Auf Gottes Wegen

Chapter 17

Chapter 173,752 wordsPublic domain

Flüsternd erteilte Kallem der Frau, die am Kochherd saß und sich jetzt erhob, seine Anweisungen. Er versprach, am Vormittag wiederzukommen. Sie half ihm in seinen Mantel; leise öffnete er die Tür und zog sie hinter sich zu. Aus dem trüben Wetter war starker Schneefall geworden; nirgends Licht, in keinem Fenster, nur das eine, das über dem neuentzündeten Lebensfunken wachte. Kallem konnte es sich nicht versagen, als er am Sattlerladen vorbeikam, anzuklopfen; aber die da drinnen schliefen fest. Er klopfte noch einmal; denn er wußte ganz sicher -- die beiden hatten ihr Bett und ihre kleine warme Stube den Kindern überlassen und übernachteten selber im Laden. So war es auch! "Wer ist da?" fragte Sören Pedersens fünische Stimme. "Sagen Sie den Kindern, wenn sie aufwachen, daß ihre Mutter wieder gesund wird." -- "Das ist aber ein Segen!" antwortete der Füne, und hinter ihm hörte man Aases hochländisches: "Ach nee -- ist's denn die Möglichkeit?" -- "Kommt morgen mit den Kindern zum Mittagessen zu mir!" rief Kallem.

7

Die ganze Nacht und den ganzen Tag ein unglaublicher Schneefall, und gegen Abend Sturm, der den frischgefallenen Schnee zu großen Wehen zusammenfegte. Der Sturm ging vorüber, doch der Schneefall dauerte mit ungeschwächter Kraft fort. Alles vom Lande, was auf den Ball wollte, mußte bis zur Stadt mit dem Schneepflug fahren; in der Stadt selber ging er heut schon zum zweitenmal. Zum Ball! Zum Ball! Der erste große Weihnachtsball!

Zum Ball! Zum Ball! In den größeren Städten, wo der Tanz ein Geschäft ist, das die Jugend abwechselnd in den verschiedenen Vereinen und Familien betreibt, hat man keine Vorstellung davon, was in der Kleinstadt alles von der Aussicht auf den ersten Weihnachtsball aufgewirbelt wird, besonders auch unter der ländlichen Jugend, die mit dicken Pelzen über dem Ballstaat zur Stadt fährt. Aber wie der Schneepflug gutmütig den überflüssigen Schnee beiseite fegt, so fegt die bestehende Sitte, die natürliche Schüchternheit mehr als die Hälfte von dem weg, was man sich zusammenphantasiert hat. Und was zusammenkommt, ist eine sittsame, ehrbare Gesellschaft, die sich anfangs gegenseitig kaum zu kennen scheint.

Kallem lag auf dem Sofa. Er war in bester Stimmung. Die prächtige Sissel Aune erholte sich; der Mann war heute ganz berauscht von Lebenslust und Branntwein, den die Nachbarn ihm eingegossen hatten. Die Kinder waren zum Mittagessen dagewesen, obgleich das Mädchen keineswegs davon erbaut war; in solchen Sachen war sie genau wie Ragni; die beiden waren sich überhaupt ähnlich.

Die Kinder von Sissel Aune waren nicht ganz so verlegen gewesen, wie die von Maurer Andersen, die auch dabei waren. Kallem hatte ihnen schlecht Klavier vorgespielt und war ihnen prachtvoll auf den Händen vorgelaufen, und der Sattler hatte unaufhörlich von Maurer Andersens Tod geredet: Maurer Andersen sei an der Wahrheit gestorben. "Und es gibt gerade genug, die von der Lüge leben, daß es wirklich einmal nottut, daß einer an der Wahrheit stirbt" -- und ähnliches Gewäsch, das Aase höchst bedeutend fand.

Ein langer, strahlend vergnügter Brief von Ragni lag auf Kallems Bauch. Er hatte ihn schon zum zweitenmal gelesen. Karl hatte einen Bericht über ihr Befinden seit des Doktors Abreise beigelegt; ganz witzig -- namentlich eine Beschreibung ihrer ersten Skitour (die auch ihre letzte war). Er hatte ihre tiefinnerlichste Feigheit gut gezeichnet.

Und jetzt mußte er also auf einen Ball, an dessen Spitze eine Pastorsfrau stand. Sie und ihre fesche Freundin, Frau Lilli Bing! Ob Josefine das wohl gegen den Willen ihres Mannes tat? Es war übrigens ein öffentliches Geheimnis; Lilli Bing hatte es ihm verraten. Die Pastorin war die gefeiertste Tänzerin der Stadt. Die Herren wetteiferten miteinander, nur um im Kotillon einmal mit ihr herumtanzen zu dürfen. Er sah sie vor sich -- hochgewachsen, mit bloßem Hals, dunkeläugig, glühend vom Tanz. Ja, er wollte mit ihr tanzen! Er sehnte sich nach ihr -- er verhehlte es sich nicht. Ragnis Brief legte er beiseite, ebenso den von Karl und das Buch, in dem er gelesen hatte; dann stand er auf, schraubte die Lampe nieder, sagte dem Mädchen Bescheid und ging hinauf, um sich umzukleiden!

Merkwürdig, wie das schneite! Nicht in Flocken, sondern in großen Fetzen, die einander jagten. Wäre es nicht windstill gewesen, man hätte überhaupt nicht den Weg gefunden. Die Laternen verdrossen; kaum daß ihr Schein über den Lichtkern hinausreichte; ringsum kein Laut. Der Regen hat Klang und Landschaft; der Schnee verdeckt alles; nie ist der Mensch so einsam, wie im Schnee. Nicht einmal einen Zaun hatte Kallem zur Begleitung; kein Stein am Weg, der ihn begrüßt hätte; kein Baum im Garten beugte sich vor ihm; er sah sie überhaupt nicht mehr; sie waren weg -- eingehüllt -- fort. Die Kirche stand noch da; aber umgewandelt in einen weißen Steinhaufen, mit einem weißen Stab darüber. Er und die Kirche -- die Kirche und er; und sonst nichts! Die Häuser unten in der Straße wichen zurück; sie spielten Versteckens -- mit ausgestreckten Pranken; die Pranken waren einmal Treppen gewesen. Und unten am Strandweg lagen ein paar umgestürzte Boote; sie sahen aus wie weiße Elefanten, die schliefen. Die Bucht ein Schneemeer; sonderbar -- die Insel hatte sich losgerissen und war davongeschwommen; man sah sie nirgends mehr. Nach dem Kalender war Vollmond; und es war nicht ganz finster; obgleich auch der Mond weggeschneit war aus dieser verwunschenen Welt.

Kallem stapfte vorwärts wie ein umgestülpter Zuckerhut. Er und der Schnee, der fiel -- das war das einzige, was sich regte. Nicht einmal aus dem Häuschen glommen Feueraugen, obgleich es kaum zehn Uhr war. Erloschen und zugeschlossen und zugeschneit. Nur die verdrossenen Lichtkerne in den Laternen bezeugten, daß hier zu Zeiten eine lebendige Stadt war.

Jetzt hörte er eine Klarinette dudeln und einen Baß rumpeln -- Fuchs und Eisbär, die irgendwo miteinander hopsten. Es trippelte und es humpelte, die Schneeflocken rieselten herab, und die Häuser standen und faulenzten.

Endlich war er so weit gekommen, daß er inmitten eines qualmigen Feuernebels ein großes Haus erblickte; da drin war's -- da dudelte es und stampfte. Und er steuerte drauf los.

War er fehlgegangen? Er platzte in eine Art Kneipe oder etwas ähnliches -- mitten in Tabaksqualm, Punschdampf und Speisendunst hinein. Dort sah er ein paar dicke Herren wie Schweine in ihrem Fett hocken. Sie waren nicht im Ballanzug; wohl aber die andern, die eben hereinkamen. Und als er sich endlich zur richtigen Treppe durchgefunden hatte, begegneten ihm noch mehrere Herren im Frack, die an ihm vorbeistürmten, dem Tabak und dem Punsch zu. Kallem haßte und verachtete Tabak und Punsch und Wirtshausleben, und vor allem die Herren, die nicht tanzen konnten, ohne sich zu "stärken".

Man sollte nie zu spät auf einen Ball kommen. Er sah auf die Uhr -- es war elf und nicht erst zehn, wie er geglaubt hatte -- entweder war er zu spät nach Hause gekommen, oder er hatte zu lange gelesen. Ein paar glühende, schwitzende junge Leute, die eben aus dem Qualm auftauchten -- jedesmal, wenn die Tür aufging, drang ein qualmiger Nebel heraus -- begrüßten ihn und bestätigten dadurch sein Kommen; so ging er denn mechanisch weiter und zog seinen Überzieher aus. Im Flur noch weitere solcher überhitzten, schwitzenden Menschen. Der eine schien nur hinunterzulaufen, weil der andere lief; nichtssagende Worte -- unstete Augen -- ihr Lachen wie hohle Trommelwirbel. Auch Damen kamen, immer drei oder vier zusammen, wie aufgeblühte Rosen sahen sie aus; sie lachten -- über nichts, schwatzten -- von nichts, stets auf dem Sprung, daß man sie wieder in Musik und Geplapper hineinführen sollte. Die Musik schrill, die Gasflammen in einem Flor von Qualm, die Kronleuchter in gelbrotem Dunst.

Ein überfüllter Ballsaal; man hatte Mühe, sich durch die vielen Kavaliere hindurchzuwinden, die müßig, in Klumpen zusammengedrängt, an der Tür herumstanden. Eine Mischung von fein und grob -- eine echt norwegische Mischung.

Es wurde gerade der Walzer im Kotillon getanzt. Kallems Brillengläser waren jetzt wieder trocken, und bei seiner Länge sah er bald, daß seine Schwester nicht unter den Tanzenden, augenscheinlich überhaupt nicht im Saal war. Doch er vergaß sie; denn der Anblick hier war in gewisser Art neu für ihn; er kannte von Norwegen nur die Westküste und Kristiania. Ein Ball in einer kleinen norwegischen Binnenstadt ist etwas ganz Eigenartiges. Damen und Herren, die einem eleganten Pariser Ball Ehre machen würden, gleiten leicht dahin zwischen jungen Menschen, die einen schweren Alltagsschritt, die niemals die Kunst des Tanzes erlernt haben, sondern ehrlich und unverdrossen wie Taglöhner, den Takt treten. Herren im Gehrock, Herren im Frack, Damen in ausgeschnittener Balltoilette, Damen in biederen, dunkeln, hohen Kleidern, manche älter, manche blutjung, und jeder auf seine Weise und für sich vergnügt.

Von dem Augenblick an, als Kallem das Pech hatte, in die Restauration zu geraten oder vielmehr nur in ihre Nähe -- mit ihrem Punschgeruch und Tabaksqualm, die er haßte, war er übellaunig und verdrossen gewesen. Aber hier im Ballsaal, angesichts so viel genußfroher Selbstverständlichkeit verzog sich das. Da walzten zwei vorüber -- er im Frack, sie im dunkeln Wollkleid, wie mit einem Schloß zugeschlossen; sie hielten sich so treulich umschlungen, machten keine Pause, drehten sich nur unablässig, ernsthaft und bedächtig. Dort streifte ein langer, blonder Bursch in kurzer Jacke, wahrscheinlich ein junger Seemann, der zu Weihnachten nach Hause gekommen war, an ihnen vorbei; er tanzte mit einer Frau von mindestens vierzig Jahren, -- zweifellos seine eigene Mutter; wenn die nicht so aussah, als könne sie noch eine tüchtige Marssegelkühlte bestehen! Dort ein bekannter Eisenbahnbeamter, das Gesicht in die Höhe gewandt, ein dünnes Kerlchen im schwarzen Frack, das unter fortwährenden Körperverrenkungen herumhüpfte; trat er auf den rechten Fuß, so neigte er sich nach rechts -- trat er auf den linken Fuß, beugte er sich nach links -- immer ganz gewissenhaft im Takt, und dabei so vergnügt, so lokomotivenpfeifenvergnügt! Seine Tänzerin lachte nur immerzu, aber gar nicht etwa verlegen, im Gegenteil -- sie amüsierte sich! Und sie tanzten und tanzten, und wenn sie sich eben erst gesetzt hatten, standen sie auch schon wieder auf. Da fegte ein junger Kaufmann vorüber, und dicht hinterdrein ein junger Offizier, beide tadellos, mit frischen, jungen ballmäßig gekleideten Tänzerinnen; darnach ein ganz verrückter Kerl mit einer hohen Haartolle und einem großen, schwarzen Frauenzimmer. Sie rasten durch die Mitte des langen Ballsaals hin und zurück, daß alles erschrak und auswich wie vor Pferden. Da wirbelte ein Turm vorbei -- ein dicker, hoher, runder Turm, mit einer kleinen, schmächtigen Dame, die an ihm lehnte wie eine Leiter. Nach oben zu rührte sich der Turm überhaupt nicht; er drehte sich nur; hätte man ihm einen Teller Suppe auf den Kopf gesetzt, es wäre auch kein Tropfen übergeschwappt. Da kamen zwei, die die Hände von sich streckten wie Segel, zwei große Menschen, die Platz für drei normale Paare wegnahmen. Aber es schien althergebrachtes Ballgesetz zu sein, daß jeder Recht hatte auf soviel Platz, wie ihm paßte, auf soviel Gerase und Getolle, wie ihm beliebte, überhaupt das Recht, ganz nach seiner eigenen Fasson selig zu sein! Hier tanzte jeder einfach für sich, und keiner, um zu tanzen, sondern alle, um sich zu amüsieren.

Aber -- Donnerwetter -- da kamen zwei, die konnten tanzen! Sie kamen aus einem Nebenzimmer -- ein flotter, bartloser Kavallerieleutnant und eine hohe, ... Josefine! Sie war in roter Seide, mit Schwarz; der feste Hals, die gedrechselten Arme in ihrer warmen Farbe -- das üppige Haar, in den gewohnten Knoten gebunden -- die wilden Augen -- ja, wild waren sie! --und die Figur! Ja, sie war die Ballkönigin! Wie sie tanzte! Jetzt sah man erst die ganze Kraft und Geschmeidigkeit ihres Körpers! Und jetzt blitzte das irische Blut auf! Das war sie! Der Bruder drängte sich weiter vor; es war, als versage ihm der Atem. Ihm war, als ob alles nur auf diese beiden starrte, die sich bald rechts-, bald linksherumschwenkten, bald auf einem Fleck wirbelnd, bald den ganzen Saal umkreisend. Kein neues Paar kam hinzu; alle schauten und schauten, und nach und nach hielten die meisten der Tänzer inne; sie wollten zusehen. Der Kavallerist hatte nur den einen Fehler, daß er nicht größer war als seine Dame; aber er war ein kraftvoller, männlicher Kerl, der vorzüglich führte. Der Tanz war diesen beiden kerngesunden Menschen Leidenschaft und Rausch; das sah man. Und wie ein Rausch wirkte es auch. Kallem konnte nicht widerstehen; auch er mußte tanzen -- und zwar mit ihr -- und auf der Stelle! Als sie das nächstemal in einem glänzenden Bogen vorbeikamen, sah er sie an -- sah sie so an, daß er wußte, sie _mußte_ dahin blicken, wo er stand. Und so war es auch. Als ob jemand sie umfaßt und zum Stehen gebracht hätte, stand sie still. "Vielen Dank!" sagte sie zu ihrem Herrn. Und schon war auch der Bruder an ihrer Seite; ebenso schnell aber auch ihre Freundin Lilli Bing. "Komm, setz' Dich zu mir!" sagte sie, und gleich darauf, zu Kallem gewandt: "Wie nett von Ihnen, daß Sie gekommen sind!" -- "Ich habe zu danken -- für die Einladung!" erwiderte er sich an beide wendend. "Aber ich hab' eine solche Lust, mit Dir zu tanzen, Josefine --" er zog seine Handschuhe an -- "Sie gestatten?" Und er verbeugte sich vor dem Leutnant, der sich höflich wieder verbeugte. "Hast Du auch Lust?" wandte er sich zu Josefine. Sie war vom raschen Tanzen außer Atem; aber ihre dunkeln Augen strahlten. "Ja!" antwortete sie leise. Der Saal hatte sich inzwischen wieder mit Tänzern gefüllt; deshalb warteten sie ein Weilchen. Aber als das Gedränge nicht abnehmen wollte, umfaßte er sie, um zu beginnen. "Es geht nicht!" flüsterte sie. "Doch es geht!" sagte er und schwenkte sie an den andern vorüber, ohne anzustoßen, ohne sich aufhalten zu lassen; wurde es gefährlich, so trug er sie mehr, als daß er sie führte. Aber bald merkte er, wie unnötig das war; sie bog sich und schmiegte sich in seinem Arm dem leisesten Druck. Sie waren sich nicht so gleich, daß es "klebrig" wirkte, und doch auch nicht so ungleich, daß es abstieß; sie wurden sich gegenseitig interessant und genossen diesen Augenblick der Versöhnung vor neuem Kampf. Ab und zu sahen sie einander an, immer gleichzeitig -- er sehr rot, sie sehr bleich.

Jetzt strahlten die Lampen hell, die Musik war heiter, die Menschen fröhlich und natürlich, der Ballsaal prächtig! Sie hatten nicht miteinander getanzt, seit er Balllöwe und sie ein unausstehlicher Backfisch war, mit dem er aus Gnade ein paarmal herumwalzte. Aber in Haltung, Rhythmus, in ihrer ganzen Art zu tanzen waren sie wie aufeinander eingespielt; sie tanzten so leicht -- sie waren glücklich. Während sie sich umfangen hielten, konnten sich ihre Gedanken nicht voneinander lösen; sie hatten sich ineinander verschlungen. Sie gehörten zueinander in starkem Naturzusammenhang, nun sie bis auf den Urgrund der Natur gedrungen waren. Und weil das, was sie gemeinsam erlebt hatten, eigentlich in ihrer Kindheit lag, in einem fernen Land, so flüchteten sie beide dorthin. In die brennendheiße Luft, Seite an Seite auf ihren kleinen Ponys, zwischen ihnen der wunderliche Vater; er war so schön zu Pferde!

Der Bruder, der die Schwester überragte, blickte hinab auf ihre breite Kopfform; daran erkannte er den Vater wieder. Sie dachte ebenfalls an den Vater, während sie in sein scharfgeschnittenes Gesicht emporblickte; und trotzdem ähnelte er der Mutter, mehr als sie. Sie erkannte im Bruder das Gütige und Kluge der Mutter, wenn auch die Gewitterzüge des Vaters dazwischen kreuzten. Sie hätte sich an ihn schmiegen mögen wie an ihre Mutter, in dem Gefühl tiefster Geborgenheit -- wie an jenem letzten Abend in ihrer Fjordstadt. Und eine größere Sehnsucht kannte sie nicht auf Erden.

Da hörte die Musik auf.

Arm in Arm gingen sie zu dem Platz zurück, den Lilli ihr angeboten hatte -- voll Wärme und Dankbarkeit. Sie trafen dort Lilli und den Kavallerieleutnant -- sie in ihrer Üppigkeit ganz außer Rand und Band, er, wie immer, korrekt und ehrerbietig.

Bald darauf war Kallem in Überzieher und Seehundsstiefeln, die Hände tief in die weiten Taschen vergraben, wieder draußen im Schneegestöber.

Entweder hätten die beiden Geschwister jetzt allein sein müssen, oder er mußte gehen. Es hatte ihn zu gewaltig gepackt. Er hatte sie unendlich lieb, und sie ihn vielleicht noch mehr. In solchen Augenblicken -- wenn ihr Wesen sich ganz mit dem seinen verschmolz, da formte es sich so, wie es wollte und konnte; für gewöhnlich hielt etwas sie gebunden; das Christentum war es kaum -- was aber war es? Sie tat alles, was sie wollte, bis zur Rücksichtslosigkeit; und dennoch war sie gebundener als die meisten.

Es schneite und schneite; die Luft war mondhell, trotzdem man den Mond nicht sah. Und vor sich in der Luft sah er seine Schwester, barhaupt, mit nackten Armen, mit Glutaugen, und in der Ferne Musik!

Als er aber in sein weißes Schlafzimmer trat, in dem das aufmerksame Mädchen eingeheizt hatte, da sah er die droben im Walddorf tanzen -- Ragni, getragen von einem dicken Waldbesitzer, daß sie den Boden kaum mit den äußersten Zehenspitzen berührte; -- sie wirbelte mit den kleinen Kindern im Kreis herum, sie hüpfte mit dem "Birkhahn" oder einem schneidigen Jungen aus der Hauptstadt davon; er sah ihre Glückseligkeit nach jedem Tanz, er hörte ihr: "Nein, wie ich mich amüsiere, Edvard!" -- und damit schlief er ein.

Und am andern Tag -- er hatte eben sein einsames Mittagessen beendet und war gewohnheitsmäßig in die Wohnstube gegangen -- denn da pflegte Ragni ihm vorzuspielen -- da öffnete sich die Tür und -- er traute seinen eigenen Augen kaum -- ja, wirklich, in dieser Pelzvermummung steckte Ragni! Er rief sie herbei, so, wie sie war, weiß und rosig und mollig und zärtlich -- und hob sie in die Höhe.

"Ach nein," sagte sie, als sie ein Weilchen nachher friedlich beisammensaßen -- "weißt Du, es war doch immer wieder dasselbe, und dann -- ich hatte Sehnsucht." -- "Du hast eine schiefe Nase!" -- "Und Du -- na, warte nur -- auf dem Ball bist Du gewesen!" -- "Du hast eine schiefe Nase!" -- "Das sieht man fast gar nicht. Du, aber weißt Du -- Karl ist gar nicht immer lieb. Das will ich Dir nur sagen!" -- "Karl?" -- "Gegen mich, ja! Gegen mich ist er riesig nett -- man kann sich gar nicht vorstellen, wie nett. Aber gegen meine Geschwister ist er ganz anders -- heftig -- furchtbar heftig, und launisch, ein Starrkopf." -- "O, das kann ich mir ganz gut denken." -- "Und weißt auch Du, warum ich abgereist bin? Wir wollen einmal allein sein. Nicht? Wir haben ihn ja immer um uns." --"Du lieber Gott -- hast Du _den_ nun _auch_ schon wieder satt?" -- "Das hab' ich doch gar nicht gesagt; aber so immer um einen -- -- -- das wird --" -- "Langweilig?" -- "Na ja, meinetwegen langweilig; aber es ist so. Ich bin gräßlich, ich weiß! Du, und um noch was möcht' ich Dich bitten; aber sei gut und sag' nicht gleich Ästhetiker!" -- "Nun, und --?" -- "Sag' Kristen Larssen nicht, daß ich wieder da bin! Bitte, bitte nicht! Wir wollen einmal ganz ungestört sein, ja?" -- "Aber ich hab' eben jetzt ein paar Kinder, die -- --" -- "Nein, nein! Auch keine Kinder! Ach nein!" Und sie fing zu weinen an.

"Aber liebste, süßeste Ragni --!" -- "Ach Gott, ich weiß ja, es ist schrecklich egoistisch; aber ich _kann_ ganz einfach nicht! Ich bin für so was nicht geschaffen!"

Eine Weile später sang der Flügel in seinen vollsten Akkorden die Jubelhymne ihrer Heimkehr! Die Geister der Schönheit nahmen Besitz vom Haus. Sie flogen aufs Dach, zu den Fenstern und Türen hinaus, ins Schlafzimmer hinauf, in die Küche, ins Studierzimmer hinüber. Sie sangen, sangen, sangen, daß die Tuberkelbazillen, die der Doktor eben untersuchte, geradenwegs lostanzten auf das, was sie vernichten sollte; sie sangen die Küchentür auf, daß der ganze Aufwaschtisch tanzte und der Kaffeekessel überkochte; und das neue Kleid, das Sigrid zu Weihnachten von Frau Doktor bekommen hatte, fix und fertig, mit Sammetbesatz und Jakett, mit Schnüren und Quasten besetzt, hoch oben auf dem Dachboden, zu alleroberst im ganzen Haus, auf Ballgedanken verfiel.

8

Tags darauf kam Kallem von Sissel Aune, der Waschfrau. Er hatte sich über den Mann geärgert, der in übermäßiger Freude seine Geige hatte herrichten lassen und jetzt bei allen möglichen Gelagen aufspielte und sich volltrank. Er wollte mit ihm denselben Versuch machen wie mit Sören Pedersen und Aase, und ging deshalb zu ihnen, um mit ihrer Hilfe dem lyrischen Aune beizukommen. Aber er fand die "Gattin Aase" allein im Laden, wo sie eben einem von Sissels Kindern auf einen Sattel half; vier hatte sie bei sich im Laden, das fünfte lag daneben in der Stube. Sören Pedersen sei nicht zu Hause, er sei bei Kristen Larssen, der krank sei. Kristen Larssen? -- Ja, er habe fürchterliches Erbrechen gehabt, zuletzt das reine Blut; aber dem Doktor wolle er nichts sagen. Kallem wollte sofort zu ihm, aber erst wollte er noch einen kleinen Beitrag zum Unterhalt der Kinder geben; das wurde jedoch nicht angenommen. Aase hatte heute zwei Sättel und eine Sprungfedermatratze verkauft; eine Nichte von ihr arbeitete jetzt mit in der Werkstatt; eine Frau, die ebenfalls Aase hieß; um die zwei voneinander zu unterscheiden, nannte Sören die Nichte: "Aases Aase".

Kallem fand Kristen Larssen im Bett. In seinen langbehaarten Fingern hielt er eine Arbeit; Sören Pedersen las ihm vor. In der Ecke zwischen Fenster und Tisch, ganz eingeklemmt in einen Winkel, saß die Frau und strickte; das Kopftuch hatte sie so tief hereingezogen, daß das Gesicht ganz im Schatten lag. Eine entsetzlich schlechte Luft war in der Stube. Als Kallem den Kranken sah, erschrak er; noch schmutzig-grauer, noch hagerer als sonst sah er aus. "Haben Sie etwas Fettes gegessen in den Weihnachtstagen?" -- "Hm ... Sülze haben wir gehabt." -- "Haben Sie schon früher solche Anfälle gehabt?" -- "O ja ... ab und zu." -- "Aber nicht so schlimm, wie diesmal!" sagte sie, und strickte. -- "Haben Sie Schmerzen jetzt?" -- "Jetzt nicht. Aber manchmal ..." -- "Unter der Brust und im Magen?" --"Ja." -- "Und die Schmerzen kommen häufig wieder?" -- "O ja." -- "Mit jedem Tag öfter!" sagte die Stimme aus der Ecke. Kallem begann sofort mit der Untersuchung und fand in der Magengrube eine Geschwulst von der Größe einer Wallnuß. Kristen Larssen wußte schon lange davon. -- "Ist sie gewachsen?" -- "O ja." --"Jeden Tag mehr!" sagte die Stimme in der Ecke. Kallem ward es heiß und heißer. Weshalb hatte er sich bei Larssens abweisender Art beruhigt? Die Augen der Frau folgten ihm -- ihre Stricknadeln gingen immer langsamer -- es war, als erstarre sie nach und nach; der Doktor versuchte, seine ruhige Miene zu bewahren; aber sie ließ sich nicht täuschen -- er merkte es. Und Kristen Larssens kalte Augen folgten ihm -- forschend. Kallem hieß sie die Herdklappe öffnen und sie offen lassen -- Tag und Nacht -- wieviel Holz es auch kostete. Sören Pedersen stand auf, voller Eifer, und öffnete das Ventil. Kristen Larssen und seine Frau verfolgten sein Tun mit mißbilligenden Blicken; _sein_ Holz war es freilich nicht! Um Zeit und Ruhe zu gewinnen, blätterte Kallem in den Büchern, die herumlagen. Es waren seine eigenen englischen, und ein Buch über Mechanik. Dann sah er das Schiffchen an, das der Kranke zwischen den Fingern hielt. "Was ist denn das?" Und Sören Pedersen erklärte, es sei eine Verbesserung der von Kristen Larssen erfundenen Strickmaschine. Und während er das erklärte, handhabten Larssens Finger die Räder und Nadeln so zart, so behende, daß seine ganze Gedankenkraft, seine ganze Liebe zur Sache dabei deutlich zum Vorschein kam.