Chapter 13
In drei, vier Sätzen sprang Kallem jetzt die Treppe hinauf. Ragni stand im Sonnenglanz draußen auf der Altane. Sie wandte sich nach ihm um. Er fragte, ob sie ihr Gebet verrichtet habe. Ja; sie sei fertig.
Auch er blieb ein Weilchen auf der Altane stehen und sah nach dem Inselkindchen hinaus, das da vor seiner Mutter spielte -- von hier aus konnte man es sehen -- auf die Bucht mit den Wasserfurchen, auf die Berge dahinter in ihrer vornehmen Ferne. Er blickte hinüber, nach rechts, wo Pastors wohnten; sie merkte es wohl. "Sie können uns doch zum Donnerwetter nicht behandeln, als ob wir nicht verheiratet wären? Nicht? Das wollen wir doch sehen!"
Sie zog ihn ins Zimmer und wies auf die Farbe der Wände in ihrem Schlafzimmer; mattweißer Ölanstrich, wie sie es sich gewünscht hatte. Alles sollte weiß sein hier oben, mit Ausnahme der langen Gardinen und Portieren, die von der Decke herab über den beiden Betten, dem Altanfenster und der Tür hängen sollten. Die waren blau in Farbe und Muster, zu den Ornamenten an den Betten und übrigen Möbeln passend. Sie wurde ganz gesprächig; aber Kallem mußte das Krankenhaus besehen; und da wollte sie mit.
Das erste, was er auszusetzen hatte, als sie im Park davor standen, waren ein paar alte schöne Bäume: die standen viel zu nah -- die mußten weg. Statt ihrer sah er im Geist schon einen großen freien Platz mit einem Springbrunnen in der Mitte, von dem nach allen Seiten hin Wege in den Park führten. Das Krankenhaus war zweistöckig, gelb gestrichen, mit ungewöhnlich großen Fenstern, aber sehr kleinen Scheiben. Im Unterbau, einem mächtigen Steinsockel, war die Wohnung für die Dienerschaft und den Verwalter eingerichtet. Es sah sehr behaglich aus; Gardinen an allen Fenstern, und Blumen davor. Der Eingang befand sich an der linken Seite des Hauses; ein dichtes, hohes Gitter hegte einen sehr großen Hofraum ein. Kallem freute sich, als er längs des Gitters Ahornbäume stehen sah; er wußte, in vierzehn Tagen konnten hier amerikanische Zelte für die Kranken aufgeschlagen sein -- den ganzen Sommer über.
Die Haustür war offen; kein Portier. Im Fenster der Portierloge lagen fromme Schriften und Traktate zum Verkauf aus. Kein Anschlag an der Tür, der angab, wann Besuchszeit sei für die Kranken. Den Portier sahen sie dann im inneren Hof; ein älterer Mann mit ernsten, forschenden Augen; er trug eine Brille, über die er hinwegblickte, und die er abnahm, als er merkte, wen er vor sich hatte. "Sie sind der neue Herr Doktor?" -- "Ja." Jetzt nahm er auch seine Mütze ab: "Willkommen!" Der Patient, mit dem er sich eben unterhalten hatte, schlich davon; er war bleich und trug --trotz des sommerlich warmen Tags einen dicken wollenen Schal um den Hals; er hielt sich in der Entfernung, grüßte auch nicht. Der Portier ging mit ihnen.
Das Haus hatte -- zu beiden Seiten eines hellen Korridors -- je eine Reihe Zimmer, die nach vorn groß, die nach dem Hof zu kleiner; in beiden Stockwerken gleich. Der Portier war nicht nur Portier, sondern auch Verwalter und ältester Aufseher des Hauses. Als solcher stellte er die übrigen Beamten vor, wie sie ihnen gerade in den Weg liefen. Ganz nette Leute, Männer wie Frauen; unter den letzten zwei Diakonissinnen, -- die waren die allerfreundlichsten.
Das erste, was Kallem notwendig erschien, war, das Haus von den alten, verpesteten Typhusstuben zu reinigen und einen besonderen Typhuspavillon für den Winter zu errichten. Der Operationssaal war recht hell; aber ein neuer, gebohnter Fußboden mußte sogleich gelegt werden. Der Ventilationsapparat war miserabel. Mit Ausnahme dieser und noch einiger geringerer Mängel -- z. B. die kleinscheibigen Fenster -- war das Haus gut; die Zimmer hoch, die Gänge geräumig; das Ganze machte den Eindruck von Helle; es gefiel ihm sehr.
Der Krankenbestand war in Anbetracht der Jahreszeit gar nicht gering. Sein Spezialstudium, die Tuberkulose, war durch drei Patienten vertreten -- zwei Knaben und ein etwa zehnjähriges Mädchen, magere, wachsbleiche, armselige Geschöpfe. Er freute sich darauf, sie bald in seine amerikanischen Zelte legen zu können. Der frühere Besitzer des Krankenhauses, der alte Doktor Kule -- ein Onkel von Ragnis erstem Mann --, war gestorben. Kallem hatte es sehr billig erstanden, da sich im Augenblick niemand anders fand, der es übernehmen wollte. Hier konnte er sich einrichten und seine Zeit einteilen, ganz wie er wollte; er hatte freie Hand. Der Bezirk gab einen Beitrag; ein Komitee, bestehend aus dem Distriktsarzt und einem zweiten Arzt, führte die Oberaufsicht; aber er war ganz sein eigener Herr. Dieser erste Besuch machte ihnen beiden Freude. Sie kehrten in ihre Wohnung zurück, guten Muts und fürchterlich hungrig, nahmen in der Küche eine kleine Vespermahlzeit zu sich, tranken ein Glas Wein dazu, und dann noch eins auf das große Ereignis: daß sie zum erstenmal im eigenen Hause aßen.
Im Wohnzimmer stand noch alles bunt durcheinander. Trotzdem ging Ragni an den Flügel. Sie hatte sich --seit fünf oder sechs Jahren -- ganz heimlich an Übersetzungen aus der englischen Literatur, besonders der Versliteratur versucht. Ein bißchen warm vom Wein -- ein bißchen verlegen -- schlug sie ein paar Akkorde an -- bat ihn, sich nicht vor sie hin zu stellen -- schlug wieder Akkorde an und sang mit einer kleinen, weichen Stimme, die mehr rezitierte als sang:
Wir sind daheim! Unser Wesen und Sein Soll hier blühn und gedeihn Aus zartestem Keim! In Dingen, Gedanken, In Stimmen, in Blumen, Soll alles sich ranken Um uns.
Hier wird mein Sinn Durch dich offenbart. Und du, der nun sehend ward, Sieh, wer ich bin, Die sündig und selig-fröhlich, Beglückt dich und kränkt, Und stets sich versenkt Harmonisch und selig In dich!
3
Den nächsten Morgen wachten sie durch ein lautes, anhaltendes Dröhnen auf. Als sie ganz munter wurden, merkten sie, daß es die Kirchenglocken waren, die zum Kirchgang läuteten; beide hatten lang geschlafen; aber sie hatten auch bis gegen drei Uhr, also bis in den hellen Morgen hinein, gearbeitet.
Eins, zwei, drei war Kallem aus dem Bett und im Badezimmer nebenan, wo er sich mächtig abduschte. Dafür hatte der alte Doktor also doch Sinn gehabt! Und kaum war er halb angezogen, so lief er auch schon hinaus auf die Altane, zu der herrlichen Aussicht. Er rief Ragni zu, sie solle ebenfalls duschen und sich ankleiden und herauskommen; aber sie hatte schon gestern gemerkt, wie gräßlich kalt das Wasser war und lag nun mit großen, offenen Augen da und überlegte, ob sie mogeln oder es wirklich wagen solle. Sie zog es vor, zu mogeln und stand gleich darauf in einem allerliebsten Morgenkleid neben ihm. Aber wie unschuldsvoll sie ihn auch anblickte, und wie eifrig sie die wundervolle Aussicht, den köstlichen Tag rühmte -- er vergaß die Dusche nicht. Sie hatte gestern feierlichst gelobt, sie gleich vom ersten Tag an zu nehmen; eben weil sie sich so leicht erkältete, sollte sie sich's zum täglichen Brot machen, und ganz besonders hier, wo Wärme und Kälte so schroff wechselten. Also --! Sie setzte ihr kläglichstes Frätzchen auf -- sie versuchte, darüber wegzuscherzen; aber er deutete unbeirrt auf das Badezimmer. Wollte sie ihr Gelübde brechen? Wenn sie's ein erstes Mal tat, so tat sie's später noch oft. Sie küßte ihn und sagte, er sei ein Scheusal; er küßte sie, und sagte, sie sei ein süßes Ding. Aber die Dusche! Sie rannte hinein, streifte ihren Morgenrock ab, als wolle sie unter die Dusche gehen ... Aber husch! lag sie wieder unter der Decke. Als er kam, zog sie die Decke über den Kopf. Da nahm er ohne weiteres Decke samt Inhalt und trug beides nach der Tür; und jetzt bat sie so rührend um Gnade, und das klang so verängstigt, daß er alles beides wieder zurücktrug. Sie schlang die Arme um ihn und zog ihn zu sich nieder; und vor ihren warmen Gliedern zerschellte alle Logik.
Die Glocken läuteten und läuteten. Wagen rollten vorüber, alle von der Stadt her. Kaum war der eine vorbei, so kam schon ein anderer. Die Tür stand offen. Sooft die Glocken nach ihren drei bekannten Schlägen aussetzten, hörte man im Zimmer das Surren der Fliegen, und von draußen die Vögel. Jetzt vernahmen sie auch von der Bucht her das Schnauben eines kleinen Dampfers; sie hatten ihn vorhin vom jenseitigen Ufer abstoßen sehen, vermutlich mit Ausflüglern an Bord. Irgendwo mußte ein Fest sein, zu dem die Leute strömten.
Von Südwest wehte eine leichte Brise, und bei jedem Windstoß füllte sich das Zimmer mit Wohlgeruch; es strömte förmlich von Bäumen und Wiesen herein. Zwischen dem Glockenklang flüsterte es und wisperte; die Luft war trunken.
Eine Weile später standen sie wieder auf der Altane und sahen die Leute zur Kirche gehen. Aber fortwährend zogen daneben mit Menschen vollgepfropfte Wagen an der Kirche vorüber und weiter. Der Dampfer war schon ganz nahe; da pfiff es auch von der Eisenbahn her. Beide verfolgten nun mit den Augen zwei Schwalben, die offenbar mit ihrem eigenen Schatten auf dem Sand vor der Veranda spielten. Über- und nebeneinandervorbei flogen sie -- die Schatten auf dem Sand machten die Schwingungen nach; die Vögel waren bald ganz unten, dann wieder höher; wenn sie zu hoch geflogen waren und die Schatten verloren hatten, senkten sie sich wieder und suchten nach ihnen. "Nächstes Jahr", sagte sie flüsternd, "wollen wir Nistkästen anbringen!"
Sie kleideten sich völlig an, gingen hinunter und frühstückten. Sören Pedersen und seine Frau waren längst da und hatten längst gefrühstückt; sie waren schon in voller Tätigkeit.
Sie erfuhren jetzt, daß fast alle Leute in das benachbarte Kirchspiel fuhren, wo der Bezirkspfarrer Meek sein fünfzigjähriges Jubiläum feierte und zugleich seine Abschiedspredigt hielt. Seit heut früh seien schon die Fußgänger unterwegs; jetzt kämen die zu Wagen, und außerdem noch ein ganzes Schiff voll Menschen vom andern Ufer. Meek sei die ganzen fünfzig Jahre in einer und derselben Gemeinde gewesen -- "ein ganz absonderlicher Mann". Kallem und Ragni frühstückten im Verandazimmer. Aber das Frühstück wurde unterbrochen. Es klopfte, und herein trat lächelnd, bescheiden, ein älterer hagerer Mann mit einer Hornbrille; es war Doktor Kent, der zeitweilige Leiter des Krankenhauses. Er kam eben von dort. Kallem und Ragni standen beide auf. Doktor Kent hatte eine angenehme, leise Stimme und ein ruhiges Lächeln bei allem, was er sagte. Er setzte sich etwas abseits, während sie weiter aßen, und machte einige kurze Angaben über die Kranken in der "Anstalt" und über den allgemeinen Gesundheitszustand in Stadt und Umgegend. Auf Befragen erteilte er bündigen Bescheid, welchen von den Beamten Kallem seine Aufwartung machen müsse, welches die Stadtverordneten, Gemeindevorsteher und Mitglieder des Amtsgerichts waren, deren Bekanntschaft wünschenswert sei. Selbst das rein Geschäftsmäßige klang freundlich in Doktor Kents Mund. Als sein leichter Einspänner vorfuhr -- er hatte einen Krankenbesuch auf dem Lande zu machen -- bat Kallem, er möge ihn mitnehmen; sofort war auch Ragni dabei, und so bestellten sie denn einen größeren Wagen und saßen bald alle drei darin. Als sie eben abfahren wollten, fiel Ragni ein, daß der Flügel leicht übergestimmt werden mußte, und sie fragte Sören Pedersen, ob er jemand wisse, der stimmen könne, wenigstens einmal fürs erste. Freilich -- Kristen Larssen. So kam es, daß die Fahrt mit Mitteilungen über Kristen Larssen begann. Kent erzählte, er sei in einer der abgelegensten, elendesten Gemeinden aufgewachsen, und dereinst einer Lappalie wegen mit dem Gesetz in Konflikt geraten -- Kent hatte eine schwache Erinnerung, als sei es geschehen, weil er einen Tanz, den er spielte, die "Vergebung der Sünden" betitelt hatte. Kristen Larssen sei Erfinder; eine jetzt ganz allgemein verbreitete Strickmaschine und verschiedenes Handwerksgeräte stammten von ihm. Er sei ein kalter Mensch --kalt, wie Eisen im Winter, und Sören Pedersen und seine Frau seien sein einziger Umgang. Was denn das eigentlich für Leutchen seien? -- Ihre Antezedentien kenne er nicht; _sie_ stamme aus hiesiger Gegend, _er_ von Fünen. Beide tüchtig in der Arbeit; aber man habe bald gemerkt, daß sie tranken. Der Pastor hatte dem abzuhelfen versucht; er hatte sie liebgewonnen, während sie bei ihm in seinem Haus arbeiteten. Merkwürdigerweise glückte es; sie hörten nicht allein auf zu trinken, sondern Sören Pedersen wurde ein überaus eifriger Temperenzler und äußerst fromm; er konnte schließlich die ganze Bibel auswendig. Buchstäblich wahr -- ganz auswendig! Er erzählte selber oft, daß es sein größtes Vergnügen sei, wenn Aase ihm zuhöre, und in kleineren Versammlungen trug er ganze Kapitel aus der Bibel aus dem Kopfe vor, während die Leute dabei saßen und nachlasen. Der Pastor meldete ihn in einer Bibelschule an, und er selbst hatte keinen höheren Wunsch, als dahin zu kommen; aber Aase mußte auch mit! Da man ihm hierin nicht willfahren konnte, verzichtete er auf die Bibelschule und wurde an allem irre.
So traf er mit dem Tausendkünstler Larssen zusammen, der sich gerade damals hier in der Stadt niederließ. Kristen Larssen hatte von Sören Pedersens Gabe zum Auswendiglernen gehört und versuchte, hinter den Mechanismus der Sache zu kommen. Aber da war keinerlei Mechanismus; "alles ist eine Gnadengabe Gottes; denn bei Gott ist kein Ding unmöglich."
"Das steht in Matthäus", antwortete Kristen Larssen; "aber im Buch der Richter steht, daß der Herr mit Juda war, aber Juda vermochte nicht den Feind aus dem Tal zu vertreiben, weil der Feind eiserne Wagen hatte!"
Der ehrliche Sören Pedersen erschrak aufs tiefste darüber, daß der Gott der Juden die eisernen Wagen nicht besiegen konnte. -- "In einem und demselben Buch Mosis", fuhr Kristen Larssen fort, "steht ferner geschrieben: Du sollst nicht töten! -- und gleichzeitig auch, daß der Herr unablässig gebot, zu töten. Also sind da Widersprüche."
Das war für Sören Pedersen etwas ganz Neues, trotzdem er die Bibel auswendig konnte. Er wollte wissen, wie das zusammenhänge, und verlangte nun in jeder religiösen Versammlung Auskunft darüber. Schließlich hatte er mindestens hundert Widersprüche herausgefunden, nach denen er fragte; es war nicht mehr auszuhalten. Die einen lachten sich halb krank, die anderen nahmen Ärgernis daran. Zuletzt wurden er und Aase von den Zusammenkünften ausgeschlossen. "Ich weiß nicht, ob ich es Ihnen erzählen darf" -- sagte Doktor Kent -- "aber Ihr Schwager hat Sören Pedersen und Frau Aase eigenhändig hinausgeworfen -- zum Betsaal hinaus! Sie waren früher als die andern gekommen und wollten nicht gehen. Ihr Schwager ist sehr stark; aber Sören Pedersen behauptete sich, bis der Pastor auf den Gedanken kam, erst Aase vorzunehmen, und nun rissen sie sich um die Frau, als sei sie ein Stück Holz." Kallem und Ragni lachten ausgelassen. "Ich habe selber einen andern Zusammenstoß miterlebt", fuhr Doktor Kent fort. "Der Pastor hielt Prüfung ab in der Schule; ich gehöre zur Schulkommission. Sören Pedersen und Frau Aase waren auch da und allen ahnte Unheil. "Gott kann nicht lügen!" sagte unter anderem der Pastor. Da stand Sören Pedersen auf: "Es steht geschrieben: Siehe der Herr hat einen falschen Geist gegeben in aller dieser seiner Propheten Mund." Wieder wurde Sören Pedersen hinausbefördert."
Die Landschaft, durch die sie unter solchen schnurrigen Histörchen fuhren, war eine hochgelegene, frühlingshelle freie Ebene, unterbrochen von größeren oder kleineren Stücken Waldes, oder besser gesagt -- eines Waldes, der von bebauten Feldern durchzogen war. Die Gehöfte stattlich, die Felder fruchtbar, der Weg führte in Windungen abwechselnd durch Wälder und Felder, über Hügel und Bäche. Steingehege, wo man's am wenigsten vermutete, und Wege und Stege die Kreuz und die Quer. Wer von den Prärien Amerikas und dem Flachland Mitteleuropas kam, den mußte all diese Unruhe in gute Laune versetzen. Derselbe flimmernde Sonnenschein wie gestern, der gleiche kräftige Duft von Wiese und Wald -- und dazu eine Blumenpracht und ein Vogelsang! Da rief der Kuckuck!
Es war kurz vor Johannis mit seiner üppigen Flora. Ragni freute sich über den Reichtum ringsumher. Von allen Fächern war ihr Botanik das liebste, und der Gegensatz zwischen der Flora, die sie studiert hatte, und dieser hier interessierte sie lebhaft. Sie fragte, ob in vielen Gegenden Norwegens Berberitze und Akelei wild wüchsen? Doktor Kent meinte, sie müßten vor langer Zeit einmal eingeführt worden sein, vielleicht von den Mönchen aus dem Kloster drunten.
Als sie aus den Wiesen wieder in einen kleinen Streifen Wald, größtenteils Tannenwald, kamen, sah sie zum drittenmal Linnäa; da hielt es sie nicht länger im Wagen; alle drei stiegen aus.
Die Linnäa hatte eben angefangen ihre glockenförmigen lichtroten Blüten zu öffnen. Ragni und sie begannen sogleich miteinander zu wispern und zu tuscheln: ach, wenn sie nur einmal miteinander allein sein könnten! Sechs Jahre lang hatten sie sich nicht mehr gesehen -- nein, sie war ja im Frühling abgereist -- also sechseinhalb Jahre! Sie hob einige zu sich empor; und da entdeckte sie auch die =Pyrola uniflora=[2] -- einsam, mit wehmütig gesenktem Köpfchen. Kallem hatte gerade auch eine gefunden; sie fragte, wie sie auf norwegisch heiße. Er fragte Kent, ob man sie nicht den "Leuchter des heiligen Olaf" nenne. Er fragte wie ein Apotheker und erhielt Antwort wie aus einem Herbarium. Ragni verlor sich immer weiter von den beiden weg. Der Duft, der ihr aus dem Blütenkelch entgegenströmte, mahnte sie, weiter vorzudringen; die Blume war ja gesandt, um sie immer tiefer hineinzulocken. Tiefer hinein und ein bißchen weiter zurück -- fort von den andern. Sie hörte sie plaudern; im Wald klingt jeder Laut so deutlich; sie hörte ein paar aufgescheuchte Vögel. Doch jetzt, nur ein Stückchen weiter weg, hörte sie bloß noch das Knistern ihrer eigenen Schritte auf dem Waldboden. Eine einzige kleine Sauerkleeblüte fand sie noch, einen kleinen Nachzügler. Verstimmt lugte sie aus ihren vielen kleeartigen Blättchen hervor; -- ob sie wußte, daß sie ihre Genossen verloren hatte?
"Weiter, weiter!" sagten sie alle; ja, dort hinein lockten sie alle, die Linnäen und die heiligen Leuchter und der Sauerklee; bloß deswegen war der eine, letzte noch zurückgeblieben. Und jetzt war Ragni bei den Siebensternen[3], die große Familienzusammenkunft abhielten. Alle warteten darauf, sie zu sehen; kein Fuß noch war hier geschritten in diesem Jahr. Ragni kniete zwischen ihnen nieder und erzählte, daß sie von weit, weit hergekommen sei -- erzählte ohne Worte; die waren unter ihnen nicht nötig: Tür um Tür hatte sie aufgeschlossen, um in Norwegen einzudringen; kaum hatte sie die eine geöffnet, so lag dahinter eine andere ... bis Ragni jetzt endlich zu ihnen kam. Gleich, als sie die Linnäa sah, wußte sie -- jetzt stand sie vor der letzten Tür. Und hier war das Innerste. All das Große, Gefahrvolle draußen -- vom Meer an -- all das Mächtige und Böse, das Bunte und Geschäftige, all die Herrlichkeit und all die Schrecken,.. sie wiesen nur tiefer hier herein; hier herein müssen wir, um zu verstehen, weshalb nicht alles in tausend Stücke bricht. Ihr hier drinnen, ihr sitzt am Steuer.
"Auch wir haben auf Dich gewartet. Hier ist das innerste Geheimnis." -- "Ach! Sagt es mir!" -- "Gut sein!" -- "Ach ja, ich glaube, das ist auch das einzige, wozu ich wirklich Anlage habe. Wenn nun aber die andern nicht -- --?" -- "Laß die andern sein, wie sie wollen. Du aber sei gut!"
Und sie verstand jetzt, denn sie war ja ins Innerste gedrungen. Sie verstand jetzt, was das Stärkste war. Die Sternblumen.
"Ragni!" rief Kallem aus weiter Ferne; der Wald hallte wieder von seiner klaren Stimme. "Ja!" -- Ein paar von der Familie wollten gern mit; sie hob sie zu sich empor. Dann eilte sie wieder dem Wege zu. Am Waldrand stand eine =Actaea=[4] -- die stand dort, damit sie ihr den Weg ins Innere hätte weisen können, falls sie hier ausgestiegen wäre. Jetzt wollte sie mit. Und dicht am Weg stand ein Busch und darunter, wohlverborgen, eine ganze Gesellschaft Maiglöckchen; wo hatte sie nur ihre Augen gehabt? Sie wußten, woher sie kam; auch sie waren als Wachen ausgestellt, um ihr den Weg ins Innere zu zeigen. Sobald sie einander sahen, verstanden sie sich. Das ist so bei allen, die "von einem Stamme sind". Einige wollten mit.
"Ragni!" rief Kallem. "Ja, ja!" Und sie trat auf den Fahrweg hinaus. Jetzt sah sie, wie weit zurück sie war. Die beiden Männer standen am Wagen und unterhielten sich; sie waren ganz oben auf der Höhe. Die schlanke Gestalt Kallems und die kleine, schmächtige Figur des Doktors hoben sich scharf ab. Beide hatten alle Hände voll. Sie kam eilig heran und hörte schon von weitem Kallem Vortrag halten über einen jungen Sturmhut, den er in der Hand hielt und hin und herschwenkte; er gab, auf Deutsch, die begeisterten Worte eines deutschen Botanikers über diese prachtvolle Giftpflanze wieder, die er in Norwegen gefunden hatte. Doktor Kent überreichte ihr liebenswürdig eine =Pelygala amara=[5]; er wußte, daß ihr, die von Amerika kam, diese blaue Blume neu war. Sie bedankte sich herzlich. Sie stiegen in den Wagen und fingen gleich an, ihre Ausbeute zu ordnen. Die Herren baten Ragni, sich auszusuchen, was ihr gefiel. Sie kamen von einem kleinen Moor; Kent hatte die Blüte einer Moortanne im Knopfloch stecken; sie hatten überhaupt alles mitgenommen, sogar ein Schmerkraut. -- "Das Raubtier!" sagte Ragni. Das wollte sie nicht haben; es sei auch so "schmierig"! -- "Du bist doch in allem Ästhetiker!" bemerkte Kallem. Sie warf ihm einen gewürzten Blick zu, etwa wie der Duft ihrer Linnäen. "Ist Ihnen aufgefallen, daß wir ganz allein unterwegs sind?" fragte Doktor Kent. Er erzählte, alle Leute seien in der Kirche: der alte Meek halte heute, an seinem fünfzigjährigen Jubiläum, seine Abschiedspredigt. Mit zwanzig Jahren war er bei seinem Vater Vikar gewesen -- wie das damals so Sitte war -- und hatte nach ihm das Amt geerbt. Jetzt war er siebzig, und wollte mit seiner Enkelin eine Reise ins Ausland unternehmen! -- "Also ein rüstiger Herr?" -- "Ja, und lebt gesund. Immer unterwegs, und immer zu Fuß. Er war unser Zwischenhändler." -- "Zwischenhändler?" -- "Nun ja, jeder Bezirk hier hat so eine Art Vermittler zwischen Wissenschaft und Praxis. Ihm hat die Gemeinde viel von ihrem Wohlstande zu verdanken, und durch die eine Gemeinde auch die andern." -- "Er ist also beliebt?" -- "Er ist der beliebteste Mann weit und breit in der ganzen Umgegend." -- "Wie ist er denn auf der Kanzel?" -- "Na ja, er hat fünfzig Jahre lang von seiner Kanzel herunter Geschichtchen erzählt. Seinerzeit wurde viel darüber gespottet; manche fanden es auch profan; aber jetzt machen es ihm verschiedene nach." -- "Was für Geschichten denn?" -- Also -- die letzte, die Kent gehört hatte, handelte von einer Frau in St. Louis in Amerika, die dreißig Jahre lang im Gefängnis gesessen hatte und trotz ihrer siebzig Jahre noch immer die unbotmäßigste Gefangene war. Da sollten die Gefangenen in ein anderes Haus überführt werden, dessen Vorsteherin Quäkerin war. Die Alte wollte sich nicht wegschaffen lassen; sie setzte sich aus Leibeskräften zur Wehr, so daß man sie binden und auf einem Stuhl forttragen mußte. Als sie mit ihr ankamen, stand die Leiterin des Gefängnisses in der Tür und nahm das rasende Weib in Empfang. "Bindet sie los!" sagte sie. -- "Aber wird das auch gehen?" -- "Bindet sie los!" Man tat es. Sobald die Alte frei war, beugte ihre neue Oberin sich über sie, umarmte sie und gab ihr einen Willkommenkuß, wie eine Schwester der Schwester. Da fiel die alte Frau auf die Knie und sagte: "Kannst Du wirklich glauben, daß an mir noch was Gutes ist?" Und von Stund an gehorchte sie ihr.
Jetzt stiegen Kallem und Kent aus; sie bogen in einen Bauernhof ein, der ein Stück oberhalb des Weges lag. Vor der Altane sprang ein großer schwarzer Hund auf; er sah den Wagen und bellte ihn an, aber bloß ein paarmal; dann lief er den beiden einige Schritte entgegen, beschnupperte sie, lief zurück und legte sich wieder.