Auf dem Mississippi; Nach dem fernen Westen

Part 8

Chapter 83,556 wordsPublic domain

Zu jener Zeit brauchte man im Durchschnitt etwa fünfundzwanzig Tage, um ein Schiff in St. Louis zu befrachten, es nach New Orleans und zurück zu bringen und die Ladung zu löschen. Sieben oder acht Tage davon verbrachte das Dampfboot an den Hafendämmen von St. Louis und New Orleans, wo die ganze Mannschaft tüchtig zu arbeiten hatte, die beiden Lotsen allein ausgenommen; _sie_ thaten weiter nichts, als in der Stadt die feinen Herren spielen, und empfingen dafür dieselbe Gage, als wenn sie im Dienst gewesen wären. Sobald der Dampfer in einer der beiden Städte den Quai berührte, waren sie am Lande, und gewöhnlich sah man sie nicht eher wieder, bis das letzte Glockenzeichen ertönte und alles für die nächste Fahrt bereit war.

Hatte ein Kapitän einen Lotsen von besonders hohem Ansehen gefunden, so gab er sich Mühe, ihn zu behalten. Als die Löhne auf dem oberen Mississippi bis auf 400 Dollars im Monat gestiegen waren, kannte ich einen Kapitän, der einem solchen Lotsen drei Monate lang sein volles Gehalt als Wartegeld zahlte, während der Strom zugefroren war. Dabei darf man nicht vergessen, daß vierhundert Dollars monatlich in jenen billigen Zeiten ein fast unbegreiflich glänzendes Gehalt waren; nur wenige Leute am Lande wurden so hoch bezahlt, waren aber dann auch höchst angesehen. Kamen Lotsen von dem einen oder andern Ende des Stromes in unser kleines Städtchen am Missouri, so bewarben sich die besten Kreise um ihre Gesellschaft und behandelten sie mit übertriebenem Respekt. Auf Wartegeld im Hafen liegen, war eine bei vielen Lotsen sehr beliebte und geschätzte Sache, besonders zur Blütezeit der Schiffahrt auf dem Missouri, in den sogenannten Kansaszeiten, als sie neunhundert Dollars für die Reise bekamen, was etwa achtzehnhundert Dollars für den Monat gleichkam. Hier zur Probe ein Gespräch aus jener Zeit. Ein Mann vom Illinois-River mit einem kleinen Hinterraddampfer redet ein paar geputzte und goldgeschmückte Missourilotsen an:

»Meine Herren, ich habe eine hübsche Fahrt nach dem Oberland, und würde Sie etwa vier Wochen lang brauchen. Wieviel wird das kosten?«

»Achtzehnhundert Dollars für jeden.«

»Himmel und Erde! Da wollen wir lieber tauschen; nehmen Sie mein Boot und geben Sie mir Ihren Verdienst.«

Ich will hier beiläufig bemerken, daß die Dampfbootleute auf dem Mississippi in den Augen der Landbewohner (und bis zu einem gewissen Grade auch in ihren eigenen) eine Wichtigkeit besaßen, die derjenigen des Bootes entsprach, auf dem sie dienten. So war es z. B. etwas höchst Ehrenvolles, zu der Mannschaft eines so stattlichen Fahrzeuges wie des ›Aleck Scott‹ oder des ›Großtürken‹ zu gehören. Die schwarzen Heizer, Matrosen und Barbiere von jenen Dampfern waren in ihren Kreisen hervorragende Persönlichkeiten, und sich dessen wohl bewußt. Ein strammer Schwarzer erregte einmal durch sein hochmütiges Benehmen Aergernis auf einem Negerball in New Orleans. Schließlich eilte einer der Ballordner auf ihn zu und sagte:

»Wer bist du denn? Wer bist du? Das möcht' ich wissen!«

Der Missethäter kam nicht im geringsten außer Fassung, sondern warf sich in die Brust und sprach in einem Ton, der zeigte, daß er sich wohl bewußt war, weshalb er so stolz auftrat:

»Wer ich bin? Wer ich bin? Ihr sollt gleich erfahren, wer ich bin! Ihr Nigger müßt wissen, daß ich den mittleren Kessel auf dem ›Aleck Scott‹ heize!«

Dies genügte.

Der Barbier des ›Großtürken‹ war ein putziger junger Neger, der seine Wichtigkeit mit höchster Selbstgefälligkeit zur Schau trug und in dem Kreise, in welchem er sich bewegte, äußerst angesehen war. Die farbige junge Welt in New Orleans trieb gern Liebeleien im Zwielicht auf den hölzernen Bänken der Seitenstraßen, wo jemand eines Abends folgendes mitangehört hat: Eine Negerin von mittlerem Alter steckte den Kopf durch eine zerbrochene Scheibe und rief sehr laut (damit die ganze Nachbarschaft es hören und sie beneiden konnte): »Marianne, komme sofort ins Haus! Stehst da draußen und treibst Thorheiten mit dem gemeinen Gesindel, und hier drinnen ist der Barbier vom ›Großtürken‹ und will mit dir plaudern!«

* * * * *

Meine obige Erwähnung der Thatsache, daß der Lotse infolge seiner eigenartigen dienstlichen Stellung außerhalb des Bereichs der Kritik und der Befehle stand, erinnert mich an Stephen W -- --. Er war ein begabter Lotse, ein gutherziger Mensch, ein unermüdlicher Plauderer voll Witz und guten Humors. Im Gefühl seiner Selbständigkeit benahm er sich Leuten von Reichtum, Würden und Alter gegenüber mit köstlicher Unbefangenheit. Er hatte stets Beschäftigung, ersparte sich nie einen Pfennig, war ein beharrlicher Borger und jedem Lotsen auf dem Mississippi sowie den meisten Kapitänen Geld schuldig. Er verstand es, sein sorgloses und waghalsiges Lotsen mit einem gewissen Glanz zu umgeben, der es fast bezaubernd machte -- aber nicht für jedermann. Einmal machte er eine Fahrt mit dem guten alten Kapitän Y -- -- und wurde aus dem Dienst entlassen, als das Boot nach New Orleans kam. Als jemand seine Verwunderung darüber ausdrückte, schauderte Kapitän Y -- -- schon bei der bloßen Erwähnung Stephens; dann flötete seine schwache, dünne Stimme etwa wie folgt:

»Guter Gott! Ich möchte um die Welt kein solches Ungetüm auf meinem Dampfer haben -- nicht um die ganze Welt! Er flucht, er singt, er pfeift, er gellt -- habe nie einen Indianer so gellen hören. Und zwar zu allen Zeiten der Nacht -- das ist ihm alles einerlei. Er gellt just drauf los, nicht aus einem besonderen Grunde, sondern weil es ihm ein gewisses teuflisches Vergnügen gewährt. Wenn ich im besten Schlafe lag, wurde ich plötzlich durch einen jener fürchterlichen Kriegsschreie aus dem Bett geschreckt. Ein komischer Kauz -- sehr komisch; keinerlei Respekt vor irgend etwas oder irgend jemand; manchmal nannte er mich einfach Johnny. Und dann hielt er sich eine Geige und eine Katze. Er spielte schauderhaft; das schien die Katze zu kränken, die dann zu heulen pflegte. Niemand konnte schlafen, wo dieser Mensch -- und seine Familie -- war. Und leichtsinnig! So etwas ist noch nicht dagewesen. Sie mögen es mir glauben oder nicht, aber so wahr ich hier sitze, er jagte mit vollem Dampf durch jene schrecklichen Baumstämme bei Chicot, und dazu wehte der Wind ganz satanisch! Meine Offiziere können es Ihnen sagen; sie haben's mit angesehen. Und ich will zeitlebens den Mund nicht mehr aufthun, wenn er nicht die Lippen spitzte und zu pfeifen begann, während wir durch die Baumstämme jagten und ich, an allen Gliedern zitternd, betete! Ja, Sir, er pfiff: ›Mädel von Buffalo, kommt ihr nicht heute nacht, kommt ihr nicht heute nacht?‹ und das so ruhig und gelassen, als ob gar nichts passiert wäre. Und als ich ihm deshalb Vorstellungen machte, blickte er lächelnd auf mich herab, als ob ich ein kleines Kind wäre, und sagte, ich solle in die Kajüte gehen, brav sein und meine Vorgesetzten nicht belästigen!«

Eines Tages wurde Stephen, stellenlos und wie gewöhnlich ohne Geld, in New Orleans von einem ziemlich filzigen Kapitän angetroffen. Da Stephen ›bös in der Klemme‹ war, willigte er auf vieles Zureden endlich ein, für hundertfünfundzwanzig Dollars monatlich -- gerade die Hälfte des üblichen Lohnes -- zu lotsen, wobei der Kapitän sich verpflichtete, das Geheimnis zu bewahren, um dem armen Kerl nicht die Verachtung der ganzen Gilde zuzuziehen. Aber das Boot war kaum einen Tag unterwegs, als Stephen entdeckte, daß der Kapitän sich seines Handels mit Stephen gerühmt und allen seinen Offizieren davon erzählt hatte. Stephen zwinkerte mit den Augen, sagte aber nichts. Um die Mitte des Nachmittags betrat der Kapitän das Sturmdeck, blickte um sich und schien sehr überrascht zu sein. Er sah fragend zu Stephen hinauf, der aber ganz gemächlich pfiff und auf seinen Dienst achtete. Der Kapitän wartete eine Weile, offenbar sehr mißmutig, und schien ein paarmal eine Bemerkung machen zu wollen; aber die auf dem Fluß herrschende Etikette hatte ihn gelehrt, eine derartige Uebereilung zu vermeiden, und so bezwang er sich denn und schwieg. Er ärgerte und wunderte sich noch eine Weile und kehrte dann in seine Gemächer zurück; aber bald erschien er wieder, anscheinend noch verwunderter als vorher. Endlich wagte er die höfliche Bemerkung:

»Recht guter Wasserstand jetzt -- nicht wahr, Sir?«

»Nun, das kann man wohl sagen: zum Ueberlaufen voll, ein ziemlich reichlicher Wasserstand!«

»Scheint hier eine starke Strömung zu sein.«

»Stark ist zu wenig gesagt; sie ist stärker als ein Mühlstrom.«

»Ist die Strömung näher am Ufer nicht geringer, als hier in der Mitte?«

»Ja, ich denke wohl; aber man kann mit einem Dampfer nicht vorsichtig genug sein. Hier draußen ist's ziemlich sicher, können den Boden nicht berühren, darauf können Sie sich verlassen.«

Der Kapitän entfernte sich ziemlich mißmutig; wenn es so fortging konnte er am Ende an Altersschwäche sterben, ehe sein Dampfer nach St. Louis kam. Als er am nächsten Tag wieder auf Deck erschien, steuerte Stephen wieder getreulich mitten im Strom hinauf und kämpfte gegen die ganze, gewaltige Kraft des Mississippi an, wobei er in seiner ruhigen Weise eine Melodie pfiff. Die Sache wurde ernst. Drüben am Ufer dampfte ein langsameres Boot lustig im stillen Wasser dahin und gewann immer mehr Vorsprung. Es begann auf eine Inseldurchfahrt zuzusteuern, während Stephen sich mitten im Strom hielt. Da entrang sich dem Kapitän die gepreßte Frage:

»Herr W. -- --, schneidet jener Arm nicht eine hübsche Strecke Weges ab?«

»Ich glaube wohl, weiß es aber nicht.«

»Sie wissen es nicht? Ist denn jetzt nicht Wasser genug darin zum Durchfahren?«

»Ich glaube wohl, weiß es aber nicht sicher.«

»Bei meiner Seele, das ist sonderbar. Ei, die Lotsen auf dem Boot da drüben wollen es probieren. Wollen Sie etwa sagen, daß Sie nicht soviel wissen wie die?«

»_Die?_ Ei, das sind Zweihundertfünfzigdollars-Lotsen, Kapitän! Aber beruhigen Sie sich nur; ich weiß soviel, wie ein Mann für hundertfünfundzwanzig Dollars zu wissen braucht!«

Der Kapitän streckte die Waffen.

Fünf Minuten später dampfte Stephen durch die Passage und zeigte dem andern Boot ein paar Fersen für zweihundertfünfzig Dollars.

Das Lotsenmonopol.

Eines Tages steuerte mein Lehrmeister, Herr Bixby, mit dem ›Aleck Scott‹ vorsichtig durch eine enge Stelle bei der Katzeninsel; beide Lote waren im Gang, und jeder hielt den Atem an. Der Kapitän, ein nervöser, ängstlicher Mann, verhielt sich ruhig, so lange er konnte; endlich vermochte er's aber nicht länger auszuhalten und rief vom Sturmdeck herunter:

»Um Gottes willen, geben Sie Dampf, Herr Bixby! geben Sie Dampf! Wir kommen sonst nie über das Riff da!«

Nach dem Eindruck, den diese Rede auf Herrn Bixby machte, hätte man annehmen können, daß gar nichts gesagt worden wäre. Fünf Minuten später aber, als die Gefahr vorüber und die Lote eingeholt worden waren, brach ein wahres Gewitter von vernichtenden Flüchen über den Kapitän herein, wie ich es nie prächtiger hörte. Es folgte kein Blutvergießen -- aber nur, weil die Sache des Kapitäns auf schlechten Füßen stand, denn für gewöhnlich war er nicht der Mann, der eine Zurechtweisung ruhig hinnahm.

* * * * *

Nachdem ich nun die Natur der Wissenschaft des Lotsens eingehend auseinandergesetzt und zugleich den Rang beschrieben habe, den der Lotse unter der Brüderschaft der Dampfschiffsleute einnahm, scheint es mir am Platze zu sein, einige Worte über eine Organisation zu sagen, welche die Lotsen einstens zum Schutz ihrer Gilde gebildet haben. Sie war eigenartig und insofern bemerkenswert, als sie vielleicht die geschlossenste und stärkste berufliche Organisation gewesen ist, die je gebildet wurde.

Die Heuern hatten lange Zeit zweihundertfünfzig Dollars monatlich betragen; aber als die Dampfboote sich mehrten und das Geschäft sich immer mehr hob, begannen die Löhne allmählich zu fallen. Der Grund dieser seltsamen Erscheinung war indessen leicht zu finden: es wurden zu viele Lotsen ›gemacht‹. Es war hübsch, einen Lehrling, einen Steuerer zu haben, der einige Jahre lang alle schwere Arbeit umsonst verrichtete, während sein Herr auf einer hohen Bank saß und rauchte; alle Lotsen und Kapitäne hatten Söhne oder Neffen, die Lotsen werden wollten. Nach und nach kam es soweit, daß fast jeder Lotse auf dem Mississippi einen eigenen Steuerer hatte. Wenn ein Steuerer solche Fortschritte gemacht hatte, daß sie zwei Lotsen befriedigten, konnten diese eine Licenz für ihn erwirken, indem sie ein Gesuch an den Inspektor der Stromschiffahrt richteten. Weiter war nichts nötig; Fragen wurden gewöhnlich nicht gestellt und ein besonderer Befähigungsnachweis nicht verlangt.

Nun, dieser zunehmende Schwarm von neuen Lotsen, welche Beschäftigung suchten, begann die Löhne herabzudrücken. Es scheint, daß die Ritter von der Ruderpinne ihren Mißgriff zu spät erkannten. Es mußte offenbar etwas geschehen, und das bald; aber was? Nur eine geschlossene Organisation konnte helfen; alles andere war umsonst. Die Sache wurde besprochen und wieder besprochen und schließlich fallen gelassen, da die Schwierigkeiten so groß waren. Es war nur zu wahrscheinlich, daß alle, die in der Sache vorzugehen wagten, für ihre Person große Gefahr liefen. Endlich aber wagten es ein Dutzend der kühnsten -- darunter einige der besten -- Lotsen und nahmen das ganze Risiko auf sich. Die Gesetzgebung verlieh ihnen einen besonderen Freibrief mit ausgedehnten Vollmachten unter dem Namen: Wohlthätigkeitsverein der Lotsen (~Pilots' Benevolent Association~); man wählte den Vorstand, vollendete die Organisation, legte Kapital ein, setzte die Vereins-Löhne sogleich auf zweihundertfünfzig Dollars fest -- und kehrte dann an den häuslichen Herd zurück, denn die Vereinslotsen wurden sofort entlassen. Aber in ihren Satzungen fanden sich ein paar Körnchen, welche die Keime zur Entwicklung in sich trugen. So waren z. B. alle beschäftigungslosen Mitglieder von gutem Ruf zu einer monatlichen Pension von fünfundzwanzig Dollars berechtigt. Das zog nach und nach wegen der flauen Geschäftszeit im Sommer einen nach dem andern von den kaum flügge gewordenen Lotsen heran, denn besser fünfundzwanzig Dollars monatlich, als verhungern; die Aufnahmegebühr betrug nur zwölf Dollars, und von den Beschäftigungslosen wurde ein Beitrag nicht verlangt.

Auch die Witwen von verstorbenen Mitgliedern konnten fünfundzwanzig Dollars monatlich beziehen, sowie eine gewisse Summe für jedes ihrer Kinder; ebenso wurden die verstorbenen Mitglieder auf Kosten des Vereins begraben. Diese Bestimmungen brachten alle abgedankten und vergessenen Lotsen im ganzen Mississippithal wieder zum Vorschein; sie kamen von Farmen, von Städtchen im Innern, von überall herbei, -- auf Krücken, Karren, in Krankenwagen, wie es ging. Sie zahlten ihre zwölf Dollars und begannen sofort monatlich ihre fünfundzwanzig Dollars zu beziehen und ihre Beerdigungskosten zu berechnen.

Nach und nach waren alle unbrauchbaren, hilflosen Lotsen und ein Dutzend Lotsen ersten Ranges im Verein, während neun Zehntel der besten Lotsen sich demselben fernhielten und über ihn lachten. Der Verein gab dem ganzen Fluß Stoff zu Scherzen. Jedermann witzelte über die Bestimmung, daß die Mitglieder monatlich zehn Prozent ihres Verdienstes zur Erhaltung des Vereins in die Kasse zahlen sollten, während alle Mitglieder verstoßen und geächtet waren und niemand sie beschäftigen wollte. Jedermann war dem Verein dankbar dafür, daß er alle unbrauchbaren Lotsen aus dem Wege räumte und so das ganze Feld den Vortrefflichsten und Würdigsten überließ; und nicht nur dafür war man dankbar, sondern auch für das naturgemäß folgende Resultat, -- nämlich das allmähliche Steigen der Löhne, als die rege Geschäftszeit herankam. Die Löhne waren von hundert auf hundertfünfundzwanzig, in einzelnen Fällen auf hundertfünfzig Dollars gestiegen; und es war äußerst spaßhaft, daß dieses reizende Ergebnis durch eine Körperschaft von Männern herbeigeführt worden war, von denen nicht einer den geringsten Nutzen davon hatte. Einige der Spaßmacher besuchten manchmal das Vereinslokal und erboten sich spöttisch, Mitglieder des Vereins aus Barmherzigkeit für eine Fahrt als Steuerer mitzunehmen, damit dieselben den Strom nicht ganz vergäßen. Der Verein indessen war zufrieden; wenigstens gab er kein Zeichen vom Gegenteil. Hin und wieder nahm er einen Lotsen auf, der gerade ›Pech‹ hatte, und fügte dessen Namen seiner Liste bei; und dieser spätere Zuwachs war sehr wertvoll, weil es gute Lotsen waren und die schlechten dem Verein schon lange angehörten. Als das Geschäft lebhafter wurde, stiegen die Löhne nach und nach auf zweihundertfünfzig Dollars: die vom Verein festgesetzte Höhe -- und erhielten sich dauernd auf diesem Satze. Die Heiterkeit auf Kosten des Vereins überstieg jetzt alle Grenzen, denn noch immer zog kein Mitglied desselben Nutzen daraus, weil niemand engagiert wurde. Endlos waren die Späße, welche die armen Märtyrer über sich ergehen lassen mußten.

Doch keine Gasse ist so lang, daß sie nicht ein Ende hat. Der Winter kam heran, das Geschäft verdoppelte und verdreifachte sich, und eine Lawine von Dampfbooten kam vom Missouri, Illinois und dem oberen Mississippi herab, um es einmal in der New Orleansfahrt zu versuchen. Urplötzlich waren Lotsen sehr gesucht, aber in verhältnismäßig geringer Anzahl vorhanden. Die Zeit der Vergeltung war gekommen. Es war eine bittere Pille, endlich Vereinslotsen annehmen zu müssen, doch Kapitäne und Schiffseigentümer sahen beide ein, daß es keinen anderen Ausweg gab. Aber keiner von diesen Geächteten bot sich an! Es war also eine noch bitterere Pille hinunterzuwürgen: sie mußten aufgesucht und um ihre Dienste gebeten werden. Kapitän N. war der erste, der es nötig fand, die Dosis einzunehmen, obgleich er der lauteste Verspötter der Organisation gewesen war. Er suchte einen der besten Vereinslotsen auf und sagte:

»Nun, ihr Lotsen habt jetzt auf eine Weile die Oberhand über uns gewonnen; ich will daher möglichst gute Miene zum bösen Spiele machen. Ich bin gekommen, um Sie zu engagieren; schaffen Sie sofort Ihre Koffer an Bord. Um zwölf Uhr fahren wir.«

»Das weiß ich noch nicht gewiß. Wer ist Ihr zweiter Lotse?«

»J. S. --. Warum?«

»Ich kann nicht mit ihm fahren. Er gehört dem Verein nicht an.«

»Was?«

»Wie ich gesagt habe.«

»Wollten Sie damit sagen, daß Sie nicht mit einem der besten und ältesten Lotsen auf dem Flusse fahren können, weil er Ihrem Verein nicht angehört?!«

»Ja, das will ich.«

»Nun, das ist aber stark! Ich glaubte Ihnen eine Wohlthat zu erweisen, merke aber nun, daß ich es bin, der eine Gunst verlangt. Handeln Sie nach einer Satzung des Vereins?«

»Ja.«

»Zeigen Sie mir dieselbe.«

Sie begaben sich nach dem Vereinslokal, wo der Sekretär dem Kapitän die Satzungen vorlegte; dieser sagte:

»Nun, was soll ich thun? Ich habe Herrn S. für die ganze Saison engagiert.«

»Ich will Ihnen einen zweiten Lotsen nachweisen, und er soll um zwölf Uhr an Bord sein,« sagte der Sekretär.

»Aber wenn ich S-- -- entlasse, wird er seine Gage für die ganze Saison von mir verlangen.«

»Das haben Sie natürlich mit Herrn S-- -- abzumachen, Kapitän. Wir können uns in Ihre Privatangelegenheiten nicht einmischen.«

Der Kapitän wütete, aber umsonst. Schließlich mußte er S-- -- entlassen, ihm etwa tausend Dollars zahlen und an seiner Stelle einen Vereinslotsen nehmen. Das Lachen begann sich jetzt gegen die andere Seite zu wenden. Jeden Tag fiel von da an ein neues Opfer; jeden Tag mußte ein zum äußersten gebrachter Kapitän unter Flüchen und Thränen ein begünstigtes Nichtvereinsmitglied entlassen und einem verhaßten Vereinslotsen dessen Posten geben. Nach ganz kurzer Zeit gab es stellenlose Nichtvereinsmitglieder in ziemlicher Menge, so flott auch das Geschäft ging und so sehr man ihrer Dienste bedurfte. Das Lachen war jetzt sehr entschieden auf der anderen Seite. Diese Opfer, ebenso wie die Kapitäne und Schiffseigentümer hörten bald ganz auf zu lachen und drohten mit der schrecklichen Rache, die sie nehmen wollten, wenn der jetzige ›Rummel‹ vorüber wäre.

Bald waren die einzigen noch übrigen Lacher die Eigentümer und Mannschaften der Boote, die zwei Nichtvereinslotsen hatten. Aber ihr Triumph war nur von kurzer Dauer, und zwar aus folgendem Grund: Es war eine strenge Vorschrift des Vereins, daß die Mitglieder nie und unter keinen Umständen einem Nichtmitglied Nachrichten über das Fahrwasser zukommen lassen sollten. Mittlerweile waren auf der einen Hälfte der Boote nur Vereinsmitglieder, auf der anderen Hälfte nur Nichtmitglieder als Lotsen beschäftigt. Auf den ersten Blick möchte es scheinen, daß in Bezug auf das Verbot der Mitteilungen über den Fluß beide Teile gleichermaßen davon betroffen waren; dem war aber nicht so. Bei jedem größeren Städtchen, von einem Ende des Stromes bis zum andern, befand sich ein ›Werftboot‹ zum Landen, statt eines Quais oder eines Hafendammes. Darin wurde die Fracht zum Transport aufgespeichert, und in den Kajüten schliefen die wartenden Passagiere. Auf jedem dieser Boote hatten die Beamten des Vereins ein festes eisernes Kästchen aufgestellt, das mit einem eigenartigen Schloß versperrt war, wie es nur in einem Dienste -- im Postdienst der Vereinigten Staaten -- verwendet wurde. Das Briefkastenschloß war eine geheiligte Regierungssache. Durch vieles Bitten hatte sich die Regierung dazu bereden lassen, dem Verein den Gebrauch dieses Schlosses zu gestatten. Jeder Vereinslotse führte einen Schlüssel zu diesem Schloß bei sich; dieser Schlüssel oder eigentlich eine besondere Art, ihn in der Hand zu halten, wenn sein Besitzer von einem Unbekannten um Auskunft über den Fluß gebeten wurde, -- denn der Erfolg des Vereins von St. Louis und New Orleans hatte bald gedeihende Zweigvereine auf benachbarten Dampferlinien hervorgerufen -- war dem Vereinslotsen das Zeichen und die Garantie für die Mitgliedschaft; und wenn der Fremde nicht dadurch antwortete, daß er einen gleichen Schlüssel hervorzog und in einer gewissen, genau vorgeschriebenen Weise in der Hand hielt, wurde seine Frage einfach nicht beachtet. Vom Vereinssekretär erhielt jedes Mitglied ein Päckchen mehr oder weniger hübscher Formulare, auf nettes, gehörig rubriziertes Papier gedruckt, etwa so:

~Dampfer »Grosse Republik«~

~John Smith, Kapitän.~

~Lotsen: John Jones und Thomas Brown.~

+-------------+-------------+----------------- ~Kreuzungen.~ | ~Lotungen.~ | ~Marken.~ | ~Bemerkungen.~ --------------+-------------+-------------+----------------- | | | | | |

Diese Formulare wurden während des Fortgangs der Reise Tag für Tag ausgefüllt und in die verschiedenen Werftbootkasten niedergelegt. Sobald z. B. die erste Kreuzung von St. Louis aus passiert war, wurden die Daten in die gehörigen Rubriken eingetragen, wie folgt:

»St. Louis. Neuneinhalb (Fuß). Heck aufs Gerichtshaus, Bug auf den abgestorbenen Baumwollbaum oberhalb des Holzhofs gerichtet, bis man ans erste Riff gelangt, dann geradeaus steuern.« Dann unter der Rubrik Bemerkungen: »Außerhalb des Wracks halten; das ist wichtig. Ein neuer Baumstamm, gerade wo man den Kurs abwärts richtet; daher oberhalb passieren.«

Der Lotse, welcher dieses ausgefüllte Formular im Werftbootkästchen zu Kairo niederlegte (nachdem er die Einzelheiten aller Kreuzungen von St. Louis bis Kairo hinzugefügt), fand dort ein halbes Dutzend frischer Berichte von stromaufwärtsfahrenden Dampfern über den Zustand des Stroms zwischen Kairo und Memphis, informierte sich vollständig, legte die Berichte wieder in das Kästchen und kehrte auf sein Boot zurück, gegen jede Gefahr so gewappnet, daß er sein Boot nicht zu Schaden bringen konnte, ohne die genialste Sorglosigkeit zu Hilfe zu nehmen.