Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit, 27. Band, 1880 Organ des Germanischen Museums
Part 5
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ORGAN DES GERMANISCHEN MUSEUMS.
1880. Nº 2. Februar.
Wissenschaftliche Mittheilungen.
Das Inventar eines Würzburger Domherrnhofes vom Jahre 1557.
Im 16. Jahrhundert pflegte man ausschließlich nur Adelige in die Domkapitel zu Würzburg und Bamberg aufzunehmen. Auch von dem fränkischen Geschlechte der Freiherrn zu Schwarzenberg traten mehrere in dieselben ein. Zu diesen gehörte auch Paulus II., ein Sohn des bayerischen Landhofmeisters Christoph Freiherrn zu Schwarzenberg, von welchem uns das weiter unten abgedruckte Inventar seines Domherrnhofes zu Würzburg noch im fürstl. Archive zu Schwarzenberg erhalten ist.
Paulus II. ward geboren im Februar 1523. Schon am 29. Oktober 1534 wurde er ins Würzburger Domkapitel aufgenommen, und zwar erhielt er die Präbende, auf welche Graf Thomas von Rieneck soeben resigniert hatte. Seine Aufschwörer waren: Wilhelm Freiherr von Schwarzenberg, Chorherr zu St. Burkhard in Würzburg, ferner die Würzburger Domherren Hieronymus Fuchs, Jakob von Bibra und Peter von Randersacker.
Selbstverständlich konnte Paulus II. in einem noch so jugendlichen Alter -- er war ja 1534 erst 11 Jahre alt -- seinen Sitz im Domkapitel nicht wirklich einnehmen, sondern er lag noch seinen Studien ob. So finden wir ihn im Jahre 1537 an der Ingolstadter Universität als Studiengenossen des Herzogs Albrecht von Bayern.
Im Jahre 1542 verwendete sich die römische Königin Anna, die Gemahlin König Ferdinands I., mittelst Schreibens d. d. Wien den 24. September für ihn beim Bamberger Domkapitel, damit er auch eine Domherrnpfründe erlange. Königin Anna war vom Bruder des Domherrn Paulus, dem Freiherrn Wilhelm zu Schwarzenberg, welcher Truchseß des römischen Königs Ferdinand war, darum ersucht worden.
Ihre Bitte scheint aber nicht erfüllt worden zu sein. Freiherr Paulus II. erreichte kein hohes Alter; er starb schon den 16. Juni 1557 und hinterließ in Würzburg einen prächtig eingerichteten Domherrnhof, dessen Lage sich aber heute leider nicht mehr näher bestimmen läßt.[14] Das Inventar dieses Hofes wurde am 27. Juli 1557 durch den Notar und geistlichen Gerichtsschreiber Johann Dentzer in Würzburg aufgenommen. Da es von großem, kulturhistorischem Interesse ist, so lassen wir es seinem vollen Wortlaute nach hier folgen:
Erstlich an +ligenden guettern+: Ein thumherrnhoff hinder dem thumstifft zu Wurtzburg gelegen, darinnen sein gnaden gewonet. Sechs morgen weingartten in Gerbrunner markung gelegen.
An +fahrender haab+ vnnd erstlich +in der grossen stuben+: Ein tisch darauff ein thurn geschnitz, ein tisch mit einer schubladen, ein lotterbettlein daran des herrn wappen, darinnen ein stroesackh, ein lidere bolster, ein lidere kuessen, ein klein deckbethlein mit gestraifften ziehen, ein wullene deckh; ein gießbehaltter mit zin beschlagen sampt einem gießfaß in gestalt einer aicheln; ein schub karren darinnen ein stroesackh mit Colischen ziehen, ein pfulb mit Colischen ziehen, zwey kussen one ziehen; ein vorbanck, ein dribaineter stuel, ein grosser sessel mit schwartzem leder vberzogen, ein leichten von hirschgehorn mit der Judith vnnd einem schwartzenbergischen wappen vnnd sechs leuchtern, ein messinge sprutzen, drey merbelsteine weisse teffelein, ein bildt s. Franciscus vff einem tuch, ein zwifach gemalet teffelein daran M. Anthonius vnnd Cleopatra gemalet sampt einem grunen furhenglein, ein gemallte daffel daran des herrn abcontrafactur, ein eingefast tuch darauff der verlorn sun gemaltt, ein eingefast gemalt tuch darauff die evangellischen history von dem herrn vnd Petro als er in aus dem schiff fordert, ein eingefast gemalt tuch darauff conuersio Pauli, ein kleiner wecker, ein eingefast tuch darauf die evangelische history Marcj ame eylfften, ein gemallt tuch darauf der verloren sun gemalet, ein gemalt tuch darauff Adam vnnd Eua gemalet, ein gemalt tuch daran ein bloß weiber bildt vnnd der thodt, ein handtswellen[15] holtz mit einer junckfrawen daran des herrn wappen, ein gemaldtt tuch darauff Maria Magdalena, ein gemalt tuch darauff die euangelische historia von den jungern, so gen Ehemaus gangen, ein gemaltt tuch darauff die histori von S. Christophero, ein gemaltt tuch darauff die histori von Abraham vnnd seinem son Isaac, ein groß gemalt tuch darauff die histori do Christus 5000 menschen speiste, ein gemalte verschlossene taffel, darauff des herrn annaten gemalet, ein alter banckpfulben.
+In der kammern neben der großen stuben+: Ein spanbeth mit einem gantzen himel sampt zweyen antritten, darinnen ein deckbeth mit einer weißen ziehen, drey furheng ploe vnnd weis, -- ein eingefast tuch darinnen die histori vom heydtnischen freulein; ein großer verschlossener schrank darinnen ein fuetter mit zwelff messern, allerley specerey vnnd appedeckerey, ein gantzer hutt zucker, ein messing vhr in einem fuetter, ein dutzet loffeln mit peinen stilen in einem weißen hultz fuetter; -- ein verschlossen schrancklein mit vier schubladen darinnen allerley specerey von wurtz, mer acht disch tuecher, ein badtmantel, zwey zwach tuecher, ein weiß badtsecklein, ein vmblege, ein confect schachtel, drey hembder das ein mit einem schwartzen kragen zwey mit weißer arbeyt; -- ein große verschlossene truhen darinnen ein dolchen mit einer sammeten scheid mit silber beschlagen, ein schwartz zwilliche fallichs, -- ein bar grune socken, ein zwifacher schwartzer reidrockh, ein leinwater kittel mit samet verbrembt, ein schwartz borschete[16] leybrocklein mit samet verbrembt, ein schwartz borset leybrocklein one samet, ein schwartz barchete wames, ein negelfarb[17] daffete wames mit samet verbrembt, ein schwartz damascate wammes mit sammeten knopffen, ein lidere wammes, ein lidere bare hosen mit schwartzem borschtet vnterfuttert, ein schwartz wulle bar hosen, ein hesen[18] leybeltz, zwey alte lidere bare hosen vnten mit wullen stumpffen, zwen brustfleck, ein schwartzer schamlotte vnnd ein weißer gestepter, ein negelfarb schamlotte schauben mit schwartzen mosch gefüttert, ein weiß barchete zerschnitten wammes, ein einfacher schwartzer schamlott mit leynwatt vnterfuttert, ein schwartz samete baret, drey schlaplein vnter deren eines gefuettert, ein ottere hauben, zwen corrock, drey kuttentucher, funff facilettlein,[19] ein schlaffhauben, ein schwartzer braunschweiger manttl; ein klein geuierneust[20] verschlossen truhelein darinnen ein schoner grosser vergultter becher auff dreyen fueßen mit dreyen wappen sampt einem deckel, ein zwifach silbere scheuerlein[21] mit schwartzenbergischen wappen, acht silbere mackollein[22] in einander das vnterst mit einem fueß ganntz vergullt sampt einem deckel darauff des schwartzenbergischen wappen, ein hoher vergultter becher darauff ein Schwartzenburgisch wappen, ein silbere kandtlein[23] mit Schwartzenburgisch wappen, ein indianische nus vneingefast, ein buchsbaume loffel mit einem landtsknecht, ein christalline loffel in einem fuettter, ein gelb aigsteiner[24] patternoster mit funff silberen bollen[25], ein halber bisamsknopff darauf ein crucifix, ein schwartz aigsteiner patternoster mit sieben kornern, ein cristalline gefäß an ein dolchen gehorig, ein patternoster mit kornern, ein ametisten paternoster; ein große altte vnuerschlossene truhen darinnen ein lautten, ein geygen, zehen kleuen garens[26] in einem korblein; -- ein verschlossener beheltter mit zweyen vachen darinnen mancherlei gleser.
Volgt +ane+ (_an_) +zinwerckh+: Ein große schenk kandel, zwue viertel kandel, zwey dreiseidleins kandel, vier maßkandel, vier seidleinskandel, zwey viermaß kandlein, ein viertheil flaschen, ein mas flaschlein, zwey seidleins flaschlein, ein zwifach kandlein, ein kupfferling[27] ein groß zine saltzfaß, drey kleine zine becherlein, sechs zine hoffbecher, zwen zineteller, zwey große zine, achzehen zillig vnnd kleine zine, ein zine tischblat, funff kleine zine zerleg deller, siebenzehen zinene tischdeller, vier senfft zinlein, acht schone saltzfesslein, ein gemalte auffhebschussel, neun zilliger ausgestochener zine, zwolff ausgestochene erbeszine mit handthaben, sechtzehen ausgestochene kleine senfftzinlein mit öhrlein, vier ausgegrabene senffzinle gar cleine, ein ziner kammerscherben,[28] vier pleche schussel, ein pleche bierkandel, ein pleche triechter, ein pleche auffheb schusselein.
+Ane messing+: Ein messinger bock vff ein tisch, ein messing pfannenholtz, ein messing kandel sampt einem becken, ein messing rauchfaß, zwen messing leuchter auff ein altar, ein messing leuchter mit dreyen roren, zwen messing leuchter mit zwuen roren, acht leuchter mit einen roren, ein klein leuchterlein mit zweyen roren, neun badkopff,[29] ein klein beckellein, ein messing ampelein[30] ein messing kesselein, ein messing kolpfannen, ein messing blutdigelein, ein messing schussel ane (an) ein wage, eine messingen morscher[31] mit einem strempffel.[32]
+Ane kupffergeschirr+: Ein große neue flaschen ongeuerlich vff zehen mas, ein kupffere handtbecken, ein eisere bock vff einen tisch, zwo sackteln[33], ein roer.
+Ane tuchich+:[34] Acht tischtucher, vier bar grober leilacher,[35] vier bar flachser leilacher, sieben hembder, vier kussen ziehen, sieben handtswelen, drey faciletlein, ein schlaffhauben.
+Schwarzenberg.+ A. +Mörath+.
(Schluß folgt.)
Jahrmarktsbuden und Kramläden des 15. Jahrhunderts.
Der Papiercodex Nr. 973 unserer Bibliothek enthält eine Handschrift des trojanischen Krieges in deutscher prosaischer Bearbeitung des 14. Jahrh., die mit einer großen Zahl flüchtig gezeichneter Bilder ausgestattet ist, welche, roh koloriert, nicht als hervorragende künstlerische Leistungen bezeichnet werden können, die aber doch, sehr lebendig dargestellt, viele Einzelheiten zeigen, die dem Leben abgelauscht sind.
Derartige Handschriften wurden nebst ihrem Bilderschmuck mitunter handwerklich kopiert, und so mag auch unser Codex vielleicht irgend einem anderen Originale nachgebildet worden sein; vielleicht ist er selber Original, vielleicht sind die Bilder Skizzen für eine sorgfältigere Ausführung an anderem Orte. Interessant ist nur, daß die Bilder und der Text nicht gleichzeitig von derselben Hand hergestellt sind, indem der Text eine bräunliche, etwas verblaßte Tinte zeigt, während die Bilder mit rein schwarzer Farbe gezeichnet sind. Sie müssen vor Niederschreibung des Textes auf die Blätter gezeichnet worden sein; denn derselbe schließt sich, theilweise mit ungleicher Zeilenlänge, an die Bilder seitlich in einer Weise an, daß er nicht vor denselben dagewesen sein kann; aber es hat auch der Schreiber des Textes mit seiner braunen Tinte Einzelnes verbessert und mehr hervorgehoben, was ihm der Maler nicht charakteristisch genug gezeichnet hatte. Besonders ist dafür der Kampf auf fol. 35 v. und 36 r. zu nennen, wo er beiden Anführern mit heller Tinte noch Kronen auf die Helme gezeichnet hat, um sie als Könige zu bezeichnen.
Was die Zeit betrifft, der die Bilder entstammen, so zeigt die Bewaffnung bei den vielen dargestellten Kämpfern Arme und Beine in Schienen, den Körper in farbigen Lendnern oder mit buntem Wollkleide bedeckt, den Hals mit den Halsbergen aus Kettengeflecht, die Häupter theils mit Eisenhüten, theils mit der oben spitzen Beckenhaube (Bassinet) bedeckt. Die Handschuhe haben die charakteristische Form des 14. Jahrh.; Schellenschmuck am Gürtel wird theilweise zur Bewaffnung getragen, ebenso aber auch an den Zotteltrachten der Hauskleidung, so daß das Kostüm dem Ende des 14. und Beginn des 15. Jahrh. angehört. Auch die Schriftzeichen des Textes weisen auf den Beginn des 15. Jahrh., vielleicht noch Schluß des 14. hin. Wenn also nicht unser Codex selbst, so ist jedenfalls das Original, nach welchem er kopiert ist, gegen das Jahr 1400 entstanden. Wir werden aus demselben noch Einiges zu entnehmen haben. Heute führen wir den Lesern daraus zunächst in Fig. 1 ein echtes Genrebild vor. Es ist wol Kirchweihe; an der Kirche hat ein Händler seine Bude aufgeschlagen und bietet allerlei zum Verkaufe aus. Da kommen die Herren und Damen der benachbarten Burg, um einzukaufen. Daß die eine Dame bärtig ist, erklärt sich aus der Sache selbst; es ist die Scene gemeint, wo Achilles unter den Jungfrauen sich als Mann verräth, indem er aus den Herrlichkeiten des bunten Trödelkrames für sich den Schild herausgreift. Der Maler wollte uns sagen, was natürlich (wie so oft auf der Bühne von heute) keiner der Mitspielenden merkt, daß diese angebliche Prinzessin kein Weib, sondern Achilles ist. Der Kaufmann unterscheidet sich in seiner einfachen Kleidung von den herrschaftlichen Käufern. Die Art, wie die Bude zusammengestellt ist, hat sich bis heute noch erhalten, und der hiesige Weihnachtsmarkt zeigt deren alljährlich in ziemlicher Anzahl. Auch die Händler bleiben, obwohl aufmerksam auf ihre Besucher und Waaren, sitzen, wie jener unseres Bildes, höchstens durch einzelne Worte die Waaren anpreisend, bis die Besucher gewählt haben und der Handel beginnt; dann erst stehen sie auf. Wir können also wohl glauben, daß der Zeichner seine Scene der Natur abgelauscht und sie, mit Ausnahme des Bartes, genau so wiedergegeben hat, wie er selbst sie oft im Leben gesehen.
Es würde hier Anlaß gegeben sein, auf einige Gewohnheiten der mittelalterlichen Künstler im allgemeinen hinzuweisen und zu untersuchen, wie weit überhaupt der Grad der Glaubwürdigkeit mittelalterlicher Bilder geht; denn es tritt hier in dem Barte des Achilles derselbe Zug hervor, welcher den Schreiber des Textes unseres Codex veranlaßt hat, bei dem Kampfe auf fol. 35 v. und 36 r. die Helme der Könige mit Kronen noch auszustatten, welche der Zeichner vergessen, und die sie doch sicherlich im Kampfe nicht trugen. Mag es auch im Sinne des Mittelalters wie der antiken Welt gelegen haben, anzunehmen, daß sich die Heerführer, die Könige und Fürsten durch besondere Tapferkeit auszeichneten, so lag es doch sicher nicht mehr in der Taktik des 14. und 15. Jahrh. begründet, daß ein äußerlich sichtbares Zeichen den Feldherrn im Kampfe jedem Knechte der Gegner verrieth, und daß er ihren Geschossen und den Angriffen aus der Ferne ebenso ausgesetzt war, wie den ritterlichen Waffen der ebenbürtigen Gegner. Er durfte also kein Zeichen auf dem Helm tragen, so wenig als es irgend einer List bedurft hätte, den Achilles zu erkennen, wenn er so aus den Jungfrauen sich herausgehoben hätte, wie auf unserem Bilde. Wir gehen jedoch auf diese Frage besser erst später ein, wenn die Betrachtung der Bewaffnung dieses Codex sowie jenes zweiten, von welchem sofort die Rede sein wird, uns noch eine Reihe ähnlicher Züge vor Augen geführt hat, die uns veranlassen, zu untersuchen, wie weit wir berechtigt sind, sichere Schlüsse zu ziehen, und wie gerade ein Theil der Mängel jener Abbildungen daraus hervorgeht, daß deutlich zu verstehendes Sprechen in der Absicht der Maler und Zeichner lag.
Das Museum besitzt in einem, höchstens ein halbes Jahrh. jüngeren Codex einen überaus interessanten Schatz, nämlich eine Reihe ganz paralleler Darstellungen in dem Codex Nr. 998, welcher des Konrad von Würzburg trojanischen Krieg enthält, aus dem wir auf Sp. 265, 266 des vorigen Jahrgangs die Befrachtung eines im Hafen liegenden Schiffes wiedergegeben haben. Dieser zweite Codex reiht sich den merkwürdigsten Bilderzyklen des Mittelalters an.
Auf vortreffliches Papier in groß Folio-Format geschrieben, enthält er viele Illustrationen, die zum Theil über zwei Seiten weggehen. Was das Buch besonders werthvoll für die Kulturgeschichte macht, ist einerseits der reiche Inhalt, anderseits aber die genaue Datierung. Dasselbe enthält, unmittelbar an den trojanischen Krieg anschließend, als zweites Stück den Wilhelm von Orlens des Rudolf von Montfort, als drittes den Herzog Ernst und trägt am Schlusse die Worte: Schriptum et completum est per me Heinricum de Steynfurt, Clericum Osnaburgensum Anno domini M^occcc^oxlj^{mo} Sabbato ante festum Purificacionis gloriose virginis Marie. Deo gracias.
Wir haben also genaue Daten, welche sowohl nach Ort als Zeit Vieles feststellen lassen, was in anderen Darstellungen unbestimmt bleiben würde, und es ist deshalb ganz besonders gerechtfertigt, daß wir heute und später eine Reihe der Darstellungen aus diesem Bande veröffentlichen.
Die Illustrationen des Bandes begleiten nur die beiden ersten Stücke. Die phantastischen Erzählungen des dritten Stückes haben den Zeichner, der allen seinen Bildern Erscheinungen aus dem Leben zu Grunde gelegt hat, nicht gereizt. Die Zeichnungen sind leicht hingeworfen, aber feiner als im vorhin erwähnten Codex. Es sind meist sehr dünne, leichte Striche. Sicherheit der Hand bildet nicht des Künstlers vorzüglichste Begabung; denn eine gewisse Aengstlichkeit tritt in den feinen Strichen da und dort zu Tage. Er hat oft angesetzt, ohne große, lange Linien zu ziehen, manche Linie nochmals überzeichnet, da, wo sie krumm geworden, durch eine zweite daneben gestellte verbessert. Aber es ist auch hier keine Spur von Vorzeichnung mit Bleistift oder sonst einem vertilgbarem Materiale zu sehen. Der Illustrator hat offenbar die Sachen erst während des Aufzeichnens mit der Feder erdacht. Dadurch haben, trotz ängstlicher Kleinlichkeit der Linienführung in vielen Einzelheiten, die Bilder im Ganzen eine große Frische. Man sieht, daß die Unsicherheit nur die Führung der ersten Linien jeden Bildes beeinträchtigte. Sobald einmal etwas auf dem Papiere stand und der Künstler daran anknüpfen konnte, gieng das Weitere ihm leicht von der Hand; er zeichnete die eigenthümlichsten perspektivischen Verkürzungen des menschlichen Körpers mit Verständniß. Er brachte selbst da und dort trotz der Einfachheit der Behandlung, Gefühl und Harmonie in den Ausdruck der Gesichter wie in die Linienführung des Faltenwurfes. Aber der Strich bleibt immer dünn; wo er in einzelnen Bildern stärker auftritt, scheint der Grund mehr an stumpf gewordener Feder zu liegen, als an kräftigerer Führung derselben. Dagegen hat der Zeichner, wenn das Bild nach und nach entstanden war, die Schraffierung zu Hilfe genommen, um einzelne Flächen von einander abzuheben, oder eine Form, die durch die Zeichnung allein nicht genügend sich abgerundet hätte, noch mehr abzurunden. Auf die Zeichnung legte der Meister leichte Töne als Schattierung und Kolorierung, zunächst einen Tuschton, der die Tiefen und Theile der Färbung hervorheben mußte, wie die Streifung des Pelzes u. A., aber ziemlich leichthin aufgetragen ist. Ebenso leichthin aufgetragen, aber auch in ganz leichten, dünnen Tönen gehalten erscheint der Auftrag der übrigen Farben, ebenfalls wie eine Schattierung behandelt; nirgends ist auf den Figuren ein Lokalton der Gewänder oder dergl. angelegt, selbst nicht des Fleisches. Wie der graue Tuschton als Schattenton erscheint, so auch alle andern Farbtöne. Das lichte Blau deckt nur einen dünnen Schattenton auf die Tiefen der Falten eines blauen Kleides, ebenso das lichte Karminroth oder Gelb. Das oft vorkommende Eisen der Bewaffnung ist ebenfalls blau schattiert, wie die blauen Gewänder. Nur ein Olivgrün ist als Färbung der Masse sowohl für Bäume, als für den Boden benützt und tritt energischer auf, als alle andern Farbtöne. Wirklich energisch aber tritt der Zinnober bei dem vielen Blute auf, welches im trojanischen Kriege vergossen wird, zu dessen Anbringung aber der Künstler keiner Vorzeichnung mehr bedurfte, da es als letzte Vollendung zu den Bildern hinzutrat, nachdem er mittlerweile die Sicherheit gefunden, die ihm bei den ersten Linien der Zeichnung jedes Bildes fehlte.
Daß der Schreiber des Codex auch die Bilder gezeichnet hat, geht wol aus der eben angeführten Schlußschrift hervor; aber sie sind nicht mit dem Texte zugleich, mindestens nicht mit derselben Tinte, sondern mit einer verschieden stark verwendeten Tusche gezeichnet. Auch finden wir keinen Anhaltspunkt, daß sie vorher auf dem Papiere standen und der Text sich erst anschloß, vielmehr dürfte jedes Bild erst nach Fertigstellung des Textes der betreffenden Seite gezeichnet und koloriert worden sein.
Wenn auch die Erzählung einen ganz andern Wortlaut hat als im erstgenannten Codex, so sind doch die Scenen theilweise ganz ähnlich dargestellt, und ein Vergleich auch in dieser Richtung ist nicht ohne Interesse.
Heinrich von Steinfurt hat jener Scene, wie Ulisses den Achilles erkennt, zwei Bilder gewidmet. Im ersten ist er und Diomedes soeben angekommen. Ihr Schiff mit Waaren liegt am Ufer, und König Lycomedes kommt mit seinen Töchtern, unter denen Achilles verkleidet sich befindet. Wie hier bei uns, so geht auch im Original das Bild über zwei Seiten weg (Fig. 2, 3). Im folgenden, Fig. 4, ist der Krämer bei seiner Bude, und Achilles, durch kriegerische Musik angeregt, greift nach dem Harnisch.
Aber nicht nur der wandernde Kaufmann brachte Waaren zum Jahrmarkte. In den Städten selbst waren Kaufleute angesiedelt, in deren Gewölben die verschiedensten Waaren aufgestapelt lagen. Da mag der Künstler ähnliche Bilder gesehen haben, wie Fig. 5 ein solches darstellt, wenn die Jugend der Stadt, beiderlei Geschlechtes, sich Geschenke einkaufte. Allerdings ist hier die Scene anders gemeint. Die Paare sind nicht Liebespaare, wenn sie auch so erscheinen. Es ist die Theilung der trojanischen Beute dargestellt, und auch die Jungfrauen sind Beutestücke, welche den Helden zugetheilt werden, gleichwie das Geld, die Töpfe und Tücher, die Pokale und Kästchen. Mit solcher Beute wurde das Schiff beladen (Sp. 265 des vor. Jahrg.), das sie mit sammt dem Erworbenen in die Heimat zurücktragen soll.
Da wir noch eine Reihe von Bildern aus den beiden hier angeführten Codices zu veröffentlichen gedenken, so haben wir noch Gelegenheit, auf die Verwandtschaft, wie auf die Unterschiede der Kostüme und Waffen hinzuweisen von denen insbesondere letztere eine für die kurze Zeit, welche zwischen der Entstehung beider Bände liegt, höchst beträchtliche Entwicklung zeigen.
+Nürnberg.+ A. +Essenwein+.
Volksthümliches aus Niederösterreich.
1. Neujahrswunsch der Kinder.
I’ winsch ’n Hearn und dá Frau á glickseligs naichs (_neues_) Joar, ’s Christkindl mit ’n kraustn (_gelockten_) Hoar! á gsunds und á làngs Lebn und án Baitl voll Geld danebn; án goldán Tisch, áf jedn Egg án bràtná Fisch, in dá’ Mitt á Flàschn Wain, daß dá Hear und d’ Frau kinnán brav lustig sain.
2. Wunschsprüche der sog. Dreikönigssinger.
Drâ di’ mai, Sterndárl, drâ di’ fai schên,[36] wàs má’ den Haushearn winschn, soll fai gschêgn; miar winschn eam á schênes Haus, daß ear kànn schauen baim Fenster hinaus.
Drâ di’, mai Sterndárl, drâ di’ fai schên, wás má’ dá’ Hausfrau winschn, soll fai gschêgn; miar winschn iar án rôtn Rock, dear stêt wia-r-a Náglstock (_Nelkenstock_).
Drâ di’, mai Sterndárl, drâ di’ fai schên, wàs má’ da Hausdiarn winschn, soll fai gschêgn; miar winschn iar án rôtboartátn Mà, dear s’ alli Tàg nainmàl prigln kà.
+Stockerau+ in Niederösterreich. C. M. +Blaas+.
Verantwortliche Redaction: Dr. +A. Essenwein+. Dr. +G. K. Frommann+.
Verlag der literarisch-artistischen Anstalt des germanischen Museums in Nürnberg.
Gedruckt bei +U. E. Sebald+ in Nürnberg.
Mit einer Beilage.