Auf dem Mississippi; Nach dem fernen Westen

Part 15

Chapter 153,601 wordsPublic domain

Die Sphinx war keine Sphinx mehr! Die Brunnen der großen Tiefe waren bei ihr aufgegangen und sie ließ alle neun Redeteile vierzig Tage und vierzig Nächte auf uns herab regnen, bildlich gesprochen, und übergoß uns mit einer solchen trostlosen Sintflut trivialen Geschwätzes, daß aus der tosenden Wüste von grammatischen Fehlern und schlechter Aussprache nicht einmal eine Felsspitze oder Zacke mehr hervor schaute, an die sich eine Erwiderung hätte knüpfen lassen. Was mußten wir erdulden! Stunde für Stunde machte sie fort, bis es mir leid that, daß ich überhaupt die Moskitofrage eröffnet und ihr damit den Anstoß gegeben hatte. Erst, als sie gegen Tagesanbruch an ihrem Ziele anlangte, hörte sie endlich auf; beim Aussteigen weckte sie uns (wir waren nämlich eben ein wenig eingenickt) und sagte:

»Nun, steiget in Cottenwood aus, ihr Kerle, und bleibet ein paar Tage dort liegen, ich komme dann abends eine Weile hinüber, und wenn es euch recht ist, daß ich hie und da ein Wort dazwischen rede, so bin ich bereit dazu. Die Leute werden euch sagen, daß ich für eine Hinterwälderin immer etwas Vornehmes und Besonderes an mir gehabt habe, und so bin ich auch gegen das Lumpenpack und so _muß_ ein Weibsbild auch sein, wenn sie was _sein_ will, aber wenn Leute daherkommen, die meinesgleichen sind, so bin ich, glaub' ich, eigentlich ein ganz zuthuliches Kühlein.«

Wir beschlossen, in Cottenwood _nicht_ liegen zu bleiben.

Drittes Kapitel.

Etwa anderthalb Stunden vor Tagesanbruch rollten wir sanft dahin -- so sanft, daß unsere Wiege nur ganz leise und sachte schaukelte. Dies hatte uns allmählich in Schlaf gelullt und unser Bewußtsein umnebelt, als plötzlich etwas unter uns nachgab! Wir hatten wohl eine undeutliche Empfindung davon, die Sache ließ uns jedoch gleichgültig. Jetzt hielt der Wagen an. Wir hörten Kutscher und Kondukteur draußen mit einander reden; sie suchten nach einer Laterne und fluchten, weil sie dieselbe nicht finden konnten -- aber wir nahmen keinen Anteil an dem etwaigen Vorkommnis; der Gedanke an diese Leute, die draußen in der finstern Nacht beschäftigt waren, erhöhte nur unser Gefühl von Behaglichkeit und wir schmiegten uns fest in unser Nest hinter den herabgelassenen Vorhängen. Inzwischen hatten sich die beiden, nach dem Geräusch zu schließen, an eine Untersuchung gemacht und man hörte die Stimme des Kutschers sagen: »Bei Gott, der Schwungriemen ist gebrochen!«

Dies riß mich mit einemmale völlig aus dem Schlafe -- wie dies stets der Fall ist, wenn das unklare Gefühl über einen kommt, daß ein Mißgeschick passiert ist. Ich hatte noch nicht lange darüber nachgedacht, was wohl ein ›Schwungriemen‹ sein könne, als einer der Vorhänge aufgehoben wurde und das Gesicht des Kondukteurs am Fenster erschien, wobei seine Laterne ihren Schein auf uns und unsere Wand von Postsachen warf. Er sagte: »Herrschaften, Sie werden einen Augenblick aussteigen müssen, der Schwungriemen ist auseinander!« Wir kletterten hinaus in ein frostiges Nebelgeriesel und fühlten uns recht unbehaglich und verdrießlich. Als ich entdeckte, daß der sogenannte Schwungriemen die feste Vereinigung von Riemen und Federn sei, auf denen die Kutsche sich schaukelt, sagte ich zu dem Kutscher: »Ich erinnere mich nicht, je in meinem Leben einen so abgenutzten Schwungriemen gesehen zu haben. Wie ist es denn gekommen?« --

»Nun, es ist gekommen, weil man einer einzigen Kutsche die Post von drei Tagen aufgeladen hat -- dadurch ist es gekommen! Und gerade hierher sind alle die Zeitungssäcke adressiert, die wir für die Indianer hinauswerfen sollten, damit sie was zum Lesen haben und Ruhe halten. Es ist ein wahres Glück, denn es ist ja so höllisch finster, daß ich unversehens vorbeigefahren sein würde, wäre der Schwungriemen nicht gerissen.«

Ich wußte, daß er jetzt wieder an einem seiner Lachkrämpfe laborierte, obwohl ich sein Gesicht nicht sehen konnte, da er sich zu seiner Arbeit bückte; ich wünschte ihm gute Verrichtung und wandte mich zu den anderen, um ihnen beim Ausladen der Postsäcke zu helfen. Als alles heraus war, bildete es eine hohe Pyramide. Nachdem der Schwungriemen ausgebessert war, füllten wir die beiden Schoßkellen wieder, legten aber oben hinauf nichts mehr und innen hinein nur halb soviel, als zuvor drinnen gewesen war. Der Kondukteur drückte sämtliche Sitzlehnen hinab und füllte die Kutsche von einem Ende zum andern bis zur halben Höhe mit Postsachen an. Wir legten laut Verwahrung ein, denn so hatten wir keine Sitze mehr. Allein der Kondukteur war gescheiter als wir und meinte, ein Bett sei mehr wert als Sitze und außerdem sei bei dieser Einrichtung der Schwungriemen vor Schaden sicher. Jetzt verzichteten wir gerne auf unsere Sitze. Dieses Faulbett war unendlich viel besser. Es verschaffte mir in der Folge manchen recht heiteren Tag, wenn ich auf demselben ausgestreckt in den Statuten und dem Wörterbuch las und mich dabei an dem seltsamen Herumhüpfen der Buchstaben ergötzte. Der Kondukteur erklärte schließlich noch, er wolle von der nächsten Station aus jemand zur Bewachung der zurückgelassenen Poststücke schicken; dann ging es weiter.

Es war jetzt eben Morgendämmerung, und als wir unsere ermüdeten Beine ihrer vollen Länge nach auf den Postsachen ausgestreckt hatten und durch die Fenster über die weiten, öden, grünen, in kühlen, rauchartigen Nebel gehüllten Grasflächen nach dem verheißungsvollen Lichtstreifen am östlichen Himmelsrande hinschauten, ging das vollkommene Wohlbehagen, das wir empfanden, in ein stilles, seliges Entzücken über. Rasselnd sauste der Wagen die Straße entlang, der Luftzug blies die Vorhänge auf und ließ unsere aufgehängten Röcke höchst vergnüglich flattern; die Wiege schaukelte und schwankte großartig, dazu erklang als Musik das Trappeln der Pferdehufe, das Peitschenknallen des Postillons und sein anfeuerndes ›Hü, Hussa!‹ Der Boden unter uns und die Bäume an der Straße schienen uns im Vorüberfliegen ein stummes Hurrah zuzurufen, um dann plötzlich zu erlahmen und uns mit einem Ausdruck nachzublicken, von dem man nicht recht wußte, war es Teilnahme oder Neid oder was sonst; und als wir nun so dalagen, die Friedenspfeife rauchend, und alle diese Herrlichkeiten mit den Jahren unseres früheren mühseligen Stadtlebens verglichen, fühlten wir, daß es nur _ein_ vollkommen befriedigendes Glück auf der Welt gebe und daß uns das zuteil geworden.

Nach dem Frühstück auf einer Station, deren Namen mir entfallen ist, kletterten wir drei auf den Sitz hinter dem Kutscher und überließen dem Kondukteur unser Bett zu einem Schläfchen. Als mich die Sonne allmählich schläfrig machte, legte ich mich auf dem Wagendach auf das Gesicht, hielt mich an dem dünnen Eisengeländer fest und gab mich eine Stunde oder mehr dem Schlafe hin. Man wird sich darnach eine Vorstellung von der unvergleichlichen Güte der dortigen Straßen machen können. Instinktmäßig greift man im Schlafe nach dem Gitter, sobald der Wagen stößt; so lange derselbe bloß wiegt und schaukelt, ist dieses gar nicht nötig. Die Kutscher und Kondukteure der Ueberlandpost schliefen bei guter Straße oft auf ihrem Sitz in einem Zuge dreißig bis vierzig Minuten lang, während wir acht bis zehn Meilen in der Stunde machten. Das habe ich oft mit angesehen. Es war ganz ungefährlich. Unfehlbar wird sich der Schlafende am Gitter halten, wenn der Wagen stößt. Die Leute hatten strengen Dienst und konnten nicht fortwährend wach bleiben.

Wir fuhren nun nach einander durch Marysville über den Big Blue und den Little Sandy, dann etwa nach einer weiteren Meile waren wir in Nebraska. Nach wiederum etwa einer Meile befanden wir uns am Big Sandy -- hundertachtzig Meilen von St. Joseph. Gegen Sonnenuntergang erblickten wir das erste Exemplar eines Tieres, das auf der ganzen zweitausend Meilen langen Strecke von Kansas bis hart an den stillen Ozean unter dem Namen Eselskaninchen bekannt ist. Dieser Name ist ganz bezeichnend. Es gleicht völlig einem gewöhnlichen Kaninchen, nur ist es um ein Drittel größer oder wohl auch doppelt so groß, hat im Verhältnis zu seiner Größe längere Beine und die widersinnigsten Ohren, welche die Natur irgend einem Geschöpfe angesetzt hat außer dem Esel. Wenn es ruhig dasitzt und an seine Sünden denkt oder geistesabwesend ist oder keine Gefahr ahnt, so ragen seine mächtigen Ohren weithin sichtbar auf; allein das Brechen eines Zweiges genügt, um ihm einen tödlichen Schrecken einzujagen und dann legt es seine Ohren hübsch zurück und drückt sich heimwärts. Man sieht zunächst nichts mehr von ihm als seine langgestreckte, graue Gestalt, die blitzschnell durch die niedrigen Salbeibüsche hinschießt. Der Kopf ist aufgerichtet, die Augen stehen gerade aus und die Ohren sind ein wenig nach hinten gesenkt. An letztern bemerkt man stets, wo das Tier sich befindet. Dann und wann setzt es mit seinen langen Beinen hoch über die verdorrten Büsche weg mit einem gewaltigen Sprung, um den ein Pferd es beneiden könnte. Nach einiger Zeit verfällt es in einen anmutigen, gestreckten Trab, um plötzlich in rätselhafter Weise zu verschwinden. Es hat sich hinter einen Salbeibusch geduckt, wo es lauschend und zitternd sitzen bleibt, bis man ihm auf sechs Fuß nahe ist, um dann abermals auf und davon zu gehen. Will man das Tier jedoch in seiner ganzen bezaubernd großartigen Schnelligkeit bewundern, so muß man auf dasselbe schießen.

Wir jagten unser Exemplar gehörig ins Bockshorn, wie unser Kondukteur sich ausdrückte. Der Sekretär jagte es mit einem Schuß aus seiner Waffe auf, dann begann ich mit der meinen nach ihm zu spucken und zugleich krachte die ganze Breitseite des alten ›~Allen~‹ prasselnd los, und da ist es denn nicht zu viel gesagt, daß das Kaninchen rein toll war. Es senkte die Ohren, hob den Schwanz und verschwand mit Blitzesschnelligkeit in der Richtung auf St. Francisco. Lange nachher hörten wir es noch durch die Luft sausen. Wann wir zuerst auf Salbeigebüsch trafen, weiß ich nicht mehr, allein da ich dasselbe einmal erwähnt habe, so kann ich es auch gleich beschreiben. Das ist leicht gethan, denn man braucht sich nur einen knorrigen, ehrwürdigen Eichbaum zu einem Strauche von zwei Fuß Höhe verkleinert zu denken samt seiner rauhen Rinde, seinem Laubwerk, seinen gewundenen Aesten, kurz allem, was dazu gehört, um sich eine genaue Vorstellung vom Salbeibusch zu machen. Es ist der König der Wälder in höchst zierlicher Miniaturausgabe, dieser Salbeibusch. Sein Laub ist von einem gräulichen Grün und verleiht der Wüste und dem Gebirge allerorten diesen Farbenton. Die Blätter riechen und schmecken wie die des zahmen Salbei. Der Strauch ist eine merkwürdig zähe Pflanze und wächst mitten im tiefen Sande wie in kahlem Felsgestein, wo außerdem vom ganzen Pflanzenreiche höchstens noch das sogenannte Bunchgras sein Fortkommen suchen würde. (Dies letztere wächst an den frostigen Bergabhängen Nevadas und der angrenzenden Gebiete und bietet selbst im Winter unter dem Schnee ein treffliches Viehfutter, das nach der Versicherung der Viehzüchter an Nährwert fast alle sonst bekannten Sorten von Gras und Heu übertrifft.)

Die Büsche stehen drei bis sechs oder sieben Fuß weit von einander und überziehen Gebirge und Wüsten des fernen Westens bis hart an die kalifornische Grenze. Kein Baum irgend welcher Gattung auf Hunderte von Meilen, überhaupt kein Pflanzenwuchs, ist in der richtigen Wüste zu finden, außer dem Salbeibusch und seinem Vetter, dem ›Greasewood‹, der sich kaum merklich von jenem unterscheidet. Lagerfeuer und warmes Nachtessen wären in der Wüste nicht denkbar ohne den freundlichen Salbeibusch. Die Dicke seines Stammes bewegt sich zwischen der Stärke eines Knaben- und der eines Mannesarmes und seine gekrümmten Zweige erreichen die Hälfte dieser Stärke -- alles gutes, gesundes, hartes Holz, dem Eichenholz ganz nahekommend.

Wenn man sich lagert, ist das erste, Salbeiholz zu schneiden, und in wenigen Minuten liegt ein reichlicher Haufen zum Gebrauch fertig da. Man gräbt ein Loch von je einem Fuß Breite, einem Fuß Länge und zwei Fuß Tiefe, und verbrennt dann das kleingemachte Salbeiholz in demselben, bis das Loch an den Rand mit glühenden Kohlen gefüllt ist. Dann beginnt das Kochen, bei dem es ohne Rauch und folglich auch ohne Fluchen abgeht. Ein solches Feuer hält mit nur wenigem Nachlegen die ganze Nacht vor; es giebt auch ein höchst gemütliches Lagerfeuer, bei dem man die allerunmöglichsten Erlebnisse glaublich, belehrend und unterhaltend findet.

Der Salbeistrauch liefert also ein vorzügliches Brennholz, als Nährpflanze dagegen verfehlt er seinen Zweck völlig. Kein anderes Wesen verträgt dessen Geschmack als der Esel und sein Bastardkind, das Maultier. Allein das beweist nichts für seine Eßbarkeit, denn diese letzteren sind ja auch imstande, Fichtenholz, Anthracitkohle, Feilspähne, Bleiröhren, alte Flaschen oder was ihnen sonst gerade mundgerecht kommt, zu verzehren und dann mit dankerfüllten Mienen vom Schauplatz abzutreten, als wäre es ein Austernschmaus gewesen. Dem Maultier, dem Esel und dem Kamel ist alles recht zur vorübergehenden Befriedigung ihres unersättlichen Hungers. In Syrien an den Jordanquellen ging einst ein Kamel während des Aufschlagens der Zelte hinter meinen Ueberzieher, den es mit kritischem Auge und mit einem Interesse durchmusterte, als hätte es vor, sich einen ebensolchen zu bestellen; nachdem es sich denselben dann in seiner Eigenschaft als Kleidungsstück genügend eingeprägt hatte, faßte es ihn als Nahrungsmittel ins Auge. Es trat mit dem einen Fuß darauf, riß sich den einen Aermel mit den Zähnen ab, und kaute an demselben so lange fort, bis es ihn allmählich drunten hatte, und dabei öffnete und schloß es die ganze Zeit über abwechselnd die Augen wie in himmlischer Verzückung, als hätte es in seinem ganzen Leben nichts so gutes geschmeckt wie diesen Ueberzieher. Nach mehrfachem Schmatzen ging es an den andern Aermel. Hierauf kostete es den Sammtkragen, und zwar mit einem so verklärten Lächeln, daß man deutlich sah, es betrachte diesen Teil als das zarteste Stück an einem Ueberzieher. Jetzt kamen die Schöße daran, in deren Taschen einige Zündhütchen, Hustenzucker und ein Stück Feigenpaste aus Konstantinopel steckten. Dabei fiel eine Anzahl Papiere heraus, und es machte sich gleich darüber her, -- es waren meine für die heimischen Zeitungen bestimmten Manuskripte. Allein damit hatte es einen gefährlichen Boden betreten. Es traf in diesen Schriftstücken auf ein solides Wissen, das ihm doch ziemlich schwer im Magen lag, dazwischen hinein bekam es dann und wann einen Witz zu schlucken, worüber es sich schüttelte, bis ihm die Zähne wackelten; die Sache wurde jetzt allmählich bedenklich für das Tier, allein es hielt seine Beute voll Mut und Vertrauen fest, bis es zuletzt über Behauptungen stolperte, die selbst ein Kamel nicht ungestraft verschlucken kann. Es begann zu würgen und nach Luft zu schnappen, die Augen traten ihm heraus, es spreizte die Vorderbeine -- und nach etwa einer Viertelminute fiel es um, so steif wie eine Hobelbank, und starb unter unbeschreiblichen Zuckungen. Ich ging hin und nahm ihm das Manuskript aus dem Maul, dabei fand ich, daß das empfindliche Geschöpf an einer der mildesten und zahmsten Behauptungen erstickt war, die ich je einem vertrauensvollen Publikum vorgesetzt hatte.

Vor dieser Abschweifung von meinem Gegenstand hatte ich eben noch bemerken wollen, daß man gelegentlich auch Salbeibüsche von fünf bis sechs Fuß Höhe mit entsprechendem Gezweige findet, allein zwei bis zweieinhalb Fuß ist das Gewöhnliche.

Viertes Kapitel.

Als die Sonne unterging und die Abendkühle kam, machten wir unser Nachtlager zurecht. Wir rüttelten die harten ledernen Briefbeutel und die Leinwandsäcke mit Büchern und Drucksachen, deren vorstehende Enden und Ecken sich sehr fühlbar machten, auf. Dann legten wir sie wieder so hin, daß unser Bett möglichst eben wurde; es wurde auch wirklich besser dadurch, obwohl es dessen ungeachtet noch ein aufgeregtes, wogendes Aussehen zeigte wie ein Stück sturmbewegte See. Nun stöberten wir zunächst unsere Stiefel auf, die in allerhand schnöden Winkeln zwischen den Postsäcken ihr Lager aufgeschlagen hatten, und zogen sie an; sodann nahmen wir unsere Röcke, Westen, Hosen und schweren Wollhemden von den Armschlingen herunter, wo sie den ganzen Tag gebaumelt hatten und schlüpften hinein, -- da es nämlich weder an den Stationen noch im Wagen Damen gab und es heißes Wetter war, so hatten wir es uns bequem gemacht und schon am Vormittag alles bis auf die Unterbeinkleider abgelegt. Als wir soweit fertig waren, stopften wir das unbequeme Wörterbuch in eine Ecke, in der es sich so ruhig als möglich verhalten konnte und legten die Feldflaschen und Pistolen so hin, daß wir sie im Dunkeln zu finden vermochten; dann rauchten wir noch eine Pfeife und hielten noch einen Schwatz zum Schluß, worauf wir die Pfeifen, den Tabak und das Geldsäckchen in wohlgeschützte Ecken und Vertiefungen zwischen den Postsäcken schoben und sämtliche Vorhänge herunter ließen, so daß es ›finster war wie in einer Kuh‹, wie unser Kondukteur in seinem malerischen Stil sich ausdrückte. Jedenfalls hätte es nirgends dunkler sein können -- nicht der leiseste Schimmer von irgend etwas war zu entdecken. Und schließlich rollten wir uns zusammen wie Seidenwürmer, wickelten uns in unsere Decken und schliefen friedlich ein. So oft der Wagen zum Wechseln der Pferde hielt, wachten wir auf und suchten uns zu vergegenwärtigen, wo wir uns befanden -- was uns auch gelang -- und eine oder zwei Minuten darauf war der Wagen wieder fort und wir mit. Wir kamen jetzt in eine da und dort von kleinen Flüssen durchströmte Gegend. Diese hatten beiderseits hohe steile Ufer und jedesmal, so oft wir auf der einen Seite des Wagens herunterflogen und auf der anderen hinaufkletterten, wurde unsere Gesellschaft ein bißchen vermischt. Zuerst lagen wir sämtlich am vorderen Ende auf einem Haufen, und eine Sekunde darauf schossen wir dem anderen Ende zu und standen auf den Köpfen. Dabei suchten wir uns durch Zappeln und Ausschlagen die Kanten und Ecken der Postsäcke vom Leibe zu halten, die um uns herflogen; und wenn dann der Staub aus dem Durcheinander aufwirbelte, niesten wir sämtlich im Chore und alle brummten und stießen Aeußerungen hervor, wie: »Gehen Sie doch mit Ihrem Ellbogen weg. Können Sie denn das Drücken nicht lassen?«

So oft wir aus einer Wagenecke in die andere flogen, kam das Wörterbuch auch mit und jedesmal that es einem von uns auch einen Schaden. Auf der einen Tour schürfte es den Sekretär am Ellbogen, auf der nächsten stieß es mich vor den Magen und auf der dritten versetzte es Bemis eins auf die Nase. Die Pistolen und der Geldsack blieben ruhig unten am Boden, dagegen rollten die Pfeifenköpfe, Pfeifenrohre und Feldflaschen jedesmal klappernd hinter dem Wörterbuch drein, so oft dieses auf uns los ging, und leisteten demselben Hilfe und Vorschub, indem sie uns Tabak in die Augen streuten und uns den Rücken mit Wasser übergossen.

Trotzdem war es, alles in allem genommen, eine ganz behagliche Nacht. Sie ging nach und nach auch herum, und als schließlich das kalte und graue Morgenlicht durch die Falten und Schlitze in den Vorhängen schimmerte, gähnten und reckten wir uns ganz vergnügt, warfen unsere Verpuppung ab und hatten das Gefühl, gerade genug geschlafen zu haben. Wie dann die Sonne allmählich heraufkam und der Welt Wärme spendete, zogen wir Rock, Hosen und Stiefel aus und machten uns zum Frühstück fertig. Es war gerade die richtige Zeit, denn schon fünf Minuten darauf ließ der Postillon die zauberischen Töne seines Horns über die öden Graswüsten hinschweben und nun entdeckten wir auch eine oder zwei niedrige Hütten in der Ferne. Jetzt ließen sich auf einmal das Rasseln des Wagens, das Klappern der Hufe unserer sechs Pferde und die kurzen Zurufe des Kutschers lauter und nachdrücklicher vernehmen, und wir fegten in flottester Gangart auf die Station los. Es war etwas Bezauberndes um so eine Fahrt mit der alten Ueberlandpost! --

In unserm Negligé sprangen wir heraus, der Postillon warf die zusammengeknüpften Zügel auf den Boden, gähnte und reckte sich behaglich und zog seine schweren Buckskinhandschuhe mit großer Bedachtsamkeit und unerträglicher Würde aus. Es fiel ihm gar nicht ein, den teilnehmenden Fragen nach seinem Befinden, unterwürfig scherzenden und schmeichelnden Anreden, willfährigen Dienstanerbietungen, die ihm von den fünf oder sechs struppigen, halbzivilisierten Stationsleuten und Hausknechten entgegen gebracht wurden, (welche eiligst unsere Gäule ausschirrten und das frische Gespann aus dem Stall zogen,) die geringste Acht zu schenken. Denn in den Augen des Postkutschers jener Tage waren Wirtsleute und Hausknechte an den Stationen eine Art niederer Geschöpfe, -- gut genug zu allem, nützlich an ihrem Platze und brauchbar, um einen neuen Staat gründen zu helfen, aber keine Wesen, mit denen ein Mann von Stellung sich einlassen konnte; während hinwiederum in den Augen des Wirts und des Dienstpersonals der Postkutscher als ein Held, ein großer, glänzender Würdenträger, ein bevorzugtes Menschenkind dastand, das von allem Volke beneidet, von der ganzen Welt mit achtungsvoller Aufmerksamkeit behandelt wurde. Wenn sie mit ihm redeten, nahmen sie sein hochmütiges Schweigen als eine natürliche Eigenheit bei einem so großen Manne in Demut hin. Oeffnete er die Lippen, so hingen sie alle voll Bewunderung an seinen Worten (er beehrte übrigens niemals eine einzelne Persönlichkeit mit seinen Bemerkungen, richtete solche vielmehr in breiter Allgemeinheit gleichzeitig an Pferde, Ställe, die ganze Umgegend und nur so nebenbei auch an die untergeordneten menschlichen Wesen;) ließ er einmal eine beleidigende Anzüglichkeit auf einen der Hausknechte los, so fühlte sich dieser Hausknecht dadurch für den ganzen Tag beglückt; gab er seinen einzigen Witz zum besten, -- einen Witz, so alt wie die Berge, grob, gemein und geistlos, und stets derselben Zuhörerschaft mit denselben Worten aufgetischt, so oft die Post daselbst anhielt, -- so brachen die Kerle in ein brüllendes Gelächter aus, schlugen sich auf die Schenkel und schwuren hoch und teuer, das sei der beste Witz, den sie in ihrem ganzen Leben gehört.

Und wie sie flogen, wenn er ein Becken oder eine Feldflasche voll Wasser oder Feuer für seine Pfeife verlangte! Gegen einen Passagier, der sich so weit vergessen hätte, eine Gefälligkeit von ihrer Hand zu beanspruchen, würden sie sofort grob geworden sein. Sie konnten sich diese Unverschämtheit ebenso wohl gestatten, als ihr Vorbild, der Postkutscher, denn wohl gemerkt, dieser letztere sah auf die Passagiere so ziemlich mit derselben Verachtung herab, wie seine Stallknechte.

Dem wirklichen Träger der Macht, dem Kondukteur des Postwagens, begegnete das Stationspersonal zwar mit aller derjenigen Höflichkeit, von welcher diese Leute überhaupt eine Vorstellung hatten, allein das war auch alles; der Postillon dagegen war das einzige Wesen, vor dem sie sich beugten, das sie anbeteten. Mit welcher Bewunderung sie zu ihm aufblickten, wenn er auf seinem hohen Sitz langsam und bedächtig die Handschuhe anzog, während ihm irgend ein beglückter Stallknecht die zusammengefaßten Zügel hinhielt, geduldig harrend, bis es dem hohen Herrn gefiel, sie zu ergreifen! Und wie sie ganze Salven von Beifallsrufen hinter ihm her losließen, wenn er mit seiner langen Peitsche knallte und im vollen Lauf davonsauste!