Arabische Nächte

Chapter 1

Chapter 13,129 wordsPublic domain

E-text prepared by Juliet Sutherland, Irma Knoll, and the Project Gutenberg Online Distributed Proofreading Team (http://www.pgdp.net)

Anmerkungen zur Transkription:

Im Original gesperrt gesetzter Text ist mit _ gekennzeichnet. Im Original kursiv gesetzter Text ist mit + gekennzeichnet. Im Original gesperrt und kursiv gesetzter Text ist mit = gekennzeichnet.

Detaillierte Hinweise zu gegenüber dem Original vorgenommenen Änderungen finden sich am Ende des Textes.

HANS BETHGE

ARABISCHE NÄCHTE

LEIPZIG * IM INSELVERLAG MCMXX

ARABISCHE NÄCHTE NACHDICHTUNGEN ARABISCHER LYRIK

WILLI GEIGER GEWIDMET

ANORDNUNG

VOR DEM ISLAM:

HATIM IBN ABDALLAH Gastfreundlich und stolz 3 AMR IL KAÏS (etwa 500-540 n. Chr. Geb.) Der Verführer 4 Hymne 5 IL SAMAUAL IBN ADYA (6. Jahrhundert) Stammesstolz 9 AMR IBN KULTHUM (6. Jahrhundert) Lob des Weines 11 Frage 13 Wenn sie allein ist 14 UNBEKANNTER DICHTER Treue Liebe 16

SEIT DEM ISLAM:

UNBEKANNTER DICHTER Immer zugegen 17 KALIF YAZID IBN MOAUJA (gestorben 683) Die roten Fingernägel 18 Der Beneidete 19 Der Schatten als Kundschafter 21 Wahnsinn oder Liebe? 22 Tötende Liebe 24 Die Vernichterin 25 UNBEKANNTER DICHTER Die Vorwürfe 27 KAÏS IBN IL MULLAUACH (7. Jahrhundert) Leïla 28 KUTHAIJIR (gestorben 723) Verlassen 31 ABBAS IBN IL ACHNAF (8. Jahrhundert) Die Unerbittliche 32 HARUN AL RASCHID (763-803) Die Macht der Liebe 35 ABU NUWAS (762-810) Ihr Gang ist wogend 36 Die Spröde 38 Liebe im Traum 39 Im Rausch 40 MOSLIM IBN IL WALID IL ANSSARI (8. Jahrh.) Liebestrunken 41 Leidenschaft 43 Trübe Gedanken 44 UNBEKANNTER DICHTER Tränen 45 MUDRIK IL SCHAÏBANY Die Geizige 46 IBN IL RUMI (gestorben 896) Umarmung 47 IBN IL MOATTAS (9. Jahrhundert) Die Siegerin 48 SCHULE DES IBN IL MOATTAS Nacht und Morgenröte 49 KUSCHAGIN (10. Jahrhundert) Verpfändet 50 URAK IL HUTAÏL Frage und Antwort 51 UNBEKANNTER DICHTER Verzehrende Liebe 52 ABU FIRAS (gestorben 968) Wünsche 53 UNBEKANNTER DICHTER Aufforderung 54 Kummer 55 Im Zweifel 56 Frage und Antwort 57 Auf eine Rose 58 IBN IL KHAYAT IL DEMISCHKI (10. Jahrh.) Auf der Schwelle 59 IBN KALAKIS (12. Jahrhundert) Geheime Liebe 61 UNBEKANNTER DICHTER Wogen 62 ABU ABD IL RAHMAN ELAÏTAM ELKUFI An ein Schwert 63 AUS TAUSEND UND EINE NACHT Nahmas Porträt 65 Auf Nahmas Schönheit 67 Bei Nahmas Abreise 68 Auf ein Grab 69 An eine Sängerin 70 Der Strom der Liebe 71 Fragen eines Liebenden 72 An einen berühmten Gast 74 IL HAGYRI (13. Jahrhundert) Liebeshymne 75 UNBEKANNTER DICHTER Wasser und Feuer 77 IBN IL FARID (1181-1234) Selige Nacht 78 SCHULE DES IBN IL FARID Tränen 79 Seltsamer Wunsch 80 NUBATA (14. Jahrhundert) Ein Wunder 81 UNBEKANNTER DICHTER Auf einen Apfel 82 Weisheit 83 Der Liebesbrief 84 Der Liebende und die Fackel 85 ACHMED BEN MOHAMMED MOKRI Sehnsucht nach Damaskus 86 Auf einen Garten 88 IBN HOGGIAT (gestorben 1433) Der verliebte Dichter 89 SOYUTI (um 1490) Frühling 91 Erinnerung 92 An den Zephir 93 Der Bach und der Baum 94 SABBAGH Auf ein Pferd 95 IBN IL SCHAAB (18. Jahrhundert) Feuer und Rauch 96 MAHMUD PASCHA SAMY IL BARUDY (19. Jrh.) An die Abwesende 97 ISMAÏL PASCHA SABRY Liebesgebet 99 ACHMED BEY SCHAWKY Wenn du erscheinst 101 UNBEKANNTER DICHTER Liebeslied 102

GELEITWORT 103

GASTFREUNDLICH UND STOLZ

HATIM IBN ABDALLAH

Ich bin Abdallahs Kind, der Sproß des Mannes, Der strahlend ritt auf einem roten Pferd.

Wenn du das Mahl bereitet hast, so hole Den Gast herein, daß er sich auch erlabe, --

Sei es ein später Wandrer, seis ein Nachbar, Ich will nicht, daß man Übles von mir spricht.

Ich bin der Knecht des Gastes, der mich aufsucht; Sonst aber hab ich wahrlich nichts von Knechtes Art!

DER VERFÜHRER

AMR IL KAÏS

Wie viele Frauen habe ich verführt! Zuweilen waren säugende darunter Und solche, die ein Kind erwarteten.

Und wieder andre, die bedenkenlos Ihr Kindchen, das ein Jahr alt war, alleine Sich überließen, um an meinem Halse

Berauschten Sinns zu hängen. Und wenn dann Das Kind in seiner Angst zu weinen anhub, So wendete die junge Mutter sich

Mit ihres schönen Körpers oberer Hälfte Wohl nach ihm hin. Das andre ihres Körpers Blieb bei mir, bei mir, ohne sich zu rühren!

HYMNE

AMR IL KAÏS

Durchbrochen hab ich ihrer Wächter Schar Und die Verwandten, welche alle wünschten, Mich mit dem Dolche meuchlings umzubringen.

Am Firmamente standen die Plejaden Und funkelten, so wie die Edelsteine An den Gewändern schöner Frauen glühn.

Ich kam und sah: Bei einem Vorhang legte Sie ihre Kleider ab, um dann zu schlafen; Nur einen Schleier noch behielt sie an.

Sie sprach zu mir: Ich schwöre, daß du heute Mich nicht umarmen sollst. Wirst du denn niemals Den Weg zurück zur frommen Tugend finden?

Und dennoch schritt sie mit mir in die Nacht. Wir ließen hinter uns ein Tuch hinschleifen, Um auszulöschen unsrer Schritte Spur.

Als wir dem Dorf genügend ferne waren, Wandte sie ihre Schritte einem Tale, Das ganz mit weißem Sand erfüllt war, zu.

Da neigte meine Liebste sich zu mir Und schmiegte ihren Kopf an meine Brust, Und ihres Körpers Schlankheit fühlte ich.

Vollendet schön sind ihre jungen Schenkel, Ihr Leib ist weiß und klein, und ihre Brust Strahlt wie das blanke Glänzen eines Spiegels.

Sie wendet sich: und reizend starrt ihr Busen. Ihr Blick ist scheu; so blickt wohl die Gazelle, Die sorgenvoll ihr Junges überwacht.

Auch ihre Brust ist von Gazellenart, Nur daß die sanfte Brust meiner Geliebten Durch Edelsteine noch verschönert wird.

Nachtschwarz sind ihre Haare, und sie fluten Auf ihren Rücken, üppig wie die Dolden Der Dattelfrüchte an den Palmenkronen.

Und dieses Haar ist lockig; in den Flechten, Den aufgerollten und den wallenden, Verschwinden ihre Kämme ganz und gar.

In sanfter Rundung prangen ihre Hüften, Die zierlichen. Und ihre feinen Beine Sind schlank wie Binsen, die im Wasser stehn.

Am späten Morgen steht sie auf. Ein Duft, So wundervoll, als stamm er von Muskat, Umweht ihr Lager. Sie erhebt sich spät,

Weil kein Geschäft sie, keine Arbeit zu Besorgen hat. Die Finger ihrer Hände Sind zart und rosig, kleinen Blüten gleich.

Ihr Teint besitzt die Farbe eines Eis, Gelegt von einer jungen Straußin, die Nur immer silberklares Wasser trank.

Ihr Teint ist ambrafarben. Er durchschimmert Die Nacht wie eine Fackel, die ein frommer Einsiedler in der Finsternis erhebt.

Der Weise auch muß ihr Bewundrung zollen, Wenn sie daherkommt, zwei Begleiterinnen Zu Seiten, die sie völlig überstrahlt.

Oft heilt die Zeit den Wahnsinn der Verliebten, Doch niemals wird mein Herz die Leidenschaft Preisgeben, die ihm Licht und Nahrung ist.

Wie oft schon haben Freunde mich bestürmt, Ich solle sie verlassen, die ich liebe. Taub bleib ich solchem Ratschlag immerdar.

Wie viele Nächte, die mir endlos schienen, Gleich dem gedehnten Wogengang des Meeres, Sind mir mit dunkeln Sorgen schon genaht.

Einst sprach ich zu der Nacht, von der ich meinte, Daß sie zur Hälfte schon verflossen sei, Die aber immer schrecklicher sich dehnte:

O Nacht, so sprach ich, lange Nacht, entflieh Und mache endlich Platz dem jungen Tag, Wenn ich auch weiß, daß aller Tagesglanz

Die Unruh meines Herzens nicht verscheucht, Wenn ich auch ewig, ewig leiden muß, So wie das Licht der Sterne ewig scheint.

So steht's mit mir, zu sehr Geliebte du!

STAMMESSTOLZ

IL SAMAUAL IBN ADYA

Ein unbezwingbar ragendes Gebirg Nimmt alle die in seinen Schatten auf, Die unserm Schutz sich willig anvertraun.

Uns ist der Tod nichts Schreckliches. Gewiß, Die Stämme von Amer und Sabul fürchten Sich sehr vor ihm. Wir aber lieben ihn!

Da wir ihn lieben, fliegt das Leben uns Gar schnell dahin. Langatmig ist das Leben Der andern, die voll Angst sind vor dem Tod.

Niemals starb einer von den Unsern noch Auf seiner Ruhstatt. Freilich, es vergeht Kein Tag, an dem nicht einer von uns stirbt.

Des Degens Schneide ist der schmale Weg, Drauf unsre Seelen in das Ewige wandern, Sie kennen eine andre Straße nicht.

Wahrlich, wir sind dem Regen zu vergleichen, Der stets willkommen ist, wenn er sich naht; Keiner von uns denkt an sein eigenes Heil.

Man glaubt uns, wenn wir andere der Lüge Bezichtigen. Doch wird es niemand wagen, Zu zweifeln an der Wahrheit unseres Worts.

Wenn einer unsrer Helden stirbt, so ist er Sofort ersetzt durch einen andern Helden, Des hoher Sinn ganz unantastbar ist.

Das Feuer, das wir an den Abenden Entzünden, um den Wanderern zu zeigen, Wo ihnen Schutz winkt, ist noch nie erloschen,

Ohn daß ein Gast sich unserm Stamm genaht, Um Ruhe zu erbitten. Niemals noch Hat sich ein Gastfreund über uns beklagt.

Ruhm hat an unsre Waffen sich geheftet In Ost und West. Wir haben unsre Klingen Erprobt beim Spalten helmbewehrter Köpfe.

Noch keiner von den Unsern zog jemals Sein Schwert und schob zurück es in die Scheide, Ohn daß ein Leben ihm zum Opfer fiel.

LOB DES WEINES

AMR IBN KULTHUM

Erhebe dich! Nimm deinen Krug und gieße Uns ein den süßen Wein von El Andar, Denn eine holdre Labe gibt es nicht.

Gieß ein uns dieses köstliche Getränk, Des Farbe goldig schimmert, so als hätten Sich safranfarbene Blüten drin entfärbt.

Gieß ein uns diesen Trank, der alle Sorgen Verjagt und der die Traurigkeit erstickt Und unsrer Seele edeln Mut verleiht.

Gieß ein uns diesen Trank, der die Verachtung Der irdischen Güter in dem Geizhals weckt! Um-Amr, du hast nicht wohl an mir getan:

Du hast den Kelch, als er nach rechts hin kreisen Gesollt, von mir entfernt. Das war nicht gut. Wert bin ich dieses Trankes so wie du.

Wie viele Becher hab ich einst geleert In Baalbek und Damaskus! Lustig, Brüder! Denn eines Tages kommt der Tod zu uns.

Wir alle sind geschaffen für den Tod. Der Tod ist für uns all geschaffen. Auf! Genießen wir die Zeit, solang sie blüht!

FRAGE

AMR IBN KULTHUM

Bleib. Geh noch nicht hinweg. Laß mich dir sagen, Welch wilde Leiden ich um dich ertrug. Ich möchte wissen, ob auch du um mich Gelitten hast. Bleib noch und gib mir Antwort, Ob du das Band der Treue schon zerrissest, Das dich mit einem Mann verband, der nie, Auch in Gedanken nie, dir untreu war.

Was hast du während dieses Tags getan, Da Waffenlärm erklang und da der Sieg Die Deinen krönte? -- O bedenke wohl, Daß morgen und die kommenden Tage voll Geheimnisvoller Zukunft sind, die heute Noch keines Menschen Aug enträtseln kann.

WENN SIE ALLEIN IST

AMR IBN KULTHUM

Wenn sie allein ist, wenn sie nicht die Blicke Feindlicher Menschen zu befürchten hat, Dann läßt sie unbekleidet ihre Arme,

Die wohl den Gliedern eines weiblichen Kameles gleichen, das noch nie gebar. Und auch ihr Busen ist dann unverhüllt,

Der zwei aus Elfenbein gemachten Bechern, Die noch kein Mensch jemals berührte, gleicht. Ihr Leib ist lang und schön geschweift. Die Hüften

Sind schwer von ihres üppigen Fleisches Fülle, Sie geht verführerisch, -- die Türen scheinen Zu schmal für sie, und ich bin toll nach ihr.

So weiß sind ihre Lenden, daß sie Säulen Aus Marmor gleichen oder Elfenbein, Und wenn sie schreitet, klirren ihre Spangen.

Bin ich von ihr entfernt, erfaßt mich Sehnen, Wie ein betrognes Tier, dem man sein Junges Genommen hat und das nun klagt nach ihm.

Von ihr entfernt, bin ich voll Schmerz und Jammer, Wie eine Mutter voller Jammer ist, Die ihre Kinder durch den Tod verlor.

TREUE LIEBE

UNBEKANNTER DICHTER

Ein treues Liebespaar hat Kummer nur Um Eines: Trennung. Eng vereint zu leben, Wird einem solchen Paare nie zu viel.

Wo ihnen nur ein kleines, feines Wölkchen Der Lust sich zeigt, da weilen sie so gerne. Dem Ruf der Liebe folgen sie entzückt.

Was andre Leute reden, achten sie Nicht im geringsten. Nur die eignen Worte Sind ihnen wertvoll und von süßem Klang.

IMMER ZUGEGEN

UNBEKANNTER DICHTER

Dein Bildnis strahlt in meinen Augen, Dein Name lebt in meinem Mund, Du selber wohnst in meinem Herzen, -- Wie wär es möglich, o Geliebte, Daß du dich je vor mir verbirgst?

DIE ROTEN FINGERNÄGEL

KALIF YAZID IBN MOAUJA

Als ich ihr dann begegnete, da sah ich, Daß ihre Fingernägel purpurrot Von Farbe waren; und ich sprach zu ihr:

»Du Böse färbst dir deine Nägel rot Und machst dich schön, wenn ich nicht bei dir weile?« Darauf entgegnete sie ernst und still:

»Die Eitelkeit ist meinem Herzen fremd. Du Schlimmer schiebst mir eine Absicht zu, Die ich nicht kenne. Hör die Wahrheit an:

Du, meine einzige Stütze und mein Halt, Du bliebst so grausam lange fern von mir, Daß blutige Tränen meinem Aug entströmten.

Mit diesen Händen hab ich meine armen Augen getrocknet. Weißt du nun, woher Das blutige Rot an meinen Nägeln stammt?«

DER BENEIDETE

KALIF YAZID IBN MOAUJA

Sie hat geforscht, wie es mir gehe. Da Hat man zu ihr gesagt: »Es ist vorbei, Er ist hinüber -- und durch deine Schuld.«

An einer feinen Geste ihrer Hände Erkannte man ihr Mitleid. Tränen stürzten Aus ihren Lidern vor, die zart wie Kelche

Der Lilien sind, und glitten auf die Wangen, Die Rosen gleichen, nieder, und sie biß Die Lippen sich, die so wie Kirschen leuchten,

Mit ihrer Zähne perlenhaftem Schimmer. Und darauf sprach sie dies: »Groß ist mein Schmerz Um ihn fürwahr; niemals hat eine Schwester

Das Unglück ihres Bruders so beweint, Niemals hat eine Mutter so gejammert Des Sohnes wegen, wie ich heute tu.«

Und darauf eilte sie, mich zu besuchen, Und überhäufte mich mit Freundlichkeiten, Und meine Seele lebte wieder auf

Und schenkte auch dem Körper wieder Leben; Und viele gab es, die mich um den Tod Beneideten, aus dem ich neu erstand.

Ja, viele Männer wünschten, so wie ich Dahinzusiechen, um von _ihren_ Händen Erweckt zu werden in das Reich des Lichts.

Seltsam: um alles Gute, alles Böse, Was mir von ihr wird, muß ich Eifersucht Und Neid erfahren, -- um den Tod sogar.

DER SCHATTEN ALS KUNDSCHAFTER

KALIF YAZID IBN MOAUJA

Ihr Schatten ist zu mir gekommen, Um mich im Traume zu besuchen, Dann kehrte er zu ihr zurück.

Sie sprach zu ihm: Sag mir, in welcher Verfassung du ihn angetroffen, -- Und lautre Wahrheit künde mir!

Da sprach der Schatten: Wenn dein Freund Vor Durst verginge und er wüßte, Daß dies dein Wille sei, -- er würde

Nicht einen Tropfen zu sich nehmen, Und wenn man ihm verlockend böte Den wundervollsten Labetrunk.

WAHNSINN ODER LIEBE?

KALIF YAZID IBN MOAUJA

Fällt Nacht auf mich hernieder, oder fühl ich Das Fluten deines schwarzen Haares? Ist es Der Mond, der scheint, oder dein süßes Antlitz?

Seh ich ein Blatt der lieblichen Narzisse Oder dein Augenlid? Seh ich das Leuchten Von Hagelkörnern oder deine Zähne?

Erheben sich auf deiner Brust zwei Hügel Von Elfenbein, -- oder erblickt mein Auge Die Fülle deines Busens? Ist es Flugsand,

Was unter deiner Kleidung sich bewegt, Oder das Schwellen deiner jungen Hüften? Wenn du erkennen könntest, wie ich leide

Um deinetwillen, Schrecken würde dich Erfassen, und du würdest staunend fragen: »Erfüllt ihn Wahnsinn oder Liebesglut?«

Wenn jemand, der in deiner Nähe war, Sich mir gesellt, so atm' ich mit Entzücken Den feinen Duft auf, der mich an Muskat

Gemahnt und den er mit sich führt von dir Als wie ein Grüßen. Und mit flehender Stimme Sprech ich zu ihm, der mich so glücklich macht:

»Du hast die Liebesglut in mir vermehrt, Vermehre jetzt die Worte deines Mundes Und sprich mir lange, lange, lang von ihr!«

TÖTENDE LIEBE

KALIF YAZID IBN MOAUJA

Ich habe auf den Knien um ihre Liebe Sie angebettelt. Darauf sagte sie: Weißt du denn nicht, daß alle, die im Traume Mich zu besitzen meinen, beim Erwachen Verzweifelt sterben, weil sie nun erkennen, Daß sie mich _nicht_ besitzen? Ach, zu viele Sind hingesiecht, aus Leidenschaft zu mir, Bis in den Tod. Die andern, die nicht wagten Mir ihres Herzens Qualen zu gestehen, Sind fortgereist und kehrten nie zurück ...

Und ich entgegnete: Ich bitte Gott Um Nachsicht für die Glut, die in mir lodert, Und werde standhaft und voll Mut beharren Bei meiner Liebe, die dich ganz umschlingt.

Und dann verließ sie mich. Und ich stand da Wie ausgedorrt, ein abgestorbener Baum.

DIE VERNICHTERIN

KALIF YAZID IBN MOAUJA

Auf ihren Armen, ihren schönen Händen Sind Zeichen tätowiert gleich dünnen Zügen Von Ameisen, die ihrem Volk entfliehn.

Man könnte ihre Haut mit einem Rasen Vergleichen, darauf eine kühle Wolke Die Körner feinen Hagels sinken ließ.

Sie hat gewiß gefürchtet, daß die Pfeile Aus ihren Augen ihre eignen Hände Verletzen könnten, -- darum zog sie vor,

Mit einem Küraß sonderbarer Zeichen Die Haut zu schirmen. Ach, die Böse hat Die flachen Hände gegen mich erhoben,

Als wollte sie das Herz aus meiner Brust Fortreißen, und die Pfeile ihrer Augen Vernichten mich, ohn daß ich fliehen kann.

Die Locke, die auf ihrer Schläfe liegt, Ist ein Skorpion, der seinen giftigen Stachel Gegen mein banges Herz gerichtet hält.

Ihr Auge scheint geschlossen, doch es wacht. Der Bogen ihrer Augenbrauen nimmt Mich ganz gefangen. Ihre Wangen schimmern

Gleich roten Rosen. Könntet ihr die Brust Der Wundervollen sehn: ihr würdet meinen, Zwei Früchte des Granatbaums zu erblicken.

Sehr aufrecht ruht ihr Leib auf edeln Hüften Und wiegt sich rhythmisch. Wenn die Sonne sie Im bloßen Schmucke ihrer Nacktheit sähe:

Sie würde fürder nicht zu scheinen wagen, Weil sie erkennen würde, daß sie nimmer Mit solcher Schönheit Glanz sich messen kann.

DIE VORWÜRFE

UNBEKANNTER DICHTER

Ich habe mich bei ihr beklagt. Sie sprach: »Da meine Liebe dich zu Klagen hinreißt, So möge Gott von dieser Liebeslast

Dich bald befreien!« Hierauf schwieg ich, und Sie sprach: »Du hast zu viel Geduld mit mir. Verliebte sind doch sonst nicht so geduldig?«

Ich näherte mich ihr, -- sie wollte mich Nicht hören; darauf bin ich weit hinweg Gegangen, um sie ja nicht zu erzürnen, --

Nun tadelte sie, daß ich lieblos sei. Sie wird gereizt durch die geringsten Klagen, Und rührende Geduld ermüdet sie.

Wer sagt mir einen Ausweg aus dem Wirrwarr? Wenn jemand einen guten Rat mir weiß, Will ich den Segen Allahs ihm erflehn.

LEÏLA

KAÏS IBN IL MULLAUACH

Ich denke unaufhörlich Leïlas Und der verrauschten Jahre. Liebe Freunde, Warum beweint ihr meinen Jammer nicht?

Ich möchte Freunde haben, welche weinen, Wenn ich in Tränen bin! Hat Gott die Macht, Zwei Herzen zu vereinen, wenn die Hoffnung,

Sie zu vereinen, schon in Asche sank? Von Allahs Fluch getroffen seien jene, Die meinen, daß die Zeit mir Lindrung bringt!

Für ewig hängt mein Sinn an Leïla; Ich sehe sie im Geist, wie sie des Abends Die väterlichen Schafe heimwärts treibt.

Gott schenkte einem andern Leïla. Mich machte er verrückt nach Leïla, -- Konnt er mir denn nichts Besseres verleihn?

Hat man mir nicht gesagt, daß sie im Sommer Nach Tima käme? Hingeschwunden sind Des Sommers Monde, -- warum kam sie nicht?

Weh! meine Liebe ist gespannt gleich wie Die Sehne eines Bogens. Eines Tages Zerreißt die Sehne, maßlos überreizt.

O immer wieder, wenn der Morgenstern Sich mit dem Frührot aus der Nacht erhebt, Flammt meine Leidenschaft gewaltig auf.

Wenn ich mich rüste zum Gebet, so neige Ich mich nach jener Richtung hin, wo du Verweilst, o Strahlende. Die heiligen

Gesetze wollen, daß ich mich nach andrer Richtung verneige; doch das tu ich nicht. Ich liebe sehr den Namen Leïla,