Auf dem Mississippi; Nach dem fernen Westen

Part 18

Chapter 183,500 wordsPublic domain

Ungefähr achtzig Ponyreiter saßen beständig im Sattel, Nacht und Tag, und bildeten eine lange, durch weite Strecken unterbrochene Linie vom Missouri bis nach Kalifornien; vierzig derselben flogen gen Osten und ebenso viele gen Westen, und vierhundert feurige Pferde verdienten sich unter diesen Reitern mit Anspannung aller Kräfte ihr Futter und bekamen dabei jeden Tag im Jahr ihr schönes Stück Gegend zu sehen.

Wir hatten von Anfang an den ungeduldigen Wunsch gehegt, einen Ponyreiter zu sehen, aber aus irgend welchem Grunde traf es sich stets, daß dieselben, mochten sie von hinten an uns vorbei oder uns entgegen kommen, während der Nacht vorüberschossen, so daß wir immer nur einen Husch und ein Hallo vernahmen und das flüchtige Wüstenphantom bereits entschwunden war, ehe wir den Kopf aus dem Fenster stecken konnten. Aber nun war jeden Augenblick einer zu erwarten, den wir bei hellem Tag zu sehen bekommen sollten. Eben ruft auch schon der Postillon: »Da kommt er!« Alle Hälse recken sich länger und alle Augen öffnen sich weiter. Weit weg jenseits der endlosen, toten Fläche der Prairie erscheint ein schwarzer Punkt am Himmelsrande, der sich sichtlich fortbewegt. Nun, und wie! Binnen einer oder zwei Sekunden wird Roß und Reiter daraus, auf und ab geht es, auf und ab -- immer näher stürmt es auf uns zu -- immer deutlicher wird es, immer schärfer umrissen -- noch immer näher kommt es, und das Klappern der Hufe schlägt schwach an unser Ohr -- noch einen Augenblick, und vom Dach unseres Wagens herab erschallt ein Hussa und ein Hurra, das der Reiter nur durch ein Winken mit der Hand erwidert, dabei sausen Roß und Reiter an unsern aufgeregten Blicken vorüber und fliegen wirbelnd dahin, wie ein verspätetes Herbstblatt im Sturm. So schnell geht alles, so ganz wie eine Geistererscheinung, daß wir ohne die Flocke weißen Schaums, die zitternd und zerfließend noch an einem der Postbeutel hing, nachdem die Erscheinung vorübergehuscht war, vielleicht allen Ernstes im Zweifel gewesen wären, ob wir überhaupt wirklich ein Pferd mit einem Reiter darauf gesehen.

* * * * *

Nun rasselten wir allmählich durch den Paß von Skotts Bluffs. Hier in der Gegend trafen wir irgendwo zum erstenmal auf echtes unverkennbares Alkaliwasser auf der Straße, das wir als eine Kuriosität ersten Ranges, die sich in den Briefen an die armen Ofenhocker zu Hause mit Eklat anbringen ließ, jubelnd begrüßten. Dieses Wasser ließ die Straße wie seifig erscheinen, und an vielen Stellen sah der Boden aus, als wäre er weiß getüncht. Ich glaube, das merkwürdige Alkaliwasser regte uns mindestens ebenso sehr auf, als irgend eines der Wunder, auf die wir zuvor gestoßen waren, und nachdem wir es in das Inventarium der Dinge aufgenommen, die wir gesehen hatten und andere Leute nicht, waren wir darüber voll selbstgefälliger Einbildung und sahen unser ganzes Lebensschicksal mit zufriedeneren Augen an als zuvor. Wir waren im kleinen ganz dieselben einfältigen Narren, wie die Leute, die unnötigerweise die gefährlichen Kuppen des Montblanc und Matterhorn erklettern, ohne einen andern Genuß davon zu haben als das Bewußtsein, daß es keine gewöhnliche Leistung ist. Aber manchmal gleitet auch einer von diesen Bergfexen aus und saust auf dem Sitzfleisch die ganze Länge der Bergabhänge herunter, daß der gefrorene Schnee hinter ihm raucht, fliegt von Absatz zu Absatz, von Terrasse zu Terrasse, so daß er jedesmal den Boden aufwühlt an den Stellen, wo er aufschlägt; dann glitscht er abermals aus und fliegt weiter, wobei er sich alle Augenblicke einen Eiszapfen in den Leib rennt und seine Kleider in Fetzen reißt; indem er nach irgend einem Gegenstand hascht, um sich zu retten, hält er sich an den Bäumen fest, die er dann samt den Wurzeln und allem sonstigen Zubehör mit sich fortreißt, bringt zuerst da und dort ein kleines Felsstück, dann immer stärkere Brocken, endlich ganze Eis- und Schneefelder und ganze Streifen Wald ins Rollen und sammelt auf seiner Fahrt immer mehr um sich an, bis er schließlich inmitten einer riesenhaften Masse an einem dreitausend Fuß tiefen Abgrunde anlangt, um unter stolzem Hutschwenken auf dem Rücken einer mächtig niederdonnernden Lawine der Ewigkeit zuzureiten!

Das ist alles recht schön, aber wir wollen uns nicht von der Aufregung hinreißen lassen, sondern uns in aller Ruhe die Frage vorlegen, wie es wohl so jemand am Tage nachher bei kühlerem Blute zu Mut ist, wenn er sechs oder siebentausend Fuß tief unter Schnee und Geröll begraben liegt?

Wir fuhren jetzt über die Sandhügel hin, in deren Nähe im Jahre 1856 der Ueberfall der Post und das Blutbad durch die Indianer stattfand, wobei der Postillon und der Kondukteur sowie sämtliche Fahrgäste bis auf einen einzigen umgekommen sein sollen; letzteres muß übrigens auf Irrtum beruhen, denn ich habe in der Folge zu verschiedenen Zeiten an der Küste des stillen Oceans mit vielleicht hundertdrei- oder -vierunddreißig verschiedenen Leuten Bekanntschaft gemacht, die alle bei dem Blutbad verwundet worden und kaum mit dem Leben davon gekommen waren. Ein Zweifel an der Wahrheit war in keinem dieser Fälle möglich, -- ich hatte es jedesmal aus des Betreffenden eigenen Munde. Einer der Herren erzählte mir, er sei nahezu sieben Jahre lang nach dem Blutbad immer noch auf Pfeilspitzen in seinem Körper gestoßen, und ein anderer berichtete, er sei dermaßen mit Pfeilen gespickt gewesen, daß er nach dem Abzug der Indianer, als er wieder auf die Beine gekommen und sich habe betrachten können, die Thränen nicht zurückzuhalten vermocht habe, -- sein Anzug sei nämlich gänzlich zu Grunde gerichtet gewesen.

Die glaubwürdigste Ueberlieferung versichert, es habe nur ein Mann Namens Babbitt das Blutbad überlebt, und zwar mit einer lebensgefährlichen Verwundung. Auf den Händen und dem einen Knie (sein eines Bein war gebrochen) schleppte er sich mehrere Meilen weit bis an eine Station. Er vollbrachte dies stückweise in zwei aufeinanderfolgenden Nächten, wobei er sich einen Tag ganz und den andern zum Teil versteckt hielt und über vierzig Stunden lang durch Hunger, Durst und Schmerzen unbeschreibliche Qualen litt. Die Indianer plünderten die Post vollständig aus, wobei ihnen ein nicht unbedeutender Betrag an Wertsachen und Geld in die Hände fiel.

Neuntes Kapitel.

Nachts kamen wir durch Fort Laramie und am siebenten Morgen unserer Fahrt befanden wir uns in den Schwarzen Bergen, wo -- scheinbar dicht neben uns -- der Laramie Peak in gewaltiger Einsamkeit aufstieg; in tiefem dunklem vollem Indigoblau starrte uns der alte Koloß unter den seine Stirn umschattenden Gewitterwolken hervor mächtig entgegen. In Wirklichkeit war er dreißig oder vierzig Meilen weit weg, aber es schien, als stünde er nur ein kleines Stück hinter dem niedrigen Höhenzug zu unserer Rechten. Das Frühstück nahmen wir an der Horseshoe-Station ein, sechshundertsechsundsiebzig Meilen von St. Joseph entfernt. Wir waren jetzt auf feindliches Indianergebiet gekommen und fuhren am Nachmittag an der Laparelle-Station vorbei, in deren Nähe es uns fortwährend recht unbehaglich zu Mute war; wußten wir doch, daß oft hinter einem der Bäume, an denen wir auf Armeslänge vorüberfuhren, ein oder zwei Indianer auf der Lauer standen. Gerade die Nacht vorher hatte ein Wilder aus dem Hinterhalt dem Ponyreiter eine Kugel durch die Jacke gejagt; dieser war aber trotzdem ganz ruhig weiter geritten, denn ein Ponyreiter darf sich mit der Untersuchung eines derartigen Vorkommnisses nur in dem Fall aufhalten, daß er totgeschossen wird. So lange er noch lebendig genug war, hatte er am Pferde festzukleben und weiter zu reiten. Vielleicht zweieinhalb Stunden vor unserer Ankunft an der Laparelle-Station hatte der dortige Wirt viermal auf einen Indianer gefeuert, allein dieser sei, fügte er mit gekränkter Miene hinzu, »so flink herumgetanzt, daß er ihm alles verdorben habe -- und dabei sei die Munition so verteufelt rar.« Offenbar wollte er durch diese Ausdrucksweise andeuten, der Indianer habe sich mit seinem ›Herumtanzen‹ einen unerlaubten Vorteil verschafft. Unser Postwagen hatte -- als Andenken an seine letzte Fahrt durch diese Gegend -- im Vorderteil ein allerliebstes Loch. Die Kugel, von der es herrührte, hatte den Postillon gestreift, allein dieser machte sich nicht viel daraus. Er meinte, die richtige Gegend, um einen ›dickköpfig‹ zu machen, sei die südliche Ueberlandroute gewesen durch das Apachengebiet, ehe die Gesellschaft die Linie weiter nach Norden verlegt habe. Die Apachen hätten ihm die ganze Zeit da unten keine Ruhe gelassen, so daß er nahe daran gewesen sei, mitten im Ueberfluß Hungers zu sterben, denn sie hätten ihn mit Kugeln durchlöchert wie ein Sieb, so daß er »seine Nahrung nicht mehr habe bei sich behalten können« -- eine Schilderung, die keinen ausnahmslosen Glauben fand.

In dieser ersten Nacht auf feindlichem Indianergebiet zogen wir die Vorhänge möglichst dicht zu und legten uns auf unsere Waffen. Manchmal schliefen wir auf denselben ein, meist aber lagen wir bloß darauf. Wir sprachen nicht viel, sondern hielten uns still und lauschten. Es war eine rabenschwarze, zeitweise regnerische Nacht. Wir steckten dermaßen zwischen lauter Wäldern, Felsen, Hügeln und Abgründen drin, daß wir beim Hinausschielen durch einen Schlitz in einem der Vorhänge schlechterdings nichts zu unterscheiden vermochten. Postillon und Kondukteur saßen ebenfalls stumm auf ihrem Bock oder sprachen höchstens in langen Zwischenräumen und mit gedämpfter Stimme, wie man zu thun pflegt, wenn man sich von unsichtbarer Gefahr umgeben weiß. Wir hörten dem Regen, der auf das Wagendach herabtropfte, dem Knirschen der Räder in dem kotigen Kies und dem dumpfen Heulen des Windes zu, und dabei wurden wir die ganze Zeit über die unsinnige Vorstellung nicht los, die mit einer nächtlichen Fahrt in dichtverhängtem Fuhrwerk stets untrennbar verbunden ist, daß wir nämlich unverrückt auf der Stelle stehen blieben trotz allem Stoßen und Schaukeln des Wagens, dem Trappeln der Pferde und dem Knarren der Räder. Lange horchten wir mit Anspannung aller Sinne und mit zurückgehaltenem Atem; wollte dann einer von uns erlahmen und mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung ein paar Worte reden, so stieß gewiß einer der Gefährten plötzlich ein ›Horcht!‹ hervor, worauf der Betreffende augenblicklich wieder starr dasaß und horchte. So schleppten sich die Minuten und Viertelstunden in ermüdendem Gange hin, bis zuletzt unsere angespannten Glieder von einer dumpfen Betäubung ergriffen wurden und wir einschliefen -- woferne man unsern Zustand mit diesem starken Ausdruck bezeichnen darf; denn es war ein Schlaf mit dem Finger am Drücker der Pistole; ein Schlaf, in welchem die Fetzen und Bruchstücke unheimlicher ängstlicher Träume durcheinander wirbelten -- das reinste Chaos. Plötzlich wurden Träume und Schlaf samt der düsteren nächtlichen Stille durch einen lauten Knall verscheucht, dem ein langer wilder Todesschrei folgte! Dann hörten wir nur zehn Schritt weit vom Wagen rufen:

»Hilfe! Hilfe! Hilfe!« Es war die Stimme des Postillons.

»Schlagt ihn tot, schlagt ihn tot wie einen Hund!«

»Man will mich umbringen! Leiht mir denn niemand ein Pistol?«

»Seht euch vor! Wehrt ihn ab, wehrt ihn ab!«

Dann zwei Pistolenschüsse; Stimmengewirr und ein Getrappel, wie wenn sich eine Menschenmenge um etwas drängt; mehrere schwere dumpfe Schläge wie mit einer Keule; dann eine flehende Stimme: »Lassen Sie mich, meine Herren, ach, lassen Sie mich -- ich bin ja schon tot!« Nun ein schwächeres Stöhnen und noch ein Schlag, und fort jagte die Post in die finstere Nacht hinein und ließ das gräßliche Geheimnis hinter uns.

Was für ein Schreck das war! Kaum acht Sekunden, vielleicht nur fünf, hatte der ganze Auftritt in Anspruch genommen. Wir hatten nur Zeit, an einen der Vorhänge zu stürzen und ihn in ungeschickter, verwirrter Hast teilweise loszuschnallen und aufzuknüpfen, als ein scharfer Peitschenknall über unsern Köpfen erklang und wir mit Donnergepolter einen Berggrat hinabrollten. Die ganze Nacht vollends lebten wir von diesem Geheimnis -- sie ging übrigens bereits rasch ihrem Ende zu. Ein Geheimnis mußte es vorerst noch bleiben, denn alles, was wir vom Kondukteur als Antwort auf unsere Zurufe bekommen konnten, klang durch das Klappern der Räder hindurch ungefähr wie: »Erzähl' es Ihnen morgen früh!«

So steckten wir denn unsere Pfeifen an, stellten in einer Ecke oben am Vorhang eine Abzugsöffnung für den Rauch her und ein jeder erzählte dann, während wir im Finstern dalagen, wie es ihm zu Mute gewesen, wie viele Indianer seiner ersten Vorstellung nach auf uns losgestürzt seien, welcher darauffolgenden Laute er sich erinnern könne und wie dieselben der Zeit nach auf einander gekommen seien. Wir schmiedeten auch Hypothesen, doch waren wir nicht imstande, eine aufzutreiben, die es uns erklärt hätte, daß wir unsern Postillon abseits vom Wagen hatten sprechen hören, und daß die indianischen Mordgesellen ein so gutes Englisch gesprochen hatten, vorausgesetzt, daß es überhaupt Indianer gewesen.

So schwatzten und rauchten wir den Rest der Nacht vollends gemütlich durch; unsere ahnungsvolle Aengstlichkeit war nämlich auf einmal ganz merkwürdig verflogen, seit wir einen wirklichen Anlaß zum Schrecken hatten.

Einen völlig befriedigenden Aufschluß über den geheimnisvollen Vorgang erhielten wir niemals. Alles, was wir uns aus den stückweisen, abgerissenen Mitteilungen, die wir am Morgen erhaschten, zusammenzureimen vermochten, war, daß der Auflauf an einer Station stattfand, wo die Postillone wechselten, und daß der abgehende Postillon über irgend einen der Galgenvögel, die die dortige Gegend unsicher machten, (wie unser Kondukteur meinte, gab es nämlich dort herum keinen einzigen Menschen, auf dessen Kopf nicht ein Preis gesetzt gewesen wäre und der sich in den Ansiedelungen hätte sehen lassen dürfen) sich rücksichtslos geäußert hatte.

»Er hatte sein Maul gehen lassen über diese Kerle und hätte deshalb beim Anfahren das Pistol mit gespanntem Hahn neben sich hinlegen sollen und zuerst anfangen zu schießen; denn das mußte ja jeder Schafskopf wissen, daß sie ihm auflauern würden.«

Dies war alles, was wir herausbekommen konnten, und wir sahen wohl, daß weder der Postillon noch der Kondukteur viel Aufhebens von der Sache machten. Offenbar hatten sie keine große Achtung vor jemand, der sich beleidigend über die Leute äußerte und dann einfältig genug war, ihnen unter die Augen zu treten, ohne ›zur Vertretung seiner Meinung‹ bereit zu sein -- mit diesem zarten Ausdruck bezeichneten sie das Niederschießen jedes beliebigen Nebenmenschen, dem jene Meinung nicht behagte. Und desgleichen flößte ihnen der Unverstand des Mannes, der es wagen konnte, den Grimm solcher Bestien wie dieser Auswurf der Gesellschaft, zu reizen, offenbar Geringschätzung ein, und der Kondukteur setzte zum Schluß noch hinzu:

»Ich sage Ihnen, das heißt ja sich gerade so viel getrauen, wie wenn er _Slade_ selber wäre.«

Diese Bemerkung gab meiner Neugier eine völlig neue Richtung. Ich kümmerte mich nicht mehr um die Indianer und hatte selbst für den ermordeten Postillon kein Interesse mehr. Eine solche Zauberkraft lag in dem Namen Slade! Tag und Nacht war ich von nun an stets bereit, jeden Gesprächsgegenstand ohne weiteres fallen zu lassen, um einem neuen Bericht über Slade und seine furchtbaren Thaten zu lauschen. Schon vor unserer Ankunft in Overland City hatten wir von Slade und seiner Abteilung (er war nämlich Abteilungsagent der Ueberlandpost) vernommen, und seit unserer Abfahrt von dort drehte sich die Unterhaltung unserer Postillone und Kondukteure nur noch ausschließlich um dreierlei: Kalifornien, die Silbergruben in Nevada und diesen verzweifelten Gesellen Slade. Und dabei nahm dieser letztere den breitesten Raum ein. Wir waren allmählich zu der unerschütterlichen Ueberzeugung gelangt, daß Slade ein Mensch war, der Herz, Hände, ja seine ganze Seele in das Blut eines jeden tauchte, der seinem Selbstbewußtsein zu nahe trat; ein Mensch, der für Beleidigungen, Kränkungen, Schmähungen oder Geringschätzung irgend welcher Art furchtbare Rache nahm -- wenn möglich auf der Stelle, aber auch nach Jahr und Tag erst, falls es sich nicht früher schicken wollte; ein Mensch, dem der Haß Tag und Nacht keine Ruhe ließ, bis er seine Rache gesättigt hatte -- und zwar genügte ihm dazu nur eines: des Feindes unbedingter Tod -- nichts Geringeres; ein Mensch, dessen Züge in schrecklicher Freude aufleuchteten, wenn er einen Feind überraschte und sich im Vorteil demselben gegenüber befand. Ein hoher und tüchtiger Angestellter der Ueberlandpost, selbst zum Auswurf der Gesellschaft gehörig und trotzdem die unbarmherzige Geißel dieses Gesindels, war Slade zugleich der blutigste, gefährlichste und wertvollste Bürger, den die wilden Felsennester des Gebirges beherbergten.

Zehntes Kapitel.

Bereits seit dem Tage vor unserem Eintreffen in Julesburg hatten sich gewiß und wahrhaftig zwei Drittel dessen, was Kutscher und Kondukteur sprachen, mit Slade beschäftigt. Um nun dem Leser ein deutliches Bild von einem ›Desperado‹ des Felsengebirges auf der höchsten Stufe seiner Entwickelung zu verschaffen, will ich die ganze Masse von Geschichten, die bei der Ueberlandpost über denselben im Umlauf sind, im Nachstehenden zu einer zusammenhängenden Erzählung zusammenfassen:

Slade stammte aus Illinois, von achtbaren Eltern. Mit ungefähr sechsundzwanzig Jahren erschlug er jemand im Streite und floh aus dem Land. In St. Joseph im Staat Missouri schloß er sich einem der ersten Auswandererzüge nach Kalifornien an und wurde mit dessen Führung betraut. Eines Tages bekam er auf der Prairie einen heftigen Zank mit einem seiner Fuhrleute und beide zogen den Revolver heraus. Der Fuhrmann war jedoch der flinkere Künstler und hatte den Hahn an seiner Waffe zuerst gespannt. Deshalb meinte Slade, es sei doch nicht der Mühe wert, einander wegen einer solchen Kleinigkeit die Hälse zu brechen und schlug vor, die Pistolen wegzuwerfen und den Streit mit den Fäusten auszumachen. Arglos ging der Fuhrmann darauf ein und ließ seine Pistole fallen, -- worauf ihn Slade unter höhnischem Lachen über seine Einfalt einfach über den Haufen schoß!

Er machte sich daraufhin flüchtig und führte eine Zeit lang ein wildes Leben, das er zur Hälfte mit Indianerkämpfen und zur andern Hälfte mit dem Bestreben zubrachte, einem Gerichtsbeamten des Staates Illinois auszuweichen, der behufs seiner Festnahme wegen seiner ersten Mordthat gegen ihn ausgesandt worden war. Damals soll er in einem Kampfe mit Indianern drei Wilde mit eigener Hand getötet und nachher deren abgeschnittene Ohren dem Häuptling des Stammes mit seinen Grüßen überschickt haben.

Bald stand Slade allenthalben im Rufe furchtloser Entschlossenheit, und dieses Verdienst war hinreichend, um ihm die wichtige Stelle eines Abteilungsagenten bei der Ueberlandpost in Julesburg als Nachfolger eines gewissen Jules zu verschaffen, der seine Entlassung erhielt. Kurz zuvor war es häufig vorgekommen, daß der Gesellschaft Pferde gestohlen und Kutschen aufgehalten wurden und zwar durch Banden flüchtiger Verbrecher, denen der Gedanke, es könnte jemand so tollkühn sein wollen, derlei Missethaten zu ahnden, stets nur ein höhnisches Lachen entlockte. Slade ahndete dieselben unverzüglich. Das Gesindel hatte bald herausgefunden, daß Slade ein Mann war, der sich vor nichts fürchtete, was da atmete. Wer sich gegen Gesetz und Ordnung verging, mit dem machte er kurzen Prozeß. Das Ergebnis war, daß kein Aufenthalt bei den Postfahrten mehr vorkam, daß das Eigentum der Gesellschaft unangetastet blieb und daß Slades Kutschen stets ohne Störung rechtzeitig eintrafen, einerlei, was dabei vorkam und wer dabei Schaden hatte! Allerdings, um diese heilsame Veränderung zuwege zu bringen, mußte Slade ein paar Menschen aus der Welt schaffen -- die einen behaupten drei, andere vier, wieder andere sechs -- aber das war ein Verlust, bei dem die Welt nur gewann.

Die erste erhebliche Schwierigkeit hatte er mit dem Ex-Agenten Jules, der selbst im Rufe eines gewissenlosen, verzweifelten Menschen stand. Derselbe hatte auf Slade, der ihn um seine Stelle gebracht, einen tödlichen Haß geworfen und wartete nur auf eine schickliche Gelegenheit, um sich an diesem zu reiben. Endlich lauerte er ihm hinter einer Ladenthür auf und jagte ihm einen Flintenschuß in den Unterleib, allein Slade brachte ihn durch ein paar wohlgezielte Schüsse aus seinem historischen Revolver gleichfalls zu Fall. Jules, der zuerst wieder genas, zog sich ins Gebirge zurück, um dort in Sicherheit Kräfte für den Tag der endgültigen Abrechnung zu sammeln. Nach Jahr und Tag gelang es Slades Myrmidonen, Jules in einem seiner Felsenschlupfwinkel aufzutreiben und gefesselt seinem Todfeind in die Hände zu liefern, der ihn mit teuflischem Behagen langsam abschlachtete.

Inzwischen war Slade, nachdem die Gesellschaft sich überzeugt, daß seine energische Verwaltung auf einer der schlimmsten Strecken ihrer Route Frieden und Ordnung wiederhergestellt hatte, an die Rocky Ridge Division im Felsengebirge versetzt worden; man wollte sehen, ob er imstande sein würde, hier ein kleines Wunderwerk zu verrichten. Diese Strecke war nämlich das reinste Paradies der Gesetzverächter und Desperados. Hier bestand auch nicht der leiseste Schatten von Gesetz und Recht. Gewalt war an der Tagesordnung, Stärke die einzige anerkannte Macht. Die allergewöhnlichsten Mißverständnisse wurden auf der Stelle mit Pistole und Messer ausgemacht. Mordthaten kamen am hellen Tage und zwar recht häufig vor, ohne daß es einem Menschen einfiel, sich darum zu kümmern. Man ging davon aus, daß die Leute, wenn sie einander umbringen, ihre eigenen guten Gründe dazu haben; eine Einmischung Dritter in die Sache würde als Taktlosigkeit erschienen sein. Alles, was die Etikette von Rocky Ridge vom Augenzeugen einer Mordthat verlangte, war, daß derselbe dem Herrn Mörder sein Opfer begraben half -- andernfalls würde man seiner Ungefälligkeit beim ersten Anlaß gedacht haben, wo er selber jemand umgebracht hatte und nachbarlichen Beistand zu dessen Beerdigung bedurfte.

In aller Ruhe und Gemütlichkeit schlug Slade seinen Wohnsitz inmitten dieses Bienenstockes von Pferdedieben und Banditen auf, und gleich das allererstemal, wo einer derselben sein unverschämtes Maul in seiner Gegenwart laufen ließ, schoß er ihn nieder. Er begann eine Razzia gegen das gesetzlose Gesindel, und in merkwürdig kurzer Zeit hatte er den Beraubungen des Eigentums der Gesellschaft Einhalt gethan, eine große Zahl gestohlener Pferde zurückerobert, mehrere der schlimmsten Desperados der Gegend aus der Welt geschafft und sich bei den übrigen ein so furchtbares Ansehen errungen, daß sie Achtung, Bewunderung, Furcht für ihn empfanden und ihm Gehorsam leisteten. Er brachte denselben Umschwung in den Verhältnissen der Gemeinschaft zuwege, der seine Verwaltung in Overland City gekennzeichnet hatte. Zwei Bursche, die sich am Eigentum der Gesellschaft vergriffen hatten, fing er ein und henkte sie mit eigener Hand. Er war oberster Richter in seinem Bezirk und zugleich Schwurgericht und Scharfrichter -- und zwar nicht nur in Fällen, die seine Brotherren betrafen, sondern auch in Sachen durchziehender Auswanderer.