Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit, 27. Band, 1880 Organ des Germanischen Museums

Part 21

Chapter 213,483 wordsPublic domain

Prof. +Mommsen+ hat die Bearbeitung von _Jordanis Romana_ und _Getica_ vollendet, und die der kleinen Chroniken des 5.-7. Jahrhunderts begonnen. Der Druck des _Jordanis_ und ebenso der der von Dr. +Leo+ in Bonn bearbeiteten _Carmina_ des _Fortunat_ wird im Lauf des Jahres vollendet; angefangen der des _Avitus_ von Dr. +Peiper+ in Breslau und der des _Symmachus_ von Dr. +Seeck+. Die Arbeiten für _Ausonius_, _Cassiodor_ und _Sidonius_ wurden fortgesetzt, die Ausgabe des _Ennodius_ übernahm +Dr. Vogel+ in Ansbach.

In der Abtheilung der _Scriptores_ sind die Arbeiten hauptsächlich auf die Weiterführung von Tomus XXV und XIII gerichtet gewesen. An jenem haben sich die ständigen Mitarbeiter +Dr. Heller+ und Dr. +Holder-Egger+ lebhaft betheiligt; der erste hat den umfangreichen _Aegidius_ von Lüttich mit mehreren Anhängen, die Genealogie der Herzoge von Brabant, die dem _Balduin_ von Avesnes zugeschriebene französisch abgefaßte Chronik von Hennegau, sowie die _Genter_ Chronik des _J. von Thilrode_, dieser die _Chronica principum Saxoniae_, die des _Balduin_ von Ninove und _Sifrid_ von Balnhausen bearbeitet. Für das Buch des _Christian_ von Mainz _De calamitate ecclesiae Moguntinae_ konnte der Herausgeber Archivar +Reimer+ in Marburg freilich nur neuere Handschriften benutzen, aber unter ihnen die lange verschollene Trefflers in Cheltenham und eine andere in Upsala. Eine österreichische metrische Chronik edierte Prof. +Wattenbach+, die Geschichte des _Richerus_ von Senonnes, andere von Villers in Brabant, Rastede, Kremsmünster und mehrere kleinere Stücke der Leiter der Abtheilung. Derselbe hat einen größern Theil des 13. Bandes übernommen, der, soweit er gedruckt ist, Nachträge zu den Annalen der karolingischen, sächsischen und fränkischen Periode, außerdem zum ersten Mal vollständig die _Annales necrologici Fuldenses_ aus Handschriften zu Rom, Fulda und München bringt, sowie reiche Auszüge aus den angelsächsischen und englischen Geschichtsquellen, diese bearbeitet von Prof. +Pauli+ in Göttingen und Dr. +Liebermann+. Für die Fortsetzung des Bandes sind auch Prof. +Schum+ in Halle, +Dr. Simonsfeld+ in München thätig; jener fand eine bisher unbekannte Handschrift des _Chronicon Magdeburgense_ in der fürstlich Metternichschen Bibliothek auf Schloß Königswart.

In der oben erwähnten neuen Ausgabe der _Chronica regia Coloniensis_ ist vereinigt, was in drei Bänden der _Scriptores_ nur nach und nach veröffentlicht werden konnte, der Text des ältern Theils, auf Grund der Handschriften in Wien, Wolfenbüttel, Rom und Brüssel kritisch festgestellt, außerdem eine Reihe von Denkmälern hinzugefügt, die entweder als Quellen der _Chronica_ in Betracht kommen, oder zur Erläuterung der Kölner Geschichte dienen, darunter eine ungedruckte Fortsetzung des _Martinus_, aus einer in Polen in Privatbesitz befindlichen Handschrift abgeschrieben von Prof. +Arndt+.

Die Vorarbeiten sowohl für den 26. wie für den 15. Band sind lebhaft fortgesetzt. Für diesen hat Professor +Thaner+ wichtiges handschriftliches Material in Admont gefunden. Dr. +Krusch+ hat die Ausgabe des sogenannten _Fredegar_ nahezu vollendet; Dr. +Lichtenstein+ arbeitete in Wien, Admont und Berlin, wohin die Stockholmer Handschrift gesandt ward, für _Ottokars_ steirische Reimchronik.

In der Abtheilung _Leges_ ist die neue Ausgabe der fränkischen Capitularien von Prof. +Boretius+ in Halle so weit vorgeschritten, daß der Anfang des Druckes im Laufe des Jahres stattfinden kann. Dasselbe gilt von den fränkischen Formelsammlungen, deren Bearbeitung Dr. +Zeumer+ nahezu vollendet hat. Für die Edition der fränkischen Concilien hat Prof. +Maassen+ in Wien die beiden alten, früher dem _Collegium Claromontanum_ angehörigen Handschriften in Cheltenham verglichen.

Die neue Bearbeitung von Band II der _Leges_ ist, nachdem Prof. +Lörsch+ zurückgetreten, von Prof. +L. Weiland+ in Gießen, dem langjährigen ständigen Mitarbeiter der _Monumenta_, übernommen.

Die Ausgabe der _Acta imperii saeculi_ XIII. _inedita_, die Hofrath Prof. +Winkelmann+ in Heidelberg aus seinen, Hofrath +Fickers+ in Innsbruck und den Sammlungen der _Monumenta_ veranstaltet hat, ist bis auf die Register im Druck vollendet und bietet ein reiches Material zur Geschichte jener Zeit, besonders Friedrichs II. Es sind, von einigen Nachträgen abgesehen, über 1000 Nummern zusammengebracht: 1-580 _Acta regum et imperatorum_, 581-756 _Acta ad imperium et regnum Siciliae spectantia_, 757-1001 _Acta Sicula (Registrum Friderici II Massiliense; Formulae magnae curiae; Statuta officiorum)_. Der stattliche Band wird in einigen Wochen veröffentlicht werden.

Daran wird sich, in mancher Beziehung ergänzend, anschließen die Ausgabe der von +G. H. Pertz+ aus den Vaticanischen Regesten gemachten Abschriften in der Abtheilung _Epistolae_, unter Prof. +Wattenbachs+ Leitung besorgt von +Dr. Rodenberg+. Der erste Band, der die Zeit Honorius III. umfassen soll, ist so weit vorgeschritten, daß der Druck noch im Laufe des Sommers beginnen kann.

Prof. +Dümmler+ in Halle hat in der Abtheilung _Antiquitates_ den Druck der Sammlung karolingischer Gedichte begonnen. Daneben wird der Anfang mit der Bearbeitung der wichtigen Nekrologien gemacht in der Weise, daß die vor 1300 begonnenen vollständig mitgetheilt werden sollen; die Ausgabe wird sich an die Diöcesen anschließen und mit den alamannischen beginnen, die +Dr. Baumann+ in Donaueschingen übernommen hat.

Mit besonderem Dank ist der mannigfachen Förderung zu gedenken, welche die Behörden und Vorsteher von Archiven und Bibliotheken fortwährend den Arbeiten durch Mittheilung von Handschriften haben zutheil werden lassen.

Verantwortliche Redaction: Dr. +A. Essenwein+. Dr. +G. K. Frommann+.

Verlag der literarisch-artistischen Anstalt des germanischen Museums in Nürnberg.

Gedruckt bei +U. E. Sebald+ in Nürnberg.

ANZEIGER

FÜR KUNDE DER DEUTSCHEN VORZEIT.

Neue Folge. Siebenundzwanzigster Jahrgang.

=Nürnberg.= Das Abonnement des Blattes, welches alle Monate erscheint, wird ganzjährig angenommen und beträgt nach der neuesten Postconvention bei allen Postämtern und Buchhandlungen _Deutschlands_ incl. Oesterreichs 3 fl. 36 kr. im 24 fl.-Fuss oder 6 _M._

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Alle für das german. Museum bestimmten Sendungen auf dem Wege des Buchhandels werden durch den Commissionär der literar.-artist. Anstalt des Museums, +F. A. Brockhaus+ in Leipzig, befördert.

ORGAN DES GERMANISCHEN MUSEUMS.

1880. Nº 6. Juni.

Wissenschaftliche Mittheilungen.

Aus Münchener Handschriften.

Woll awff schuler yn dy taffern, Aurora lucis rutilat. Lieber gesell, ich trunck alzo gern, Sicut cervus desiderat. Vnß ist ein voll vaß auffgetan Jam lucis orto sydere. Ich wayß chain peßern auff meinen wan A solis orto cardine. Lieber wyrt, gib unß den wein, Te deprecamur supplices. Laß vnß trincken vnd froͤlich sein, Criste qui lux es et dies. Gib vns deines brotts ein krost, Exaudi preces supplicum. Wyr haben geliden gar grossen durst, Agrescit omne seculum. Er warff das glaß an dy wanth: Procul recedant sompnia. Der dich hab gemacht, der werd czw schant Per infinita secula. Trinck aus der kandel, das ist dein früm: Inpleta gaudent viscera. Mein hercz meint, es sey ein am[119] Quis audivit talia? Raych vnß den würffel auff den tisch, Ex more docti mistico. Dy sagen wer da schuldig ist: Jubilemus dolio. Reich mir dy kappen, ich wil beczalen[120] Te lucis ante terminum. Ich wyl haim gan geld holen: Numquam reuertar in perpetuum.

Cod. lat. 15613, saec. XV. (aus Rot), fol. 319.

O socie care, si vis in Suevia stare, Hec tria sunt que sunt contraria tibi: Puelle formose, studium valde dolose, Swartz brot, saur wein, lang quoque weyl. Panis est niger, in quo stecken die groben cleyen. Hospicia sunt cara, cum hoc valde amara. Hec sont in Suevia: si non vis credere, tempta.

Cod. lat. 19657, saec. XV. (aus Tegernsee), f. 87.

Auch die reizende Klage des Hasen, welche Maßmann in Mone’s Anz. 4, 184 aus Husemanns Sammlung mitgetheilt hat, findet sich im Cod. lat. 16515 aus S. Zeno bei Reichenhall, f. 182, weniger vollständig, aber doch auch wieder mit einem neuen, freilich sehr seltsamen Verse. Es lautet hier:

Flevit lepus parvulus, clamans altis vocibus: Quid feci hominibus, quod me secuntur canibus? Nec in orto perveni neque caules comedi, Nec reginam supposui neque habere volui. Domus mea silvus (sic) est, lectus meus rubus est, Leves pedes habeo, caudam parvam habeo.

+Berlin.+ W. +Wattenbach+.

Feldarbeit und Spinnen im 14. Jahrhundert.

Die hier wiedergegebene Abbildung zeigt uns einen Mann, mit der Hacke das Erdreich lockernd, der bei nackten Beinen nur mit der Tunica bekleidet ist, die er des bequemeren Arbeitens wegen aufgeschürzt hat. Bei ihm sitzt eine Frau in der Haustracht, mit der Spindel spinnend, während sie den Hanf an einer Kunkel befestigt hat, die auf einem Fußgestelle neben ihr steht. Zu ihren Füßen liegt ein Kind in der Wiege. Die Tracht der Frau zeigt, daß wir es keineswegs mit Leuten der untersten Volksschichten zu thun haben, auch die Tunica des Mannes, welche ihrer Länge wegen geschürzt werden mußte, zeigt den Mann besserer Stände, der sein eigen Gartenland bearbeitet und es sich bequem gemacht hat. Die Scene stellt Adam und Eva nach der Austreibung aus dem Paradiese dar und ist einer Reihe von Bildern auf Pergament gemalt entnommen, welche ehemals den Kopf jeder Seite eines sorgfältig illustrierten Speculum humanae salvationis bildeten, bei denen jedoch der Text durchweg abgeschnitten ist. Die Folge trägt die Nummer 5970 der Bibliothek des germanischen Museums und gehört dem 14. Jahrhundert an.

+Nürnberg.+ A. +Essenwein+.

Der Marktplatz einer Stadt.

+Federzeichnung aus der Zeit+ um 1500.

Unter den Handzeichnungen des germanischen Museums befindet sich auch als Nummer 52 die hier wiedergegebene Federzeichnung aus dem Schlusse des 15. Jahrhunderts, welche uns ein sehr ansprechendes Bild aus dem Leben einer Stadt zeigt. Besonders fällt uns der würdevoll einherschreitende Mann im Vordergrunde auf, dem ein Junge das große Schwert nachträgt.

Leider ist das mit einem Dache versehene Fuhrwerk zu flüchtig gezeichnet, so daß wir es dahin gestellt sein lassen müssen, ob wir recht haben, darin eine große Büchse zu sehen, die dort bereit steht, jedem der Stadt etwa drohenden Feinde entgegengeführt zu werden. (Die Perspektive ist wohl verstanden). Daß einzelne Häuser etwas schief stehen, kann ebensowohl Folge der Flüchtigkeit des Zeichners sein, als es der Natur entnommen sein kann.

+Nürnberg.+ A. +Essenwein+.

Vorlage für ein Glasgemälde vom Beginne des 16. Jahrhunderts.

Unter den Handzeichnungen des Museums befindet sich als Nummer 5 die Vorlage für ein Glasgemälde, das Wappen des Kaisers darstellend, welche in A. Dürer’s Weise gezeichnet ist. Das Blatt ist rings um nach dem Kreise des Randes ausgeschnitten, so daß das Monogramm, welches Dürer selbst jedenfalls auf dem Blatte angebracht hatte, wenn es von ihm herrührte, abgeschnitten ist. Wenn aber auch das Blatt deshalb nicht, ohne Anfechtung befürchten zu müssen, des Meisters Namen beanspruchen darf, so ist es doch eben so schön erdacht, als vorzüglich heraldisch gezeichnet und deshalb auch heute noch eine vorzügliche Vorlage, für welche uns wohl einer oder der andere Freund dieses Blattes dankbar sein dürfte, der etwa eine bunte Scheibe in sein Fenster einfügen lassen möchte. Der Durchmesser des Originals beträgt 29,7 cm., welches Maß auch ungefähr jenes des Glasgemäldes selbst gewesen sein dürfte, das wohl auf keinen Fall größer als 30 cm. werden sollte.

+Nürnberg.+ A. +Essenwein+.

Musicierende Engel von Virgil Solis.

Ein Blättchen, mit der Feder in lichtem Roth und Grün gezeichnet, Nr. 77 der Handzeichnungen des germanischen Museums, trägt das Monogramm des Virgil Solis und die Jahrzahl 1562. Es ist ein höchst liebenswürdiges Bildchen, diese zwei kleinen, im Grase sitzenden, geflügelten Knaben, welches allerdings in der schwarzen Wiedergabe, die auf photographisch-chemischem Wege erfolgt ist, in einzelnen Theilen sich härter darstellt, als in dem lichten, die Körperfarbe gut wiedergebenden Roth, das aber, gleich den vielen Stichen, des Meisters Begabung für dekorative kleine Werke erkennen läßt.

+Nürnberg.+ A. +Essenwein+.

Ein poetischer Fluch.

In einem handschriftlichen Kalendar aus dem 15. Jahrhundert, das sich in der bischöfl. Seminarsbibliothek zu Brixen befindet, stehen am unteren Rande des vorderen Deckelblattes nachfolgende Verse. Die Verszeilen sind nicht abgesetzt. Jemand, der am Inhalte Anstoß nahm, hat das Ganze durchstrichen, wodurch das Lesen der ohnehin ziemlich flüchtigen Schrift sehr erschwert wird. Der Verfasser ist unbekannt.

er hat sein zunge geweczet[121] meine veinde auf mich geheczet[122] wider got hazzet er mich herre selbe tue dein gericht[123] brich im seine tag abe ain ander seinen reichtum habe ain witwe werd sein weip[124] in sünden sterbe sein leip seine chind werden waisen vnd komen nymer aus fraysen sein gewin ain ander vberhant der nem im leip[125] leut vnd lant zu seiner zcswen[126] seiten ste der teufl zu allen zeiten der luft im veind werde verslinden müz in die erde zu einem fluch werd ihm sein gebet . . . er . . . . .[127]

+Innsbruck.+ +Oswald Zingerle+.

Lieder aus der Zeit der Türkenkriege.

Was ich in Folgendem mittheilen will, sind „Vier schoͤne neue Weltliche Lieder / das Erste: Jaͤgerl bist drina / komb a kleine Weil heraus / etc. Das Ander: Still / still hoͤrts mir a wenck zue / ich bin a Bayrischer Bue / etc. Das Dritte: Gruͤß dich Thomerl / Veilt[128], Hießl seyts mir alle Gott etc. Das Vierdte: Wer da / wer da / wer kombt vor die Zelten zur Nacht / etc. Jedes in seiner eignen Melodey zu singen. Gedruckt in disem Jahr“.

So lautet der Titel der zwei unpaginierten Doppelblätter in Kleinoctav, welche mir vor einiger Zeit im Archive der Familie von Kripp unterkamen. Sie mögen wol selten geworden sein und schon darum eines neuen Abdruckes nicht unwerth. Ditfurth („die histor. Volkslieder des österreich. Heeres v. 1638-1849“ und: „die histor. Volkslieder des bayer. Heeres v. 1620-1870“) hat sie nicht gekannt.

Der Verfasser dieser Lieder ist unbekannt, und es wäre wol eitle Mühe, demselben nachzuforschen; jedenfalls war er ein Bayer. Den Druckort zu bestimmen, würde eine Vergleichung der Typen, sowie der Titel- und Schlußvignetten mit anderen Druckwerken jener Zeit, die etwa aus bayerischen Offizinen hevorgegangen sind, ermöglichen; doch will ich hier nur die wichtigere Frage um die Zeit der Entstehung, resp. des Druckes, zu erledigen suchen, was in diesem Falle nicht schwer ist. Schon ein flüchtiger Blick zeigt, daß wir es mit der Zeit der Feldzüge Prinz Eugens gegen die Türken zu thun haben. Dem gewaltigen Feldherren galten sie zwar nicht in erster Linie, sondern dem „großen und kleinen Bue“ des Kurfürsten Max Emanuel oder, besser gesagt, dem „Churprinzen“; aber Eugen wird zum öftern, immer mit größter Begeisterung, genannt, und im ersten Liede ist unter dem „Prinzen“ stets er zu verstehen. Der Kurprinz Karl Albrecht ist es also, der im Vordergrund steht.

Am 29. November 1716 hatte Max Emanuel an Eugen ein Schreiben gesandt, worin er diesen zu den Erfolgen des abgelaufenen Feldzuges beglückwünschte und zugleich die Bitte stellte, er möchte seinen Söhnen beim Kaiser die Erlaubniß, nach Wien zu kommen, erwirken, damit sie sich für die „empfangenen Gnaden und gute Erziehung“ bei Karl VI. persönlich bedanken könnten. Der Wunsch wurde ihnen gewährt, und auf ihre Aufnahme in der „Wiener-Stadt“ beziehen sich vielleicht die letzten Zeilen von II, 4. Mit dem kaiserlichen Heere zogen die beiden Prinzen dann nach Ungarn, um sich, wie andere Fürstensöhne, die der glänzende Stern Eugens angelockt hatte, am Kampfe gegen die Türken zu betheiligen. Ihrem tapferen Benehmen wird in vorliegenden Gedichten das wärmste Lob zu Theil.

Bemerken wir noch, daß es I, 5 heißt: „fertn[129] habs gseha zu Peterwardein,“ -- diese Schlacht fand am 5. August 1716 statt -- so ergibt sich als Abfassungszeit das Jahr 1717 oder bestimmter, da Belgrad nach I, 6 und III, 5 schon in den Händen Eugens war, die Zeit nach dem 22. Aug. d. J. Bald nachher müssen diese Lieder ihrem ganzen Charakter nach erschienen sein.

Neben den genannten hervorragenden Persönlichkeiten wird noch Alexander v. Würtemberg I, 3 erwähnt, der im vorhergehenden Jahre als kaiserl. Feldmarschall in der Schlacht zu Peterwardein und darauf bei der Einnahme von Temesvar Treffliches geleistet hatte; III, 3 bezieht sich auf dessen Theilnahme am Kampfe um Belgrad, in welchem er die Infanterie im Centrum befehligte. Die Erstürmung dieser Festung durch Max Emanuel als Oberkommandierenden des kaiserl. Heeres war am 15. August 1688 erfolgt.

Das letzte Lied nun schlägt in jeder Beziehung einen ganz andern Ton an. Da erscheint plötzlich gewaffnet Cupido, der mit seinen Pfeilen eine Schildwache attaquiert. Nächst dem ersten scheint mir dies das gelungenste zu sein. Zum Titel muß ich noch bemerken, daß die Melodie dem Texte nicht beigesetzt ist.

Das erste Lied.

1) Jaͤgerl bist drina / mein[130] komb a kleine Weil heraus / thue dich nit lang bsinna gengma[131] ins Wirthshauß / trinck ma beym Adler / sauffen dort / ist nur glei a Freud / trinck ma a Maͤßl / vergeht uns (_die_) Zeit.

2) Meinthalbn kombst glei recht / hab zu dir hinunter woͤlln gehn / han dich wol gseha beym Thomerl stehn: Bue du kanst loͤsen/ es hat unser Peta Steffel / Muͤllna Bue / aus Ungarn gschriba / was sagst du darzue.

3) Was werd ich sagn / schreibt halt daß unser Printz der Held / und Alexander vorm Jahr im Feld / so tapffer gfochten: das wißma ohn alles schreibn schon / das Printz Eugeni ein tapffrer Mann.

4) Was mainst mein Brueda / ich denckma offt haimbla bey der Nacht / daß halt so graußla[132] muß seyn bey der Schlacht / ich waiß wies zugeht / wann die Baurnbuebn raffa[133] mit einand / ich kam vor Schroͤcka glei von Verstand.

5) Namla[134] ists graußla / schlagn da wie der Donner alle drein / fertn habs gseha zu Peterwardein / hoier wirds erst stincken / wann die Roßschwaiff her hencken / bitt umb Gnad / bleib da Strick / Tuͤrck dir / und uns Belgrad.

6) Jaͤgerl geh bring maß[135] / gsunds Printzen[136] / alle Herren Officier / es leben die Reuta / und Musgatier / es sieg Eugeni / (got) staͤrck seine Waffen / es gruͤne seine Treu / Belgrad lebt nun von Türcken frey.

Das ander Lied.

1) Still / still hoͤrts mir a wenck zue / ich bin a Bayrischer Bue / wists was ich will handthiern / ich will ins Feld marschiern / und will in Ungarland / gleich zur Hand / mein Gluͤck probiern.

2) Ich bin allein nit allhier / seynd etli tausend bey mir: unsers Chufuͤrsten Bue / der Groß / der Klein darzue / haben sich ghalten doll[137] / uͤberall / gschlagen braff zue.

3) Frisch auf du Bayrischer Bue / sprechma der Kandl jetzt zue / ihr Bayrn unverzagt / der Printz hats schon gewagt / Er steht bey der Armee / kleinen Weeg / von Belgrad.

4) Er hat nit vil Mann verlohrn / heist das die Tuͤrcken nit gschorn / ihr Bayrn renoviert/ das Lob so euch gebuͤhrt das ihr in Wienner-Stadt / in der That / habt meritirt.

5) Ains haͤtt mi nambla bald gschroͤckt / d’Hoͤppin[138] fieng’s zannen[139] an / und mi kambs a bald an / afft kam der Richter her / ungefehr / redt mich scharff an.

6) Frisch auf du Bayrischer Mann / rauffen mir’s[140] Doͤrffl zusamb / streiten vors Oesterreich / Gott geb ein guten Streich / es lebt der Teutschen Muth / Bayren-Blut / keiner nicht weich.

7) Es leb der Kayser der Held / all Officier in dem Feld / Granadier / Musgatier / Dragoner / Kuͤrraßier / Crepier der Tuͤrcken-Hund / Groß-Sultan / und Groß-Vezier.

Das dritte Lied.

1) Gruͤß dich Thomerl / Veitl / Hießl seyts mir all Gott willkomb / han enck[141] was z’sprocha[142] vons Bayr-Fuͤrsten Sohn / von unsern Chur-Printzen / wie daß er so stattla in dem Feld / mitn Tuͤrcken gschlagen / wie a tapffrer Held.

2) Bubma er grad[143] halt sein Vatter uͤberall schier nach: der Maxl Emanuel auf mein Ayd sag[144] / a junger Schißling thut sich so fruͤhzeitla ohni[145] wagn / den Tuͤrckn Gotts-jaͤmmerlich den Gruͤndt abzwagn[146].

3) Der Printz Eugeni deß Kaysers liebster General / unsern Chur-Printzen anfuͤhrt uͤberall / hat muͤssn helffa dem Alexander Stadt bombardiern / aufs schoissen / fechten sich exerciern.

4) Glei wie sein Vatta allzeit / ja a maͤchtiger Mann / Belgrad mit Stuͤrmen eingnommen schon / wann Gott das Leben dem Chur-Printzen lange Jahr verleicht / sein Vatta Maxl kein Haar nit weicht.

5) Juhe ihr Buebma jetzt gehn ma alle mit einand / jeder sein Treinerl[147] fuͤhr bey der Hand / wollma was wagn / weil ma gwunna Belgrad und Schlacht / last uns flangiern Tag und Nacht.

6) Blaßl thue Pfeiffen / Schalmay und Ditl-Dudl-Sack / mach auf mein Leib-Stuͤckl / Veitl gib den Dack / hab noch zwey Landmuͤntz / auf zwey gute Maß Bier / gsund unsers Chur-Printzen/ gilt mir und dir.

Das vierdte Lied.

1) Wer da / wer da / wer kombt vor die Zelten zur Nacht? weist nicht daß loschiret / Amor guberniret / allda allda.

2) Gut Freund / gut Freund / das kanst du wol sehen weil ich klein / Cupido der Kleine / gewaffnet alleine / solt seyn / solt seyn.

3) Nein nein / nein nein / gewaffnet laß ich niemands ein: thue dich nur weck trollen / sonst kombt die Patrollen / schlagt drein / schlagt drein.

4) Ja ja / ja ja / ich dich sambt den deinen nit acht / ich will dich durchkeulen / mit meinen Liebs-Pfeilen / bist schwach / bist schwach.

5) Ach weh / ach weh / ich Schildwacht verwundet hier steh / Cupido der Kleine / gewaffnet alleine / ich geh / ich geh.

6) Kein Gwalt / kein Gwalt / Cupido Liebs-Pfeilen aufhalt: So last uns dann loben / Cupido erhoben / durch Berg und durch Thal.

Ende.

+Innsbruck.+ +Oswald Zingerle+.

Samuel Karoch.

Die Handschrift der großh. Bibliothek in Weimar Q 108 (nicht 103), auf Papier natürlich, wie alle dergleichen Manuscripte, aus welcher wir in Nr. 5 des Jahrgangs 1879 die Verse des Heinrich von Mellerstadt über den Erfurter Brand mittheilten, enthält den buntgemischten Inhalt so vieler humanistischer Handschriften des 15. Jahrhunderts, in welcher auch die Ueberlieferung des Mittelalters noch nicht verschmäht wird, da eine scharfe Sonderung noch gar nicht eingetreten ist. Vorne eingeschrieben ist ein Inhaltsverzeichniß von dem Besitzer: „Apicius (?) Sifridi me possidet justo titulo.“ Zwischen den hier verzeichneten einzelnen Stücken sind aber nachträglich verschiedene Eintragungen gemacht, einzelne auch vielleicht nur als unbedeutend im Verzeichniß übergangen.

Auf fol. 246 ist in lateinischer und deutscher Sprache die bekannte Bulle des Papstes Innocenz VIII. vom 28. Juli 1490 eingetragen, durch welche die sogenannten Butterpfennige für den Bau der Elbbrücke bei Torgau bewilligt wurden, d. h. der Ertrag der Gelder, gegen deren Erlegung der Genuß der Butter in den Fasten gestattet wurde, weil doch in Sachsen der Oelbaum nicht gedeihe.