Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit, 27. Band, 1880 Organ des Germanischen Museums
Part 1
####################################################################
Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1880 erschienenen Ausgabe der Zeitschrift so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Zeichensetzung und offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche sowie inkonsistente Schreibweisen wurden beibehalten, insbesondere wenn diese in der damaligen Zeit üblich waren oder im Text mehrfach auftreten. Historische Zitate sowie fremdsprachliche Passagen wurden nicht verändert.
Im Originaltext wird die Kombination ‚ſs‘ (ſ: ‚langes s‘) meist für das Schriftzeichen ‚ß‘ (Eszett, scharfes s) verwendet; dieses Zeichen wird in historischen Zitaten aber auch direkt verwendet. Die Buchstabenkombination ‚ſs‘ wird im vorliegenden Text durchgehend durch ‚ß‘ ersetzt, wobei darauf hingewisen werden muss, dass die Verwendung des Eszett teilweise stark von dessen heutigem Gebrauch abweicht. Umlaute in Großbuchstaben werden im laufenden Text umschrieben (Ae, Oe, Ue), mit Ausnahme des Titelkopfs der Zeitschrift.
Das im alphabetischen Register angeführte 'Statut der Kürschnerzunft zu Brunneck' ist im Jahrgang 1880 nicht vorhanden. Im Beitrag 'Zur mittellateinischen Spruchpoesie', II. Teil (Juli 1880; Sp. 215) ist die Zeilennummerierung inkonsistent, oder es fehlt im Originaltext eine Zeile. Da die Fehlerquelle nicht bestimmt werden konnte, wurde die (falsche) Nummerierung beibehalten.
Für die von der Normalschrift abweichenden Schriftschnitte wurden die folgenden Sonderzeichen verwendet:
kursiv: _Unterstriche_ fett: =Gleichheitszeichen= gesperrt: +Pluszeichen+ kleinere Schrift: ~Tilden~
Das Caret-Symbol (^) steht für nachfolgende hochgestellte Zeichen; mehrere hochgestellte Zeichen werden mit Hilfe geschweifter Klammern gruppiert. Im Original werden einige bildhafte Symbole verwendet, die mit Textzeichen nicht dargestellt werden können. Diese wurden hier möglichst sinnvoll umschrieben (z.B. [Pfund]).
####################################################################
ANZEIGER
FÜR KUNDE DER DEUTSCHEN VORZEIT.
Neue Folge.
ORGAN DES GERMANISCHEN MUSEUMS.
Siebenundzwanzigster Band.
Jahrgang 1880.
+Nürnberg+, im Verlag der literarisch-artistischen Anstalt des germanischen Museums.
Redaction des Anzeigers.
+August Essenwein+, Dr. phil., I. Direktor des germanischen Museums.
+Georg Karl Frommann+, Dr. phil., II. Direktor und Vorstand der Bibliothek.
Beiträge
zu vorliegendem Bande haben geliefert:
_Baist_, G., Dr. philos., in Döckingen.
_Bezold_, F. v., Dr., Privatdozent, in München.
_Bischoff_, Bruno, in Prag.
_Blaas_, C. M., Gymnasialprofessor, in Stockerau (Niederösterreich).
_Bösch_, Hans, Sekretär des german. Museums.
_Eye_, August von, Dr., in Berlin.
_Franck_, Joh., Dr., Subrektor, in Edenkoben.
_Friedländer_, Julius, Direktor des kgl. Münzkabinets in Berlin.
_Gebert_, C. F., Numismatiker, in Nürnberg.
_Göcke_, R., Dr. philos., in Schleswig.
_Gradl_, Heinrich, städt. Archivar, in Eger.
_Hach_, Th., Dr. jur., in München.
_Häser_, H., Dr., Prof., geh. Medizinalrath, in Breslau.
_Hohenlohe-Waldenburg_, Fürst Friedrich Karl, Durchl., in Kupferzell.
_Hövel_, Freih. v., Premier-Lieutenant im k. Jäger-Bataillon 8, in Zabern.
_Huemer_, Joh., Dr., k. k. Gymnasiallehrer, in Wien.
_Jacobs_, Ed., Dr., gräfl. Stolberg’scher Bibliothekar und Archivar in Wernigerode.
_Joachim_, Dr., Archivsekretär, in Idstein.
_Loose_, Wilh., Dr., Rektor der Realschule in Meißen.
_Mörath_, A., fürstl. Archivassessor, in Schloß Schwarzenberg.
_Mummenhoff_, Ernst, Sekretär am k. Kreisarchiv zu Nürnberg.
_Rübsam_, Joseph, Dr., k. Gymnasiallehrer, in Fulda.
_Schepß_, Dr., k. Studienlehrer, in Würzburg.
_Schneider_, Friedrich, Dompräbendat, in Mainz.
_Schultz_, Alwin, Dr., Professor an der Universität zu Breslau.
_Teutsch_, G. D., Dr., Superintendent der ev. Landeskirche A. B., in Hermannstadt.
_Thomas_, G. M., Dr., Univers.-Prof. u. Oberbibliothekar, in München.
_Wattenbach_, W., Dr., Professor an der Universität zu Berlin.
_Wernicke_, Ewald, Dr., k. Waisenhauslehrer, in Bunzlau.
_Wernicke_, E., Oberpfarrer, in Loburg.
_Zingerle_, Oswald, Dr. philos., in Innsbruck.
Alphabetisches Register
zum
siebenundzwanzigsten Bande des Anzeigers für Kunde der deutschen Vorzeit.
I. Aufsätze und Notizen.
_Aberglauben_, alter: Beitrag 143 ff.
_Archiv_, Egerer: aus demselben 143 ff.
_Aurifaber_, Johannes, s. Briefe.
_Basel_, s. Handschriften.
_Baugeschichte_ des Schlosses in Cassel: Beitrag 115.
_Begräbniß_ (m. Abb.) 151 f.
_Behaim_, Paulus, s. Briefe.
_Beiträge_ aus dem germ. Museum zur Geschichte der Bewaffnung, im Mittelalter (m. Abbild.) 205 ff. 237 ff. 269 ff. 325 ff.
_Bewaffnung_ im Mittelalter, s. Beiträge.
_Bilder_ aus dem bürgerlichen Haushalte des 14.-15. Jahrh. (m. Abb.) 1 ff.
_Bote_, s. Jüngling.
_Brandenburg_: Friedrich der Aeltere, Markgraf, s. Schreiben.
_Brandenburg a. H._: Dom, s. Inventarium.
_Breslau_, s. Goldschmied; s. Heinrich.
_Bretten_, s. Hündlein.
_Briefe_, drei, des Johannes Aurifaber an den Rathsherrn Paulus Behaim in Nürnberg 208 ff. 242 ff.
_Bruchstück_ eines mittelhochdeutschen Messgebetes 306 f. 340.
_Brunneck_, s. Statut.
_Cassel_: Schloß, s. Baugeschichte.
_Cronnoch_, (Kranach, Kronach), s. Sunder.
_Dejanira_, s. Herkules.
_Eger_, s. Archiv.
_Engel_, musicierende, von Virgil Solis (m. Abb.) 179. 282.
_Entwurf_ eines Pokales mit Deckel aus der Mitte des 16. Jahrh. (m. Abb.) 15.
_Extract_ Schreiben aus dem kays. feltlager bey Ofen, den 16. July 1684. 15 f.
_Fakultät_, juristische, in Leipzig, verurtheilt eine Kuh zum Tode. 102.
_Feldarbeit_ und Spinnen im 14. Jahrh. (m. Abb.) 175 f.
_Fluch_, ein poetischer 179 f.
_Freiberg_, s. Hilger.
_Glasgemälde_, s. Vorlage.
_Glockeninschrift_. 305 f.
_Glockeninschrift_ aus einem latein. Hymnus des Mittelalters 117 ff.
_Goldschmied_, ein Breslauer, im Dienste des Kurfürsten August von Sachsen 188. 281 f.
_Goldschmiedearbeiten_, s. Handzeichnungen.
_Haushalt_, bürgerlicher, s. Bilder.
_Handschriften_, Baseler: aus dens. 137 ff.
_Handschriften_, Münchener: aus denselben. 173 ff.
_Handzeichnungen_, alte, von Goldschmiedearbeiten im germanischen Museum (m. Abb.) 291 f. 301 f.
_Hechlingen_, s. Rechtsalterthum.
_Heinrich_, Gerhard, von Amsterdam, Bildhauer in Breslau 302 ff.
_Herkules_, Nessus u. Dejanira (m. Abb.) 73 f.
_Hilger_, Gießerfamilie in Freiberg: zur Geschichte ders. 252.
_Hilger_, Meister Oswald, v. Freiberg 331 f.
_Hofjuwelier_, ein verschollener des 17. Jahrh. 111 ff.
_Hündlein_ von Bretten 332 ff.
_Initial_ vom 11. Jahrh. (m. Abb.) 68 f.
_Instrumente_, musikalische: zur Geschichte derselben (m. Abb.) 140 ff.
_Inventar_ eines Würzburger Domherrnhofes v. J. 1557. 32 ff. 65 ff.
_Inventarium_ der Gerkammer des Domes zu Brandenburg a. H. 336 ff. 373 ff.
_Jagdscene_ des 14.-15. Jahrh. (m. Abb.) 139 f.
_Jäger_ vom Schlusse des 15. Jahrh. (m. Abb.) 149 f.
_Jahrmarktsbuden_ u. Kramläden des 15. Jahrh. (m. Abb.) 37 ff.
_Judas_ Ischarioth in lateinischen Versen 114.
_Judasaustreiben_ 304 f.
_Jüngling_, ein vornehmer, zu Pferd und ein Bote (m. Abb.) 75 ff.
_Karoch_, Samuel 184 f. 283 ff. 308.
_Kramläden_ des 15. Jahrh., s. Jahrmarktsbuden.
_Kuh_, zum Tode verurtheilt, s. Fakultät.
_Kunstgeschichte_ des 14. Jahrh.: Beitrag 339.
_Kupferstich_, (fingierter) 13 f.
_Kürschnerzunft_, s. Statut.
_Leipzig_, s. Fakultät.
_Liebespaar_ (m. Abb.) 71 ff.
_Lieder_ aus der Zeit der Türkenkriege 180 ff.
_Luther_: Katechismus, s. Tischgebete.
_Manuscriptenschatz_ der Grafen von Sayn 145 ff.
_Marktplatz_ einer Stadt (m. Abb.) 176.
_Messgebet_, mittelhochdeutsches, s. Bruchstück.
_Monumenta_ Zollerana: Bitte um Beiträge zu dens. 267 f.
_München_, s. Handschriften.
_Museum_, german., s. Beiträge; s. Bilder; s. Goldschmiedearbeiten.
_Nessus_, s. Herkules.
_Niederösterreich_, s. Regenbogenschüsselchen; s. Volksthümliches.
_Nürnberg_, s. Briefe; s. Schreiben.
_Ofen_: Feldlager, s. Extract.
_Parte-Zettel_, ältester 143.
_Planeten_, die sieben: Darstellungen ders. vom Beginne des 16. Jahrh. (m. Abb.) 356 ff.
_Pokal_, s. Entwurf.
_Rechtsalterthum_, Hechlinger 377 f.
_Regenbogenschüsselchen_ in Niederösterreich 148 ff.
_Rieter_, Sebald, zu Nürnberg, s. Schreiben.
_Ritterspiele_ (m. Abb.) 102 ff.
_Runkelstein_ 116 f.
_Sachsen_: Kurfürst August, s. Goldschmied.
_Salve Regina_ auf Taufbecken 279 ff.
_Sayn_, Grafen von, s. Manuscriptenschatz.
_Schlesien_, s. Schreibersprüche.
_Schreiben_ Markgraf Friedrichs des Aeltern von Brandenburg an Sebald Rieter zu Nürnberg 11.
_Schreibersprüche_, schlesische 306.
_Schwangau_, Margareta von, Gemahlin Oswalds von Wolkenstein 75 ff. 97 ff.
_Siegelabbildung_, unrichtige (m. Abb.) 11 ff.
_Siegelbild_ u. Wappenbild 219 f.
_Solis_, Virgil, s. Engel.
_Spinnen_, s. Feldarbeit.
_Sprüche_ aus Stammbüchern des 16. u. 17. Jahrh. 339 f. 378 ff.
_Spruchpoesie_, mittellateinische: Beiträge, 210 ff. 292.
_Stammbücher_, s. Sprüche.
_Statut_ der Kürschnerzunft zu Brunneck.
_Stoß_, Florian und Andreas. 330 f.
_Stoß_, Veit: zur Familiengeschichte dess. 307 f.
_Studentenkämpfe_ im 15. Jahrh. 108 ff.
_Sunder_, Hans, von Cronnoch 331.
_Taufbecken_, s. Salve regina.
_Tischgebete_ in Luthers Katechismus 7 ff.
_Türkenkriege_, s. Lieder.
_Vermählung_, israelitische (m. Abb.) 119 f.
_Volksthümliches_ aus Niederösterreich 48.
_Vorlage_ für ein Glasgemälde vom Beginne des 16. Jahrhdts. (m. Abb.) 177 f.
_Wappenbild_, s. Siegelbild.
_Wecken_, die heraldischen (m. Abb.) 248 ff.
_Weisthum_ vom Jahre 1479. 9 ff.
_Wolkenstein_, Oswald v., s. Schwangau.
_Wundermenschen_ (m. Abb.) 70 ff.
_Würzburg_: Domherrnhof, s. Inventar.
II. Literatur-Anzeigen.
_Bockenheimer_, K. G., Mainz und Umgebung. 230.
_Bücher_, die vier, von der Nachfolge Christi. Aus dem Lateinischen ... neu übersetzt von Pater Cölestin Wolfsgruber. 61 f.
_Eye_, A. v., u. P. E. _Börner_, die Kunstsammlung von Eugen Felix in Leipzig. 230.
_Göcking_, H. v., Geschichte des Nassauischen Wappens. 230 f.
_Gruppe X_ der Mustersammlung des Bayer. Gewerbemuseums zu Nürnberg: Arbeiten aus Metall mit den Rohprodukten und Werkzeugen. 61.
_Jahresbericht_ der Geschichtswissenschaft. Herausgegeben von Dr. +F. Abraham+, Dr. +J. Hermann+, Dr. +Edm. Meyer+. 197 ff.
_Lammert_, G., Dr., Zur Geschichte des bürgerlichen Lebens und der öffentlichen Gesundheitspflege, sowie insbesondere der Sanitätsanstalten in Süddeutschland. 199.
_Lehfeldt_, Dr. Paul, die Holzbaukunst. 164 f.
_Lotz_, die Baudenkmäler im Regierungsbezirk Wiesbaden. Herausgegeben von +Friedr. Schneider+. 229 f.
_Mayerfels_, Dr. Karl Ritter von, der Wittelsbacher Stamm-, Haus- und Geschlechtswappen. 231.
_Oppre_, Frau Anna, das neue Kochbuch für das deutsche Haus. 61 f.
_Quellen_ zur Geschichte Siebenbürgens aus sächs. Archiven. I. Bd., 1. Abth. 392.
_Rohlfs_, Heinrich, die medizinischen Classiker Deutschlands. 165.
_Röhricht_, Reinh., u. Heinr. _Meisner_, deutsche Pilgerreisen nach dem heil. Lande. 350 ff.
_Schauß_, Dr. Emil v., historischer und beschreibender Katalog der königlich Bayerischen Schatzkammer zu München. 58 ff.
_Schultz_, Alwin, das höfische Leben zur Zeit der Minnesänger. I. Bd, 92. II. Bd. 392 f.
_Warnecke_, F., heraldisches Handbuch. 130 f.
_Weerth_, Ernst aus’m, Wandmalereien des christlichen Mittelalters in den Rheinlanden. 128 ff.
ANZEIGER
FÜR KUNDE DER DEUTSCHEN VORZEIT.
Neue Folge. Siebenundzwanzigster Jahrgang.
=Nürnberg.= Das Abonnement des Blattes, welches alle Monate erscheint, wird ganzjährig angenommen und beträgt nach der neuesten Postconvention bei allen Postämtern und Buchhandlungen _Deutschlands_ incl. Oesterreichs 3 fl. 36 kr. im 24 fl.-Fuss oder 6 _M._
Für _Frankreich_ abonniert man in Paris bei der deutschen Buchhandlung von F. Klincksieck, Nr. 11 rue de Lille; für _England_ bei Williams & Norgate, 14 Henrietta-Street Covent-Garden in London; für _Nord-Amerika_ bei den Postämtern Bremen und Hamburg.
Alle für das german. Museum bestimmten Sendungen auf dem Wege des Buchhandels werden durch den Commissionär der literar.-artist. Anstalt des Museums, +F. A. Brockhaus+ in Leipzig, befördert.
ORGAN DES GERMANISCHEN MUSEUMS.
1880. Nº 1. Januar.
Wissenschaftliche Mittheilungen.
Bilder aus dem bürgerlichen Haushalte des 14.-15. Jahrhunderts.
Die Bibliothek des germanischen Museums enthält unter Nr. 7121 ein hebräisches Pergamentmanuscript von 42 Blättern, welches reich mit Illustrationen versehen ist, die, mit Tinte gezeichnet, mit Lokaltönen koloriert unter seltener Anwendung von Schattierung, dagegen reich mit Gold und Silber ausgestattet, die breiten unteren und die ähnlich breiten äußeren Seitenränder der Blätter ausfüllen, theilweise ganze Seiten bedecken. Die Schrift ist mit äußerster Sorgfalt hergestellt, theilweise mit Ueberschriften in Gold und Farbe geziert. Die Illustrationen haben das Mißgeschick erlitten, daß später in ziemlich derber Weise die Konturen mit schwarzer Farbe nachgefahren, auch einige Schattierungen in Schwarz angegeben wurden, wodurch die Malereien, die ursprünglich auf die feinste Miniaturausführung angelegt worden sein mögen, roh geworden und nicht mehr der sorgfältigen Durchführung der Schrift ebenbürtig sind. Dabei läßt sich auch nicht mehr feststellen, ob allenthalben die ehemalige Vorzeichnung genau beibehalten ist. Diese Frage ist für die Zeitbestimmung der Malereien aber wichtig. Ein zur Zeit hier sich aufhaltender Hebraist, Herr Epstein, behauptet, daß das Buch den Schriftzügen nach nicht später entstanden sein könne, als im 13. Jahrh. Auch zeigt sich da und dort in der Ornamentik der romanische Stil mit Entschiedenheit festgehalten, während der Hauptsache nach doch schon der gothische in seiner früheren Ausbildung erscheint. Einzelheiten aber, insbesondere die Bewaffnung, gehören so entschieden der zweiten Hälfte des 15. Jahrh. an, daß nur die Annahme der späteren Ueberarbeitung es möglich erscheinen läßt, an eine frühere Entstehung der Illustrationen zu denken. Ohne solche müßte das Buch in die Zeit von etwa 1480-1500 gesetzt werden. Und doch wäre es kaum denkbar, daß so viele Ueberbleibsel der früheren Zeit sich finden sollten, wenn das ganze Werk erst so spät entstanden wäre. Freilich, in welchen Kreisen ist es entstanden? Welchen Kreisen der Gesellschaft sind die Vorbilder entnommen, nach denen der Maler sich richtete? Da tritt uns denn auch ein Zwiespalt entgegen. Man wird naturgemäß zuerst an einen Juden als Maler denken, wie ja wohl nur ein Jude als Schreiber anzunehmen und die Verbindung zwischen der Miniaturmalerei und der Schreibkunst eine so natürliche ist, daß wir recht wohl auch dem israelitischen Schreiber selbst die Kunst des Zeichnens und Kolorierens zutrauen müssen. Daß ein Israelite die Bilder gezeichnet, wird nach der Ansicht des Herrn Epstein noch wahrscheinlicher durch die Thatsache, daß die Bilder einzelne, dem Talmud entnommene Züge wiedergeben, die zwar an den Text anschließen, aber in demselben nicht enthalten sind, so daß wir den Maler von jüdischer Gelehrsamkeit beeinflußt sehen. Aber er war auch von christlichen Bildern so weit beeinflußt, daß theilweise seine Orthodoxie Schaden gelitten hat. Die Engel z. B. stellt er ganz in christlicher Weise, ohne Rücksicht auf israelitische Traditionen, dar. Im Stile der Zeichnung, in der Art der Behandlung zeigt sich kein Unterschied von christlichen Malereien. War er also auch Jude, so stand er nicht isoliert; er hatte seine geistige Verbindung mit der christlichen Kunst. Daß natürlich in einem Werke, das für einen jüdischen Besitzer hergestellt wurde, die Juden nicht in der von der christlichen Kunst ihnen zugewiesenen typischen Kleidung mit dem bekannten Spitzhute dargestellt sind, daß sie vielmehr ein allgemeines, auch von den Christen getragenes Zeitkostüm tragen, ist nicht zu verwundern. Aber, wenn der Maler Jude war und deshalb vielleicht, wie sich auch in anderen hebräischen Manuscripten findet, einzelne ältere, in der hebräischen Schule zurückgebliebene Motive gewohnheitsgemäß noch später verwenden konnte, als sie in der christlichen Kunst heimisch blieben, so ist doch wiederum nicht zu denken, daß die Juden, wo sie keine spezifische Judentracht tragen mußten, eine hundert Jahre ältere Tracht getragen hätten. Gerade, weil sie ein Zeitkostüm tragen, kann es nur das Kostüm der Zeit der Entstehung des Werkes sein. Und da haben wir so viele Anknüpfungspunkte an den Schluß des 14. und Beginn des 15. Jahrhunderts, daß wir die Entstehung eben jener Zeit zuweisen müssen.
Diese Vorbemerkung schien uns nöthig, um unsere Zeitbestimmung zu rechtfertigen, nachdem wir schon auf Sp. 268 des vorigen Jahrganges auf das Buch hingewiesen und in Fig. 1 eine Anzahl Figuren abgebildet haben.
Was nun den Inhalt betrifft, so enthält die Schrift Gebete und Betrachtungen biblischer Erzählungen, insbesondere für Festzeiten, die bei verschiedenen Gelegenheiten, theilweise beim Mahle selbst, verlesen wurden, so daß das Buch noch Reste von Speisen an Flecken mancher Blätter aufzuweisen hat. Die Illustrationen stellen nun die biblischen Erzählungen dar, die, gleichwie bei der christlichen Kunst, in das Zeitkostüm eingekleidet sind und eine ganze Reihe von Scenen aus dem Leben wiedergeben, wie es sich vor den Augen des Malers, vor den Augen der Andächtigen abspielte, die das Buch lasen.
Es würde sicher für das Studium der historischen Entwickelung von israelitischer Gelehrsamkeit von Interesse sein, den ganzen Codex publiciert und erklärt zu sehen. Wir greifen inzwischen Einiges heraus, was uns das Leben im Hause, in Küche und Keller vor Augen führt, soweit die stark mitgenommenen Bilder sich überhaupt wiedergeben lassen. Dies ist leider bezüglich des ersten Blattes, eines der interessantesten, nicht mehr der Fall. Den Anfang des Buches (von rückwärts) bildet nämlich die Herstellung der ungesäuerten Brote, und als erstes Bild sehen wir, eine ganze Seite füllend, die Windmühle dargestellt, zu welcher ein Esel mit Getreidesäcken geführt wird. Es ist aber derart beschmutzt und verwischt, daß nur eben noch ein Schein desselben vorhanden ist und eine Wiedergabe uns nicht räthlich erschien; die folgende Seite zeigt in 7 Gruppen, von denen wir hier 5 wiedergeben (Fig. 1-5) den Brunnen, von welchem das Wasser genommen wird, und das Tragen des Wassers (1) oben, wobei das Wasser in den Gefäßen vergoldet ist, wol um anzudeuten, daß es kein gewöhnliches Wasser sei; das Herbeitragen (2) und Oeffnen des Mehlsackes unten, die Bereitung des Teiges in 3 Gruppen in der Mitte (3-5). Es sind die Sack- und Wasserträger, wie sie damals ihre Dienste für jedermann ausübten, in dessen Hause sie dienten; es ist die Hausfrau, wie sie ihr Mehl in die Schüssel füllt und ihren Teig knetet; eben so sah eine christliche Hausfrau aus, wenn sie Dampfnudeln buk, wie die Jüdin, welche ihr Osterbrot bereitete.
Auch der Backofen auf der folgenden Seite (Fig. 6) sah wol allenthalben so aus, ob das schwarze Hausbrot, ob die Osterbrote darin gebacken wurden. Auch mögen christliche Knaben eben so frisches Brot oder Anderes genascht haben, wenn die Mutter eine besondere Speise aus dem Backofen brachte, wie hier die beiden, denen die Mutter das Verbot des verfrühten Genusses von Osterbrot einschärft.
Wiederholt finden wir die Gesellschaft bei Speise und Trank am Tische. Wir können aber nicht alles wiedergeben; doch sind wir es wol unsern Lesern schuldig, denselben die Darstellung einer Köchin zu geben, die auf freiem Feuer in einer Nische des geplatteten Bodens einen Topf stehen hat, bei welchem sie, der Hitze wegen möglichst entfernt, mit vorgebundener Schürze steht und mit dem Kochlöffel rührt, während ein anderer Topf am Haken von oben herabhängt (Fig. 7).
Zur Speise fehlt der Wein nicht. Im Keller wird er (Fig. 8) aus dem Hahn des Fasses in einen großen Krug gefüllt.
Wie sehr der Maler das Genrehafte liebte, geht daraus hervor, daß er auch als Kellerscene auf einem anderen Blatte eine Katze dargestellt hat, welche die reichlich vorhandenen Mäuse fängt. Wir werden nächstens noch andere interessante Darstellungen aus diesem Codex bringen.
+Nürnberg.+ A. +Essenwein+.
=Die Tischgebete in Luthers Katechismus.=
In Nr. 10, Sp. 288 ff. des Anzeigers v. J. wünscht Johannes Müller Auskunft über den Ursprung jener Tischgebete zu erhalten, welche Luther seinem Katechismus beigegeben hat. Zunächst wird ganz zutreffend die Vermuthung ausgesprochen, daß die fraglichen Gebetsformeln nicht, wie allen Zeugnißen entgegen mehrfach konnte behauptet werden, „Luthers eigenste Produkte“, sondern daß dieselben „älteren Datums“ und „alte in Klöstern oder Gelehrtenschulen angewendete Formeln“ seien. Dem humanistischen Juristen Marschalk, der diese Tischgebete seinem Hülfsbuche für den griechischen Unterricht beifügte, kommt kein anderes Verdienst zu, als daß er die in aller Mund lebenden Gebete ins Griechische übertrug, um den Schülern mit dem geläufigen Inhalte die Ausdrucksweise in der fremden Sprache leichter beizubringen[1].
Dem a. a. O. bereits erbrachten Nachweise, daß die fraglichen Gebete schon vier Jahre vor der Drucklegung des Lutherschen Katechismus in dem Laienbüchlein von 1525 in deutscher Sprache vorkommen, ist hinzuzufügen, daß u. a. das zwischen 1471-1494 zuerst gedruckte und dann wiederholt aufgelegte Volksbuch „+Kerstenspiegel+“ von Dietrich von Münster diese Tischgebete bereits enthält. Die Amsterdamer Ausgabe (s. a.), betitelt: „Den kersten spiegel van broeder Diederick van Munster“, gibt dieselben also: „F II ad calcem: Hier na volcht die duytsche benedictie | die men overtafelen lesen sal. | Ghebenedijt den heere... O heere gebenedijt ons ende dijn gaven die wij | van dijn miltheyt sullen in nemen etc. -- Die gracie volghet hier na | De tali convivio | Laet ons den here dancken van dese | maeltijt. Godt danchen wij. Wij | dancken dij o here Jhesu Christe voor alle | die weldaden die leves en̄ regneers Godt | inder ewicheijt. Amen. Laudate dominum etc.“
Offenbar gehörten diese Gebete zur Reihe jener auf Glauben und christliches Leben sich beziehenden Stücke, welche während des Mittelalters Gemeingut des Volkes waren und darum die weiteste Verbreitung hatten. Ursprünglich jedoch gehören sie zu den liturgischen Gebeten und finden sich als solche in der Sprache der Kirche, in lateinischer Faßung in den liturgischen Formularien des Mittelalters; sie lassen sich Jahrhunderte hinauf verfolgen. Es mögen einige, eben zur Hand stehende Belege hier Platz finden.