Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit (1868) Neue Folge. Fünfzehnter Band.

Part 44

Chapter 443,365 wordsPublic domain

Damit verwandt ist ein ganz ähnliches Reliquienkreuz, dessen beide Seiten nur graviert sind, das aber nicht auf einem Fuße befestigt ist. Die Gravierungen sind für die Geschichte des Stichs nicht ohne Interesse (Fig. 5). Nunmehr haben wir ein Reliquiar zu betrachten (Fig. 6), das einen schmalen, aus Metallblech zusammengesetzten, giebelartig geschlossenen Bau darstellt, dessen ganze Vorderfläche, mit Maßwerkdurchbrüchen versehen und durch eine Glasplatte geschlossen, in’s Innere blicken läßt, wo die Reliquien sich befanden. Eine massive Eckgliederung, die sich an den Giebeln mit aufsteigenden Zinnen verbindet, gibt Halt und Stärke. Das Reliquiar ist aus Kupferblech zusammengesetzt und stark vergoldet; die Rückwand ist neu; die Länge beträgt 26 Centim.; die Breite des Kastens 6 Centim.; die gesammte Höhe 33 Centim.

Den Uebergang vom 15. zum 16. Jahrhundert vermitteln zwei interessante kleine Reliquiarien, das eine in Form einer Scheibe, das andere herzförmig, beide zum Anhängen an den Hals bestimmt, so daß es fraglich ist, ob wir diese beiden Stücke mehr zum Damenschmuck, oder zu den Reliquienbehältern zu rechnen haben.

Dem 16. Jahrhundert gehört ein Gefäß an, das wol auch kaum etwas anderes als ein Reliquienbehälter sein kann (Fig. 7). Ein Fuß ist aus drei naturalistisch gebildeten Zweigen hergestellt, mit denen sich Blattwerk und Früchte in sehr feiner Form verbinden. Der runde Boden des Gefäßes ist mit einem auf der Unterseite gemalten Glase belegt, das ein Wappen vorstellt. Das Gefäß selbst besteht aus einem Glascylinder. Wir dürfen jedoch vermuthen, daß ehemals ein Krystallcylinder in das Metall gefaßt war, welches jetzt das Glas festhält. Der Deckel ist gebuckelt und mit einer Spitze versehen, die ähnlich gebildet ist, wie der Fuß.

Ein kleines umzuhängendes Kreuzchen ist wol trotz großer Rohheit erst aus dem 16. Jahrhundert.

Einige kleine Täschchen, ein Schächtelchen aus Pappe, mit Seidenstoff überzogen, gehören derselben Zeit an.

Ein besonderes Interesse nimmt eine oblonge Schachtel mit flachgewölbtem Deckel aus Kupfer ein, die, ganz mit dem späten Limoges-Email des 16. Jahrh. überzogen, Legendenscenen zeigt. Auf dem Deckel ist der Kopf eines heiligen Bischofs zu sehen nebst zwei Engeln. Die Farben sind die charakteristischen: Violett, Blau, Schwarz, eine fast weiße Fleischfarbe, das reine Weiß und aufgemaltes Gold.

Die Betrachtung können wir wohl mit einem kleinen, runden Schächtelchen aus Silber schließen. Auf demselben ist die Taufe Christi im Jordan im schönen Stile der Medaillen des 16. Jahrhunderts abgebildet, welche Darstellung wahrscheinlich aus einer Form gegossen ist, aus der auch selbständige Medaillen vorhanden sind.

Unsere Reihe zeigt zwar keine besonders hervorragenden Kostbarkeiten, dafür aber manches Lehrreiche und Interessante, und für die Wiederaufnahme des Alten in die Kunst unserer Zeit gibt sie Motive, die um so wichtiger sind, als gerade das Einfache heute, wo wir selten über große Mittel zu verfügen haben, am meisten praktische Verwendung finden kann.

+Nürnberg.+ +A. Essenwein.+

Ansiedelungen der Vorzeit, Ring- und Schlackenwälle bei Rudolstadt.

In westlicher Richtung von Rudolstadt, etwa fünfhundert Schritte oberhalb des Chausséehauses, am Wege nach Zeigerhain, sind bei Ausbeutung einer umfangreichen Lehmgrube Sitze der Ureinwohner dieser Gegend aufgedeckt worden, die, augenscheinlich der früheren Zeit der Pfahlbauten angehörend, durch ihre Lage, wie durch ihre Fundstücke, so viel des Interessanten bieten, daß es gerechtfertigt erscheint, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sie zu lenken. Was die erstere, die Lage, betrifft, ist daran zu erinnern, daß das heutige Thal von Rudolstadt wahrscheinlich früher ein See gewesen, dessen Ufer an den begrenzenden Höhen noch gegenwärtig genau zu bestimmen sind. Auf den Gipfeln der Berge tritt das feste Gestein, Kalk, Schiefer u. s. w., als Erzeugniß der Meeresfluth zu Tage; in einem ziemlich hohen Niveau lehnen sich daran Ablagerungen des süßen Wassers: Kieselschichten von bedeutender Mächtigkeit, Betten von Thon, Lehm u. a. Auf der Ostseite, in einiger Entfernung von der Stadt, will man den Durchbruch noch wahrnehmen, welcher dem See mit Zurücklassung der heutigen Saale den Abfluß gewährte. Nahe an der Grenze des angeschwemmten Bodens, etwa 120 Fuß über dem jetzigen Lauf des Flusses liegt die neuentdeckte Ansiedelung. Der Untergrund derselben besteht aus thonhaltigem Lehm, der ungefähr vier Fuß tief ausgegraben ist, ohne Zweifel aber noch in beträchtlicher Strecke hinabreicht. Einzelne Blöcke eines weißen, lockeren Sandsteins, der in der Nähe als Gebirgsgrat vorkommt, sind eingesenkt. Die Ueberreste der alten Bauten nehmen eine Schichte von etwa zwei Fuß Tiefe ein. Ueber ihnen befindet sich eine nicht ganz so dicke Lehmschicht, bei deren Schätzung jedoch in Betracht kommt, daß auf der ziemlich stark geneigten Ebene, auf welcher wir uns befinden, der Regen die durch den Pflug gelockerte Ackerkrume fortwährend wegspült.

Die bis jetzt aufgedeckten Wohnplätze, drei oder vier an der Zahl, liegen in regelmäßigen Abständen auf der Linie eines Kreisausschnittes. Daß deren eine größere Anzahl gefunden werden könnte, wenn die Ausgrabungen in dieser Absicht fortgesetzt würden, unterliegt kaum einem Zweifel. Doch stellen sich die augenblicklichen Besitzverhältnisse des Bodens einem solchen Unternehmen entgegen. -- Die Fundstücke, welche bisher zu Tage gefördert, sind Geräthe von gebranntem Thon, Scherben, Kohlen, Knochen, Bruchstücke von Hirschgeweihen und verkohlte Früchte. Unter den ersteren zeichnen sich zwei pyramidal geformte Stücke von rothgebranntem Thon mit abgerundeter Spitze und einem Bohrloch nach dem oberen Ende zu aus. Die Höhe des größeren derselben mißt 20 Centim., die untere Breite 15 Centim. Die Frage nach der ursprünglichen Bedeutung dieser umfangreichen Instrumente ist nicht ohne Schwierigkeit. Die Bestimmung eines Netzbeschwerers, welche man sonst ähnlichen Thongebilden beizulegen pflegt, kann hier kaum gesucht werden, da das vorliegende alle anderen an Größe und Schwere bei weitem übertrifft und seine Form auf einen anderweitigen Gebrauch deutet. Die unten vollständig geglättete Fläche wäre für einen Fruchtquetscher und Kornreiber geeignet, doch hätte zur Führung eines solchen das für die innere Handfläche bequem abgestumpfte Kopfstück genügt. Das vorhandene, ziemlich umfangreiche Bohrloch läßt die ehemalige Einfügung eines Stieles nicht zweifelhaft; doch die Weichheit der Masse, welche wenigstens gegenwärtig auffällig ist, würde, wenn wir in dem Werkzeuge einen Hammer oder eine Streitaxt erblicken wollten, solchem wenigstens keinen langen Gebrauch gesichert haben. Vielleicht diente es doch zum Zerklopfen der Früchte, und man verstand schon, durch Einfügung einer kürzeren oder längeren Handhabe sich seine Führung zu erleichtern. Außerdem kommen niedrige, napfartige Gefäße von derselben Masse vor. Sie sind zwar nur noch in Bruchstücken erhalten, doch diese groß genug, um ihre Form erkennen zu lassen. Die Höhe beträgt etwa 7 Cm., der Durchmesser 20 Cm., die Dicke der Wandung da, wo sie von der runden Höhlung des inneren Beckens bis zum scharfen Rande des Fußes mißt, 4 Cm. Der Stoff ist auch hier außerordentlich locker, die Arbeit roh. Häufig begegnen Klumpen ähnlich gebrannten Thones, die auf einer Seite Eindrücke wie von Fingern oder Stäben zeigen. Ein Stück, das zur genauern Untersuchung uns noch vorliegt, weiset auf der entgegengesetzten Seite eine geglättete Fläche dar und im Innern der Masse eine Structur, als sei sie mit Stroh vermischt gewesen. Wir irren wol nicht, wenn wir darin eine ehemalige Bekleidung der Hüttenwände erkennen, deren gebrannter Zustand erst durch den Untergang der Ansiedelung im Feuer herbeigeführt worden. Auch das verkohlte Getreide findet sich zum Theil in Thonklumpen eingeschlossen, welche im Feuer geröthet sind.

Scherben kommen in großer Menge vor und von verschiedener Art. Ihre durchgehende Beschaffenheit versetzt sie jedoch auf +eine+ Stufe der Kulturentwickelung, und zwar auf die, welche unmittelbar der in den Pfahlbauten bei Wangen am Bodensee vertretenen sich anschließt. Ihre Wandung mißt stets mehr als 1 Centim. in der Dicke. Die Masse ist schwarz gebrannt, mit eingemengtem, grobgepulvertem Quarz und rothem Ueberzug von Thon versehen. Doch kommen bereits roh profilierte Ränder und Verzierungen vor, die ohne Ausnahme hergestellt sind, indem man um den Bauch des Gefäßes einen Streifen von Thon gelegt, in welchen mit den Fingerspitzen Verzierungen eingedrückt wurden. Die dadurch hervorgebrachten Muster sind verschieden, je nachdem man zwei oder drei Finger zusammengelegt, oder nur eine Fingerspitze eingedrückt hat. Hie und da sind die Eindrücke der Nägel noch sichtbar; die Feinheit der Vertiefungen läßt vermuthen, daß Frauen die Töpferarbeit vollführt haben.

Die Knochen, welche aus dem Boden hervorgefördert werden, sind in einem so vermorschten Zustande, daß sie beim Berühren zerfallen. Nicht viel besser erhalten war ein aufgefundener Thierzahn. Zwei bedeutende Stücke eines Hirschgeweihes aber, welche mit anhängenden Resten der Hirnschale zu Tage traten, sind völlig in Versteinerung übergegangen.

Die aufgefundenen Früchte bestehen aus einem feinen Korn, das der Hirse am meisten ähnelt und wahrscheinlich von dieser herrührt, sowie aus Wacholderbeeren, welche noch heute auf den benachbarten Bergen häufig wachsen. Beide kommen in Menge, doch auffallender Weise mit Ausschluß jedes anderen Getreides vor.

So wenig auch im Vergleich mit anderen Entdeckungen dieser Art auf dem hier besprochenen Platze von den Spuren seiner ehemaligen Bewohner an das Licht getreten, so ist das Aufgefundene doch ausreichend, einen der ältesten Sitze menschlicher Kultur zu bezeugen. Ob wir es mit einem alten Pfahlbau zu thun haben, muß vorläufig noch unentschieden bleiben. Daß den in Rede stehenden Boden einst das Wasser bespülte, bezeugt er selbst. Aber von Pfählen ist nichts mehr zu sehen, selbst Kohlen kommen nur sparsam vor. Baumwurzeln, welche nach allen Richtungen das Erdreich durchziehen, beweisen, daß der Platz einst mit Wald bestanden war. Derselbe grünte ohne Zweifel viel später, als jene Ortschaft hier gegründet wurde; dennoch sind seine Ueberreste, eben jene Wurzelfasern, auch längst verfault und bestehen eigentlich nur noch aus engeren und weiteren, mit Staub oder Moder gefüllten Röhren, die im festen Lehmboden zugleich als Leiter des Wassers dienen. Steckten Pfähle in diesem Boden, so müssen sie, nachdem das Wasser abgeflossen, längst zerfallen und bis auf die letzte Spur verschwunden sein. Auffallend ist, was eine genauere Beobachtung bestätigte, daß die vorhandenen Kohlen durchweg eine senkrechte Stellung ihrer Faser innehatten; die einzelnen Stücke waren bisweilen lang, doch nicht sehr umfangreich. Die Versteinerung der Hirschhornstücke gibt vielleicht einen Anhaltspunkt, um zu bestimmen, was für Elemente und Umstände bei ihrer Bildung mitgewirkt haben.

Entdecker dieser merkwürdigen Urbauten ist Freiherr Cl. von Schauroth; ihm verdanken wir, daß in den, keineswegs zu wissenschaftlichen Zwecken veranstalteten, Ausgrabungen die Ergebnisse der Wissenschaft zu Nutze gekommen sind. Ein Theil der Funde ist in seiner Sammlung zu Rudolstadt aufbewahrt, ein Theil in das german. Museum zu Nürnberg gelangt.

Bei einem jüngst am genannten Platze abgestatteten Besuche wurden noch zwei andere Oertlichkeiten in Augenschein genommen, die, obwohl schon bekannt, doch von nicht geringerem Interesse sind und worauf deshalb ebenfalls hingewiesen werden mag. Am rechten Ufer der Saale, etwa eine halbe Stunde oberhalb Rudolstadts, liegt auf einer Höhe die durch ihren Namen als ehemalige sorbische Colonie sich ankündigende Ortschaft Preilip und in unmittelbarer Nähe ein schroff vom Ufer des Flusses aufsteigender Hügel, der als äußerster Vorsprung dieses Höhenzuges zugleich eine weite Aussicht in das unten liegende Thal gestattet. Im Munde des Volkes heißt derselbe der heilige Hügel: „hillige Higgel“, und kündigt sich dadurch, da die Bezeichnung ohne Zweifel auf ältester Ueberlieferung beruht, als Punkt an, der irgend einmal von besonderer Bedeutung gewesen. Auf dem Gipfel, wo auch der natürliche Felsen durchbricht, befinden sich aufgeworfene Steinwälle, und daselbst gefundene Steinhämmer von sehr primitiver Form bekunden, welcher Epoche diese Bauten angehören. Man hat die Oertlichkeit für einen Opferplatz erklärt, was die alte Benennung allerdings zu rechtfertigen scheint. Doch bieten die Umwallungen ein Ansehen, das eher auf einen Befestigungsbau schließen ließe. Die Steine sind hoch und mauerartig gethürmt, ihre Reihen verschlungen, so daß es von Interesse wäre, den Grundplan der ganzen Anlage aufzunehmen. Besonders auffallend sind mehrere aneinander gereihte Nischen in den Mauern, welche, mit der Innenwand an den Felsen gelehnt, durch Vorsprünge der letzteren erweitert, ganz das Ansehen ehemaliger Wohnungen gewähren und ihrer Größe nach nothdürftigen Raum dafür geboten haben würden. Für den Fall, daß wir es hier wirklich mit einer befestigten Ansiedelung oder einem alten Standlager zu thun haben, ist zu bemerken, daß der Berg zwar niemals eine Quelle enthalten zu haben scheint, aber bei seinem schroffen Absinken zum Flusse denen, welche den Gipfel desselben inne hatten, der Zugang zum Wasser immer ungefährdet offen stand. Die aufgefundenen Steinhämmer scheinen unter den umherliegenden Flußkieseln aufgelesen, wie diese passende Formen und geeignetes Material boten. Sie sind sehr wenig bearbeitet, die Bohrlöcher ungewöhnlich eng, etwa 1,2 Centim. im Durchmesser haltend. Bei einem derselben bemerkt man, wie der Bohrer von zwei Seiten angesetzt ist, die Oeffnungen jedoch nicht genau auf einander trafen. Bei einem andern zeigen sich kreisförmige Eindrücke in ziemlicher Entfernung vom Hauptloche, welche darauf hindeuten, daß das Instrument, mit welchem gebohrt wurde, nicht so einfach war, als man sonst anzunehmen geneigt sein möchte. Auch dickwandige Urnenscherben und Spuren von Asche sind an dem Orte gefunden. Die Volkssage knüpft daran eine Legende vom heil. Antonius.

Eine nicht weniger merkwürdige Anlage bietet der weit höher gelegene Gipfel des Berges +Gleitsch+, oberhalb des Schlosses Obersitz unweit Saalfeld. Die hier befindliche Umwallung, sowie daselbst gemachte Funde hat schon W. +Adler+ in seiner Schrift: „Die Grabhügel, Ustrinen und Opferplätze der Heiden im Orlagau u. s. w. Saalfeld, 1837,“ beschrieben, doch gerade die interessanteste Seite dieses Denkmals der Urzeit nicht bemerkt. Wir haben es hier nämlich mit einem der seltener vorkommenden Schlackenwälle zu thun. Obwohl die innerhalb der Umhegung angelegten Ackerfelder vieles zerstört haben, sind doch noch einzelne Theile des alten Steinkranzes unversehrt genug geblieben, um erkennen zu lassen, daß die Außenseiten desselben einst systematisch einem sehr starken Brande ausgesetzt gewesen. Auch an den zerstörten Stellen des Walles finden sich Steine, an welchen die Spuren des Feuers ersichtlich, in großer Zahl. Manche derselben sind ganz verglast oder in Schlacken verwandelt. Unter den Steinen tritt schwarze Erde, die mit Asche und Ruß gemischt erscheint, zu Tage. Bei früheren Ausgrabungen hat man hier Geräthe von Stein, Thon und Bronze gefunden, in unmittelbarer Nähe auch Grabstätten aufgedeckt. Gegenwärtig liegen Scherben noch in großer Menge umher, unter welchen wir auch das Bruchstück eines verzierten Gefäßes fanden, deren man früher noch nicht wahrgenommen.

+Nürnberg.+ +Dr. A. v. Eye.+

Die Ausstellung des internationalen archäologischen Congresses zu Bonn.

(Fortsetzung.)

Eine zweite Reihe von Gegenständen, die einen wichtigen Kunstzweig repräsentierten, stellte sich in einer Anzahl Elfenbeinschnitzwerke dar. Manche Einzelgegenstände, so besonders einige Büchereinbände, die sich als interessante Belege für die Entwickelung des Emails gezeigt hatten, treten auch hier wieder als wichtig auf, da die frühere Periode der mittelalterlichen Kunst die Verbindung des Emailschmuckes und Elfenbeines zur Erreichung eines würdigen monumentalen Eindruckes häufig benützte. Die hervorragendsten Gegenstände auf diesem Gebiete waren unstreitig jene, die noch direkte Anknüpfungspunkte an die Antike boten. Wir nennen hier zuerst eine Reihenfolge von zehn Hostienbüchsen aus früher Zeit, die theilweise noch mit antiken Darstellungen bedeckt sind; so die aus dem Dome zu Xanten, welche die Darstellung des Ulysses zeigt, der den auf der Insel Scyros in Weiberkleidung versteckten Achilles aufsucht und wegführt; eine andere mit einer Darstellung aus dem Leben Joseph’s, wobei das Land Aegypten und der Nil personificiert in antiker Weise erscheinen (Museum zu Wiesbaden); ebenso eine sehr hübsche Darstellung der Geburt Christi und Anbetung der Hirten, wobei Joseph und Maria neben der Krippe sitzen, während die mittelalterliche Kunst bis in’s 15. Jahrhundert die heil. Jungfrau bei dieser Scene liegend darstellt. Ein Gehänge zu solchen Pyxen, mit Rollen, aus dem Dome zu Mastricht bot eine wichtige Ergänzung. Eine Anzahl von einzelnen und paarweise zusammengehörigen Elfenbeintäfelchen aus der romanischen Kunstperiode gab für die Ikonographie einerseits, wie für die formale Entwickelung der Sculptur interessante Anhaltspunkte. Besonders beachtenswerth war die Nebeneinanderstellung einer Reihe von Scenen der Kreuzigung, darunter das merkwürdige Relief am Deckel des Echternacher Evangelienbuchs in der Bibliothek zu Gotha. Hier fanden sich auch als Belege für andere Verwendungen des Elfenbeins das Blashorn Karl’s d. Gr. aus dem Domschatze zu Aachen und ebendaher das kostbare Weihkesselchen, mit Gold und Edelsteinen besetzt; endlich eine Reihe jener reichgeschnitzten Bischofskämme: der sog. Mutter-Gottes-Kamm aus dem Kloster Laach (Besitz des Herrn Prof. aus’m Weerth in Bonn), der Kamm des heil. Benno aus Iburg bei Osnabrück, der kostbare mit Gold und Edelsteinen besetzte Kamm aus Quedlinburg und die zwei Kämme aus dem städtischen Museum zu Köln. Durch eine Reihe von Täfelchen, runden und Schachfiguren u. s. w. war die so fruchtbare Periode des 14. Jahrhunderts trefflich vertreten.

Von Krystallarbeiten des 10. Jahrhunderts waren drei merkwürdige Stücke aus Quedlinburg ausgestellt; ebenso von der frühromanischen Lederplastik eine interessante Messerscheide aus dem Dome zu Aachen, bei der das Ornament theils plastisch hoch herausgetrieben, theils mit scharfen Instrumenten geschnitten ist.

Die Goldschmiedearbeit im weiteren Sinne hatte zunächst eine der mit getriebenem Goldblech bekleideten Statuen aufzuweisen: die sitzende Figur der heil. Jungfrau mit dem Kinde, aus Essen, v. 10. Jahrh. verwandt mit den Werken, die wir als wichtige Zeugnisse für die Entwicklung der Kunst des Emails aufgeführt haben, und die alle hier gleichfalls zu nennen wären, da das Email nur einen Theil des Schmuckes der zum Theil umfangreichen, zum Theil merkwürdig geformten Geräthe bildet. Wir wollen hier im Vorübergehen nur noch einmal die Kreuze aus Essen, das Evangelienbuch daher, das aus Echternach, die Hülse des Stabes Petri, den Tragaltar des heil. Egbert nennen.

Dem 11. Jahrhundert gehören die Theile der in Goldblech getriebenen Pala d’oro aus dem Domschatze zu Aachen an, die vorzugsweise die Art jener Zeit in der Darstellung des Figürlichen in ihren reichen Compositionen gibt. Besonders wichtig in dieser Hinsicht sind die schönen Apostelgestalten, die den Altaraufsatz aus St. Castor in Coblenz (nunmehr in St. Denis bei Paris) zieren, und deren edle Haltung und schöne Zeichnung diese aus Silberblech getriebenen, fast runden Figuren als mustergültig erscheinen lassen. Auch die beiden Nachahmungen der Limburger Reliquientafel, die Tafeln aus Trier und Mettlach müssen als höchst interessante Werke der Goldschmiedekunst hier noch einmal angeführt werden. Das Filigran zeigte sich in der höchsten Stufe der Vollendung neben mehreren verschiedenen Werken, wo es in Verbindung mit andern Techniken eine mehr untergeordnete Rolle spielt, an dem Reliquienschrein mit dem Schädel der heil. Helena aus dem Dome zu Trier, vom 12. Jhdt., und an dem Reliquienschrein des heil. Simeon in der Pfarrkirche zu Sayn. Ein prachtvolles Reliquiar von meisterhafter getriebener Arbeit, mit byzantinischen Theilen, ist das im Besitze des Erzbischofs von Köln befindliche, an einen Flügelaltar auf einem Fuße erinnernde Gefäß. Die Goldschmiedearbeit der gothischen Periode war vertreten durch den schönen Kelch mit Patene aus dem Besitze des Fürsten von Hohenzollern, dem 12. Jahrhundert angehörig, der schon bei Gelegenheit der Emails Erwähnung gefunden; ferner durch die Schale aus Osnabrück und, als Schluß der mittelalterlichen Kunst, durch die Monstranze, im Besitze des Fürsten von Hohenzollern, die, in wildestes Chaos ausgeartet, an Stelle der architektonischen Formen, die sich sonst bei diesen Gefäßen finden, eine Art Laube zeigt, welche aus Ornamentzweigen und Ranken gebildet ist. Wir haben an anderem Orte unsere Meinung über das Verhältniß dieser ornamentalen Haltung der Geräthe ausgesprochen, die wir keineswegs zurückgenommen wissen wollen, wenn man auch gerade hier in dem fraglichen Werke sieht, daß da, wo der gesammte Aufbau mit mehr oder minder strengen Architekturformen sich gebildet hatte, das plötzliche Verwandeln derselben in Ornamente, ohne weitergehende Umwandlung der Gesammtform des Gefäßes, eine gewisse unbefriedigende Trockenheit im Gefolge hat, aus der zu ersehen ist, daß wir es hier mit den letzten Ausgängen einer Kunst zu thun haben, und daß die Aufnahme solcher an und für sich zwar rationellen Motive eine Folge der eingetretenen Zersetzung ist, keineswegs aber ein Prinzip, das gestaltend auf alle Werke der Kunstperiode gewirkt hatte.

+Nürnberg.+ +A. Essenwein.+

(Schluß folgt.)

(Mit einer Beilage.)

Verantwortliche Redaction: A. +Essenwein+. Dr. G. K. +Frommann+. Dr. A. v. +Eye+.

Verlag der literarisch-artistischen Anstalt des germanischen Museums in Nürnberg.

Sebald’sche Buchdruckerei in Nürnberg.

BEILAGE ZUM ANZEIGER FÜR KUNDE DER DEUTSCHEN VORZEIT.

1868. Nº 11. November.

Chronik des germanischen Museums.

+Nürnberg+, den 15. November 1868.

Der in der Augustnummer dieses Blattes enthaltenen Mittheilung über Unterstützungsbeiträge aus bayerischen Kreisfonds haben wir nunmehr noch weiter beizufügen, daß uns aus der +oberbayerischen+ Kreiskasse, wie bisher alljährlich, 200 fl. zugekommen sind.

Die ehemals freie Reichsstadt +Weißenburg+ am Sand hat uns den Rest des früheren reichsstädtischen Zeughauses, 12 Feldschlangen des 16. und 17. Jahrhunderts, zur Aufbewahrung übergeben; es ist uns damit ein werthvoller Zuwachs für unsere Sammlungen geworden. Die +protestantische Kirchenverwaltung Nürnberg+ hat uns neuerdings ein kostbares Kunstwerk aus der Zeit um 1500, eine liegende Heiligenfigur, fast in Lebensgröße in Holz geschnitzt, zur Aufstellung überlassen. Von der hochfürstlich +hohenlohe’schen+ Familie ist uns der Abguß des bekannten schönen hohenlohe’schen Figurengrabsteins zu Schönthal in Württemberg zugesagt; ebenso hat Se. Durchlaucht Fürst +Friedrich-Karl von Hohenlohe-Waldenburg+, bei allen Lesern des Anzeigers durch seine werthvollen sphragistischen Arbeiten in guter Erinnerung stehend, den Abguß eines hohenlohe’schen Wappengrabsteines aus der Klosterkirche zu Heilsbronn angeordnet und zugleich Se. Durchlaucht den Fürsten von +Oettingen-Wallerstein+, den wir bereits seit vielen Jahren unter die hohen Gönner unserer Anstalt rechnen dürfen, veranlaßt, den zu erwähntem Wappengrabstein in Beziehung stehenden öttingen’schen Wappengrabstein abformen zu lassen.