich in das kleine Haus nebenan gewälzt hatte und nicht wieder hinaus wollte. Jetzt wußte sie, weshalb die andern das zugegeben hatten.
"Gott, ach Gott -- wie hat das nur kommen können? Was hab' ich denn getan?" klagte sie und verkroch sich vor sich selber. Wie ein Flüstern durch Meeresbrandung tönten Karls Liebesworte hindurch. Armer Junge! Da lag sie -- im Dunkeln -- damit keiner sie sah --damit sie nachdenken konnte. Was sollte sie tun? Den letzten Bogen hatte sie herausgenommen. Sollte sie ihn Kallem zeigen?
Als Kallem nach zwölf Uhr heraufkam, um zu Bett zu gehen, war sie über all ihren traurigen Erwägungen eingeschlafen. Er steckte hinter ihr das Licht an, sah ihr ins Gesicht, horchte auf ihren Atem. Sie schlief --unschuldig -- mit offenem Mund.
Am nächsten Vormittag wanderte sie auf der Südseite des Hauses umher, auf und ab, auf und ab, noch immer gleich verstört, gleich ratlos. Es hatte geschneit, zum erstenmal dieses Jahr; der Schnee war schon halb wieder geschmolzen. Über den Bergkämmen lag dichter Nebel, so dicht, daß er aussah wie festes Land, trotzig, undurchdringlich -- ein Land, das an die Berge grenzte und sich über den ganzen Horizont erstreckte. Das seltsame Land sandte eine lange Zunge hernieder nach dem Wald -- wie das äußerste Züngeln eines Geheimnisses. Sie fror. Weit konnte sie nicht gehen, ohne daß der Schutz des Hauses aufhörte und man sie vom Weg aus sehen konnte; und heut ertrug sie es nicht, daß man sie sah; vielleicht nie wieder.
Welch ein kindischer Wettkampf das war zwischen den Baumarten da draußen, rings um die Gehöfte! Am fernsten von den Häusern Nadelwald; bei trübem Wetter war er fast schwarz. Mehr in der Nähe mischte Laubholz sich dazwischen, langhalsige Espen, verrenkte Birken, die lichtgelb aus dem Dunkel leuchteten; noch näher Eberesche und Faulbaum, blutrot; dazwischen Ahorn und anderes; von flachsweißen bis rotgoldnen. Hohe Erlen und Espen, die zu alt waren, um überhaupt noch Laub zu treiben, ragten mit nackten Zweigen über der Farbenpracht der andern empor gleich blaugrauem Rauch.
Sie stampfte mit den Füßen, die gar nicht warm werden wollten, die nicht wußten, ob vorwärts oder rückwärts, weil sie selber nicht wußte, wohin. Wenn Kallem es erführe -- was dann? Und wenn er es nicht erführe?
Die Wiesen waren von schwarzerdigem, gepflügtem Ackerland durchschnitten. Dazwischen mattgrüne, mit Wintersaat bestellte Roggenfelder und stoppelige Kleeäcker. Aber dort -- weit hinter den Häusern -- mißvergnügte, graue Erdflecken, die man überhaupt nicht beachtete, außer, wenn es sich darum handelte, sie zu plündern; nur zu viele solcher gab es hier zu Lande.
Juanita? Wie kam das Kind auf einmal mitten in das Herbstbild? Diese frischeste, lebendigste Erinnerung an den ersten Frühling? Ach, hier draußen wachte die Sehnsucht nach den Kindern auf! Jetzt wußte sie, daß er nicht war, wo die Kinder waren; jetzt konnte sie zu Rendalens reisen und die Kinder sehen!
Solange sie auf der Reise war, brauchte sie auch nicht zu entscheiden, was das Richtige sei; und sie bedurfte dringend des Aufschubs. Nur ein kurzer Brief an Karl Meek, daß er vorläufig nicht mehr schreiben solle; sie werde ihm später vielleicht Nachricht zukommen lassen. Ob sie die paar Worte telegraphierte? Nicht von hier aus! Aber auf der Stelle abreisen und von unterwegs telegraphieren.
Ein Vorsatz, ein inneres Geheiß, so stark, als habe sie überhaupt weiter nichts mehr zu tun als noch einmal die Kinder zu sehen, stieg in ihr auf. Als Kallem etwas später nach Hause kam, wanderte sie im Zimmer auf und ab, um sich warme Füße zu machen, und sagte ihm selber, sie _müsse_ die Kinder sehen. Er empfing den unfehlbaren Eindruck, daß die Erinnerung an ihr Zusammenleben mit Kule in Sehnsucht nach den Kindern umgeschlagen sei. Das war ganz natürlich. "Reise nur gleich!" sagte er; "später wird es zu kalt." Damit meinte er freilich nicht, daß es gerade heut noch sein sollte; aber sie wollte es so, und am Nachmittag brachte er sie zur Bahn.
Gleich nach ihrer Ankunft bei Rendalens kam ein verzweifelter Brief: das Wiedersehen mit den Kindern war grausam gewesen. Sie hatten sie nicht wiedererkannt! Und auch sie die Kinder nicht. Äußerst wohlerzogene Kinder, gewiß! Aber nicht ihrer Schwester Kinder! Nicht verwandt mit ihr selber. Nur mit ihm! -- Sein Blut war stärker als ihres. Große, dicke Kinder, die sie ansahen, als begriffen sie nicht, was sie wolle. Und dazu diese vielen fremden Menschen, die sie beständig beobachteten! Am liebsten wäre sie gleich wieder heimgereist, wenn sie nicht so erkältet gewesen wäre. --Ein späterer Brief lautete ein bißchen lebensfroher. Nicht daß sie zufriedener gewesen wäre mit den Kindern; die waren noch gerade so fremd und "materiell"; sooft sie die Kinder mit sich auf ihr Zimmer nahm, um mit ihnen zu plaudern oder ihnen vorzuspielen, fühlte sie, daß sie sie nur aufhielt. Aber das Zusammensein mit den prächtigen Menschen in und außerhalb der Schule machte ihr Freude; "hätten wir doch etwas Ähnliches!" seufzte sie.
Auch von Rendalen erhielt Kallem einen Brief, der in schwungvollen Worten ausdrückte, wie sich die ganze Kolonie freue, Ragni in ihrer Mitte zu haben. Er übermittelte die "einstimmige Bitte", sie ihnen doch noch eine Zeitlang zu lassen; sie sei auch müde von der Reise und nicht ganz wohl; die Ruhe scheine ihr gut zu tun.
So blieb sie acht Tage und noch einmal acht Tage fort. Mittags an einem kalten Wintertag kam sie zurück, blaß, noch immer erkältet, ängstlich, unfähig, zu sagen, wie fürchterlich es ihr war, wieder unter Menschen zu kommen, die sie für eine ehrlose Frau hielten. Kallem erschrak über ihr Erkältetsein und ihr schlechtes Aussehen; ihr Wiedersehen war kein frohes Wiederfinden, sondern eine besorgte Untersuchung ihrer Brust und ein bißchen mattes Erzählen; sie war müde und verlangte ins Bett.
Kallem fragte, ob Karl geschrieben habe; hierher sei kein Brief von ihm gekommen. -- Nein, sie habe auch keinen erhalten. -- Ob sie denn nicht geschrieben habe? -- Nein. Karl habe eine Vertraulichkeit gezeigt, die ihr nicht gefiele. -- Es waren schon oft kleine Reibereien zwischen den beiden vorgekommen, von denen er erst später gehört hatte; und da sie ihn nicht ansah, fühlte er, daß er nicht fragen dürfe.
Mehrere Tage hütete sie das Bett. Ein leidiger trockener Husten wollte nicht weichen; sonst waren keinerlei besorgniserregende Indizien vorhanden. Als sie wieder aufstand, kam sie ihm merkwürdig mager vor; das Gesicht hatte einen matten kränklichen Zug; unter den Augen lagen dunkle Ringe. Sie sehnte sich hinaus --in die frische Luft. Aber sie weigerte sich auf das bestimmteste, außerhalb des Gartens spazieren zu gehen. Erst behauptete sie, das sei langweilig; als er sie aus dieser Stellung vertrieb, verschanzte sie sich hinter eine stärkere: sie fing zu weinen an. Er hielt das für ein verdächtiges Zeichen; sie war am Ende gar schwanger? In dieser Hoffnung gab er sich zufrieden und wartete. Sie machte ihre Spaziergänge im Garten und erzählte es ihm voll Stolz; aber daß sie fast immer nur in der Dämmerung ging, das verschwieg sie. Nach und nach fand sie selber, daß ihr besser war; und er fand das auch.
So verging eine Zeit. Er wartete auf das, was er so gern gehört hätte, glaubte da und dort Anzeichen zu bemerken; zwischendurch aber ängstigte es ihn, daß sie immer magerer zu werden schien; er konnte sie auch nicht zum Essen bewegen. Eines Abends, als er fort gewesen, war sie wie gewöhnlich draußen in der Dämmerung spazieren gegangen und hatte nachher Schüttelfrost und Beklemmungen. Als Kallem zu Bett ging, schlief sie; aber ihr Husten weckte ihn. Er machte Licht und sah, daß sie die Hand gegen die Brust preßte. "Tut das weh?" -- "Ja." -- "Wo?" -- "Hier!" --Und sie zeigte auf das rechte Schlüsselbein. -- "Hast Du Stiche da, wenn Du hustest?" -- "Ja." -- Im selben Augenblick hatte sie einen heftigen Hustenanfall. Er stand auf, zog sich an, legte im Ofen nach, klingelte und schickte das Mädchen nach der Apotheke. Unterdessen untersuchte er sie und fragte sie dabei aus. Er hörte von dem Schüttelfrost gestern Abend, und wie sie ihre Spaziergänge am liebsten in der Dämmerung mache. "In der Dämmerung!" rief er; mehr war nicht nötig; sie versteckte ihren Kopf in den Kissen. -- Das möge sie doch in Zukunft gefälligst bleiben lassen! Und vorläufig müsse sie das Bett hüten, und zwar mehrere Tage. Das Senfpflaster auf der Brust war ihr unangenehm, mit den Hustenpillen hatte er mehr Glück. Er verbarg seine Besorgnis hinter allerhand Scherz und Zärtlichkeit; und wirklich -- nach ein paar Tagen war sie wieder so wohl, als er kaum zu hoffen gewagt hatte! Auch ganz gehorsam war sie geworden; vierzehn Tage lang hielt sie sich still im Zimmer. Der Husten kam seltener; die einzelnen heftigen Anfälle stachen zwar in der Brust; aber sonst fühlte sie sich ganz wohl; nur ungeheuer matt und kurzatmig, so daß sie nicht einmal mehr Lust hatte zu spielen.
Im Garten wurde ein Weg für sie gebahnt, und zum erstenmal ging sie -- mit Kallem -- wieder bei Tag aus, kehrte aber gleich wieder ins Haus zurück. Erst ängstigte ihn das, ängstigte ihn merkwürdig; aber aus ihrer Art und Weise schloß er, daß es nur Laune sei. Sie fühlte sich indessen matter, als sie gestehen wollte. Am Tag darauf versuchte sie es mit Sigrid. Aber nach den ersten Schritten versagte ihr der Atem; sie mußte ausruhen, und bat Sigrid, nichts zu sagen; es werde schon vorübergehen, wenn sie "mehr trainierte". Das Wetter wurde milder; über Mittag waren sogar ein paar Grad Wärme. Sie fühlte sich wohler und konnte länger gehen; Kallem freute sich, als er eines Tages sah, daß sie das Klavier öffnete. -- --
Eines Abends erschien Sören Pedersen; bleich --allein -- beides äußerst ungewöhnlich. Was war denn los? Kristen Larssen ginge um! Kallem brach in schallendes Gelächter aus. Sören verzog keine Miene: Kristen Larssen ginge, wahrhaftigen Gott, um! Im letzten Jahr seines Lebens hatte er nie mehr Geige gespielt; er hatte seine Geige Aune gegeben. Aber jetzt spiele er Geige in seinem alten Haus. -- Ob denn niemand drin wohne? -- Nein. Das Haus sei abgeschlossen; aber er spiele darin! Mehrere hatten es gleichzeitig gehört; nicht der leiseste Zweifel sei möglich. -- Ach was -- da habe sich einfach irgendein Schelm eingeschlichen! Wer den Schlüssel habe? --Der Neffe seiner Frau. -- "Wer ist das?" -- "Aune!" --"Na, siehst Du wohl!" -- "Aune hat ja aber selber das ganze Haus mit durchsucht; und Aune hat am meisten Angst von uns allen!" -- Ein Mädchen, die ein krankes Kind hatte -- Kallem kannte sie, er war ihr Arzt --hatte eines Nachts Kristen Larssen an der Hauswand entlang schleichen sehen. Seitdem hatten noch mehrere ihn gesehen. "Zweifeln tat keiner daran!" schloß Sören. Wie wollte der Herr Doktor denn das erklären, daß Frau Bajer, die Frau des Obersten, eines Tags zu ihnen in ihren Tapezierladen gekommen sei, und ihnen erzählt habe, sie habe geträumt, Kristen Larssen sitze in einer langen Stube zwischen vielen großen, gelehrten Männern, die alle buchstabieren lernten? Sie hatte sich gedrungen gefühlt, Sören Pedersen, den Kristen Larssen ja doch verführt hatte, das zu erzählen. "Und denken Sie sich, Herr Doktor, gerade in der Nacht vorher haben wir beide, Aase und ich, geträumt, die Frau Oberst komme zu uns in den Laden!"
"Ich will Ihnen etwas ebenso Merkwürdiges erzählen, Pedersen. Am ersten Tag, als meine Frau und ich hier in der Stadt waren, begegneten wir Maurer Andersen, Karl Meek, Kristen Larssen, Sigrid, Ihnen und Ihrer Frau -- alles im Lauf einer Viertelstunde!" Pedersen rollte seine Kugelaugen, ohne zu verstehen. Daran war doch weiter nichts Besonderes? -- "Nein, denn auf die hundert anderen, denen wir begegneten, gaben wir gar nicht acht. Genau so wie Sie, Sören Pedersen, nicht acht geben auf die Hunderte, von denen Sie und Aase träumen, -- wenn Sie sie nicht gerade tags darauf in Ihrem Laden sehen!"
Sören Pedersen war aber nicht überzeugt.
Der Aberglaube lag nun einmal in der Luft. Einer steckte den andern an; bald sprach die ganze Stadt von nichts weiter; besonders, nachdem sich auch der Pastor in die Sache gemischt hatte. Seit dem Frühjahr hatte er allein gehaust mit seiner Mutter -- Frau und Sohn waren erst kürzlich wiedergekommen -- und in dieser ganzen Zeit hatte seine Lehre zugenommen an Strenge, -- in der letzten Zeit mit einem Gepräge von Leidenschaft, das Unheil prophezeite. Jetzt verkündete er im Betsaal, jeder Gläubige wisse ganz wohl, daß Geister unter uns lebten und wirkten, und daß viele nach dem Tode den Weg der Ruhelosen wanderten; das seien erwiesene Tatsachen, die sich als Mahnung von Geschlecht zu Geschlecht wiederholten.
Als Kallem davon hörte, machte er ernst mit einem Gedanken, den er schon längst gehabt hatte -- nämlich: sich Aunes zu bemächtigen. Aune hatte gar keine Lust und war erfinderisch genug, ihm immer wieder zu entschlüpfen; er besaß eine große Überredungsgabe, mit der er auch Kallem oft zum Besten gehabt hatte; aber jetzt mußte er heran! Die Frau war vollkommen einverstanden, und in ihrer Gegenwart nahm Kallem ihn eines Sonntag vormittags im Krankenhause vor -- zunächst wegen des Trinkens, dann aber vor allem, um Licht in die Spukgeschichte zu bringen, die natürlich kein anderer als dieser Erzschelm selbst in Szene gesetzt hatte. Und so war es auch! Jetzt kam aber die Schwierigkeit: wurde das bekannt, so war Aune zugrunde gerichtet. Das war der Frau sofort klar, und sie bat für ihn. Darum ließ sich nichts anderes tun in der Sache, als es ihm zu verbieten und zu schweigen.
Natürlich hinderte das Kallem nicht, auf seiner Vormittagsrunde Doktor Kent, der so wenig an den Spuk glaubte, wie er selbst, zu erzählen, man wisse jetzt, wer die ganze Geschichte mit Kristen Larssen in Szene gesetzt habe; den Namen dürfe man nicht nennen; aber das Ganze sei ein abgekartetes Spiel. Kent, der bei einem Kranken Josefine traf und wußte, daß nichts ihr willkommener war als eine Nachricht von ihrem Bruder, wiederholte ihr Kallems Worte. Beim Mittagessen erzählte der kleine Edvard, der täglich von diesen Spukgeschichten voll war, jetzt hätten auch zwei Jungens Kristen Larssen gesehen, Aunes Junge und der Sohn des Laienpredigers. Edvard funkelte vor Eifer. Da erklärte die Mutter ihm kurz und bestimmt, das sei ein Betrug; einer der Ärzte aus der Stadt wisse, von wem der Betrug herrühre; es gebe keinen Kristen Larssen, der umgehe.
Als der Junge sich entfernt hatte, sagte der Pastor, er finde ihr Benehmen rücksichtslos. "Wieso rücksichtslos?" -- "Nun, daß _Du_ dem Jungen das sagst; Du hast doch gehört, daß er sich gleich dahinter verschanzte, _ich_ glaubte auch an Gespenster!" Des Pastors Ton war nicht überlegen, nicht einmal vorwurfsvoll; sie fühlte, er hatte recht, und antwortete darum nicht. Aber es wirkte nach, und eine Weile darauf stand sie im Studierzimmer.