Chapter 19
Etwas abseits an der Mauer war ein festgestampfter Schneehügel; Karl Meek und Ragni, die eben zusammen anlangten, stellten sich dorthin. Alle warteten auf Kallem, dem eine Abhaltung dazwischen gekommen war, und der jetzt eilends herbeistürzte. Er nahm vor der Witwe seine Mütze ab, die andern grüßten ihn; dann trat er ans Grab. Er wollte gern einige Worte sprechen, wartete aber, ob nicht vorher sonst etwas geschehen würde. Als nichts geschah, sagte er:
"Ich kenne die Vergangenheit des Mannes, den wir hier begraben, nicht; ich kannte auch ihn selbst nicht. Er hat in religiösen Dingen anders gedacht als die Menschen, unter denen er lebte, und er hat dafür büßen müssen. Sein und seiner Frau Lebensziel war, hinüberzugelangen nach dem freien Amerika." (Bei dem Wort Amerika begann hinter den Taschentüchern ein Keuchen und Schneuzen). "Er versuchte, allein Englisch zu lernen; das war für ihn, als schüfe er sich Flügel damit. Wenn ich jedoch dies gesagt und noch hinzugefügt habe, daß er der begabteste Mensch war, dem ich hier begegnet bin, so habe ich ungefähr alles gesagt, was ich von ihm weiß.
Darum will ich auch nicht von denen sein, die ihn verurteilen. Oft, wenn wir zusammen waren, hatte ich den Eindruck, als ob ihn fröre. Die Kälte, die ihn rings umgab, war in sein Inneres gedrungen.
Es hat sich so gefügt, daß nur wir fünf oder sechs ihm Lebewohl sagen. Aber alle, denen seine sinnreiche Arbeit von Nutzen war, und besonders alle die Tausende, denen seine Erfindungen das Leben erleichtert und damit mehr Freude geschaffen haben, worauf es doch ankommt -- alle die schulden ihm Dank; und den bringe ich ihm dar!"
Es wurde still. Der kalte Schnee knirschte, wenn einer oder der andere sich rührte; aber keiner machte Anstalt zum Gehen. Da schwankte Aune an das Grab. "Na ja, und nun will ich Dir man auch noch für die Violine danken! Und -- und -- vergib uns unsre Schuld! Und -- und -- leb' wohl!" Beinah wäre er hineingetaumelt. Sören Pedersen packte ihn ärgerlich am Arm, wandte sich zu seiner Frau und sagte: "Hör' mal, Aasechen, Du betest das Vaterunser so schön! Sag' es doch einmal!" Und sie trat einen Schritt vor, zog die Handschuhe aus und faltete die Hände. Die Männer nahmen die Mützen ab und alle senkten den Kopf; dann betete Aase das Vaterunser.
Darauf fielen die ersten schweren Schollen auf den Sarg; es klang, als wolle er in Stücke gehen.
Die Frau trat auf Kallem zu. Erst jetzt konnte er sie in der Nähe sehen, in Tränen aufgelöst, erschöpft von Nachtwachen, fast all ihrer Kraft und ihrer letzten Hoffnung beraubt. Aber mit festem Griff nahm sie Kallems Hand, mit starkem, tiefem Blick sah sie ihm in die Augen, in grenzenlosem Schmerz, in verhaltener Bewegung nickte sie nur; sprechen konnte sie nicht. Nie ist einem Menschen wärmer gedankt worden. Ebenso nahm sie die Hand Ragnis; und Ragni erschrak; denn sie wußte in ihrem Innern, daß sie es nicht verdiene. Die Witwe eilte an den andern vorbei, der Stadt zu; Sören Pedersen und Aase hatten Mühe ihr zu folgen. Ragni aber nahm Kallems Arm; sie hätte sich ihm an die Brust werfen und laut weinen mögen.
9
Kristen Larssens Haus stand leer; kein Käufer oder Mieter fand sich. Das Unheimliche, das ihm anhaftete, fiel auch auf die zurück, die seine Freunde gewesen waren. Hätte Sören Pedersen nicht größere Kundschaft auf dem Land als in der Stadt gehabt, es wäre ihm schlecht ergangen. Ragni merkte nicht, daß man sie in dieser Zeit noch mehr beobachtete, noch mehr über sie sprach, als vorher; sie war nicht im mindesten vorsichtig. Schon daß Pastors nicht mit ihnen verkehrten, machte sie zur Zielscheibe des Klatsches; etwas Neues durfte nicht mehr hinzukommen.
Gegen das, worauf man jetzt verfiel, war sie wehrlos, weil sie nichts davon ahnte. Wenn sie und Karl Meek Hand in Hand Schlittschuh liefen, wenn er sie zum Lachen brachte, während er ihr die Schlittschuhe anzog, oder wenn sie versuchte, ihn hinunterzupuffen, während sie, jeder auf einer Kufe, auf des Doktors Schlitten standen; oder wenn sie zusammen Kjaelke[8] fuhren oder, -- war Besuch da -- vierhändig spielten: immer hatte man einen Blick aufgefangen, der nicht mißzuverstehen war, oder ein Wort gehört, das eine Nebenbedeutung hatte, oder Freiheiten beobachtet, die nur möglich waren zwischen Menschen, die an noch größere gewöhnt waren. Das erste Mal mit einem Zimmerherrn, nun wieder mit einem -- was konnte Kallem anders erwarten? Das war nur seine gerechte Strafe.
Sören Kules Familie stand an der Spitze; es war eine im ganzen Oberland verbreitete Familie, die eine blühende Phantasie hatte, besonders in sinnlichen Dingen.
Man mußte nur Lilli Bing loslegen hören, wie Ragni Kule seinerzeit "Abend für Abend" zu dem Studenten Kallem auf sein Zimmer ging; es lag ja auf demselben Flur. "Mein Gott, was war denn Schlimmes dabei, wenn sie sich liebten? Wer konnte es auch mit dem widerwärtigen Sören aushalten!"
Daß die jetzige Frau Kallem nicht einmal über den Korridor zu gehen brauchte, ließ sie immer dabei durchblicken. Einmal sagte sie: "Wenn sie keine Kinder kriegt, was schadet's denn eigentlich!" Daß keiner von denen, über die es herging, etwas davon hörte?
Daß nicht einer von den üblichen anonymen Briefen hereinplatzte! Das eine läßt sich nur damit erklären, daß sie fast keinen Umgang hatten, das andere damit, daß man vielleicht glaubte, Kallem würde sich nicht darum kümmern; Freidenker haben ja meist lockere Begriffe in sittlicher Beziehung! Im Frühjahr sah man Kallem seine Frau und Karl Meek zum Dampfschiff begleiten; sie fuhren hinüber zum anderen Ufer; Montag früh sah man, wie er sie an der Brücke wieder abholte. Man wußte, daß er selbst den ganzen Tag auswärts war und die beiden den ganzen Tag in Haus und Garten zusammen steckten.
Karl bestand sein Examen recht gut, wenn auch unter allseitiger Spannung; der Tag nahte, an dem er seine Freunde verlassen mußte. Ragni hatte im ganzen Freude an dem Zusammensein mit ihm gehabt; aber sein unsteter Fleiß hatte ihr Mühe verursacht, und sein leidenschaftliches Wesen nahm mit der Körperkraft noch zu. Seine tiefe Ergebenheit für sie dämpfte es; aber auch die Form dieser Ergebenheit peinigte sie oft; sie liebte Gleichmäßigkeit und Frieden. Sie prophezeite ihm, es werde ihm einmal schlimm ergehen; er führe viel zu große Segel.
Sie sehnte sich nach dem Alleinsein. Als sie es Kallem sagte, neckte er sie: nach drei Wochen werde sie Karl vermissen. Karl wollte jetzt, in den Sommerferien, zu Hause sein, dann aber nach Deutschland gehen, um sich der Musik zu widmen. Obgleich er sich daran gewöhnt hatte, unter Ragnis Augen zu denken und zu leben, -- im Kampf mit ihr, im Gehorsam gegen sie, und immer voll Anbetung für sie, so freute er sich doch darauf, selbständig zu werden. Die Trennung würde keine Schwierigkeiten machen.
Da geschah es, daß er an einem der letzten Tage bei einem Freund war, dem einzigen, mit dem er dann und wann noch zusammenkam, seit er in Kallems Hause wohnte; und als er von seiner Abreise sprach, sagte der Freund: "Was ist denn eigentlich mit Dir und Frau Kallem?" Karl verstand nicht, was er meinte, und floß über von Lobpreisungen und Bewunderung für sie. Der andere unterbrach ihn. "Ja, ja, das weiß ich alles! Aber -- offen gesagt -- hast Du nicht ein Verhältnis mit ihr? Die Leute sagen es." Karl fuhr auf! Was unterstand er sich? Er solle Rechenschaft ablegen für seine Worte! Aber es war des Freundes ernstliche Absicht, Karl zu warnen; er habe selber erst kürzlich von dem Gerücht erfahren; allgemein verbreitet sei es noch nicht. Geduldig ertrug er Karls Raserei und machte ihm klar: er könne es nicht anders erwarten, als daß die Leute sich -- bei ihrer beiderseitigen Unvorsichtigkeit -- allerhand dächten. -- --
Zu Haus bei Kallem begriff man nicht, was auf einmal in Karl gefahren war. Die paar letzten Tage kam er nie zu ihnen herein, war selten daheim, und war wieder ebenso stumm, scheu und finster wie damals, als er ins Haus zog. Der nächstliegende Gedanke war ja, daß er unglücklich war über die Trennung, besonders von Ragni; aber es war doch merkwürdig, daß die Verzweiflung genau zwischen drei und fünf Uhr am Mittwoch Nachmittag begonnen hatte! Um drei hatten sie in heiterster Stimmung miteinander vierhändig gespielt; um fünf wollte sie etwas aus seinem letzten Examenfach mit ihm durchnehmen; und da war er so sinnlos geistesabwesend nach Hause gekommen, daß sie es aufgeben mußte. Und so war er seitdem immer. Kallem neckte Ragni damit, daß der Junge verliebt sei; eben vor des "Abschieds bittrer Stunde" sei es in ihm aufgeblüht. Und er sang: "Zwei Drosseln saßen im Buchenlaub" und prophezeite, daß sie in allernächster Zeit eine Liebeserklärung bekommen würde, wahrscheinlich in Versen -- er habe selbst seinerzeit mehrere verbrochen. Vielleicht würde Karl sich auch erschießen. Sie solle sich nur ja nicht einbilden, daß jemand in dem Alter billiger von ihrer schiefen Nase als mit einem kleinen Herzensschnupfen loskomme.
Wenn der Junge dasaß und sie in fürchterlichem Schweigen anstarrte, nicht aß, nicht sprach; wenn er den Schwermütigen spielte und sich von ihnen in die Einsamkeit zurückzog, sagte Kallem: "Hu! Das Leben ist schwarz!" Er ahmte den Jungen nach, sah sie mit ersterbenden Augen an, seufzte über drei Treppenstufen herauf, durchwühlte mit beiden Händen sein Haar und heulte. Gegen Karl selbst jedoch war er die Herzlichkeit selbst.
In der Stunde der Trennung aber hörte aller Spaß auf; denn Karl war so verzweifelt vor Schmerz, daß man überhaupt nicht mit ihm sprechen konnte und den Abschied nur möglichst beschleunigen mußte. Ragni wollte nicht mit zum Bahnhof fahren; sie fürchtete sich vor seinen Überschwenglichkeiten. Aber als Karl sah, daß sie auf der Treppe stehen blieb, sprang er aus dem Wagen und noch einmal zu ihr hinauf. Sie wich zurück, er kam ihr nach, sah sie an und weinte so, daß das Mädchen, das etwas weiter hinten stand, wirkliches Mitleid mit ihm empfand und ebenfalls zu weinen anfing. Ragni wurde kalt und stumm; sie konnte nicht ahnen, daß Karl in diesem Augenblick das Schönste tat, was er je getan, das Tiefste fühlte, was er _je_ gefühlt hatte.
Auf dem Bahnhof bemerkten verschiedene Leute seine Verzweiflung, sowie Kallems Ernst. Besonders aber auch, daß Ragni nicht mitgekommen war. Ob Kallem es nun erfahren hatte?
* * * * *
Dieser Abschluß ihres Zusammenlebens mit Karl Meek hinterließ einen unangenehmen Nachgeschmack. Sie sprachen nicht gern von ihm, ja, sie machten sich beide Gedanken darüber, ob sie sich eigentlich auf einen solchen Versuch hätten einlassen sollen; sie hätten vielleicht voraussehen müssen, daß es so enden würde. Doch davon sagte keines etwas zum andern. Ihr eigenes Zusammenleben wurde inniger; nie war Kallem soviel zu Hause gewesen wie jetzt, noch nie hatte er ein solches Verständnis für alles gehabt, was sie anging.
Der Sommer wurde ganz dem "Fieberpavillon" gewidmet; sie konnten sich beide nicht satt daran sehen, wie er gebaut wurde, wie man ihn einrichtete, wie man alles zum Gebrauch fertig machte. Jetzt, seit alle Sommerzelte aufgeschlagen waren, war die gute Einrichtung und Ordnung des Krankenhauses in aller Munde.
Aber während sie so allein waren und ihre Zeit zwischen dem Krankenhaus, ihren Studien, dem Garten und dem Klavier teilten, drängte sich, gerade weil sie allein waren, zwischen alle ihre Interessen ein Gedanke, den sie beide längst gedacht hatten, und der immer mehr wuchs, eben weil er nie ausgesprochen wurde. Bald konnten sie nicht mehr Zusammensein, ohne daß der eine etwas davon in den Augen des andern zu lesen glaubte.
Weshalb hatten sie kein Kind? Lag der Fehler an Ragni? Wollte sie nichts dafür tun?
Er hatte sich nach und nach davon überzeugt, sie sei zu scheu, als daß _er_ den Anfang hätte machen dürfen. Warum wagte sie nicht selbst davon zu sprechen? Warum wagte sie nicht einmal den Wunsch zu verraten, davon zu sprechen, damit er ihr hätte weiterhelfen können? Was war der Grund? Die Angst vor der Untersuchung -- vor der Operation? Er sah sie selten, ohne daß er fühlte: jetzt dachte sie daran. Und sie wieder fühlte: er entbehrt das Kind. --
Ende August erhielt Ragni einen dicken Brief aus Berlin -- von Karl Meek! Er war ihnen beiden willkommen, ja, mehr als sie sich zuerst eingestehen mochten.
Karl hatte die Festspiele in Bayreuth besucht und schilderte nun seine Eindrücke in glühenden Farben und mit überschwenglichen Worten. Der ganze Brief handelte nur davon, zuletzt vier bis fünf Zeilen des Dankes, Grüße, und schließlich die Frage: "Darf ich Ihnen öfter schreiben?" Beide merkten sofort, daß die vier oder fünf Zeilen den eigentlichen Brief bildeten, und alles andere nur geistreiche Einkleidung war. Gerade das gefiel Kallem, und er äußerte den Wunsch, daß sie mit ihm in Briefwechsel treten solle. Das könne ihm in mehr als einer Hinsicht während seines Aufenthaltes im Ausland von Nutzen sein.
Ohne besondere Lust, wie oft in der Zeit, als sie noch mit Karl gearbeitet hatte, mehr aus Gehorsam und Güte setzte sie sich hin, schrieb -- humoristisch -- weil sie so am besten damit fertig wurde, und erhielt Antwort -- erst eine, dann noch eine, lange Antworten, ganze Tagebücher.
An einem der ersten Oktobertage war Ragni im Garten, um Obst und Gemüse zu ernten. Sie ging gerade auf den Zaun am Kirchweg zu, als ein Wagen langsam vorüberfuhr. Darin saß ein vierschrötiger Kerl, der sich vom Rumpeln des Wagens hin- und herwerfen ließ, wie Milch in einem Butterfaß. Ragnis Tauben schwirrten eben vom Kirchendach über den Wagen weg aufs Haus zu; bei dem eigentümlichen Laut des Flügelrauschens wandte der Fremde den Kopf nach der Richtung, in der sie flogen. "Waren das nicht Tauben?" fragte er, und der Kutscher antwortete.
Ragni wollte eben auf eine Leiter steigen, um Äpfel zu brechen; aber sie mußte sich festhalten. Diese schwere Stimme, dieser langsame Takt, diese nordländische Einförmigkeit -- das war Sören Kule! Seine blinden Augen waren halb nach der Richtung der Tauben gewandt, halb dahin, von wo die Antwort kam, während der Wagen schlottrig weiterrumpelte.
Sören Kule hier? Ein blinder, halbgelähmter Mann ist nicht auf Reisen! Ob ihn die doppelte Erbschaft, die ihm zugefallen war, hierhergeführt hatte?
Bald darauf kam Kallem. Auch er war Kule begegnet; sie sah es ihm sofort an -- und er sah sofort, daß sie in die Wohnstube geflüchtet war, um sich zu verbergen. Da trafen sie einander; sie preßte ihren Kopf an seine Brust; sie witterte böse Geister in der Luft.
Kallem sagte sich: falls Sören Kule eine von den Besitzungen übernimmt, die den Geschwistern zugefallen sind, also hierherzieht, dann hat Josefine ihre Hand dabei im Spiel; da ist ihr "Gerechtigkeitsgefühl" bei der Arbeit gewesen!
Denn er empfand: der einzige Mensch auf Erden, gegen den er unrecht gehandelt hatte, ohne es wieder gutzumachen, war dieser blinde Mann.
Ich will ihn aufsuchen, dachte er. Ich will offen und ehrlich mit ihm reden. Dann kann ich ihm zugleich begreiflich machen, daß er um Ragnis willen nicht seinen Wohnsitz hier haben darf.
Er erfuhr bald, wo Kule wohnte: in dem Haus gleich hinter ihnen; im Park neben dem Krankenhaus!
Dieser Teil der Erbschaft also war ihm zugefallen! Und in solcher Nähe sollten sie ihn jetzt täglich haben! Lange ging er umher, um seine Selbstbeherrschung wieder zu gewinnen; aber noch als er vor dem Haus stand, war er so aufgeregt, daß er mühsam an sich halten mußte. Ein kleines zweistöckiges Backsteinhaus mit einem Garten davor. Im Hausflur hörte er von der Küche her das Geräusch des Aufwaschens und sah hinein; da stand das nordländische Hünenweib mit aufgestreiften Ärmeln, so unverändert, als hätten sie sich erst gestern gesehen. Als die Tür aufging, sah sie sich um und erkannte sofort den großen Brillenmann mit der krummen Nase und den dichten Augenbrauen wieder; sie lächelte und wandte sich ganz nach ihm um. "Ei, wirklich -- der Herr Kallem?" sagte sie singend. "Ja." -- "Gestern hab' ich's gehört, daß Sie hier wohnen." Ihr Lächeln wurde breiter. Du Tranfisch Du! dachte er, Du hast es schon längst gewußt! "Wann sind Sie angekommen?" --"Gestern." -- "Von Kristiania?" -- "Ja, von Kristiania. Kule hat das Haus hier geerbt; und das Leben soll hier billiger sein." Hinter Kallem öffnete sich eine Tür; er wandte sich um. Ein vierschrötiger Kerl mit kleinen schlauen Augen, die mißtrauisch dreinsahen, streckte vorsichtig seinen Kopf aus der Zimmertür. Kallem schloß die Küchentür; der andere trat in den Flur und machte die Stubentür hinter sich zu; dann standen sie einander gegenüber. Aber die Küchentür öffnete sich wieder und die Nordlandköchin guckte heraus und lächelte dem Vierschrötigen zu. Kallem ahnte ein süßes Geheimnis. "Ist das _Dein_ Mann?" -- "Ja, seit'n Sommer." Der Bursche sah wie ein Seemann aus. "Ist Herr Kule zu sprechen?" Der Vierschrötige setzte eine feierliche Miene auf; er wollte hineingehen und fragen. Er blieb lange fort, Kallem hörte, daß drinnen unterhandelt wurde. Bald vernahm er Kules schleppende Stimme, bald die knappen, trockenen, in Trondhjemer Dialekt gesprochenen Worte des andern, beides gedämpft. Inzwischen erzählte Oline, ihr Mann sei ursprünglich Seminarist gewesen, habe das Steuermannsexamen gemacht, spräche Spanisch und sei Kules Sekretär und Bevollmächtigter. Dann erzählte sie, daß "die Kinderchens" im Westland in Frau Rendalens Pensionat seien, d. h. es gehöre jetzt nicht mehr Frau Rendalen, sondern dem Sohn, "dem Herrn, der auch mal bei uns gewohnt hat". Und plötzlich fragte sie: "Na, und die gnäd'ge Frau? Was macht denn die gnäd'ge Frau? So haben Sie sich doch noch gekriegt, wa--as? Das wird aber eine Freude werden!" Jetzt öffnete sich die Tür, der Vierschrötige stellte sich draußen auf, und Kallem ging an ihm vorbei zu Kule hinein.
Kule saß in demselben plumpen Rollstuhl mit demselben Brett vor den Beinen; dieselben spanischen Bilder an der Wand; dieselben Möbel, nur daß sie einen andern verblichenen Überzug hatten. Nur kein Flügel und kein Kinderspielzeug.
Kule selber war grau und bedeutend dicker geworden. Die "Flossen" lagen auf den Armlehnen, wie gewöhnlich; eine riesige Tabakspfeife stand unbenutzt daneben.
Kallem nannte seinen Namen; Kule antwortete nicht. Aber eine kleine Bewegung der gesunden Hand und ein paar heisere stöhnende Laute deuteten an, daß die Wogen in ihm hoch gingen.
Auch Kallem mußte sich zusammennehmen, damit er ruhig bleibe. Um die Qual abzukürzen, sagte er sofort, Herr Kule wisse vielleicht nicht, daß sie Nachbarn seien. -- Doch, das wisse er. -- "Das hätte ich nicht gedacht," erwiderte Kallem und ließ den Ton seiner Worte erklären, was er damit meine. Kule schwieg.
"-- Sie werden hier wohnen bleiben?"
"Ja."
Kallem blickte in das blinde Gesicht; es war kalt und verschlossen. Er fühlte, es war unmöglich, auch nur einen Funken Mitleid mit Ragni darin zu erwecken. Ein entsetzlicher Widerwille packte ihn. "Dann habe ich nichts weiter zu sagen!" sprach er und erhob sich.
Die Küchentür stand halboffen. "Bitte, auch 'n schönen Gruß an die Gnä--di--ge!"
Erst draußen erinnerte sich Kallem seiner ursprünglichen Absicht; aber diese neue Roheit Kules befreite ihn davon. Also -- fortan war er ihr Nachbar. So hieß es eben versuchen, die eigene Vergangenheit zu tragen, wie andere auch.
Er wanderte zur Stadt hinaus; er hatte nicht den Mut, sogleich nach Haus zu gehen. Schlechtigkeit ertrug sie nicht -- in keiner Form. Er mußte erst überlegen, wie er es ihr beibringen sollte.
Ragni war im Studierzimmer und hatte schon längst die Lampe angezündet, als er heimkam. Sie las ihr Urteil sogleich auf seinem Gesicht -- ja, sie hatte es schon an seinem Schritt gehört. Sie sank in einen Sessel, und ihr war, als sei von nun an alle Freude dahin.
Er versuchte, ihr klarzumachen, daß sie, eben weil sie schuldlos war, nichts zu fürchten brauche. Sie schüttelte nur den Kopf. Das war es ja nicht. Nein, die Schlechtigkeit war es, _die_ konnte sie nicht ertragen, die Kälte. Und sie erinnerte ihn an das, was er selber an Kristen Larssens Grab gesagt hatte.
Aber sie könnten sich doch nicht mit Kristen Larssen vergleichen? Sie hätten doch vieles, was Wärme gab. Freilich -- aber der gute Ruf! "Wenn sie mir den nehmen, nehmen sie mir auch alle Wärme!" Und nach einer Pause fuhr sie fort: "Das ist -- die Kälte!" Sie weinte nicht, wie sie es sonst so leicht tat.
"Dann ziehen wir fort!" rief Kallem.
Als wenn sie das schon lang erwogen hätte, antwortete sie: "Wo gibt es einen Arzt, der so reich wäre, daß er alles, was Du hier hineingesteckt hast, kaufen könnte? Und Deine Arbeit? Für die Du lebst, die Dich glücklich macht? Nein, Edvard!" -- "Aber wenn Du unglücklich bist, kann ich nichts mehr leisten." Und er küßte sie. Sie antwortete nicht. "Woran denkst Du?" -- "Ich glaube doch, daß Du's kannst." -- "Was?" -- "Ohne mich arbeiten und glücklich werden!" erwiderte sie und brach in Tränen aus. Er zog sie dicht an sich und wartete; sie mußte ja fühlen, daß sie ihm wehgetan hatte. "Eigentlich passe ich nicht zu Dir!" -- "Aber Ragni!" -- "Ja, als Dein guter Kamerad -- der beste, den Du auf Erden hast! Wenn ich es doch lange sein dürfte!" --
Sie schmiegte sich eng an ihn, als wolle sie ihm das Siegel des Schweigens auf den Mund drücken.
10
Am nächsten Tag war Nebel. Obwohl Ragni gut und traumlos geschlafen hatte, war ihr doch der Kopf schwer. Sie ging umher und sah alles nur in dem kalten Licht von gestern; nirgends mehr ein Glanz über den Dingen. Erst wollte sie gar nicht in die Küche hinaus; sie bildete sich ein, man könne von dort das Haus sehen, in dem Kule wohnte. Schließlich wurde ihr das aber doch zweifelhaft, und sie getraute sich hinaus; nein, es war nicht zu sehen. Dann wagte sie nicht ihre Morgenrunde durch den Garten zu machen; er konnte ja vielleicht gerade vorüberfahren. Endlich setzte sie sich an den Flügel, stand aber wieder auf, ohne gespielt zu haben. Sie schrieb einen Brief an Karl; sie war ihm auf zwei Briefe Antwort schuldig, und irgend etwas mußte sie ja vornehmen. Sie schrieb -- aus ihrer Stimmung heraus -- Schlechtigkeit in jeder Form, wie Lüge, Verrat, Hinterlist, herrschsüchtige Verfolgung, Tücke, Betrug -- sei _Todeskälte_. Die sei es, gegen die wir kämpften. Leben sei Wärme. Manche Menschen seien mehr anfällig für Erkältungen als andere, gerade wie der eine empfänglich sei für Tuberkulose und der andere nicht; und sie sei sicher eine von jenen Unglücklichen. Von frühster Kindheit an habe sie den Hauch der Kälte gespürt, und zuletzt würde wohl dieser kalte Strom stärker werden als die Wärme, die sie ihm als Widerstand entgegenzusetzen vermöge; das sei die ganze Frage.
Der Brief war nicht lang; denn während sie so an ihre Kindheit dachte und an das, was sie später durchgemacht hatte bis zu ihrer Verheiratung mit Kule, kam ihr die Lust, es aufzuschreiben, um es gelegentlich einmal in Kallems treues Gedächtnis niederzulegen. Mündlich erzählen konnte sie es nicht; aber es aufschreiben --ja, jetzt konnte sie es. Auch trieb sie eine unbestimmte Furcht, und noch am selben Tage fing sie an.
Sie bot ihre ganze Kraft auf, um ruhig und gefaßt zu sein, als Kallem nach Hause kam. Er sah sie forschend an, war aber selbst in größter Spannung -- einer ganz anderen, neuen Sache wegen. Er wollte eine Operation vornehmen, an deren Gelingen die beiden anderen Ärzte und noch ein dritter, der von weither geholt worden war, Zweifel hegten.