Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit (1868) Neue Folge. Fünfzehnter Band.
Part 48
Die Entwickelung der Buchschrift, die innere Ausstattung der Bücher durch Miniaturen und Initialen ist längst erkannt und festgestellt. Es handelte sich also hier keineswegs um neue Entdeckungen; doch ist es stets von höchster Wichtigkeit, nicht blos einen Kunstzweig vereinzelt in seiner Entwicklung zu verfolgen, sondern auch zwischen der Fortbildung einzelner Kunstzweige Parallelen zu ziehen. So war es von hohem Interesse, neben der Entwicklung des Emails auch die der Miniaturmalerei im gleichen Zeitraum vor Augen zu haben; abgesehen aber davon haben, einzelne an und für sich einen hohen Werth. Dieser zeigte sich in erster Linie an dem Evangelienbuch aus Echternach in der Gothaer Bibliothek, dem Weihgeschenke Kaiser Otto’s III. und seiner Mutter Theophania. In höchst kostbarer Ausstattung und von wunderbarer Erhaltung zeigt es die vier Evangelien, in Goldbuchstaben geschrieben, mit vielen Initialen; den Anfang jedes Evangeliums zeichnen einige interessante, besonders reich durch Malerei geschmückte Blätter aus, die theils ornamental mit einzelnen eingeflochtenen allegorischen Figuren, theils figural gehalten sind. Die ganze heilige Geschichte läuft jedoch in einer Reihe von Blättern fort und ist nicht an die Erzählungsfolge gebunden, wie sie im Texte erscheint: Nichtsdestoweniger ist die Folge der Blätter in vier Theile getrennt, von denen jedem Evangelium einer vorgeheftet ist, ohne Rücksicht darauf, ob das betreffende Evangelium gerade diese Erzählungen enthält oder nicht. Nachklänge der Antike finden sich noch in diesen Malereien, wie sie sich in den byzantinischen Miniaturen, woran die vorliegenden anschließen, in ununterbrochener Folge erhalten und fortgebildet haben. Ein zweites Manuscript aus Echternach, vom 12. Jahrhundert, mit späteren Zusätzen, zeigte hübsche Miniaturen der älteren Periode, daneben schöne Federzeichnungen des 13.-14. Jahrhunderts. An eine Reihe von Evangelien, Lectionarien, Brevieren, Vulgaten u. A., vom 10.-15. Jahrh., aus der Dombibliothek zu Trier, dem Archiv zu Düsseldorf und aus Privatbesitz, wozu besonders Herr H. Garthe aus Köln sehr werthvolles Material beigesteuert, konnte man die alten Studien neu auffrischen und mit Vergnügen in kostbaren Exemplaren die Geschichte der Miniaturmalerei verfolgen. Des Inhaltes wegen erwähnen wir hier noch einen Tractatus de virtutibus et viciis, 13. Jhdt., einen schön ausgestatteten astronomischen Tractat des 13. Jahrh., das Cartular des Erzbischofs Balduin von Trier mit den interessanten Miniaturen und Federzeichungen, welche die Wahl, Krönung, den Römerzug und Tod Kaiser Heinrich’s VII. darstellen, sowie eine Matrikel der Universität Köln vom 14.-18. Jahrh., die, mit Ausnahme des Balduineums, im Besitze des Herrn H. Garthe in Köln sich befinden.
Wir können hier unsern Lesern kein vollständiges Verzeichniß geben, ja selbst auf manche sehr wichtige und interessante Werke nicht eingehen; wir hatten nur die Absicht, hervorzuheben, von welcher Bedeutung die Ausstellung war, die aus jeder Zeitperiode und von jedem Gebiete etwas Wichtiges vorgeführt hat. Wir schließen mit dem früher schon ausgesprochenen Wunsche, daß ähnliche Ausstellungen recht häufig im Interesse des Studiums veranstaltet werden möchten. Es gibt keine öffentliche Sammlung, die in der Lage wäre, alle kunstgeschichtlich wichtigen Stücke, oder auch nur so viele vorzuführen, daß wir die ganze Kunst- und Kulturgeschichte in ihren Werken ersten Ranges studieren könnten. Die meisten Sammlungen bestehen der Mehrzahl nach aus keineswegs unwichtigen, aber jenen ausgezeichneten Werken gegenüber doch immer untergeordneten Gegenständen, und das Studium der Kunstgeschichte, das sich ausschließlich auf eine einzelne solcher Sammlungen gründete, würde ein falsches Resultat ergeben. Die Zerstreuung dieser höchst bedeutenden Werke, läßt das Wichtigste für das Studium, die unmittelbare Vergleichung, nicht zu, und so bedarf die Wissenschaft derartiger Ausstellungen, die das sonst zerstreute Material zeitweise neben einander bringt.
+Nürnberg.+ +A. Essenwein.+
Archäologische Funde in Böhmen.
(Mit einer Tafel Abbildungen.)
Im Anschlusse an meine, nun schon seit Jahren in diesen Blättern fortgesetzten Mittheilungen über archäologische Funde in Böhmen gebe ich hier wieder nähere Details über einige Funde, die mir theils durch Autopsie, theils durch schriftliche Berichte von Alterthumsfreunden, mit denen ich in Verbindung stehe, bekannt wurden. Auch diesmal wieder habe ich mehrere Funde aus jenem reichen Gebiete zwischen Erzgebirge, Eger und Elbe, dem sogenannten Flachland des Saazer und Leitmeritzer Kreises, zu berichten.
+Brüx, Stadt in Böhmen, an der Biela.+ Nach einer mir vom dortigen städtischen Herrn Rentmeister Cori, einem wackeren Alterthumsfreunde, zugegangenen Mittheilung wurden in der nächsten Nähe der Stadt Brüx im Jahre 1865 zwei Gräber mit Steinobjekten entdeckt. Das eine lag östlich der Stadt, am linken Ufer der Biela, ungefähr 300 Klafter von diesem Flüßchen selbst entfernt, eine Klafter tief in der Erde. Es enthielt, von Steinen umgeben, ein Skelett, das aber, sowie die daneben stehenden Todtentöpfe, ungeschickterweise zerschlagen wurde. Neben dem Skelette lagen ferner zwei Steinobjekte: ein Hammer von Serpentin, 12 Centim. lang, 5 Centim. breit, das Stielloch in der Mitte; das hintere Ende des Hammers ist walzenförmig zugerundet (Fig. 1); dann ein Meißel von dunkelgrauem Feuerstein 6,1 Centim. lang, an der scharfen Schneide 4,5 Centim. breit. Beide Objekte sind ganz glatt zugeschliffen und sehr zierlich gearbeitet. Sie kamen in die Sammlung Czernin nach Petersburg. -- Ungefähr 1000 Klafter von dieser Fundstelle entfernt, traf man bald darauf am rechten Bielaufer, drei Fuß tief in der Erde, beim Roden eines Ackers zum Hopfenbau ein ähnliches Grab; es war kreisrund, am Boden mit einem Kranze weißer Kieselsteine umlegt. Der Durchmesser dieses Steinkranzes betrug drei Fuß. In der Mitte lag neben Knochenresten und Gefäßfragmenten eine Steinaxt (Serpentin), streng keilförmig zugeschliffen, das 2,8 Centim. im Durchmesser haltende Stielloch dem breiteren Ende näher. Die Axt ist 22 Centim. lang, 9 Centim. breit, also sehr wuchtig; sie kam an die Brüxer Realschule.
+Steinwasser+, Dorf, zwei Stunden südlich von Brüx. Bei Grabungen auf einem Felde stießen die Arbeiter in einer Tiefe von 3 Fuß auf zwei Skelettgräber. In dem einen lag ein Skelett ohne jegliche Beigabe; in dem zweiten fanden sich neben dem Skelette Fragmente eines aus großen, hohlen Bronzehalbkugeln bestehenden Armringes. Dasselbe ist dem bei Lindenschmitt „Alterthümer unserer heidnischen Vorzeit“, Heft IX, Taf. I abgebildeten, bei Passau gefundenen, vollständig ähnlich. Mehrere solcher Armringe wurden schon früher in der nächsten Nähe von Steinwasser auf dem Todtenfelde von Morawes gefunden. Die einzelnen Buckeln haben einen Längedurchmesser von 4,1 Centim., Breitedurchmesser 3,2 Centim. Der Verschluß geschah durch einen Dornfortsatz, der in eine Nuth des nächsten Buckels umgebogen werden konnte. Erhalten sind vier solcher Buckeln; ihrer Größe nach zu urtheilen bestand das ganze Armband aus sieben Buckeln. Die Schädel kamen an Dr. A. Weisbach, die Bronzeobjekte an mich.
+Weberschan+, Dorf zwischen Brüx und Postelberg, eine Stunde nördlich von letzterer Stadt entfernt. Beim Lehmgraben traf ein Grundbesitzer 2½ Schuh unter der Erde ein Aschengrab. Es war kreisrund und in demselben stand eine Urne, die leider zerschlagen wurde; in ihr lagen nebst Asche, Erde und Knochen eine 7,5 Centim. lange, schwache Bronzenadel mit scheibenförmigem Kopfe, Fig. 2; eine 3,2 Centim. lange Bronzepfeilspitze, Fig. 3; endlich ein 21,8 Gramme schweres Bronzeklümpchen, wahrscheinlich ein beim Leichenbrand zusammengeschmolzenes Objekt. Sämmtliche gefundene Gegenstände kamen an mich.
+Nehasitz+, Dorf zwischen Brüx und Saaz. Die Grabungen auf dem bei Nehasitz gelegenen, in diesen Blättern schon wiederholt erwähnten Todtenfelde wurden auch im Jahre 1867, freilich meist nur im agricolen Interesse, fortgesetzt und lieferten eine ziemlich ergiebige Ausbeute an Bronzen, Urnen und Geräthen aus Stein, Bein und Hirschhorn sammt einer großen Anzahl Knochen mitbestatteter Thiere. Während dreier Tage war ich bei den Grabungen auf dem genannten Todtenfelde selbst anwesend. Wahrscheinlich dürften die Abgrabungen bei Nehasitz bald zu Ende kommen. Ich gehe eben damit um, die gewonnenen Resultate zusammenzustellen und in einer eigenen Monographie zu veröffentlichen.
Von Jahr zu Jahr mehren sich die Funde in diesem Theil des nordwestlichen Böhmens; sie beweisen, wie stark diese Gegend, freilich eine der gesegnetsten und fruchtbarsten Böhmens, seit den ältesten Zeiten bewohnt gewesen ist. Die ungemein zahlreichen Gräber zeigen sehr bedeutende Verschiedenheiten in der Construction, wie in der Art der Beigaben und deuten auf zeitlich weit getrennte Perioden hin. Die wichtigsten Formen sind:
1. +Plattengräber in der Erde mit Skeletten und Steinobjekten.+ Solche wurden schon im vorigen Jahrhundert (1788 und 1792) bei Weboschan, unweit Teplitz, entdeckt; sie waren 6 Fuß lang, an den Seiten mit Steinplatten ausgelegt und mit einer Steinplatte geschlossen. In der Steinkiste lag je ein Skelett; als Beigaben fanden sich in dem einen Grabe zwei Urnen, in einem zweiten nebst zwei Urnen drei Steinobjekte, und zwar zwei Aexte (Basalt) und ein Keil (Hornstein). In dieselbe Klasse gehören auch die beiden merkwürdigen, im Jahre 1866 bei Kojetitz, einem Gute des Herrn Bachofen von Echt, zwischen Prag und Melnik, aufgefundenen Plattengräber. Sie waren an der Erdoberfläche mit einem Steinkreise von 9 Klaftern Durchmesser umstellt; in der Mitte des Steinkreises stieß man 2½ Fuß tief unter der Erdoberfläche auf eine große, roh zubehauene Kalksteinplatte; darunter lag ein Skelett, zu dessen Häupten eine Urne aus schwarzem, wenig gebranntem Thon, die einzige ärmliche Beigabe des Todten. Im zweiten Grabe traf man unter einer ähnlichen Steinplatte zwei Skelette, das eines Erwachsenen und das eines Kindes. Die Beigaben bestanden aus einer Urne, einem Steinkeil aus Serpentin und zwei Pfriemen von vier und acht Zoll Länge, aus gespaltenen Röhrenknochen verfertigt und scharf zugespitzt[243]. Hierher zu rechnen ist auch das eine der Gräber von Brüx, sowie zwei ähnliche von Hawran, einem Dorfe nächst Brüx.
2) +Rundgräber+: a) mit Steinobjekten; hierher gehört das zweite der oben beschriebenen Gräber von Brüx; b) mit Bronzeobjekten. Die Skelettgräber dieser Art liegen 2½-9 Fuß tief unter der Erde, ihr Durchmesser wechselt zwischen 4-12 Fuß. Sie sind vollkommen kreisrund, entweder brunnenartig, oder nach unten sich verengend; die Leiche ruht darin bald in hockender Stellung bestattet, bald auf dem Boden des Grabes ausgestreckt, im letzteren Falle stets mit dem Kopfe nach Norden; in einzelnen Fällen ist sie auf ein Steinlager gebettet, oder mit Steinen umlegt. Neben den Skelett- finden sich auch +Brandgräber+; sie sind weniger tief (1½ Fuß) und haben einen Durchmesser von circa 2-4 Fuß. Sie enthalten eine größere, die Asche bergende Urne, worinnen außerdem meist noch mehrere kleine Gefäße, Töpfchen, Schüsseln und Schalen stehen. Auch in den Skelettgräbern finden sich regelmäßig ähnliche Gefässe. Skelett- wie Brandgräber enthalten außerdem Bronzeobjekte, soviel mir bekannt ist, vorzugsweise Schmuckgegenstände, Armringe, Fibeln, Nadeln, dann Thonscheiben und Kügelchen von Thon und Stein. Beispiele dieser Bestattungsweise liefern die Todtenfelder von Nehasitz und von Morawes.
3) +Plattengräber in der Erde+, mit Bronzen. a) Skelettgräber; sie sind viereckig lang, an den Seiten mit Steinplatten ausgelegt, mit einer Steinplatte geschlossen, und enthalten als Beigaben nebst Bronzeobjekten, ebenfalls meist Schmuckgegenstände. Auch hier findet sich die hockende Bestattungsweise neben der liegenden. Beispiele liefern Schallan bei Teplitz und Saaz[244]. b) Brandgräber, 4 Fuß lang, 2 Fuß breit, an den Wänden mit Steinplatten ausgelegt und mit einer Steinplatte überdeckt. In der aschenhaltigen Erde standen je 4 Urnen mit Asche, Erde, Knochenfragmenten und einzelnen Bronzeobjekten. Beispiele dieser Bestattungsweise lieferten Teplitz und Bilin[245].
Mein verehrter Freund, Dr. A. Weisbach hat mehrere der in den oben beschriebenen Gräbern gefundenen Schädel untersucht und genau gemessen, und zwar die beiden von Kojetitz, einen von Schallan und einen von Saaz. Die Resultate seiner Untersuchung laufen darauf hinaus, dass „diese vier Gräberschädel vor denen der heutigen Deutschen und Czechen durch +große Länge, geringe Breite und bedeutende Höhe, durch fast extreme Dolichokephalie ausgezeichnet sind+[246], und in dieser Beziehung den Schädeln von Ecker, besonders dessen Reihengräberschädeln, und dem Hochbergtypus von His vollkommen gleichen.“ Schlüsse auf den Volksstamm, dem sie angehören, sind bei dem geringen Material noch zu gewagt. Leider gelang es uns trotz aller Bemühung noch nicht, auch aus den sub 2b angeführten Gräbern von Nehasitz und Morawes Schädel zur Vergleichung zu erhalten. So war ich, als ich persönlich auf dem Todtenfelde von Nehasitz nachgraben ließ, nicht so glücklich, ein nur halbwegs erhaltenes Exemplar, sondern in zwei Fällen nur Fragmente von Schädeln zu finden. Gut erhaltene Exemplare werden von den Arbeitern, wenn eben kein Sachverständiger zugegen ist, entweder zerschlagen, oder eiligst wieder verscharrt. Doch scheinen auch die Nehasitzer und Moraweser Schädel, nach den wenigen Fragmenten zu urtheilen, einen denn oben beschriebenen ähnlichen Typus zu haben.
Auch in der k. Kreisstadt Saaz wurde im Laufe des Jahres 1867 bei Gelegenheit der Grundgrabung zu einem Hausbau in der Prager Vorstadt, zwei Klafter tief in der Erde, ein viereckiges Skelettgrab aufgedeckt. Dasselbe war in Lehm gestochen, nicht mit Steinen ausgelegt, das Skelett gänzlich aufgelöst. Als Beigaben fand man ein kleines, aus grauem Thon gearbeitetes, aber an der inneren und äusseren Fläche mit Graphit geschwärztes Näpfchen, 5 Centim. hoch, an der oberen Oeffnung 8,4 Centim., am Boden 3 Centim. im Durchmesser haltend, mit Erde und Asche gefüllt; einen kleinen, 3 Centim. im Durchmesser haltenden Bronzering mit s-förmigem Verschlusse; eine aus gebogenem Bronzedraht eigenthümlich verschlungen geformte Kleiderhafte, Fig. 4; endlich ein eisernes, 16 Cent. langes Messer; der 8 Centim. lange, aus Holz oder Horn gefertigte Griff war mit Bronzeplättchen geschmückt. Dabei lag noch eine kleine Kugel von gebranntem Thon. Das Grab scheint ziemlich spät und der Form des Ringes, wie der Hafte nach slavisch zu sein.
In Rudolfi (bei Petersburg, Saazer Kreis) wurde im Jahre 1867 wieder ein Grabhügel, und zwar in der Waldflur Knežehaj aufgedeckt. Er war den in diesen Blättern[247] beschriebenen Rudolfer Hügeln ganz conform, vorwiegend aus Steinen aufgebaut, hatte eine Höhe von 5 Fuß bei einem Umfang von 20 W. Klaftern, und enthielt in der Mitte ein auf platten Steinen +sitzend bestattetes+, noch ziemlich wohl erhaltenes Skelett, +dem jedoch der Kopf fehlte+. Trotz der mühsamsten Nachforschung gelang es mir nicht, die geringsten Schädeltheile, nicht einmal die Zähne, die sich doch sonst meist noch gut erhalten zeigen, aufzufinden. Der Kopf scheint also abgeschnitten und verbrannt worden zu sein. Auch aus Mähren, Thüringen, Luxemburg etc. sind ähnliche Fälle in Hügelgräbern bekannt[248]. Außer einem kleinen Aschentöpfchen traf ich keine weiteren Beigaben in diesem Grabhügel. Die massigen, derben Knochen, sowie die Form des Beckens lassen auf ein männliches Individuum schließen; die Länge des vollständig erhaltenen Oberschenkelknochens (femur) 47,7 Centim. weist auf einen erwachsenen, großen Mann hin. Dr. A. Weisbach hat auch den in derselben Waldflur 1866 in einem andern Grabhügel gefundenen (weiblichen) Schädel gemessen; derselbe gehört unter die extremst dolichokephalen Schädel, da seine Länge 22 Centim., seine Breite 12,8 Centim. (= 1000: 581) ist, wobei ausdrücklich bemerkt werden muß, daß die Pfeilnaht nicht verwachsen, sondern in ihrem ganzen Verlauf deutlich ausgeprägt ist.
+Wien.+ +Dr. Jul. Ernst Födisch.+
+Besegnungen.+
1) +Will dw tausendt geharnaster leyt (oder wye vil dw jn ein felt) machen+:
so gee an einem suntag eins morgens früwes auß, ee dy sun(n) aufget vnd ye lautern es am himel ist, ye pesser es ist. dan so schlache von einem felber (hs. feler) ein zweil in einem schlach vnd gee zwe einem pach, der fleust vnd schlach mit dem zwaylin den pack und sprich dyse wordt: Astaroth mille gemisera vnd thue auff yelichs wordt drew creyz.
2) +Will dw machen das man dich nit sechen mach+:
so nym einen raben vnd schlach jmb das haup(t)[249] veber ein hauß geswell ab und leg das haup in die sun, da sy haiß hinscheyndt und las ligen xxx tag den so waxt ein bluemen darauf dye trag pey dir in der rechten handt u. s. w.
3) +Der Wolfssegen+:
sprich also, wen du wild, das man hab, es sey vieh oder lewt, sprich also: hunt, du muest beint oder heut als loß sein als unser liebe fraw was da sye jrs lieben trauten suns genas. amen. 3 stunt (mal) sprich in und 3 pat. n. und 3 ave Maria.
4) +Wildw machen das dir yeder jederman holt ist+:
so nym ein hawß (?) der drey jar alt ist vnd stoß in in einem haffen vnd mach den haffen vol mit lecher und secz in in einen ameyßhauffen und laß in sten 14 tag, so tragen dy ameyssen ein stein in das hefflin: den trag pey dir u. s. w.
5) +Wildw allen vnkeuschheyt vertreiben vnd leschen+:
so nym ein turteltauben hercz vnd zustoß vnd thue es in ein wolfen leder und trags pey dir.
6) +Wildw ein esel werden+:
so nym pluet von einem pock vnd schreyst (streichs) vnder die augen, so wirt du zu einem esel.
7) +Daz die weyber auß dem pad laffen und hyeten geren etwas+:
so nym rote amasayr in ain klains sackhl vnd legs in ein warms wasser i stundt vnd gews auf den offen, so werden sy lauffen und lustig.
Handschriftliches Arzneibuch, 15. Jahrhundert, in 12., auf der Regensburger Stadtbibliothek, Nr. 22.
+Dr. A. Birlinger.+
Zur alten Fischerei.
+Wildu visch fahen in reyschen+
so leg malcz darein, darauß man pier macht oder ein vrhab knollenweyß. probatum est.
+Wildu visch zwsamen pringen+
nym Lüstock vnd stos den vnd truck den durch ain tuechl vnd nym gaffer vnd meng den darunter vnd bestreich allendthalben hendt vndt füeß vnd gee also yn das wasser, so samen sich dy visch zu dir.
+Wildu visch fachen mit den henden+
so nym nessel sam vnd haußwurcz vnd nachtschatten vnd garben vud mach das in einand vnd schmir dy handt darmit vnd halt sy in das wasser: do kumen dir dy visch in dy handt.
aliud +wildu visch fachen in reyschen+
so nym fauls holcz, das da scheyndt vnd thue es in ein glas vnd mach(s) es vest zw das kein wasser dorein mag mit wachs und henges in ein reusen.
Aus obigem Arzneibuch der Regensb. Stadtbibliothek, Nr. 22.
+Dr. A. Birlinger.+
Zu den Rechtsalterthümern.
Die gefürstete Aebtissin zu Lindau am Bodensee hatte ehemals das Recht, während ihrer Regierung einen vom dasigen Magistrat zum Tode verurtheilten Missethäter durch eigenhändige Abschneidung des Strickes von des Scharfrichters Hand zu befreien. Dies ward noch a. 1780 den 27. October also vollzogen. Die Fürstin war mit ihrem Gefolge am sog. Baumgarten. Auf Geheiß des Geistlichen bat der arme Sünder fußfällig um Erlösung. Die Fürstin ergriff sodann den Strick, woran er vom Scharfrichter geführt wurde, schnitt ihn ab und sagte: „Ich erlöse dich im Namen des Allerhöchsten und der übergebenedeiten Jungfrau Maria.“ Hierauf ward der Erlöste mit in’s Stift genommen, gespeist, beschenket und zur Besserung seines Lebens ermahnt. Der Strick ward ihm, wie gewöhnlich, um den Leib gebunden und befohlen, solchen lebenslänglich als ein Denkzeichen zu tragen.
+Dr. A. Birlinger.+
(Mit einer Beilage.)
Verantwortliche Redaction: A. +Essenwein+. Dr. G. K. +Frommann+. Dr. A. v. +Eye+.
Verlag der literarisch-artistischen Anstalt des germanischen Museums in Nürnberg.
Sebald’sche Buchdruckerei in Nürnberg.
BEILAGE ZUM ANZEIGER FÜR KUNDE DER DEUTSCHEN VORZEIT.
1868. Nº. 12. December.
Chronik des germanischen Museums.
+Nürnberg+, den 15. December 1868.
Die Vorlage an den norddeutschen Bund, deren wir in voriger Chronik Erwähnung gethan haben, ist nunmehr, wie wir Zeitungsnachrichten entnehmen, in einer für unsere Anstalt sehr erfreulichen Weise erledigt. Dabei war vor Allem der Bericht maßgebend, welchen Herr Prof. Haupt in Folge der im Auftrage Sr. Excellenz des kgl. preuß. Kultusministers v. Mühler unternommenen Besichtigung des german. Museums, deren wir bereits in der Septembernummer gedacht, erstattet hat.
Der Bericht selbst, der für uns so günstige Folge hatte, spricht sich zwar sehr abweisend über manche Punkte unseres noch immer aufrecht stehenden älteren Programms, sowie über die Thätigkeit der Anstalt in früherer Zeit aus, bemerkt aber, daß das Wichtigere gegenwärtig in der That mehr und mehr in’s Auge gefaßt werde, und daß das Institut somit einer Unterstützung entschieden würdig sei.
Die zur Ergänzung des Verwaltungsausschusses von der neulichen Jahresconferenz erwählten vier neuen Mitglieder haben diese Wahl mit höchst dankenswerther Bereitwilligkeit angenommen. Es sind dies die Herren
Dr. +Wilh. v. Giesebrecht+, Universitätsprofessor, in München.
Dr. +Theod. G. v. Karajan+, Präsident der k. k. Akademie der Wissenschaften und Custos der k. k. Hofbibliothek zu Wien,
Dr. +Ed. Freih. v. Sacken+, Custos des k. k. Münzkabinets und der Ambraser Sammlung zu Wien,
Dr. +Ernst aus’m Weerth+, Universitätsprofessor, in Bonn.
Den Mittheilungen über die angeordnete Abformung von Grabdenkmalen haben wir noch anzufügen, daß auch Se. Durchlaucht Fürst +Carl Egon v. Fürstenberg+ die freundliche Zusage gemacht hat, den Figurengrabstein eines Fürstenberg aus Haslach für unsern Kreuzgang abformen zu lassen.
Aus der Zahl der Mitglieder des Gelehrtenausschusses hat das german. Museum am 6. d. M. den um die Sprachwissenschaft so verdienten Hofrath und Professor Dr. +Aug. Schleicher+ an der Universität zu Jena durch den Tod verloren.
Neue +Jahresbeiträge+ wurden seit Veröffentlichung des letzten Verzeichnisses folgende gemeldet.
Von Vereinen: =Lohr.= Gesangverein 3 fl. 30 kr.
Von Privaten: =Ansbach.= k. Reg.-Rath Lorenz Braunwart 1 fl., k. Studienrektor u. Schulrath Elsperger 1 fl. 12 kr., k. Bez.-Ger.-Assessor Hofmann 1 fl. 12 kr., k. Bez.-Ger.-Assessor Dr. Jul. Meyer 1 fl. 45 kr., k. Notar Lor. Schäfer 1 fl. 12 kr., k. Bez.-Arzt Dr. Gustav Schäffer 1 fl., Pfarrer Schrader 1 fl. 12 kr. =Bamberg.= k. Bez.-Amts-Assessor Osann 1 fl. 12 kr. =Breslau.= Privatdozent Dr. Alwin Schulz 1 fl. 45 kr. =Crefeld.= Oberpfarrer Huthmacher 1 fl. 45 kr. =Furth a. W.= Holzhändler Mich. Dostert 1 fl., Oberzollinspektor Karl Eberhard 1 fl., Maschinenführer Georg Harth 1 fl., Ostbahneinnehmer Max Schmid 1 fl. 30 kr., Ostbahnassistent Otto Schmitz 1 fl., Betriebsingenieur Sigm. Stuttgardter 2 fl., Güterexpeditor Karl Wagner 1 fl. 30 kr. =Halle a. S.= Direktor der Zuckersiederei Walter 1 fl. 45 kr. =Hannover.= Dr. phil. B. Heisterbergk 1 fl. 45 kr. =Havre.= kgl. bayer. Vice-Consul Heinr. Meinel 3 fl. 30 kr. =Hofheim.= Seligmann Seligstein in Lendersheim 1 fl. =Lindau.= Großhändler v. Rupprecht 1 fl. 30 kr. (statt früher 1 fl. 12 kr.) =Linz.= Dr. Karl Essenwein 1 fl., Dr. Jul. v. Pflügl 1 fl. =Neu-Ruppin.= Dr. med. Pätsch 1 fl. 45 kr. =Neustadt a. S.= k. Advokat C. Then 1 fl. =Oertelsbruch= bei Lehesten. Karl Oertel 1 fl. 45 kr. =Rennertshofen.= Pfarrer u. Dekan Ant. Paula in Mauern 1 fl., Pfarrer Riegg in Wellheim 1 fl., Freih. Theod. v. Tucher auf Geitheim 1 fl., Freih. Aug. v. Tucher auf der Feldmühle 1 fl. =Schässburg.= Kaufmann Jos. Benj. Teutsch 1 fl. 10 kr. (statt früher 36 kr.) =Stralsund.= Bankdirektor Berg 1 fl. 45 kr., Ger. -Assessor Dr. Fabricius 1 fl. 45 kr. =Wolfenbüttel.= Staatsanwalt Römcke 1 fl. 45 kr.
+Einmaliger+ Beiträge wurden folgende gegeben: