Aphorismen zur Lebensweisheit

Part 20

Chapter 201,171 wordsPublic domain

Zwar ist nicht, wie die Astrologie es wollte, der Lebenslauf der einzelnen in den Planeten vorgezeichnet; wohl aber der Lebenslauf des Menschen überhaupt, sofern jedem Alter desselben ein Planet, der Reihenfolge nach, entspricht, und sein Leben demnach sukzessive von allen Planeten beherrscht wird. -- Im zehnten Lebensjahre regiert *Merkur*. Wie dieser bewegt der Mensch sich schnell und leicht, im engsten Kreise: er ist durch Kleinigkeiten umzustimmen, aber er lernt viel und leicht, unter der Herrschaft des Gottes der Schlauheit und Beredsamkeit. -- Mit dem zwanzigsten Jahre tritt die Herrschaft der *Venus* ein: Liebe und Weiber haben ihn ganz im Besitze. Im dreißigsten Lebensjahre herrscht *Mars*: der Mensch ist jetzt stark, heftig, kühn, kriegerisch und trotzig. -- Im vierzigsten regieren die 4 *Planetoiden*: sein Leben geht demnach in die Breite: er ist _frugi_, d. h. fröhnt dem Nützlichen, kraft der *Ceres*: er hat seinen eigenen Herd, kraft der *Vesta*: er hat gelernt, was er zu wissen braucht, kraft der *Pallas*: und als *Juno* regiert die Herrin des Hauses, seine Gattin[Y]. -- Im fünfzigsten Jahre aber herrscht *Jupiter*. Schon hat der Mensch die meisten überlebt, und dem jetzigen Geschlechte fühlt er sich überlegen. Noch im vollen Genuß seiner Kraft, ist er reich an Erfahrung und Kenntnis: er hat (nach Maßgabe seiner Individualität und Lage) Autorität über alle, die ihn umgeben. Er will demnach sich nicht mehr befehlen lassen, sondern selbst befehlen. Zum Lenker und Herrscher, in seiner Sphäre ist er jetzt am geeignetsten. So kulminirt Jupiter und mit ihm der Fünfzigjährige. -- Dann aber folgt im sechzigsten Jahre *Saturn* und mit ihm die Schwere, Langsamkeit und Zähigkeit des *Bleies*:

_But old folks, many feign as they were dead; Unwieldy, slow, heavy and pale as lead[Z],_

_Rom. et. Jul. A. 2 sc. 5._

[Y] Die zirka 60 seitdem noch hinzu entdeckten Planetoiden sind eine Neuerung, von der ich nichts wissen will. Ich mache es daher mit ihnen, wie mit mir die Philosophieprofessoren: ich ignorire sie, weil sie nicht in meinen Kram passen.

[Z] Viel Alte scheinen schon den Toten gleich: Wie Blei, schwer, zähe, ungelenk und bleich.

Zuletzt kommt *Uranus*: da geht man, wie es heißt, in den Himmel. Den *Neptun* (so hat ihn leider die Gedankenlosigkeit getauft) kann ich hier nicht in Rechnung ziehn; weil ich ihn nicht bei seinem wahren Namen nennen darf, der *Eros* ist. Sonst wollte ich zeigen, wie sich an das Ende der Anfang knüpft, wie nämlich der Eros mit dem Tode in einem geheimen Zusammenhange steht, vermöge dessen der Orkus oder Amenthes der Ägypter (nach Plutarch _de Iside et Os. c. 29_), der =lambanôn kai didous=, also nicht nur der Nehmende, sondern auch der Gebende, und der Tod das große _réservoir_ des Lebens ist. Daher also, daher, aus dem Orkus, kommt alles, und dort ist schon jedes gewesen, das jetzt Leben hat: -- wären wir nur fähig, den Taschenspielerstreich zu begreifen, vermöge dessen das geschieht; dann wäre alles klar.

Ende.

Anmerkungen zur Transkription:

Bei der Transkription erfolgte Korrekturen:

- Im Kontext "gewissermaßen auf einer Akkommodation": statt "Akkommodation" stand "Akkomodation".

- Im Kontext "pantes hosoi perittoi gegonasin andres, ê kata philosophian, ê politikên, ê poiêsin ê technas, phainontai melancholikoi ontes": statt "ontes" stand "sntes".

- Im Kontext "=Dokei de hê eudaimonia en tê scholê einai=": statt "scholê" stand "ocholê"

- Im Kontext "verbreiteter oder vielmehr angeborener Manie": statt "Manie" stand "Mannie".

- Im Kontext "Daher wird man z. B. unter fünfzig Engländern": statt "fünfzig" stand "funfzig".

- Im Kontext "der Mylitta zu Babylon": statt "Babylon" stand "Babylan".

- Im Kontext "Shakespeare, im Othello und im Wintermärchen": statt "Shakespeare" stand "Shakesspeare".

- Im Kontext "welche bloß ein _opus supererogationis_ ist": statt "supererogationis" stand "supererogations".

- Im Kontext "Alle jene Vorgaben halten also nicht Stich.": statt "Vorgaben" stand "Vorgeben".

- Im Kontext "der geringe Erfolg ihres Bestrebens": statt "ihres" stand "ihrer".

- Im Satz "Zum Wege der *Taten* befähigt vorzüglich das große Herz; zu dem der *Werke* der große Kopf." wurde "Werke" in gleicher Weise hervorgehoben wie "Taten".

- Im Kontext "sondern daß er es sei, macht ihn beneidenswert": statt "beneidenswert" stand "beneidensweit".

- Im Kontext "sind die Data jedem zugänglich, so wird ihre Kombination es meistens auch sein": statt "meistens" stand "meistes".

- Im Kontext "1. Als die oberste Regel aller Lebensweisheit": aus Gründen der Konsistenz "1)" geändert zu "1.".

- Im Kontext "wir denken häufig an sie und wenig an alle jene andern wichtigeren Dinge, die nach unserem Sinne gehn.": statt "unserem" stand "unseren".

- Im Kontext "daß seine Befriedigung immer nur negativ wirkt und daher gar nicht direkt empfunden wird" und "im Unglück spüren wir sie gar nicht": statt "gar nicht" (wie anderswo im Buch verwendet) stand "garnicht".

- Im Kontext "Kommt zu einem schmerzlosen Zustand noch die Abwesenheit der Langenweile": statt "noch" stand "nach".

- Im Kontext "Man kann in diesem Sinne auch sagen,": statt "Man" stand "Mann".

- Im Kontext "Hat hingegen der Widerwille gegen dieses alles gesiegt": statt "hingegen" stand "hingegegen".

- Im Kontext "Wer inzwischen Gesellschaft liebt, kann sich aus diesem Gleichnis die Regel abstrahiren, daß was den Personen seines Umgangs an Qualität abgeht, durch die Quantität einigermaßen ersetzt werden muß.": zwei Kommata ergänzt, und statt "Quantität" stand "Quantiät".

- Im Kontext "Furcht vor der *Einsamkeit*": statt "Furcht" stand "Frucht".

- Im Kontext "daher viele Reiche sich unglücklich fühlen," Semikolon ersetzt durch Komma.

- Im Kontext "in den sechziger Jahren ist der Trieb zur Einsamkeit": statt "sechziger" stand "sechsziger".

- Im Kontext "so daß man damit zum =heautontimôroumenos= wird": statt "heautontimôroumenos" stand "heautontimoroumenos".

- Im Kontext "indem er sich die große Wahrheit verdeutlicht, daß alles, was geschieht, notwendig eintritt,": statt "daß" stand "das".

- Im Kontext "in der Linken die Tabaksdose, in der Rechten eine Priese haltend": statt "Rechten" stand "rechten".

- Im Kontext "Denn da die Menschen in der Regel ohne eigenes Urteil sind und zumal hohe und schwierige Leistungen abzuschätzen durchaus keine Fähigkeit haben; so folgen sie hier stets fremder Autorität,": statt "Autorität" (wie anderswo im Buch verwendet) stand "Auktorität".

- Im Kontext "eine falsche, konventionelle, auf willkürlichen Satzungen beruhende und traditionell unter den höheren Ständen sich fortpflanzende, auch, wie die Parole, veränderliche Überlegenheit": statt "eine" stand "ein".

- Im Kontext "Sind nicht fast alle Kriege im Grunde Raubzüge?" war der Satzanfang klein geschrieben.

- Im Kontext "für den ganzen Menschen,": statt "ganzen" stand "ganen".

- Im Kontext "bei großer Homogeneität": statt "Homogeneität" stand "Homogenietät".

- Im Kontext "in der Literatur geschrieben": statt "Literatur" stand "Literartur".

- Im Kontext "außer allem Kontakt": statt "Kontakt" stand "Konkakt".

- Im Kontext "trocknen, im Laufe der Jahre, allmählich zu abstrakten Begriffen aus": statt "aus" stand "auf".

- Im Kontext "eine bloß vernünftige, ja traditionelle": statt "vernünftige" stand "venünftige".

- Im Kontext "sie wird geflohen und gehaßt": statt "gehaßt" stand "gehaß".

- Im Kontext "In diesem Sinne ließe sich behaupten, daß man allein in der Jugend mit vollem Bewußtsein lebte": statt "Bewußtsein" stand "Bewußstein".

- Im Kontext "an Geisteskräften und Erkenntnissen täglich zunehmen,": statt "zunehmen" stand "znuehmen".

- Im Kontext "Diese Gewohnheit wurzelt ein und bleibt auch dann, wenn das Sinken der Geisteskräfte eingetreten ist": statt "das" stand "des".

- Im Kontext "der Jüngling meint, daß wunder was in der Welt zu holen sei": statt "daß" stand "das".

- Im Kontext "Amenthes der Ägypter": statt "Ägypter" stand "Ägipter".

- Im Kontext "si scampa così": statt "così" stand "cosi".

- Im Kontext "non è sì tristo cane, che non meni la coda": statt "sì" stand "si".