Chapter 14
Sonst war niemand zu sehen. Der Junge lenkte die Pferde um und fuhr ein bißchen zur Seite. Die beiden Ärzte gingen zu dem Kranken hinein, Ragni wanderte auf dem Hof auf und ab. Durch das Fenster sah sie einen Alten im Bett liegen; seine Frau saß neben ihm; sie sang mit zitteriger Stimme dem Kranken etwas vor und fuhr auch, als die Tür sich hinter ihr öffnete, ruhig fort.
Ragni sah sich auf dem Hof um; dann setzte sie sich auf die Scheunentreppe.
Nichts, was in uns alles so in Stille einwiegen könnte, wie ein ruhender Bauernhof! Nicht der Wald, denn irgendwo raschelt und raunt es da immer; man muß lauschen oder Umschau halten; nicht das Meer, selbst wenn es schweigt; völlig in Frieden ist es nie. Nicht die Wiese; denn da wimmelt es von Leben. Und so überall. Aber in einem abgeschlossenen Bauernhof --. Das Hühnervolk umpickt und umgackert dich so anheimelnd, der Hund liegt ganz still und die Katze geht ein paar Schritte, und bleibt stehen, und geht wieder ein paar Schritte; die Pflugschar lehnt neben der Egge, der Schleifstein ist trocken, die Wagen lassen die Deichsel hängen, die Gesindeglocke schweigt; alles, was sonst da lebt, ruht wie du; und was sich etwa noch regt, erhöht nur den Frieden. Das Schwein, das du ganz dort hinten wühlen siehst, ist nur mit sich selber beschäftigt; das Pferd, das kaut und die Fliegen wegwedelt, kennt nur sein eigenes Behagen; die Vögel, die kommen und dich grüßen, tragen dir die Sorglosigkeit zu, die in allem Frieden liegt.
Doch mitten in der Ruhe schoß in Ragni wieder die Angst auf, die sie seit der Begegnung mit Josefine verfolgte. War etwas in ihrem eigenen Gewissen, das sie anklagte? Nein, und tausendmal nein! Nicht einmal die Kinder ihrer Schwester? -- Nein! Denn unter solchen Verhältnissen hätte sie nicht einmal denen etwas sein können. Also, was denn? Was hatte sie getan? Ihn geliebt. Weshalb sollte sie das nicht dürfen?
Die Stille war weg. Ragni ging hinter den Hofgebäuden herum, und da fand sie zwei Arten =Orobus=[6], nicht weit voneinander -- erst draußen auf der Wiese die Vogelerbse, und dann noch eine andere Art im Gebüsch; auf den Namen der letzteren konnte sie sich nicht besinnen. Als sie zurückging, fand sie einen prächtigen Hahnenkamm und eine dritte Art Veilchen; zwei hatten die andern ihr schon gegeben. War das eine Flora! Und da! Da wieder! Die entzückendste Veronica; o weh, die Krone fiel ab; aber da ist wieder eine; die hält. Später hörte sie, daß in dieser Gegend die spröde Blume auch "Männertreu" genannt wurde.
Und jetzt wieder auf den Hof. Durch die Fenster sah sie, wie Kallem, tief über den Kranken gebückt, dessen Brust behorchte. Bald darauf kam Kent heraus, neben ihm die alte Frau. Er schrie, so laut er konnte, aber sie schien trotzdem fast nichts zu verstehen. Jetzt stand Kallems hohe Gestalt in der Tür; er kam auf sie zu. Wie sie ihn liebte!
* * * * *
Nachmittags saßen sie zusammen in dem nach Südosten gelegenen Arbeitszimmer des Doktors. Bis auf die Bücher war jetzt alles in Ordnung. Sören Pedersen kam, begleitet von Aase, zur Eßzimmertür herein; er pfiffig, sie verschüchtert. Eben kämen der Herr Pastor und seine Frau durch den Garten.
Kallem sah, wie Ragni bleich wurde. In Gegenwart der beiden begnügte er sich damit, frischweg zu sagen: "Komm, Ragni!" und ging dann ins Verandazimmer und von dort auf den Korridor, um die Gäste zu empfangen.
Die Begrüßung war steif. Der Pastor bat, die ungelegene Besuchszeit zu entschuldigen; ihm passe es so am besten, da er gerade vom Abendgottesdienst komme. Sie hätten überhaupt bloß anfragen wollen, ob Schwager und Schwägerin nicht heute bei ihnen zu Abend essen wollten? Sonntags sei ja ein Geistlicher erst abends so recht sein eigener Herr. -- Die Stimme hatte noch etwas von dem feierlichen Predigerton, und Gesicht und Wesen trugen einen Abglanz der Kirche. Josefine stand ganz still und sah sich im Zimmer um; und bald ging auch der Pastor dazu über.
Er fand es "zu gemütlich" hier! Der Flügel war ein "Prachtstück". Während sie ihn betrachteten, wandte sich Josefine zu Ragni; es waren die ersten Worte, die sie sprach: "Sie spielen ja so schön?" -- "O-- --" -- n"Wollen Sie uns nicht etwas vorspielen?" Und der Pastor fügte hinzu: "Ach ja, bitte!"
Ragni sah ihren Mann an -- wie ein Ertrinkender, der nach Hilfe ausschaut. "Ragni muß in Stimmung sein, um spielen zu können!" sagte er. "Natürlich -- Sie werden müde sein!" entschuldigte der Pastor. Man setzte sich; Kallem und der Pastor einander gegenüber, Josefine ein bißchen abseits; Ragni blieb stehen.
"Natürlich -- Ihr müßt beide müde sein!" fuhr der Pastor fort. "Die lange Reise -- -- und jetzt das ganze Einrichten hier! Wie ich von Doktor Kent höre, seid Ihr bald fertig?" -- Ja. Sie hätten aber auch eine ganz ausgezeichnete Hilfe gehabt an Sören Pedersen und seiner Frau. Ragni fürchtete auf einmal, die beiden könnten noch im Eßzimmer sein und lief hinein; nein, sie waren fort. Auch im Zimmer des Doktors waren sie nicht.
Das Gesicht des Pastors hatte einen ganz eigenen väterlichen Ausdruck angenommen. "Wir haben Sören Pedersen und seine Frau für Euch nehmen müssen, weil sonst niemand zu haben war. Aber eigentlich müßte man solchen Leuten überhaupt keine Arbeit geben." -- "So?" - "Tüchtige Arbeiter; aber sie vertrinken alles, was sie verdienen, und bleiben tagelang von der Arbeit weg, wie auch hier. Sie erregen großes Ärgernis in der Gemeinde." -- "Alle Wetter!" Ragni strich dicht an Kallem vorbei und fuhr ihm leicht mit der Hand über den Kopf; sie tat, als wolle sie etwas vom Flügel holen. Der Pastor ließ sich durch den leichtfertigen Ton des Doktors nicht abschrecken. "Wir haben alles versucht bei den beiden, was wir nur konnten -- sie trinkt geradeso wie er. Ihr würdet Euch wundern, wenn Ihr wüßtet, wie gut alle Leute gegen sie gewesen sind. Aber alles vergebens -- ja, schlimmer als vergebens! Nun, ich will nicht näher auf die Sache eingehen." Und er blickte hinüber zu seiner Frau, die in ihrem enganschließenden Kleid dasaß, kraftvoll, undurchdringlich, aus einem Guß und tadellos vom Scheitel bis zur Sohle. Die Augen mit dem wohlgeschulten Blick, der alles sieht, ohne bestimmtes eigentliches "Sehen". Kallem wäre am liebsten aufgesprungen und hätte sie angeschrien. Aber Ragni stand, im Hintergrund, unbemerkt von den andern, ihm gerade gegenüber.
"Zu dumm," sagte er, "daß der alte Doktor ein Haus dicht neben das Krankenhaus gebaut hat. Daß man fremde Menschen immer so dicht auf dem Leibe haben muß!" -- "Der Alte hat es für seinen Schwager gebaut. Und nun ist der auch tot." -- "Ja, das hab' ich gehört. Wenn ich in der Lage wäre, noch mehr Geld in Häuser zu stecken, so würd' ich es kaufen, trotzdem ich keine Verwendung dafür habe." Josefine wandte sich kaum merkbar um, vermutlich um zu sehen, ob Ragni noch da war. "Ich glaube nicht, daß es zu verkaufen ist!" sagte sie. "Ich kenne die Erben." Eine Weile war es still.
Der Pastor schlug ein neues Thema an. Er hatte heut vormittag im "Morgenblatt" einen Artikel über die Unsicherheit der amerikanischen Verhältnisse im einzelnen und allgemeinen gelesen. Er sprach wie einer, der die Sache kennt, und wandte sich dabei stets an seine Frau. Wenn er einmal jemand anders ansah -- wie eben Ragni, die ja aus Amerika kam -- so war das nur vorübergehend; gleich wandte er sich wieder seiner Frau zu.
Pastor Tuft war ein recht stattlicher, hübscher Mann, besonders seit eine gewisse Behäbigkeit den knochigen Untergrund des Gesichts ausgefüllt hatte; die Stimme klang frisch, und die Melanchthonaugen strahlten warm in alles, was er sagte. Seine Worte und sein ganzes Auftreten hatten etwas Mildüberredendes; aber man fühlte hinter der Milde die Kraft!
Ganz unerwartet machte Josefine eine aufwärtsdeutende Bewegung mit dem Kopf. "Ja, natürlich, es ist Zeit, daß wir gehen!" sagte Tuft und stand auf. "Ich verschwatze mich immer. -- Also, Ihr kommt mit, nicht?" Josefine stand auf, und ebenso Kallem. Aber der hatte auch noch eine Frau, die ihm Blicke zuwarf -- graue -- und sehr weiche. "Danke! Aber wir sind zu müde. Ein andermal!"
Damit geleiteten sie die beiden hinaus. Kallem trat dann ans Fenster und sah ihnen nach, wie sie hoch und stattlich davonschritten. Bald lag die Kirche hinter ihnen. Alle Vorübergehenden grüßten ehrerbietig. Als sie schon nicht mehr zu sehen waren, stand er noch da. Dann schlenderte er ein paarmal durchs Zimmer und schlug plötzlich einen Purzelbaum. "Du, hol mir doch Sören Pedersen und Frau Aase!" und gleich darauf war er draußen, um sie zu suchen. Aber sie waren nirgends zu finden. Sigrid berichtete, sie seien gleich gegangen, als Pastors erschienen. "Schockschwerenot! Pass' auf, jetzt trinken sie sich einen an! Lauf schnell und lade sie zum Nachtessen ein! Sag' ihnen, wir seien allein!" Das Mädchen rannte davon. "Laß nicht locker!" rief Kallem ihr nach. "Ob sie wollen oder nicht!"
"Hören Sie mal, Herr Sattlermeister!" sagte der Doktor, als die beiden wieder im Wohnzimmer standen, sie natürlich hinter ihm -- "Hören Sie mal, der Herr Pastor sagt, Sie trinken, Sie und Ihre Frau, und er habe Sie nicht davon abbringen können?" -- "Da sagt der Herr Pastor bloß, was wahr ist." -- "Aber das ist eine böse Krankheit, Pedersen!" -- "O ja -- hinterher!" -- "Wollen Sie es mir überlassen, Sie zu kurieren?" -- "I, warum denn nicht, Herr Doktor! Aber im Ernst -- es wird lange dauern." -- "Zwei Minuten." -- "Zwei Minuten?" Er lächelte. Aber bevor er ausgelächelt hatte, hatte Kallem ihn schon in der Gewalt seiner Augen, die einen mächtigen, verwirrenden Ausdruck haben konnten. Der Sattler wechselte die Farbe und wich zurück. Der Doktor ging ihm nach und hieß ihn sich setzen. Er gehorchte augenblicklich. "Sehen Sie mich an!" Aase wurde es fast übel. "Sie setzen sich ebenfalls!" sagte der Doktor über die Achsel zu ihr, und wie hingeweht saß sie auf einem Stuhl. Der Doktor hatte gestern sofort erkannt, wen er da vor sich hatte; es dauerte keine zwei Minuten, so war Sören Pedersen weg und ebenso Frau Aase, trotzdem diese nur zugesehen hatte. Der Doktor befahl ihnen, die Augen wieder zu öffnen; beide gehorchten sofort. "Nun hören Sie mich an, Pedersen: von jetzt ab hören Sie auf, Branntwein oder Spiritus in irgendwelcher Form zu trinken; auch keinen Wein, kein starkes Bier --_einen_ -- _einen ganzen_ Monat lang! Hören Sie? Wenn der Monat vorbei ist -- es ist jetzt halb sieben --so kommen Sie wieder hierher -- auf die Minute!"
"Und Sie auch, Aase. So oft er trinken will, schreien Sie. Und hinterher singt Ihr beide." -- "Wir können nicht singen." -- "Einerlei? Ihr singt!"
4
Josefine verließ die Stadt. Sie nahm ihren Jungen mit nach der Westküste, wo er Seebäder nehmen sollte. Der Pastor wollte etwas später nachkommen; er hatte, seit er Pastor war, noch keinen Urlaub gehabt. Gleich nach dem Examen war er als Hilfsprediger hierher gekommen und hatte das Zutrauen der Gemeinde in so hohem Maße gewonnen, daß sie, als vor zwei Jahren die Stadt aus der Diözese ausgepfarrt wurde, einstimmig um seine Berufung einkam; und er erhielt das Amt. Fast sechs Jahre lang hatte er nun streng gearbeitet und konnte ein paar Wochen Ferien wohl gebrauchen. Josefine ging eines Tages zu ihrem Bruder hinauf, als er nicht zu Hause war, erzählte Ragni, daß sie verreise, verabschiedete sich und bat, den Bruder zu grüßen.
Ragni war sich sofort klar darüber, daß diese Reise nur ein Vorwand war, um sie nicht in die Gesellschaft einführen zu müssen; sie wollten nicht für sie eintreten. Zu Kallem, der weniger mißtrauisch war, sagte sie jedoch nichts davon. Er vergaß bald die ganze Geschichte; denn er hatte ungeheuer viel zu tun. Doktor Kent wollte ins Ausland, und Kallem mußte seine Praxis übernehmen zum Dank dafür, daß Kent vor Kallems Ankunft das Krankenhaus beaufsichtigt hatte. Der dritte Arzt am Ort war ein junger Militärarzt und augenblicklich bei den Übungen. Er hieß Arentz und zeichnete sich durch überaus breite, tadellos geplättete Vorhemden aus. Kallem erkannte in seinem korrekten Wissen Wort für Wort das Lehrbuch wieder -- er mußte sich anfangs Mühe geben, ihn nicht "Niemeyer"[7] zu nennen; aber er mochte ihn seiner unbedingten Ehrenhaftigkeit wegen gern leiden. Da das Herumliegen auf Landwegen und Straßen Kallem unerträglich wurde, dachte er daran, Arentz zum Assistenten zu nehmen; wollte er selber ein freier Mann sein, so mußte er sich anders einrichten.
Ragni sah ihn nur mittags das Essen hinunterschlingen und spät abends heimkommen. Vielleicht saß er einmal ein Weilchen bei ihr auf der Veranda, oder ging im Garten umher und half ihr, wenn sie gerade bei der Arbeit war; aber selten. Er mußte wieder hinein, zu seinen Büchern. Anders gestaltete es sich, als sein Kollege wieder zurückkam; er glaubte, die versäumte Zeit nachholen zu müssen und fortan saß er beständig im Laboratorium oder in seinem Arbeitszimmer. Schließlich siedelte auch Ragni dahin über; sie bekam ihren eigenen Stuhl und ihre eigenen Bücherfächer; das Studierzimmer wurde zur Wohnstube.
Stundenlang lasen sie, jedes für sich, und wechselten kaum zehn Worte. Er versenkte sich immer mehr in ein langes, einsames Studium und ahnte nicht, was für einen Eindruck es machte, wenn er sich in einer Pause aufs Sofa warf, so lang er war, und sie ansah, ohne ein Wort zu reden, oder -- wie es meist der Fall war -- am Fenster stand und hinausstarrte. Kam er ins Zimmer zurück, so war es nur, um sich wieder ans Fenster zu begeben. Er behauptete, nirgends könne er so gut denken, wie da; das habe er von seinem Vater.
An seinem Heim hatte er eine große Freude; selten kam er nach Hause, ohne es zu rühmen, und dann wanderte er umher, sorglos und munter wie eine Schwalbe. Nach Tisch hörte er gern Musik, doch achtete er nicht immer darauf, was sie spielte.
Und sie? Von Tag zu Tag fühlte sie sich inniger in Wesen und Dinge ihres Heims ein. Ihn nannte sie wieder ihren "weißen Pascha", den Flügel "das Märchen". "Jetzt ein Märchen!" sagte sie, wenn sie spielen wollte, und gewöhnte es ihm ebenfalls an. Das Schlafzimmer nannte sie "zwischen den Sternen", die Tauben, die sie zu Pfingsten bekommen hatte, "meine Pfingstlilien", Sigrid "die Siebenarmige". Wenn sie und Kallem im Arbeitszimmer saßen und lasen, hatte sie das Gefühl, als segelten sie beide fort, jedes in seinem Boot, jedes nach seinem Land. "Wollen wir jetzt hinein und segeln?" sagte sie.
Er kannte dies Bedürfnis nach Bildern aus ihren amerikanischen Briefen. "Wir arbeiten uns jeder von einem Ende eines Welttunnels langsam zueinander hin", schrieb sie; und auf dies Bild vom Tunnel kam sie immer wieder zurück; zuletzt "waren sie einander so nahe, daß sie ihn sprechen hören konnte." Von den Dampfern, die "droben, über ihnen, aneinander vorbeischwammen mit ihren Briefen", schrieb sie: "die Sehnsucht des einen zieht und die des andern schiebt nach."
Eines Abends auf der Veranda -- es regnete, aber sie selber saßen trocken unter dem vorstehenden Dach -- sagte sie: "Solche Häuser müßten einen Kopf haben." -- "Einen Kopf?" -- "Ja, zwischen den Flügeln, wie jedes andere brave Huhn." -- "Ach, so meinst Du's!" -- "Ich habe immer das Gefühl, als säße ich unter Flügeln und würde bebrütet." -- "Sag' mal, wie kommt es, daß Du in Deiner Kindheit nicht in den Bildern der Bibel heimisch geworden bist?" -- "Weil ich einen Vater hatte, der mir, als ich zehn Jahr alt war, vom Ursprung der Arten erzählte; Pflanzen, Tiere und Menschen wurden zu _einer_ Familie. Das war so etwas für mich. Als ich dann einen Stiefvater bekam, der Geistlicher war und behauptete, Erde und Menschen seien gleich bei der Erschaffung vollkommen gewesen und alles sei nur um der Menschen willen da, da glaubte ich das nicht. Außerdem war mein Vater ein stiller, kränklicher Mann, den ich lieb hatte, und mein Stiefvater ein starker, jähzorniger Mensch, den ich fürchtete."
Kallem fragte, ob sie ihm nicht einmal ihre Kindheit und Entwicklung schildern wolle. Aber darauf antwortete sie bestimmt: "Nein!"
* * * * *
Kristen Larssen arbeitete hin und wieder beim Doktor, -- so bei der Einrichtung des Laboratoriums, des Ventilationsapparates usw. Mit einem schweigsameren, mißtrauischeren Menschen hatte Kallem es noch nie zu tun gehabt, aber auch noch nie mit einem klügeren. Eines Sonntags, Anfang August, kam er herauf, in seinem höchsten Staat -- einem langschößigen, braunen Rock mit außerordentlich engen Ärmeln, einer karierten, zu kurzen Weste und einer grauen Hose von sogenanntem englischen Leder. Alltags trug er meist keine Kopfbedeckung; Sonntags, wenn er Staat machen wollte, trug er den Hut in der Hand; er konnte nichts auf dem Kopf ertragen, wenn es nicht ganz besonders kalt war. Jetzt stand er da im Studierzimmer, lang, hager, kurzgeschoren, reingewaschen, mit schwarzen Bartstoppeln. Das einzige halbwegs Freundliche an der ganzen Erscheinung war der über ein rotgewürfeltes Halstuch heruntergeklappte weiße Hemdenbund. Der Doktor bat ihn, Platz zu nehmen und fragte, was ihm fehle. Als Antwort kam erst ein forschender Blick, dann die Erklärung, er habe ja gar nicht gesagt, daß ihm etwas fehle.
Kallem merkte, daß es Larssen nach dieser Antwort nicht leicht fallen würde, mit seinem Anliegen herauszurücken; aber er dachte: Geschieht dir ganz recht!
Na ja, endlich sagte er denn, er wisse, die "Frau Doktern" sei fünf oder sechs Jahre in Amerika gewesen; ob sie ihm vielleicht ein paar englische Bücher leihen könne? Vielleicht würde sie ihm auch sagen, wie er sich am besten weiterhelfen könne; er habe auf eigene Hand ein bißchen Englisch gelernt.
Ob er denn ans Auswandern denke? -- Ja, könnte schon sein; "aber hinübergehen, und drüben auch für die Norweger schuften ... dazu hab' ich keine Lust." -- "Wie alt sind Sie?" -- "O, so reichlich an die Vierzig!" Er sah aus, als sei er schon fünfzig. "Da fällt mir ein, Larssen, -- meine Frau wird Sie sicher gern Englisch lehren, etwa abends." Nein, das wollte er unter gar keinen Umständen. Aber Kallem machte ihm begreiflich, daß man die Aussprache nur durch mündlichen Unterricht lernen könne. Im selben Augenblick kam Ragni herein, und der Doktor erklärte ihr, daß für Kristen Larssen die englische Sprache gleichbedeutend sei mit einem paar Flügel. Erst wurde sie ein bißchen rot; es war keineswegs die einzige unangenehme Aufgabe, die Kallem ihr aufbürdete; er schien wirklich der Ansicht zu sein, sie habe nicht genug zu tun. Sie selber war der Ansicht, daß sie gern möglichst frei sein wollte. Aber während sie so stand und Kristen Larssen ansah, und daran dachte, wie Kallem gesagt hatte, er habe noch nie einen klügeren Menschen getroffen, wurde sie von Mitleid erfaßt. Eben vertiefte er sich in ein englisches Buch; er verstand zur Not, wovon es handelte. Und da erbot sie sich nicht nur, ihm zu helfen, sie nötigte ihm ihre Hilfe geradezu auf. Schon am selben Nachmittag um fünf Uhr kam er, und sie saßen zusammen am Tisch und buchstabierten sich durch einen leichten Text durch. Kallem kam nach Hause und sah die beiden Köpfe über dasselbe Buch gebeugt, der eine lang, dunkel und eckig, der andere klein, feingeformt, rötlich; ein eiskaltes, dunkles Gesicht, durchfurcht, verkniffen -- ein warmes Frühlingsauge, eine blendende Haut, eine sonnige Laune. Sie hielt ihr Taschentuch vor den Mund und mußte sich offenbar zwingen, neben ihm zu sitzen. Kallem erinnerte sich jetzt, daß auch ihm schon Kristen Larssens unangenehmer Atem aufgefallen war. Er sorgte sogleich dafür, daß sie zwei Bücher bekamen und daß jedes an einer Seite des Tisches saß. Sobald sie konnte, machte sie sich davon. Um das wieder gut zu machen, lud Kallem Larssen zum Abendessen ein und versuchte, ihn zum Auftauen zu bringen; aber als er ging, war er noch ebenso kalt und vorsichtig wie beim Kommen. Jetzt begann dieser Mann ihn zu beschäftigen. Was in aller Welt war das für ein Mensch, und wie war er so geworden?
Bei Gelegenheit suchte er ihn unter einem Vorwand in seinem Hause auf. Hier traf er die Frau, ein mageres, dürres Frauenzimmer, dessen Kopf dicht in ein großes Tuch eingewickelt war; was der Mann zu wenig auf dem Kopf hatte, das hatte sie zu viel. Kein Kind. Kein Feuer auf dem Herd; sie koche immer gleich auf mehrere Tage, sagte sie. Vorsichtig und mißtrauisch ging sie ab und zu und strickte. Kallem dachte sich, sie müßten wohl übereingekommen sein, so dürftig zu leben, damit sie für die Reise zurücklegen konnten. Nur um einen Vorwand zu haben, hatte er einen Revolver mitgenommen, der nicht richtig funktionierte; die Waffe lag in einem Kasten, und er hatte den ganzen Kasten mitgenommen, dachte aber jetzt erst daran, daß auch die Munition darin lag. Er zeigte es ihr. "Ach, bei uns liegt viel solches Zeugs herum!" sagte sie und nahm den Revolver ohne eine Spur von Furcht in die Hand. "Der ist aber fein!" Und sie legte ihn in den Kasten zurück, schloß ihn zu und stellte ihn auf ein Wandbrett über der Werkzeugbank des Mannes. Brett und Bank lagen voll Sachen zum Reparieren; "er hat jetzt zu viel außer dem Haus zu tun," sagte sie, "das Kleinzeug da muß warten!" Der eine Raum diente als Werkstatt, Küche und Schlafstube. Eine Uhr an der Wand, ein Tisch, ein Bett, eine Schlafbank, drei hölzerne Stühle; sonst alles kahl; und überall ein scharfer, übler Geruch.
Den Rückweg nahm er am Sattlerladen von Sören Pedersen vorbei, dem er bei der Etablierung eines Geschäfts geholfen hatte, das recht gut ging. Da stand Kristen Larssen; in der einen Hand hielt er ein Glas, in der andern eine Flasche, und Sören Pedersen und seine Frau schrien oder sangen Glas und Flasche an; es klang wie ein langgezogenes, klägliches Hundegeheul. Kristen Larssen lachte -- ein Lachen, wie es nur aus den tiefsten Tiefen des Menschen kommt. Eine breite Seligkeit lag in diesem weitaufgerissenen Maul -- die innerste Offenbarung eines bosheitsvollen Herzens, das wildeste Freudenhalleluja des Entdeckers. Vielleicht auch ein Interesse für die beiden -- wer weiß? Ob er das Tag für Tag so trieb?
* * * * *
Das Talent Kallems, andere in Arbeit zu setzen, sollte Ragni noch in höherem Grade kennen lernen.
In einer kleineren Gesellschaft bei Doktor Kent sollten sie den alten Pastor Meek und seine Enkelin, Tilla Kraby, kennen lernen; die beiden waren von ihrer Reise ins Ausland zurückgekehrt, wollten aber bald wieder von hier weg. Während ihres kurzen und wahrscheinlich letzten Aufenthalts in der Gegend wurden sie sehr gefeiert; auch diese Gesellschaft wurde ihnen zu Ehren gegeben, und Kallem und seine Frau, die sonst ganz zurückgezogen lebten, gingen heute nur hin, um sie doch wenigstens einmal gesehen zu haben. Die Ehrengäste ließen auf sich warten; und unterdessen wurde Ragni eine ungewöhnlich starke Dame vorgestellt, kaum dreißig, lebhaft und hübsch; gleich ihre ersten Worte jagten der jungen Frau einen Schreck ein. "Ich weiß nicht, ob es Ihnen unangenehm ist," sagte sie -- -- "ich bin nämlich die Schwester von Sören Kule." Als sie Ragnis tiefe Verlegenheit bemerkte, zog sie sie schnell beiseite: "Denken Sie nur ja nicht, daß ich es nicht ganz genau ebenso gemacht hätte, wie Sie!" flüsterte sie. "Noch dazu, wenn man einen Mann findet, wie Ihren!" -- -- und sie drückte Ragnis Arm. Sie war sehr gewandt und fesch und hatte keine Ahnung, wie sie das feine Geschöpf peinigte, das sie da am Arm hielt. Schon daß ihr Gesicht und ihre Figur von der "Walfischart" waren, war ja genug; Ragni kannte das alles so gut -- bis auf die eigentümliche Bewegung der "Flossen"; sie mußte an Tran denken. Jetzt sah man den alten Pastor Meek und seine Enkelin eintreten; der Gastgeber und seine Schwester -- Dr. Kent war nicht verheiratet -- gingen ihnen entgegen -- auch die übrigen fast alle. Zwischen das "Guten Tag!" und "Willkommen!" der Vordersten klang das: "Nein! wie prächtig er aussieht!" und "Was diese Tilla für Reisen macht!" der Fernerstehenden. Und während der ganzen Szene fragten Kallem und Ragni sich, wem die beiden ähnlich sähen; diese Gesichter hatten sie schon irgendwo erblickt.