Auf dem Mississippi; Nach dem fernen Westen

Part 11

Chapter 113,582 wordsPublic domain

Zwei Minuten später:

»Wo in aller Welt fährst du hin? Nieder mit dem Steuer! Nieder mit dem Steuer!«

Nach einer weitern Minute:

»Nun! Willst du denn den ganzen Tag das Rad so festhalten? Laß es fliegen. -- Stütz' es! Stütz' es!« Dann sprang er von der Bank herab, riß mir das Rad aus der Hand und stetigte den Lauf des Bootes selbst, fortwährend seinen Zorn über mich ausschüttend.

George Ritchie war der Lehrling des andern Lotsen. Er hatte jetzt gute Tage, denn sein ›Baas‹, George Ealer, war ebenso gutherzig, wie Brown boshaft war. Ritchie hatte in der Saison vorher für Brown gesteuert; folglich wußte er genau, wie er zu gleicher Zeit sich belustigen und mich quälen konnte. So oft ich auf Ealers Wache für einen Augenblick das Rad ergriff, setzte sich Ritchie auf die Bank und spielte Brown, indem er mich fortwährend mit Ausrufen quälte, wie: »Fang es! Fang es! Verflixtester Gelbschnabel, den ich je sah!« »He! Wo willst du denn jetzt hin? Willst du jenen Baumstamm überrennen?« »_Nieder mit dem Ruder!_ Hörst du nicht? _Nieder_ mit dem Ruder!« »Da geht's hin! Just wie ich's erwartete. Ich sagte dir doch, du solltest nicht dem Riff so nahe kommen! Weg vom Rad!«

Und so hatte ich stets eine böse Zeit, gleichviel wer auf Wache war! und manchmal schienen mir Ritchies gutmütige Neckereien fast ebenso unerträglich wie Browns bitterernste Quälereien.

Ich hätte zuweilen Brown vor Ärger umbringen mögen; aber das ging nicht an. Ein Lehrling mußte alles hinnehmen, was sein ›Baas‹ ihm an kräftigen Bemerkungen und Kritiken bot; und wir glaubten bestimmt, es gebe ein Gesetz, das eine schwere Strafe über jeden verhänge, der einen Lotsen im Dienst schlage oder bedrohe. Doch konnte ich mir ja _einbilden_, daß ich Brown tötete, dagegen gab es kein Gesetz; und das that ich denn auch immer, wenn ich im Bett war. Statt in Gedanken mich mit dem Strom zu beschäftigen, wie es meine Pflicht war, warf ich des Vergnügens wegen das Geschäft beiseite und tötete Brown. Monatelang tötete ich Brown allnächtlich; nicht auf alte, abgedroschene Weise, sondern auf neue und malerische -- auf Weisen, die zuweilen wegen der Frische des Plans und der Schauerlichkeit der Lage und Umgebung überraschend waren.

Brown lauerte stets auf eine Gelegenheit zum Tadeln und wenn er keinen plausiblen Grund hatte, so erfand er einen. Er schalt mich, weil ich dicht am Ufer hinfuhr und weil ich _nicht_ dicht am Ufer hinfuhr; weil ich nahe an einer Sandbank hinsteuerte und weil ich zu weit davon entfernt blieb; weil ich das Rad ungeheißen niederdrehte und weil ich es _nicht_ ungeheißen that; weil ich ohne Befehle handelte und weil ich auf Befehle wartete. Mit einem Wort, es war unveränderliche Regel bei ihm, _alles_ zu bemängeln, was ich that, und eine weitere Regel, alle seine Bemerkungen mir gegenüber in die Form einer Beleidigung zu kleiden.

Eines Tages näherten wir uns, stromabwärts steuernd und schwer beladen, Neu-Madrid. Brown stand auf der einen Seite des Rades und steuerte, ich auf der andern, bereit, dasselbe nieder- oder aufzudrehen. Er warf mir zuweilen einen verstohlenen Blick zu. Ich wußte schon lange, was das bedeutete -- nämlich, daß er mir eine Falle zu stellen versuchte, und war nur neugierig, welche Gestalt dieselbe annehmen sollte. Nach einiger Zeit trat er vom Rad zurück und sagte in seiner gewohnten mürrischen Weise:

»He! -- Sieh, ob du Grütze genug hast, das Boot herumzudrehen.«

Das mußte unbedingt ein Triumph für ihn werden; er hatte mich das Boot nie herumdrehen lassen, und so konnte er ausgiebig tadeln, wie ich es auch machen würde. Er stand hinter mir, sein gieriges Auge auf mich gerichtet, und das Resultat war wie vorauszusehen: ich verlor in ein paar Augenblicken den Kopf und wußte nicht mehr, was ich that. Ich begann zu früh mit dem Herumdrehen, entdeckte aber einen grünlichen Freudenschimmer in Browns Augen und verbesserte meinen Mißgriff; ich begann abermals, während wir noch zu weit oben waren, korrigierte mich aber noch zeitig genug; ich machte andere falsche Bewegungen, zog mich aber stets wieder aus der Verlegenheit. Schließlich aber wurde ich so verwirrt und ängstlich, daß ich in den allerschlimmsten Fehler verfiel -- ich kam zu weit abwärts, ehe ich das Boot herumzuholen begann. Die Gelegenheit für Brown war gekommen.

Sein Gesicht war rot vor leidenschaftlicher Wut; er machte einen Satz, schleuderte mich mit einer Bewegung seines Armes vom Steuer weg, ließ das Rad rasch herumfliegen und begann einen Strom von Schmähungen über mich auszugießen, der anhielt, bis er außer Atem war. Im Laufe seiner Rede gab er mir alle Arten von Schimpfnamen, die er erdenken konnte, und einmal oder zweimal dachte ich, er würde sogar fluchen -- aber er hatte das nie gethan und that es auch diesmal nicht. ›Ganz verflixt‹ war das Aeußerste, was er in der Richtung gegen einen Fluch hin wagte, denn es war ihm ein heilsamer Respekt vor zukünftigem Feuer und Schwefel anerzogen worden.

Das war eine böse Stunde, denn auf dem Sturmdeck stand eine große Zuhörerschaft. Als ich in jener Nacht im Bette lag, tötete ich Brown auf siebzehn verschiedene Arten -- alle neu.

Brown und ich tauschen Komplimente aus.

Während der übernächsten Fahrt geriet ich in eine ernste Patsche. Brown steuerte; ich half ihm. Mein jüngerer, im Bureau angestellter Bruder erschien auf dem Sturmdeck und rief Brown zu, er solle bei einem Landungsplatz etwa eine Meile weiter abwärts anlegen. Brown gab durch kein Zeichen zu verstehen, daß er etwas gehört habe; aber das war so seine Art: er ließ sich nie herab, von einem Bureaubeamten Notiz zu nehmen. Es wehte ein starker Wind; Brown war schwerhörig (obgleich er das stets bestritt) und ich war sehr im Zweifel, ob er den Befehl gehört hatte. Wenn ich zwei Köpfe gehabt hätte, würde ich gesprochen haben; da ich aber nur einen besaß, schien es mir klug, für diesen Sorge zu tragen; ich verhielt mich also ruhig.

Richtig segelten wir bald darauf an jener Pflanzung vorbei.

Kapitän Kleinfelder erschien auf dem Verdeck und sagte:

»Lenken Sie doch das Boot herum, Sir, lenken Sie's herum. Sagte Henry Ihnen nicht, daß Sie hier landen sollten?«

»_Nein_, Sir!«

»Ich sandte ihn eigens deshalb herauf.«

»Er kam auch herauf; aber das ist alles, was er that, der verflixte Narr. Er sagte kein Wort.«

»Hast du es nicht gehört?« fragte der Kapitän mich.

Ich wollte natürlich nicht gern in diese Geschichte verwickelt werden; aber es war nicht zu vermeiden, und so sagte ich:

»Ja, Sir.«

Ich wußte im voraus, was Browns nächste Bemerkung darauf sein würde; sie lautete:

»Halt's Maul! Du hast so etwas nicht gehört.«

Ich schwieg dieser Weisung gemäß. Eine Stunde später kam Henry ins Steuerhaus, ohne etwas von dem Vorgefallenen zu wissen. Er war ein ganz harmloser Bursche und that mir leid, als ich ihn kommen sah, denn ich wußte, daß Brown kein Mitleid mit ihm haben würde. Brown begann sofort:

»He! warum sagtest du mir nicht, daß ich bei jener Pflanzung landen sollte?«

»Ich sagte es Ihnen, Herr Brown.«

»Das ist 'ne Lüge!«

Ich rief: »Sie lügen selbst. Er sagte es Ihnen.«

Brown sah mich mit ungeheucheltem Erstaunen an, und für einen Augenblick war er ganz sprachlos; dann schrie er mir zu:

»Mit dir werde ich gleich ein Wort reden!« und hierauf zu Henry: »Und du verläßt das Steuerhaus; hinaus mit dir!«

Das war Lotsengesetz und mußte befolgt werden. Henry wandte sich zum Gehen und hatte eben den Fuß auf die obere Stufe vor der Thür gesetzt, als Brown in einem plötzlichen Wutanfall ein etwa zehnpfündiges Stück Kohle ergriff und ihm nachsprang; ich kam jedoch mit einem schweren Stuhl dazwischen und versetzte Brown einen tüchtigen Streich, der ihn niederstreckte.

Ich hatte das Kapitalverbrechen begangen -- hatte meine Hand gegen einen Lotsen im Dienst erhoben. Da ich einmal doch fürs Zuchthaus reif war, konnte ich meine Lage kaum verschlimmern, wenn ich fortfuhr, meine Rechnung mit diesem Menschen auszugleichen, so lange ich die Gelegenheit dazu hatte; so machte ich mich denn an ihn heran und bearbeitete ihn eine beträchtliche Zeit -- ich weiß nicht, wie lange -- mit den Fäusten; das Vergnügen ließ mir die Zeit wohl länger erscheinen, als sie wirklich war; -- endlich aber riß er sich los, sprang auf und zum Rad hin: eine sehr natürliche Besorgnis, denn während dieser ganzen Zeit raste das Fahrzeug mit einer Geschwindigkeit von fünfzehn Meilen in der Stunde den Fluß hinab, ohne daß jemand am Steuer war! Eagle Bend war jedoch bei diesem Wasserstand zwei Meilen breit und entsprechend lang und tief, und das Boot steuerte gerade in der Mitte des Fahrwassers hinab und vermied alle Hindernisse. Aber das war reines Glück -- es hätte ebenso gut in den Wald hinein dampfen können.

Als Brown auf den ersten Blick sah, daß die ›Pennsylvania‹ nicht in Gefahr war, nahm er das lange Fernrohr wie eine Keule zur Hand und befahl mir mit steiferer Würde, als ein Comanche besitzt, das Steuerhaus zu verlassen. Aber ich fürchtete mich jetzt nicht mehr vor ihm; statt also zu gehen, blieb ich und kritisierte seine Sprechweise, formte seine schauderhaften Ausdrücke um und brachte sie in gutes Englisch, wobei ich seine Aufmerksamkeit auf die Vorzüge eines reinen Englisch vor dem Bastarddialekt der pennsylvanischen Kohlenbergwerke lenkte, aus denen er stammte. In einem Kreuzfeuer bloßer Schmähungen hätte er seine Rolle bewunderungswürdig spielen können, für diese Art der Kontroverse aber war er nicht gewappnet; er legte daher das Fernrohr beiseite und ergriff murmelnd und kopfschüttelnd das Rad, während ich mich auf die hohe Bank setzte. Der Lärm hatte alles auf's Sturmdeck gelockt, und ich zitterte, als ich den alten Kapitän aus der Mitte der Schar heraufschauen sah. Ich sagte mir »Nun bin ich verloren!« -- denn so väterlich und nachsichtig der Kapitän gewöhnlich gegen seine Leute und so milde er bei kleineren Versehen war, so streng konnte er bei einem ernstlichen Vergehen sein.

Ich versuchte mir vorzustellen, was er mit einem Lotsenlehrling thun würde, der sich ein Verbrechen wie das meine hätte zu schulden kommen lassen, und noch dazu auf einem Dampfer, der voll von Passagieren und kostbarer Fracht war. Unsere Wache war fast zu Ende. Ich gedachte mich irgendwo zu verstecken, bis ich eine Gelegenheit fände, ans Land zu schlüpfen. So schlich ich denn aus dem Steuerhaus, die Treppe hinab und auf die Thür zum Saale zu -- und wollte eben hineingleiten, als der Kapitän mir entgegentrat. Ich ließ den Kopf hängen; er stand einige Augenblicke schweigend vor mir und sagte dann:

»Folge mir!«

Ich schritt ihm nach, in seine Kajüte am vordern Ende des Salons. Wir waren jetzt allein. Er schloß die hintere Thür, ging dann langsam zur vordern und schloß auch diese. Darauf setzte er sich nieder, sah mich eine Weile an und sagte schließlich:

»Du hast dich also mit Herrn Brown geprügelt?«

Ich antwortete demütig: »Ja, Sir.«

»Weißt du, daß das eine sehr ernste Sache ist?«

»Ja, Sir.«

»Weißt du, daß dieses Boot volle fünf Minuten den Strom hinabdampfte, ohne daß jemand am Steuerruder war?«

»Ja, Sir.«

»Hast du ihn zuerst geschlagen?«

»Ja, Sir.«

»Womit?«

»Mit einem Stuhl, Sir.«

»Stark?«

»Mittelmäßig, Sir.«

»Warf es ihn nieder?«

»Er -- er fiel, Sir.«

»Was machtest du weiter? Thatest du sonst noch etwas?«

»Ja, Sir.«

»Was denn?«

»Bearbeitete ihn mit den Fäusten, Sir.«

»Mit den Fäusten?«

»Ja, Sir.«

»Gehörig? -- das heißt stark?«

»Ich glaube wohl, Sir.«

»Das freut mich ganz verteufelt! Höre, laß dir nie merken, daß ich das sagte. Du hast dir ein schweres Verbrechen zu schulden kommen lassen; thue es ja nicht wieder auf diesem Boot. _Aber_ -- paß ihm auf am Lande! Prügle ihn ganz gehörig durch, hörst du? Ich werde die Kosten bezahlen. Und nun geh -- und höre, daß du mir kein Wort davon laut werden lässest! Fort mit dir! -- du hast ein schweres Verbrechen begangen, du Schlingel!«

Ich schlich hinaus, glücklich im Gefühl des Entkommens und einer großen Erlösung; und ich hörte ihn für sich hin lachen und sich auf die strammen Schenkel schlagen, nachdem ich seine Thür geschlossen hatte.

Als Brown von der Wache kam, ging er stracks zum Kapitän, der mit einigen Passagieren auf dem Kesseldeck plauderte, verlangte, daß ich in New Orleans ans Land gesetzt würde, und fügte hinzu:

»Ich werde das Rad auf diesem Boot nicht mehr drehen, solange der Bursche an Bord ist.«

Der Kapitän sagte:

»Aber er braucht ja nicht ins Steuerhaus zu kommen, solange Sie auf Wache sind, Herr Brown.«

»Ich mag nicht einmal auf demselben Boote mit ihm bleiben. Einer von uns muß ans Land.«

»Sehr wohl,« sagte der Kapitän, »dann mögen _Sie_ dieser _eine_ sein.« Damit setzte er sein Gespräch mit den Passagieren fort.

Während des kurzen Restes dieser Fahrt erfuhr ich, wie einem befreiten Sklaven zumute ist; denn ich selbst war jetzt ein befreiter Sklave. Während wir an den Landeplätzen lagen, lauschte ich George Ealers Flötenspiel oder seinem Vorlesen aus seinen beiden Bibeln, d. h. Goldsmith und Shakespeare, oder ich spielte Schach mit ihm -- und würde ihn manchmal geschlagen haben, wenn er nicht stets seinen letzten Zug zurückgenommen und dadurch dem Spiel eine andere Wendung gegeben hätte.

Eine Katastrophe.

Wir lagen drei Tage in New Orleans, es gelang dem Kapitän jedoch nicht, einen andern Lotsen zu finden; er schlug daher vor, daß ich die Tageswachen übernehmen und die Nachtwachen Georg Ealer überlassen sollte. Ich fürchtete mich aber, denn ich hatte noch nie ganz allein die Wache gehabt und glaubte, daß ich das Boot sicher am obern Ende einer Durchfahrt zu Schaden oder an einer schmalen Stelle auf den Grund bringen würde. Brown behielt nun seine Stelle, wollte aber nicht mit mir fahren. So wurde denn abgemacht, daß ich auf dem ›A. T. Lacey‹ nach St. Louis nachkommen sollte; dort wollte der Kapitän einen neuen Lotsen anstellen, so daß ich meinen Platz als Steuerer wieder einnehmen könnte. Der ›Lacey‹ sollte ein paar Tage nach der ›Pennsylvania‹ abfahren.

In der Nacht vor der Abfahrt der ›Pennsylvania‹ saßen Henry und ich bis Mitternacht plaudernd auf einem Frachthaufen am Hafendamm. Unsere Unterhaltung betraf einen Gegenstand, der, wie ich glaube, noch nicht besprochen ist -- die Unglücksfälle der Dampfboote. Ein solcher war eben im Anzuge, ohne daß wir es ahnten; das Wasser zu dem Dampf, der das Unglück verursachen sollte, strömte schon an einer Landspitze etwa fünfzehnhundert Meilen stromaufwärts vorüber, während wir plauderten -- traf aber rechtzeitig am rechten Orte ein. Wir bezweifelten, ob Personen ohne rechte Autorität bei Unglücksfällen und der sie begleitenden Panik viel nützen könnten, meinten aber, daß sie immerhin _etwas_ zu nützen vermöchten; so beschlossen wir denn, falls wir je ein solches Unglück erleben sollten, wenigstens bis zum letzten Augenblick auf dem Posten zu bleiben und kleinere Dienste zu leisten, wie es der Zufall bieten würde. Henry erinnerte sich später daran, als das Unglück geschah, und handelte demgemäß.

Der ›Lacey‹ fuhr also zwei Tage später ab als die ›Pennsylvania‹, mit der mein Bruder fuhr. Als wir nach ein paar Tagen zu Greenville in Mississippi anlegten, rief uns jemand zu:

»Die ›Pennsylvania‹ ist bei der Schiffsinsel in die Luft geflogen, und hundertfünfzig Menschenleben sind zu Grunde gegangen.«

Zu Napoleon in Arkansas erhielten wir noch am selben Tage das Extrablatt einer Zeitung in Memphis, das einige Einzelheiten enthielt. Es erwähnte meinen Bruder -- als unverletzt.

Weiter den Fluß hinauf bekamen wir ein später erschienenes Extrablatt. Mein Bruder war wieder erwähnt -- diesmal als tödlich verletzt. Erst als wir Memphis erreichten, erhielten wir ausführliche Mitteilungen über die Katastrophe. Hier folgt die leidvolle Geschichte:

Es war um sechs Uhr früh an einem heißen Sommermorgen. Die ›Pennsylvania‹ fuhr nördlich von der Schiffsinsel, etwa sechzig Meilen unterhalb Memphis, langsam mit halbem Dampf weiter, da sie im Schlepptau ein mit Holz beladenes Flachboot hatte, das rasch geleert wurde. George Ealer war im Steuerhaus -- allein; glaube ich; der zweite Maschinist und ein Heizer hatten die Wache im Maschinenraum, der zweite Steuermann die Wache auf Deck; Herr Wood, Georg Black und mein Bruder, alle drei Buchhalter schliefen, ebenso Brown und der Obermaschinist, der Zimmermann, der Obersteuermann und ein Heizer; Kapitän Kleinfelder saß im Barbierstuhl, und der Barbier wollte gerade mit dem Rasieren beginnen. Wie man damals erzählte, waren sehr viele Kajüts- und 3--400 Deckspassagiere an Bord, von denen die meisten noch schliefen. Als das Holzboot nahezu entleert war, läutete Ealer »Volle Kraft vorwärts!« und im nächsten Augenblick explodierten vier von den acht Dampfkesseln mit donnerndem Krachen, und das ganze vordere Drittel des Dampfers flog den Wolken zu! Der Hauptteil der Masse mit den Schornsteinen fiel wieder auf das Boot: ein Berg zertrümmerter, chaotischer Wrackstücke, -- dann brach nach einer kleinen Weile Feuer aus.

Viele Leute wurden in beträchtliche Entfernungen geschleudert und fielen in den Fluß, darunter auch Herr Wood, mein Bruder und der Zimmermann. Der Zimmermann lag noch auf seiner Matratze ausgestreckt, als er fünfundsiebzig Fuß vom Dampfer entfernt ins Wasser fiel. Von Brown, dem Lotsen, und Georg Black, dem ersten Buchhalter, wurde nach der Explosion nichts mehr gesehen und gehört. Der Barbierstuhl mit dem unverletzten Kapitän Kleinfelder darin stand mit dem Rücken gegen einen tiefen Abgrund -- das ganze Vorderteil des Schiffes war verschwunden, und der verblüffte Barbier, der gleichfalls unverletzt geblieben war, stand da, unbewußt das Messer am Streichriemen abziehend, dicht vor dem klaffenden Spalt, mit einem Zehen über der Leere, ohne ein Wort zu sagen.

Als George Ealer die Schornsteine vor seinen Augen in die Höhe fliegen sah, wußte er, was los war; er hüllte sein Gesicht mit den Rockschößen ein und preßte die Hände davor, um durch diesen Schutz zu verhindern, daß der heiße Dampf in seine Nase oder seinen Mund gelangen konnte. Er hatte Zeit genug, sich mit diesen Einzelheiten zu beschäftigen, während er auf- und abwärts flog. Bald darauf landete er auf einem der nicht explodierten Dampfkessel, in Begleitung seines Rades und eines Hagels anderer Sachen und in eine Wolke siedend heißen Dampfes gehüllt, vierzig Fuß unterhalb des früheren Steuerhauses. Alle, welche den Dampf einatmeten, sind gestorben; keiner kam davon. Ealer atmete aber keinen Dampf ein; er eilte so rasch wie möglich in die freie Luft; und als der Dampf sich verzog, kehrte er zurück und kletterte wieder auf den Dampfkessel, wo er mit großer Geduld alle seine Schachfiguren und die verschiedenen Teile seiner Flöte zusammensuchte.

Mittlerweile begann das Feuer bedrohend zu werden. Schreien und Stöhnen erfüllten die Luft. Sehr viele Personen waren verbrüht, viele andere verstümmelt; einem Manne -- einem Geistlichen, glaube ich -- hatte die Explosion eine eiserne Brechstange durch den Leib getrieben; er starb nicht sogleich, und seine Leiden waren ganz gräßlich. Ein junger französischer Seekadett von fünfzehn Jahren, der Sohn eines französischen Admirals, wurde fürchterlich verbrüht, ertrug aber die Qualen mannhaft. Beide Steuerleute waren arg verbrüht, blieben aber trotzdem standhaft auf ihren Posten. Sie brachten das Flachboot nach dem Heck und trieben mit dem Kapitän die rasende Schar der erschreckten Passagiere zurück, bis die Verwundeten dorthin und in Sicherheit gebracht worden waren.

Als Herr Wood und Henry ins Wasser fielen, schwammen sie aufs Ufer zu, das nur einige hundert Schritte entfernt war; aber Henry sagte bald darauf, er glaube nicht verletzt zu sein (welch unbegreiflicher Irrtum!) und wolle deshalb zum Boot zurückschwimmen und die Verwundeten retten helfen. Damit schieden sie, und Henry kehrte um.

Mittlerweile verbreitete sich das Feuer mit rasender Schnelle, und mehrere Personen, die unter den Trümmern eingesperrt waren, schrieen kläglich um Hilfe. Alle Bemühungen, das Feuer zu bewältigen, erwiesen sich als fruchtlos; so wurden denn bald die Eimer beiseite geworfen und die Offiziere ergriffen die Aexte und versuchten die Gefangenen herauszuhauen. Unter den Gefangenen befand sich auch ein Heizer; er sagte, er wäre nicht verletzt, könnte sich aber nicht befreien; als er sah, daß das Feuer die Hilfeleistenden vertreiben würde, bat er, man möge ihn erschießen und so vor dem gräßlicheren Feuertod retten. Das Feuer vertrieb wirklich die Offiziere, so daß sie unthätig das Flehen dieses armen Burschen anhören mußten, bis die Flammen seine Qualen endeten.

Das Feuer drängte alles, was nur irgend Platz finden konnte, auf das Holzboot; dann wurde dieses losgeschnitten und trieb nun mit dem brennenden Dampfer den Fluß hinab auf die Schiffsinsel zu. Man verankerte das Boot am oberen Ende der Insel und dort mußten die halbnackten Insassen, ohne Schutz vor der sengenden Sonne, ohne Speise und Stärkungsmittel und ohne Hilfe für ihre Verletzungen den ganzen Tag bleiben. Endlich kam ein Dampfer, der die Unglücklichen nach Memphis brachte, wo ihnen sogleich die ausgiebigste Hilfe zuteil wurde. Henry war mittlerweile bewußtlos geworden. Die Ärzte untersuchten seine Verletzungen, und da sie sahen, daß dieselben tödlich waren, wandten sie natürlich ihre Aufmerksamkeit anderen Patienten zu, die gerettet werden konnten.

Vierzig der Verwundeten wurden in einer großen öffentlichen Halle untergebracht, und unter diesen war auch Henry. Die Damen von Memphis kamen jeden Tag mit Blumen, Obst, Süßigkeiten und Leckerbissen aller Art und pflegten die Verwundeten. Alle Aerzte und Studierenden der Medizin leisteten Tag und Nacht Dienste; und die übrige Stadt lieferte Geld oder was sonst erforderlich war. Memphis hatte gelernt, wie alles aufs beste auszuführen sei und war von allen Städten am Strom in dem gnadenreichen Amt des barmherzigen Samariters wohl erfahren, da schon manches Unglück, wie das der ›Pennsylvania‹, vor seinen Thoren sich ereignet hatte.

Der Anblick, der sich mir beim Eintritt in jenen weiten Saal bot, war mir neu und fremdartig. Zwei lange Reihen ausgestreckter Gestalten -- mehr als vierzig im ganzen -- und jedes Gesicht, jeder Kopf eine formlose Masse loser, roher Baumwolle. Es war ein grauenvoller Anblick. Ich wachte sechs Tage und Nächte dort und machte dabei recht traurige Erfahrungen. Ein tägliches Ereignis war besonders niederdrückend -- das war die Entfernung der Sterbenden in ein eigenes Gemach. Man that dies, um die moralische Kraft der andern Patienten nicht zu sehr auf die Probe zu stellen. Der dem Tode Geweihte wurde mit möglichst geringem Aufsehen fortgeschafft, und die Bahre war stets hinter einer lebenden Mauer von Assistenten verborgen; aber das half nichts -- jedermann wußte, was jene Schar gebeugter Gestalten mit dem leisen Schritt und der langsamen Bewegung bedeutete.