Auf dem Mississippi; Nach dem fernen Westen
Part 17
Gleich nach dem Divisionsagenten an Rang und Wichtigkeit kam der Kondukteur. Sein Bezirk war ebenso groß wie der des ersteren -- zweihundertfünfzig Meilen. Er hatte seinen Platz beim Kutscher und durchfuhr nötigenfalls diese furchtbare Strecke Tag und Nacht ohne andere Ruhe oder Schlaf, als wie er sie oben auf dem dahinfliegenden Fuhrwerk hockend haben konnte. Man stelle sich das vor! Er war unbedingt verantwortlich für die Postsachen, das Eilgut, die Passagiere und den Postwagen bis zur Uebergabe an seinen Nachmann gegen Bescheinigung. Er mußte demzufolge ein Mann von natürlichem Verstand, Entschiedenheit und beträchtlicher Geschäftsgewandtheit sein. Gewöhnlich war es ein ruhiger, freundlicher Mensch, der seine Obliegenheiten eifrig erfüllte und ein ziemlich wohlerzogenes Wesen an sich hatte. Der Divisionsagent brauchte nicht durchaus notwendig ein gebildeter Mann zu sein, und in der That war er dies nicht immer. Dagegen kam er an Befähigung zum Verwaltungsdienst stets einem General, und an Mut und Entschlossenheit einer Bulldogge gleich, andernfalls würde ihm der Oberbefehl über das gesetzlose Unterpersonal der Ueberlandpost in keinem Falle etwas anderes eingebracht haben, als nach einem Monat voll Unverschämtheiten und Widerwärtigkeiten zum Beschluß eine Kugel und einen Sarg. Auf der ganzen Strecke gab es ungefähr sechzehn oder achtzehn Kondukteure, denn täglich ging ein Wagen in jeder Richtung und bei jedem war ein Kondukteur.
Zunächst nach dem letzteren kam an amtlichem Rang und Ansehen mein Liebling, der Postillon -- wir haben aber bereits gesehen, daß in den Augen der großen Menge der Postillon gegenüber dem Kondukteur dastand, wie der Admiral neben dem Kapitän des Flaggschiffes. Die Dienststrecke des Postillon war eine ziemlich lange und seine Schlafzeit auf den Stationen manchmal sehr kurz, und hätte ihn der Glanz seiner imposanten Stellung nicht einigermaßen entschädigt, so wäre sein Leben ein ebenso trauriges wie hartes und aufreibendes gewesen. Wir bekamen jeden Tag oder jede Nacht einen neuen Postillon (denn jeder derselben befuhr stets dieselbe Strecke hin und zurück) und wurden daher mit diesen Leuten nie so gut bekannt wie mit den Kondukteuren; abgesehen davon, daß es die Postillone meist unter ihrer Würde hielten, sich mit solchem Lumpenpack, wie Passagiere, gemein zu machen. Doch waren wir, so oft der Dienst wechselte, begierig, den neuen Postillon zu Gesicht zu bekommen, denn einen Tag wie den andern waren wir entweder froh, einen unangenehmen los zu werden, oder betrübt über den Abschied von einem, den wir liebgewonnen hatten und mit dem wir auf einen gemütlichen und freundschaftlichen Fuß gekommen waren.
So war stets an den Plätzen, wo wir einen neuen Kutscher bekamen, unsere erste Frage an den Kondukteur: »Was ist's für einer?« -- Das war vielleicht kein guter Stil, allein wir konnten damals noch nicht wissen, daß das einstmals gedruckt würde. So lange alles glatt ablief, war der Ueberland-Postillon noch ziemlich gut daran, wurde jedoch ein Kollege von ihm plötzlich krank, dann war er übel dran; denn die Post _mußte_ weiter und so durfte denn der hohe Herr, der eben herunterklettern und üppiger Ruhe pflegen wollte nach seiner langen nächtlichen Sitzung in Wind, Regen und Finsternis, bleiben, wo er war und den Dienst für den Erkrankten versehen. Als ich einst im Felsengebirge einen Postillon fest auf dem Bocke schlafend traf, während die Maultiere in ihrer gewohnten halsbrechenden Gangart dahinstürmten, meinte der Kondukteur: »Na, lassen Sie ihn nur, es ist keine Gefahr dabei und er thut doppelten Dienst -- ist fünfundsiebzig Meilen mit einem Wagen gefahren und geht jetzt dieselbe Strecke zurück, unausgeruht und ungeschlafen.«
Hundertfünfzig Meilen weit sechs bösartige Maultiere im Zaum zu halten, daß sie nicht die Bäume hinauflaufen! Es klingt unglaublich, aber ich bin dieser Mitteilung ganz sicher.
Die Stationsleute, Hausknechte u. s. w. waren gemeine rohe Menschen, wie bereits erwähnt, und vom westlichen Nebraska bis Nevada durfte man eine beträchtliche Anzahl derselben getrost als gesetzloses Gesindel -- Flüchtlinge vor der Justiz, als Verbrecher bezeichnen, die sich am sichersten in einem Landstrich fühlten, wo es kein Gesetz gab und wo man nicht einmal Anspruch auf dergleichen machte.
Wenn der Abteilungsagent einem von dieser Gesellschaft einen Befehl erteilte, so war er sich dabei stets vollkommen bewußt, daß er solchen möglicherweise mit seinem Revolver werde durchsetzen müssen, und so war er denn stets gerüstet, um die Dinge im richtigen Geleise zu erhalten. Dann und wann war ein solcher Agent wirklich genötigt, einem Hausknecht irgend eine einfache Sache durch einen Schuß in den Kopf verständlich zu machen, die er ihm unter andern Umständen und in anderer Umgebung mittels eines Prügels hätte beibringen können. Allein, es waren eben schneidige, gescheite Leute, diese Agenten, und wenn sie einem Untergebenen etwas begreiflich machen wollten, »so ging es diesem in der Regel in den Kopf.«
Am fünften Tage um Mittag gelangten wir beim Uebergang über den South Platte nach ›Julesburg‹ ~alias~ ›Overland City‹, vierhundertsiebzig Meilen von St. Joseph, das merkwürdigste, sauberste, putzigste Grenzstädtchen, auf welches unsere ungereisten Augen jemals ihre erstaunten Blicke gerichtet.
Siebentes Kapitel.
Nach einer für unser Gefühl so langen Bekanntschaft mit einer tiefen, stillen, fast leblosen und unbewohnten Einöde berührte uns der Anblick einer Stadt ganz merkwürdig! Wir stolperten hinaus auf die belebte Straße und es war uns dabei zu Mut, als seien wir von einem fremden Weltkörper herabgeflogen und plötzlich auf dieser Erde erwacht. Eine ganze Stunde lang musterten wir Overland City mit einem Interesse, als hätten wir in unserem Leben noch nie eine Stadt gesehen. Wir hatten nämlich eine Stunde übrig, weil wir hier unsere Kutsche mit einem minder anspruchsvollen Fuhrwerke -- einem sogenannten Dreckwagen -- vertauschten und die Frachtstücke ausgeladen werden mußten.
Bald gingen wir wieder unter Segel. Wir kamen an den seichten, gelben, schmutzigen Platte mit seinen niedrigen Ufern, seinen überall verstreuten flachen Sandbänken und winzigen Inselchen -- ein trübseliger Fluß, der sich mitten durch die unermeßliche Ebene windet und den man niemals mit bloßem Auge entdecken würde, wären nicht seine Ufer beiderseits von einer Baumreihe gleich wie von zerstreuten Schildwachen umsäumt. Es hieß, der Platte sei ›hoch‹, so daß ich gerne hätte sehen mögen, ob er sich bei niedrigem Stande noch kränklicher und trauriger hätte ausnehmen können.
Es hieß auch, es sei zur Zeit gefährlich, über den Fluß zu setzen, weil bei einem Versuch, denselben zu durchwaten, sein Treibsand leicht Pferde und Wagen samt den Passagieren verschlingen könnte. Allein die Post mußte gehen, und so machten wir den Versuch. Wirklich sanken mitten im Flusse die Räder ein- oder zweimal in so bedrohlicher Weise ein, daß wir fast gar vermeinten, wir hätten darum unser Leben lang alles, was Meer heißt, ängstlich vermieden, um zum Schlusse mitten in der Wüste in einem Dreckwagen Schiffbruch zu leiden. Doch wir schleppten uns durch und eilten weiter der untergehenden Sonne zu.
Den nächsten Morgen, gerade vor Dämmerung, etwa fünfhundertfünfzig Meilen weit von St. Joseph, brach unser Dreckwagen zusammen. Wir sollten einen Aufenthalt von fünf bis sechs Stunden haben. Wir folgten daher einer Einladung, uns zu Pferde bei einer Büffeljagd zu beteiligen, zu der eine Gesellschaft sich eben aufmachte. Es war ein edles Vergnügen, in der tauigen Frische des Morgens über die Ebene hinzujagen; unsrerseits nahm die Jagd jedoch ein Ende mit Schrecken und Aerger, denn ein angeschossener Stier trieb den Reisenden Bemis fast zwei Meilen weit vor sich her, bis dieser schließlich seinen Gaul im Stiche ließ und sich auf einen einzelnstehenden Baum flüchtete. Etwa vierundzwanzig Stunden lang war Bemis höchst verdrießlich über die Sache, dann fing er jedoch ganz allmählich an, sich zu besänftigen, und schließlich sagte er:
»Na, es war kein Spaß, und es war recht albern von diesen Einfaltspinseln, sich darüber so lustig zu machen. Ich sage euch, eine Weile war ich ernstlich böse darüber. Diesen langen schlotterigen Lümmel, Namens Hank, würde ich gern über den Haufen geschossen haben, wenn ich es hätte fertig bringen können, ohne noch sechs oder sieben andere zu Krüppeln zu schießen -- das war natürlich rein unmöglich, der alte ~Allen~ holt so verdammt weit aus. Ich wollte nur, diese Bummler wären oben auf dem Baume gesessen, dann wäre ihnen die Lust vergangen, so zu lachen. Wenn mein Gaul auch nur einen Pfifferling wert gewesen wäre, -- aber nein, sobald er sah, wie der Stier brüllend auf ihn loskam, stieg er kerzengerade in die Luft und blieb auf den Hinterbeinen stehen. Jetzt fing der Sattel an zu rutschen; ich faßte den Gaul um den Hals und legte mich mit einem Stoßgebet fest auf ihn. Nun ließ er sich vorne nieder und streckte die Hinterhand eine Zeit lang in die Luft, so daß der Stier wirklich sein Scharren und Brüllen aufgab, um sich das unheimliche Schauspiel zu betrachten. Dann aber machte der Stier aus nächster Nähe einen mächtigen Satz auf den Gaul zu unter wahrhaft entsetzlichem Gebrüll; das muß meinem Gaul buchstäblich den Verstand verrückt und ihn völlig toll und rasend gemacht haben, und ich will des Todes sein, wenn er nicht eine ganze Viertelminute lang auf dem Kopfe stand und Thränen vergoß. Er war vollständig aus dem Häuschen -- ja gewiß und wahrhaftig -- und wußte wirklich nicht mehr, was er that. Jetzt kam uns der Stier auf den Leib, darauf ließ sich mein Gaul wieder auf alle Viere nieder und nahm einen neuen Anlauf, während der nächsten zehn Minuten machte er aber allen Ernstes einen Purzelbaum nach dem andern in solcher Geschwindigkeit, daß der Bulle ebenfalls außer Fassung kam und nicht mehr wußte, wo er anpacken sollte. So blieb er stehen, indem er nieste, sich Sand auf den Rücken schaufelte und dann und wann brüllte; gewiß meinte er, er habe ein Zirkuspferd für fünfzehnhundert Dollars als Frühstücksbissen vor sich. Nun, ich saß ihm also zuerst auf dem Halse -- dem Gaul natürlich, nicht dem Bullen -- dann unter seinem Bauch, dann auf seinem Steiß, und hatte bald den Kopf oben, bald die Fersen -- aber ich sage euch, es hatte etwas großartig Haarsträubendes, sozusagen im Angesichte des Todes in dieser Weise herumgeschleudert, gerissen und gewirbelt zu werden. Bald darauf that der Bulle einen Stoß nach uns und riß meinem Gaul ein Stück von seinem Schweif ab -- (ich meine so, gewiß weiß ich es nicht, ich war da gerade ziemlich in Anspruch genommen); auf einmal muß der Gaul von der Sehnsucht nach der Einsamkeit ergriffen worden sein, so daß er sich aufmachte, um derselben nachzujagen. Nun hättet ihr einmal dieses alte spinnenbeinige Gerippe ausgreifen sehen und beobachten sollen, wie der Büffel hinter ihm drein war -- den Kopf am Boden, die Zunge außen, den Schwanz in der Luft, brüllend wie der Teufel, buchstäblich das Gras vor sich niedermähend, die Erde aufreißend und den Sand aufwühlend gleich einem Wirbelwind! Bei Gott, das war eine heiße Hatz! Ich saß samt dem Sattel dem Gaul auf dem Kreuze, die Zügel hatte ich zwischen den Zähnen und mit beiden Händen hielt ich mich am Sattelknopf. Zuerst ließen wir die Hunde hinter uns, dann kamen wir einem Eselskaninchen voraus; hierauf überholten wir einen Cayote, und wie wir eben im Begriffe waren, eine Antilope einzuholen, brach der morsche Sattelgurt, so daß ich an die dreißig Ellen weit links hinausflog, und als der Sattel dem Pferd über das Kreuz hinabrutschte, versetzte es ihm eins mit den Hufen, daß derselbe über vierhundert Ellen weit in die Luft hinauffuhr -- ich will im Augenblick des Todes sein, wenn es nicht so ist. Ich fiel am Fuß des einzigen Baumes nieder, der meilenweit in der Runde stand und eine Sekunde darauf hatte ich alle zehn Fingernägel und die Zähne in die Rinde geschlagen, und saß im nächsten Augenblick rittlings auf dem Hauptast, so unbarmherzig fluchend über mein Mißgeschick, daß mein Atem stank wie ein Schwefelpfuhl. Jetzt hatte ich den Bullen dran gekriegt, wofern er nicht an _eines_ dachte. Aber dies eine eben fürchtete ich. Es war ja eine Möglichkeit, daß der Bulle nicht daran dachte, allein das Gegenteil hatte mehr Wahrscheinlichkeit für sich. Ich überlegte, was ich im letzteren Falle thun wollte. Es waren von meinem Platz aus etwas über vierzig Fuß bis auf den Boden. Vorsichtig wickelte ich den Lasso vom Knopfe meines Sattels los und --«
»Deines _Sattels_? Nahmst du denn deinen Sattel mit auf den Baum hinauf?«
»Mit auf den Baum hinauf? Na, wie ihr herausschwatzt. Natürlich nicht. Das hätte kein Mensch gekonnt. Er war aus der Luft auf den Baum heruntergefallen.«
»Ah -- so!«
»Gewiß. Also ich wand den Lasso los und befestigte dessen eines Ende an einem Ast. Der Riemen war aus allerbestem Rohleder und konnte Zentner tragen. An das andere Ende machte ich eine Schleife und ließ es hinunter, um zu sehen, wie weit es reiche. Es ging zweiundzwanzig Fuß weit hinab, halb zum Boden. Dann versah ich sämtliche Läufe meines ~Allen~ mit doppelter Ladung. Nun war ich ruhig. Ich sagte bei mir selbst; kommt er nicht auf den Gedanken, der mir so bange macht, gut -- und kommt er doch darauf, nun auch gut -- ich bin darauf gefaßt. Aber ihr wißt ja doch, daß immer das eintrifft, was man nicht gerne hat, nicht wahr? So geht es stets. Ich erwartete den Büffel mit Bangen -- einem Bangen, das nur ermessen kann, wer sich schon in solcher Lage befunden hat, wo er den Tod jeden Augenblick erwarten mußte. Plötzlich blitzt ein Gedanke auf im Auge des Bullen. Ich wußte es ja! sprach ich -- wenn mir jetzt die Spannkraft versagt, so bin ich verloren. Richtig -- es kam ganz genau, wie ich befürchtet hatte -- er machte Anstalt, auf den Baum zu klettern.«
»Wie, der Büffel?« --
»Natürlich -- wer denn sonst?«
»Aber ein Büffel kann ja nicht auf einen Baum klettern!«
»Kann nicht? -- So, er kann nicht? Nun, wenn ihr es doch so gut versteht, habt ihr es denn schon einmal mit angesehen?«
»Nein. Der Gedanke wäre mir nicht im Traum gekommen!«
»Nun, was hat dann all euer Geschwätz darüber für einen Wert? Weil ihr's noch nie mit angesehen habt, ist das ein Beweis, daß es nicht möglich ist?«
»Also gut -- nun weiter; was thatest du nun?«
»Der Stier kletterte los und kam vielleicht zehn Fuß weit ganz gut herauf, dann glitt er aus und rutschte zurück. Ich atmete auf. Er setzte wieder an und kam jetzt etwas weiter herauf, dann rutschte er wiederum ab. Aber er machte sich nochmals dran, und gab diesmal gut acht. Immer höher und höher stieg er, während mir der Mut immer tiefer sank. Immer näher rückte er -- Zoll um Zoll -- mit blutunterlaufenen Augen und heraushängender Zunge. Immer höher kam er herauf -- jetzt stemmte er den Fuß auf einen Ast und schaute herauf, als wollte er sagen: ›Freundchen, dich freß ich auf mit Haut und Haar‹. Dann ging es wieder aufwärts -- höher und höher und immer hitziger wurde er, je näher er kam. Er war keine zehn Fuß mehr von mir! Ich holte tief Atem. ›Jetzt oder nie‹ -- sprach ich. Ich hielt die Schlinge meines Lasso schon in Bereitschaft, vorsichtig ließ ich sie hinab, bis sie ihm gerade über dem Kopfe hing, dann lasse ich rasch den Riemen fahren, und der Stier steckt ganz fein mit dem Kopf in der Schlinge! Ich nun schneller wie der Blitz meinen ~Allen~ heraus und ihm die ganze Ladung ins Gesicht. Es gab einen gräßlichen Knall und der Bulle muß davon betäubt geworden sein. Wie der Rauch sich verzog, baumelte er zwanzig Fuß vom Boden in der Luft und verfiel schneller, als man zählen konnte, aus einer Todeszuckung in die andere. Ich hielt mich übrigens mit Zählen nicht auf -- ich rutschte von meinem Baum herunter und machte, daß ich weiter kam.«
»Bemis, ist das alles wahr, ganz wie du es erzählt hast?«
»Ich will des Teufels sein auf der Stelle und krepieren wie ein Hund, wenn es nicht so ist.«
»Nun, wir wollen's ja glauben, und glauben es auch gerne. Wenn man aber doch vielleicht einen Beweis --«
»Beweis! Habe ich meinen Lasso mit heim gebracht? --«
»Nein.«
»Habe ich mein Pferd mit heim gebracht?« --
»Nein.«
»Habt ihr den Stier nachher noch einmal gesehen?«
»Auch nicht.«
»Nun, was braucht es dann weiter? In meinem Leben habe ich noch keine Leute getroffen, die bei einer so einfachen Sache sich so seltsam anstellten wie ihr.« --
* * * * *
Nun, wenn dieser Mensch kein Lügner war, so fehlte jedenfalls nicht viel dazu. Dieses Vorkommnis erinnert mich an einen Zwischenfall während meines kurzen Aufenthalts in Siam, einige Jahre nachher. Unter den Europäern einer Stadt bei Bangkok befand sich ein merkwürdiges Exemplar Namens Eckert, ein Holländer, der wegen seiner vielen sinnreichen und verblüffend großartigen Lügen weit berühmt war. Unaufhörlich wurden seine berühmtesten Stückchen wiederholt, und stets versuchte man, in Gegenwart von Fremden etwas aus ihm herauszuziehen, allein selten mit Erfolg. Zweimal war er in dem Hause, wo ich zu Besuch war, eingeladen, aber nichts vermochte, ihm eine hervorragende Probe seiner Lügenkunst zu entlocken. Eines Tages nun lud mich ein Pflanzer Namens Bascom, ein Mann von Ansehen, stolz und manchmal aufbrausend, ein, mit ihm zu Eckert hinüberzureiten und bei diesem vorzusprechen. Während wir so dahin schlenderten, meinte er:
»Nun, wissen Sie, woran der Fehler liegt? -- Daran, daß man Eckert stutzig macht. Sobald die Jungens ihn auszupumpen suchen, merkt er ganz genau, was sie vorhaben, und macht nun natürlich seine Schale zu. Das könnte sich eigentlich jeder selbst sagen. Aber wenn wir hinkommen, müssen wir ihn schlauer anpacken. Man muß ihn die Unterhaltung ganz nach seinem Gefallen wählen lassen -- er mag sie fallen lassen oder wechseln, wie es ihm paßt. Er soll sehen, daß kein Mensch ihn auszupumpen sucht. Er soll ganz thun, wie er will. Dann wird es nicht lange anstehen, so vergißt er sich und die Lügen fallen nur so herunter wie das Mehl in der Mühle. Verlieren Sie nur die Geduld nicht -- seien Sie ganz still und lassen Sie mich nur machen. Ich will ihn schon zum Lügen bringen. Ich meine, die Jungens müssen blind sein, um solch einen auf der Hand liegenden einfachen Kniff zu übersehen.«
Eckert nahm uns herzlich auf -- ein Mann von liebenswürdigem, gebildetem Wesen. Wir saßen eine ganze Stunde auf der Veranda, schlürften englisches Ale und unterhielten uns über den König, den heiligen weißen Elefanten, das schlafende Götzenbild und alles mögliche; dabei bemerkte ich, daß mein Begleiter nie die Unterhaltung leitete oder beeinflußte, sondern einfach sich Eckerts Leitung überließ und niemals Unruhe oder Befangenheit bei irgend etwas zeigte. Der Erfolg ließ sich bald bemerken. Eckert fing an, mitteilsam zu werden, er fühlte sich immer gemütlicher und wurde immer gesprächiger und geselliger. Noch eine Stunde verfloß in derselben Weise, als Eckert ganz plötzlich äußerte:
»Ach, apropos! Beinahe hätte ich es vergessen. Ich habe etwas, das Sie in Erstaunen setzen wird. Etwas, wie es weder von Ihnen, noch von sonst irgend jemand erhört worden ist -- ich habe eine Katze, die Kokosnüsse frißt! -- gewöhnliche, frische Kokosnüsse -- und die nicht bloß das Fleisch frißt, sondern auch die Milch trinkt. Es ist so -- ich leiste einen Eid darauf.«
Ein rascher Blick von Bascom, -- ein Blick, den ich verstand -- dann sagte er:
»Nun, Gott verzeih' mir, so was habe ich noch nie gehört. Mensch, das kann nicht sein.«
»Ich wußte, daß Sie das sagen würden. Ich will die Katze holen.«
Er ging ins Haus. Bascom sagte:
»Da -- was habe ich Ihnen gesagt? Nun, so muß man es machen, um Eckert dran zu kriegen. Sie sehen, ich habe ihn geduldig gekirrt und seinen Argwohn eingeschläfert. Mich freut es, daß wir hergekommen sind. Erzählen Sie es nur den Jungens, wenn Sie nach Hause kommen. Eine Katze Kokosnüsse fressen -- du guter Gott! Nun, das ist ganz genau seine Art -- er tischt einem die abgeschmackteste Lüge auf und überläßt es seinem Glückstern, wie er sich dann wieder herauswickelt. Eine Katze und Kokosnüsse fressen -- der einfältige Narr!«
Eckert kam ganz zuversichtlich mit seiner Katze daher.
Bascom lächelte und meinte:
»Ich will die Katze halten -- bringen Sie eine Kokosnuß.«
Eckert öffnete eine und schnitt ein paar Stückchen davon ab. Bascom gab mir verstohlen einen Wink und hielt der Mietze einen Schnitz vor. Sie schnappte darnach, verzehrte ihn begierig und wollte dann noch mehr haben.
Auf dem Heimweg ritten wir unsere zwei Meilen stillschweigend und in weitem Abstand neben einander her. Ich wenigstens sprach nichts, während Bascom seinem Pferd reichlich Püffe und Flüche verabreichte, obwohl sich dasselbe ganz gut hielt. Als ich nach Hause abbog, meinte Bascom:
»Behalten Sie nur das Pferd bis morgen früh. Und -- Sie brauchen den Jungens nichts zu erzählen von -- dieser albernen Geschichte.«
Achtes Kapitel.
Gleich nachher richtete sich all unser Sinnen und Trachten darauf, mit langgestrecktem Halse nach dem ›Ponyreiter‹[8] auszuschauen, dem Eilboten, der mit der Briefpost in acht Tagen neunzehnhundert Meilen weit über den Kontinent von St. Joseph bis nach Sakramento hinjagte! Man stelle sich diese Leistung vor für Pferd und Reiter von Fleisch und Blut! Der Ponyreiter war meist ein leibarmes Männchen, dabei aber voll höchster Kühnheit und Ausdauer. Einerlei, zu welcher Tages- oder Nachtzeit sein Dienst an ihn herantrat, und einerlei, ob es Winter war oder Sommer, ob es regnete, schneite oder hagelte, ob sein ›Strich‹ ihn auf ebener gerader Straße führte, oder über halsbrechende Felsklippen und Abgründe im Gebirge, ob durch friedliche Gegenden oder durch solche, die von feindlichen Indianern wimmelten -- stets mußte er bereit sein, in den Sattel zu springen und davon zu jagen wie der Wind! Muße gab es für den Ponyreiter im Dienste niemals. Fünfzig Meilen weit ritt er ohne anzuhalten, bei Tageshelle wie bei Mondenlicht, bei Sternenschein oder im Dunkel der finstern Nacht, wie es gerade kam. Das prächtige Tier, das er ritt, war ein geborener Renner und wurde in Verpflegung und Nahrung gehalten wie ein Gentleman; zehn Meilen weit hielt er es zur höchsten Schnelligkeit an, und wenn er dann bei der Station angesaust kam, wo bereits zwei Mann ein frisches feuriges Tier am Zügel hielten, so war der Reiter samt dem Postsack in einem Augenblick umgestiegen, um sofort weiter zu jagen, so daß Roß und Reiter dem Zuschauer aus dem Gesichte waren, ehe er sie recht gesehen. Wie ein Flugfeuer huschten sie davon. Der Reiter war leicht und knapp gekleidet; er trug eine Jacke ohne Schöße und eine kleine Mütze, die Beinkleider hatte er in die Stiefel gesteckt wie die Reiter bei den Rennen. Er führte keine Waffen bei sich -- überhaupt nichts, was nicht durchaus notwendig war, denn selbst von den Briefen, die er bei sich hatte, war »Stück für Stück fünf Dollars wert.« Er hatte nur wenig gleichgültige Briefschaften zu befördern, seine Tasche barg meistenteils Geschäftsbriefe. Sein Tier war ebenfalls jedes überflüssigen Gewichts entledigt. Es trug einen Rennsattel, klein wie eine Oblate, unter dem keine Decke sichtbar war, und ganz leichte oder gar keine Hufeisen. Die kleinen, flachen, unter den Schenkeln des Reiters festgeschnallten Brieftaschen faßten an Briefschaften etwa soviel, als eine Kinderfibel Raum einnimmt. Sie enthielten viele wichtige geschäftliche Mitteilungen und Zeitungskorrespondenzen, aber sämtlich auf Papier so luftig und dünn wie Goldschaum, um damit an Raum und Gewicht zu sparen. Während die Postkutsche innerhalb vierundzwanzig Stunden hundert bis hundertfünfundzwanzig Meilen zurücklegte, machte der Ponyreiter etwa zweihundertfünfzig in derselben Zeit.
[8] Diese, wie so manch andere Figur, welche Mark Twain in diesem Buche schildert, hat Buffalo Bill mit seiner Truppe den Europäern anschaulich vorgeführt.
Der Herausg.