Auf dem Mississippi; Nach dem fernen Westen

Part 9

Chapter 93,512 wordsPublic domain

Man stelle sich die Wohlthaten eines so bewunderungswürdigen Systems vor, auf einer zwölf- bis dreizehnhundert Meilen langen Strecke eines Flusses, dessen Fahrwasser sich täglich verändert! Der Lotse, welcher sich früher damit begnügen mußte, eine flache Stelle ein- oder möglicherweise auch zweimal monatlich zu sehen, verfügte jetzt über hundert scharfe Augen, die für ihn beobachteten, und ihn belehrten, wie die Stelle zu passieren war. Seine Information war selten vierundzwanzig Stunden alt. Wenn die Berichte im letzten Kästchen noch ein Bedenken bezüglich einer heimtückischen Kreuzung übrig ließen, so hatte er dagegen ein Mittel: er gab, sobald er ein Dampfboot nahen sah, ein gewisses Zeichen mit der Dampfpfeife; dieses Zeichen wurde in besonderer Weise beantwortet, wenn die Lotsen auf jenem Boot dem Verein angehörten; und dann legten die beiden Dampfer Bord an Bord, und alle Ungewißheiten wurden durch frische Information, die der Frager mündlich und ganz eingehend erhielt, vollständig behoben.

Wenn ein Lotse New Orleans oder St. Louis erreichte, war es sein erstes, seinen endgültigen und ausführlichen Bericht nach dem Vereinslokal zu bringen und dort aufzuhängen -- dann erst war er frei und konnte seine Familie aufsuchen. In dem Vereinslokal war stets eine Menge Lotsen versammelt, welche die Veränderungen im Fahrwasser diskutierten; sobald ein neuer Ankömmling erschien, hörten alle auf zu reden, bis dieser Zeuge die neuesten Nachrichten erzählt und die letzte Ungewißheit beseitigt hatte. Andere Gewerbsleute können manchmal die Bude schließen und sich mit andern Dingen befassen; nicht so der Lotse: er muß sich ganz seinem Berufe widmen und darf von nichts anderem reden; denn es würde ihm wenig nützen, den einen Tag vollkommen und den nächsten unvollkommen zu sein. Er hat weder Zeit noch Worte zu verlieren, wenn er sich auf dem Laufenden erhalten will.

Die Nichtvereinsmitglieder hatten jetzt eine schwere Zeit: keinen Mittelpunkt, wo sie sich treffen und ihre Nachrichten austauschen konnten, keine Werftbootberichte, nichts als zufällige und ungenügende Mittel, um Nachrichten zu erlangen. Die Folge davon war, daß ein Lotse manchmal eine Strecke von fünfhundert Meilen zu fahren hatte auf Grund von Auskünften, die acht bis zehn Tage alt waren. Bei ziemlich hohem Wasserstand hätte das angehen können; als aber der niedrigste Wasserstand kam, wurde es verhängnisvoll.

Und jetzt kam ein anderes, vollkommen logisches Resultat. Die Nichtvereinslotsen begannen, ihre Dampfboote auf den Grund zu setzen und in alle möglichen Gefahren zu bringen, während sich die Unfälle von den Vereinslotsen gänzlich fern zu halten schienen. Und jetzt wurde selbst den Eigentümern und Kapitänen von Dampfbooten mit nur Nichtvereinslotsen, die bisher geglaubt hatten, ganz unabhängig vom Verein zu sein und darüber lachen und spotten zu können, recht unbehaglich zu Mute. Sie ließen sich das aber nicht merken, bis eines schönen Tages diese sämtlichen Kapitäne den förmlichen Befehl erhielten, ihre Nichtvereinslotsen auf der Stelle zu entlassen und dafür Vereinslotsen zu engagieren. Und wer war es, der die ungeheure Anmaßung besaß, das zu thun? Nun, es kam von einer Macht hinter dem Thron, die größer war als der Thron selbst -- von den Versicherungsgesellschaften!

Es war keine Zeit zum Fackeln: jedes Nichtvereinsmitglied mußte sogleich seinen Koffer ans Land schaffen. Natürlich glaubte man, daß der Verein und die Versicherungsgesellschaften im Einverständnis wären; doch war das nicht der Fall. Die letzteren hatten die Vorzüglichkeit des Bericht-Systems des Vereins und die Sicherheit, die dasselbe gewährte, erkannt und deshalb unter sich und nach gewöhnlichen geschäftlichen Grundsätzen ihre Entscheidung getroffen.

Nun herrschte Klagen und Jammern und Zähneknirschen im Lager der Nichtvereinsmitglieder; aber gleichviel: es gab nur einen Ausweg für sie, und den schlugen sie ein. Sie kamen gruppen- und paarweise, boten ihre zwölf Dollars an und baten um Aufnahme in den Verein. Sie waren überrascht, als sie erfuhren, daß längst verschiedene neue Bestimmungen eingeführt worden waren; daß beispielsweise das Eintrittsgeld auf fünfzig Dollars erhöht worden war und diese Summe erlegt werden mußte samt zehn Prozent der Gage, welche der Gesuchsteller seit der Gründung des Vereins erhalten hatte. In manchen Fällen belief sich das auf drei- bis vierhundert Dollars; der Verein aber lehnte jedes Gesuch ab, bis das Geld da war; und ferner wurde das Gesuch abgewiesen, wenn eine einzige Stimme dagegen war. Jedes Mitglied mußte in Person und vor Zeugen mit ja oder nein abstimmen; und es dauerte daher wochenlang, bis über ein Aufnahmegesuch entschieden war, weil viele Lotsen so lange auf Reisen abwesend waren. Die reuigen Sünder scharrten indessen ihre Ersparnisse zusammen und wurden allmählich einer nach dem andern in den Verein aufgenommen. Schließlich kam eine Zeit, wo nur noch etwa zehn Lotsen dem Verein nicht angehörten; diese sagten, sie wollten lieber verhungern, als um Aufnahme nachsuchen. Sie blieben lange Zeit müßig, weil natürlich niemand wagen konnte, sie zu beschäftigen.

Nach einiger Zeit machte der Verein bekannt, daß von einem gewissen Tage an die Gage auf fünfhundert Dollars monatlich erhöht werden würde. Alle Zweigvereine waren mittlerweile stark geworden und derjenige am Red River hatte die Heuern auf siebenhundert Dollars monatlich erhöht. Widerstrebend gaben endlich die letzten zehn Nichtvereinsmitglieder im Hinblick auf diese günstigen Aussichten nach und reichten ihre Aufnahmegesuche ein. Jedoch war mittlerweile eine neue Bestimmung hinzugekommen, die verlangte, daß sie nicht nur von der seit der Gründung des Vereins empfangenen ganzen Gage zehn Prozent ›Abgaben‹ zahlen sollten, sondern auch von allem, was sie empfangen haben würden, wenn sie bis zur Zeit der Einreichung ihres Aufnahmegesuchs in Thätigkeit gewesen wären, anstatt müßig zu schmollen. Es erwies sich als schwierig, sie aufzunehmen; man brachte es aber endlich doch fertig. Der ärgste von diesen Sündern hatte die ›Abgaben‹ so lange anschwellen lassen, bis er schließlich sechshundertfünfundzwanzig Dollars mit seinem Aufnahmegesuch einzusenden hatte.

Der Verein hatte jetzt ein gutes Bankkonto und war in der Fülle seiner Macht: es gab keinen Nichtvereinslotsen mehr. Dann wurde eine weitere Bestimmung getroffen, welche die Aufnahme von Lehrlingen auf fünf Jahre verbot; nach Verlauf dieser Zeit sollte eine begrenzte Anzahl angenommen werden, nicht von einzelnen Lotsen, sondern vom Verein, unter folgenden Bedingungen: Der Aufzunehmende mußte mindestens achtzehn Jahre alt und von achtbarer Familie und gutem Charakter sein; er mußte eine Prüfung bezüglich seiner Bildung bestehen, im voraus tausend Dollars für das Privileg, Lehrling zu werden, bezahlen und unter den Befehlen des Vereins bleiben, bis ein großer Teil der Mitglieder (mehr als die Hälfte, glaube ich) gewillt war, sein Gesuch um eine Lotsenlicenz zu unterschreiben.

Alle vorher angenommenen Lehrlinge wurden jetzt ihren Lehrmeistern weggenommen und vom Verein adoptiert. Der Präsident und Sekretär wiesen sie nach Gutdünken dem einen oder andern Boot zum Dienst zu und versetzten sie nach gewissen Regeln von Boot zu Boot. Wenn ein Lotse nachweisen konnte, daß er kränklich war und Hilfe brauchte, wurde ihm einer der Lehrlinge übergeben.

Die Liste der Witwen und Waisen wuchs, ebenso nahmen aber auch die finanziellen Hilfsquellen zu. Der Verein sorgte für eine feierliche Bestattung seiner Mitglieder und bezahlte die Kosten derselben. Wenn erforderlich, sandte er Mitglieder zum Aufsuchen der Leichname von Kollegen ab, die bei Dampferunfällen verunglückt waren; eine Nachforschung dieser Art kostete manchmal tausend Dollars.

Der Verein erwirkte sich auch die Befugnis, das Versicherungsgeschäft zu betreiben. Er versicherte nicht nur das Leben seiner Mitglieder, sondern übernahm auch Risikos auf Dampfboote.

Die Organisation schien unzerstörbar; sie war das stärkste Monopol in der Welt. Nach dem Gesetz der Vereinigten Staaten konnte keiner Lotse werden, wenn nicht zwei die Licenz besitzende Lotsen sein Gesuch unterzeichneten; und da außerhalb des Vereins niemand zum Unterzeichnen kompetent war, so war das ›Lotsenmachen‹ jetzt zu Ende. Jedes Jahr starben einige Lotsen, während andere durch Alter und Kränklichkeit dienstunfähig wurden, doch war niemand vorhanden, der ihre Plätze einnahm. So konnte der Verein nach einer gewissen Zeit die Gagen ganz nach Belieben erhöhen; und so lange er klug genug war, die Sache nicht zu weit zu treiben und die Staatsregierung zu einer Abänderung des Licenzsystems zu veranlassen, hatten die Schiffseigentümer sich zu unterwerfen, da es keinen anderen Ausweg gab.

Die Eigentümer und Kapitäne waren das einzige Hindernis, das zwischen dem Verein und absoluter Gewalt lag, und schließlich wurde auch dieses beseitigt. So unglaublich es scheinen mag, die Eigentümer und Kapitäne thaten es selbst. Als der Lotsenverein einige Monate vorher ankündigte, daß am 1. September 1861 die Löhne auf fünfhundert Dollars erhöht werden sollten, erhöhten die Schiffseigentümer und Kapitäne sofort die Frachten um einige Cents und erklärten den Farmern dem Fluß entlang die Notwendigkeit dieser Maßregel, indem sie deren Aufmerksamkeit auf die drückende Lohnrate lenkten, welche eingeführt werden sollte. Es war das eine ziemlich schwache Begründung, aber die Farmer schienen es nicht zu merken: ihnen schien es nur billig und durch die Umstände gerechtfertigt, daß der Frachtsatz für den Scheffel Getreide um fünf Cents erhöht werde, wobei sie jedoch die Thatsache übersahen, daß diese Erhöhung bei einer Ladung von vierzigtausend Säcken bedeutend mehr als notwendig war, um die Lohnerhöhung zu decken.

Sofort bildeten nun die Kapitäne und Eigentümer einen eigenen Verein und schlugen vor, die Bezüge der Kapitäne ebenfalls auf fünfhundert Dollars zu erhöhen und eine weitere Erhöhung der Frachtsätze anzuregen. Man kalkulierte, daß, wenn man einmal erfolgreich gewesen, man es auch ein zweitesmal sein konnte. Der neue Verein dekretierte (es war das nämlich, ehe alle Lotsen dem Verein angehörten), daß ein Kapitän, der einen nicht dem Verein angehörigen Lotsen beschäftigte, denselben entlassen müsse und außerdem eine Geldbuße von fünfhundert Dollars bezahlen solle. Mehrfach mußte diese schwere Geldstrafe auch bezahlt werden, ehe der Verein der Kapitäne stark genug geworden war, um volle Autorität über seine Mitglieder auszuüben; aber das alles hörte bald darnach auf. Die Kapitäne suchten nun die Lotsen zu der Bestimmung zu bewegen, daß kein Mitglied ihres Vereins unter einem Kapitän dienen dürfe, der nicht ihrem Verein angehöre; allein dieser Antrag wurde abgelehnt. Die Lotsen sahen ein, daß die Kapitäne und Versicherungsgesellschaften sie ohnehin unterstützen würden, und ließen sich deshalb klugerweise auf beengende Bündnisse nicht ein.

Wie schon bemerkt, war der Lotsenverein jetzt vielleicht das kompakteste Monopol der Welt und schien ganz unzerstörbar. Und doch waren die Tage seines Glanzes gezählt. Zuerst begann die neue Eisenbahn, die durch Mississippi, Tennessee und Kentucky nach den Bahnzentren des Nordens führte, die Passagiere von den Dampfern abzulenken; dann kam der Krieg und vernichtete die Dampfbootindustrie für einige Jahre fast gänzlich, so daß die meisten Lotsen erwerbslos waren, während die Lebensmittel immer teurer wurden. Dann leerte der Schatzmeister des Vereins zu St. Louis die volle Kasse bis auf den letzten Dollar und wurde damit flüchtig, und als schließlich die Eisenbahnen überall eindrangen, gab es nach Beendigung des Krieges für die Dampfer fast nichts mehr zu thun, als Güter zu befördern. Und nun führte noch ein Genie von der atlantischen Küste den Plan ein, mit einem gewöhnlichen kleinen Schleppdampfer ein Dutzend Dampferladungen nach New Orleans hinabzubugsieren; und siehe da, gleichsam im Handumdrehen waren der Verein und die edle Wissenschaft des Lotsens Dinge der Vergangenheit!

Die Zeit der Dampferwettfahrten.

Es war allgemein üblich, daß die Dampfer New Orleans zwischen vier und fünf Uhr nachmittags verließen. Von drei Uhr an wurden sie zum Zeichen der Vorbereitung mit Harz und Fichtenholz geheizt, und so hatte man das malerische Schauspiel einer zwei bis drei englische Meilen langen Reihe von hohen kohlschwarzen Rauchsäulen, die ein schwarzes Dach desselben dichten Rauches trugen, das sich weit über die Stadt hin ausbreitete. Auf jedem abfahrenden Boot wehte die Flagge an der Gaffel und manchmal eine zweite über dem Heck. Die Steuerleute kommandierten und fluchten mit mehr als gewöhnlichem Nachdruck; zahllose Züge von Fässern und Kisten mit Fracht rollten über den Hafendamm und die Laufplanken an Bord; verspätete Passagiere schlüpften und hüpften dazwischen umher, in der unsicheren Hoffnung, die vordere Fallreepstreppe lebend zu erreichen, Frauen mit Reisetaschen und Handköfferchen suchten ihren mit Reisesäcken und weinenden Kindern bepackten Gatten an der Seite zu bleiben, meist vergebens, da sie in dem Wirrwarr und Getümmel gewöhnlich den Kopf verloren; Karren und Gepäckwagen rasselten in wilder Hast hierhin und dorthin und verfuhren sich zuweilen ineinander, worauf man dann zehn Sekunden lang vor lauter Flüchen nichts deutlich sehen konnte; alle bei den Lucken stehenden Dampfwinden, von einem Ende der langen Dampferreihe zum andren, unterhielten fortwährend ein betäubendes Rasseln und Schwirren, während sie die Ladung in den Schiffsraum hinabließen; die halbnackten, schwitzenden Neger, welche an der Ladung arbeiteten, brüllten Lieder wie ›Der letzte Sack! Der letzte Sack!‹ voll Begeisterung und Entzücken über das Chaos von Lärm und Verwirrung, das alle anderen Menschen zum Rasen brachte. Mittlerweile wimmelte es auf dem Sturm- und Kesseldeck von Passagieren. Dann wurden die letzten Glockenzeichen auf der ganzen Linie gegeben, und nun schien der Trubel sich zu verdoppeln; ein paar Augenblicke später erfolgte das letzte Signal, ein gleichzeitiges Getöse chinesischer Gongs mit dem Schrei: »Wer nicht mitfährt, wird gebeten, ans Ufer zu gehen!« -- und siehe da, der Trubel vervierfachte sich! Die Leute strömten in Schwärmen ans Land, wobei sie andere Scharen erregter Nachzügler, die noch an Bord wollten, über den Haufen rannten. Einen Augenblick später wurde eine lange Reihe von Laufplanken eingeholt, jede mit dem obligaten letzten Passagier, welcher sich an deren Ende mit den Zähnen, Nägeln und allem möglichen festhielt, und dem obligaten letzten Zauderer, der einen verzweifelten Sprung über den Kopf des Nachzüglers hinweg ans Land machte.

Nun gleitet eine Anzahl der Dampfer rückwärts in den Strom hinaus und läßt weite Lücken in der dichten Reihe zurück. Auf den Verdecken der liegenbleibenden Schiffe sammeln sich die Bewohner der Stadt an, um das Schauspiel zu betrachten. Ein Dampfer nach dem andern wendet sich stromaufwärts, nimmt all seine Kraft zusammen und fliegt dann unter vollstem Dampf mit wehenden Flaggen und emporwirbelnden schwarzen Rauchwolken vorbei. Die ganze Mannschaft, Heizer und Matrosen (gewöhnlich braunschwarze Neger) sind auf der Back versammelt, wo die beste ›Stimme‹ aus der ganzen Schar hoch über allen auf dem Gangspill thront, einen Hut oder eine Flagge schwingt, und alle einen mächtigen Chor brüllen. Die Salutschüsse knallen und die vielköpfige Zuschauerschaft schwenkt die Hüte und schreit Hurrah! Dampfer auf Dampfer schließt sich an die Linie an, und die stattliche Prozession steuert wie im Fluge stromaufwärts.

So oft in den alten Zeiten zwei schnelle Boote unter den Blicken einer ungeheuren Zuschauermenge eine Wettfahrt begannen, war es köstlich, die Mannschaften singen zu hören, besonders bei Anbruch der Nacht, wenn die Back von dem düsterroten Glanz der Fackeln beleuchtet war. Das Wettfahren war ein königlicher Spaß. Das Publikum war stets der Meinung, daß das Wettfahren gefährlich sei, während just das Gegenteil der Fall war, -- d. h. nach dem Erlaß der Gesetze, wonach jedes Dampfboot auf einen gewissen Dampfdruck pro Quadratzoll beschränkt wurde. Kein Maschinenmeister war je schläfrig oder nachlässig, wenn Herz und Seele an einer Wettfahrt beteiligt waren, sondern er paßte fortwährend scharf auf, versuchte die Ventilhähne und wachte über alles. Gefährlich war es nur auf langsamen, schwerfälligen Booten, auf denen die Maschinisten schläfrig umhergingen und Holzspähne in die Saugrohre geraten ließen, wo sie den Kesseln die Wasserzufuhr abschnitten.

In den Blütezeiten der Dampfbootfahrt war eine Wettfahrt zwischen zwei anerkannt schnellen Dampfern ein Ereignis von ungemeiner Wichtigkeit. Die Zeit wurde schon mehrere Wochen vorher festgesetzt, und von da an war das ganze ungeheure Mississippithal im Zustand der höchsten Erregung. Politik und Wetter wurden fallen gelassen, und man sprach nur noch von der bevorstehenden Wettfahrt. Wenn die Zeit herankam, takelten die beiden Dampfer ab und machten sich bereit. Jedes Hindernis, das die Last vermehrte oder dem Wind und Wasser eine Widerstand leistende Fläche darbot, wurde entfernt, wenn das Boot es irgendwie entbehren konnte. Als die ›Eclipse‹ und der ›A. L. Shotwell‹ vor vielen Jahren ihre große Wettfahrt machten, soll man sich, wie erzählt wird, sogar die Mühe gegeben haben, die Vergoldung von der phantastischen Verzierung zwischen den Schornsteinen der ›Eclipse‹ abzukratzen und der Kapitän für jene Fahrt seine Glacéhandschuhe nicht getragen haben und sich den Bart haben abnehmen lassen. Ich setzte diesen Gerüchten allerdings stets Zweifel entgegen.

Wußte man, daß das Boot am schnellsten lief, wenn es vorn fünfeinhalb und hinten fünf Fuß tief ging, so wurde es genau bis zu diesem Tiefgang beladen -- und dann würde es nicht einmal eine Dosis homöopathischer Pillen mehr mitgenommen haben. Passagiere nahm man nur ausnahmsweise mit, weil sie nicht nur die Last vermehrten, sondern auch das Boot im richtigen Gleichgewicht hinderten. Sie liefen stets nach derjenigen Seite, wo es etwas zu sehen gab, während ein gewissenhafter und erfahrener Dampfbootmann stets in der Mitte des Bootes zu bleiben und seine Haare genau in der Mitte zu scheiteln pflegte. Frachtgüter und Passagiere nach Zwischenstationen wurden überhaupt nicht angenommen, weil die Schiffe nur bei den größten Städten anlegten und auch dann hieß es nur kommen und wieder gehen. Die Flachboote mit Kohlen und Holz wurden im voraus bestellt und bereit gehalten, um im Handumdrehen an die vorbeifliegenden Dampfer angehängt zu werden; auch führten die Dampfer doppelte Mannschaft, damit alle Arbeit rasch von statten ging.

Wenn der bestimmte Tag gekommen und alles in Bereitschaft war, dampften die zwei großen Dampfer rückwärts auf den Strom hinaus, lagen dort schaukelnd einen Augenblick still und beobachteten scheinbar wie fühlende Wesen gegenseitig die geringsten Bewegungen; jetzt wird die Flagge gesenkt, der abgesperrte Dampf zischt durch die Sicherheitsventile, der schwarze Rauch rollt und wälzt sich aus den Schloten und verdunkelt die ganze Atmosphäre. Menschen, Menschen überall; die Ufer, die Hausdächer, die Dampfboote, alle Schiffe sind dicht besetzt, und es ist zu erwarten, daß die Ufer des breiten Mississippi zwölfhundert Meilen weit nordwärts von Zuschauern eingesäumt sein werden, welche diese Renner bewillkommnen wollen.

Bald darauf entweichen hohe Dampfsäulen aus den Abströmungsröhren beider Dampfer, zwei Kanonen donnern ein Lebewohl, zwei Helden in roten Hemden schwingen vom Gangspill herab ihre kleinen Flaggen über der auf der Back versammelten Mannschaft, zwei empfindungsvolle Solos zögern einige Sekunden in der Luft, zwei mächtige Chöre stimmen ein -- und da kommen sie! Blechmusikchöre schmettern das ›Heil Columbia‹, Hurra auf Hurra donnert von den Ufern her, und die stattlichen Fahrzeuge pfeifen vorbei wie der Wind.

Die rennenden Dampfer halten zwischen New Orleans und St. Louis nur in großen Städten auf einige Sekunden an, oder um ein paar Boote mit je dreißig Klafter Holz längsseit zu nehmen. Das muß man sehen, wie sie diese Fahrzeuge ins Schlepptau nehmen und auf jedes einen Schwarm Mannschaft schicken; wenn man sich die Augengläser abgewischt und wieder aufgesetzt hat, wird man sich wundern, was aus dem Holze geworden ist.

Zwei Dampfer, die einander ziemlich gewachsen sind, behalten einander Tag für Tag in Sicht; sie könnten immer Seite an Seite bleiben, allein da nicht alle Lotsen gleich sind, so müssen die gewandtesten den Sieg erringen. Wenn einer der Dampfer einen ›Blitzlotsen‹ hat, dessen Kollege ihm nur ein bißchen nachsteht, so vermag man zu sagen, welcher von ihnen auf Wache ist, indem man beobachtet, ob das Boot während jeder vierstündigen Frist einen Vorsprung gewonnen hat oder zurückgeblieben ist. Der klügste Lotse kann einen Dampfer aufhalten, wenn er kein ausgesprochenes Talent zum Steuern hat. Das Steuern ist eine sehr große Kunst; man darf das Ruder nicht quer hinter dem Steven des Bootes schleppen lassen, wenn man rasch stromaufwärts fahren will.

Die Boote sind natürlich sehr verschieden. Ich war eine Zeit lang auf einem Boot, das so langsam fuhr, daß wir gewöhnlich vergaßen, in welchem Jahr wir den Hafen verlassen hatten. Aber das geschah natürlich nur selten. Fährboote verloren zuweilen einträgliche Fahrten, weil ihre Passagiere alt wurden und starben, während sie auf unsere Ankunft warteten. Das kam indessen noch seltener vor. Ich hatte die darauf bezüglichen Urkunden in Händen, habe sie aber leider verlegt. Dieser Dampfer, der ›John J. Roe‹, war so langsam, daß es, als er schließlich in Madrid Bend sank, fünf Jahre dauerte, bis die Eigentümer davon erfuhren. Dies war für mich stets eine verblüffende Thatsache, doch ist sie aktenmäßig festgestellt. Er war entsetzlich langsam; doch hatten wir oft recht aufregende Zeiten, wenn wir mit Inseln, Flößen und dergleichen Dingen um die Wette fuhren. Einmal aber ging es ziemlich rasch von statten: wir brauchten nur 16 Tage nach St. Louis; aber selbst bei dieser erstaunlichen Geschwindigkeit wechselten wir in der geraden 5 Meilen langen Strecke bei Fort Adams dreimal die Wache. Auf solchen geraden Strecken ist die Strömung natürlich sehr lebhaft.

Auf dieser Reise fuhren wir in vier Tagen von New Orleans nach Grand Gulf (340 engl. Meilen); die ›Eclipse‹ und der ›Shotwell‹ brauchten einen Tag. Bei der Durchfahrt 63 waren wir neun, jene beiden Schiffe zwei Tage unterwegs. Vor etwas mehr als einem Menschenalter (1844) fuhr das Dampfboot ›J. M. White‹ eine gewisse Strecke in 3 Tagen, 6 Stunden und 44 Minuten; 1853 machte die ›Eclipse‹ dieselbe Fahrt in 3 Tagen, 3 Stunden und 20 Minuten (andere sagen in 3 Tagen, 4 Stunden, 36 Minuten). Der ›R. E. Lee‹ brauchte im Jahre 1870 3 Tage und 1 Stunde. Dies soll die schnellste Fahrt sein, die je gemacht worden ist. Ich werde aber zu beweisen suchen, daß sie es nicht war. Die Entfernung zwischen New Orleans und Kairo war nämlich 1106 engl. Meilen, als der ›J. M. White‹ seine Fahrt machte, die mittlere Geschwindigkeit also etwas über 14 Meilen in der Stunde. Zur Zeit der Fahrt der ›Eclipse‹ hatte sich die Entfernung auf 1080 Meilen verringert, folglich war die mittlere Geschwindigkeit einen Schatten unter 14³/₈ Meilen in der Stunde. Zur Zeit der Fahrt des ›R. E. Lee‹ betrug die Entfernung nur noch 1030 Meilen, folglich war dessen mittlere Geschwindigkeit etwa 14¹/₈ Meilen per Stunde. Man sieht also, daß die Fahrt der ›Eclipse‹ die schnellste war, die je gemacht wurde.

Abkürzungen des Stromlaufs.

-- Stephen. --