Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit (1868) Neue Folge. Fünfzehnter Band.

Part 31

Chapter 313,155 wordsPublic domain

69) Nach dem Gutachten der Dombaumeister Voigtel, Schmidt und Denzinger handelt es sich bei der +Herstellung+ des +Domes+ zu +Frankfurt+ a. M. nicht blos um die Heilung der Brandschäden, sondern auch um die Verbesserung der Fehler, welche in frühern Jahrhunderten aus Mangel genügender physikalischer Kenntnisse begangen worden sind. Die eisernen Verbindungen der Thurmquadern haben in demselben viel tiefer reichende Zerstörungen angerichtet als das Feuer. Eine Abtragung der Kuppel und des Achtecks bis zum Ansatze der Fenster und der Neubau derselben scheint erforderlich. Dieser Neubau aber macht die aus ästhetischen Rücksichten und wegen Schutz vor abermaliger Feuersgefahr wünschenswerthe Freilegung des Doms zur Nothwendigkeit, da sonst die erforderlichen Gerüste nicht angebracht werden können. Im Interesse der Sicherheit sollen auch alle Holzbausachen: Schneebretter, Läden, Dachsparren, Glockenstuhl, welche dem Feuer Eingang und Nahrung gewährten, beseitigt und durch Eisen ersetzt werden. Freilich würde die Ausführung der Pläne der Commission, ohne die Ankaufskosten der niederzulegenden Gebäude, einen Aufwand von ½ Mill. fl. verursachen, während das Vermögen des Dombauvereins nur 100,000 fl. beträgt.

(Ill. Ztg. Nr. 1306.)

70) In dem Kreuzgange des +Paulinums+ in +Leipzig+ befinden sich alte +Frescogemälde+, welche der seit kurzem daselbst bestehende Verein für Geschichte Leipzig’s von ihrer Uebertünchung befreien und wo möglich in ihrer Urspünglichkeit wiederherstellen lassen will. Am 19. Juni waren bereits zwei Felder in der frühern Gestalt bloßgelegt, und es scheint sich nach den neuentdeckten Angaben herauszustellen, daß die Bilder 1390 gemalt und im Jahre 1517 übermalt worden sind.

(Dies. Nr. 1304.)

71) In +Würzburg+ haben die Arbeiten, welche auf dem Markte dicht an der gothischen Marienkirche zum Zweck der Kanalisierung dieses Stadttheils vorgenommen wurden, sehr unerwartete +antiquarische Funde+ zu Tage gefördert. In einer Tiefe von 8 Fuß unter den Fundamenten fanden sich in einem torfigen Sande unzählige Knochen von Torfschwein, Torfkuh, Pferd, Edelhirsch, Reh, Schaf, ganz in derselben Weise gefärbt und die Mark enthaltenden Höhlungen in derselben Weise aufgebrochen, wie dies bei den Pfahlbauten stets getroffen wird. Der Schädel eines Hundes dagegen ist ebenso unverletzt, wie dies gewöhnlich in den Pfahlbauten der Fall ist. Mit den Thierknochen kommen Sumpfschnecken und Muscheln (Lymneus, Cyclas), zahlreiche Hölzer und Knollen von erdigem, phosphorsaurem Eisenoxydul, Vivianit, vor. Nur ein kleiner roh geformter Krug, wie er den Gräbern der Bronzezeit eigenthümlich ist, wurde mit den unzweifelhaft in den Sumpf hineingeworfenen Knochen bis jetzt gefunden. Ueber die Knochenreste stehen weitere Mittheilungen des Professors Sandberger bevor, welcher dieselben untersucht hat und mit den früher im Feuerbacher Moor entdeckten völlig identisch fand.

(Dies. Nr. 1306.)

72) Von den unter Leitung von Pertz herausgegebenen +Monum. Germ. histor.+ sind wieder zwei neue Bände veröffentlicht: Tom. XX der Scriptores und Tom. IV der Leges. Der erste Band bringt Supplemente zu Band 1, 5, 7 und 12, darunter Annales Altahenses majores, herausgegeben von W. von Giesebrecht und Edm. Frhr. v. Oefele, und Herbordi dialogus de vita Ottonis episc. Babenbergensis, herausgeg. vom Prof. R. Köpke aus der von Giesebrecht in München wieder aufgefundenen Orginalhandschrift; ferner enthält er Chronica aevi Suevici, wie die Opera des berühmten Otto v. Freisingen, das Chronicon Lippoldis bergense Reineri monachi S. Laurentii opera historica u. s. w. Bearbeitet haben diese Schriften W. Arndt, K. Pertz u. a. Der 4. Band der Gesetze bietet die lange erwarteten Leges Longobardorum aus der Redaction des Geh. Rathes Prof. Dr. Bluhme in Bonn, den Liber legis Longobardorum Papiensis aus A. Boretius’ Bearbeitung u. a. Jedem Bande sind einige trefflich ausgeführte Facsimilia beigegeben.

(Das.)

73) +Zur Roswithafrage.+ Am Schluß der in Nr. 5 der Beil. z. Anz. mitgetheilten Besprechung der Aschbachschen Schrift über Roswitha findet sich die Vermuthung ausgesprochen, Prof. Aschbach habe die Sache auf sich beruhen lassen. Daß dieses aber nicht der Fall, die Angelegenheit folglich auch noch nicht als endgültig entschieden zu betrachten sei, belehrt uns ein Schreiben desselben vom 22. Juni, wornach eine zweite, vermehrte Auflage seiner Schrift, welche nachträgliche Untersuchungen über den Münchener Codex der Roswitha, über die Legende des heiligen Pelagius (worin die Mystification am offensten an den Tag treten soll) und über den als echte Geschichtsquelle in die Monum. Germ. histor. aufgenommenen Ottonischen Panegyricus enthält, bereits im Drucke erschienen ist. Die gedruckte Vorrede zu dieser zweiten Auflage war dem Schreiben beigelegt. Sobald die Schrift selbst in unsere Hände gelangt, werden wir nicht verfehlen, die Leser mit dem Inhalt derselben, soweit er Neues bietet, näher bekannt zu machen.

Verantwortliche Redaction: A. +Essenwein+. Dr. G. K. +Frommann+. Dr. A. v. +Eye+.

Verlag der literarisch-artistischen Anstalt des germanischen Museums in Nürnberg.

Sebald’sche Buchdruckerei in Nürnberg.

ANZEIGER

FÜR KUNDE DER DEUTSCHEN VORZEIT.

Neue Folge. Fünfzehnter Jahrgang.

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ORGAN DES GERMANISCHEN MUSEUMS.

1868. Nº. 8. August.

Wissenschaftliche Mittheilungen.

Auszüge aus den Wertheimer Inventaren des 16. und 17. Jahrhunderts.

(Schluß.)

III. Fahrende Habe des Bauern Jurg Resch zu Unterwittbach[133]. 1633.

An +Geschir+: Ein Wagen. Ein Pflueg. Ein Egen. Ein Ramkette. An +Bethwerck+: Sechsz Eyntzlige Beth. Vier Pfülbe. An +Geduch+: Neun Paar Leylach. Ein Bethzichen. Ein Pfulbszzichen. Zwey grobe Tischtucher. Zwo Handszzwel. Ein gewurffede Pfulbszzichen. Drey Mahl Seck. An +Kleiderwerck+: Vier Beyder Röcklig. Ein wüllener Rock. Zwo flechsene gippen[134]. Ein Leinwathsz schurtz. Zwey Beidermaasz[135] schurtztuher. Ein lang Grobgrun leible. Ein kurtz Dafed leible. Ein Paar Leinwands Ermel. Funf Leinwatsz schleyer. Ein berles Schapel. Ein gruner Sameter gurtel. An +Zinwerck+: Vier Moß Kande. Ein Halbmosz Kande. Ein Viermosz Kendle. Sieben Zinn Groß vnd Klein. Ein zinnere Moß Kande. An +Kupferwerck+: Zween Kessel, ein gutter vnd ein böser. Acht große Pfannen. Zween Eyszere löffel. An +Eyszenwerck+: Funf Kerst. Ein Reud Hebe. Ein Bickel. Zwo breyte Hebe. Zwey Beyhel, ein kleinsz vnd ein grosz. Ein wisze Beyhel. An +Holtzwerck+: Vier verschlossene Thruen. Zwo vnverschlossene Thruen. Vier gutte Bethladen. Zween Behalter. Zween Tisch. Zwo Vorbanck. Ein Backtrog. Drey Nepf. Zwo höltzerne Schussel. Zwey Dutzet Deller. Ein Dutzet löffel. An +Fasze+: Ein 10 Eymerichsz fasz. Zwei Halbfüderich fasz. Zwey funff Eymeriche fasz. Zwey vier Eymerich fasz. Zwey Eymeriche fäszle. Zwey ½ Eymeriche feszlig. Zween Zuber, der ein helt 6 Eymer, der ander 5 Eymer. Zwo Butten. Vier Gelde. Zween Kubel.

IV. Fahrende Habe des Bauern Velten Fischer zu Unterwittbach. 1633.

An +Bethwerk+: Funff Einzlige Beth. Ein Pfulbe. Ein Kussen. An +Geduchwerck+: Zwey vnd zwantzig Par leilach. Zwo Bethzichen. Zwo Pfulbzichen. Sechsz Tischtücher. Zwey Newe Hemeder. Zwey Wameszer. Zwey Par Hoszen. Ein Barchete Mutz. Drey Mahl Säck. An +Fasz+: 3 Fasz iedes ein Fuder. 2 halb Fuderige, 3 Dritthalb Eymerichs, ein Anderthalb Eymerichs feszle. Ein Wage Zuber. Ein 10 Eimerige Kuffen. Drey Butten. Ein hultzern Fasztrichter. Vier Gelden. Zween Kubel. An +anderm Hauszgereth+: Drey Bethlade. Drey Truhen. Ein Backtrog. Ein Verschlossener behalter. Noch ein langer verschlossener Behalter. Ein Sumre. Zwo Halbe metze. Zween Nepf. Zween Flade schüssel. Ein ledern Eymer. Zwo Höltzerne schüssel. Ein See Sodel[136]. Drey Dutzet Deller. Ein Sieb. Ein Tisch. Vier Körb vnd Manne. An +Zin+: Vierzehen Zin grosz vnd klein. Drey Mosz Kande. Drey Halbmosz Kande. Drey Viermosz Kendle. Zwey kleine Fleschle. Ein Messener Han. Ein Liechtform. Zween Leuchter. Zwo Scharre. Ein Stosz Eyszen. Drey Flegel. An +Eysenwerck+: Zwo Pfannen. Ein Durchschlag[137]. Ein Trifuß. Zween Kessel. Ein Kesselhole[138]. Ein Hewgabel. Ein Spiesz. Ein Ramkette. Ein Bindkette. Ein Schnidmesser. Ein eissere Kette. Ein breite Hebe. Sechss Kerst. Ein Bickel. Ein wisze Beihel. Ein Kuhkette. Zwey Beihel. Ein Wagen. Zween Pflug. Ein Schar. Ein Seg. Ein bösz Aftergeschirr.

V. Inventarium über die in der Pfarrkirche zu Wertheim befindlichen Silberkleinode, Gewänder u. s. w. 1525.

23 kelch silberen vnd vbergült, doran hat der prediger ein. 1 gros silberen monstrantz vbergült zum sacramenth. 1 silberen vbergülte monstrantz, dorin sant Kathera gebein ist[139]. 1 kleine silbere monstrantz. 1 gros silberen krewtz. 1 berlein krewtzlein. 1 gros silberen paten mit eim fusse. 1 silbere paten vbergült. 2 silberen meszkennlich. 1 rothen samethen berlin mantel zum sacramenth. 1 gulden kreutzlein nit gros. 1 vbergült Margen billein[140] vnd 1 vbergült billein, die man an die gros monstrantzen hengkt, sein beyde klein. 1 schwartz samether beuthel. 1 bloen mantel zum sacramenth. 1 silberen ketten mit etlichen kleinet daran hang. 1 silberen becher. 1 silberen becher vbergült. 1 silberen buchsen vbergült, do das sacramenth in ist. 1 kron mit 7 perlenschappeln. 1 stuck bloer sameth bestickt mit berlin. 1 roden gulden ordenath. 1 weis ordenath mit 2 rocken. 2 silberen schappelkron in der Sacristey. 5 dick schleyer. 2 schleyer mit gulden leisten. 1 bloer damastat mantel, dran hangt 23 bar silberen schlos. 8 silberen ring. 1 großer silberer biesem apffell. 3 weis stein in silber ring gefast. 8 korallen Pater Nr. 4 rocke vnser lieben frawen. -- Ein Reihe diverser Caseln und Chormäntel von Seide, Sammt und Damast mit Gold- und Perlenstickereien, Decken, Vorhänge, Grab- und Sargtücher, Leuchter, Festival- und Ferialtücher u. A. Endlich befinden sich noch „in der Begein[141] Haus und vff der Borkirchen“ verschiedene nicht einzeln aufgeführte Gegenstände, wie Schleyer, Altartücher, Handzwellen, Hungertücher, Untertücher, Kissen ins Grab, Fastentücher für die Heiligen, u. s. w.

+Wertheim.+

+Dr. Alex. Kaufmann.+

Zur Geschichte der Feuerwaffen.

(Schluß.)

Eine Reihe interessanter Handfeuerwaffen bieten die Zeugbücher Kaiser Maximilian’s in der k. k. Ambraser Sammlung in Wien, von denen das german. Museum durch die gefällige Vermittlung des Herrn k. k. Hauptmanns Quirin Leitner Durchzeichnungen erhalten hat. Wir geben darnach verkleinert die der vorigen Nummer beiliegende Tafel.

Einen nicht unwichtigen Beitrag zur Geschichte der Handfeuerwaffen bildet ein Gemälde im german. Museum vom Jahr 1502, welches den damals vor Nürnberg stattgehabten Kampf der Nürnberger mit Markgraf Casimir von Brandenburg darstellt. Das Bild ist 1,82 lang und 2,28 Met. hoch; die einzelnen Figuren sind 16 Centim. hoch. Leider ist es jedoch nicht miniaturartig ausgeführt, sondern mit Deckfarben auf Leinwand ziemlich flüchtig gezeichnet, so daß das Detail der Gewehrformen nicht mit Sicherheit entnommen werden kann. Fig. 3 zeigt zwei Mann aus diesem Bilde, welches die Angaben Toll’s vollauf bestätigt, daß man nämlich damals die Gewehre an der Wange angelegt habe. Ob ein Schloß am Gewehre war, und auf welche Art die Entzündung stattfand, kann aus dem Bilde nicht entnommen werden, obwohl der eine Krieger etwas in der Hand hat, das einer Lunte ähnlich sieht.

Das Radschloß reicht bis in die ersten Jahre des 16. Jahrh. hinauf. Nach Toll ward es schon 1506 in Geißlingen und noch 1533 in Oesterreich verboten, da es lange für schädlich gehalten wurde. Man sieht aber noch im 17. Jahrh. auf alten Abbildungen meist den Luntenhahn. In Wallhausens Kriegskunst zu Pferdt (1616) hat die Infanterie Luntengewehre, die Cavallerie aber Radschloßkarabiner. Das german. Museum besitzt einige solche Gewehre, die dem 17. Jahrh. angehören und zur Zeit des dreißigjährigen Krieges die allgemeine Waffe des Fußvolkes gewesen zu scheinen.

Auch an mehreren Hakenbüchsen des 16. und 17. Jahrh. kommt noch der Luntenhahn vor, während die früheren blos Zündlöcher theils oben, theils an der Seite zeigen. Ein Bruchstück eines schweren Infanteriegewehres aus dem dreißigjährigen Kriege hat gar keinen Hahn, sondern blos ein Zündloch mit Pfanne; ein anderes zeigt einen ungeheuer langen Kolben von 0,90 Met., offenbar, um den Schützen vor der Flamme der Pfanne zu decken.

Unter den Radschloßwaffen des german. Museums dürfte wol die älteste eine Pistole sein, etwa aus der Mitte des 16. Jahrh., bei welcher sich der Drücker nicht unten, sondern oben befindet, so daß man sich denken könnte, er sei mit dem Daumen in Bewegung gesetzt worden, wenn nicht der Drücker dem Daumen zu wehe gethan hätte, da er aus einem ziemlich dünnen Blechstreifen besteht, dessen scharfe Kante angegriffen werden müßte. Ein Loch in demselben läßt annehmen, daß eine Schnur daran befestigt war, an welcher gezogen wurde, um die Pistole abzuschießen.

Wenn wir einem der von Toll ausgesprochenen Sätze entgegentreten möchten, so ist es der, daß das Luntenschloß erst nach dem Radschlosse erfunden sein +könne+ und daß, weil das Kölner Einladungsschreiben von 1501 schon ein Luntenschloß zeigt, das Radschloß vor 1501 entstanden sein +müsse+. Wir können uns recht gut die gleichzeitige, von einander unabhängige Entstehung beider denken. Interessant ist, daß auch beide an manchen Waffen gemeinsam zu finden sind, wie überhaupt eine doppelte Vorrichtung nicht selten vorzukommen scheint; wenigstens sind solche an mehreren Exemplaren des german. Museums combiniert. So unter Anderem an einem einzelnen Schlosse unserer Sammlung, wo kein Zweifel bestehen kann, daß hier nicht etwa eine spätere Abänderung vorliege, sondern daß man die Absicht hatte, eine doppelte Vorrichtung anzubringen, um auf jeden Fall sicher zu gehen. Hier wendet sich, wie gewöhnlich, der Halter des Steins am Radschlosse gegen das Gesicht; ein Schwammschloß steht da hinter und schlägt vom Gesichte weg gegen die Pfanne. Von besonderem Interesse ist auch ein Gewehr mit der Jahreszahl 1571, das eine doppelte Zündvorrichtung hat, nämlich ein schon ursprüngliches Steinschloß und den Luntenhahn.

Wie hoch das Steinschloß hinaufgeht, sind wir augenblicklich nicht in der Lage anzugeben.

Wir geben unter Fig. 4 die Abbildung des Gewehres von 1571 und in Fig. 5 das Schloß in halber Naturgröße. Der Lauf hat eine Länge von 1,00 Met.; der Durchmesser an der Mündung im Lichten beträgt 0,015 Met., die ganze Länge des Gewehres von der Mündung bis zum Ende des gekrümmten Kolbens 1,40 Met. Zum Zielen ist bei O ein konisches Röhrchen auf den Lauf aufgelegt, durch welches man das Zäpfchen P sieht. Der Lauf ist unten achteckig; gegen die Mündung wird er rund; die Jahreszahl 1571 ist auf der Oberfläche des Laufes vor dem Röhrchen O eingegraben. Der lange Hebel N setzt den Luntenhahn in Bewegung, der, wie gewöhnlich, so eingerichtet ist, daß er sich von der Pfanne wieder entfernt, sobald der Hebel losgelassen wird. Der Drücker M dient zur Bewegung des Feuersteins. Wenn der Hahn gespannt ist, so steht er, wie in Fig. 5, senkrecht. Dreht er sich bei Berührung des Drückers um seine Achse, so schlägt der Stein gegen das Kreissegment H, welches fast die Breite des Steines und, ähnlich wie das Rad des Radschlosses, an der Cylinderfläche tiefe Rinnen hat. Zugleich bewegt sich jedoch der Ansatz A am Hahn, welcher unten abgerundet ist, über das oben abgerundete Ende B des Stängchens B C, dessen Ende B durch eine Feder von der Unterlage weggedrückt wird, so daß das Ende C, welches rückwärts einen Haken hat, den Stiel E K packt, welcher einen Deckel L auf der Pfanne G hält. Bewegt sich nun A über B, so wird dieser Punkt gegen den Grund gedrückt, C entfernt sich vom Grunde und das Häkchen läßt den Stiel E K los. Die Feder D E drückt nun bei E den Stiel E K zurück, so daß sich der Deckel L unter der Feder F weg von der Pfanne losschiebt und die auf H sich bildenden Funken auf die Pfanne fallen.

Dem Schlusse des 16. Jahrhunderts gehört ein Falkonet an, das, von Eisen geschmiedet, mit zwei Schildzapfen versehen ist und unmittelbar bei den Schildzapfen zwei Handgriffe (Delphine) hat. Dasselbe hatte offenbar seinen Platz in einem engen Gelasse, wo das 2 Met. lange Rohr nicht zurückgeschoben werden konnte; um es zu laden, wurde daher der hintere Boden herausgeschraubt, die Ladung von rückwärts eingeschoben und mit einer tiefeingreifenden Schraube der Boden wieder befestigt. Diese Art der Rückladung, die keineswegs rasch von statten gehen konnte, ist verschieden von den Kammergeschützen. Die Festigkeit des Verschlusses und die Sicherheit der Bedienungsmannschaft hängt dabei natürlich von der Güte der Schraube ab.

Wie aus dem Aufsatze auf Sp. 262 ff. des vorjährigen Anzeigers nach einem Manuscripte im germanischen Museum hervorgeht, hatte man die Hinterlader blos der Raumersparniß wegen auf engen Thürmen, wo nicht Spielung genug war, um die ganze Kanone von der Brustwehr wegzuschieben und zu laden. Für solche Fälle ist auch ein Modell aus dem 17. Jahrh. erdacht, das aus dem Dresdener Zeughause stammt, von dem wir jedoch nicht wissen, ob es blos als Versinnlichung einer Erfindung gemacht, oder ob es etwa Nachbildung eines bestehenden und gebrauchten Geschützes ist, woran wir jedoch zweifeln möchten. Es ist eine Doppelkanone; zwei mit dem Boden aneinander stoßende Röhren liegen so auf einer Lafette, die dicht an der Brustwehr stehen kann, daß ein Lauf nach vorn herausschaut, der zweite nach hinten. Der nach hinten stehende Lauf wird wie eine gewöhnliche Kanone geladen, dann wird die ganze Doppelröhre um die Mittelachse gedreht, so daß die geladene Röhre nach vorn steht und losgeschossen werden kann, während sodann die zweite Röhre gleichzeitig geladen wird. Das Umdrehen scheint eine etwas merkwürdige Manipulation und das Zielen geradezu unmöglich, da der Lauf sich gar nicht feststellen läßt, so daß kaum die Sache praktische Bedeutung gehabt haben dürfte. Das Gleiche kann von einem Modell in der Sammlung des german. Museums angenommen werden, das drei unter einander communicierende parallele Kanonenläufe zeigt, so daß man drei Schüsse auf einmal geben konnte. Auch die zierlichen Modelle der Orgelgeschosse mögen zwar bestehenden Geschützen direkt nachgebildet sein, wie man ja solche Höllenmaschinen schon in sehr alten Zeiten hatte; allein eine große Verwendung, die wirklich auf die Kriegsführung Einfluß gehabt hätte, fanden sie niemals. Zwei Modelle unserer Sammlung von Kanonen mit den Jahreszahlen 1625 und 1695 haben nicht runde, sondern flachliegende oblonge Röhren, so daß sie nach der Meinung einiger Sachverständigen dazu dienten, Kartätschen zu schießen, um sie möglichst horizontal zu zerstreuen.

Ein schön gearbeitetes Steinschloßgewehr, mit der Inschrift: „Du Vivier Würtzburg“ bezeichnet, gehört dem 18. Jahrh. an. Es ist zur Hinterladung eingerichtet; der Kolben dreht sich um ein Scharnier herab, so daß metallene Patronenhülsen, an denen sich zugleich die zugedeckte und mit Pulver versehene Pfanne befindet, eingeschoben werden konnten, und man somit sehr rasch feuern konnte, wobei jedoch der Schütze eine ziemliche Anzahl der schweren geladenen Patronen (man kann sie als förmliche Kammern betrachten) im Bandelier vorräthig haben mußte. Etwas jünger ist ein dreiläufiges Revolvergewehr (Drehling) mit Steinschloß, sowie ein anderes Hinterladungsgewehr, das schon in den Schluß des vorigen oder in den Beginn unseres Jahrhunderts fällt; endlich ein dritter Hinterlader, der als Modell für Napoleon I. verfertigt worden war.

Wir ergreifen diese Veranlassung, eine frühere Mittheilung unseres Anzeigers zu berichtigen. Im Jahrg. 1862, Sp. 261 ist nämlich von der Bombarde Sigismunds von Tirol die Rede, welche in jener Zeit als Geschenk des regierenden Sultans von Rhodus, wo sie stand, nach Paris in die Sammlung des Kaisers gelangte. Die Inschriften darauf lauten nach einer uns vorliegenden genauen Zeichnung und Gypsabgüssen, die wir der Freundlichkeit des Hrn. Oberstlieutenants Köhler in Danzig danken, folgendermaßen:

1) Um die Mündung:

die kateri huis ich vor meinem gebalt hüet dich das vnrecht straf ich jörg evdarfer gos mich.

2) Auf der Mitte des Geschützes oben: Sigmvd ertz|herzog ze öster|reich. ff. MCCCC | vnd im LXXXVII (also 1487).

3) am oberen Ende vor dem Zündloche:

jörg..... gos mich.

+Nürnberg.+

+A. Essenwein.+

Römerspuren im Osnabrück’schen.