Chapter 3
AN EINEN BERÜHMTEN GAST
AUS TAUSEND UND EINE NACHT
Welch Ruhm für uns, daß du bei uns erscheinst Mit vollen Händen streun wir Weihrauch aus, Hell leuchten soll die Nacht wie Tagesschein!
Und ich will, als ein Zeichen meiner Freude, Hingehn und meine Wohnung schön bekränzen Und ihre Räume ganz mit Duft erfüllen Von Rosenwasser, Kampfer und Muskat!
LIEBESHYMNE
IL HAGYRI
Sie ist schlank wie ein biegsamer Zweig. Ihr Blick macht trunken wie Wein; trunken macht der Nektar ihres Mundes.
Sie ist ein Mond, der aufgeht über dem Horizont meines Herzens. Sie ist eine Gazelle und durchfliegt die Ebene meiner Augen.
Die vollendete Schönheit erkennt sie als Herrin an. Alle Schönheiten schlafen in ihren Gliedern.
Ihre Bewegungen sind geschmeidig, zum Anbeten. Mein Herz ward ihr Gefangener, und meine Tränen fließen, aus Liebe.
Auf ihrem Nacken wächst ein zarter Flaum. Karminrot glänzen ihre Lippen, wie alter Wein.
Auf ihren Wangen leuchtet der Abglanz eines Feuers der Liebe; Dieses Feuer der Liebe wütet in meinem Herzen.
Ihr Antlitz gleicht dem Monde am Firmament; Die Menschen nennen die beiden Zwillingsgestirne.
Der Liebende findet es süß, sich ganz zu opfern für sie. Er spürt keine Scham; um ihretwillen verleugnet er seine Geliebte.
O mein Herz, wie bist du keusch, Während meine Augen ihr Bild einsaugen, voller Entzücken.
Der allein kennt das Glück dieser Welt, Der sich tränkt von der Nässe ihres Mundes am Morgen und am Abend.
WASSER UND FEUER
UNBEKANNTER DICHTER
So wie die Sintflut fließen meine Tränen; Das Feuer, das in meinem Herzen wütet, Ist wie das Opferfeuer Abrahams.
Wenn meine Tränen nicht so reichlich flössen, Ich wäre wohl zu Asche längst verbrannt Durch meines Herzens glühendheiße Seufzer.
Und wären meine heißen Seufzer nicht, Ich wäre längst ertrunken in dem Strome Der Tränen, die ich kaum mehr stillen kann.
SELIGE NACHT
IBN IL FARID
Voll Leidenschaft und Kühnheit war die Nacht, Die wir genossen, Arm in Arm geschmiegt.
Dicht lehnte meine Freundin ihre Wange An meine, bis zum Morgen lag sie so.
Und über ihr Gesichtlein breitete Sich ein so feiner Schweiß der Wollust aus,
Daß ich berauscht ward, -- und ich atmete Ihn selig auf wie Duft von Rosenöl.
TRÄNEN
SCHULE DES IBN IL FARID
Sie fragte mich: So sag mir doch, warum Sind deine Tränen weiß? Ich gab zur Antwort:
Ich weine schon so lang, daß meine Tränen Geblichen sind, so wie mein Haar erblich.
Sie fragte mich: So sag mir doch, warum Sind deine Tränen grün? Da sprach ich wild:
Weißt du denn nicht, daß meine Tränenquellen Versiegt sind? Bittre Galle weint mein Aug!
Sie fragte mich: So sag mir doch, warum Sind deine Tränen schwarz? Und ich sprach leis:
Ich habe keine Tränen mehr. Das Schwarze Aus meinen Augen wein ich nun dahin ...
SELTSAMER WUNSCH
SCHULE DES IBN IL FARID
Ist es nicht seltsam, daß ich von dem Wunsche Nach ihr ergriffen bin? Ich frage, wo Sie sein mag, -- und sie ist doch ganz in mir! Mit diesen Augen such ich sie, obgleich Ihr Bild in diesen Augen lebt und webt. Mein Herz schlägt heftiger bei dem Gedanken, Daß ich sie wiedersehe, -- und sie atmet Doch zwischen meinen Rippen, ja, bei Gott!
EIN WUNDER
NUBATA
Törichter Mensch, der du mich tadeln willst, Daß meine Seele glüht für dieses Weib!
Betrachte ihren wundervollen Körper! Sieh ihre weiße Stirn! Ihr schwarzes Haar!
Ist es ein Wunder nicht, daß man den Glanz Des Tages und zugleich die dunkle Nacht
In _einem_ holden Leib beisammen sieht?
AUF EINEN APFEL
UNBEKANNTER DICHTER
Der Apfel, den ich aus der Hand empfing Des reizendsten, gazellenhaften Mädchens, War von ihr selbst gepflückt, von einem Zweige, Der biegsam wie ihr eigner Körper war.
Und es war süß, die Hand darauf zu legen, Als sei's der Busen derer, die ihn schenkte; Hold duftete der Apfel wie der Atem Der Geberin; die Farbe ihrer Wangen Sah man auf ihm; und ihre Lippen meint ich Zu spüren, da ich an den Mund ihn nahm.
WEISHEIT
UNBEKANNTER DICHTER
Mit all den Schätzen, danach du Verlangen trägst, Ist es dasselbe wie mit deinem Schatten: Wenn du den Schätzen nachjagst, so erreichst du sie Niemals. Doch wende ihnen nur den Rücken zu: So folgen sie dir nach, wie es dein Schatten tut.
DER LIEBESBRIEF
UNBEKANNTER DICHTER
Ich brach das Siegel deines Briefs entzwei, -- Und holde Nachricht, die ich ungeduldig Erwartete, hat mir dein Brief gebracht.
Dein Brief ist meinen Augen lieblicher Und süßer für mein sehnsuchtsvolles Herz, Als frisch gepflückte Gartenblumen sind.
Viel köstlicher ist das, was er enthält, Als Edelsteine, reizend anzuschauen, Die auf dem Busen reicher Frauen glühn.
DER LIEBENDE UND DIE FACKEL
UNBEKANNTER DICHTER
Ich sprach zur Fackel: Ich und du, wir sind Zwei Liebende, die bis zum Morgen wachen, Doch dieser Unterschied ist zwischen uns:
Die Tränen, die aus meinen Augen rinnen, Sind Karneol, der flüssig ward. Die deinen Sind dem geschmolznen Golde zu vergleichen.
Dein Feuer ist erloschen, wenn der Morgen Rosig heraufzieht. Aber meine Flamme Brennt immer weiter, ohne zu erlöschen!
SEHNSUCHT NACH DAMASKUS
ACHMED BEN MOHAMMED MOKRI
O meine lieben Freunde in Damaskus, Noch immer habt ihr keine Nachricht mir Aus eurem vielgeliebten Land geschickt!
Das Feuer eines schmerzlichen Verlangens Erfüllt die Brust mir und verzehrt sie ganz. Ach, allzu weiter Raum trennt euch und mich!
Seit jener Stunde, da ich euch verließ, Sind meine Augen ohne Lust zu schlafen, Und ohne Lust, das Licht des Tags zu sehn.
Denk ich zurück an die verrauschten Zeiten Der Seligkeit, die ich mit euch genoß, So will das Herz mir Brechen vor Verzweiflung.
Wie war das schön, des Morgens, in dem Tale Von Niran, wo die Blumen immer lächeln, Betaut von Tränen, die der Himmel weint;
Und wo die Tauben girren in den Wipfeln Und sich die Zweige wiegen und die Bäche Und Bäume rauschen ohne Unterlaß.
Und dann die Ebne an dem Fuß der Berge! Wo sind die Abende des Glückes, die Wir dort verbrachten; davon einer schon
Mir wertvoll wie ein ganzes Leben scheint? O wundervolle Ebne, daß ich dich Dankbar mit meinen Tränen netzen könnte!
Wenn ich auch weiß, daß solches nur ein kleines Geschenk für dich bedeutete, zumal Wenn du seit langem ohne Regen bist.
AUF EINEN GARTEN
ACHMED BEN MOHAMMED MOKRI
Mit einem Mantel dichten Grünes Bist du, o Garten, ganz bedeckt, Aus deiner Bäume schlanken Zweigen Schallt das Konzert der Vogelwelt.
Ich liebe es, in deinem Schatten Mit jungen, hübschen Menschen mich Zu unterhalten; deren Wangen Den Glanz des Mondlichts widerstrahlen.
Ein Silberbach fließt durch die Beete, Ein Lächeln liegt auf seinem Wasser, Mitunter strahlt es blitzend auf, Wie eines Degens glatte Klinge.
Und Tropfen springen aus dem Bache Ans Ufer, und dort schimmern sie, Bald dicht gedrängt und bald vereinzelt, Gleich einem köstlichen Kollier.
Und wer das silberne Gefunkel Im Rasen sieht, der ist der Meinung, Es seien Perlen ausgestreut Auf einen Teppich von Smaragden ...
DER VERLIEBTE DICHTER
IBN HOGGIAT
Einst lebte ein Dichter, der von heftiger Liebe für die schönste seiner Sklavinnen ergriffen war. Aber diese verschmähte den Unglücklichen und ließ ihn ihre ganze Verachtung fühlen. Eines Nachts, als der Dichter allein war, um sich ungestört dem Genuß des Weines hinzugeben, dachte er an die Geliebte und überlegte, auf welche Weise er sie für ihre Kälte und ihren Eigensinn strafen könnte. Da nun der Wein sein Gehirn mehr und mehr verwirrte, erhob er sich plötzlich, besiegt zugleich von der Trunkenheit der Liebe und des Weines. Er ergriff eine brennende Fackel und legte sie an die Tür der Sklavin, um die Schöne samt ihrem Hause zu verbrennen. Schon züngelten die Flammen an der Tür empor ... da eilte man herbei und löschte das Feuer. Man ergriff den Poeten, und bei Tagesanbruch führte man ihn vor den Richter. Dieser fragte den Übeltäter: »Was hat dich hingerissen, das Haus deiner Sklavin in Brand zu stecken?« Der Dichter erwiderte mit diesen Versen:
»Da mir die Spröde immer widerstrebte Und mir doch immer heftiger das Feuer In meiner Brust entzündete, da fand ich Kein Mittel mehr, der Liebe zu entfliehen, Und auch kein Mittel, das den Schlaf mir schenkte, Und also schritt ich hin vor ihre Türe Und ließ mich nieder, wie ein treues Pferd Sich vor die Schwelle seines Herren streckt.
Da flog ein Funken, ohne daß ich's wollte, Von meines Herzens Glutball fort, ein kleiner, Kaum wahrnehmbarer Funken, und er steckte Die Tür in Brand ... mein eigner Wille hat Mit diesem nächtigen Brande nichts zu tun!«
Der Richter hatte seinen Gefallen an dem Poeten. Er fand die Ausrede hübsch erdacht und die Verse reizend. Gerührt durch das Schicksal des armen Verliebten, bezahlte er für ihn die Strafe und schenkte ihm die Freiheit zurück.
FRÜHLING
SOYUTI
O Frühlingstage! Tage des Entzückens! Die Vögel singen jubelnd um die Wette, Und aus dem Strauche glänzt die Rose auf, Weißschimmernd, wie die reine Stirn der Scham, Oder errötend, gleich den holden Wangen Furchtsamer Jungfraun. Seht, das frische Laub Schwankt hin im Zephir wie ein Mensch, der leise Im holden Dunste alten Weines schwankt, Und durch die Ebene sickert sacht der Strom, So wie der Schlaf sich in die stillen Augen Der Kinder einschleicht, welche müde sind.
ERINNERUNG
SOYUTI
Nie werd ich diese wundervolle Nacht Vergessen, da der Vollmond seine Strahlen Uns bis zum taubeglänzten Morgen lieh. Wir waren ganz allein; kein Späher hatte Sein Aug auf uns, -- und silbern lief der Strom Mit Flüstern durch den stillen Schoß der Nacht.
Und dann erschien die Morgenröte: herrlich Wie funkelnde Rubine, und der Strom Trieb goldne Fluten durch das blühende Land!
AN DEN ZEPHIR
SOYUTI
Der Zephir ist der wahre Freund der Liebenden: Er hebt die Schleier auf, darunter die Gesichter Der Schönen sich verbergen. Auch den stolzesten Der Weidenzweige zwingt er, auf die kühle Stirn Des Baches einen Kuß zu drücken. Der Verliebte, Der fern von seiner Stadt und seiner Freundin weilt, Schickt auf dem Zephir seiner Liebsten Grüße zu, Die ihrem harrenden Herzen ein Entzücken sind.
DER BACH UND DER BAUM
SOYUTI
Seitdem der Bach in einem Liebesbunde Mit eines Baumes schwanken Zweigen steht, Erfüllt die Zweige schmerzliches Verlangen, Sobald der Bach in Sommersglut erlosch.
Doch sieh! jetzt kommt er wieder, und nun eilt er, So schnell er kann, um des geliebten Baumes, Des lang verlaßnen, Füße zu liebkosen, Und seines Wassers leises Rauschen scheint Von großer Sehnsucht Qualen zu berichten, Die ihn erfüllten, da er ferne war.
AUF EIN PFERD
SABBAGH
Dies edle Pferd ist schneller als ein Blick Aus unsern Augen. Wenn es vorwärts stürmt, Läßt es die Schnelligkeit des Windes und Des Blitzes hinter sich. Seht, es ist schwarz, Doch weiß glänzt seine Stirn, auch seine Füße Sind blendendweiß. An eine Winternacht Gemahnt es mich, darin der Mond erglänzt, Umgeben von dem Reigen der Gestirne.
FEUER UND RAUCH
IBN IL SCHAAB
Sie sagte mir: »Auf deinen Wangen ist Ein Bart gewachsen, der dein Antlitz schwärzt. Warum, o Freund, läßt du dein Antlitz denn So häßlich werden?« -- Ich entgegnete: »Du hast in meiner Brust ein flammend Feuer Entfacht, -- der Rauch von diesem Feuer ist's, Der nun mein Antlitz schwarz erscheinen läßt.«
AN DIE ABWESENDE
MAHMUD PASCHA SAMY IL BARUDY
Du machst, daß ich nicht schlafe, während alle Im Traum daliegen. Diese ganze Nacht Blieb meinem Aug die süße Ruhe fern.
Ich flehe Gott an, meinen Augen Stärkung Zu schenken und auch meinem Herzen, das Zermalmt ist durch die Leidenschaft zu dir.
Die Leute, die mein Elend sehen, sind Gerührt durch mein Geschick; auch jene Strengen, Die sonst mich tadelten, sind jetzt verstummt.
Von dir, o strahlende Gazelle, kommt Mir nichts als Gram. Du reistest nach Ägypten, Und Bitterkeit des Todes ward mein Teil.
Ach, keine Botschaft eilt von dir zu mir, Nicht einmal deines Wesens Schatten darf ich Im Traum erblicken. Ich bin ganz allein.
Warum verlängerst du die Trennung so? Die Freuden dieser Welt sind mir entschwunden, Das ganze Dasein ist mir Last und Qual.
Ich möchte, daß ich eine leichte Feder Im Flügel einer Taube wäre. Dann Flög ich mit Hast hinüber nach Ägypten,
Um selig deinem Dienste mich zu weihn.
LIEBESGEBET
ISMAÏL PASCHA SABRY
Komm, laß uns deine Schönheit sehn, o Weib, -- Dein Wuchs ist gleich dem Stengel einer Blüte, Dein Antlitz ist für uns das Paradies.
Und lächle, daß dies Paradies erschimmert, Und sprich: denn deine Worte sind wie Perlen, Laß niederrauschen deiner Perlen Flut!
Du, engelhaftes Wesen, darfst niemals Von dir behaupten, daß aus Erde du Und Wasser seist gebildet, so wie wir.
Entkleide dich. Laß deinen Leib uns schauen, Damit wir Irdischen bestaunen können, Was Allah so in Herrlichkeit erschuf.
Laß uns die Engelflügel sehen, die Du trägst. Du bist ein Bildwerk, von dem Künstler Aus einem Blocke puren Lichts gemacht.
Ein silberklarer Quell ist deine Schönheit, Wo sich die armen Seelen Heilung trinken. O liebe Quelle! Sei gerecht und schenke
Die gleiche Gunst den Durstgequälten allen, Und laß die Herzen, die verschmachten wollen, Sich retten in dein heiliges Schutzgebiet.
WENN DU ERSCHEINST
ACHMED BEY SCHAWKY
Wenn du erscheinst, beneidet wohl der Tag Das Hemdlein, das du trägst. Er möchte wohl Dein Hemd besitzen, um es triumphierend Der Sonne hinzuhalten, die darob Vor Eifersucht ihr goldnes Licht verlöre.
Wenn du vorbeigehst, werden alle Frauen Von Neid erfüllt, daß ihnen nicht ein Wuchs Wie dir gegeben ward. Gepriesen sei Das Tal Agathe, deinem Mund zu Ehren, Gepriesen sei der Glanz der Perlen, der Dem blanken Schimmer deiner Zähne gleicht!
Wer deine Wangen demutvoll betrachtet, Der meint wohl in das Paradies zu schauen. Doch irrt er, -- deine Wangen sind die Hölle! Der Purpur deiner Wangen gleicht dem Feuer, Das aus den Schlünden der Verdammnis sprüht!
LIEBESLIED
UNBEKANNTER DICHTER
Dein voller Busen ist so weiß und hart Wie Elfenbein. Die Weichheit deiner Wangen
Ist wie das süße Fleisch der Banyanfrucht, Und auch so frisch und duftend ist dein Antlitz.
Die schlanken Säulen deiner Beine zeigen Das Ebenmaß der jugendlichen Palmen.
Auf deinen Schultern ruht der Tau der Frühe, In deinen Haaren schläft die Lust der Nacht.
Du atmest wie der Frühling; Blumen blühen In deiner kleinen Füße Spuren auf.
Das Feuer jenes Sterns am Abendhimmel Ist Dämmrung gegen deines Auges Schein!
GELEITWORT
Es geht die Legende, die Araber hätten, als sie zu dichten begannen, ihre Verse dem vertrauten Rhythmus des Kamelschritts angeglichen. Vielleicht ist etwas Wahres an dieser Legende, denn die rhythmische Bewegung der verschiedenen Gangarten des Kamels ist dem Araber, der so nahe mit diesem Tiere befreundet ist, immer etwas sehr Vertrautes, vermutlich der vertrauteste äußere Rhythmus gewesen, der sein Ohr erreichte, und noch die Dichter der geschichtlichen Zeit haben sich in poetischer Fiktion mit Vorliebe in die Lage von Wüstenreisenden versetzt.
* * * * *
Die arabische Sprache zeigt ein reich entwickeltes Lautsystem, in dem die vielfachen Nuancen der Kehl- und Zischlaute überwiegen. Die Konsonanten spielen eine ungleich wichtigere Rolle als die Vokale, von denen nur a, i und u unterschieden werden, in ihrer Klangfarbe freilich mannigfach schattiert durch die Einwirkung der sie umgebenden Konsonanten. Der Wortschatz des Arabischen ist sehr groß, aber natürlich auf den verhältnismäßig engen Bezirk arabischen Denkens begrenzt. Es hat arabische Lexikographen gegeben, die behaupteten, 1000 Worte für das Kamel, 500 für den Löwen und das Schwert aufbringen zu können. Das sind rhetorische Übertreibungen, aber es ist wahr, daß der Araber eine sehr reiche, blumige, nuancenvolle Synonymik für die Dinge, die ihn am meisten angehen (Tiere der Herde, die Schlange, Waffen, das Pferd, der Löwe, die Wüste), entwickelt hat.
* * * * *
Im Araber hat die semitische Rasse ihre edelste Ausbildung erfahren. Man kann sagen, der Araber ist der Grieche unter den Semiten. Er ist ritterlich und peinlich bedacht auf seine Ehre, gastfreundlich, ehrgeizig, stolz auf sein Herrenwesen und sein Geschlecht, leicht empfindlich, ruhmbegierig, aber auch ruhmrednerisch und eitel. Er ist tapfer und herrschsüchtig, Stamm lebt neben Stamm, und er hat es nie vermocht, sich einem größeren Staatswesen willig unterzuordnen. Bei leidenschaftlicher Lebensfreude ist er ein Verächter des Todes. Er ist ein Phantast in Liebesdingen (die Verse dieses Buches bezeugen es), ein stark idealistischer, schwärmerischer Zug geht durch sein geistiges Wesen, und die Frauen nahmen bei ihm, bevor er mit fremden Völkern in nähere Berührung kam, eine besonders geachtete Stellung ein. Eine Zeitlang war ein richtiger Frauenkult, ähnlich wie bei uns der Minnedienst, unter den arabischen Dichtern im Schwang.
Die Poesie der Zeit vor Mohammed ist die Poesie eines Nomadenvolkes in der Wüste. Großzügige Naturschilderungen sind uns überliefert worden, daneben vor allem Kampf- und Heldengesänge und Lobpreisungen des Stammes, dem der betreffende Dichter angehört. Freundschaft und Gastfreundschaft werden besungen, Trink- und Liebeslieder erklingen, die irdische Freude wird gefeiert, der Sinn ist in jener Zeit durchaus auf das Reale gewendet, und die Gedichte machen vielfach den Eindruck von Improvisationen. Fragen nach den ewigen Dingen, religiöse Empfindungen und Skrupel sind den Dichtern der Epoche vor Mohammed so gut wie unbekannt.
Viele Dichternamen sind aus der alten Zeit erhalten, alle werden überstrahlt durch _Amr-il-Kaïs_. Er war schon ein Zeitgenosse Mohammeds und schließt die Epoche des arabischen Altertums ab. Er ist ebenso als Abenteurer und Don Juan berühmt wie als Dichter. Er stammte aus königlichem Geblüt, wurde von seinem Vater verstoßen und vagabundierte darauf mit befreundeten Genossen im Lande umher, jagend, liebend und immer auf den Genuß des Lebens bedacht. Als dann sein Vater von einem feindlichen Stamme erschlagen wurde, machte es sich Amr-il-Kaïs zur Pflicht, den Gemordeten zu rächen und das Erbe seiner Väter für sich und seinen Stamm zurückzugewinnen, was ihm aber nicht gelang. Sein Leben wurde eine Kette gefahrvoller kriegerischer Abenteuer. Der oströmische Kaiser Justinian erfuhr von ihm und seinen tollkühnen Kriegszügen. Er berief ihn an seinen Hof nach Byzanz und ernannte ihn im Jahre 530 zum Phylarchen von Palästina. Auf der Reise nach Palästina ist Amr-il-Kaïs zu Angora in Kleinasien gestorben, nachdem er schon längere Zeit siech und elend war. Aber die Sage will, daß er auf Veranlassung des Kaisers Justinian vergiftet worden sei, da er eine kaiserliche Prinzessin verführt habe.
Die Gedichte des Amr-il-Kaïs sind uns leider nicht gut erhalten, aber auch in der mangelhaften Form, in der sie auf uns gekommen sind, gehören sie zu dem Schönsten, was die arabische Poesie hervorgebracht hat. Sie sind von einer mächtigen Sinnlichkeit und gefallen sich nicht in Andeutungen oder Umschreibungen, sondern sie bringen alle Empfindungen, Erlebnisse und Wünsche in klare, üppig hinströmende Worte und preisen immer wieder den Genuß der Freuden dieses Daseins. Amr-il-Kaïs war ein Don Juan der Wüste, ein dichtender, strahlender Held der Liebe, und sein Name wird noch heute, zumal von den Frauen, mit Verehrung und leisem Schauer genannt. Mohammed hat von ihm gesagt, er sei der Führer der Dichter auf dem Wege zur Hölle.
* * * * *
Das Auftreten Mohammeds bedeutet den wichtigsten Wendepunkt in der Entwicklung arabischen Geistes und arabischer Kultur. Durch Mohammed und die fanatische Ausbreitung seiner Religion haben die Araber ein gutes Stück der Welt erobert, und sie taten es als ein Volk der Wüste, das an die größte Einfachheit der Lebensführung, an Entbehrung und Nüchternheit gewöhnt war. Als der Kaiser Heraklius arabische Gefangene, die nicht vor ihm niederknien wollten, fragte, welchen Palast ihr Kalif bewohne, antworteten sie: »Eine Lehmhütte.« »Woraus besteht sein Gefolge?« fragte der Kaiser weiter. »Aus Armen und Bettlern.« »Was ist sein Thron?« »Enthaltsamkeit und Erkenntnis.«
Diese äußeren Lebensverhältnisse, und in ihrem Gefolge der Charakter des Volkes, wurden nach den siegreichen Erobererzügen, die den kühnen Weltstürmern Syrien und Persien, Ägypten, Nordafrika, Sizilien und Spanien zu Füßen zwangen, gründlich verändert. Die Araber nahmen während der folgenden Jahrhunderte viel von dem Wesen der durch sie besiegten Völker an, da diese den Siegern an Kultur bedeutend überlegen waren. Die schlichten, bäurischen Araber wandelten sich zu anspruchsvollen Städtern, sie gewöhnten sich allmählich an eine vornehme Lebensart, und neben einer sorgfältigen Ausbildung des Geistes wurden ihnen Luxus und Üppigkeit bald zum Bedürfnis. Im 9.-11. Jahrhundert blühte die arabische Philosophie, die es freilich zu schöpferischen Gedanken nicht gebracht hat, sondern im Grunde immer von Aristoteles und Plato abhängig blieb. Bedeutendes haben die Araber in ihrer Blütezeit als Mathematiker, Astronomen, Historiker und Geographen geleistet.
Als den größten Dichter der klassischen Zeit nach Mohammed muß man _Abu Nuwas_ ansprechen. Er nimmt in der arabischen Literatur etwa die Stelle ein, die Hafis in der persischen bekleidet. Man hat ihn auch den arabischen Heine genannt. Er ist eine glänzende Erscheinung, voll Lebenslust und Lebensübermut, dem Weine und dem Weibe schwelgerisch zugetan, voll Phantasie und hingebender Empfindung. Freilich findet man bei ihm schon deutlich die Zeichen der Zersetzung. Er hat zynische Gedichte geschrieben, die das wankende sittliche Empfinden seiner Zeit charakterisieren. Er hat Spottgedichte auf religiöse Zustände gemacht, die bezeugen, wie Mohammeds Lehre bei den Gebildeten unter dem Einfluß skeptischer Philosophie zu wanken begann. Abu Nuwas' Leben und Dichten war den frommen Seelen im Lande ein Ärgernis. Er verbrachte seine wichtigsten Jahre in Bagdad am Hofe Harun-al-Raschids und seiner Nachfolger. Seine übermütigen Reden haben ihm mehrfach Kerkerstrafen zugezogen, und es heißt, daß er sogar einmal auf dem Schafott gestanden habe. Alte Berichte erzählen folgendes: Als der Dichter gestorben war, gingen nur wenige Menschen hinter seinem Sarge, denn er wurde von den Rechtgläubigen gehaßt. Zufällig wurde am gleichen Tage ein Gelehrter mit großer Pracht bestattet. Als nun die Leidtragenden den fast verlassenen Sarg des Dichters sahen, ergriff sie Scham, denn sie ahnten, daß hier einer der Größten aus dem Reiche ihrer Dichtung bestattet wurde, und so folgten sie dem Sarge nach, und Abu Nuwas kam auf solche Weise zu einem anständigen Begräbnis.
Die späteren Dichter der klassischen Zeit sind vielfach von Abu Nuwas abhängig. Hervor ragen _Motenebby_ und _Abu Firas_. Der erstere, von den Arabern besonders geschätzt, gefällt sich in Sprachkünsteleien und gezierten Wortspielen, die dem europäischen Geschmack wenig zusagen. Abu Firas war der letzte Vertreter des alten ritterlichen Arabertums, ein vornehmer, sympathischer Sänger, der für Frauen, Krieg und Jagen schwärmte und dessen temperamentvolle Strophen eine echte Gelegenheitspoesie darstellen. Er ist in der Schlacht gefallen, in der Blüte seiner Jahre.