Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit (1868) Neue Folge. Fünfzehnter Band.
Part 37
+Allgemeine Zeitung+: Wochenausg. Nr. 35, S. 550. Die Restauration des Ulmer Münsters. -- S. 553. Rede auf Jakob Balde. (J. Schrott.)
+Danziger Zeitung+: Nr. 4996, 14. Aug., u. 4998, 15. Aug. Der Ziegelrohbau mit besonderer Rücksicht auf die Provinz Preußen. (R. Bergau.)
+Illustr. Zeitung+: Nr. 1312, S. 130. Die Sonn- und Mondfinsternisse in Brauch und Glauben des Volks. -- S. 131. Das Haus zum „Goliath“ in Regensburg. (H. Weininger.) -- Nr. 1314. Das Passionsspiel zu Brixlegg.
Vermischte Nachrichten.
87) Der Bildhauer Gustav v. Dornis hat, ursprünglich für den Marktbrunnen zu +Eisenach+, eine +Statue Martin Luther+’s als kleinen Currentschülers geschaffen. Bei der Feier des vorjährigen Wartburgjubiläums ward der Gedanke angeregt, das Denkmal vor dem Wohnhause der Frau Cotta aufzustellen, die den Currentschüler Luther in ihre mütterliche Pflege genommen hatte. Die burschenschaftlichen Kreise, von welchen der Gedanke ausgegangen, wollen ihn nun auch zur Ausführung bringen, und Robert und Richard Keil in Weimar haben zu diesem Zwecke einen Aufruf erlassen in ihren „Erinnerungsblättern an die burschenschaftlichen Wartburgfeste von 1817 und 1867“ -- einem Buch, welches zunächst bestimmt ist, dem 1866 zu Jena verstorbenen Professor Scheidler ein Grabmal zu stiften.
(Ill. Ztg. 1312.)
88) Im Archiv des Kreisgerichts zu +Marburg+ wurden verschiedene, seither unbekannt gewesene +Briefe Luther+’s und des +Götz von Berlichingen+, sowie einige Ablaßbriefe von 1517 aufgefunden.
(Frk. Kur. Nr. 245.)
89) Wie Herr J. Blahut in Prag dem german. Museum schreibt, befindet sich in seinem Besitze ein +Planetolabium+ aus dem Nachlasse des dänischen Astronomen +Tycho de Brahe+, welches, seinem System gemäß eingerichtet, nicht allein von ihm, sondern auch von Kepler und dem Kaiser Rudolf II. benutzt worden sein soll. Bis zum Jahre 1852 auf der Prager Sternwarte verwahrt, wurde es sodann nebst andern Sachen veräußert und von dem gegenwärtigen Besitzer erstanden. Derselbe denkt, es jetzt wieder zu verkaufen und, sollte ihm in Deutschland kein annehmbarer Preis geboten werden, sich nach England zu wenden. Es wäre sicher wünschenswerth, daß eine so seltene Reliquie Deutschland erhalten bliebe.
90) Im herzoglichen Museum zu +Braunschweig+, und zwar im letzten, nordwärts stehenden Fensterschranke in der östlichen Galerie, befindet sich ein altes +Altarlaken+ von ponceaurothem Seidendamast, in welches Figuren, die sich wiederholen: kniende, ein Rauchfaß schwingende Engel, Sonne, Halbmond, Löwe und Adler, sowie in Medaillenform der Heiland und die Jungfrau Maria, eingestickt sind. Diese jetzt ziemlich unscheinbare Altardecke war ursprünglich ein von Kaiser +Otto+ IV. (von Braunschweig), Sohn Heinrich’s des Löwen, getragener Mantel. In seinem am 18. Mai 1218, also kurz vor seinem am 29. auf der Harzburg erfolgten Tode, errichteten letzten Willen hieß es: „Wir bitten dich, Bruder Pfalzgraf Heinrich, wenn Wir gestorben sind, das heilige Kreuz, die Lanze, die Krone und den Zahn von St. Johannes dem Täufer, sammt den übrigen Reichskleinodien (-reliquien?), mit Ausnahme Unsers Mantels, welcher an St. Aegidien zu geben ist (praeter pallium nostrum, quod dandum est ad Stum. Aegidien), noch zwanzig Wochen zu verwahren und Keinem zu überantworten, der nicht einmüthiglich zum Haupte des Reichs erkoren ist.“ Auf diese Weise kam der kaiserliche Mantel an das Aegidienkloster zu Braunschweig und wurde von den Mönchen in eine Altardecke umgewandelt. Nach der Reformation blieb er Jahre lang versteckt und unbemerkt mit andern Sachen in einer Kiste auf dem Boden des Collegium Carolinum verborgen liegen, bis er vor einigen Jahren aufgefunden und sein Kunst- und historischer Werth richtig gewürdigt wurde.
(Braunschw. Tagbl. Nr. 217.)
91) Bei der Abräumung eines Platzes auf dem +Regensteine+ bei Blankenburg (Braunschweig) wurden verschiedene +Alterthümer gefunden+, namentlich eine eiserne Kanonenkugel, eine Streitaxt, eine sehr gut erhaltene Todtenurne und verschiedene Pfeilspitzen. Es hat sich herausgestellt, daß die Kanonenkugel aus dem Jahre 1757 von der Beschießung des Regensteins durch den französischen General d’Ayen herrührt.
(Dass. Nr. 237.)
92) Der Geh. Archivrath Dr. Lisch berichtet in den Meckl. Anz. über einen größern Fund aus dem Torfmoore von +Holzendorf+, Amts Sternberg. Dieser Fund besteht aus den +Resten einer Gießstätte der Bronzezeit+, unter welchen sich auch eine vollständige bronzene Gußform zu bronzenen Wurfgeschossen (framea oder Celt), die erste in den deutschen Ostseeländern entdeckte, mit den abgebrochenen Gußzapfen, findet, außerdem aber noch aus ungefähr 30 Stücken von theils noch nicht gefeilten gegossenen Alterthümern geringeren Werthes, theils von Bruchstücken zerbrochener bronzener Geräthe, welche offenbar zum Einschmelzen bestimmt gewesen sind.
(Korr. v. u. f. D. Nr. 434.)
93) In dem Forste zwischen +Beschine+ und +Mönchmotschelnitz+ (Schlesien) sprengte man einen erratischen Block von enormer Größe. Unter demselben, in einer Tiefe von etwa 6 Fuß, fanden die Arbeiter einen Steinhammer von sehr schöner Arbeit. Derselbe ist von Serpentinstein, die Face bildet eine regelmäßige Ellipse, nur an einem Ende so weit abgeplattet, wie es der Gebrauch als Hammer bedingt; am entgegengesetzten Ende ist eine etwas lückige Schneide, in der Mitte ein vollkommen zirkelrundes, durchgehendes Loch; am dicksten Theile hat der Hammer in der Face wie im Profil zwei Zoll Durchmesser; der Diameter von der Schneide bis zum andern Ende beträgt sechs Zoll.
(Augsb. Postztg. Nr. 214.)
94) Die antiquarischen +Aufgrabungen auf Rügen+ haben am 18. Aug. begonnen. Die von der Regierung ernannte Comission, welche diese Arbeiten leitet, besteht aus dem Generalconservator Geh. Regierungsrath v. Quast in Berlin, dem Archivrath Dr. Lisch in Schwerin und dem als Zeichner fungierenden Baumeister Hammer, welchen sich, auf besondere Einladung, der auf Kosten der dänischen Regierung abgesendete Alterthumsforscher Staatsrath Worsaae aus Kopenhagen angeschlossen hat. Die der Commission gestellte Aufgabe ist, die auf Rügen befindlichen Burgwälle aus heidnischer Zeit zu untersuchen. Nach dem vorläufig entworfenen Plan erstreckt diese Untersuchung sich auf die Wälle zu Garz, auf dem Rugard, auf dem Gute zu Venz bei Gingst, Arcona, Herthaburg und Werder bei Saßnitz.
(Ill. Ztg. Nr. 1313.)
95) Interessante Nachforschungen hat man unlängst an dem kleinen See (loch) von +Forfar+, in der hochschottischen Grafschaft Forfar (Angus), angestellt, welche die ungewöhnliche Seichtigkeit des Wassers erleichterte. Das Dasein eines Crannog, oder +Pfahlbaues+, in diesem See war seit lange bekannt, aber erst jetzt ward er genauer untersucht. Zwölf Arbeiter durchbrachen den Dammweg, von welchem 150 Ellen bloßgelegt wurden; er bestand aus einem Aufwurf von Stein und Mergel, der sich bis zum westlichen Ende des Sees erstreckte. Auf der Nordseite erhob sich eine Reihe von Pfählen mit einer Querlage von Pfählen darüber, im Allgemeinen gegen 5 Fuß unter der Oberfläche des Grundes. In diesem fand man Lager von Asche, Schaf- u. Rinderknochen, Hauer von Wildschweinen und einige Bronzewerkzeuge. Man sieht, wie dieser Crannog an die Pfahlbauten der Schweiz erinnert.
(Korr. v. u. f. D. Nr. 444.)
Verantwortliche Redaction: A. +Essenwein+. Dr. G. K. +Frommann+. Dr. A. v. +Eye+.
Verlag der literarisch-artistischen Anstalt des germanischen Museums in Nürnberg.
Sebald’sche Buchdruckerei in Nürnberg.
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ORGAN DES GERMANISCHEN MUSEUMS.
1868. Nº. 10. October.
Wissenschaftliche Mittheilungen.
Zur Lage Böhmens beim Tode Kaiser Sigismund’s.
Mit dem Hinscheiden Kaiser Sigismund’s werden wir in einen der gewichtigsten und bedeutungsvollsten Momente der deutschen Geschichte eingeführt. Da mit diesem Fürsten zugleich die männliche Nachkommenschaft des luxemburgischen Hauses erloschen war, so trat für die Kurfürsten des Reiches die Nothwendigkeit ein, sich bei Wiederbesetzung des kaiserlichen Thrones nach einer andern mächtigen und angesehenen Familie umzusehen. Der Kaiser hinterließ nur eine einzige Tochter; sie war vermählt an Albrecht, den Herzog von Oesterreich aus der im besondern so genannten österreichischen Linie des habsburgischen Hauses, und Sohn jenes Albrecht’s IV., welchen seine Zeitgenossen das Wunder der Welt nannten. War diesem Fürsten auch, im Vergleiche mit dem Gesammtbesitze der steierisch-kärntnischen Linie, nur die kleinere Hälfte des habsburgischen Erbes zugefallen, so bildete diese doch, bei ohnehin günstigerer Lage, ein in sich abgeschlossenes und zusammenhängendes Gebiet. Albrecht konnte den Donaustrom, soweit dieser überhaupt das österreichische Land durchströmte, sein eigen nennen und hatte seinen Sitz in Wien, welches die Ereignisse schon seit lange zum Mittelpunkte des östlichen Deutschlands auserkoren hatten.
Durch die Hand der Elisabeth erhielt Albrecht zunächst die Anwartschaft auf Böhmen, welches Sigismund als Sprößling des königlichen Hauses besessen hatte, und sodann auf Ungarn, welches demselben durch seine erste Gemahlin Maria, die Erbin des Hauses Anjou, zugefallen war. Nach langen verworrenen Händeln und blutigen Fehden, nach mancher bedenklichen Wendung der Ereignisse, welche der mit lebensfrischer Kraft emporstrebenden Schöpfung der Babenberger nicht selten den Untergang drohten, schien endlich der Zeitpunkt gekommen, in welchem die Ostmark an die Spitze der Donauländer treten, Böhmen und Ungarn zu sich heranziehen und so eine Vereinigung, welche bis jetzt vergeblich mit den Waffen erstrebt worden war, auf dem friedlichen Wege eines glücklichen Ehebündnisses vollzogen werden sollte. Es fragte sich nur, ob das, was menschliche Absicht und fürstlicher Ehrgeiz mit mühevoller Sorgfalt und künstlicher Berechnung in zarten Fäden eingeleitet und verknüpft hatten, auch von den Völkern ruhig hingenommen, oder nicht vielmehr zum Feuerzeichen innerer Stürme und Umwälzungen erhoben würde. Das Schicksal entschied sich für den letzteren Weg. Noch ein Jahrhundert verfloß, ausgezeichnet durch großartige Charaktere und gewaltige Ereignisse, durch welche das Leben der drei Nationen bis in die untersten Schichten aufgewühlt wurde, bevor an den östlichen Grenzmarken Deutschlands der österreichische Staat die weltgeschichtliche Bedeutung erlangt hatte, welche ihm unter den europäischen Mächten eine der ersten Stellen zuwies.
In Ungarn zwar machte sich der Uebergang ziemlich leicht und ohne erhebliche Schwierigkeit. Obschon es an reizbarem Parteistoff im Innern keineswegs fehlte und die osmanische Herrschaft unter Amurat II. von Hadrianopel aus die bisherigen Beziehungen zu den benachbarten Staaten stark zu lockern anfieng, so hatte man sich doch bald über die Anerkennung der Tochter Sigismund’s als Königin von Ungarn verständigt, zumal man damals noch, wie uns Szalay entwickelt hat, ein einfaches Mittel fand, die Erbansprüche der Fürstin mit dem freien Wahlrechte der Nation in Uebereinstimmung zu bringen. Der ungarische Reichstag hatte überdem mit staatskluger Voraussicht die Gunst der Umstände dazu benutzt, seine eigene Stellung, wie die Freiheiten der Nation und die Gerechtsamen aller Stände und Körperschaften sicher zu stellen und den neuen König Albrecht durch bindende Zusagen an die Geschicke des Landes zu fesseln[173].
Anders in Böhmen. Die reaktionären Maßnahmen des Kaisers, welche offenbar gegen die von ihm selber eingegangenen Verträge gerichtet waren, hatten in der letzten Zeit das Mißtrauen der hussitischen Parteien von neuem wach gerufen, und die Persönlichkeit Albrecht’s, der zwar im Rufe eines zuverlässigen und redlichen Mannes stand, aber zugleich für einen entschiedenen Anhänger der alten Kirche galt, war nicht geeignet, ihre Besorgnisse zu verscheuchen. Schon vor dem Tode Sigismund’s hatten sie ihre Blicke nach Polen gerichtet; jetzt trat diese Hinneigung offen hervor, und an dem Wahltage selber kam es zu stürmischen Auftritten. Zwar erhielt die habsburgische Partei, welche namentlich auch unter den Reichsverwesern überwiegend vertreten war, die Mehrheit für sich; aber nur mit der äußersten Mühe konnte sie die immerhin sehr starke hussitische Minderheit vorläufig noch von gewaltthätigen Schritten zurückhalten. Sie musste sich zur Annahme von acht Artikeln verstehen, welche dem Herzoge von Oesterreich gewissermaßen als Wahlcapitulation vorgelegt werden sollten, und von deren Genehmigung die gegnerische Partei die Anerkennung Albrecht’s als Königs von Böhmen abhängig machte[174]. Die Dinge hiengen demnach noch immer sehr in der Schwebe, und die öffentlichen Zustände blieben verhängnißvoll.
Es stand zu erwarten, daß Palacky diesem Zeitpunkte die sorgfältigste Aufmerksamkeit zuwenden würde, und in der That hat er in seiner Darstellung alle einzelne Bestandtheile und Momente berührt, welche uns versteckte wie offenliegende Triebfedern der Parteien, die wechselnde Stimmung der Gemüther und die nach außen wie nach innen zweifelhafte Lage Böhmens vergegenwärtigen können. Aber auch den ungarischen Geschichtschreibern ist die Wichtigkeit der damaligen, die spätere Zeit vorbereitenden Ereignisse keineswegs entgangen. Namentlich hat der gewissenhafte und gründliche Teleki, wenn schon von seinem Standpunkte aus mit geringerer Ausführlichkeit, aber immer mit fester Hand und deutlichem Ziele, die Fäden der Ereignisse aufgesucht, welche sich zuerst auf böhmischem Boden entwickelten und nachmals auch auf Ungarn einen bedeutenden Einfluß ausübten[175]. Eben deswegen bleibt jede bis jetzt verborgen gebliebene Nachricht oder Mittheilung über die bezeichnete Periode, möge sie nun festgestellte Thatsachen neu bestätigen, oder anderweitige Beziehungen und Nebenumstände aufhellen, von Bedeutung und geschichtlicher Wichtigkeit. Aus diesem Grunde erlaube ich mir, eine in den Gegenstand einschlagende Orginalurkunde zu veröffentlichen, welche in dem Archive des germanischen Museums aufbewahrt wird.
Am Abende des 27. December 1437 nämlich, desselben Tages, an welchem die Königswahl und die Vereinbarung mit der hussitischen Partei stattgefunden hatte, erließen die Reichsverweser ein Sendschreiben an den Kurfürsten von Sachsen, dessen wortgetreuer Inhalt der folgende ist:
Dem hochgeboren Fursten vnd hern hern Fridrichen herczogen zu Sassen dez heiligen Romischen Reichs Erczmarschalk vnd kurfursten Lantgrauen in Doringen vnd Marggrauen zu Meissen vnzern gnedigen lieben hern.
* * * * *
Hochgeborner Furst vnd Gnediger lieber her. Vnser willig dinst zuuor mit begerung alles guten. Als ewer gnad nu villeicht mag vernomen haben den cleglichen tod vnsers allerdurchluchtigisten hern keysers vnd kunigs, dem got barmherczig sey, doran dann nicht allein vnserm kunigreich, sunder der ganczen kristenheit großer vnrat erstanden ist, haben wir frach solicher gerechtikeit vnser Erbfrawen von Osterreich, vnd nach sulchen verschreibungen die die Cron zu Behem vnd das haws von Osterreich zusamme haben, vff hewt disen tag Sy beide zu vnsern kunig vnd kuniginn gewelet, als Sy dann ouch zu Hungarn eintrechticlich erwelet sind, als wir des schrift gehabt haben, got sei gelobt. Und wann wir bisz vff Ir beyder zukunfft, die obgotwil kurczlich sein wirt, das landt zu Behem vnd seine zugehörung zuuerwesen geseczt sind, vnd das meinen zuschuczen vnd zuschirmen, sunderlich ouch die land Eger vnd Ellbogen, vnd ir stett vnd inwoner, nach dem vnd sy der Cron zu Behem zugehören, vnd vil anfechtung haben, als wir vernemen, vnd dorumb so bitten wir ewer gnad mit ernstem fleiße vnd begern, das Ir euch die vorgenant lant, stett vnd inwoner, vnd was der Cron zugehöret, lasset gütlich beuolhen sein, in helffet vnd ratet, ob sy ymandt beschedigen oder angreiffen wolt, vnd ouch den ewern das zutun nicht gestattet. Und wollet euch in guter nachperschafft beweisen vnd halten, das wir vnd die lande mit euch vnd den ewern in guten willen beleiben mogen, vnd nicht zu zwitrecht komen, als dann von solichem zugreiffen komen mocht. Das wollen wir vmb ewer gnad gern verdienen, vnd des danknem sein. Geben zu Prag, an sant Johans Ewangelisten tag.
Ulrich von Rozenberg. Menhard vom Newenhaus, Oberster Purggraf zu Prag. Alsso von Sternberg. Peter von Michelsper(g). Hans von Colowrat. Jan von Smyrzicz. Jan von Cunwald vndercamrer. Vnd Burgermeister und Rate der Großen vnd Newen Stete zu Prage.
Das Jahr fehlt in der Urkunde; aber die deutliche Bezeichnung des Tages, welcher mit den anderweitigen Angaben über den Tag der Wahl Albrecht’s und Elisabethens übereinstimmt, sowie der übrige Inhalt der Urkunde lassen über dasselbe nicht den mindesten Zweifel. Der Brief, auf Papier geschrieben, war mit acht Petschaften versiegelt. Eines derselben ist abgerissen, ein anderes verwischt und unkenntlich geworden. Zwei Siegel scheinen dem Geschlechte der Rosenberge anzugehören, ein anderes den Kolowrat. Das sechste zeigt einen gespaltenen Schild mit geschlossenem Adlerflug auf dem Helme innerhalb eines länglichen Vierpasses, und die Umschrift enthält die Worte: S. Petr. Zmr. chatowitz. Vielleicht bezieht es sich auf Peter Zmrzlik, welcher von Palacky unter den tüchtigen Mannen des Richterstandes genannt wird[176]. Die beiden größern Petschafte sind diejenigen der beiden Städte von Prag mit den entsprechenden Legenden: Secretum civium Pragensium, und: Secretum novae civitatis Pragensis.
Der Fürst, an welchen das Schreiben gerichtet wurde, war Friedrich der Friedfertige, Sohn Friedrich’s des Streitbaren, welchem nach dem Erlöschen der wirttenbergischen Linie des askanischen Hauses seit 1423 die kurfürstliche Würde zugefallen war. Die an denselben gerichtete Aufmahnung zur Handhabung der Ordnung in den Grenzgebieten darf kaum als Mißtrauen gegen ihn selber ausgelegt werden, da dieser Fürst längst schon seine Treue gegen das Luxemburger Haus thatsächlich bewiesen hatte und dieselbe bald nachher auf’s neue bewährte. Das Schreiben, welches schon im Allgemeinen eine gewisse Besorgniß und Unruhe über die herrschende Stimmung verräth, faßt insbesondere die gegen Sachsen hin gelegenen Landschaften Elnbogen und Eger in’s Auge, wo der Graf Kaspar Schlick von Lažan reich begütert war. Worin nun aber gerade dort die ruhestörerischen Vorgänge, welche das Schreiben im Auge hat, bestanden haben mochten, ob in friedebrüchigen Einfällen und gewaltthätigen Wegnahmen von Seiten des benachbarten sächsischen Adels, ob in geheimen Aufstiftungen und Anfädelungen der hussitischen Partei, -- dieses nachzuweisen und deutlich zu machen, muß ich dem Forscher und Kenner der Specialgeschichte überlassen.
+Nürnberg.+
+A. Flegler.+
Die Reliquienbehälter in der Sammlung kirchlicher Alterthümer im germanischen Museum.
Die Verehrung der Reliquien hat im Mittelalter den verschiedenen Künsten, vorzugsweise der Goldschmiedekunst und ihren Schwestern, der Kunst des Emaillierens, des Niello, aber auch fast allen andern Künsten, so der Stickerei, der Kunst des Holzschnitzens u. A., Gelegenheit gegeben, sich auf’s glänzendste zu bethätigen. Die Aufzählung der kostbaren Gefäße zur Aufbewahrung der Reliquien bildet in den Schatzverzeichnissen selbst weniger bedeutender Kirchen lange Serien, und noch heute bewundern wir in Kirchen und Museen manches überaus kostbare Stück. Die Reliquienbehälter zeigen die allerverschiedensten Formen und alle denkbaren Dimensionen. Von der gewaltigen Wallfahrts- oder Stiftskirche, oft blos als Aufbewahrungsort der Reliquien gebaut, von den großen Prachtschreinen, in denen Reihen von Reliquien und kleinen Gefäßen aufbewahrt wurden, bis zu den größeren und kleineren sarg- oder hausartigen Kästchen und zu den allerkleinsten, die man als Amulette am Hals trug, finden wir die Reliquienbehälter in den verschiedensten Formen und Größen. Ja, man verwendete nicht blos die dafür gefertigten Gefäße und Geräthe zur Aufbewahrung von Reliquien; jedes kostbare Geräth, das man zur Hand erhielt, wurde seiner Kostbarkeit wegen würdig befunden, als Hülle für Reliquien zu dienen. So findet man eine Anzahl elfenbeinerner oder holzgeschnitzter und bemalter Kästchen, deren höchst profane Darstellungen sofort zeigen, daß sie nicht für kirchlichen Gebrauch bestimmt waren, als Reliquienbehälter in Kirchen verwendet. Wir begegnen selbst Töpfen und Trinkgefäßen, die Reliquien in sich bergen, obwohl sie durch ihre rohe und einfache Form zeigen, daß ihnen so ideale Bestimmung nicht beigelegt wurde, als man sie fertigte. Auch orientalische Gläser, fremde Gold- und Seidenstoffe wurden zum Reliquiendienste benützt.
Die Bedeutung der Reliquien war für jene Zeit eine sehr wichtige. Wie wir heute Andenken an Freunde und Verwandte besonders in Ehren halten, wie wir Blumen von den Gräbern unserer Lieben aufbewahren, wie mancher Enthusiast die Schuhe oder Hüte großer Männer mit Verehrung betrachtet, so das Mittelalter die theuern Ueberbleibsel derer, die man als die größten Männer und Frauen verehrte, der Heiligen, die, schon zu Gott aufgenommen, ihre Bitten mit den Gebeten der Menschen vereinigen sollten, welche ihnen in ihren Resten Verehrung bewiesen. Wie aber heute die Verehrung unserer Größen zu Uebertreibungen führt, wie Speculationen auf die Leichtgläubigkeit in großer Zahl vorgenommen werden, so hatte auch die große Verehrung für die sichtbaren und greifbaren Andenken an die Heiligen zu förmlichem Reliquienhandel getrieben. Ebenso hatte die Industrie eine große Zahl von Reliquiengefäßen hervorgerufen, die, nicht für ganz bestimmte Reliquien, sondern als Marktartikel in Masse gefertigt, weithin versendet und von Kirchen und Privaten gekauft wurden, um darin ihre Reliquien aufzubewahren. Solche Gefäße haben denn alle eine ähnliche Form; daher auch die große Zahl fast ganz identischer, mindestens in der Grundform gleicher Reliquiengefäße, die sich überall vorfinden, während die auf eigene Bestellung gemachten Gefäße zur Aufnahme bestimmter Reliquien durch eine unerschöpfliche Mannigfaltigkeit der Formen, meist auch durch besonderen Reichthum und auserlesene Kostbarkeit sich auszeichnen.
Die Sammlung des germanischen Museums bietet allerdings solcher Kostbarkeiten nicht gerade viele, doch befinden sich unter den Reliquiengefäßen manche, die einer eingehenderen Besprechung würdig sind, und deren Veröffentlichung wol als willkommener Beitrag zur Geschichte dieser Alterthümer zu betrachten ist.
Das größte und bedeutendste Denkmal dieser Art in der Museumssammlung ist der große Schrein, in welchem ehemals die Reliquien des deutschen Reiches Aufbewahrung fanden, der im Anzeiger, Jahrg. 1861, Sp. 437 ff., beschrieben und abgebildet ist, und von dem wir daher hier absehen, ebenso wie von dem Reliquiarium, das auf Sp. 3 ff. des gegenwärtigen Jahrganges besprochen wurde.