Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit, 27. Band, 1880 Organ des Germanischen Museums

Part 9

Chapter 93,405 wordsPublic domain

27) In der St. Moriz-Kirche zu Naumburg a/S wurde bei den im Gange befindlichen Reparaturarbeiten gegen Ende des vergangenen Jahres unter dem Fußboden ein verwitterter kleiner Lederbeutel ausgegraben, in dem sich 204 Silbermünzen befanden. Soweit die Legenden sich entziffern lassen, gehören fast alle Münzen in die Jahre von 1620 bis 1639, doch ist auch eine unbedeutende Anzahl früherer darunter; die älteste datiert von 1558. Das einzige große Stück ist ein vollwichtiger nürnbergischer Thaler von 1633.

(Zeitschr. f. Museologie u. Antiquitätenkunde, Nr. 2.)

Verantwortliche Redaction: Dr. +A. Essenwein+. Dr. +G. K. Frommann+.

Verlag der literarisch-artistischen Anstalt des germanischen Museums in Nürnberg.

Gedruckt bei +U. E. Sebald+ in Nürnberg.

ANZEIGER

FÜR KUNDE DER DEUTSCHEN VORZEIT.

Neue Folge. Siebenundzwanzigster Jahrgang.

=Nürnberg.= Das Abonnement des Blattes, welches alle Monate erscheint, wird ganzjährig angenommen und beträgt nach der neuesten Postconvention bei allen Postämtern und Buchhandlungen _Deutschlands_ incl. Oesterreichs 3 fl. 36 kr. im 24 fl.-Fuss oder 6 _M._

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Alle für das german. Museum bestimmten Sendungen auf dem Wege des Buchhandels werden durch den Commissionär der literar.-artist. Anstalt des Museums, +F. A. Brockhaus+ in Leipzig, befördert.

ORGAN DES GERMANISCHEN MUSEUMS.

1880. Nº 3. März.

Wissenschaftliche Mittheilungen.

Das Inventar eines Würzburger Domherrnhofes vom Jahre 1557.

(Schluß.)

+Im kemmerlein neben der grossen kammern+: Ein tisch deppich, ein altter tisch, ein kuessen one ziechen.

+Ime dem hindtern klein stublein+: Ein schefflin, funff schweinspieß, ein liechtharnisch sampt einer sturmhauben vnnd faustkolben, ein seidener schwartzer huet mit einer gulden schnuer, ein schwartz harnisch ruck vnnd krebs schurtz vnnd ermel, ein schwartzer taffeter huet mit einer gulden schnur, zwey bar flanckert, zwen dürckische bogen sampt kechern in einem fuetter, ein rudenhornlein mit zweyen windtstricken, ein turckisch rott bar stiffel, ein weis turckisch huetlein, ein turckischer sebel, zwey fecht schwerdt, ein sewschwerdt, vier langer reitling, drey reitschwerdt, ein rapier, ein handdegen, ein otterzunglein, drey dolchen, ein geetzt turckisch sebelein, vier buchsen hulfftern, vier buechsen, ein feuer zeug mit einem hanen, drey daschlein darinnen kugel vnnd rustung zu den puxen, ein puluerflaschen, zwen stiffel vnnd sporn, ein feuerspiegel soll 5 fl. costen, ein Marie pilde, ein pilde darinnen das kindle Jhesus, ein fuetter darinn ein barbirzeugkh, ein fuetter mit zwolff messern mit messe platten, ein fuetter mit sechs messern alle von eisen, ein perspectiue taffel. +Ane buechern+: Ein missalbuch, ein teutsch geschichtbuech des Tewerdancke, ein Titus Liuius, Chronica Munstry, Seneca, ein teutsch thurnierbuch, epistolæ Ciceronis eiusdemque philosophica opera, rethorica Ciceronis et forensia offitia, Aristoteles, descriptio nouy orbis, offitia Ciceronis teutsch, Calepinus, Plutarchus teutsch, commentaria Cæsaris, adagia Erasmy, offitia Ciceronis teutsch mit illuminirten figuren, Vergilius cum commentariis, notariatbuch, commentaria Cæsaris, Laurentius Valla de lingna latina, chronographia Mintzers, ein teutscher psalterium, Linacrj grammatica, Jordanus de ponderibus, rethorica Ciceronis, von klaffern Lucianj, sechs vnnd dreissig stuck kleiner buecher, ein psalterium, ein sandt vhrlein in einem schwartz fuetter; ein verschlossener disch, darinnen zwue presentz rechnung des 53 vnnd 54 jare, ein adiunctrechnung des 54 jars, ein schwartzer sammeter beuttel, darinnen ein gulden ketten mit einem anhangendem rhehpfeifflein mit des herrn wappen, eine silbere loffel, ein glader gedenckring, ein gulden ring mit einem achat stein, ein gulden ring mit einem turckas, ein gedenckh ring mit einem rubin vnnd einem demut, ein gulden ring mit einem rubin, ein silbere insigel.

+In der gast kammer bey der stiegen+: Ein gemallt verschlossene truhen mit zweyen wappen, darinnen sieben neuer tischduecher, ein bar neuer grober laylacher; eine altte verschlossene truhen darinnen sechs bar flachs leylacher, ein einigs neue leylach, drey grober bar leylacher, drey schoner tischtuecher, funff tischtuecher, acht fatscheinlein trischefftig, sechs schlechte fatscheinlein, zwue vmblege, sechzehen handtswelen, vier kussen ziechen, ein grosse wulle tapet mit byldtnuß; ein sponbeth mit einem gantzen himel vnnd zweien antritten, darinnen ein stroesackh, ein vnterbeth mit colischen ziehen, ein deckbeth mit weissen ziehen, ein pfulben mit colischen ziehen; ein spanbeth mit einem halben himel sampt zweyen antrytten, darinnen ein stroesack, ein vnterbeth mit colischen ziehen, ein deckbeth mit einer zwilichen ziehen, ein pfulben mit colischen ziechen; ein schlecht sponbeth darinn ein vnterbeth mit schlechten colischen ziechen, ein deckbeth mit einer zwilichen ziehen, ein einig schlecht deckbettlein mit gestraichten ziehen, ein kuß mit einer schlechten ziechen: drey zine kammerscherben.

+Vor der stuben+: ein altter tisch, ein altter behaltter mit zwey vachen, nichts darinnen.

+In der hindtern kammern+: Ein ausgestochene altte bethladen mit einem halben himel, nichts darinnen, ein schlechte bethladen mit einem halben himel sampt zweyen antritten, darinnen ein stroesack, ein vnterbeth mit barcheten ziechen, zwey kussen mit ziehen, zwey kussen one ziehen, ein pfulb mit barcheten ziechen.

+In der obern stuben ob dem thor+: Ein tisch mit einem kunstreichen blat von neun vachen, darinen schon schnitzwerck versetzt sampt einem gryen gemalten plat, ein giesbeheltter verschlossen, nichts darinnen, drey wullener vmbhengk vm einen tisch, funff schoner gewirckten tapeten von schonen zugen, mit goldt schon belegt, ein pappiere zusamengeleimbt stuck vom marggrauisch krieg, ein schlechter tisch, ein altter vmbgehender schwaitzer stuel.

+In der kammer ob dem thoer+: Eylff neue pfannen groß vnd klein, ein dribainter stuel.

+In der kuchen+: Funffzehen pfannen groß vnnd klein, zwue kupffere schussel, drey durchschleg, ein kupffere beckelein ein kupffere stendtener, ein bretter (_sic_) sampt vier bratspiessen, zwey vogelspießlein, drey hackmesser, drey riebeysen, ein roest, neun eisene loffel, ein brottpfannen, vier zine, zwey zine tellerlein, zwen kupffere heffen, ein kupfferling, ein stuckmesser, ein eisere pfannenholtz, ein altter kuchenbehaltter, ein altte fleischbeyhel.

+In der vntern hoffstuben+: Ein schlechten tisch mit einer schubladen, ein altt loderbettlein, ein vorbanck mit einem glender, ein beheltterlein an der wandt, ein eingefast mappen.

+In der kammern bey der stuben+: Zwen kessel, ein grosser trifueß, eine altte kisten, zwoe metzen, ein neu kaltter seil.

+Ime hoff+: Ein lange eichene rinnen, ein kurtze eichene rinnen, 600 ziegel ongeuerlich, ein heufflein kalchs in einem kemmerlein, ein schleuffstein.

+Ime kaltterhauß+: Ein neue kaltter hat der herr seliger lassen machen, ettliche altte vaß.

+Ime summerhaus+: Ein lange schießtaffel, ein schießtisch mit einer grunen deckh, darauff man mit kugeln scheubt, ein herrlich mansbildt, auff ein tuch gemalet, ein eingefast tuch, darauff die histori vom Lott, ein eingefast tuch, darauff die histori vom heydnischen weyblein, ein eingefast tuch, darauff die histori von Sodom vnnd Gomorra, ein zine giesfas vnnd ein kupfere becken, ein kupffere kuelkessel, ein tisch, zwue vorbenck mit gelendter, ein grosser altter schranck, nichts darinnen, ein zehen eimerich vas, zwue vorbanck one glender.

+Ime Keller+: Ongeuerlich funff fuetter weins in sechs vassen, ein achzehen eimerig leer vas, sieben halb fuetterige vas, sieben vesslein ongeuerlich 2. 3. oder 4 eimer, ein grosser ablashanne.

+Schwarzenberg.+ A. +Mörath+.

Initial vom 11. Jahrhundert.

In der Miniaturensammlung des germanischen Museums befindet sich als Nr. 22 ein Pergamentblatt eines Kleinfoliomanuscriptes, welches auf der Rückseite einen zweispaltigen Text in Schriftzeichen des 11. Jhdts., auf der Vorderseite aber in einer Umrahmung einen großen Anfangsbuchstaben B trägt, an welchen sich in kleiner Schrift die Widmung (B) „eatissimo pape Stephano Ambrosius Autbertus presbiter“ anschließt. Die äußeren Linien des Rahmens haben eine Länge von 17,8 bei einer Höhe von 24,7 cm. Der Rand sowie der Buchstabe B sind mit Minium gezeichnet, vier Brustbilder in den Eckfeldern, hinter welchen der Grund grün angelegt ist, mit schwarzer Tinte, ebenso die vier Brustbilder von Heiligen mit goldenem Nimbus in silbernen Kreiseinfassungen auf blauem Grunde; rothe Punkte auf den Wangen, sowie bei dreien unter den letzteren Brustbildern goldene Gewandsäume und Spangen vervollständigen den Farbenschmuck. Auch im Initial selbst ist das Grüne und Blaue, theilweise Gelb, verwendet, um den Hintergrund zwischen den Ornamenten auszufüllen. Goldene Bänder sowie zwei Goldrosetten halten die Ranken zusammen. Der Grund hinter dem Initial ist rothbraun gefärbt, wovon sich die Majuskeln der Schrift in weißem Auftrage abheben. Die Figürchen in den Ecken, welche keine Nimben tragen, sind bezeichnet: G. E. G. (radiert), Engelo, Cunr̄, Teodor̄; sämmtliche sind durch die Tonsur als Kleriker bezeichnet. Welchem Kloster sie entstammen und welcher Zeit, geht jedoch daraus nichts hervor. Das obere Brustbild in Mitte ist als Sanctus Vitus, das untere als Sancta Maria bezeichnet. Die beiden Heiligen zur Seite, von welchen der eine durch die Tiare als Papst charaktrisiert ist, haben keine Beischrift. Auch die Spruchbänder sind leer. Der Charakter des Ornaments erinnert noch an die zur Zeit der Ottonen übliche Ornamentik der Initialen; ebenso der Hintergrund, der sicher nur schlechter und deshalb verschossener Purpur ist. Die um den senkrechten Stamm des B kriechenden Drachen, der aus Ornament gebildete Mensch und das Fratzenhafte mit Thierklauen sind aus anderen ähnlichen Werken des Mittelalters bekannt genug; das ganze Blatt zeigt kaum etwas Neues, aber es ist ein gutes Beispiel der Buchverzierung des 11. Jhdts.

Der Text der Rückseite beginnt mit einem kleinen Initial S, gleich dem großen mit Mennig gezeichnet, und theils blauer, theils gelber Bemalung des Grundes. Er lautet, in Majuskeln fortgesetzt: Sanctorum ecclesia, que corpus redemptoris sui est, cujus tu quoque pontificalis ordinis primatum sortitus es inter cetera sua miracula verbo, (worauf in Minuskeln der Text sich fortsetzt) predicationis eminet. Vt enim........

Das Blatt kam mit der frhrl. v. Aufseß’schen Sammlung in das Museum und enthält von der Hand des Herrn v. Aufseß die Notiz mit Bleistift: Ambrosius Autbertus † 778, Abt zu St. Vincenz in Abruzzo. Homelien. Sind gesammelt Martène Tom. IX., Zeit K. Heinrichs II. Mit letzterer Angabe als Zeitbestimmung für die Herstellung des Codex, dem das Blatt angehörte, stimmen auch wir vollständig überein. Die Notiz über den Verfasser genügt, um diejenigen Leser, welche sich für dieselbe interessieren, auf den richtigen Weg zu lenken, ihn zu suchen. Wir haben blos die Absicht, in der beistehenden Abbildung die charakteristische Zeichnung, wenn auch zur Hälfte verkleinert, als Beitrag zur Buchverzierung der romanischen Kunstperiode wiederzugeben, die uns so viele kostbare Schöpfungen hinterlassen hat. Auf einige ältere Initialen, die das Museum besitzt, werden wir gelegentlich hinzuweisen haben; auch jüngere sollen folgen.

+Nürnberg.+ A. +Essenwein+.

Wundermenschen.

Zwei Abbildungen des 14. Jahrhunderts.

Die Naturanschauung des Mittelalters beruhte wesentlich auf der Antike, deren Lehren als solche sich fortpflanzten, was freilich nicht verhinderte, daß das Bild, das man sich vom Ganzen wie von den Einzeltheilen machte, in formaler Beziehung sich soweit von der Antike entfernte, als eben die Kunst und Kunstideale des Mittelalters, von ihr losgelöst, selbständigen Bahnen folgten.

Dies ist insbesondere in Bezug auf das Bild der Fall, das man sich von verschiedenen angeblichen Geschöpfen machte. Letztere spielen, wie in der Antike, eine wesentliche Rolle. Aber die Kentauren und Sirenen haben im Mittelalter ganz andere Formen als in der klassischen Zeit, ebenso die Greife und Harpyien und so manches Andere. Sie finden sich aber nicht blos in Buchillustrationen, sie haben auch in die monumentale Kunst durch die Kirche Aufnahme gefunden und gehören zum christlichen Bilderkreise, entweder als Repräsentanten des Bösen, als Dämonen, oder als Repräsentanten der wunderbaren Schöpferkraft Gottes. Wenn auch die Betrachtung der Natur nicht mit der heutigen Genauigkeit erfolgte, wenn man die Tausende von Arten und Gattungen nicht kannte, die heute der Wissenschaft geläufig sind, so sah man doch die unendliche Mannigfaltigkeit und nahm ebenso wenig Anstand, fabelhafte Geschöpfe als wirklich existierend zu betrachten, als man Bedenken trug, existierenden fabelhafte Eigenschaften anzudichten. Wie weit hier jene Männer, welche wirklich die Natur zu erforschen suchten, auf anderem Standpunkte standen, als die Mehrzahl der Zeitgenossen, und wie groß oder gering ihre Anzahl war, kommt hier nicht in Betracht, weil sie auf die Volksanschauung keinen Einfluß hatten. Diese aber gab der bildenden Kunst wie der Dichtung ihre Richtung. Die Volksanschauung beschäftigte sich viel damit, die Menschen auch in großer Mannigfaltigkeit sich zu denken, und wenn man wußte, daß im fernen Afrika unter heißer Sonne Menschen von schwarzer Farbe lebten, so malte man sich gerne das Bild der in weit entfernten fremden Ländern wohnenden Menschen noch phantastischer aus, wozu ja die Ueberlieferungen der klassischen Zeit viel beitrugen. So finden wir den Einfuß, die einäugigen Menschen (Kyklopen), jene mit dem Gesichte auf der Brust, mit Hundsköpfen, mit Kranichleibern u. s. w. sowohl in steinernen Bildwerken, als in Miniaturgemälden, und später im Holzschnitt nicht selten dargestellt, am schönsten wol, zu einer ganzen Serie vereinigt, in Wohlgemuths Darstellungen zur Schedel’schen Weltchronik und nach ihm noch das ganze 16. Jahrhundert hindurch in den verschiedenen Ausgaben der Münsterschen Kosmographie.

Die Dichtung läßt den Herzog Ernst alle jene Länder bereisen, in denen diese merkwürdigen Menschen, die Riesen und Zwerge wohnten, und noch Jonathan Swift hat in „Gullivers Reisen“ seinen Helden dieselben Wege geschickt. Es ist sehr schade, daß der Codex 998 des german. Museums, der ja in sehr reicher Weise den trojanischen Krieg und Wilhelm von Orlens illustriert, den Herzog Ernst ohne Illustrationen gibt. Vielleicht mochte gerade dem Osnabrücker Kleriker, der so treu alles dem Leben seines Landes und seiner Zeit nachzeichnete, der Sinn für Phantasiegebilde gefehlt haben, für die er in seiner Umgebung keine Vorbilder fand.

Indessen haben wir im Museum eine ältere Darstellung wenigstens von einigen dieser wunderbaren Menschen, des Einfußes und der Kyklopen, in einem Bruchstücke von Enenkels Weltchronik, einer Papierhandschrift des 14. Jahrhunderts, Nr. 7217 unserer Bibliothek.

+Nürnberg.+ A. +Essenwein+.

Liebespaar.

Abbildung von 1441.

Weniger um der Lieblichkeit des Paares willen, als um die Tracht der höheren Stände jener Zeit zu charakterisieren, geben wir aus dem Codex des trojanischen Krieges von 1441 die Liebesscene zwischen Paris und Helena wieder, wobei wir auf seine Kopfbedeckung und seinen auf der rechten Schulter gehefteten Mantel, die Schellen, sowie die Zaddeln an ihren Aermeln aufmerksam machen. Es läßt sich manche ähnliche undatierte Darstellung durch den Vergleich mit dieser Zeichnung bestimmen. Das Interessanteste am Bild ist die Rasenbank, auf welcher sie sitzen. Eine aus Brettern zusammengenagelte, mit Erde gefüllte Kiste, deren obere Fläche mit Rasen bewachsen ist, im Schatten einiger, hier klein dargestellten Bäume zeigt, wie einfach im 15. Jahrhunderte die Gärten vornehmer Besitzer gewesen sein müssen, während wir die Nachklänge der Antike noch in den Dichtungen des 12. und 13. Jahrh. finden.

+Nürnberg.+ A. +Essenwein+.

Herkules, Nessus und Dejanira.

Zeichnung des 14. und 15. Jahrhunderts.

Den Wundermenschen reihen wir füglich die hier folgende Darstellung an, welche nicht blos den sich denselben anschließenden Kentauern Nessus zeigt, sondern auch die Auffassung im allgemeinen wiedergibt, in der sich das zu Ende gehende Mittelalter, bevor die humanistischen Studien einen Einfluß auf die Volksanschauung und damit auf die Künstler ausüben konnten, die Antike dachte. Herkules und Dejanira sind ebenso, wie die Trojaner und Trojanerinnen, Gestalten des 14. Jhdts. in der Tracht der vornehmen Welt jener Zeit; selbst der Kentauer ist in seinen menschlichen Theilen bekleidet.

Das Bild ist dem Codex 973 des germanischen Museums entnommen, welcher die Geschichte der Zerstörung Trojas in deutscher Prosa enthält, und aus dem wir schon oben, Sp. 37 ff. eine Abbildung gegeben haben, bei welcher Gelegenheit über die Entstehungszeit gesprochen ist, auf die wir auch bei Mittheilung einer Reihe von Beiträgen zur Waffenkunde, die wir ihm zu entnehmen haben, wieder zurückkommen werden, da in der Bewaffnung sich die Zeit deutlicher ausspricht, als in der Gesellschaftstracht.

+Nürnberg.+ A. +Essenwein+.

Ein vornehmer Jüngling zu Pferd und ein Bote.

Abbildung von 1441.

Der mehrerwähnte Codex von 1441 zeigt die Mitglieder der ritterlichen Gesellschaft nur in jenen Scenen in Waffen, in denen sie kämpfen. Sobald der Kampf zu Ende ist, legen sie die Waffen ab und erscheinen in Gesellschaftstracht. So erscheint auch auf diesem Bild Wilhelm von Orlens, dem ein Bote die Ladung zum Turniere bringt. Das Pferd ist nicht anders ausgestattet als in der Kampfscene. Auch der Sattel erscheint dort ganz ähnlich wie hier. Der Fuß steht ebenso stramm im Bügel, wie im Augenblicke des Kampfes. Die kurze Tunika des Jünglings ist unten mit Zaddeln besetzt und reicht mit diesen bis zum Knie. Auch der Bote trägt eine einfache, bis zum Knie reichende Tunika, ein Kleidungsstück, das sich bis jetzt in manchen Gegenden als Bluse, auch Staubkittel bezeichnet, beim Volke erhalten hat, wenn auch jetzt nicht mehr um die Hüften mit dem Gürtel zusammengehalten, wie sie heute wol nur noch Kinder tragen. Der Bote trägt als Zeichen seines Amtes ein Schild auf der Brust und den Spieß in der Hand, wie seine Kollegen auch noch im 17. Jhdt. ausgestattet abgebildet werden. Die offenbar pelzüberzogene Mütze ist gleichfalls beachtenswerth und ein Beitrag zur Mannigfaltigkeit, in welcher im 15. Jhdt. die Kopfbedeckungen gebildet wurden.

+Nürnberg.+ A. +Essenwein+.

Margarete von Schwangau, Gemahlin Oswalds von Wolkenstein.

Ueber die beiden Frauen des Minnesängers Oswald von Wolkenstein ist äußerst wenig Zuverlässiges bekannt. Bis vor kurzem wußte man nicht einmal bestimmt, ob Margareta von Schwangau seine erste Frau gewesen, wofür sich Beda Weber in dem Werke: „Oswald von Wolkenstein und Friedrich mit der leeren Tasche“ (Innsbruck, 1850) aussprach, oder Anna von Hohenems, für die von Hormayr in seinen verschiedenen Arbeiten über die Wolkensteiner und Schwangauer die erste Stelle in Anspruch nahm. Die Quellen, aus welchen die genannten Autoren schöpften, sind -- abgesehen von Oswalds Gedichten -- theils nicht bekannt, theils nicht mehr aufzufinden, so daß in Ermangelung bestimmter urkundlichen Nachrichten auch Ign. Zingerle in seiner Abhandlung: „Zur älteren tirolischen Literatur I“[37] der Behauptung Beda Webers sich anschloß, bis es ihm gelang, aus, dem gräflich Trapp’schen Archive zu Churburg eine undatierte Urkunde zu erhalten, aus welcher hervorgeht, daß Margareta von Schwangau ihren Gemahl Oswald überlebte; denn in derselben -- durch welche Margareta, geb. von Schwangau, und Michel von Wolkenstein, Domherr zu Brixen, ihrem Sohne und Bruder Oswald von Wolkenstein das Schloß Hauenstein sammt Inventar abtreten, an ihrer und ihrer Söhne, resp. Brüder, Gotthart, Leo und Friedrich statt -- wird Margareta +Herrn Oswalds seligen Wittib+ genannt.[38]

Das gräflich Wolkenstein’sche Archiv, früher zu Rodenegg, nun Eigenthum des germanischen Museums, enthält eine Anzahl von Stücken, durch welche gleichfalls der Beweis gebracht wird, daß Margareta ihren Gemahl Oswald überlebte und also dessen +zweite+ Frau gewesen sein muß, wenn er überhaupt +zwei+ Frauen hatte. Sie bilden mit der in der Germania abgedruckten Urkunde die einzigen authentischen Nachrichten über Margareta von Schwangau -- über Anna von Hohenems sind unseres Wissens solche nicht bekannt --; sie lassen uns Margareta in vortheilhaftem Lichte sehen und bereichern zugleich unsere Kenntnisse über das Leben Oswalds. Beinahe sämmtliche Stücke gehören dem Todesjahre Oswalds (1445) oder dem Jahre 1447 an; nur eine Urkunde führt uns in eine frühere Zeit zurück.

Durch diese letztere, welche wir unter I hier zum Abdruck bringen, überträgt Margareta am St. Jörgentage (24. April) des Jahres 1426 all ihre Rechte, Forderungen und Ansprüche, die ihr von ihrem Vater seligen, Ulrich von Schwangau (dessen Tod wahrscheinlich kurz vorher erfolgt sein dürfte), und von künftigen Sachen noch anfallen möchten, ihrem lieben Mann Oswald von Wolkenstein.

Außer dieser Urkunde finden sich aus der Zeit, da Oswald lebte, nur noch zwei Margareta betreffende Stücke, und zwar zwei Briefe derselben vor, die sie beide im letzten Lebensjahre Oswalds, wenige Monate vor seinem Tode, schrieb. Von dem ersteren, an ihren Diener Jörg gerichtet (abgedruckt unter II), ist der Tag der Ausfertigung nicht genau zu bestimmen, da eine vorgenommene Korrektur es unmöglich macht, den Namen des Heiligen des betreffenden Tages zu entziffern; doch geht aus dem Briefe hervor, daß er vor Ostern (28. März) 1445 geschrieben wurde, da Margareta darin mittheilt, sie habe vernommen, daß sie in den Osterfeiertagen heim solle gen Hauenstein, und sei bereit, dem auch nachzukommen. Der übrige Inhalt des Briefes betrifft häusliche Geschäfte; namentlich wird dem Diener Jörg noch anbefohlen, sich das Wohl seines Herrn angelegen sein zu lassen.

Der zweite Brief, vom 28. Mai 1445, von Margareta an Oswald selbst gerichtet (s. III), läßt uns dieselbe gleichfalls als tüchtige Hausfrau und als eine um das Wohl ihres Mannes zärtlich besorgte Gattin erkennen, die demselben auch in Sachen der Politik mit ihrem Rathe zur Seite stehen durfte. Die in dem Briefe enthaltenen, auf politische Angelegenheiten sich beziehenden Stellen beweisen, daß die Behauptung Webers, Oswald habe seine letzten Lebensjahre in vollständiger Zurückgezogenheit und zerfallen mit der Welt auf Hauenstein zugebracht, auf Irrthum beruht, der wol hauptsächlich dadurch entstand, daß es Weber nicht gelang, entsprechende urkundliche Nachrichten über Oswald aus jener Zeit aufzufinden. -- In der interessanten Abbhandlung Albert Jägers: „Der Streit der Tiroler Landschaft mit Kaiser Friedrich III. wegen der Vormundschaft über Herzog Sigmund von Oesterreich von 1439-1446“[39] wird zwar mitgetheilt, daß der Landtag zu Meran (zusammengetreten am 3. November 1443) Oswald von Wolkenstein die Verwesung des Eisak- und Pusterthales übertrug, die Frage jedoch, welcher von den beiden Oswalden mit diesem Vertrauensposten beehrt wurde, unerörtert gelassen. Da ein solcher einem jüngeren Manne, der noch nicht Gelegenheit hatte, sich hervorragendes Ansehen zu erwerben, gewiß +nicht+ anvertraut wurde, so ist darüber wol kein Zweifel statthaft, daß es Oswald I., der Minnesänger, selbst war, der hochbetagt -- er stand 1443 im 76. Lebensjahre -- noch seine Kräfte dem Vaterlande widmete und treu auf Seite des Herzogs Sigmund aushielt.