Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums, Jahrgang 1901
Part 8
Zu solchem schiessen hatt man die Hallerwissen so schön vnnd lustig zugericht, als zuuor nie gehört noch gesehen ist worden inn ettlich hundert jahrn sonderlichen mit schönen lustigen springenden prunnen vnnd mit ainundtzwainzig schönen [Bl. 33 b] gezeltten einen yeden zu seiner zugehör, als einen zum schiessen, den annderen zum essen vnnd trinnckhen, den dritten zum spielen, vnd inn summa zu aller notturfft. Es wurden alle schrannckhen vff der gannzen wisen gar lustig vnnd schön zugericht, rott vnnd weiß angestrichen, vnnd wurden fünffzig schöner gemahlter seulen vff die welschen monir an die schranncken gemacht vnnd allwegen zwyschen zweyen seulen ein schönes geflennder[42] mit schönnen gelben laub, inn der mitt mit einem schönnen grönen kranz vnnd ein schöner gemahlter schildt, einer yeglichen statt ihr wappen vnnd schildt, die man zu solchem schiessen berueften vnnd geladen hette, erstlichen der kayserliche adler gar schön vnnd herrlich, darnach die cron inn Behaim, hernach die siben curfürsten vnnd herren aus der Pfalz, Bayrn, Schwaben vnnd Frannckhen vnnd vil statt im Schweizerlanndt, als Zürich, Bassel, Schaffhaussen vnnd wie sie alle nammen haben, auch vil am Bodensee, item Magdeburg, Straspurg vnnd andere mehr, die waren alle schön vnnd herrlich zugericht, das vil frembder schützen, so solches schiessen besuchten, frey bekennten vnnd sagten, sie hetten zuuor inn keiner statt dergleichen [34a] gesehen. Auch war die schießhütten schön vnnd lustig zugericht, dann auff der schießstetten stundt ein schön geschnitten vnnd gemaltes byldt, die Fortuna oder Glückh, das hett einen schönen rotten fahnen[43] inn der hanndt, den schwanng sie hin vnnd her, wie dann deß glückhs aigenschafft ist, das es nicht gernne lanng an einem ortt bleibett[44].
Da es nun alles also zugerichtet ward, fieng man an zu schiessen den 25. tag July. Der frembden schützen waren ainhundert vnnd ailff vnnd der hieigen ainhundert vnnd sechsundtreissig. Man thett vierundtzwainnzig schüß vnnd schoß fünff tag aneinander biß vff den 30. July, darnach am 31. tag July hub man an zu gleichen; vnnd einer von Augspurg, Steffan Riedell, war ein pogner vnnd wirth daselbsten, der gewahn das beste mit dreyzehen schüssen vngleicht. Darnach einer von Nürmberg, Hanns Koller, ein polzmacher alhie, gewahn das ander mit zwölff schüssen. Der von Augspurg traff neun schuß aufeinander, das er keinen darunter deß platts fehlet, es thette ihm auch von nöthen, dann der Koller eylette ihm dapffer nach.
Am freytag den 31. Julij hatt man vil schönner gebutzter knaben mitt [34b] schönen klaydern, silbern dolchen vnnd gulden ketten gannz schön vnnd zierlich inn der herrn schiesßgraben geordnet. Dise knaben haben die fahnnen vnnd alle gaaben hinaus auf die Hallerwissen getragen inn volgender proceßion: erstlich giengen vorher vier trummetter, die pliessen stattlich vnnd dapffer auf, darnach eines erbarn raths prouisoner vnnd kriegleuth, gar zirlich vnnd wolgerüst, hernach die stattpfeyffer, nachmals die zween krannzherren, herr Bartholomeus Pömmer vnd herr Clement Volckhammer, darnach ein sehr grosser mann, der Ochß genannt, war ein haubenschmidt[45], hernach trummel vnnd pfeiffen, nachvolgents die schönen knaben mit wolgebutzten Kleidern, die trugen die fahnen mit den gaaben[46] wie vorgemelt, vnnd man gab yedem einen ayrrinng[47] zum gedechtnus zu lohn, wie dann vff den 31. July alle sachen wurden außgerichtet vnnd vollenndet, mit gleichen vnnd allem anndern. Vnnd da es zum ende kommen, zog man mit gleicher ordnung wider herein vnnd ein jeglicher schütz trug seinen fahnen, den er gewunnen hette, vnnd gaben dem Steffan Riedell von Augspurg, der das beste gewohnnen hette, das gelaytt biß zum Monschein am Vischbach, allda er dann zur [35 b] herberg lage. Darnach giennge ein yeder heimb inn sein losament. Es wurden die frembden schützen von eines Erbarn Rathß wegen mit grosser reuerenz empfanngen; ein Erbar Rath ließ sie alle tage, weil sie schossen, die sechs tage lanng mit einem abendttrunckh verehren allemal vngefehrlich mit einem halben aymer gueten reinischen wein; denselben namen sie zu allen ehren an, trunckhen ihne mit lieb vnd frieden auß, vnnd schossen darnach wider inn das platt.
Bey solchem schiessen waren vil spill vnnd kurzweill, wie es dann bey allen schiessen gebreuchlich ist, als mit kugeln, würffel inn die prenntten[48], in zien, kupffer vnnd silber, auch inn ein lebendig pferdt vnnd anndere selzame manier, darzue hatt man auch zu disem schiessen vnnd demselben zu ehren einen glückhshafen an vnnd aufgericht, wie dann von demselben hernacher an seinem ortt weitter volgen wirdt. Es wardt auch ein kuchen auf der Hallerwissen aufgerichtet, darinnen man alle notturfft an speiß vnnd trannckh für jedermenniglichen bereyttet vnnd zurichtet, das dann ein yeder nach seinem gefallen vmb einen rechten pfenning bekommen kundte.«
Nach einigen anderen Mitteilungen über verschiedene sonstige lokalgeschichtliche Ereignisse des Jahres 1579 folgt dann Bl. 37 b bis 58 a die Beschreibung des Glückshafens:
»+Ein glückhshaffen alhie gehalten worden.+
Anno 1579 baldt nach dem schiessen auff der Hallerwissen ist auch ein glückhshaffen gehalten worden aus vergünstigung eines erbarn raths, vnnd wurden zwen rathsherren darüber gesetzt vnnd verordnet, nemblich herr Bartholomeus Pömer vnnd Clement Volckhamer, über vnnd zu denselbigen waren noch anndere sechs herren von ehrngedachtem rath verordnet, als Christoff Peßler, Friderich Saurman, Wolff Ehinger, Hanns Halbertt, Hanns Clarner vnnd Hanns Nusch, alle genanntte deß grössern rathß, die sassen alle tag inn der herren schießgraben vnd namen das geltt ein, so inn disen glückhshafen gelegtt wurdte, vnnd man leget für einen zettel fünftundtzwainzig pfening ein, vnd war das beste [38 a] ainhundtert vnnd neunzig gulden, vnnd waren der gaaben vierhundtert, vnnd wurdt solcher hafen am stockh angeschlagen, damit es jederman zu wissen vnnd kundt würde, vnnd wardt dabey ein grosse tafel gehennckt, daran die gaaben gehenncket waren[49]. Solche taffel machet mannchem einen lust, das er vil einleget, aber wenig daraus bekame, vnd mancher leget wenig ein vnnd gewan vil daraus, nachdem vnd einem das glückh wolte. Darnach wurden aus den vier lateinischen schulen ettliche knaben genommen, die inn der herren schießgraben die zettel wickelten, so inn disen hafen gehörten, vnnd sassen die obgemeltten herren alle tag darbey, damit sie fleissig gewickelt wurden, vnnd wurde zu disem glückhshafen ein hülzerne bruckhen oder peen vff der Hallerwissen bey dem schießheußlein aufgemacht, vnd wurden also die zettel dises hafens vnntter dem freyen himmel verlesen, damit es menniglich sehen vnd hören kundte.
Vnnd am sontag den sechsten septembris vmb mittag wurden zween grosse kupfferne haffen, inn welchen dann die zettel lagen von den vier pritschenmaistern hinaus auf die Hallerwissen getragen biß vff die obgemeltte pruckhen [38b] vnnd pließ ein trummetter vorher, deßgleichen auch der herren trummelschlager vnnd pfeiffer. Da fiennge man an disem tage an zu lesen, vnnd waren sechs schreiber darzu verordnet, welche die zettel lasen, deßgleichen auch sechs pritschenmeyster, die schrieen die nammen herab, welche verlesen wurden. Es sassen auch die obgemeltten haffenherren an einem tisch dabey, damit niemandt vnrechtt geschehe, vnnd wann ein gaabe heraus kame, so pliese der trummetter auf, damit yederman hören kundte, wer solche gaabe gewunnen hette, vnnd wert solches lesen drey wochen. Da stunden alle tage ettlich hundtert persohnnen, die da zuhöreten, vnnd man hilte darbey auch vil kurzweilliger spill, als inn silber, kupffer, zinn vnnd dergleichen[50], auch inn die prenntten[51]; man hette auch widerumben eine kuchen auff der Hallerwisen, als nemblich dise, so bej den schiessen aufgeschlagen worden, darinnen man allerlej zu essen fande, auch wein vnnd bier.
Vnnd am sambstag den sechsundtzwainnzigisten monnatstag septembris da hette solches lesen ein enndte vnnd war solcher hafen auß, da wurdt offentlich ausgerueffen, wer ettwas aus disem glückhshafen gewunnen hette, der soltte sich auf [39a] den ailfften octobris vff diß ortt verfüegen, da wolte man einer yeden persohn seine gaabe zustellen vnnd also die gaaben außtheilen. Da wurden zwayhundert knaben, geschlechter vnnd kauffleuth söhne, vff das schönnste gezirett vnnd gebucztt, als mit gulden ketten, sameten bireten vnnd gulden krennczen verordnett, die versammelten sich in der herren schießgraben, die trugen solche gaaben hinaus. Es gienge vor ihnen her ein trummelschlager vnnd trumeter, vnnd inn der mitten, auch vor dem pessten auch trummelschlager vnnd pfeiffer biß auf die Hallerwissen auf die obengemeltte bruckhen, da man dann alle gewinnetter dises glückhshafens verlesen hatt. Da wurdt einem jeglichen seine gaabe zugestellt vnnd v̈berantwortet, wie sie dann nach einannder auß disem glückhshafen kommen waren.«
(Schluß folgt.)
LITERARISCHE NOTIZEN.
=Altfränkische Bilder= mit erläuterndem Text von Dr. +Theodor Henner+. 1901. Druck und Verlag der Kgl. Universitätsdruckerei von H. Stürtz in Würzburg.
Der vorliegende siebente Jahrgang der »Altfränkischen Bilder«, deren Beliebtheit sich von Jahr zu Jahr gesteigert hat, ist wiederum ganz dazu angethan, dem überaus ansprechenden und lehrreichen Unternehmen neue Freunde zu werben. Der Kalender tritt diesmal im Gewande eines prächtigen alten Lederbandes aus dem Jahre 1442 auf, dessen Original sich in der Würzburger Universitätsbibliothek befindet. Dasselbe ist namentlich dadurch bemerkenswert, daß es mit einer längeren Inschrift versehen ist, die mit vertieft gearbeiteten, wie es scheint beweglichen Typen in das Leder eingepreßt wurde.
Inhaltlich bietet der Kalender im Bilde mit erklärendem Text eine interessante Auswahl von Denkmälern aus allen Gebieten der Kunst zumeist Unterfrankens. Von Werken der Architektur nenne ich das Grumbachsche Schloß zu Rimpar, das Schloß zu Rieneck, die Klosterruine auf dem Gotthardsberge bei Amorbach, sowie Straßenbilder aus Lohr und Marktbreit, letzteres mit dem imposanten Rathaus des Städtchens von 1579. Möchten gelegentlich auch die trefflichen Holzschnitzereien und Intarsiaarbeiten des Ratszimmers zu Marktbreit, von denen m. W. bisher nur einzelne Teile publiziert worden sind (in der Bayerischen Gewerbe-Zeitung V. 1892 S. 475), hier zu getreuer und deutlicher Wiedergabe gelangen.
Die Malerei findet sich nur durch das Porträt des Fürsten Primas Karl Theodor von Dalberg von Josef Stieler aus den Sammlungen des historischen Vereins zu Würzburg vertreten, die Plastik dagegen durch eine ganze Anzahl von Werken, so durch das Grabdenkmal des Fürstbischofs Johann II. von Brunn aus der Mitte des 15. Jahrhunderts im Dom zu Würzburg, den Crucifixus Loy Herings im Mortuarium des Doms zu Eichstätt und das den Werken dieses Künstlers offenbar nahe verwandte Epitaphium der Elisabeth von Lauter in der Pfarrkirche zu Lohr, ferner zwei Spätrenaissance-Altäre aus der Pfarrkirche zu Frickenhausen bei Ochsenfurt u. a. m. Dennoch bleibt insbesondere auf diesem Gebiete stets noch viel zu wünschen. So ist unseres Wissens das sehr wirkungsvolle Epitaphium, das Jorg Span um 1528 seinen Verwandten Jorg Eltlin und dessen Frau Anna an der Außenseite der Pfarrkirche zu Heidingsfeld errichten ließ und das ohne Zweifel aus Riemenschneiders Werkstatt stammt, bisher noch nirgends publiziert. Es findet sich nicht in dem großen Streit’schen Werke über den Würzburger Meister. Anton Weber (Leben und Wirken des Bildhauers Dill Riemenschneider, 2. Auflage, Würzburg und Wien 1888 S. 26) widmet dem Denkmal eine kurze Besprechung und ist geneigt, es Riemenschneiders Sohne Jörg zuzuschreiben. In den neuesten Arbeiten über den Künstler (Karl Adelmann, Über Riemenschneider. Eine vorläufige Mitteilung. Würzburg, 1898 und Eduard Toennies, Leben und Werke des Würzburger Bildschnitzers Tilmann Riemenschneider. Straßburg, Heitz, 1900) geschieht des Epitaphs überhaupt keine Erwähnung.
Auch von Erzeugnissen des alten fränkischen Kunstgewerbes endlich bietet der neue Jahrgang einige in guten Abbildungen dar, wie den berühmten buntglasierten Ochsenfurter Thonofen im Germanischen Museum (um 1500), das Singpult in der Sepultur des Doms zu Würzburg (1644), das schöne Gitter vom Marienberge daselbst (1716) und einen mächtigen Schlüssel, das Herbergszeichen der früheren Würzburger Schlosserinnung und ein Meisterwerk des bekannten Würzburger Kunstschlossers Johann Georg Oegg, aus dem Jahre 1740.
Bei diesem Stück, dessen Abbildung die Rückseite des Umschlags ziert, sind auch die Abmessungen der Wiedergabe selbst für kunstgeschichtliche, insbesondere stilvergleichende Zwecke völlig genügend, während man von diesem Standpunkt die meisten übrigen Abbildungen entschieden größer, die Gegenstände in allen Einzelheiten noch deutlicher erkennbar wünschen möchte. Diesem Wunsche Rechnung tragend, könnte der Kalender neben der anregenden Wirkung auf ein größeres Publikum zugleich die überaus verdienstliche Mission eines kunsthistorischen Bilderschatzes in weiterem Sinne für die fränkischen Gebiete, vor allem Unterfranken, im Laufe der Jahre sehr wohl erfüllen.
Th. H.
=Die Kunst am Hofe der Herzöge von Preussen.= Von +Hermann Ehrenberg+. Leipzig und Berlin. Giesecke und Devrient, 1899. VIII und 287 Seiten. Mit zahlreichen Tafeln und Textabbildungen.
Die wissenschaftlichen Arbeiten kann man einteilen in solche, bei denen der Anregungswert und solche, bei denen der eigentliche Forschungswert überwiegt. Vertreter beider Richtungen werden sich nicht immer leicht gerecht werden, denn das geistige Überschauen weiter Gebiete des Wissens und ein daraus hervorgehendes Aufstellen neuer Gesichtspunkte schließt nur zu häufig den Sinn für subtile Einzelforschung nahezu aus, während andererseits das Finden und Feststellen neuer Thatsachen nicht selten zum Mißtrauen und zur Skepsis gegenüber den unter einem höheren Gesichtswinkel abgefaßten, bereits bekannte Thatsachen mehr oder minder geistreich beleuchtenden Arbeiten führt. Und in der That werden ja in der Regel Werke jener Art -- bei vielleicht schwächerer augenblicklicher Wirkung -- dauernderen, bleibenderen Wert für sich beanspruchen dürfen, als letztere, die, wenn sie nicht wirkliche Meisterleistungen sind -- und solche haben immer gründlichstes bis ins einzelnste dringendes Studium zur Voraussetzung und verbinden so gewissermaßen beide Richtungen --, sich zumeist als ephemere Erscheinungen darstellen, über die schon die nächste Folgezeit, die wieder ihre eigenen neuen Gesichtspunkte hat, unbarmherzig und oft auch undankbar hinwegschreitet.
Ein Buch von dauernderem Werte in dem angedeuteten Sinne ist auch das vor etwa Jahresfrist erschienene von Hermann Ehrenberg. Der Verfasser, dem wir bereits ein paar andere treffliche Arbeiten zur Geschichte der Kunst im östlichen Deutschland verdanken, fußt vorzugsweise auf dem sehr realen Boden der archivalischen Forschung. Insbesondere aus den reichen Beständen des Königsberger Staatsarchives ist es ihm durch Fleiß und Ausdauer gelungen, eine ansehnliche Fülle schätzenswerter neuer Nachrichten über die Kunst am Hofe der beiden ersten preußischen Herzöge, Albrecht (geb. 1490, 1511 zum Hochmeister des deutschen Ritterordens gewählt, seit 1525 Herzog, gest. 1568) und Adolf Friedrich (1568-1618), bezw. der für letzteren regierenden Administratoren, namentlich des Markgrafen Georg Friedrich von Brandenburg, zu Tage zu fördern. In sehr dankenswerter Weise finden sich die meisten dieser urkundlichen Belege, durch die eine ganze Schaar, bisher unbekannter Künstler und Kunsthandwerker in die Kunstgeschichte eingeführt wird, im zweiten Teile des Buches, der dem darstellenden folgt, wortgetreu oder auch in Regestenform abgedruckt.
Zu den kunsthistorisch bedeutsamsten Resultaten der übrigen in dem Buche niedergelegten Forschung gehört der Nachweis, daß Jacob Binck aller Wahrscheinlichkeit nach als der Schöpfer des an Schnitzereien und Intarsiaarbeiten so reichen sog. Geburtszimmers im königlichen Schlosse zu Königsberg angesprochen werden muß, wie sich aus einem Vergleich der ornamentalen Formenwelt der Täfelung mit den Ornamentstichen Bincks ergiebt. Einem Hans Wagner, der 1543 als Hoftischler in des Herzogs Dienste trat und nachweislich gegen hohen Sold bei den Arbeiten im Geburtszimmer beteiligt war, kann doch höchstens die Ausführung, nicht aber »die geistige oder künstlerische Urheberschaft« zugeschrieben werden (S. 40 f.). »Dies Ergebnis«, meint der Verfasser (S. 42) mit Recht, »ist von hoher kunstgeschichtlicher Bedeutung. Binck, der bisher nur als ein zwar gewandter, aber unselbständiger Kupferstecher bekannt war, tritt uns jetzt in einem ganz anderem Lichte entgegen. Jene nachgearbeiteten Kupferstiche gehören, soweit man es verfolgen kann, ausschließlich seiner Jugendzeit an; sie mögen dem Bedürfnisse nach Schulung der Hand oder nach Geldverdienst entsprungen sein. Im gereifteren Alter, wo er eine gesicherte Lebensstellung errungen hat, schafft er Werke, welche nicht blos geläuterten Geschmack und Formensicherheit, sondern auch selbständige Gestaltungskraft und lebendigen Sinn für feine Charakteristik bekunden.« Seite 54 wird dementsprechend Binck mit Peter Flötner in Parallele gestellt.
Daß dagegen das Epitaphium der Herzogin Dorothea, einer geborenen Prinzessin von Dänemark, im Dom zu Königsberg und das Denkmal der Herzogin Anna Maria daselbst, ebenso wie das Denkmal König Christians III. von Dänemark im Dom zu Roskilde aus der Werkstatt des Antwerpener Bildhauers Cornelis Floris hervorgegangen seien, hatte bereits der dänische Kunsthistoriker Francis Beckett richtig erkannt und in seiner vortrefflichen Doktorschrift (»Disputats«): »Renaissancen og Kunstens Historie i Danmark« (Kopenhagen 1897) S. 161 ff. dargelegt. Ehrenberg nun hat in dem dieser Frage gewidmeten Abschnitte seines Buches nicht nur jene Zuschreibungen noch fester begründet und der genannten Gruppe von Werken des Cornelis Floris auf Grund stilkritischer Vergleichung auch mit anderen Arbeiten des Meisters namentlich noch das imposante Marmordenkmal für Herzog Albrecht von Preußen im Dom zu Königsberg hinzugefügt, sondern überhaupt zum erstenmale ein umfassenderes Bild von dem Leben und der Thätigkeit dieses interessanten Spätrenaissance-Künstlers zu entwerfen versucht. Bezüglich des Albrecht-Epitaphs war übrigens gleichzeitig mit Ehrenberg K. Lohmeyer zu einem ähnlichen Resultat gekommen. Auch er schreibt die Ausführung des Werkes dem Cornelis Floris zu, glaubt jedoch, daß an der bisherigen Auffassung, wonach Jacob Binck den Entwurf lieferte, der dann in den Niederlanden ausgeführt wurde, festzuhalten, Binck also nach wie vor als der geistige Urheber zu betrachten sei. Vgl. Repertorium für Kunstwissenschaft XX, 464 ff. und Altpreußische Monatsschrift XXXV, 192 f.
So ist der Abschnitt I, 3 des Ehrenberg’schen Buches (»Jacob Binck und Cornelis Floris«) ohne Zweifel der wertvollste des ganzen darstellenden Teiles. Doch enthalten auch die übrigen Kapitel noch manches neue und bedeutsame Forschungsergebnis und manchen willkommenen Hinweis. Endlich thut auch die ganz vortreffliche Ausstattung mit zahlreichen Textillustrationen und Tafeln, in denen sich die hervorragendsten Denkmäler z. T. erstmalig reproduziert finden, das ihrige, um das Buch zu einer der erfreulichsten Erscheinungen in der kunstgeschichtlichen Litteratur der letztverflossenen Jahre zu machen.
Th. H.
=St. Ulrich=, Graf von Kyburg-Dillingen, Bischof von Augsburg (890-973). Ein hehres Lebensbild aus dunkler Zeit. Quellenmäßig untersucht und dargestellt von +Ulrich Schmid+. Augsburg, 1901. -- Buchhdlg. Mich. Seitz.
Ohne weiter auf die historische Frage, welche vorliegendes Buch behandelt, einzugehen, nachdem dies schon an anderer Stelle geschehen ist (vgl. Beilage z. Augsburger Postzeitung, 16. März 1901), sei uns gestattet, einige Bemerkungen zu machen über die Methode der Darstellung. Das Buch wird in seiner vorliegenden Gestalt mehr an einen großen Leserkreis, als an die historische wissenschaftliche Welt appellieren müssen, da es in seinen Resultaten und auch in seiner Methode nicht immer den geschulten Historiker befriedigen wird. Ganz besonders muß hervorgehoben werden der fast gänzliche Mangel an Angaben von Quellen. Wo diese zitiert werden, geschieht dies meist in ungenügender Form, z. B. bei den M. G. ohne Angabe der Abteilung und des Bandes. Gerhart, der in sehr vielen Fällen der Gewährsmann unseres Verfassers gewesen zu sein scheint, hätte unbedingt öfter nach der Druckausgabe zum Texte zitiert werden müssen. Störend wirkt an manchen Stellen die Unterbrechung des inneren Zusammenhanges durch Einstreuung allgemeiner Bemerkungen über Gegenstände, welche dem Gebiete der Diplomatik, Heraldik etc. angehören. Gerade die scharfe Scheidung dessen, was in die Anmerkung gehört, vom Texte, ist eines der vorzüglichsten Mittel, die Lektüre eines wissenschaftlichen Buches angenehm zu machen und das Verständnis zu erleichtern. -- Wiedergaben von Abbildungen aus Handschriften, wie z. B. die Abbildung des heiligen Ulrich in einer alten Handschrift (diese hätte näher bezeichnet werden sollen) in der Stiftsbibliothek zu Maria-Einsiedeln, sind im Lichtdrucke nach einer Photographie, nicht nach Abzeichnung beizugeben. Ebenso hätte der Grundriß der Burg Kyburg in besserer technischer Stilisierung erscheinen sollen.
Im übrigen zeugt die Arbeit für den großen Fleiß und das rege persönliche Interesse des Verfassers für das Thema, was uns hoffen läßt, daß derselbe sich noch weiter mit dieser historischen Frage beschäftigen wird, um zu einem völlig historisch gesicherten Resultate zu gelangen. Doch auch in der vorliegenden Form empfehlen wir schon das Erstlingswerk des Verfassers, indem das Buch vielfach neues bringt und auch in weiteren Kreisen Interesse und Nachforschung über St. Ulrich erwecken wird.
Dr. Kn.
=Die Leipziger Kramer-Innung= im 15. und 16. Jahrh. -- Zugleich ein Beitrag zur +Leipziger Handelsgeschichte+. -- Herausgegeben von der Handelskammer zu Leipzig. Verfaßt von deren Bibliothekar +Siegfried Moltke+. Leipzig, Verlag der Handelskammer, 1901.
»Mit großem Fleiße hat der Verfasser vorliegenden Buches, aus den vergilbten Blättern des alten Leipziger Kramerbuches und aus Kramer-Urkunden ein lebensfrisches Bild von Sitten und Gebräuchen des deutschen Innungswesens im Mittelalter herausgeschält. Das Buch rechtfertigt auch in vollem Maße die Erweiterung seines Titels »Beitrag zur Leipziger Handelsgeschichte«, denn es bringt zahlreiche neue Nachrichten über den Leipziger Handel selbst und berichtigt an vielen Stellen herrschende irrige Ansichten auf diesem Gebiete.
Gerade der Umstand, daß der Stoff einer Handelsgenossenschaft in der, durch ihre Messe berühmten Handelsstadt Leipzig angehört und sich großen Teils auch neuem urkundlichen Material des reichen L. Kramerarchives aufbaut, macht das Buch bemerkenswert und instruktiv für die Geschichte des deutschen Kleinhandels im Mittelalter überhaupt. Es zeigt uns den »Kramer« bei der Arbeit und in seinen Mußestunden, wo es ihm des öfteren sehr gut gegangen zu sein scheint, in Freud und Leid, im Frieden, aber auch im Kriege. Besonders hervorgehoben zu werden verdienen die sorgfältigen Ausführungen über die Warenkunde und die reichhaltige Anlage von Textwiedergaben aus dem ältesten Kramerbuche von 1477.