Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit (1868) Neue Folge. Fünfzehnter Band.
Part 20
Das germanische Museum besitzt in seiner Sammlung kirchlicher Alterthümer eine Reihe von Vortragkreuzen, welche vielleicht vom 10. bis in das 16. Jahrhundert reicht und, wichtig von Seiten ihres Gebrauches zu Kultuszwecken, wie für die an ihrer Her- und Darstellung sich bethätigende Entwicklung der Kunst, eine Betrachtung im Zusammenhang um so mehr verdienen dürfte, als die hervorzuhebenden Rücksichten, weil an +einen+ Gegenstand sich knüpfend, um so prägnanter hervortreten und unsere Reihenfolge immerhin vollständig genug ist, um die hauptsächlichsten jener Rücksichten daraus abzuleiten. Was zunächst die kirchliche Bedeutung dieser Kreuze betrifft, so ist das Thatsächliche ihres Gebrauches zu bekannt, als daß wir die unsrigen als neue Belege dafür heranzuziehen brauchten; eine bisher kaum erörterte Frage ist indeß, wie man sie ihrem Zwecke und der dadurch hervorzubringenden Wirkung zubildete. Da aber tritt uns die Wahrnehmung entgegen, daß diese Kreuze und mit ihnen, worauf es hauptsächlich ankam, der Leib des Gekreuzigten anfangs sehr klein sind, nach und nach größer werden und endlich eine Ausdehnung erreichen, wie die Bedingung ihres Gebrauches, d. h. die Tragkraft eines Mannes, sie nur erlaubte. Man sieht, anfangs genügte die Gewißheit ihres Vorhandenseins, der abstrakte Gedanke. Die Theilnahme des Auges, welche man von Seite der Gemeinde in steigendem Grade begehrte, brauchte als Uebergang eine im selben Maße sich mehrende kostbare Ausstattung, bis endlich durch jenen ein ästhetisches Interesse diese durchbrach, das statt der Kleinodien Kunstwerke, freilich ganz im Sinne der jedesmaligen Zeitperiode, verlangte. Der im Anfang sich geltend machende Gedanke erheischte nichts desto weniger im Bedürfniß der Andächtigen eine recht nachdrückliche Verkörperung, welcher nicht besser, als durch das Metall, das man als Stoff der Herstellung verwandte, genügt werden konnte. Die ältesten Crucifixe, wenigstens der Leib Christi an denselben, sind wol ohne Ausnahme von Bronze; -- vielleicht waren die Kreuze selbst nur von Holz, worauf der Umstand zu deuten scheint, daß eben bei den ältesten Denkmälern dieser Art das Kreuz selbst meistens fehlt. Eine Vergoldung der bloßen Bronzegüsse war der erste Schritt zu deren weiterer Ausstattung. In welch reichem Maß bald auch Emailierung, die Zuthat von Perlen, Edelsteinen, später die Anwendung getriebenen, gravierten u. a. Schmuckes jene zu Pracht und Kostbarkeit erhob, wollen wir hier nur andeuten. Dem erwähnten ästhetischen Interesse genügten endlich Holz und Malerei, wodurch die Herstellung der Crucifixe aus der Hand der Goldschmiede -- nicht gerade zu ihrem Vortheil -- in die der Bildschnitzer und Maler übergieng.
Zur Würdigung der in Rede stehenden Kirchengeräthe als Kunstwerke lassen wir eine Beschreibung der unsrigen mit Hinzufügung einiger Abbildungen folgen. Die ältesten sind so roh, daß sie selbst der Merkmale ermangeln, um eine genaue Zeitbestimmung für ihre Entstehung zu ermitteln. Man erkennt ihre handwerksmäßige Herstellung. Obwohl Rundbilder, sind sie nur in einseitigen Formen gegossen, im Rücken hohl, was geschehen konnte, da sie hier am Kreuze anlagen. Die Formen geben nothdürftig die Figur eines Menschen mit ausgebreiteten Armen und zusammengelegten Beinen. Mit der Feile ist oberflächlich nachgeholfen. Der Guß erinnert unwillkürlich an manche Gräberfunde der heidnischen Zeit; doch zeigt die Behandlung der Christusbilder, daß, wenn in der Zusammensetzung des Metalles vielleicht auch ein Zusammenhang sich erhalten hatte, viel spätere, namentlich byzantinische Vorbilder ihnen zum Muster gedient. So sind die Brustmuskeln, die Rippen, die Falten des Lendenschurzes in derselben Weise behandelt, wie bei Figuren, die wir nach anderweitigen Merkmalen in das 11. und 12. Jahrhundert versetzen müssen. Im Museum befinden sich zwei solcher Bilder; wir geben statt weiterer Beschreibung eines derselben in Abbildung und bemerken nur noch, dass es 12 Centim. hoch ist (Fig. 1). Ein drittes von derselben Größe zeigt, bei immerhin noch mechanischer Bearbeitung, doch bereits mehr künstlerische Durchbildung. Das Haupt ist gekrönt, im Uebrigen ist die Behandlung des Körpers wie die Legung der Falten denen der vorigen Figur gleich (Fig. 2). Mit Vergoldung tritt ein viertes größeres auf, an dessen Gestaltung bereits ein durchbrechender Sinn für Körper- und Gewandformen mitgearbeitet hat, wenn er auch noch im Bereiche des strengen byzantinischen Stils sich gehalten (Figur 3). Das geschlossene Auge, der verzogene Mund, dessen Oberlippe freilich allzu lang gerathen, erstreben ersichtlich schon einen Ausdruck.
Zwischen diesem und den folgenden liegt ein Crucifix, in welchem Leib und Kreuz scheinbar aus einer Kupferplatte geschnitten sind, und zwar der erstere so, daß er nebst einigen verzierenden Rosetten in der Ebene des Metalls aus dem vertieften und mit Email ausgefüllten Grunde blos durch die Vergoldung erkennbar hervortritt. Zu vermuthen ist aber, daß hier, wie es auch bei andern Denkmälern der Zeit vorkommt, ein plastisch gebildeter Leib der blos umrissenen Fläche vorlag, und diese Vermuthung wird zur Wahrscheinlichkeit, wenn wir in Betracht ziehen, daß ohne einen solchen die am Platze der Nägelmale für Hände und Füße befindlichen, ziemlich großen Nietlöcher ohne Bedeutung sein würden, in der Vergoldung selbst sicher auch durch Gravierung eine Zeichnung angegeben wäre, die an anderen Stellen, wie in der Schrifttafel, im Nimbus u. s. w. nicht fehlt. Der emailierte Grund ist lasurblau mit gleichfarbiger, aber schattierter Einfassung. Der Nimbus ist von denselben Farben, doch mit einem rothen Kreuze belegt. Die Mitte der Rosetten ist zum Theil hellgrün mit gelbem Rande eingelassen. Die Schrifttafel am Kopfende, ebenfalls blau mit goldenen Buchstaben, enthält als Inschrift die Initialen IHS und darunter XPS. Dieses Crucifix, bei welchem Nietlöcher an den Rändern zeigen, daß es noch auf eine andere Unterlage, wahrscheinlich die Wand eines Reliquienbehälters, befestigt war, dürfte in das 12. Jahrhundert zu versetzen sein, wie auch ein anderes, welches den Gekreuzigten in einer Figur von halber Rundung vor der bronzenen Platte trägt (Fig. 4). Die letztere mißt mit der Spitze zum Einstecken in den Stab 41 Centim. in der Höhe, 25 Centim. in der Breite. Die vier Enden sind quadratförmig erweitert und mit gefaßten Steinen oder Glasflüssen besetzt, von welchen nur noch zwei übrig. Eine Vertiefung der ganzen Platte, die einen erhöhten Rand stehen läßt, scheint nur des letzteren wegen, nicht, wie man annehmen könnte, zur Aufnahme von Email da zu sein. Von letzterem ist wenigstens keine Spur zu sehen, wohl aber von der Vergoldung, die ehemals das Ganze überzog und auch vom Rande in die Vertiefung hinabreicht. Den Charakter der Figur vergegenwärtigt eine naturgroße Darstellung des Obertheiles (Fig. 5) in ihrer wohl durchgebildeten, aber noch streng byzantinischen Stilisierung. Fig. 6 zeigt die gravierte Rückseite mit dem Lamm in der Mitte und den Zeichen der Evangelisten auf den Endflächen. Das Kreuz war gebrochen und ist mit einer Kupferstange geflickt, wodurch das Gesicht des Engels gelitten hat. Der unter Fig. 7 abgebildete Leib Christi, ebenfalls ein vergoldeter Bronzeguß, 13 Centim. hoch, zeigt in seiner bewegten Haltung bei immerhin noch conventionellen Formen eine Uebergangsperiode; ebenso Fig. 8, bei welchem, um das ausgesprochene Urtheil sogleich zu begründen, unter Aufrechthaltung aller Formen der romanischen Periode, namentlich der Krone, doch schon die gekreuzten Füße vorkommen. Das Crucifix, seinem Grundbestandtheile nach dunkelfarbige Bronze, mißt 51 Centim. in der Höhe und 27 Centim. in der Breite. Es war vergoldet, wovon noch einige Spuren Zeugniß ablegen, auf den Flächen graviert, vorn mit zwei rothen und zwei blauen, ziemlich roh gefaßten Glasflüssen und auf der Vorder- und Rückseite mit wahrscheinlich emailierten Bildern verschiedener Art besetzt. Die Zeichnung des Ganzen gibt die beigefügte Abbildung. Leider sind manche Stücke abgerissen. Vier offene Stellen trugen wol die Bilder der Maria und dreier Engel. Die Schrifttafel enthält die Buchstaben IKS Ιησους Κυριος Σωτηρ wenn nicht vielleicht der Verfertiger sie aus JnrJ verdorben hat). Auf der Rückseite, die das romanische Ornament in größerer Ausbildung zeigt (Fig. 9), sind vier Platten in Form von Vierpässen abgerissen; die mittlere zeigt den segnenden Heiland mit einem Buche. Der Kreuznimbus des letzteren ist hellblau, sonst alles Email lasurfarben und roth.
Das folgende Crucifix versetzt uns bereits in die gothische Zeit. Es hat einen Kern von Holz, den vorn und im Rücken getriebene Platten von vergoldetem Kupferblech bekleiden, während die Seiten ein schmaler, ähnlich verzierter Silberstreifen umgibt. Die Enden schließen vier auf ein Quadrat gelegte Vierpässe, deren Mitte eine runde Scheibe von dunkelblauem Glase einnimmt, während je vier farbige, gefaßte Glasflüsse im einschließenden Maßwerk angebracht sind. Den Grund des Heiligenscheins füllt eine Rosette. Die Figur des Gekreuzigten ist hohl, doch fast rund gegossen; das Haupt noch ohne Dornenkrone, doch der Leib bereits ganz naturalistisch mit magern Formen behandelt. Das Gewand ist punktiert. Die Schrifttafel, bereits ein fliegendes Band, enthält silberne Buchstaben, die Rückseite einfache, getriebene Ornamente, aus symmetrisch verschlungenem Ranken- und Blattwerk zusammengesetzt. Die Höhe des Crucifixes ist 55 Centim., die Breite 38 Centim. -- Die Dornenkrone haben wir bereits bei einem Crucifix, welches im Uebrigen ähnlich zusammengesetzt ist, wie das vorige (Fig. 10 u. 11). Nur hat es gravierte Ornamente innerhalb eines getriebenen Randes, vier Medaillons auf den Kreuzenden mit emailiertem Grunde und einen Eisenzapfen zum Einstecken auf den Stab. Die Medaillons enthalten oben das Lamm Gottes, zu den Seiten Pelikan und Löwe und unten die trauernde Magdalena, ersteres auf blauem, letztere drei auf schwarzem Grunde, sämmtliche Figuren bis auf den Pelikan mit größeren und kleineren Rosetten umgeben, die wie jene selbst durch das vergoldete und erhöht stehen gebliebene Metall gebildet werden. Auf den Enden der Rückseite sind die Zeichen der vier Evangelisten eingraviert, in der Mitte ist unter weißem Crystall eine Reliquie angebracht. Die Höhe ist ohne Zapfen 33 Centim., die Breite 25 Centim.
In dieselbe Reihe gehört ein drittes, gleicher Weise zusammengesetztes Crucifix, dessen Balken durchaus profiliert sind und dessen Fläche auf Vorder- und Rückseite hochausgetriebene Halbfiguren enthält, auf jener oben und unten einen Engel, links Maria, rechts St. Johannes; auf dieser in Mitten den Erlöser thronend und segnend, umher die Zeichen der Evangelisten. Der Nimbus auf der Vorderseite ist länglich gezogen, einer Glorie ähnlich und mit Strahlen erfüllt, welche letztere, verlängert, sich auch durch die Ornamentation der ganzen Fläche hinziehen. Eine Kugel mit zwei auslaufenden Cylindern von vergoldetem Kupferblech diente zur Verbindung des Stabes und des Kreuzes. Die Höhe des letzteren ist 36 Centim., die Breite 26 Centim.
Wir besprechen hier zugleich ein kleines silbernes Kreuz vom Ende des 15. Jhdts., wenn dessen am unteren Ende befindliche Schraube auch nicht mit völliger Gewißheit bestätigt, daß es als Vortragkreuz gebraucht worden. Die Balken desselben sind gerade und laufen in die gewöhnliche spätere Form des Dreipasses aus. Die Figur des Heilandes ist nur aufgraviert, ebenso die Jungfrau Maria auf dem Halbmonde am oberen Ende, St. Barbara und St. Erasmus an den Seiten und ein heil. Papst zu unterst. Auf der Rückseite sehen wir vier fliegende Bänder mit den Namen der vier Evangelisten, zugleich aber auch, und zwar in der Mitte, ein Medaillon mit hohem Rande und eingelegter Glasscheibe, die früher ohne Zweifel eine Reliquie sichtbar machte. Auch das ganze Kreuz ist hohl, so daß die Rückplatte sich abheben und verschließen läßt, was dasselbe wol mehr als Reliquiar charakterisiert. Besonders interessant ist es wegen der Gravierungen, die zu den Anfängen des Kupferstiches gerechnet werden können. Bei einer Breite von 11 Centim. mißt es 15 Centim. Höhe.
Hölzerne Vortragkreuze in der gewöhnlichen Form des 15. und 16. Jahrhunderts mit Enden in Gestalt des Dreipasses und darauf gemalten Evangelistenzeichen u. s. w. sind im Museum vorhanden, doch von zu wenig künstlerischem Werth, als daß sie verdienten, besonders hervorgehoben zu werden. -- Gypsabgüsse, Photographieen u. a. Abbildungen ergänzen übrigens in reichem Maße die Originale zum Zweck des Studiums.
+Nürnberg.+
v. +Eye.+
Geistliche Scherze des Mittelalters.
V.
Mit dem Eselstestament ist Anton Husemann’s Schatzkästlein noch lange nicht erschöpft. Er war ein Freund jener lateinischen Reimverse, welchen in neuerer Zeit so lebhafte Aufmerksamkeit zugewandt ist, und die sich in klösterlichen Kreisen sehr lange erhielten, wie das namentlich aus den Mittheilungen von H. Palm hervorgeht. Schriftlich und mündlich pflanzten sich die Schwänke und auch, wenn gleich seltener, Dichtungen ernsteren Inhalts fort, in vielfach wechselnder, oft veränderter Gestalt. Schon unter den Sprüchen, die den ersten Theil unserer Handschrift füllen, findet sich f. 5 der Vers:
Quid facis ô Primas? Ligo stramen et obstruo rimas.
Derselbe steht auch von einer Hand des 15. Jhdt. auf der letzten Seite des Heidelberger Cod. Salem. 7, CIV (früher 500), gleich nach der Sequentia vini, welche Mone 1833 hieraus bekannt machte (Anz. 2, 190) mit der Variante: Quid facis hic primas lego stramina obstruo rimas. Der an sich unverständliche Vers muß zu einer Geschichte gehört haben; vermuthlich entdeckt Jemand den fahrenden Sänger auf dem Dach seiner Scheuer, und dieser entschuldigt sich damit, daß er das Strohdach auszubessern vorgibt. Bei Husemann folgt, doch mit der Bezeichnung eines neuen Spruches: Haec domus est alta, si non vis credere salta. Ein Zusammenhang beider ist wol nicht anzunehmen. Weiterhin finden wir f. 61 die Verse:
Fertur in conviviis Vinus Vina Vinum. Masculinum displicet atque femininum, Sed in neutro genere vinum, bonum vinum, Loqui facit clericum optime latinum.
Dieselbe Strophe hat Wright, The Latin Poems commonly attributed to Walter Mapes, p. XLV, als Schluß eines Trinkliedes. Auf der folgenden Seite steht die Strophe:
In cratere meo Thetis est coniuncta Lyaeo. Est dea iuncta deo, sed dea maior eo. Nil valet hic vel ea, nisi sint ambo pharizea, Amodo praeterea (l. propterea) sit deus absque dea.
Dieselbe geben E. du Méril (1847), p. 203, Carmina Burana p. 233, und die drei ersten Zeilen Zeibig im Notizenblatt der Wiener Akademie 1852, S. 26, aus einer Klosterneuburger Handschrift.
Neu waren mir f. 41 folgende Verse:
Fuge coetus feminarum, Namque omnis status harum Prava dat stipendia. Si sit virgo quam tu gliscis, Damna rerum concupiscis, Cordis et incendia. Maritatam si tu amas, Mox per eam te diffamas, Incidis periculum. Vidua: haec est elata, Fraude plena, dilatata, Eris ei ridiculum. Monialis: haec si placet, Semper petit, nunquam tacet, Radit ut novacula. Si beguinae sociaris, Mox per eam diffamaris, Linguam fert ut facula.
Doch will ich deshalb nicht behaupten, daß sie ungedruckt wären. Weiterhin kommen f. 46 die Verse auf verschiedene Länder und Völker, welche Mone, doch mit Weglassung der beiden ersten, im Anz. 7, 507 abgedruckt hat, und die sich mit vielen Varianten in meinen Monum. Lub. p. 33 und jetzt in Zingerle’s Bericht von der Sterzinger Handschrift, S. 317, wiederfinden.
Von Versen dieser Art führe ich endlich noch f. 238 an:
Filium offendere Talus facit patrem Et rigare lacrimis genas facit matrem. Talus consanguineos facit discordare, Caros reddit fratres mutuo pugnare. Raro prius visum quod Talus quem ditavit, Sed saepe hoc vidimus quod plures pauperavit. Ergo nisi fugero ludos taxillorum, Scio (quod) efficiar consors riballorum.
Doch ich gehe zu den größeren Gedichten ernsten Inhalts über, welche zu den so häufigen rhythmischen Bußpredigten gehören. Wright a. a. O., p. XXVII, beklagt, daß durch den Brand der Cotton’schen Bibliothek die Handschrift Vitellius D VIII zu Grunde gieng und in ihr verschiedene Gedichte, darunter eines Ad utrumque statum, dessen Anfangsworte bekannt sind. Aus diesen erhellt, daß es dasselbe ist, welches der vortreffliche Husemann uns f. 145 erhalten hat. Des Reimes wegen habe ich überall das einfache e hergestellt, wie es ursprünglich gewesen sein muß. Es lautet:
Suscitavit dominus simplicem et br} Ut peccatum arguat subiugale m } utum Jam se mundus erigit contra dei n } Jam Johannem video mollibus ind } Jam pusille fidei Petrus naufrag } Inter fluctus ambulaus fluctibus grav} atur A legis doctoribus lex evacu } Nec in cruce domini quisquam glori } Vitam claudit hominum paucitas di } Nec est inter homines qui discernat v } erum Jam plebs juste murmurat contra dei cl } Facta est confusio, perit ordo r } Jam in mundi vespere mala conval } In senili corpore sordes iuven } escunt Suis in stercoribus pecora putr } Et languenti capiti membra conlangu} Ve pastores Israel gregem non pasc } Et a grege domini lupos non arc } entes Erratis pro precio Christum non sequ } Qui se dedit precium ad salvandas g } Ve qui in sudariis ponitis tal } Qui nec unum spargitis ut metatis c} entum Male concupiscitis aurum et arg } Hoc in cardinalibus vetus est ferm } Ve vobis hypocrite filii mer } Qualis quisque lateat iam apparet f } oris Qui lux esse debuit vite meli } Per exemplum factus est laqueus err } Ve qui super cathedram Moisi sed } Lex a vobis legitur quam vos non impl } etis Eius in ecclesia speciem ten } Cuius sine dubio vitam non hab } Ve qui mundum iudicas sub humano d } Sub te pugna geritur David et Gol } ie Post vite periculum, post laborem v } Nosti dare miseris litteras Ur } Ve qui donis hominum faves et pers} Et ad voces pauperum aures non app} onis Hic eclipsim patitur lumen rati } Ubi causa geritur precibus et do } Ve qui per sententiam impium non f } Et cum pereuntibus per consensum p } eris Cum offendas precium tangere ver } Turpis lucri gratiam pro labore qu } Ve qui male spolias Grecum et Lat } Ut in auro studeas coronare v } inum Christus non sic habuit pondus metall } Manum cum discipulis mittens in cat } Veniamus igitur ad agonem Chr } Qui pro nobis voluit ad tribunal s } isti Qui si bene novimus corpus Antichr } Ad Christum non pertinent seductores} Christus semet obtulit hostiam pro m } Et qui cedrus fuerat factus est ar } undo Sub Herode passus est mundus ab imm } Ut suos reduceret lacu de prof } Christus morti datus est patris ex decr } Cuius Jonas meminit positus in c } eto Christus fellis poculum bibens cum ac } Dixit Consummatum est, ordine compl } Christus mori voluit nova rati } Preda factus eripit predam a pred } one Sub Pilato mutus est potens in serm} Et qui Salomonior erat Salom } Christus pro Bersabee celos inclin } Quam de patris solio solus adam } avit Liber inter mortuos mortem non exp } Propter quod et dominus ilium exalt } Christus inter scandala melius prof } Peccatori similis peccatum non f } ecit Cum humani corporis speciem obi } Non in fortitudine fortem interf } Christus patientie tribuit doctr } Nostre carnis induit vestem cilic} inam Illis hoc in tempore factus in ru} Qui tenere nesciunt eius discipl } Christus dedit animam mundi pro sal } Et pro mundo moritur mundus absol } ute Sed iam pro vocalibus successerunt m} Rosa cessit lilio, lilium cic } Ecce dicat aliquis: Factus es ut D } Qui relictis propriis tractas peregr } ina Jam cortinas arguunt saga cilic } Locis dignioribus detrahit sent } Super greges igitur vigilent past } Et paulatim transeant ad honestos m} ores Ut honestis moribus congruant hon } Nec maiorum meritis pereant min }
Aber ist denn diese lange Klage und Predigt wirklich ungedruckt? In demselben Buche von Wright steht p. 43, aus der Sammlung des Flacius Illyricus entnommen, ein Sermo Goliae ad Praelatos, der sieben derselben Strophen wörtlich enthält nebst drei neuen. In so wechselnder Gestaltung finden wir überall diese Art der Dichtung, und die unsprüngliche Gestalt läßt sich nur selten feststellen.
+Heidelberg.+
+Wattenbach.+
Ueber Leitschiffe.
In Frankfurter Urkunden werden zuweilen +Leitschiffe+ erwähnt. So z. B. erkennen 1484 die Schöffen nach Verhörung Etlicher des Fischer-Handwerks, daß die Leiteschiffe in dem Main eine fahrende Habe seien, wofür sie auch in dem Handwerk gehalten würden (Thomas, Oberhof zu Frankfurt, S. 366). Es ist ersichtlich, daß diese Schiffe von den Fischern bei Ausübung ihres Geschäftes gebraucht wurden; aber in welcher Weise dies geschah, wird nicht angegeben. In den Beiträgen zur Geschichte der Fischerei in Deutschland von +Landau+ (Gesch. der Fischerei in beiden Hessen. Kassel, 1865) wurden S. 21 f. die Vorrichtungen zum Fischfang und die dabei benützten Geräthschaften (Vennen, Fache, Reusen u. s. w.) ausführlich besprochen, aber die Leitschiffe nicht genannt. Nach den Aussagen alter Fischer waren es an einer Seite offene Kästen (häufig nahm man dazu in die Hälfte getheilte Nachen), welche, am Boden mit Steinen beschwert, das offene Ende stromabwärts gerichtet, im Frühjahre an bestimmten Orten, namentlich neben solchen Leien (Felsen), die ein der Länge des Flusses nach gehendes Riff bilden, in den Main versenkt wurden. Zweimal im Jahre wurden sie gehoben, zuerst auf Jacobi (25. Juli) und dann im Herbste; bei der ersten Hebung wurden nicht selten Aale, bei der zweiten zumeist Barben gefunden, die sich zu ihrer Winterruhe in die Kästen zurückgezogen hatten. Der Besitz solcher Leitschiffe war sehr einträglich, und es wurde einzelnen Fischern das Recht, sie ausschließlich an bestimmten Orten, z. B. in der Mitte des Mains nahe am Gutleuthof, zu legen, durch besondere Urkunden bewilligt. Bei Frankfurt ist diese Art der Fischerei schon längst nicht mehr im Gebrauch; bei Freudenberg und Gemünden soll sie aber noch im Gange sein. Woher der Name Leitschiff kommt, ist mir nicht bekannt; vielleicht bedeutet er so viel als Legschiff, weil es in den Main gelegt wurde, oder es hängt mit Leite zusammen, worunter Frisch (Wörterbuch S. 605) ein langes, nicht gar weites Faß mit einer großen Oeffnung anstatt des Spundes versteht, welches zur Verführung der lebendigen Fische über Land gebraucht wird[60].
+Frankfurt a. M.+
+Dr. Euler.+
Hannsen Pfeil’s Kriegsmaschine.