Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit (1868) Neue Folge. Fünfzehnter Band.
Part 39
Das Email der zweiten Periode, Email champlevé, war gleichfalls in einer großen Reihe prachtvoller Stücke vorhanden. Hierher hätte vor allem auch eine Reihe jener Exemplare gehört, an denen das Email champlevé mit dem cloisonné, d. h. Zellen- und Flächenemail, wechselt. Die Braunschweiger Schätze, jetzt zum größten Theil im Besitze des Königs von Hannover, würden hierher gepaßt haben. Die Mehrzahl der Erzeugnisse jener zweiten Periode, die vom 11. bis 13. Jahrh. geht, hat anderwärts viel Gleichartiges. Es sind nicht mehr kostbare Einzelstücke; an den Reliquienkästchen, an den Tragaltären und Kreuzen ist zu sehen, daß wir es hier mit handwerklichen Produkten zu thun haben, die in Massen, theilweise ohne vorherige Bestimmung gefertigt, in den Handel gebracht wurden. Wir dürfen allerdings nicht vergessen, daß auch diese zweite Periode einzelne, für bestimmte Zwecke und auf besondere Bestellung gefertigte große Prachtstücke, denen man viele Sorgfalt widmete, hervorgebracht hat. So zeigte ein gleichfalls ausgestellter Altaraufsatz aus St. Castor in Coblenz, jetzt in St. Denis bei Paris, daß auch besonders edle Werke hier nicht fehlten; derselbe ist ein Prachtstück, dem ähnliche in Aachen, Cöln und anderwärts würdig zur Seite stehen. Wie hoch sich in Deutschland die Emailkunst in jener zweiten Periode gehoben, beweisen ferner die unter den Gegenständen kleinerer Dimension vorkommenden beiden, der Limburger Tafel nachgebildeten Stücke. Doch hat hier das Email eine andere Rolle. Es tritt in Verbindung mit der getriebenen Arbeit, mit Filigran und Steinen. Wenn auch schon das byzantinische Reliquiar des 10. Jahrh. solche Verbindung aufweist, so dominiert doch dort das Email, während es hier mehr zurückgedrängt ist. Die Farbenstimmung ist durch die fast ausschließliche Verwendung opaker Farben nicht jene glänzende; die Zeichnung zwar eine andere, jedoch gleichfalls eine solche von hoher Vollendung. An diesen Vorzügen participieren diejenigen Werke freilich nur zu geringem Theil, welche, für den Markt bestimmt, in Masse mit mehr oder minder großer Sorgfalt, größtentheils in weniger edlen Metallen gefertigt wurden. Während das Email der ersten Periode sich in Gold eingeschmolzen findet, war in der zweiten bei glänzenden Stücken das Silber, für die geringeren aber das Kupfer das Material. Neben den deutschen Erzeugnissen tritt nun vorzugsweise auch Frankreich als Rivale auf, und die in Limoges gefertigten Arbeiten zeigen nicht nur mit den deutschen die vollste Verwandtschaft, sie sind, weil eben fast ausschließlich für den Handel hergestellt, mit größerer Handwerksmäßigkeit und weit geringerer Feinheit gearbeitet; und da diese Technik sehr lange alte Formen beibehielt, die wieder und wieder reproduciert wurden, so geht das Handwerksmäßige oft bis zur Rohheit, die, in Verbindung mit etwas alterthümlichen Formen, den Sachen ein sehr altes Aussehen gibt, dem dann aber wieder andere Kennzeichen der späteren Zeit widersprechen. Die Mehrzahl der ausgestellten Gegenstände war deutsch und gehörte dem 12. Jahrhunderte an, andere dein 13.; unter den Limousinern gieng ein emailliertes Kreuz, Beschlag eines Reliquienkastens, wol bis in den Schluß des 14. Jahrhunderts. Von eigentlich gothischen Emailwerken war wenig vorhanden; doch zeigte das vorzugsweise nach anderer Seite hin interessante Schaugefäß aus Osnabrück das einfach opake blaue und rothe Email, wie es in den Goldschmiedarbeiten des 14. Jahrh. häufig ist, während ein dem 14. Jahrh. angehörender Kelch mit Patene, aus dem Besitze des Fürsten von Hohenzollern-Sigmaringen, die Wiederaufnahme des durchsichtigen Emails, jedoch in ganz anderer Weise, als es die älteren deutschen Arbeiten haben, erblicken ließ. Hier ist nämlich das Email nicht mehr in Zellen eingeschlossen, sondern über flach modellierte und gravierte Medaillons übergelegt und oben aufgeschmolzen, so zwar, daß die einzelnen verschiedenen Farben nicht mehr durch Metallzwischenräume getrennt sind.
Die letzte Periode war durch einige Limousiner Arbeiten des 16. Jahrh. vertreten. Hier ist mit einer Auswahl von nur wenigen Farben förmlich über die Kupferunterlage gemalt und diese Gemälde sind sodann im Feuer zum Schmelzen gebracht. Man nennt alle diese in Schwarz, Grau, Blauviolett, Fleischfarb und Weiß, etwas Grün und aufgetragenem Gold gemalten Schmelzbilder Limousin, weil der Hauptsitz dieser Kunst in Limoges zu suchen ist, während in Frankreich ganz gewiß auch anderwärts ähnliche Werke gemalt wurden.
+Nürnberg.+
+A. Essenwein.+
(Schluß folgt.)
Zur Geschichte der Baukunst im Ordenslande Preußen.
H. +Otte+ hat S. 592 der vierten Auflage seiner vortrefflichen kirchlichen Kunst-Archäologie eine kurze Charakteristik der mittelalterlichen Baukunst im Ordenslande Preußen gegeben, welche jedoch einiger Berichtigungen bedarf. Sei es mir gestattet, an dieselbe einige Bemerkungen zu knüpfen, welche das Resultat jahrelangen, liebevollen und eingehenden Studiums der Geschichte der Baukunst im Ordenslande Preußen (soweit die Denkmale derselben mir zugänglich waren) sind.
1) Die Kirchen in Preußen haben keineswegs „regelmäßig“ +Schiffe von gleicher Höhe+. Aus älterer Zeit (14. Jahrh.) finden sich öfter Basiliken, wie das im Correspondenz-Blatt der deutschen Geschichts-Vereine 1865, S. 32, Note 2 von mir gegebene Verzeichniß beweiset. Außerdem haben die Kathedralen zu Marienwerder und zu Königsberg ein höheres Mittelschiff, freilich +ohne+ Oberlicht. Aehnlich war es, wie ich kürzlich nachgewiesen habe (Jahrbücher für Kunstwissenschaft, Bd. I, S. 134), in der alten Marienkirche zu Danzig, und ähnlich scheint es auch bei den Kirchen St. Katharinen und St. Nicolaus zu Danzig und den Pfarrkirchen zu Putzig und Pestlin beabsichtigt gewesen zu sein. Erst später, seit dem 15. Jahrhundert, werden Hallenkirchen allgemein.
2) Dasselbe gilt in Betreff des +geraden Chorschlusses+. Der polygone Chorschluß findet sich bei den Kirchen des 14. Jahrhunderts mindestens eben so häufig als der gerade, wie ein von mir angelegtes vergleichendes Verzeichniß aller aus eigener Anschauung oder Abbildung mir bekannten Kirchen im Ordenslande Preußen zeigt. Es war in den verschiedenen Gegenden verschieden. Fast alle älteren Kirchen im Umkreise von Marienburg z. B. haben einen polygonen Chor. Sogar bei der Schloßkirche zu Marienburg findet er sich, wo man doch vorzugsweise Ursache gehabt hätte (vergl. die treffende Bemerkung in C. Schnaase’s Gesch. d. bildenden Künste VI, 352), den geraden Abschluß zu wählen. Seit dem 15. Jahrhundert aber kommt der letztere, mit den reich ausgebildeten Ostgiebeln, auch bei Pfarr- und Klosterkirchen allgemein in Gebrauch; doch nicht ausschließlich, denn z. B. die aus dem Ende des 15. Jahrh. stammende Kirche zu Stuhm ist polygon geschlossen. Da aber der größeste Theil (Heilig-Leichnam hat einen polygonen Chor) der Kirchen Danzigs (Zusammenstellung der Grundrisse bei J. C. Schultz, Radirungen I, 15) späterer Zeit (dem 15. Jahrh.) angehört und daher geradlinig geschlossen ist und die andern Baudenkmale im Ordenslande Preußen wenig bekannt sind, hat sich die Meinung gebildet, daß der gerade Chorschluß der in Preußen zu allen Zeiten herrschende gewesen sei. Die von Fr. v. Quast auf Taf. XXIII seiner „Denkmale der Baukunst“ gegebene Zusammenstellung von Abbildungen kleinerer Kirchen (aus engem Kreise) mag dazu beigetragen haben, diese Ansicht zu bestätigen.
3) Die +Zinnen+ (wie bei St. Marien zu Danzig) und ein zinnenartiger Aufsatz (wie bei St. Johann zu Danzig) dürften wol nur bei Bauten späterer Zeit (Ende des 15. Jahrh.) als +Ornament+, und auch nur seltener, vorkommen. Dergleichen waren, wie Fr. v. Quast (Preuß. Prov. Bl. 1851, Bd. XI, S. 20) bereits nachgewiesen, nicht einmal bei den Ordenshäusern in Gebrauch. Man bediente sich zur Vertheidigung vielmehr der bedeckten Wehrgänge.
4) +Wehrgänge+ an Kirchen kommen wol nur bei Kathedralen (Marienwerder, Königsberg, Frauenburg), welche wirklich zur Vertheidigung eingerichtet waren, und bei Schloßkirchen vor. Bei Pfarrkirchen habe ich sie nie gefunden. Letztere waren wol auch nie befestigt.
Die künstlerisch meist +sehr bedeutenden+ und kunsthistorisch wichtigen Baudenkmale des Ordenslandes Preußen sind bisher noch viel zu wenig erforscht, in entsprechender Weise eigentlich nur von +Fr. v. Quast+ und C. +Schnaase+, welcher, trotz der mangelnden Vorarbeiten, mit gewohnter Meisterschaft eine sehr vortreffliche, allgemeine Darstellung geliefert hat, gewürdigt worden. Es ist auf diesem Felde noch +sehr viel+ zu thun. Es fehlt vor Allem an einer historisch-kritischen Untersuchung der einzelnen Monumente. Eine systematische Entdeckungsreise durch die Provinz Preußen würde noch manches treffliche Denkmal an’s Licht bringen, würde erst das +Material+ herbeischaffen zu einer eingehenden Geschichte der Baukunst im Ordenslande Preußen. Möchte eine solche möglichst +bald+ ausgeführt werden, bevor die stürmisch vorschreitende Neuzeit Alles zerstört hat! --
+Danzig.+
+R. Bergau.+
Eines altmarkgräflichen Hofapothekers Eid.
Die Apotheken Nürnbergs waren im Mittelalter weitberühmt. Die benachbarten Fürsten und der Adel auf dem Lande ließen sich ihre Arzneien häufig in Nürnberg zubereiten. Auch gab es hier immer eine ziemliche Anzahl bewährter Aerzte, die nicht selten an weit entfernte fürstliche Höfe gerufen wurden, um ihren ärztlichen Rath zu ertheilen. Die Markgrafen zu Brandenburg, welche abwechselnd zu Ansbach oder Cadolzburg residierten, schickten ihre Recepte in der Regel zu den Apothekern in Nürnberg. Einer derselben war gemeiniglich ihr Hofapotheker, den sie als solchen förmlich verpflichteten, wie nachstehende Eidesformel zeigt, die für den nürnbergischen Apotheker entworfen wurde, den Markgraf Albrecht Achilles im Jahre 1460 durch seinen Hofmeister verpflichten ließ:
„Item er soll geloben und schwören, meinem gnädigen Herrn und der Herrschaft getreu und gewer (aufmerksam, sorgsam) zuseyn, ihren Schaden zuwarnen, Frommen (Nutzen) zuwerben (fördern) und alles das zuthun, das einem getreuen Apotheker zustehet, und sonderlich warumb (um was) man ihm schreibt und verzeichnet schickt von der Herrschaft wegen, daß er dasselb alles und jeglichs getreulich zurichten, persönlich dabey seyn und machen soll, wie ihm das durch die geschwornen der Herrschaft Leibärzt[180] befohlen wurd, und anders Niemands darüber getrauen -- daß er auch alle Arznei von frischem Materiale mach, und ob etliche veralteten, dieselben wiederumb nach dem Besten zuverneuen -- daß er auch keinerlei Material anstatt eins andern gebe in Confect oder ander Arznei ohn Rath der Herrschaft geschworen Leibärzt, und alle gesammete Arznei mach nach Beschreibung (Vorschrift) der bewährten Lehrer darüber -- und ob er Arznei mit Saphir, Hyacinthen, Perlen und anderm edeln Gestein[181] oder andern köstlichen Dingen zumachen beschieden wurd, daß er solichs nach dem allerbesten und fürderlichsten mach, darin nichts angesehen (gespart) -- was er auch Arznei von der Herrschaft wegen herausschick, dieselben vor (vorher) zu kredenzen und mit seinem Petschaft zu verwahren -- auch meins gnädigen Herrn und meiner gnädigen Frauen und der Herrschaft Geheim, was er der erführe, zuverschweigen bis in seinen Tode, alles getreulich und gänzlich sonder (ohne) Argliste und ohn Gefährde.“
+Nürnberg.+
+J. Baader.+
Markgräfliches Patent für den Oculisten, Bruch- und Steinschneider Braun von Gunzenhausen v. J. 1617.
Von gottes gnaden wir Joachim Ernst marggraff zu Brandenburg, in Preußen, zu Stettin, Pommern, der Caßuben vnd Wenden, auch in Schlesien, zu Croßen vnd Jegerndorff hertzog burggraff zu Nürnberg vnd fürst zu Rügen, Dem nach vns zeiger dessen, vnser vnderthan und burger zu Guntzenhausen Johan Simon Braun, oculist, auch stein- vnd bruchschneider vnderthenig zuerkennen geben, das er nit allein das barbiererhandwerk, sondern auch beneben demselben die kunst des stein- vnd bruchschneidens, wie dessen gnugsam erwiesen, mit vleiß gelernet, wie dan an ietzo inner vier jarn sowohl in vnserm land vnd fürstenthumb alß auch außer deßelben anderer vnderschiedlicher orten ettlich viel personen an brüchen, steinen, krebsen, fisteln, hasenschartten, starn gestochen vnd geschnitten, welche ihme auch sonder sein ruhm vermittels göttlicher hülff zimblich wohl vnd glücklich, alß dessen mit lebendiger kundschafft vnd briefflichen vrkunden zubescheinen, gerathen, Dieweil aber ihme bißhero durch ettliche landfahrer vnd marckschreyer, so sich dergleichen auch vnderfangen vnd doch diese nützliche vnd hochnohtwendige kunst nit gelernet, merckliche hinderung vnd eintrag geschehen wollen -- alß hatt bei vns wider dergleichen quaksalber vnd leichtfertige gesellen, welche die arme presthaffte leut nur betriegen vnd ansetzen, er Braun gantz vnderthenig angelangt, ihme ein offen patent vnd zeugknuß, sich deßen seiner notturfft nach hette zugebrauchen, gnedig mittzutheilen, welches wir ihme, weil er vns von ettlichen der sachen verstendigen seiner kunst und glücklichen hand halben, berühmet worden, vmb desto weniger verwaigern wöllen. Vnd ist hierauf an alle vnd jede vnsere ambtleut vnd vnderthanen vnser gnediger beuelh, sie wollen obgemellten Braunen vf fürweisung dieß vnsern patents nicht allein glauben zustellen, sondern auch denselben, do sie seiner kunst bedörfftig, vor andern vnbekandten vmbschwaiffern, die wir vnsers theils ohne das in vnserm fürstenthumb nit gedulden können, gegen gebürende vergleichung vnd belohnung gebrauchen, darneben auch sonsten alle gute befürderung erweisen, dagegen er sich erbotten, arme vnuermögliche personen von vnsern vnderthanen vmbsonst vnd Gottes willen zuschneiden. Das gereicht vnsern vnderthanen selbsten zum besten, vnd wir wollen vns solches zugeschehen verlaßen. Zu vrkund mit vnserm anhangenden fürstlichen secretinsigel becrefftiget, vnd geben zu Onolzbach den 4. januarii Anno 1617.
+Nürnberg.+
+J. Baader.+
Geistliche Scherze.
Zu den früher mitgetheilten lateinischen Reimversen kann ich noch einen Nachtrag liefern. In dem humanistischen Sammelband der Wiener Bibliothek Nr. 3244, über welchen ich an einem andern Orte ausführlicher berichte, folgen auf einen mit zierlicher Gelehrsamkeit abgefaßten Brief Peter Luders de vita Curialium Sacerdotum Verse, welche zu sehr den classischen Regeln widerstreiten, als daß man sie nicht für rein mittelalterlich und wahrscheinlich aus älterer Tradition herrührend halten sollte. Der vermuthliche Sammler der Handschrift, Mathias von Kemnat, Kaplan des Pfalzgrafen Friedrich des Siegreichen, führte selbst ein solches Hofleben, und hat wol darum diese Stücke unter seine übrigens rein humanistischen Collectaneen aufgenommen, die Zusammenstellung auch wol selbst besorgt.
+De vita Curialium.+
Colla iugo subdere curias sectari, Quarum sunt innumere clades, mores rari, Potens suo vivere debet excitari. Aliena desere quadra convivari, Pane tuo vescere, tibi dominari Si vis et effugere curis lacerari. Malo fabam rodere liber et letari, Quam cibis affluere servus et tristari. Aulici sunt opere semper adulari, Fictas laudes promere lucraque venari, Ab inplumis tollere plumas et conari, Dominos alludere, falsa commentari.
Ve quos habent pingere verba que subduntur: Nulla fides pietasque viris qui castra secuntur.
+Libera me domine.+
Bona condit cetera bonum libertatis. Qui gazarum genera tot thezaurizatis, Multiplici phalera vos qui falleratis, Et cum libet ubera fercula bibatis: Si vivere libera vita nequeatis, Numquam saporifera servi degustatis. Vincit auri pondera sue potestatis Esse, nobis funera servi propinatis, Mala per innumera dum magis optatis.
+Contra+: Egregius labor est sub magno principe castra Continuando sequi, sed sic non itur ad astra Promittunt, non dant, dicunt nec postea curant, Et sic falluntur miseri qui castra secuntur.
Ist der poetische Werth dieser Sachen auch gering, so ist es doch wünschenswerth, den Stoff nach und nach recht vollständig zusammen zu bringen, um endlich einmal zu dem Ziele einer kritisch durchgearbeiteten, umfassenden Sammlung zu gelangen. Noch ist in Handschriften ohne Zweifel viel der Art verborgen.
+Heidelberg.+
+W. Wattenbach.+
Zur Symbolik im 14. Jahrhundert.
Bild und Stein bewahren uns treu die symbolisierenden Anschauungen unserer Vorfahren, und Lied und Predigt bieten uns deren Erklärung. Einen wenigstens in einigen Zügen bemerkenswerthen Beitrag zur christlichen Symbolik gegen Abschluß des Mittelalters enthält das Büchlein „der gebißen spiegel“ (Papierhandschrift Nr. 194 der Stiftsbibliothek Lambach, vom 15. Jahrh.), welches mit Mystik stark versetzt ist und in seinem letzten Theil -- einer ursprünglich für sich bestehenden kleineren Abhandlung -- die sieben Hauptsünden und die denselben entgegenstehenden Tugenden als Gewappnete folgendermassen schildert.
I.
„Die +hochfart+ chumpt auf einem tyr haist +dromedarius+, hat +guldein harnesch+ angelegt, auf dem +helm+ furt er einen +phau+, an dem +schild+ einen +adlar+, an dem +waffenroch+ einen +chrenten leben+, in der hant +ein praitz swert+.
Dew +vnchausch+ reit auf einem +wilden peren+, hat auf dem +helm+ einen +chrancz von rosen+ furt an dem +schild+ ein +siren+ an dem +roch+ ein +basalischen+ in der hant ein +guldein choph voller vnrainchait+.
Dy +geittichait+ sitzt auf einem tir haist +orix+ auf dem +helem+ furcz ein +scheren+, am +roch+ ain +aichhorn+ an dem +schilt+ ein tir haist +mocerontes+.
Der +zorn+ sitzt auf einem +chemel+, auf dem +helm+ furt er ein +sparber+, an dem +schilt+ ein +winunden hunt+, an dem +roch+ ein +merbunder+ haist forca.
Der +neyd+ sitzt auf einem +trachen+ auf dem +helm+ furt er ein +nest mit pein+, an dem +schilt+ ein +fledermaus+, an dem +roch+ ein +slangen+.
Dew +trachait+ sitzt auf einem +essel+, auf dem +helm+ furt er ein +affen+, an dem +schilt+ ein +pufel+, an dem +waffenroch+ ein +liepharten+.
De +full+ oder +frashait+ sitzt auf ein +wilden chatzen+ furt auf dem +helm+ ein +fugs+, am +schilt+ ein +heicht+. am +roch+ ein tyr haist +panthion+.
II.
De +diemutigehait+ sitzt auf einem +phantyr+ (pantel), furt auf dem +helm+ ein chrancz von +pluennden beinstochen+, an dem +schilt zwo laitter+, an dem +boffenroch+ ein +greiffen+.
De +chauschait+ sitzt auf einem +aingehurin+, furt auf dem +helm+ ein +chrancz von weißen, gelben vnd grunen liligen+, an dem +schilt+ furt sy einen +engel+, an dem +roch+ einen +wolf+.
Dew +miltichait+ sitzt auf einem tyr haist +eale+, furt einen +helm+ gezirt mit edelm gestain haißent +iaspides+, an dem +schilt+ ein +galander vogel+, an dem +roch+ ein +storchen+.
De +geduld+ sitzt auf einem +helfant+, auf dem +helm+ furt sie ein +agnum+, an dem +schilt leocafaniam+ (leocofonam?) an dem +roch+ ein +schoff+.
De +lieb+ sitzt auf einem tyr haist +orasius+ (erasius?), furt auf dem +helm+ ein +coredulum+ (vogel), an dem +schilt+ ein +pellican+, an dem +roch+ ein +arpium+ (arpia -- vogel).
De +andacht+ sitzt auf einem tyr haist +campulus+ (compolus?) auf dem +helm+ furt sy ein chranz von +ruten+, darin sitzt ein nachtigal, an dem +schilt+ ein vogel haist +augophilon+, an dem +roch+ ein +fenix+.
De +messichait+ sitzt auf einem +hirßen+, furt auf dem +helm+ ein +nest+ mit +jungen raben+, an dem +schilt+ ein +otter+ (vischotter), an dem +roch+ ein +slangen+.“
Obwohl die Anwendung manchmal nicht treffend genug, öfter noch zu weit hergeholt erscheint, so ist dennoch manche interessante Notiz in der Ausführung zu finden. Wir können auf Weiteres verzichten, nachdem derselbe Gegenstand, für den wir hier eine neue Quelle erschlossen, in der Literatur nicht neu ist, und verweisen nur auf die im Archiv für Kunde österreichischer Geschichtsquellen V. Band, Seite 583 ff., gegebenen „Archäologischen Notizen“ von Dr. G. Heider und J. V. Häufler, wo ein etwas ausführlicher gehaltener Text desselben Gegenstandes aus einem Manuscript zu Göttweih -- dort als „+Note wider den Teufel+“ bezeichnet -- mit vielen Anmerkungen abgedruckt ist. Von den vielen Darstellungen erwähnen wir nur die Regensburger Teppiche des 15. Jahrhunderts. Als Verfasser erscheint in dem Manuscripte ein Prediger von Amberg:
„Das puchlein +dewsch+ hat gemacht herr +prediger+ von +amwerg+ durch großer diemüttiger gepett willen der woll geporen grozzen vnd herrn +hannsen+ von +scharffeneck+ vnd des durchleichtigisten herrn +ludweig chunig von vngern+, +dalmacie+ hochster rat. +dy red lert her martin+.“ Das ganze Büchlein scheint aus Sermones oder Tractatus verschiedener Verfasser zusammengesetzt zu sein. -- Der genannte König Ludwig ist wol der Erste dieses Namens, der von 1342-1382 regierte. Da er 1355 Dalmatien sich unterworfen hatte, so ist nicht zu zweifeln, daß obige Uebersetzung zwischen 1355-1382 stattgefunden habe. Genauere Angabe über +Johann von Scharfeneck+ sowohl, als über den +Prediger von Amberg+ ist wünschenswerth.
+Lambach+ (Oberösterreich).
+Pius Schmieder.+
(Mit einer Beilage.)
Verantwortliche Redaction: A. +Essenwein+. Dr. G. K. +Frommann+. Dr. A. v. +Eye+.
Verlag der literarisch-artistischen Anstalt des germanischen Museums in Nürnberg.
Sebald’sche Buchdruckerei in Nürnberg.
BEILAGE ZUM ANZEIGER FÜR KUNDE DER DEUTSCHEN VORZEIT.
1868. Nº 10. October.
Chronik des germanischen Museums.
+Nürnberg+, den 15. October 1868.