Auf Gottes Wegen

Chapter 10

Chapter 103,766 wordsPublic domain

Er kleidete sich an und eilte auf die Straße. Wohin? Richtig! Zu Ole Tuft, diesem verdammten Duckmäuser, der sich in seine Angelegenheiten mischen wollte! Spion und Angeber also? Was zum Teufel wollte er denn eigentlich? Was beabsichtigte er? Waren das vielleicht auch "Gottes Wege"? Durch Schlüssellöcher gucken und an den Türen horchen? Dieser Kerl, der ihm "auf Gottes Wegen" seine prächtige Schwester genommen hatte -- wollte der ihm nun auch seine Liebe nehmen? Weshalb kam er nicht zu ihm selber? Weshalb es der Tante sagen?

Er hatte die größte Lust, ihn aufzusuchen und ihn tüchtig durchzubläuen, ihn halbtot zu schlagen! Verdient hätte ers, weiß Gott! Er schlug wirklich die Richtung nach Ole Tufts Wohnung ein; aber da stiegen die großen Augen seiner Schwester vor ihm auf und sahen ihn fest an. Er konnte sich wenden und drehen, wie er wollte -- sie waren da, die tiefen Augen. Und dann fühlte er ihre Wange an der seinen, wie an jenem letzten Abend. Das Ende vom Liede war, daß er vorbeiging. Aber damit war er in die Nähe seiner früheren Wohnung gelangt, und da fiel ihm Rendalen ein. Zu dem wollte er! Kein Tüttelchen wollte er ihm verheimlichen; es war ja allein schon ein Glück, sich aussprechen zu können. Als er sich Rendalens Haustür näherte, sah er jemand herauskommen. War das nicht -- --? Ole Tuft! Ole Tuft in eigener Person! Der Schurke! ... In Kallem kochte es; aber Tuft ging nach einer andern Richtung und sah den Schwager nicht.

Kallem kannte Tuft, so wie er jetzt war, nicht. Hätte er ihn gekannt, so hätte er begriffen, daß es ihm nur galt, zwei Seelen vom Untergang zu retten. Um dieser beiden teuren Seelen willen lebte er in einem schlaflosen Fieberzustand; ihretwillen rief er andere zu Hilfe. Eher konnte er sich weder Rast noch Ruhe gönnen. Selbst zu Kallem zu gehen -- das hatte seine Gefahren, wäre auch sicherlich zwecklos gewesen. Hier mußten andere einschreiten. Hätte Kallem das geahnt, er wäre -- anstatt zu Rendalen zu gehen -- Tuft nachgelaufen und hätte ihn durchgeprügelt, bis er kein Glied mehr hätte rühren können.

Glücklicherweise ahnte er jedoch nichts und klingelte bei Rendalen, ganz erfüllt von dem, was er mitzuteilen hatte. Rendalen öffnete selbst, und zwar sofort; er stand zum Ausgehen gerüstet da, hatte den Hut auf und den Überzieher überm Arm und war aufs sorgfältigste gekleidet und geschniegelt. Kaum erblickte er Kallem, so warf er den Kopf zurück wie ein Pferd, das einen Feind vor sich sieht. "Du!" rief er. Kallem trat, aufs äußerste erstaunt, rasch ein. Rendalen machte die Tür zu, schloß sogar ab, und schleuderte Hut und Überzieher hin. "Zu Dir wollte ich eben!" zischte er. Er war ganz weiß zwischen seinen Sommersprossen, die schmalen Lippen waren zusammengepreßt, die grauen Augen sprühten. Und nun ballte er seine breiten, kurzen Hände, diese Hände eines Hünen, bis sie ganz weiß wurden. Sein aufrechtstehendes rotes Haar schien mit den Augen um die Wette Funken zu sprühen; die ungeheure persönliche Macht, die dem Mann eignete, beunruhigte und erschreckte Kallem. "Was zum Henker ist denn los?" Der andere antwortete in höchster Wut, aber doch gedämpft: "Tuft ist hier gewesen und hat mir alles erzählt. Aha! Jetzt wirst Du bleich!" Er kam noch dichter heran: "Sie war das Unschuldigste unter der Sonne -- Du Schurke!" Seine Stimme zitterte.

"Na, hör mal!" sagte Kallem. Ihm wurde eiskalt. Der andere aber war ganz von Sinnen und unterbrach ihn: "Du meinst wohl, das ginge mich nichts an? Alle Menschen geht so etwas an! Und weißt Du, warum ich ausgezogen bin? Glaubst Du, ich hätte weniger Macht über ein Menschenkind als Du? Du feiger, verfluchter Schurke!" Gleich wilden Schreien entrangen sich die dickunterstrichenen Worte seinem wilden Sinn, obwohl sie noch leiser gesprochen waren als die vorhergehenden. Eine derartige Wut und ein derartiger Hohn wirken ansteckend.

"Na, na, nur nicht eifersüchtig werden, mein Junge!" rief Kallem. Wenn man eine Bütte mit Blut über ihn ausgegossen hätte, Rendalen hätte nicht röter werden können. Gleich darauf wurde er wieder weiß. Vergebens versuchte er zu sprechen, und da es ihm nicht gelang, so ging er geradenwegs auf Kallem zu, die Augen in seine gebohrt, daß sie tatsächlich brannten. "Ich hätte die größte Lust, Dich ... Dich zu schlagen!" brachte er nur heraus. "Bitte!" sagte Kallem und nahm Stellung. Kaum hatte er es voller Hohn herausgestoßen, als auch schon Rendalens rechte Hand niedersauste. Kallem bückte sich und stand unverletzt, mit spöttischer Miene da. Rendalen nahm einen zweiten Anlauf, Kallem wich abermals behende aus. "Bist Du denn ganz verrückt?" rief er, so laut er konnte.

Als wenn einer ihn von hinten gepackt hätte und festhielte, stand Rendalen plötzlich da, und nach und nach kam es über ihn wie eine Art Ohnmacht. Bleich, steif starrte er vor sich hin, bis er mit dem Aufgebot seiner ganzen Willenskraft vermochte, sich umzuwenden, langsam nach dem Fenster zu gehen und still, mit leerem Blick hinauszusehen. Sein Atem ging so heftig, daß Kallem glaubte, der Schlag müsse Rendalen treffen. Kallem selbst stand, ohne sich zu rühren, da; denn immerhin war er selber doch auch so wütend, daß er es nicht über sich brachte, zu ihm hinzugehen. Rendalen war ihm ein Rätsel -- eben noch der wildeste Ausbruch von Leidenschaft, und jetzt wie gelähmt! Nichts als sein heftiges Atmen war zu hören. Und dabei dieses unglückliche Gesicht -- so über alle Beschreibung unglücklich! Was in aller Welt bedeutete denn das? Er blickte auf den Freund, bis die alte Wärme für ihn wieder erwachte, und ohne weiteren Übergang trat auch er ans Fenster und stellte sich neben ihn. "Du brauchst es Dir nicht so zu Herzen zu nehmen", sagte er. "So schlimm, wie Du vielleicht glaubst, ist es nicht." Der andere antwortete nicht; vielleicht hörte er es nicht; er sah noch immer zum Fenster hinaus. Oder glaubte er ihm nicht -- meinte, es sei Spott? Da lächelte Kallem ihn an -- und dies Lächeln war nicht zu verkennen; es war gut und aufrichtig. In Rendalens Gesicht kam wieder Bewegung und Farbe; er wandte den Kopf. Voll froher Eile sagte Kallem: "Nicht ein Haar habe ich ihr gekrümmt, weiß Gott, alter Junge!" Rendalen begriff den Sinn der Worte nicht gleich; er vermochte nicht, das Ganze so plötzlich am andern Ende zu fassen. Aber als Kallem seinen Kopf noch dichter zu ihm hinüberbeugte und sagte: "Ich gebe Dir mein Ehrenwort -- ich habe ihr nichts getan!" da jubelte es in Rendalen auf, und er schlang die Arme um des Freundes Hals.

Sie waren beide zu tief ergriffen, als daß das gegenseitige Vertrauen hinterher nicht unbedingt gewesen wäre. Rendalen erfuhr alles, genau, wie es zugegangen, wie in den beiden Menschen die Liebe erwacht war. Es machte einen tiefen Eindruck auf ihn, was er auch gar nicht verbergen wollte oder konnte. Kallem fragte nun offen, ob auch er sie liebe? Da aber wurde Rendalen wieder blaß und zornig, und Kallem war unglücklich über seine Unbedachtsamkeit; aber sie war nicht wieder gutzumachen. Das Gespräch stockte; Rendalens Augen wichen den seinen aus. Endlich, als er die Form gefunden hatte für das, was er antworten wollte, sagte er: "Ich habe kein Recht, zu lieben. Darum bin ich ausgezogen."

Es ging Kallem durch Mark und Bein. Rendalen hatte die Arme auf den Tisch gestützt, zwischen den Händen hielt er ein Buch, das er unaufhörlich hin- und herdrehte und von außen und innen besah. "In unserer Familie ist der Wahnsinn erblich ... durch lange Generationen. Mein Vater war geisteskrank. In mir -- ja, Du kennst ja das Unbändige in mir ... ist es hart an der Grenze. Geradeso war mein Vater. Darum, als Du das sagtest ... Du weißt schon ... vom Verrücktsein ... das traf! Es sind die Worte meiner Mutter. Ich darf mir nicht nachgeben. Also auch nicht in der Liebe. Trotzdem hab' ich's nicht immer können. Nein --beichten kann ich nicht. Die Musik ist mein Betäubungsmittel. Aber hier hat auch sie mich im Stich gelassen. Wie auch schon früher." -- Er legte das Buch weg, nahm ein anderes, legte es auf das erste und wirbelte beide auf dem Tisch herum. Da hörte er Kallem halb lachend sagen: "Und da hast Du mich zum Stellvertreter gewählt?" -- "Was Teufel sollt' ich denn sonst machen? Ich hab' Dich für einen anständigen Kerl gehalten."

* * * * *

Am Nachmittag verfaßte Kallem im Schweiß seines Angesichtes einen Brief an den Apotheker, der ihm helfen sollte. Je mehr er schrieb, desto unmöglicher schien es ihm, dem alten Hagestolz und grilligen Naturforscher verständlich zu machen, was Liebe ist, und was für tiefe Not das Wesen litt, für das er um Hilfe bat. Er zerriß den Brief. Rasch entschlossen schrieb er seinem Vater. Dieser brauchte ja jetzt Ole Tuft nicht mehr zu unterstützen; ob er vielleicht einem andern helfen würde? Sein Vater war ein Sonderling, aber ein warmherziger Mensch, der alle Ungerechtigkeit haßte. Und etwas Ungerechteres als Ragnis selbstgewähltes Geschick kannte Kallem nicht; er war fast überzeugt, daß sein Vater dasselbe fühlen mußte. So erzählte er ihm denn von ihrer Liebe -- ganz ohne Vorbehalt; er gelobte, wenn der Vater ihr helfen würde, so wolle er diesen Bund heilig halten. Von jetzt ab wolle er seine Studien ernsthafter betreiben als je; er wolle versuchen, das Höchste zu erreichen, was zu erreichen sei. Und wenn es auch seiner und ihrer Ausbildung wegen lange dauern würde, bis sie sich heiraten könnten -- er wolle ebenso treulich auf sie warten, wie sie auf ihn; das sei sein feierliches Gelöbnis. Er hoffe, der Vater habe keinen Grund, zu glauben, daß er es brechen würde, sondern werde ihn vielmehr beim Wort nehmen und ihr helfen.

Und er hatte sich nicht getäuscht. Drei Tage darauf hatte er die telegraphische Antwort, daß alles nach seinem Wunsche geordnet sei, und daß das Nötige mit der ersten Post eintreffe. Mit diesem Siegestelegramm bewaffnet, begann er nun seinen und Rendalens gemeinschaftlichen Plan -- sie zu seinem Vetter in Madison hinüberzuschaffen -- ins Werk zu setzen. Er schrieb sogleich an den Vetter und bat um Kabelantwort: "Ja" oder "Nein".

Das Mädchen, das sich als Ragni völlig ergeben erwies, vermittelte ihre erste Zusammenkunft. Sie fand auf der Straße statt und außerhalb der Stadt, und war nur kurz; das Mädchen begleitete sie. Er teilte ihr sofort mit, um was es sich handle, wie alles geordnet werden könne, und wer dabei beteiligt sei. Sie erschrak so, daß er es für unmöglich hielt, weiter zu gehen. Unter keinen Umständen wollte sie die Kinder verlassen. Er war ganz verzweifelt nach dieser Begegnung und ging zu Rendalen, um ihm sein Herz auszuschütten. Dieser schlug sogleich vor, die Kinder zu seiner Mutter zu schicken; er würde ihr darüber schreiben. Als Kallem dies bei der nächsten Begegnung Ragni mitteilte, schien sie immerhin zu überlegen; sie gab demütig zu, so gut könne sie selber sie nicht erziehen. Aber immer, wenn sie an einem Tag so halbwegs auf etwas eingegangen war, nahm sie es am andern wieder zurück; jedesmal, wenn sie wieder mit den Kindern zusammengewesen war, erschien es ihr als Unmöglichkeit. Und da sie jedesmal dermaßen aufgeregt wurde, daß alle Vorübergehenden sie anstarrten, konnten sie sich nicht länger auf der Straße treffen. Nun kam kein anderer Ort in Frage als Rendalens oder seine Wohnung; aber Ragni war wieder so scheu geworden, daß er an ihrer Einwilligung zweifelte. Er bereitete sie in Briefen darauf vor und bat Marie, sie ebenfalls zu überreden und selbst mitzukommen. Hierauf waren sie ein paarmal ganz kurze Zeit auf seinem Zimmer, ein einziges Mal auch bei Rendalen zusammen; aber immer war es ein unbestimmtes Hin und Her. Nie wußte sie, was sie tun solle, und immer war sie voll Verzweiflung. Sie fürchtete sich auch vor der Reise selber. So ganz allein nach Amerika! Und von New-York allein nach Madison -- das war noch das Allerschlimmste! Unmöglich, ganz unmöglich! Marie erbot sich, mitzugehen, und Kallem versprach, auch ihre Überfahrt zu bezahlen. Aber beide die Kinder verlassen -- das konnten sie unter gar keinen Umständen; der bloße Gedanke schon war ein Unrecht! Marie mußte also bleiben, bis die Kinder gut versorgt waren.

Wenn sie selber wirklich reiste, so mußte sie an Bord gebracht werden, ohne daß jemand davon erfuhr. Also mußte das Nötigste für die Reise gekauft werden; das mußte selbstverständlich umsichtig vorbereitet werden. Hier erwartete er abermals Widerstand; aber so kindlich war sie noch, daß sie sich, noch ehe etwas Bestimmtes über die Reise selbst ausgemacht war, verführen ließ, die Reisegarderobe einzukaufen; das machte ihr Spaß. Wenn er nur einmal länger mit ihr hätte sprechen können, oder wenigstens eine Weile täglich; aber sie war vorsichtig bis aufs äußerste. So schrieb er denn ellenlange Briefe; zu antworten wagte sie nicht, da sie sich von der Tante und von der Köchin überwacht glaubte. Aber weil die Briefe mit aller Macht der Liebe zu ihr sprachen, und da sie auch alle List der Liebe anwandten, indem sie auf ihre Phantasie einzuwirken suchten, so richteten sie mehr aus als die Zusammenkünfte. Daß die Briefe an ihr Ziel gelangten, verdankten sie der schlauen Marie, die sowohl der Tante als der Nordlandköchin über war. Kallem lebte, solange diese Unterhandlungen andauerten und seine ganzen Kräfte in Spannung erhielten, für nichts anderes. Beharrlichkeit erhöht den Mut; und als endlich das Kabeltelegramm die Antwort "Ja" brachte, wagte er es, einen kühnen Plan zu entwerfen. Dieser bestand darin, bis zur nächsten Abfahrt des großen englischen Dampfers alles fertig zu machen, Ragni selbst kein Wort zu sagen, sondern sich nur zu vergewissern, daß sie an dem Tage einen Vorwand hatte, frühzeitig auszugehen und lange fortzubleiben, und endlich es so einzurichten, daß auch Marie frei war. Auf zwei Stunden vor der Abfahrt des Dampfers war Ragni in seine Wohnung bestellt; Gepäck und Billet waren längst dort.

Am bestimmten Tage und zur bestimmten Stunde kamen Marie und sie. Ragnis Gepäck war schon früh am Morgen an Bord gebracht worden, auch der Wagen, der sie abholen sollte, bestellt und bezahlt. Nichts im Zimmer erinnerte an eine Abreise; aber die Art, wie er sie empfing, erweckte in ihr die Furcht, daß etwas im Werke sei. Sonst war er immer sehr zurückhaltend gewesen, schon weil Marie dabei war; heute umarmte er Ragni mit all der Innigkeit, die er für sie empfand, und schien sie kaum lassen zu können. Sein Schmerz nahm keine Rücksicht und kannte keine Umwege mehr; er nahm ihre beiden Hände in seine, und Auge in Auge erzählte er ihr hastig, alles sei an Bord gebracht; in zwei Stunden gehe der Dampfer; und hier sei das Billet.

Sie begriff sofort: jetzt mußte sie wählen zwischen ihm und allem übrigen -- ohne Bedenkzeit. Und das brachte ihm den Sieg. Erst stand sie in stummer Hilflosigkeit da; dann schmiegte sie sich still an ihn und verharrte so. Er küßte sie -- wie zum Willkommen --sie hielten sich eng umschlungen und weinten. Das Mädchen sah draußen vor den Fenstern jemand vorbeikommen und ließ die Gardinen herunter; es wurde halbdunkel, und in diesem Halbdunkel hörten sie auch Marie im Nebenzimmer weinen. Ihre Umarmung ging endlich in ein Flüstern über, erst abgerissen, dann von gedämpftem Schluchzen begleitet, das verstummte und wiederkehrte wie Sordinespiel. Und das Flüstern sprach von dem Tag, an dem er ihr nachreisen würde, um sich nie wieder von ihr zu trennen; welch ein treuer Freund er ihr sein würde, und wie die Zukunft, die ihnen winke, wohl all dieser Opfer wert sei; wie ihre Briefe Tagebücher sein sollten -- seine und ihre. Kurze, hastige Worte von grenzenloser Liebe -- und all die Worte waren seine; von ihr nur das sordinierte Schluchzen.

Trotzdem die Stunde, die sie jetzt zusammen verlebten, die Abschiedsstunde war, so war es doch die erste Stunde ungestörter Hingabe, die sie verbrachten. Das Neue, das hierin lag, leuchtete so in den Schmerz hinein, daß er wie zu einem Sonnennebel um sie her ward. Ihr leises Schluchzen ging bald in Flüstern über; bei den ersten Worten, die sie sprach, wollte er sie ansehen; aber sie ließ es nicht zu. Wenn er ganz still sitzen und sie nicht ansehen wolle, so würde sie ihm etwas sagen. Er sei der weiße Pascha! Sie wollte nicht recht mit der Sprache heraus, was sie damit meine; das würde zu lang werden. Von Kind auf habe sie auf den weißen Pascha gewartet, d. h. seit ihres Vaters Tode; damals sei sie zwölf Jahr alt gewesen. Es sei ihr immer traurig ergangen, am traurigsten, als sie von Berlin heimgekommen sei und nicht den Mut gehabt habe, öffentlich zu spielen. Aber davon wolle sie auch nicht weiter erzählen; es würde zu lange dauern. Die ganze Zeit habe sie von dem weißen Pascha geträumt -- wenn er doch nur kommen wolle! Daß er kommen würde, das wußte sie ganz sicher. Sogar als sie zu den "Walfischen" hinunterstieg, wußte sie, er würde ihr nachkommen; er fand schon den Weg. Einmal hatte sie geglaubt, Rendalen sei der weiße Pascha; aber da er's nicht war, mußte er ausziehen, damit der richtige kommen konnte. -- Am ersten Abend hatten sie sich mitten in dem leisen Schneefall getroffen. Weshalb mußten sie sich gerade da treffen? Da hatte sie ihn angesehen und gedacht: ob er wohl der weiße Pascha sei? Das nächste Mal, als sie sich trafen, hatte er die kleine Juanita getragen; da war sie schon beinah sicher, daß dies keinem andern habe einfallen können. Aber dann war alles so überstürzt gekommen, und so ganz anders, als sie sich's gedacht hatte. -- Er fragte, ebenfalls flüsternd, ob sie ihm nicht erzählen wolle, was sie damals, vor einem Jahr, veranlaßt habe, zu den "Walfischen" hinunterzusteigen. Ein Schauder durchflog sie bei seiner Frage. -- Und trotzdem -- obgleich sie verheiratet gewesen sei, habe sie noch immer auf den weißen Pascha warten können? -- Mehr als je. --Ob sie denn nicht gewußt habe, was Ehe ist? -- Sie schmiegte sich enger an ihn und schwieg.

Obgleich er nun bei dem angelangt war, was er am liebsten hätte wissen mögen, brach er dennoch ab.

Er erzählte ihr, es sei verabredet, daß Rendalen sie an Bord erwarte; dieser wolle gleichzeitig auf ein paar Tage nach Hause reisen und werde für sie sorgen. Sie standen beide auf.

Ob Kallem sie denn nicht aufs Schiff begleite? Er umfaßte sie, barg seinen Kopf an ihrer Brust und sagte, es sei besser, nicht. Das war das Schwerste. Einen Augenblick lang war sie ganz außer sich; sie setzten sich aufs neue und nun kam ein langes, aufreibendes Abschiednehmen. Marie stand wie auf Kohlen. Bis an den Wagen wollte er sie wenigstens begleiten. Aber Marie untersagte es ganz bestimmt; niemand dürfe sie zusammen sehen.

Er hörte den Wagen davonfahren, ohne ihn zu sehen, und in all den folgenden Jahren erschien ihm dieser Augenblick als das Grausamste, was er je durchgemacht hatte.

Er ging nicht hinunter, um das Schiff noch von fern zu sehen; erst nachmittags ging er zu der Stelle, wo es gelegen hatte.

Von dort machte er einen weiten Spaziergang, und zwar so, daß die Tante ihn sehen mußte. Damit verfolgte er eine bestimmte Absicht.

Das lenkte eine Zeitlang den Verdacht von ihm ab. Man konnte sich nicht denken, daß der Mann zurückblieb, der Ragnis Flucht ins Werk gesetzt hatte, um dessentwillen es geschah.

Jeder, der sich der Begebenheit erinnert, wird sich entsinnen, wie streng Ragni verurteilt wurde. Fremd, ohne Verkehr, scheu, hatte sie nur die Erinnerung an ein erotisch-gesangvolles Klavierspiel zurückgelassen; und das konnte sie hier nicht verteidigen. Vor einem Jahr hatte sie es übernommen, für die Kinder ihrer verstorbenen Schwester zu leben; und jetzt lief sie davon. Der blinde Mann, den sie geheiratet hatte, war ihre eigene Wahl gewesen; sie hatte keinerlei Beschwerden durch ihn gehabt.

Wenn sie es jetzt bereute -- warum hatte sie es nicht gesagt? Weshalb sich so hinterlistig benehmen?

Für Kallem war es nicht leicht, das mitanzuhören; hatte er ihren Ruf zugrunde gerichtet? Schon jetzt nahmen alle als sicher an, daß sie ein Verhältnis mit einem andern gehabt habe; und die Stunde war nicht fern, da alle wissen würden, daß er der Schuldige war.

Eines Tages traf er die Kinder mit Marie vor der Universität, und beide steuerten sofort auf ihn zu. Was hätte er nicht darum gegeben, wenn Ragni lächelnd hinter ihnen hergekommen wäre! Natürlich nahm er die Kinder mit in die Konditorei und hörte, wie sie erzählten, daß "Mama" auf einem großen Schiff fortgereist sei; "Mama" komme aber zu Weihnachten wieder und bringe ihnen neue Kleider und neue Puppen mit.

Auf dem Tisch lag eine illustrierte Zeitschrift; Juanita kam auf den Einfall, alle Damen auf den Bildern seien "Mama"; wenn die ältere Schwester das bestritt, rückte sie bloß ihren kleinen Finger auf eine andere: "Das ist Mama."

Kallem hatte am selben Tage einer verunglückten Operation beigewohnt; infolge eines bösen Mißgeschicks hatte der Patient sich verblutet. Bei seiner gegenwärtigen Nervosität hatte das großen Eindruck auf ihn gemacht. Und als er die Kinder verlassen hatte und zum Mittagessen ging, kam es ihm vor, als sei er selber der unglückliche Operateur. Er hatte Ragni retten wollen, und hatte es nur schlimmer gemacht; jetzt verblutete ihr guter Name. Und das Gesellschaftsleben ist ein Gewebe von Muskeln, Sehnen und Adern ...

Einige Tage später saß er auf der Universitätsbibliothek und studierte in einem Kartenwerk, als plötzlich lächelnd und frisch Ole Tuft vor ihm stand. Er wisse nicht, wo Kallem jetzt wohne, und habe ihn darum hier aufgesucht. Kallem stand auf und setzte sich zu ihm.

Der Schwager hatte jetzt nichts mehr von Kallems Wildheit zu fürchten; Kallem hatte kein Verlangen mehr, ihn "halbtot" zu schlagen, nicht einmal mehr, ihn vorwurfsvoll anzusehen; er war sehr zufrieden, wenn Ole ihn nicht vorwurfsvoll ansah. Ole wußte wahrscheinlich, was bald alle, die der Sache näherstanden, erfahren mußten -- daß Edvard Kallem der Sünder war, wußten es von Josefine, die es vom Vater gehört hatte. Oder irrte er sich? Versteckte sich hinter Oles Freundlichkeit nicht Zweifel, Verdacht an seiner vollen Ehrenhaftigkeit -- die Prophezeiung, daß ein solcher Anfang nie zum Siege führen würde? War diese Herzlichkeit echte, ungemischte "Brüderlichkeit", verdünnt mit dem Gehorsam eines jungen Theologen gegen das Gebot: "Liebet alle Menschen"?

Ole war gekommen, um ihm mitzuteilen, daß er fertig sei und nach Hause zurückkehre; das Glück strahlte ihm aus den Augen. Er fragte, ob er Grüße bestellen solle, und erzählte, er habe Hoffnung, bald zu Amt und Würden zu gelangen. Er ließ durchblicken, was dann geschehen würde; der Weg lag gebahnt vor ihm, und seine Ziele waren zweifellos keine geringen. Der stattliche Bursch erregte Aufmerksamkeit bei allen, die in der Bibliothek aus- und eingingen.

Edvard blieb mit unbedecktem Kopf oben auf der Bibliothekstreppe stehen, während Ole Tuft in seiner etwas schwerfälligen Art über den Platz schritt. Wahrlich --da ging einer, der sicher war in sich selbst; _sein_ Anfang war ganz, so wie seine Natur ganz war.

Mannesalter

1

"-- -- Die Rechtfertigung hat ihren Ursprung in der göttlichen Gnade. Sie kann ihn nicht im Sünder, in seiner sittlichen Arbeit an sich selbst haben; denn dieser ist ein Ungerechter. Als solcher verdient er sie auch nicht, ebensowenig wie er Rechtsanspruch darauf erheben kann. Nur Gottes erhabener Wille kann ihn rechtfertigen."