Auf dem Mississippi; Nach dem fernen Westen
Part 5
»Aber ums Himmels willen, Herr Bixby, -- ich stürbe, wenn's nicht gelingt!«
»Schon recht, ich übernehme die Verantwortung.«
Ich konnte mich kaum fassen. Eine wahrhaft teuflische Begierde ergriff mich, das Boot und alles was darin war, Bixby und mich selbst eingerechnet, umzubringen. Und so hielt ich stramm auf die Höhe der das Riff anzeigenden Wasserlinie hin. Aber noch ehe wir sie erreichten, schien sie mir zu verschwinden, -- und gleich darauf glitten wir sanft und leicht darüber hin wie auf Oel.
Bixby lachte und sagte:
»Siehst du nun den Unterschied? Es war nichts als ein ›Windriff‹, -- und das ist gar ein mächtig andres Ding, als ein wirkliches Flußriff! Der Wind macht das, -- das ist alles.«
»Ich verstehe. Aber es sieht doch genau wie ein Flußriff aus. Wie soll ich denn dergleichen von einander unterscheiden können?«
»Bei meiner Seele, mein Junge, _das_ kann ich dir selbst nicht sagen. Aber mit der Zeit wirst du sie von einander unterscheiden lernen und nachher wird dir's gerade so gehen und wirst du nicht imstande sein, einem andern den Unterschied zu erklären.«
Und wieder sollte Bixby recht haben! Mit der Zeit wurde mir auch die Oberfläche des Wassers zu einem Buch, -- zu einem Buch, das für den gewöhnlichen Flußfahrer sieben Siegel trug, das aber zu mir ohne jede Rückhaltung sprach und seine geheimsten Geheimnisse mit einer Bereitwilligkeit preisgab, als spräche es mit einer Stimme zu mir, wie meine eigene. Und zwar war es keines jener Bücher, das man einmal liest und dann beiseite wirft, denn es wußte an jedem neuen Tage eine neue Geschichte zu erzählen. Auf diesen ganzen zwölfhundert Meilen zwischen St. Louis und New Orleans gab es keine Seite, die nicht ein eigenes Interesse bot; keine, welche man ohne Verlust ungelesen lassen konnte; keine, die man Lust hatte zu überschlagen, im Wahne, an etwas anderem mehr Vergnügen zu finden. Es war ein Buch, so wundervoll, wie es nie von Menschenhänden geschrieben, von Menschenköpfen hätte erdacht werden können. Der gewöhnliche Reisende, welcher es nicht zu lesen verstand, erblickte vielleicht hin und wieder (wenn er überhaupt etwas derartiges erblickte!) ein leichtes, flüchtiges Zeichen auf seiner Oberfläche. Dem Steuermann war dieses Zeichen eine leuchtende Schrift und mehr als das, eine ganze Geschichte, gedruckt mit mächtigen Initialen, gesperrten Sätzen, und weithin sichtbaren Ausrufungszeichen, denn es sprach ihm von einer Sandbank, einem Riff oder einem in der Tiefe liegenden Wrack, die dort unten nach Schiff- und Menschenleben lechzten. Der gewöhnliche Reisende, der dieses Buch nicht zu lesen verstand, sah nichts als allerlei hübsche und freundliche Bilder, von der Sonne vergoldet, von den Wolken überschattet. Für den kundigen Mann am Rade war all dieses Bilderwerk der feierlichste, unerschöpflichste, tödlich ernsteste Lesestoff!
Als ich in dieser Weise endlich auch die Sprache des Wassers bemeistert hatte und mir endlich alles was zu dem großen Strom in irgend einer Beziehung stand, geläufig geworden war, wie mein ABC, da fühlte ich, daß ich einen wertvollen Schatz erworben hatte. Aber ich fühlte zugleich auch, daß ich etwas eingebüßt hatte, und zwar etwas, das mir, so lange ich lebe, nicht wieder zurückerstattet werden kann. Alle Anmut, alle Schönheit, aller poetischer Reiz waren für mich aus dem majestätischen Flusse geschwunden!
Noch heute bewahre ich aus jener Zeit, als ich ein Neuling auf dem Flusse war, das Andenken an einen ganz bestimmten wundervollen Sonnenuntergang. Eine breite Fläche des Wasserspiegels erschien zu Blut verwandelt. In der Mitte verklärte sich der rote Schimmer zu flammendem Gold, durch welches ein einsamer Baumstamm scharf abgezeichnet und schwarz dahintrieb. An einer Stelle zog sich ein leicht schäumender Streifen über die Flut; an einer andern war die glatte Fläche durch zitternde, sich ewig erneuende Kreise unterbrochen, die in allen Farben des Opals spielten. Das Ufer zur Rechten war dicht bewaldet, und die dunkeln Schatten, welche von dort aus ins Wasser fielen, wurden an einer Stelle von einem langen, gekräuselten Streifen unterbrochen, der wie Silber glitzerte. Aus dem Gehölz aber erhob sich ein mächtiger, abgestorbener Baumriese, dessen einziger noch belaubter Ast im ungebrochenen Sonnenlicht wie eine Flamme sprühte. Wo das Auge hinfiel, erblickte es anmutige Wellenlinien, bunte Spiegelbilder, bewaldete Höhen, weiche Uferumrisse. Und über dem allen gaukelten und zitterten wechselnde Lichter, welche den Gegenständen, die sie verklärten, mit jedem Moment neue Farbenwunder liehen.
Ich stand wie bezaubert. Ich sog es ein, in stummem Entzücken. Die Welt war wie neu für mich; ich hatte dergleichen daheim nie gesehen. Aber, wie ich schon sagte, -- es kam ein Tag, an dem ich aufhörte, ein waches Auge für all diese Pracht und all diese Reize zu haben, welche Sonne, Mond und Zwielicht über das Antlitz des Riesenstromes auszugießen wußten. Und dann kam noch ein Tag, an dem ich aufhörte, überhaupt ein Auge für sie zu haben. Jener Sonnenuntergang, der mich einst in so maßloses Entzücken versetzt hatte, würde mich jetzt nicht nur nicht mehr entzückt haben, sondern ich hätte ihn bloß noch betrachtet, um folgenden Kommentar daran zu knüpfen: »Diese blutige Sonne deutet an, daß wir morgen Wind haben werden; jener schwimmende Baumstamm, daß der Fluß steigt, jener zitternde Querstreif weist auf ein Sandriff, das nicht verfehlen wird, in einer der nächsten Nächte ein Schiff umzubringen; jene tanzenden Kreise im Wasser sagen an, daß sich dort ein neuer Fahrkanal bildet; und jener alte Baumriese mit dem einen belaubten Zweige winkt uns etwas wie ein letztes Lebewohl zu, -- und wer soll sich, wenn er niedergestürzt sein wird, ohne den alten wohlbekannten Wegweiser hier noch zurecht finden?«
Nein, -- mit der Romantik und der Schönheit des Flusses war es für mich auf ewig vorbei! Die mannigfachen Erscheinungen desselben hatten nur noch insoweit einen Wert für mich, als sie für die Leitung eines Dampfbootes in Betracht kamen. Das war alles.
Wie oft habe ich seitdem aus tiefstem Herzen den Mann der ärztlichen Wissenschaft beklagt! Wie häufig ist ihm nicht das holde Erröten auf den Wangen der Schönheit nichts andres als ein flüchtiges Phänomen, das über ein verstecktes tödliches Uebel hinzuckt! Sind ihm nicht die meisten ihrer sichtbaren Reize ebenso viele Verräter und Anzeichen verborgenen Verfalls! Ja, vermag er die Schönheit überhaupt noch zu sehen, und, wenn er sie sieht, anders als mit dem Blick des Fachmanns? Und fragt nicht auch er sich wieder und immer wieder: ob er durch den Erwerb all seiner Erkenntnis mehr gewonnen oder verloren hat?!
Ich vervollständige meine Ausbildung.
Wer so höflich war, die vorhergehenden Kapitel zu lesen, wird sich vielleicht wundern, daß ich das Lotsen als Wissenschaft so eingehend behandelt habe. Es war der Hauptzweck jener Kapitel und ich bin noch nicht ganz fertig damit; denn ich möchte aufs eingehendste beweisen, welch wunderbare Wissenschaft das Lotsen ist.
Die Schiffahrtskanäle werden mit Bojen und Leuchtfeuern versehen, und es ist deshalb ein vergleichsweise leichtes Unternehmen, sie kennen zu lernen und zu befahren; Flüsse mit klarem Wasser und Kiesgrund ändern ihr Fahrwasser sehr allmählich, und man braucht sie daher nur einmal zu ›lernen‹; das Lotsen wird aber eine ganz andere Sache, wenn es sich um ungeheure Ströme, wie den Mississippi und den Missouri, handelt, wo die angeschwemmten Ufer sich fortwährend aushöhlen und verändern, die treibenden Baumstämme fortwährend neue Plätze aufsuchen, die Sandbänke nie zur Ruhe kommen, das Fahrwasser ewig Winkelzüge und Abweichungen macht, und die Hindernisse bei jeder Dunkelheit und jedem Wetter bekämpft werden müssen -- ohne die Hilfe eines einzigen Leuchtturms oder einer einzigen Boje; denn auf dem drei- bis viertausend Meilen langen verwünschten Strome ist nirgends ein Leuchtfeuer oder eine Boje zu finden.[4] Ich fühlte mich berechtigt, mich über diese große Wissenschaft weitläufig zu verbreiten, weil ich überzeugt bin, daß niemals jemand, der selbst ein Dampfboot gelotst hat und also den Gegenstand praktisch kannte, einen Satz darüber geschrieben hat. Wäre das Thema abgedroschen, dann müßte ich mir Enthaltsamkeit auferlegen; da es aber ganz neu ist, glaube ich der Sache einen beträchtlichen Raum widmen zu dürfen.
[4] Seitdem ist das anders geworden.
* * * * *
Als ich Namen und Lage jedes sichtbaren Merkmals des Stromes gelernt hatte -- als ich seinen Lauf so bemeistert hatte, daß ich ihn mit geschlossenen Augen von St. Louis bis New Orleans verfolgen konnte -- als ich gelernt hatte, die Oberfläche des Wassers zu lesen, wie man die Neuigkeiten aus der Morgenzeitung herausfischt -- als ich schließlich mein stumpfes Gedächtnis soweit geschult hatte, daß es eine endlose Reihe von Lotungen und Kreuzungsmarken aufgespeichert hatte und festhielt, da glaubte ich, daß meine Ausbildung vollständig wäre: ich rückte also die Mütze auf die Seite und behielt am Steuerrad einen Zahnstocher im Munde. Bixby beobachtete mein dünkelhaftes Wesen. Eines Tages sagte er:
»Wie hoch ist jenes Ufer da drüben?«
»Wie soll ich das wissen? Es ist fast eine halbe Stunde entfernt.«
»Sehr schlechtes Auge, wahrhaftig! Nimm das Fernglas.«
Ich nahm es und bemerkte gleich darauf:
»Ich kann's nicht sagen. Meiner Ansicht nach ist jenes Ufer etwa anderthalb Fuß hoch!«
»Anderthalb Fuß? Ja -- _sechs_ Fuß! Wie hoch war es bei der letzten Fahrt?«
»Das weiß ich nicht; ich habe nicht darauf geachtet.«
»Nicht? Du mußt von nun an immer darauf acht geben.«
»Weshalb?«
»Weil du eine Menge Dinge wissen mußt, die es dir offenbart. Es giebt dir zum Beispiel den Stand des Flusses an -- sagt dir, ob mehr oder weniger Wasser hier ist, als bei der letzten Reise.«
»Nun, das sagt mir das Lot.« Ich glaubte, ihn damit entwaffnet zu haben.
»Ja, aber wenn das Lot lügt? Das sagt dir das Ufer und dann gehst du hin und rüttelst den Mann am Lot aus seinem Dusel auf. Bei der letzten Fahrt war das Ufer zehn, jetzt ist es nur noch sechs Fuß hoch; was bedeutet das?«
»Daß der Fluß seitdem um vier Fuß gestiegen ist.«
»Ganz recht. Steigt oder fällt der Fluß?«
»Er steigt.«
»Nein, er steigt nicht.«
»Ich glaube, ich habe recht, Sir. Dort treibt Holz den Strom herab.«
»Ein Ansteigen setzt das Treibholz in Bewegung, aber wohlverstanden, es schwimmt noch eine Zeitlang fort, nachdem der Strom aufgehört hat zu steigen. Und darüber wird das Ufer dich aufklären. Warte, bis wir an eine Stelle kommen, wo es nur wenig abschüssig ist -- hier jetzt! siehst du diesen schmalen Streifen feinen Niederschlages? Der hat sich abgelagert als das Wasser höher stand. Auch siehst du wohl, daß das Holz allmählich strandet. Das Ufer belehrt auch noch in anderer Weise. Siehst du den Baumstumpf auf der ›falschen Landspitze‹?«
»Ja, Sir.«
»Nun, das Wasser reicht gerade bis an seine Wurzeln. Das mußt du dir notieren.«
»Weshalb?«
»Weil das bedeutet, daß in der Passage 103 sieben Fuß Wasser stehen.«
»Aber 103 ist ja noch eine große Strecke weiter flußaufwärts.«
»Da zeigt sich eben die Wohlthat des Ufers. _Jetzt_ ist Wasser genug in 103, vielleicht aber nicht mehr, wenn wir hinkommen; aber das Ufer wird uns darüber auf dem Laufenden erhalten. Bei fallendem Fluß fährt man stromaufwärts überhaupt durch keine schmalen Durchlässe, und stromabwärts darf man nur äußerst wenige passieren; das ist gegen die Gesetze der Vereinigten Staaten. Der Strom kann vielleicht steigen, bis wir nach 103 kommen, und in diesem Falle werden wir hindurchfahren. Wieviel Tiefgang haben wir?«
»Sechs Fuß hinten -- sechseinhalb vorn.«
»Nun, du scheinst doch etwas zu wissen.«
»Was ich vor allem wissen möchte ist aber, ob ich fortwährend, jahraus jahrein, die zwölfhundert Meilen dieses Ufers messen muß?«
»Natürlich.«
Meine Stimmung war eine Zeitlang zu erregt für Worte; endlich sagte ich:
»Und wie ist es mit den Durchlässen? Giebt es deren viele?«
»Das will ich meinen. Ich glaube, wir werden auf dieser Fahrt keinen einzigen so durchfahren, wie du es bisher gesehen hast. Wenn der Strom wieder zu steigen anfängt, werden wir über Sandbänke hinwegfahren, die du bisher stets hoch und trocken wie das Dach eines Hauses aus dem Wasser emporragen sahest; wir werden seichte Stellen passieren, die du noch nie überhaupt beobachtet hast, mitten durch Sandbänke, die dreihundert Morgen bedecken; wir werden durch Spalte kriechen, wo du stets festes Land vermutetest; wir werden durch die Wälder dampfen, den Strom in einer Breite von fünfundzwanzig englischen Meilen auf einer Seite lassen und die Rückseite jeder Insel zwischen New Orleans und Kairo sehen.«
»Dann muß ich mich dahintermachen und noch genau ebensoviel vom Strome lernen, wie ich bereits weiß.«
»Gerade noch zweimal so viel, sofern es dir möglich ist.«
»Nun, man lebt ja, um zu lernen. Allein mir scheint, ich war ein Narr, als ich mich auf dies Geschäft einließ.«
»Ja, das ist wahr, und du bist's noch, wirst's aber nicht mehr sein, wenn du es gelernt hast.«
»Ach, ich werde es niemals lernen.«
»Ich will sehen, daß du es doch lernst.«
Bald darauf wagte ich eine weitere Frage: --
»Muß ich das alles gerade so lernen, wie ich den Rest des Stromes kenne, -- Gestaltung und alles, -- so daß ich auch bei Nacht darnach steuern kann?«
»Ja. Und du mußt gute, zuverlässige Merkzeichen von einem Ende des Stromes zum andern haben, die dir in Verbindung mit dem Ufer sagen werden, ob Wasser genug auf jeder dieser zahllosen Stellen ist -- wie jener Baumstumpf, weißt du. Wenn der Strom zu steigen anfängt, kann man ein halbes Dutzend der tiefsten Durchlässe durchfahren; steigt er einen Fuß weiter, ein weiteres Dutzend; beim nächsten Fuß kommen ein paar Dutzend dazu, und so fort: Du siehst also, daß du deine Ufer und Merkzeichen unbedingt sicher kennen mußt und sie nie miteinander verwechseln darfst! denn wenn du einmal in eine dieser Engen hineingefahren bist, kannst du nicht mehr zurück wie im großen Strom; du mußt hindurch oder ein halbes Jahr dort bleiben, wenn du vom fallenden Wasser überrascht wirst. Etwa fünfzig dieser Engen kannst du überhaupt nur dann passieren, wenn der Strom zum Ueberlaufen voll, oder über die Ufer getreten ist.«
»Diese neue Lehre ist eine heitere Aussicht.«
»Allerdings. Und beachte, was ich dir soeben gesagt habe; wenn du in eine dieser Engen einfährst, mußt du hindurch. Sie sind zu schmal zum Wenden, zu gekrümmt zum Rückwärtsherausfahren, und das seichte Wasser _ist immer am oberen Ende_, nie anderswo. Und es ist immer anzunehmen, daß das obere Ende sich ganz allmählich auffüllt, so daß die Marken, nach denen du jetzt ihre Tiefe berechnest, in der nächsten Saison vielleicht nicht zutreffen.«
»Ich muß also jedes Jahr das Alphabet von neuem lernen?«
»Versteht sich! Steure nahe an die Sandbank hinan! Weshalb fährst du mitten im Strom?«
Die nächsten paar Monate zeigten mir seltsame Dinge. An demselben Tage, als diese Unterredung stattfand, begann der Strom von oben herab stark zu steigen. Die ganze weite Wasserfläche war schwarz von treibenden Baumstämmen, abgebrochenen Aesten und starken Bäumen, die unterspült und weggewaschen worden waren. Es bedurfte des sorgfältigsten Steuerns, um den Weg durch dieses in Bewegung befindliche Floß zu suchen, selbst bei Tage, wenn man von einer Landspitze nach der andern hinübersteuerte; bei Nacht war die Schwierigkeit noch bedeutend größer; hie und da erschien plötzlich ein ungeheurer, tief im Wasser treibender Baumstamm gerade unter unserm Bug, mit dem einen Ende voran. Es war unnütz, ihm ausweichen zu wollen, wir konnten bloß die Maschinen stoppen; dann ging eines der Schaufelräder von einem Ende zum andern mit donnerndem Getöse über den Baumstamm, wobei das Schiff sich in einer Weise überlegte, die den Passagieren sehr unangenehm war. Hin und wieder versetzten wir einem dieser halb gesunkenen Stämme unter vollem Dampf einen krachenden Stoß gerade in die Mitte, wobei das Boot erzitterte, als wäre es auf einen Kontinent gestoßen. Manchmal blieb dieser Klotz dann quer vor dem Steven liegen; dann mußten wir krebsartig ein wenig zurückfahren, um von dem Hindernis freizukommen. Im Dunkeln stießen wir oft auf weiße Stämme, denn wir sahen sie nicht eher, als bis wir auf ihnen waren; ein schwarzer Stamm ist dagegen bei Nacht ziemlich deutlich sichtbar. Ein weißer Baumstamm ist ein unangenehmer Kunde, wenn das Tageslicht verschwunden ist.
Selbstverständlich kam bei dem großen Steigen des Flusses ein Schwarm von ungeheuren Holzflößen von den oberen Gewässern des Mississippi herab, sowie Kohlenleichter von Pittsburg, kleine Handelsfahrzeuge von überall her, und breite Flachboote von Posey County in Indiana, die letzteren meist mit Früchten beladen. Die Lotsen hegten einen tödlichen Haß gegen diese Fahrzeuge, was deren Schiffer mit reichen Zinsen vergalten. Das Gesetz verlangte, daß alle diese unbeholfenen Handelsfahrzeuge ein Licht führten; allein das war eine Verordnung, die nur zu oft unbeachtet blieb. In dunkler Nacht tauchte plötzlich dicht unter unserem Auge ein Licht auf, worauf dann eine heisere Stimme im Hinterwäldler-Jargon zu rufen pflegte:
»In des T-- Namen, wohin steuert ihr? Könnt ihr nicht sehen, ihr verd-- Maulbeeren fressenden Schafe, ihr einäugigen Söhne eines ausgestopften Affen?«
Während wir vorbeischossen, enthüllte uns dann die rote Glut unter den Kesseln wie der Blitz auf einen Augenblick das Flachboot und die Gestalt des gestikulierenden Redners, und in demselben Momente pflegten unsere Heizer und Deckleute eine Wolke von Wurfgegenständen und einen Hagel von Schimpfworten zu empfangen und fortzusenden, worauf dann eines unserer Schaufelräder gewöhnlich die Bruchstücke des zertrümmerten Steuerremens mit fortnahm und alles wieder von schwarzer Dunkelheit eingehüllt war. Und sicherlich ging dann der Besitzer jenes Flachbootes nach New Orleans, um unseren Dampfer zu verklagen und auf das entschiedenste zu beschwören, daß er zu der betreffenden Zeit ein Licht brennen gehabt habe, während in Wirklichkeit seine Mannschaft, um zu spielen, zu singen und zu trinken, die Laterne in die Kajüte genommen, aber keine Wache an Deck gehalten hatte. Einmal hätten wir nachts in einer jener vom Wald begrenzten Passagen hinter einer Insel, welche von den Dampfbootleuten als »so dunkel, wie das Innere einer Kuh« beschrieben werden, beinahe eine ganze Familie aus Posey County nebst ihrer Ladung in den Grund gebohrt, wenn nicht zufällig in der Kajüte auf einer Fiedel gespielt worden wäre und wir nicht den Schall der Musik noch eben rechtzeitig gehört hätten, um abscheren zu können, wobei leider kein ernsthafter Schaden angerichtet wurde, wir jedoch so nahe kamen, daß wir einen Augenblick die schönste Hoffnung in dieser Beziehung hatten. Selbstverständlich brachten die Leute dann ihre Laterne an Deck, wo sie die ganze Familie -- beide Geschlechter verschiedenen Alters -- beleuchtete, während wir bei ihrem Fluchen mit der Maschine vorwärts und rückwärts arbeiteten, um frei zu kommen. Ein anderesmal schickte uns ein Kohlenschiffer eine Kugel durch das Steuerhaus, als wir uns an einer sehr engen Stelle einen Steuerremen von ihm geborgt hatten.
Ich nehme einige Extrastunden.
Während dieses starken Steigens des Flusses waren die kleinen Fahrzeuge eine unausstehliche Plage. Wir passierten eine Enge nach der andern -- eine neue Welt für mich, -- und wenn in einer engen Passage eine recht schwierige Stelle sich befand, durften wir mit ziemlicher Gewißheit erwarten, dort ein Flachboot zu treffen; und wenn nicht dort, dann gewiß an einer noch schlimmeren Stelle, nämlich am oberen Ende der Enge, im seichtesten Wasser. Und dann fand ein endloser Austausch liebreicher Zurufe statt.
Manchmal, wenn wir draußen auf dem großen Strom vorsichtig unseren Weg durch den Nebel hin fühlten, wurde plötzlich die tiefe Stille durch gellendes Geschrei und das Klappern von Blechpfannen unterbrochen, und einen Augenblick später zeigte sich unklar durch den Nebelschleier dicht vor uns ein Holzfloß. Da warteten wir dann nicht lange, sondern rissen heftig an den Maschinenglocken und wandten allen Dampf an, um aus dem Wege zu kommen! Man stößt mit einem Dampfboot nicht gern auf einen Felsen oder auf ein solides Holzfloß, wenn man es vermeiden kann.
Es mag seltsam erscheinen, -- aber häufig führten die Buchhalter auf den Dampfbooten in jenen vergangenen Zeiten des Dampfbootfahrens eine große Auswahl von religiösen Traktätchen bei sich. Wohl ein dutzendmal an einem Tage kämpften wir uns aufwärts durch die schwierigsten Passagen, während uns eine Menge dieser kleinen Racker von Fahrzeugen, welche von oben den engen Kanal herabfuhren, die Arbeit noch mehr erschwerten; da stieß blitzschnell ein Kahn von einem derselben ab und bahnte sich mühsam kämpfend einen Weg durch die Wasserwüste. Im Schatten unseres Buges drehte er bei und die keuchenden Ruderer riefen: »Gebt uns eine Zeitung!« während der Kahn rasch an uns vorbeiglitt. Der Buchhalter warf ihnen ein Päckchen New Orleanser Zeitungen hinüber. Wurden diese _ohne Bemerkung_ aufgenommen, dann konnte man wahrnehmen, daß nunmehr ein Dutzend anderer Boote auf uns zutrieb, ohne etwas zu sagen. Sie hatten abgewartet, wie es Nr. 1 gehen würde. Da Nr. 1 keine Bemerkung machte, legten sich die übrigen alle in die Ruder und kamen nun heran; und so schnell sie kamen, warf der Buchhalter ihnen kleine Päckchen religiöser Traktätchen, auf ein flaches Stück Holz gebunden, zu. Es ist einfach unglaublich, welche Menge schwerer Flüche zwölf Päckchen mit religiöser Litteratur hervorrufen, wenn sie unparteiisch an die Mannschaften von zwölf Flößen verteilt werden, die eigens deshalb an einem heißen Tag eine Stunde weit gerudert haben.
Wie schon gesagt, brachte das starke Steigen des Flusses eine neue Welt in meinen Gesichtskreis. Sobald der Strom über seine Ufer getreten war, hatten wir unsere alten Pfade verlassen und kletterten stündlich über Sandbänke, die vorher zehn Fuß aus dem Wasser emporgeragt hatten; wir fuhren dicht an steilen Ufern hin, wie z. B. am unteren Ende von Madrid Bend, die ich vorher immer hatte meiden sehen; wir steuerten durch Engen wie die von 82, wo die Einfahrt am unteren Ende eine ununterbrochene Waldmauer war, daß wir sie fast mit dem Buge berührten. In einigen dieser Engpässe glaubte man sich in einen Urwald versetzt. Dichter, jungfräulicher Wald hing über beide Ufer des gewundenen Fahrpasses und man erhielt den Eindruck, als ob noch nie ein menschliches Wesen hier eingedrungen sei. Hängende Weinreben schlangen sich von Baum zu Baum, schimmernde Lichtungen und grüne Winkel zeigten sich dem Blick beim Vorüberdampfen; blühende Schlingpflanzen, deren rote Blüten sich auf den Gipfeln abgestorbener Bäume wiegten; der ganze Reichtum des Waldlaubwerks schien hier mit verschwenderischer Hand ausgestreut. In den engen Durchfahrten steuerte sich's prächtig, sie waren tief, ausgenommen am oberen Ende; die Strömung war schwach; unterhalb der Landspitzen stand das Wasser geradezu stille; die steilen Ufer waren in dichtes Weidengebüsch eingehüllt, welches weit in den Fluß hineinragte, so daß das Boot beim Vorüberfahren zur Hälfte in demselben begraben war.