Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit, 27. Band, 1880 Organ des Germanischen Museums
Part 33
Ein Theil der Ritter hat auch bereits das spitz zulaufende Visier, welches dem Gesichte die Gestalt eines Hundskopfes gibt, wie solcher Helme einige in Original erhalten geblieben sind und auf datierten Denkmälern in den letzten Jahren des 14. Jahrh. dargestellt werden. Wir verweisen auf die von uns veröffentlichte Abbildung des Georg Tumersdorfer vom Beginne des 15. Jahrh.[217] Die Zaddeln, die wir an den Haustrachten in diesem Bande finden, erscheinen auch bei der Tracht der vornehmen Krieger, der Könige, wieder, ebenso die Schellen. Auch sie weisen uns auf das Ende des 14. Jahrh. und den Anfang des fünfzehnten hin, zeigen aber, da hier das Gefolge sie nirgends trägt, daß sie ausschließlich noch den Spitzen der Gesellschaft angehören, daß hier also noch die Periode des ersten Auftretens gegeben ist. Ebenso liegt sicher die Periode des ersten Auftretens jener Plattenharnische für Brust und Rücken vor, die sich bei außerordentlich enger Taille stark über die Brust wölben, wie sie noch in der Mitte des 15. Jahrh. gebräuchlich sind (d, e), bei d bereits mit einer Art Kannelierung versehen. Das Vorkommen der Eisenhüte sei ebenfalls angedeutet. In einzelnen Fällen (g) sind die Krämpen stark nach vorn gezogen. Ein solcher ist sogar mit einem Federbusche besteckt. Die Helmform h dürfte wol in der Wirklichkeit kein Vorbild gehabt haben, sondern blos der Phantasie und flüchtigen Handhabung der Feder entsprossen sein. Im Hintergrunde der Darstellungen finden sich auch Kämpfer ohne Helm mit fliegenden Binden um den Kopf (i).
Die Schwerter haben den runden Knauf des 14. Jahrhunderts, lange etwas geschweifte Parierstangen und sind nicht besonders lang. Daneben kommen aber auch einschneidige, mehr oder weniger gekrümmte, theilweise sehr breite messerartige Schwerter vor. An besondere Landsmannschaft zu denken verbietet sich ebenso, wie etwa sie blos für die Bewaffnung der letzten Knechte zu halten, da sie auch von den im Vordergrunde Kämpfenden getragen werden. Bei c erscheint sogar die Schneide wellig, wie bei den Flammbergen der späteren Zeit. Die Sporen zeigen bereits Räder. Die Handschuhe haben noch durchaus die charakteristische Form des 14. Jahrhunderts. Nicht blos für die Bewaffnung, sondern auch für die Kampfesweise der Zeit ergeben sich noch interessante Anhaltspunkte. Die Pferde sind durchweg ungerüstet, doch wird nirgends auf den Bildern ein Angriff gegen die Pferde gemacht; dagegen sind dieselben von der Hitze des Kampfes mitergriffen, beißend dargestellt. Nur zum Theile werden sie am Zügel gehalten. Die Kämpfenden stehen mehr im Steigbügel, als sie auf dem Pferde sitzen. Für besondere Erhöhung des Sattels lassen sich jedoch Anhaltspunkte wegen der Linien der Röcke nicht finden. +Die Lanze fehlt im ernsten Kampfe gänzlich, ebenso trägt keiner der Kämpfenden einen Schild.+ Die ritterliche Kampfesweise der früheren Periode hat also einer neuen vollständig Platz gemacht. Man greift sich mit dem Schwerte an. Die mit der Lanzenspitze versehene Fahne wird aufrecht mit der linken Hand getragen. Statt der Waffen mit langer Stange erscheint aber sehr häufig der mit kurzer Stange versehene Hammer und das Beil zum Schlagen, beide, gleichwie das Schwert, meist mit einer Hand geführt. Ausnahmsweise wird jedoch das Schwert wie das Beil auch mit beiden Händen zu besonders wuchtigem Hiebe ausgeholt (k). Auch der mit Stacheln besetzte Kolben findet sich vom Ritter geführt (l); vielleicht dürfen wir in dieser Figur sogar den am Stiele beweglichen Drischel erkennen.
Stellen wir alle angeführten Eigenthümlichkeiten zusammen, so dürfen wir nicht annehmen, daß veraltete Bewaffnung zu lange vom unmittelbaren Gefolge der Fürsten geführt wurde, auch nicht, daß diese selbst mit neu aufgekommenen Elementen zu weit voraus waren. Es läßt sich also mit ziemlicher Sicherheit die Entstehungszeit des Codex in die Zeit um 1400, also die letzten Jahre des 14. oder die ersten des 15. Jahrh., verlegen.
IV.
Wenn der Band, in welchem die prosaische Bearbeitung des trojanischen Krieges enthalten ist, kein bestimmtes Datum trägt und nur aus allgemeinen Gründen, vorzugsweise wegen der in den Bildern gegebenen Bewaffnung, in die letzten Jahre des 14., spätestens in den Beginn des 15. Jahrh. verlegt werden muß, so kann der Codex 998, welcher gleichfalls einen trojanischen Krieg enthält und deshalb so viele Darstellungen von Kämpfen gibt, um so größeres Interesse auch für die Geschichte der Bewaffnung in Anspruch nehmen, als er genau datiert ist und einer Zeit angehört, in welcher sich in Folge der Hussitenkriege und der durch die Hussiten hervorgebrachten Aenderung der Taktik eine Aenderung der Bewaffnung vollzog. Ein direktes Bild gibt freilich davon unser Codex durchaus nicht. Wir sehen weder eine Wagenburg, noch sehen wir irgend welche Verwendung der Feuerwaffen. Sämmtliche Kämpfe, sowohl im trojanischen Kriege, als im Wilhelm von Orlens sind ausschließlich ritterliche Kämpfe. Aber es hatte sich die Bewaffnung der Ritter und wol auch theilweise ihre Kampfesweise geändert. Was uns zunächst die hier folgenden Abbildungen zeigen, ist die gänzlich geänderte Rüstung der Ritter. Der lederne Lendner ist verschwunden; der Mann ist beinahe durchgängig gänzlich in Eisen gerüstet, und nur ausnahmsweise erscheint noch Kettengeflecht oder ein Kleid aus Stoff, wol Wollenstoff, welches einzelne Theile des Körpers bedeckt. Wir geben auch aus diesem Bande eine Anzahl von Einzelfiguren in halber Originalgröße wieder. Nr. 1 ist die durch den ganzen Codex hindurchgehende Normalfigur eines Ritters. Wir haben aus den vielen Darstellungen absichtlich eine solche ausgewählt, in der sich der Ritter zu Fuße zeigt, um die Rüstung um so sicherer wiederzugeben. Es ist eine Scene aus der Zerstörung der Stadt Troja selbst, die wir hier vorführen und welche, abgesehen von dem Unbewaffneten, der dem Geschicke anheimfällt, das ihm die Einnahme und Zerstörung der Stadt bereitet, auch einen anderen (2) zeigt, bei welchem die Aermel, ebenso die Halsberge von Wollenstoff sind. Der Kämpfer 3 trägt eine kurze wollene Tunika, ob aber dieselbe die ganze Bedeckung des Mannes bildet, oder über dem Harnisch getragen wird, muß zweifelhaft bleiben; bei den wenigen ähnlichen Figuren des Codex scheint, selbst in Scenen, wo unbedingt nur Fürsten gemeint sein können, doch der Wollenstoff die einzige Rüstung. Bei 4 ist die wollene Halsberge mit einem Bunde aus ähnlichem Stoffe um das Haupt, welches mit der Beckenhaube bedeckt ist, zusammengesetzt. Die Aermel zeigen Schuppenwerk. Bei 6 und 8 hängt das Zaddelwerk und Fransen (?) der kurzen unter dem Harnisch getragenen Tunica (?) aus dem Unterrande der Eisenrüstung herab. Nr. 7 ist gänzlich in Kettengeflecht gekleidet; nur die Vorderarme sind mit Stulpen, die Brust mit einem Kürasse bedeckt. Die Hände sind meist unbedeckt, 8 trägt Lederhandschuhe, 4 und 5 eiserne, welche noch denen der vorigen Periode ähnlich, aber an der Innenseite der Hand offen und mit zwei Spangen zusammengehalten sind. Die Schuhe sind theils eiserne, theils aber auch lederne, da doch Wollenstoff bei ihnen wohl nicht gemeint sein kann.
Betrachten wir die Helme, so fehlt die spitze Beckenhaube mit Halsberge aus Ringgeflecht schon gänzlich. Aus ihr hat sich bereits der vollständige Visierhelm entwickelt (1, 5, 9, 13, 15, 17), der seinen eigenen, auf dem Harnische aufstehenden Schutz des Halses hat, wie der Stechhelm, der auch im Kampfe getragen wird (6, 9). Eigene, aus der Beckenhaube hervorgegangene Helmformen finden sich allerdings auch hier noch da und dort (10, 11, 12, 14). Wenn solche phantastische Formen nicht zu häufig vorkommen würden (auch Gemälde jener Zeit zeigen ja die sonderbarsten Helmformen), möchte man versucht sein, sie ins Gebiet der Künstlerphantasie zu verweisen, ebenso wie die oft eigenthümlichen Schulterbedeckungen (13). Dagegen ist der Eisenhut, mehr oder weniger hoch oder flach, in häufiger Verwendung (2, 7, 8, 16). Was die Angriffswaffen betrifft, so ist hier wiederum, im Gegensatze zu den Bildern des vorhin erwähnten Codex, der Speer in den Händen der Ritter (8) neben dem langen Schwerte (1, 2, 9) deren hauptsächlichste. Doch findet sich auch das kurze, einschneidige, messerartige Schwert (4, 5), und zwar wechselnd in den Händen derselben Leute, die durch ihre Helmzier als bestimmte Fürsten bezeichnet sind. Es findet sich nicht nur im trojanischen Kriege, sondern auch im Wilhelm von Orlens, so daß nicht etwa spezifisch orientalisches damit bezeichnet werden sollte. Ebenso findet sich der Dolch (11), der Morgenstern (3), die Hellebarte (10), der Bogen (7) und die Armbrust (16) in den Händen der kämpfenden Ritter. Einmal hat auch der Ritter einen kurzen Speer in der Rechten, welchen er horizontal nach dem Gegner wirft (15).
Daß man sich den Schutz der Rüstung nicht als einen absoluten dachte, geht daraus hervor, daß nicht blos durch Oeffnungen das Eisen Eingang findet, sondern auch Helme, Armschienen und Brustblech durchhauen und durchstochen werden. Selbst der von oben bis unten in zwei Hälften gespaltene findet sich, wobei die Rüstung ebenso sorgfältig durchhauen ist, als der Mann selbst. Der Schild fehlt auch hier im ernsten Kampfe durchgehends, während er im Turniere getragen wird; (vgl. Sp. 103 und 104).
+Nürnberg.+ A. +Essenwein+.
Das Salve Regina auf Taufbecken.[218]
Im allgemeinen waren es wol folgende drei Gründe, die Veranlassung gaben, das Salve Regina auf Taufbecken zu setzen:
1) Derartige Taufbecken waren zunächst für Marienkirchen bestimmt, und man wählte darum der Harmonie wegen gern eine Aufschrift, die, wie die ganze Kirche, in einer Beziehung zu Maria stand.
2) Die große Anzahl von Wörtern, aus denen das Salve Regina besteht, gab eine, der Größe und dem Umfang eines Taufbeckens entsprechende, willkommene Dekoration ab.
3) Das Salve Regina schließt eine Reihe von Gedanken in sich, die leicht mit dem Täufling und der Taufe in Beziehung gebracht werden können. Als die in Folge des Sündenfalles unserer Stammeltern aus dem Reiche der Gnade und Glorie verbannten (exules), in diesem Thale der Thränen seufzenden und weinenden (gementes et flentes in hac lacrymarum valle) Kinder der ersten Stammmutter Eva (filii Evae) werden die Täuflinge zum Taufbrunnen gebracht. Hier aber werden sie durch die Gnade der Wiedergeburt wie Kinder Gottes und Brüder und Miterben Christi, so auch Kinder der zweiten Eva, d. i. Kinder Mariä, Kinder derjenigen, die den „Urheber des Lebens“ der Gnade (vgl. Apg. 3, 15) geboren hat,[219] und die darum begrüßt wird als Regina, mater misericordiae, vita, dulcedo et spes nostra. Sie soll nun als die himmlische Schützerin und Schirmerin (advocata) und als die gütige, als die milde und süße Jungfrau Maria (clemens, pia, dulcis virgo Maria) ihre barmherzigen Augen auf den Täufling wenden (illos tuos misericordes oculos ad nos converte) und ihn so auf seinem Lebenswege schützen und schirmen, führen und leiten, daß er dereinst nach dieser Zeit der Verbannung aus dem himmlischen Vaterlande zur Anschauung ihres göttlichen Sohnes gelange (et Jesum benedictum fructum ventris tui nobis post hoc exilium ostende) und damit die ewige Vollendung und Erfüllung jener Gnade finde, die in der Taufe seiner Seele eingesenkt worden ist.
+Mainz.+ +Friedrich Schneider+.
Ein Breslauer Goldschmied im Dienste des Kurfürsten August von Sachsen.
Herr Dr. Wernicke hat jüngst im Anzeiger Nr. 6, Sp. 188 über den Breslauer Goldschmied +Tobias Wolff+ berichtet, welcher nach Akten des Dresdener Archivs im Januar 1574 nach Dresden berufen wurde, um Medaillen zu machen. Dies ist der „Meister Wolff in Breslau“, bisher unbekannten Vornamens, welcher nach Luchs (Zeitschrift für Geschichte und Alterthümer Schlesiens, 1863, S. 24) „im Jahre 1561 in Kunstangelegenheiten Rath ertheilte und an den Hof Georgs II. von Brieg berufen wurde.“
An diesen Tobias Wolff knüpft sich eine weitere Frage. Es gibt eine große Anzahl sächsischer Gußmedaillen, den Kurfürsten August, seine Verwandten und Umgebungen darstellend, aus den Jahren 1574, 1575 und den folgenden, welche das Monogramm [Monogramm: TW], also T. W. haben. Man schreibt sie allgemein einem Tobias Wost zu. Jener Breslauer heißt: Tobias Wolff, dieser: Tobias Wost; beide arbeiten in Dresden, beide in denselben Jahren; -- sind sie identisch? Der Name Tobias +Wolff+ ist sicher; denn er wird an zwei von einander unabhängigen Stellen genannt in den Dresdener Akten und als Meister Wolff in der von Luchs gegebenen Nachricht. Dagegen beruht der Name Tobias +Wost+, soviel mir bekannt ist, auf einer Nachricht in Tentzels Saxonia numismatica, linea Albertina, S. 158, wo gesagt wird, dieser Künstler habe auch eine Medaille mit seinem eigenen Bildniß gemacht; man möchte glauben, auch sein Name stehe darauf. Tentzel sagt aber, er verdanke diese Nachricht „Cl. Schlegelio“ (dem bekannten Chr. Schlegel). Daraus ergibt sich, daß Tentzel die Medaille nicht selber gesehen hat; und in der Liste sächsischer Medaillen in Erbstein’s numismatischen Bruchstücken I-III, S. 46 steht sie auch nicht. Darf man nun annehmen, daß Chr. Schlegel geirrt hat und daß Wolff statt Wost zu lesen ist? Die Herren Doctoren Erbstein in Dresden können hierüber den besten Aufschluß geben.
Die von Herrn Dr. Wernicke angeführte Berufung des Tobias Wolff spricht von „Possierung, Schneidung und Abgießung der Contrafacturen“ und deutet darin die Technik dieser Kunstart an: Das Modell des Bildnisses wurde nach dem Leben in Wachs oder in ähnlicher Masse bossiert; dies Modell wurde dann -- verkleinert, wenn es in größerem Maßstab war, als die Medaille werden sollte -- aus Speckstein oder Kelheimer Stein als Relief geschnitten, ebenso die Kehrseite; dann formte man beide vertieft ab und goß endlich in diesen Formen die Medaille und ciselierte sie.
Solche Arbeiten, sowohl Steinmodelle als Silbermedaillen, des T. W. sind zwar selten; aber sie kommen vor. Das Berliner Münzkabinet besitzt einige Modelle und nicht wenige Silbermedaillen von ihm. Nach den Dresdener Akten verfertigte er auch „etliche Contrafaituren der Päpste“; auch das Steinmodell zur Medaille eines Papstes habe ich gesehen, doch ohne sein Monogramm.
Die hier angeregte Frage nach dem wahren Namen des T. W. hat um so größeres Interesse, als die Künstler der zahlreichen und schönen deutschen Medaillen fast sämmtlich unbekannt sind; daher ist jede Nachricht erwünscht. Und nun ist gerade dieser T. W. unbedingt der beste Künstler seit der Epoche der meisterhaften Nürnberger Bildniß-Medaillen, welche etwa bis 1530 reicht. Seine zum Theil 5 und 6 Centimeter großen, meist kleineren Arbeiten sind außerordentlich schön, die Bildnisse voller Leben und Charakter, die Ausführung die vollendetste.
Der Mangel an Nachrichten über die deutschen Medaillenkünstler rührt daher, daß sie in ihrer Bescheidenheit ihre Namen nicht, ihre Monogramme selten auf ihre Werke setzten. Nur archivalische Quellen können diesem Mangel an Nachrichten abhelfen. Suchen lassen sich solche Nachrichten nicht; aber die Historiker, welche bei ihren Studien vereinzelte finden, sollten sie mittheilen. Herr Dr. Wernicke verdient unsern Dank, daß er dies gethan.
+Berlin.+ +Julius Friedlaender+.
Die musicierenden Engel von Virgil Solis.
Professor Dr. v. Sallet in Berlin macht uns darauf aufmerksam, daß die auf Sp. 179 des Anzeigers reproducierte Handzeichnung des Virgil Solis nicht ganz Original ist. Beide Engelfiguren, welche sich in solch entsprechender Weise gruppieren, sind zwei verschiedenen größeren Compositionen A. Dürers entnommen: der Engel mit der Laute dem Holzschnitte der hl. Familie (B. 97), jener mit der Trompete dem Holzschnitte Maria unter den Engeln (B. 101).
Ein neuer Beweis dafür, daß die Künstler jener Zeit ohne Rücksicht auf Autorrechte ihre Motive nahmen, wo sie solche in brauchbarer Weise fanden, und daß sie auch aus fremden Elementen hübsche und entsprechende eigene Kompositionen zu fertigen verstanden, sowie, daß insbesondere Dürer eine nie versiegende Quelle war, aus der viele schöpfen konnten, ein Fingerzeig aber auch, in welcher Weise wir heute Elemente wieder verwenden können, die von ihren ersten Erfindern in anderer Weise benützt worden waren, wenn wir eben das Verständniß eines Virgil Solis für dekorative Aufgaben mitbringen.
+Nürnberg.+ A. +Essenwein+.
Samuel Karoch.[220]
Im Jahrg. 1879 des Anzeigers, Sp. 47 habe ich bemerkt, daß auf der Gymn. Bibl. zu Gotha sich noch ein unbekanntes Sendschreiben dieses merkwürdigen Autors befinde. Nachdem ich nun oben, Sp. 185 ff. seine Leipziger Bettelrede mitgetheilt hatte, schien es mir doch rathsam zu sein, auch diesen Beitrag zu seiner Biographie noch heranzuziehen. Der Direktor der herzogl. Sammlungen, Herr Dr. J. Marquardt, übersandte mir freundlichst die Handschrift auf meine Bitte und zugleich auch das Programm des Gymnasiums von 1860, in welchem H. Habich den manchfaltigen Inhalt derselben genau beschrieben hat.
Einen Theil hat der Besitzer selbst geschrieben, der sich auf dem vorderen Deckblatt Johannes Scentgreff nennt; fol. 251: „Finis libri Senece quatuor virtutum. Scriptum per me Jo. Zentgreff a. d. 1463“; fol. 262 v.: „Finis hujus per me J. Z. a. d. 1497.“
Auf fol. 57 steht nach Samuels bekanntem Dialog inter virum, adolescentem et virginem, mit feiner Glossenschrift, aber großer, starker Ueberschrift: „Dictamen Samuelis ex Lichtenburgk australi in quo procedi docet amantes“, die bekannte Barbaralexis bei Zarncke, Univ. S. 84, Hoffmann, In dulci jubilo, n. 39. Neben vielen Fehlern finden sich auch Verbesserungen; so am Schluß der 4. Strophe (wo auch neyder statt eiferer steht): „ich hoff dastu hunc cognoscas ritum.“ ferner 7, 8: „nym sie vor des Keyssers guth.“ -- 8, 7 finden wir das für Samuel charakteristische Ast statt ac. -- Während nun Habich dieses Stück übergangen hat, erwähnt er das am Ende stehende Sendschreiben, als dessen Uebersetzer sich Samuel nennt. Es sieht sauber und deutlich geschrieben aus; aber bei der Lesung findet man alsbald eine Fülle der unsinnigsten Fehler; der Schreiber scheint kein Wort verstanden zu haben, und einmal läßt er eine Lücke, hat also eine schwer lesbare Vorlage gehabt. Seine Hand ist von der Zentgrefs verschieden. Der Inhalt, die Schilderung der Leiden der fahrenden Schüler, gewährt uns freilich über Samuels Person keine weitere Auskunft, ist aber als Seitenstück zu Th. Platters Selbstbiographie nicht ohne Werth, wenn auch etwas unflätig, wie das von unserm Samuel nicht anders zu erwarten war. Einer philologischen Behandlung aber ist der Text nicht werth; ich habe stillschweigend zahllose Fehler verbessert, wo mir die Emendation gesichert schien, an anderen Stellen freilich mich mit einem sic! begnügen müssen; doch ist der Sinn überall deutlich genug. Zusätze stehen in eckigen Klammern, da die runden vom Autor selbst häufig angewandt werden.
Die mit sehr zierlicher, ganz kleiner Schrift geschriebenen Glossen lehren uns, wie gewöhnlich, wenig; sie fehlen, wo es einer Erklärung dringend bedarf, und sind nur am Anfang zahlreich. Aber sie zeigen uns recht anschaulich, daß auch solche Stücke damals akademisch commentiert wurden, und wie kläglicher Art ein solcher Commentar war. Darum mögen auch sie geduldet werden; ohne Zusammenhang mit dem Text steht gegen das Ende von der Hand des Abschreibers: „Anno 1502 in penthecoste Sueinfordie ceciderunt irundines multe et moriebantur. videbatur circulus circumdans solem.“
Epistola[221] missiva atque petitoria omnes pene scolarium miserias lucide declarans, de beano fetido ad suum patrem rusticum, quam Samuel ex Monte rutilo in latinum transformavit.
~dem gutichen~ Humano viro Petro Cnaner genitori sibi charissimo Joannes Cnaner S. d.