Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit (1868) Neue Folge. Fünfzehnter Band.
Part 23
50) Die +Herstellung der Wandgemälde im Dom zu Marienwerder+, welche Fr. v. Quast im J. 1862 unter der Tünche entdeckt hat (vgl. meinen letzten Bericht darüber im Organ für christliche Kunst 1867, Nr. 3, S. 30), ist jetzt nahezu vollendet. Trotzdem die einzelnen Bilder, mit geringen Ausnahmen, wenig schön sind, bildet der ganze, rings um das Langhaus unter den Fenstern sich herumziehende Cyclus doch einen dem erhabenen Gotteshause entsprechenden, sehr würdigen, in der Provinz Preußen diesem Dom eigenthümlichen Schmuck. Viele Darstellungen sind durch die Gegenstände und die Art und Weise der Auffassung interessant. Doch ist sehr zu bedauern, daß die Herstellung der Bilder, wovon oft nur noch sehr +geringe+ Spuren erhalten waren, nicht einer Hand anvertraut worden ist, welche mit der Anschauungs- und Kunstweise des Mittelalters und dem Bilderkreise der christlichen Kirchen vertraut ist. Mancherlei scheint willkürlich ergänzt, Anderes nicht verstanden. Da der Kunstwerth dieser Bilder sehr geringe ist, war ihr Hauptwerth, +vor der Herstellung+, ein archäologischer. Sie waren als Denkmale der Anschauungsweise des Mittelalters für wissenschaftliche Untersuchungen von Wichtigkeit. Da aber die Restauration des Vertrauens entbehrt, sind sie für die Wissenschaft jetzt fast verloren. Der (unbekannte) Verfasser des Aufsatzes im Jahrgang 1867, Nr. 108 (Beilage) des in Graudenz erscheinenden „Geselligen“ dürfte mit seinen Vorwürfen nicht ganz Unrecht haben.
R. +Bergau+.
51) Das in der Beilage zum Anzeiger Nr. 3, Sp. 110 erwähnte +Bild+ stellt, nach genauerer Untersuchung, nicht, wie überall angegeben ist, die +Belagerung der Marienburg+ von 1410, sondern diejenige von 1460 dar, welche Joh. Voigt in seiner Geschichte der Marienburg (Königsberg 1824) S. 468 ff. ausführlich beschrieben hat. Ich habe das Bild kürzlich abnehmen und reinigen lassen. Es ist 8 Fuß lang, 5½ Fuß hoch und auf Bretter von Eichenholz gemalt. Das oberste Brett ist spätere Ergänzung. Der Photograph Ballerstädt in Danzig hat auf Wunsch des Herrn Mathias Bersohn in Warschau dieses alte Bild genau in 1/12 der natürlichen Größe photographiert. Mannigfache Schwierigkeiten haben leider verursacht, daß diese photographische Reproduktion nicht in allen Theilen klar geworden ist.
+R. Bergau.+
52) Aus +Paris+, 20. April, wird dem Korr. v. u. f. D. (Nr. 204) berichtet: Gestern wurde die berühmte +Galerie von San Donato+, Eigenthum des älteren Fürsten Demidoff, ein Schatzkästlein von 23 Meisterstücken der niederländischen Schule, unter den Hammer gebracht, und diese Versteigerung trug nicht weniger als 1,363,650 Fr. ein. Das Hauptstück der Sammlung, vielleicht nicht sowohl seines artistischen, als seines historischen Werthes wegen: „Der westfälische Kongreß“ von Terburg, wurde für 182,000 Fr., eine Promenadenansicht von Dortrecht, ein Werk Albert Cuyp’s, für 140,000 Fr., ein Genrebild von Ostade für 104,000 Fr. (sämmtlich einem Agenten Rothschild’s) zugeschlagen. Eine Waldansicht von Hobbema bezahlte der Bankier Seillière mit 110,000 Fr., zwei Marinen von Ruysdael und van der Velde ein Agent des Herzogs von Aumale mit 60,000 und 68,000 Fr. u. s. w.
53) Auf der +Versteigerung der Kupferstichsammlung des Barons Marochetti in London+ wurden bezahlt für Werke von Dürer: Apollo und Diana 12 Pfd., Ritter mit Tod und Teufel 26 Pfd., Adam und Eva im Paradiese 13 Pfd.; für Werke von Martin Schön: Anbetung der Könige 15 Pfd., Christus mit der Magdalena 23 Pfd., die klugen und thörichten Jungfrauen 52 Pfd. Marc Anton’s Werke wurden noch höher bezahlt, am theuersten ein Kupferstich nach Raphael’s Adam und Eva im Paradiese, und zwar mit 136 Pfd. Der Ertrag der ganzen Versteigerung erreichte fast 3000 Pfd. Nicht ganz diesen Gewinn brachte in München die Versteigerung der Sammlung eines Marquis aus Padua, nämlich 31,500 rhein. Gulden. Dort erreichte ein Tod Mariae von Martin Schön mit 995 fl. die höchste Verkaufssumme.
(Europa-Chron. Nr. 17.)
54) Die +neue Auflage von Nagler’s Künstlerlexikon+, worüber die August-Nummer der Beilage zum Anzeiger 1867 eine kurze Mittheilung brachte, wird, nach einem Circular der Verlagshandlung Tendler & Comp. in Wien, als ein ganz neues Werk sich darstellen. Wenn das Lexikon den Anforderungen der neuesten Zeit an die Forschung sowohl, als an die Darstellung entsprechen sollte, so mußte es auf eine ganz andere Basis gegründet werden, als diejenige ist, welche das der kritischen Prüfung der Thatsachen ebenso, als der eigentlich historischen Darstellung ermangelnde alte Lexikon zu bieten vermag. Zieht man ferner die gründliche Umgestaltung in Betracht, welche die Kunstgeschichte durch die umfassenden Forschungen der letzten 30 Jahre erfahren hat, so begreift man, daß das alte Werk dem neuen nur als Anhaltspunkt noch dienen kann. Ein Lexikon aber, das seinen Gegenstand möglichst erschöpfen und den Ansprüchen der modernen Wissenschaft gerecht werden soll, kann nicht mehr die Arbeit eines Einzelnen sein. Es ist daher eine ansehnliche Reihe von Kunstforschern bewährten Rufes, wozu auch das Ausland ein Kontingent liefert, zur Mitarbeiterschaft genommen werden. Damit aber der einheitliche Charakter gewahrt bleibe, ist man übereingekommen über gewisse Grundsätze und Bedingungen der Bearbeitung, welche den Mitarbeitern zur Richtschnur zu dienen haben. An der Spitze des Unternehmens steht, als Herausgeber fungierend, Dr. Julius Meyer. -- Das ganze Werk wird 12 Bde. umfassen und jeder Band 10 Lieferungen enthalten, deren jährlich 15-20 erscheinen. Der Preis der Lieferung von 4-5 Bogen beträgt 12 Sgr. Die erste Lieferung wird Ende dieses Monats (Mai) ausgegeben.
H.
55) Bei dem Bau einer Villa am Rosenberge in Graz wurde das +Bruchstück eines Römersteins aufgefunden+. Es ist von weißem Marmor, 14 Zoll groß, ein Theil eines Sarkophags und stellt in Basrelief von guter Arbeit einen weiblichen, eine Fackel verlöschenden Genius dar. Da die fackeltragenden Genien bei den Römern fast ohne Ausnahme männliche waren, so ist der Fund, als eine höchst seltene Darstellung, um so interessanter.
(Ill. Ztg. Nr. 1297.)
56) Ende Aprils wurde von Arbeitern, die im +Stockstädter Wald+ (Landger. Aschaffenburg) mit Kulturarbeiten beschäftigt waren, ein irdenes Gefäß aufgefunden, das ungefähr 40-50 Silbermünzen enthielt. Diese Münzen sind sehr gut erhalten und stammen aus der Römerzeit.
(Frk. Kur. Nr. 125, aus d. Asch. Ztg.)
57) Das +Luther-Denkmal für Worms+ ist vollendet. Dasselbe bildet eine Gruppe, die aus 12 kolossalen, auf einem quadratischen Syenit-Unterbau, dessen Seiten je 40 Fuß rhein. lang sind, sich erhebenden Statuen besteht. Inmitten der Gruppe steht Luther auf einem Postament, an dessen vier Ecken Peter Waldus, Joh. Wiklef, Johann Huß und Savonarola sitzen. Die vier Ecken der Umfassung nehmen ein: Friedrich der Weise, Philipp der Großmüthige, Melanchthon, Joh. Reuchlin, zwischen welchen die trauernde Magdeburg, die protestierende Speier und die siegreiche Augsburg Platz finden. Das Hauptpostament besteht aus drei Theilen: dem Untersatz oder Sockel von poliertem Syenit und dem unteren und oberen Würfel von ungleicher Höhe und Breite, in Bronzeguß ausgeführt. Der obere Würfel enthält auf seinen vier Seitenflächen je ein Kraftwort aus Luther’s Mund und Feder und darunter je zwei Porträtmedaillon’s von Zeitgenossen, welche vor, mit und nach Luther für die Reformation thätig waren. Der untere Würfel enthält Basreliefs, welche die Hauptthaten aus Luther’s Leben veranschaulichen. Der Untersatz oder Sockel zeigt auf seinen vier Feldern die Wappen der fünf deutschen Fürsten (Kursachsen, Anhalt, Brandenburg, Hessen und Braunschweig-Lüneburg) und zwei Städte (Nürnberg und Reutlingen), welche die augsburgische Confession unterschrieben und am 25. Juni 1530 dem Kaiser überantwortet haben. Auf dem unter den Basreliefs um die vier Seiten des untern Würfels laufenden, breiten Streifen liest man die Inschriften: „Begonnen im Jahre 1856, vollendet 1868. -- Entworfen und zum Theil ausgeführt von E. Rietschel. -- Die Architektur gezeichnet von H. Nikolai. -- Gegossen und ciseliert in Lauchhammer.“ Noch von Rietschel selbst († 21. Febr. 1861) wurden modelliert: Luther und Wiklef; von A. Donndorf: Savonarola, Friedrich der Weise, Reuchlin, Peter Waldus, die Magdeburg, vier Porträt-Medaillons und zwei Basreliefs; von G. Kietz: Huß, Philipp der Großmüthige, Melanchthon, die Augsburg, vier Porträt-Medaillons und zwei Basreliefs; von J. Schilling: die Speier. Die Granitarbeit wurden von L. Stahlmann und K. Wölfel in Bayreuth geliefert.
(Korr. v. u. D. Nr. 234.)
Mittheilungen.
Berichtigung eines Missverständnisses.
In Nr. 4, Sp. 131 ff. dieser Zeitschrift hat mich Herr Dr. Czerwenka mißverstanden, indem er mein Wort von den oft +geradezu sinnlosen Stellen und dem unbeschreiblich liederlichen Texte+ der khevenhiller’schen Annalen auf das dahier aufbewahrte Manuscript bezieht. Dieses ist durchaus sorgfältig, correct und schön geschrieben. Die sinnlosen Stellen u. s. w. finden sich in den gedruckten Annalen, die nach meiner Vermuthung aus dieser Handschrift gemacht worden sind und zwar +wörtlich+, wovon nur jene Stellen eine Ausnahme machen, die im gedruckten Texte keinen Sinn geben.
Daß deren eine Unzahl gefunden werden, weiß jeder, der jemals in der Lage war, die Annalen benützen zu müssen.
Ich bedaure, zu dem Mißverständisse Anlaß gegeben zu haben.
+St. Florian.+
Dr. J. +Stülz+.
Preisfrage der Fürstlich Jablonowski’schen Gesellschaft in Leipzig für das Jahr 1871.
Die Geschichte der landständischen Steuerbewilligung ist unstreitig eine der wichtigsten Seiten der Territorialentwickelung, ebenso bedeutsam für die Ausbildung des Staatsrechtes, wie des Finanzwesens und der Volkswirthschaft. Gleichwohl fehlt es noch sehr an tiefer eingehenden Specialuntersuchungen darüber, obschon jedes geschichtlich weit zurückreichende landständische Archiv Stoff bietet. Man wünscht daher
+die urkundliche Geschichte der landständischen Steuerbewilligung in irgend einem deutschen Territorium+,
wobei übrigens die constitutionellen Volksvertretungen des 19. Jahrhunderts ausgeschlossen bleiben. (Preis 60 Ducaten.)
Die Preisbewerbungsschriften sind in +deutscher+, +lateinischer+ oder +französischer+ Sprache zu verfassen, müssen +deutlich+ geschrieben und +paginiert+, ferner mit einem Motto versehen und von einem versiegelten Zettel begleitet sein, der auswendig dasselbe Motto trägt, inwendig den Namen und Wohnort des Verfassers angibt. Die Zeit der Einsendung endet für das +Jahr der Preisfrage+ mit dem Monat November; die Adresse ist an den Secretär der Gesellschaft (für das Jahr 1868 den Prof. +Westermann+) zu richten. Die Resultate der Prüfung der eingegangenen Schriften werden jederzeit durch die Leipziger Zeitung im März oder April bekannt gemacht.
Verantwortliche Redaction: A. +Essenwein+. Dr. G. K. +Frommann+. Dr. A. v. +Eye+.
Verlag der literarisch-artistischen Anstalt des germanischen Museums in Nürnberg.
Sebald’sche Buchdruckerei in Nürnberg.
ANZEIGER FÜR KUNDE DER DEUTSCHEN VORZEIT.
Neue Folge. Fünfzehnter Jahrgang.
=Nürnberg.= Das Abonnement des Blattes, welches alle Monate erscheint, wird ganzjährig angenommen und beträgt nach der neuesten Postconvention bei allen Postämtern und Buchhandlungen _Deutschlands_ incl. Oesterreichs 3 fl. 36 kr. im 24 fl.-Fuß oder 2 Thlr. preuß.
Für _Frankreich_ abonniert man in Straßburg bei C. F. Schmidt, in Paris bei der deutschen Buchhandlung von F. Klincksieck, Nr. 11 rue de Lille, oder bei dem Postamt in Karlsruhe; für _England_ bei Williams & Norgate, 14 Henrietta-Street Covent-Garden in London; für _Nord-Amerika_ bei den Postämtern Bremen und Hamburg.
Alle für das german. Museum bestimmten Sendungen auf dem Wege des Buchhandels werden durch den Commissionär der literar.-artist. Anstalt des Museums, +F. A. Brockhaus+ in Leipzig, befördert.
ORGAN DES GERMANISCHEN MUSEUMS.
1868. Nº. 6. Juni.
Wissenschaftliche Mittheilungen.
Der ursprüngliche Entwurf zum St. Sebaldusgrabmal in Nürnberg.
Der von Heideloff in seiner Ornamentik (VI, 3; IX, 5. 6; X, 2-4) theilweise abgebildete erste Entwurf zu dem später von Peter Vischer ausgeführten Grabdenkmale des St. Sebaldus in der diesem Heiligen gewidmeten Kirche zu Nürnberg, der zur Zeit seiner Veröffentlichung Anlaß zu lang fortgesetzter Polemik gab, dann verschwand, ohne daß er von einem kritischen Auge wäre in nähere Untersuchung gezogen worden, und bereits als verloren oder niemals vorhanden angenommen wurde, ist plötzlich wieder aufgetaucht und in den Besitz der Tochter des verstorbenen Professors zurückgelangt. -- Als Thatsache ist dadurch festgestellt, daß eine alte Zeichnung von 1488 und ein erster Entwurf des Sebaldusgrabes vorliegt, als dessen Verfertiger durch das beigefügte Monogramm ein Anderer als Peter Vischer angegeben wird.
Im Allgemeinen ist der Plan aus der Mittheilung im genannten Werke bekannt, doch nur im Allgemeinen. Der Kupferstecher, welcher ersichtlich mit der Absicht umgegangen ist, sein Original zu verbessern, hat dasselbe doch in keiner Weise erreicht. Die Zeichnung ist in der Wiedergabe durchaus abgeschwächt und flau behandelt. Dabei hat man sich die größten Willkürlichkeiten erlaubt, weggelassen und zugefügt, detailiert und verallgemeinert, wo es keineswegs erlaubt war. -- Das Original ist aus mehreren Pergamentblättern zusammengesetzt, die nach oben hin sich verjüngen, 5′ 3″ hoch und unten 1′ 5″ breit. Der Aufriß ist für den architektonischen Theil nur in Umrissen, mit feinen, außerordentlich präcis gezogenen Linien gegeben; die Figuren, mit weit weniger sicherer Hand umzogen, sind ohne Rücksicht auf die plastische Gestaltung, an einer Seite mit einer schwachen Strichlage bedeckt. In den oberen Stockwerken ist ihr Vorhandensein nur durch Anbringung von Tragsteinen angedeutet. Was die „Ornamentik“ davon an diesen Stellen gibt, ist rein erfunden, wie man überhaupt aus ihr sich von dem figürlichen Theile dieser merkwürdigen Zeichnung keinen Begriff machen kann. Im Allgemeinen ist zu sagen, daß die Figuren, sämmtlich von markiger, gedrungener Gestalt, in Haltung und Geberde wie in ihrer Gruppierung unter den beschränkten Horizont fallen, der die fränkische Kunst gegen Ausgang des 15. Jahrhunderts überhaupt charakterisiert. Ihre getreue Wiedergabe war übrigens schwierig, da die Zeichnung im Orginal, wie gesagt, sehr unsicher und vielfach verwischt ist. Bemerkt sei hier noch, daß das von Heideloff nicht abgebildete linke Feld am Unterbau des Sarkophages die Begegnung des heil. Sebald auf seiner Pilgerschaft mit den h. Willibald und Wunibald darstellt.
Daß man bereits im Jahre 1488 in Nürnberg daran dachte, dem Patron der einen Stadtseite ein hervorragendes Denkmal zu setzen, ist durch die vorliegende Zeichnung außer Zweifel gestellt. Es fragt sich, wem man anfänglich die Arbeit übertrug und wer der Verfertiger des ersten Entwurfes ist. Er hat sich durch sein Zeichen angegeben. Doch ist dieses in der Ornamentik ebenfalls nicht richtig nachgebildet und hat folgende Gestalt: 14 [Kreuzsymbol] 88. Mit dem bekannten Monogramme des Veit Stoß, welchem Heideloff die Arbeit zuschreibt, hat dasselbe keine Aehnlichkeit und kann deshalb von diesem weiter keine Rede sein. Für die Erklärung des wirklich in Frage stehenden Zeichens sind sehr geringe Anhaltspunkte gegeben. Auf dem Johanniskirchhofe bei Nürnberg kommt unter Nr. 991 dasselbe als Hausmarke, von einer Sichel gekreuzt, vor (s. Anz. f. K. d. d. V., 1863, Sp. 249). Der Grabstein gehörte einem +Kunrat Schnel+, der 1538 dort bestattet wurde. Einen +Hanns Schnell+ von 1499 führt +J. Baader+ in seinen +Beiträgen zur Kunstgeschichte Nürnbergs+ auf, doch unter den Malern. Aber unser Plan rührt wahrscheinlich von einem Baumeister her, und das darauf befindliche Monogramm ist als Steinmetzzeichen anzusehen. Der große Unterschied, der im Entwurfe zwischen der Zeichnung des architektonischen und des figürlichen Theiles zu Gunsten des ersteren stattfindet, rechtfertigt diese Annahme. Ohne Zweifel hegte man anfänglich die Absicht, das Werk in Stein herstellen zu lassen, wie später das berühmte Sakramenthaus in der Lorenzkirche von A. Kraft, mit dessen Ausführung der vorliegende Plan auch einige Aehnlichkeit hat.
Ein Wort erübrigt noch über den Antheil und das Verdienst, welche Peter Vischer an der späteren Gestaltung des Denkmals hatte, die man bekanntlich viel zu tief herunterzusetzen bemüht gewesen ist. Daß derselbe den ersten Entwurf gekannt und benutzt habe, kann nicht bestritten werden. Die ganze Anordnung, den mit Reliefs verzierten Unterbau des Sarkophags, den Baldachin mit Anordnung der Apostelfiguren u. s. w. hat er -- wahrscheinlich als Bedingung des Auftrags -- beibehalten. Sogar für Anbringung der abenteuerlichen Thier- und komischen Kinderfiguren war in jenem Aufriß die erste Anregung gegeben. Aber alle Durchführung des Einzelnen und die überaus reiche Erweiterung des Planes in seinen ornamentalen Teilen gehören ohne Zweifel ihm und begründen seinen wohlverdienten Ruhm. -- Es wird sich schwerlich mehr feststellen lassen, ob Vischer in den vorgenommenen Aenderungen, namentlich in der Abstumpfung des Ueberbaues und der Vertauschung des gothischen gegen den italienischen Stil, ganz eigenmächtig verfuhr, oder ob dieselben nicht auch schon von seinen Auftraggebern beliebt worden. Vielleicht kamen auch diese auf den Gedanken, daß ein großer steinerner Bau fast im Mittelpunkte der Kirche, so nahe vor dem Chor störend wirken müsse. War die Nothwendigkeit aber einmal gegeben, das Monument einzuschränken, so entledigte sich Vischer seiner Aufgabe sehr sinnreich und gewiß in besserer Weise, als Veit Stoß in dem ganz ähnlichen Vorwurf beim Grabmale des Königs Casimir zu Krakau. -- Die Apostelfiguren, die Scenen aus dem Leben des Heiligen hat Vischer ebenfalls von dem ersten Entwurf entlehnt; aber in welch ganz anderem Geiste sind sie behandelt! Der spießbürgerliche Sinn, der dort in allen Stücken der Zeit und dem Orte Rechnung trägt, geht hier als echte, durchgebildete Künstlerschaft hervor, die in Schöpfung der bedeutendsten plastischen Arbeit ihrer Epoche gradezu ein Jahrhundert überspringt und die deutsche Kunst fast ohne Vermittlung auf den Höhepunkt stellt, den sie im Allgemeinen erreicht haben würde, wenn es ihr vergönnt gewesen wäre, sich unverkümmert aus dem 14. Jahrhundert weiterzuentwickeln. Der Vorwurf, den man den Figuren Vischers wegen ihres italienischen Charakters gemacht hat, fällt durchaus auf das mangelnde tiefere Verständniß der Urtheilgeber zurück, die in der Verzerrung den Charakter, im Mangel die Eigenthümlichkeit erblicken, vom Wesen aber keine Einsicht haben. Daß Italien, namentlich Venedig -- um diesen Punkt mit einem Satze weiter zu führen -- von Vischer gekannt war, daß er Eindrücke von daher empfieng, kann wol kaum bezweifelt werden. Aber dieser Einfluß gieng nicht weiter als bei Dürer: er öffnete dem Künstler die Augen, erweiterte seinen Horizont. Doch dieser hatte aus seinen eigenen geistigen Mitteln jenem ein viel zu bedeutendes Gewicht entgegenzusetzen, als daß er sich hätte zur Manier fortziehen lassen. Die Figuren Vischers sind so frei von italienischer, wie von damaliger deutscher Manier, in ihrem Wesen aber so echt germanisch, daß wir bei vollständiger Würdigung nicht umhin können, sie zur Charakterisierung unserer Nationalität als Beleg mit heranzuziehen.
Dr. A. +von Eye+.
Schleifung des Schlosses Neuhaus an der Eger.
Kämpfe gegen übermüthige Raubnester bilden die gewöhnlichen Episoden der Städtegeschichten im Mittelalter, und man ist daran so sehr gewöhnt, daß man dergleichen gern zu überschlagen pflegt. Gleichwohl scheint mir die nachstehende Fehde, welche die Stadt +Eger+ mit den Forstern auf Neuhaus zu bestehen hatte, einiger Beachtung werth, weil da Umstände hinzutreten, die einen interessanten Ausblick auf die verworrenen Verhältnisse des ausgehenden Mittelalters gewähren und zugleich die letzten Regierungsjahre König +Wenzels+, sowie auch die Politik des Burggrafen +Johann+ von Nürnberg in ganz eigenthümlicher Weise kennzeichnen.
I.
Die Forster gehörten zu den unruhigsten Nachbarn der Stadt Eger. Im Jahre 1389 wurden Erhard und Niklas Forster von König Wenzel mit dem Schlosse Neuhaus bei Hohenberg „auf dem Forste gelegen“ belehnt, und bald darauf nahmen die Streitigkeiten mit der Stadt ihren Anfang, bis es im Jahre 1396 zu einer Aussöhnung kam, der zufolge Erhard Forster sich mit seinem Schlosse Neuhaus der Stadt Eger auf 5 Jahre verschrieb[77]. Hierauf scheint für einige Zeit Ruhe eingetreten zu sein.
Da geschah es, daß König Wenzel im Sommer des Jahres 1410 zwei seiner Räthe zu dem Erzbischofe Johann von Mainz sandte, um in Reichsangelegenheiten zu verhandeln. Sie nahmen ihren Weg über Eger, von wo aus sie von den Bürgern eine Strecke weiter geleitet wurden. Diese königlichen Machtboten wurden auf ihrem Rückwege von Frankfurt auf dem Gebiete und im Geleite des Burggrafen Johann von Nürnberg von +Erhard Forster+ und dessen Vettern Nickel, Caspar, Wilhelm und Heinrich auf offener Reichsstrasse überfallen, mißhandelt und gefangen. Was nun die Veranlassung zu dieser Gewaltthat betrifft, so wird aus dem Nachfolgenden ersichtlich werden, daß es eine Schuldforderung war, die Erhard Forster an den König stellte, und zu deren Sicherstellung er die königlichen Räthe als Bürgen in Beschlag nahm.
Als König Wenzel von der Behandlung seiner Sendboten Kunde erhielt, forderte er die Bürger von Eger auf, ihren Pfleger Hans Forster zu vermögen, daß er die Freilassung der Gefangenen von seinen Vettern erwirke. Würde dies aber erfolglos bleiben, so sollten die Egerer mit Erhard Forster direkt in Unterhandlung treten[78]. Dieser ließ sich auch bewegen, ein Collegium von fünf königlichen Räthen als Schiedsgericht in der zwischen ihm und dem Könige obwaltenden Mißhelligkeit anzuerkennen und sich nach Prag zu begeben, wo am 15. November folgender Entscheid gefällt wurde: 1.) Die Gefangenen sollen sammt der ihnen abgenommenen Habe freigegeben werden. 2.) Der König soll den Erhard Forster mit 50 Schock Groschen für alle Kosten entschädigen, die dieser vorher und neuerdings hatte, als er sich zum Könige begab. 3.) Ferner soll der König dem Erhard Forster für alle „Schuld und Schäden, die dieser von ihm fordert“, 300 Schock Groschen in 2 Raten entrichten und diese Summe wohl verbürgen. 4.) Dagegen hat Erhard Forster alle Schuldbriefe herauszugeben und allen weiteren Forderungen zu entsagen. 5.) Desgleichen soll er keine Feindseligkeit mehr gegen die Krone Böhmen unternehmen und mit seinen Vettern dem Könige die entsprechenden Bürgebriefe darüber ausstellen. 6.) Endlich sollen Erhard und die übrigen Forster mit ihrem Schlosse zum Könige halten und in keines anderen Herrn Dienste treten[79].
Dieser Schiedsspruch wurde zwar von beiden Theilen angenommen, aber nicht gehalten. Die Gefangenen hatten wohl ihre Freiheit erlangt, aber bezüglich der übrigen Punkte entstanden neue Streitigkeiten. Da der König den Erhard Forster nicht vollständig befriedigte, so kehrte sich dieser auch nicht an den Vergleich und hielt sich, wo er nur konnte, an des Königs Leute, die er an Leib und Gütern schädigte. Und da waren es vor Allen die benachbarten Egerer, die von den Forstern viel zu leiden hatten. Diese konnten aber um so leichter ihre räuberischen Absichten ausführen, als auch Burggraf +Johann+ gegen die Egerer eine feindselige Stellung einnahm und in seinem Streben nach Besitzvergrößerung eine Ortschaft nach der andern dem Egerlande zu entziehen suchte. Das Archiv der Stadt Eger bewahrt eine ganze Liste von Ortschaften, auf die es der Burggraf abgesehen hatte.